Vernetzung statt Hierarchie.

Oder: Die Leanderwattisierung des Literaturbetriebs. Eine kleine Utopie

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Natürlich ist sie ermüdend, die ständige und sich im Kreis drehende Debatte um Blogs und das Feuilleton, zu der auch ich jüngst meinen Senf beisteuern durfte. Dennoch war sie eines der beherrschenden Themen der Leipziger Buchmesse 2016, zu der etwa 800 Blogger akkreditiert waren und damit doppelt so viele wie noch im Vorjahr. Die Podiumsdiskussion mit Ijoma Mangold von der Zeit brachte erwartungsgemäß nur wenige neue Erkenntnisse. Denn dass bloß über Blogger, aber nicht mit ihnen – und zwar auf Augenhöhe – gesprochen wurde, ist nicht nur symptomatisch und ignorant, sondern geradezu anachronistisch. Erhellender dagegen war Karla Pauls Vortrag auf der Konferenz blogger:sessions am Sonntag: ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein seitens der Blogger, die den Diskurs über Literatur schon längst verändert, längst demokratisiert hätten. Aber auch ein Appell: Momentan seien es nämlich die Blogger selbst, die sich klein machten – es sei an der Zeit, sich endlich zu professionalisieren.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Es ist an der Zeit, sich in Stellung zu bringen. Wer noch immer glaubt, es ginge um Blogs vs. Feuilleton, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden; es geht hier nicht um Neuland gegen Brachland. Blogs werden das Feuilleton nicht ersetzen, sondern den literarischen Diskurs, das literarische Spielfeld erweitern – und zwar als Mit-, nicht als Gegenspieler. Sie sind Teil eines unaufhaltsamen Wandels im Literaturbetrieb, der gerade erst beginnt. Das Gegeneinander-Ausspielen, um alte Hierarchien und den eigenen Status zu verteidigen, wird irgendwann ausgedient haben. Die Zukunft gehört der Vernetzung, gehört jenen, die sich heute ganz selbstverständlich in sozialen Netzwerken bewegen und Projekte anstoßen, die in alten Strukturen kaum denkbar gewesen wären.

Offene Grenzen, neue Möglichkeiten

Die Grenzen zerfließen schon jetzt: Heute schreiben Zeitungen von Bloggern noch ab, morgen drucken sie ihre Texte und stellen sie ein. Namhaft besetzte Projekte wie tell, ein soeben gestartetes Online-Magazin für Literatur, Kritik und Zeitgenossenschaft, sind vielversprechende Zeichen des Aufbruchs. Auch bereits etablierte Blogger suchen nach neuen Wegen und Kooperationen, die Zeichen eines erstarkten Selbstvertrauens sind: Die Literaturplattform 54stories veranstaltet nun in mehreren Städten Deutschlands auch Lesungen. Erst kürzlich rief Das Debüt den ersten Blogger-Literaturpreis ins Leben. Und Tobias Nazemi von Buchrevier plant im Schulterschluss mit namhaften Bloggern eine Verlagskooperation, die – soviel sei verraten – von sich reden machen wird.

Aber auch die Verlagswelt selbst ist längst im Wandel. Die Bloggerin Karla Paul ist inzwischen Verlagsleiterin bei Edel ebooks. Mara Giese von Buzzaldrins lässt als Volontärin bei edel & electric im Verlagsblog u.a. LektorInnen und Blogger zu Wort kommen und Debatten anstoßen. Junge Lektoren wie Florian Kessler bei Hanser bringen nicht nur frischen Wind in die Verlage, sondern sind ganz selbstverständlich in den sozialen Netzwerken unterwegs und mischen dort auf Augenhöhe mit Bloggern und anderen Netzmenschen bei aktuellen Debatten mit. Ganz besonders stechen natürlich jene Netzwerker hervor, die mit ihrem vielfältigen (und scheinbar unermüdlichen) Engagement gleich an mehreren Stellen Bewegung in die Branche bringen. Felix Wegener (BOOKMARKS, Readbox, direttissima) ist so einer: Seine Medien- und Publishingkonferenz #dico16, die im April in München stattfindet, lädt zum branchenübergreifenden Austausch über Erfahrungen und Chancen digitalen Arbeitens ein; es ist, wie sollte es auch anders sein, im Prinzip eine Networking-Konferenz. Und dann ist da natürlich – last but not least – Leander Wattig, der nicht umsonst titelgebend für diesen Artikel ist. Wie kein anderer steht er für den beginnenden Wandel im Literaturbetrieb und leistet in zahlreichen Vernetzungsprojekten Pionierarbeit. Ob mit seinen vielfältigen Projekten für Orbanism oder Konferenzen wie der Leipziger Autorenrunde: Wattig bringt Menschen zusammen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, denen es nicht wichtig ist, was sie trennt, sondern das, was sie verbindet. Ich bin fest davon überzeugt: Hier entstehen Strukturen, die bleiben.

IMG_3834Und da bin ich nicht der Einzige: Auf der diesjährigen Leipziger Autorenrunde, die Wattig mittlerweile zum vierten Mal organisiert hat, folgten u.a. so namhafte Referenten wie Karla Paul, Zoë Beck, Christiane Frohmann, Demian Sant Unione, Wolfgang Tischer oder Jan Drees seiner Einladung, sich mit interessierten Gästen während der Tischgespräche auszutauschen und sie an ihrer Erfahrung teilhaben zu lassen. Genauso gehörten BloggerInnen wie Sophie Weigand oder Stefan Mesch ganz selbstverständlich – und auf Augenhöhe – zu den Vortragenden. Auch uns, das Herausgeberteam von Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge, hat Leander Wattig zur Konferenz eingeladen, um über die besondere Zusammenarbeit an unserem E-Book zu sprechen. Als Vertreter des Teams wollten Katharina Gerhardt, Nikola Richter und ich zeigen, wie konstruktive Zusammenarbeit im digitalen Publikationsprozess funktionieren kann und diskutieren, inwieweit unser Vorgehen ein Zukunftsmodell ist.

