Dezemberfieber: Ein Soundtrack zum Roman (Teil 1)

Anstatt wie geplant eine Besprechung von David Gilberts „Was aus uns wird“ zu schreiben, liege ich leider krank im Bett und rezensiere meine Zipperlein (die ich im Übrigen nicht weiterempfehlen würde). Insofern mache ich es mir heute einmal leicht und ziehe einfach meinen Beitrag für die kommende Woche vor.

Dessen Idee entstand bereits vor einigen Monaten, als ich im Buchrevier einen interessanten Beitrag über den passenden Soundtrack fürs Kopfkino las. Denn obwohl ich beim Schreiben selbst nicht abgelenkt werden möchte, hatte ich während meiner Arbeit an Dezemberfieber immer wieder Songs im Kopf, deren Texte oder Stimmungen das Geschehen im Roman widerspiegeln. Auf meiner Facebook-Seite poste ich seit einigen Wochen regelmäßig Songs aus meinem ganz persönlichen „Dezemberfieber“-Soundtrack und setze sie in Verbindung zu Textstellen aus dem Roman. Ab heute stelle ich sie auch monatlich gesammelt auf meinem Blog vor (wer ganz ungeduldig ist, darf natürlich gerne vorab einen Blick in die entsprechende Youtube-Playlist werfen). Zwar gehe ich dabei nicht chronologisch vor, doch weil „Where in this world“ von The Notwist für mich schon immer am Anfang des Romans stand, markiert es einfach den logischen Beginn dieser Reihe.

„Unter dem Schilderwald aus Neon und Blech strömen Touristen an dampfenden Garküchen, Bars und Geschäften vorbei. Sie schwärmen aus wie Termiten nach einem Faustschlag in ihren Bau, bilden immer neue Muster auf dem Asphalt. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Gestern hörte Bastian seine Schritte noch in leergeräumten Zimmern hallen.“ (Kapitel 1)

***

Kindliche Fluchtgedanken aus dem vierten Kapitel, einer (sehr) frühen Keimzelle des Romans. Eine erste Version des Kapitels habe ich bereits 2004 für ein anderes, aber nie fertig gestelltes Projekt geschrieben:

„Für das Schild an der Windschutzscheibe wird Bastian einen neuen Namen brauchen, einen cooleren als früher, einen amerikanischen. Deutsche LKW-Fahrer heißen Kalle oder Horst. Bastian wird mindestens Johnny heißen. Oder Buddy. Er wird Johnny oder Buddy heißen und immer unterwegs sein – natürlich nicht auf Autobahnen, sondern auf Highways. Er wird Trucks statt Laster fahren, Country statt Schlager hören, Hut statt Mütze tragen. Er wird Bier trinken und rauchen und Bohnensuppe essen, wird manchmal krumme Dinger drehen, aber trotzdem einer von den Guten sein. Er wird das Schlitzohr sein, das alle jagen, doch keiner kriegt. Wenn sie wollen, können ihn seine Eltern jederzeit über CB-Funk erreichen, doch sollten sie glauben, er stünde eines Tages mit seinem Sechstonner vor der Tür, um sie abzuholen, können sie lange warten – für Bastian ist das Leben als Trucker eine Einbahnstraße, und er fährt mit voller Kraft voraus. Sein Vater wagte es trotzdem, ihn aus seinen Gedanken zu reißen. Sie waren noch immer auf dem Weg nach Berlin, ließen seine Mutter noch immer zurück.“ (Kapitel 4)

***

„Patong verwandelt sich vor seinen Augen in einen alten, verrauschten Film voller Artefakte und Geisterbilder, der jederzeit aus der Spule zu reißen droht. Mit fahrigem Gang folgt Bastian dem Hund in ein Restaurant und will sich setzen, doch je näher er den Boxen über der Bar kommt, desto entfernter und dumpfer klingt die Musik. Kaum ist Bastian im `Hotel California´, driften die Gitarren auseinander, schwimmen davon, gehen unter. Die Stimme erstickt am breiigen Bass und wird vom Rhythmus begraben, Schlag um Schlag, Schippe um Schippe. Die letzten Zeilen ergänzt Bastian im Kopf wie von selbst: You can check-out any time you like, but you can never leave. Beim Fade-Out wird ihm schwarz vor Augen, und er kann sich gerade noch rechtzeitig in einen Stuhl fallen lassen.“ (Kapitel 9)

***

„Weil seine Eltern nicht vor neun mit seiner Heimkehr rechneten, blieb Bastian bis zum Abend in seinem Zimmer und beobachtete durchs Fenster, wie es langsam dunkel wurde. Er starrte stundenlang in den Himmel, sah allerdings kaum mehr als Wolken: eine leere Leinwand, auf die der Mond bloß blasses, dummes Licht projizierte.“ (Kapitel 2)

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11 Kommentare

  1. Hallo Frank,

    wir hatten uns zu unseren gemeinsamen Favoriten ja schon ausgetauscht. Soundtrack zur Lektüre und Soundtrack zum Schreiben sind noch mal zwei ganz verschiedene Schuhe. Ich habe für mich festgestellt, dass Interpol zum Schreiben am geilsten ist. Schön getragen aber doch nach vorne treibend – dazu habe ich bisher meine besten Texte geschrieben. Am besten ist immer noch das erste Album „Turn out the bright Lights“. Probier es doch mal aus.

    Liebe Grüße und gute Besserung!

    Tobias

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    1. Hallo Tobias,

      stimmt, das erste Album ist – mit Abstand sogar! – das beste von Interpol: wunderbar atmosphärisch und dann wieder nervös und treibend, manchmal zum Sterben schön und genau in den richtigen Momenten dissonant. Eigentlich die perfekte Untermalung für urbane, nächtliche Szenen – ich erinnere mich an großartige U-Bahnfahrten mit Interpol im Ohr (z.B. Next Exit von der etwas schwächeren Antics). Zu schade, dass ich beim kommenden Stuttgart-Konzert außer Landes bin. Aber jetzt hab‘ ich glatt Lust, das Album mal wieder zu hören…

      Danke für die Genesungswünsche – hab ein schönes Pfingstwochenende!
      Liebe Grüße
      Frank

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  2. In die Playlist muss ich mich gleich mal reinhören – The Notwist gehört auch zu meinen Lieblingen, wie schön, dass gerade mein Lieblingsvideo hier auftaucht! (Interpol – sowieso schön. Wie isses mit Tortoise? Oder Editors, The Black Room?) Liebe Grüße, Sonja

    Gefällt 2 Personen

    1. Editors sind natürlich auch sehr großartig, besonders die ersten Alben. Mit Tortoise habe ich mich noch nicht so auseinandergesetzt – aber bei unseren musikalischen Überschneidungen sollte ich das wohl dringend nachholen!

      Gibt es eigentlich lesenswerte Musikblogs, die sich mit Indie auseinandersetzen? Mir fällt da gerade nur Nicorola.de ein, der ist wirklich gut.

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  3. Das ist eine Menge Lesestoff für die nächsten Tage, super! Eigentlich sollte ich/man viel öfter über Musik bloggen – die ist mir mindestens genauso wichtig wie Literatur, nimmt emotional vielleicht sogar einen noch größeren Raum in meinem Leben ein. Tatsächlich finde ich es aber sehr schwer, über Musik zu schreiben, ohne in Plattitüden zu verfallen. Vielleicht fehlt mir das Vokabular bzw. der richtige Ansatz für gute Plattenrezensionen. Oder einfach nur Übung…

    P.S.: Am liebsten lese ich die Rezensionen auf Plattentests.de, dort habe ich schon eine Menge Künstler für mich entdecken können.

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