Friedenspreis

Aleida und Jan Assmann stellen bei lesen.hören 13 die Bücher ihres Lebens vor

IMG_5338Es ist zwar erst die vorletzte Veranstaltung von lesen.hören 13, allerdings die letzte, die am Abend stattfindet. Der volle Saal der Alten Feuerwache bietet Programmleiterin Insa Wilke daher die perfekte Gelegenheit für ein vorzeitiges Resümee. Wieder sei es ein so besonderes Festival geworden, dass es längst nicht mehr darum gehe, sich im Vergleich zum Vorjahr zu steigern, so Wilke. Sie spricht von magischen Momenten wie dem langen, nicht abgesprochenen Schweigen für Roger Willemsen, von der großen Resonanz des aufgeschlossenen und aufmerksamen Publikums, von der überaus positiven Rückmeldung der AutorInnen. Nicht zuletzt spricht Wilke aber auch den vielen Mitwirkenden ihren Dank aus: „Professionell sind sie auch anderswo. Die Herzenswärme im lesen.hören-Team ist jedoch ganz und gar einzigartig.“

Das Stichwort Herzenswärme nutzt Wilke dann auch, um zu den Gästen des Abends überzuleiten: Dem Forscherehepaar Aleida und Jan Assmann attestiert Wilke eine große Fülle an Lebenserfahrung und Enthusiasmus – beide stünden für eine aufrichtige Begegnung mit der Gegenwart. Moderiert von René Aguigah (Deutschlandradio Kultur) sollen die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler an diesem Abend über die Bücher ihres Lebens sprechen und anhand ihrer ausgewählten Beispiele zeigen, wie sich Leben und Lektüre miteinander verflochten haben. Warmherzig ist dann auch der langanhaltende Applaus, mit dem das Publikum die Gäste begrüßt, ein Beweis der großen Wertschätzung für das Ehepaar, das 2018 gemeinsam mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Spuren früherer Lektüren

In der Begründung der Preisverleihung heißt es, das Forscherpaar habe „sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriert und ergänzt“; trotz ihrer vielen Gemeinsamkeiten trafen Aleida und Jan Assmann für diesen Abend jedoch eine gänzlich unterschiedliche Buchauswahl. Zunächst stellt Aleida Assmann einen absoluten Klassiker vor: Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger – ein Roman, den man geradezu inhaliere, so Assmann. „Das Buch habe ich, wie man sieht, schon sehr lange in meiner Bibliothek. Es war ein Geschenk von Jan, als ich noch in die Schule ging – Jahre vor unserer Hochzeit“, erklärt sie. Das Buch trägt noch deutliche Spuren ihrer damaligen Lektüre, die Seitenränder sind mit etlichen handschriftlichen Kürzeln versehen. „So habe ich mir den Roman damals erschlossen: mit Schlüsseln und Codes“, sagt Assmann – und fügt zur Begründung ihrer Auswahl hinzu: „Der Roman war ein Code für eine ganze Generation, gab ihr eine neue Sprache.“ Den zweiten Roman ihrer Auswahl könne man, sagt sie, im Regal direkt neben Salingers Klassiker stellen: Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers. Doch obwohl auch dieses Buch schon lange in ihrem Regel gestanden hatte, las Assmann es erst vor einigen Jahren, als eine Studentin sich von ihr darüber prüfen lassen wollte: „Ich bin ihr so dankbar – das Buch hat mich umgehauen!“

McCullers schrieb den Roman bereits zehn Jahre vor Salinger, dennoch sieht Assmann in ihm ein Pendant zum Fänger im Roggen. Das Herz ist ein einsamer Jäger ist zwar multiperspektivisch geschrieben und erzählt von einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten, die von Gewalt und den Problemen der Rassentrennung geprägt ist, in einer der vielen Figuren – die jugendliche Mick – erkennt Assmann aber viele Parallelen zu Salingers Abweichler Holden Caulfield. „Beides sind uramerikanische Romane: Der Einzelne, der abweicht, muss gegenüber der Masse seine Ideale erkämpfen.“ 

Initialzündungen durch Bücher

Über beide Bücher hat Aleida Assmann nie professionell geschrieben, vielmehr haben sie einen hohen persönlichen Stellenwert für sie und sind dadurch zum Teil ihrer eigenen Identität geworden. „Ich habe meine Aufgabe anders verstanden als Aleida“, sagt ihr Mann Jan und erklärt daraufhin, wie er seine Auswahl für den Abend traf: „Die Bücher, die ich dagegen mitgebracht habe, prägten mich in meinem geistigen Werdegang.“ So auch Musikalische Reise ins Land der Vergangenheit von Romain Rolland, eine Aufsatzsammlung über klassische Komponisten, die Jan Assmann zu seinem elften Geburtstag geschenkt bekam. Große Literatur sei sie nicht, gibt er zu – ihr habe er allerdings seine große und lebenslange Liebe zu Georg Friedrich Händel zu verdanken. „Musik hat eine somatische Qualität“, schwärmt Assmann. „Wenn man Händel hört, spürt man es fast körperlich.“ Auch das zweite Buch seiner Auswahl war ein Geburtstagsgeschenk – jedenfalls fast. Für Väterchen steht im Einband von Karls Jaspers Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, diesem wollte Assmann das Buch eigentlich zu seinem 55. Geburtstag schenken. Noch ehe er es hätte überreichen können, hatte er das Buch jedoch bereits intensiv durchgearbeitet und etliche Stellen markiert. „Früher war mein Traumberuf Komponist, darin war ich aber nicht begabt“, sagt Assmann. „Nach diesem Buch wusste ich, was ich studieren wollte – um es, wie ich als Jugendlicher damals dachte, einmal besser zu machen.“ 30 Jahre später entdeckte er das Buch akademisch wieder und veröffentlichte mit Achsenzeit 2018 sogar ein eigenes Buch über den Klassiker von Jaspers. Auch für Aleida Assmann hat Karl Jaspers eine so große Bedeutung, dass sie ihn gemeinsam mit ihrem Mann ins Zentrum ihrer Dankesrede zum Friedenspreis stellte. „Ich schätze ihn aufgrund seiner Kritik an unserem eurozentrischen und überheblichen Weltbild“, so die Wissenschaftlerin. Es sei unsere große Aufgabe der nächsten Jahre, Europa in eine globalisierte Welt zu überführen. 

„Da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“

Die nächsten Romane ihrer eigenen Auswahl – Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja sowie Engel des Vergessens von Maja Haderlap – setzt Aleida Assmann abermals miteinander in Verbindung, wie sie es anfangs bereits mit Salinger und McCullers tat. Beide Autorinnen schrieben den Roman auf Deutsch und damit nicht in ihrer Muttersprache, beide lasen beim Bachmannpreis in Klagenfurt, beide beschäftigen sich in ihren Büchern mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dennoch gibt es einen großen Kontrast zwischen beiden Romanen: Während in Vielleicht Esther eine Familiengeschichte anhand weniger Fragmente rekonstruiert wird, ist es in Engel des Vergessens dagegen eine Überfülle an Erinnerungen, mit der sich die Protagonistin konfrontiert sieht. 

Auch das letzte Buch, über das an diesem Abend ausführlich gesprochen wird, hat etwas mit Erinnerung zu tun – und zwar die des Ehepaars Assmann an den 1987 verstorbenen Religionssoziologen, Philosophen und Judaisten Jacob Taubes. Gemeinsam gaben sie nach dessen Tod das redigierte Transkript seiner letzten Vortragsreihe als Buch heraus. Als Basis für Die politische Theorie des Paulus dienten lediglich Tonbänder der Vorträge und Diskussionen in schlechter Qualität. „Monatelang saß Aleida mit Kopfhörern am Schreibtisch“, erinnert sich Jan Assmann. „Sie hat es verstanden, die besondere Diktion von Taubes wiederzugeben.“ Es gibt aber nicht nur einen wissenschaftlichen Grund, weshalb er diese Veröffentlichung als eines der Bücher seines Lebens ausgewählt hat. „Die Begegnung mit Jacob Taubes hat unser beider Leben umgekrempelt. Er hat uns die Spur des Jüdischen in der europäischen Geistesgeschichte vor Augen geführt – da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“, so Assmann. 

Für die restlichen Bücher, darunter Thomas Manns Joseph und seine Brüder, blieb am Ende des Abends nur noch Zeit für Kurzvorstellungen – und das aus einem einfachen Grund: Wenn Aleida und Jan Assmann ins Reden kamen, wollte niemand – einschließlich des Moderators René Aguigah – auf die Uhr schauen. Und das war auch gut so: Wenn die Bücher eines Lebens tatsächlich einen Teil der persönlichen Identität bilden, haben Aleida und Jan Assmann dem Publikum einen tiefen Einblick in ihr Innerstes geschenkt. An diesem Abend ging es schließlich nicht einfach nur um Bücher. Sondern um das, was sie in einem Menschen, in einem Leben bewegen können.

 

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