Ein Beispielprojekt für vernetztes Arbeiten ohne Hierarchien

Willkommen! ist ein perfektes Beispiel für digitales Arbeiten ohne hierarchische Strukturen und insofern durchaus ein Projekt mit Pioniercharakter: Obwohl wir einander nicht kannten, haben wir zu sechst in sechs verschiedenen Städten innerhalb von nur zwei Monaten eine umfangreiche E-Book-Anthologie zusammengestellt und veröffentlicht. Wir haben alle Texte gemeinsam diskutiert, lektoriert und ins E-Book eingepflegt – ohne ein einziges Mal aneinander zu geraten oder Druck aufeinander ausüben zu müssen. Wir arbeiteten ausschließlich online – in einer geschlossenen Facebook-Gruppe sowie mit Dropbox und Booktype – und selten gleichzeitig. Jeder von uns brachte sich dann ein, wann er konnte. Hierarchien gab es keine: Zwar gab es auf dem Papier zwischen manchen von uns theoretisch ein Gefälle, dennoch arbeiteten wir stets respektvoll auf Augenhöhe miteinander. Es zählte nicht das, was wir im „wirklichen“ Leben erreicht hatten, sondern einzig das, was wir zum Gelingen unseres Projekts beitragen konnten. Für Egos und Eitelkeiten gab es im digitalen Arbeiten keinen Platz: Was in den Diskussionen zählte, war immer das bessere Sachargument. Natürlich war unsere Zusammenarbeit von intrinsischer Motivation begünstigt – schließlich war das E-Book für alle von uns eine Herzensangelegenheit; doch weil das Engagement des Einzelnen stets transparent für die Gruppe blieb, trug auch das Gefühl der Eigenverantwortlichkeit zur Fokussierung bei. Permanentes Feedback und Verständnis für notwenige Auszeiten taten ihr Übriges dazu. Die Zusammenarbeit mit unseren 54 AutorInnen stellte sich als ebenso unkompliziert heraus – vielleicht auch, weil sie es als Blogger gewohnt sind, flexibel und schnell zu reagieren.

Natürlich ist Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge ein Sonderfall. Unsere Zusammenarbeit ist nicht DAS Zukunftsmodell. Es ist aber eines von vielen, die durch Vernetzung möglich sind. Das Herausgeberteam um Verlegerin Nikola Richter setzte sich aus Lektorinnen, AutorInnen, BloggerInnen und einer Literaturagentin zusammen (manche davon in Doppelfunktion) und ist damit zumindest beispielhaft für Zusammenarbeit über ehemalige Grenzen hinweg. Ein Projekt wie dieses wäre noch vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen – und zwar nicht nur technisch, sondern auch in der Zusammenstellung des Teams.

Schon bald auf Augenhöhe

Eingangs schrieb ich, es sei an der Zeit für Blogger, sich in Stellung zu bringen. Ob und inwiefern Literaturblogs zum Geschäftsmodell taugen, ist schwer zu sagen. Sicher ist allerdings, dass Blogger an Bedeutung gewinnen, dass sie mitmischen werden – zumindest, wenn sie den Ehrgeiz haben, sich mit ihren Kompetenzen einzubringen. Denn die Generation, die sich jetzt ganz selbstverständlich im Netz bewegt, wird eines Tages das Sagen haben – das liegt schlicht und ergreifend in der Natur der Sache. Und wer Leander Wattig nach einer langen Partynacht beschwingt und erfrischt auf der Buchmesse herumlaufen sieht, der weiß, was ein evolutionärer Vorteil ist. Die Grenzen und Hierarchien, über die wir derzeit noch diskutieren, weichen immer stärker auf und werden in einer vernetzten Arbeitswelt eine immer kleinere Rolle spielen. Es ist an der Zeit, Grenzen auszuloten und neu zu stecken: Gemeinsam und selbstbewusst sollten Blogger Ideen entwickeln, Projekte anstoßen, Strukturen schaffen. Die Macher von morgen begegnen ihnen nämlich schon heute auf Augenhöhe. Sie werden es anders machen – und zwar mit ihnen, nicht gegen sie.

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14 Kommentare

  1. Diesen wunderbar klugen wie erhellenden Beitrag unterschreibe ich voll und ganz. Vernetzung ist das Zauberwort, denn mehr erreichen auch mehr. Wichtig sind da die Begegnung auf Augenhöhe, gemeinsame Projekte und fair geführte Diskussionen, aber auch dass jeder Blogger seine Individualität und seinen Stil bewahrt. Nur so bleibt Vielfalt bestehen. Zum Selbstbewusstsein zählt allerdings auch, nicht jeden bloggerkritischen Beitrag aus den traditionellen Medien mit einem Aufschrei zu begegnen. Denn so geht die Diskussion in eine Endlosschleife und wertvolle Energie verloren. Vielleicht helfen da einfach ein cooles Schulterzucken und das Bewusstsein, einen eigenen Weg mit Gleichgesinnten zu gehen. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke dir, Constanze! Ich hoffe, die Leser des Artikels lesen deinen Kommentar gleich mit – eine wichtige und gute Ergänzung, finde ich. Schade, dass wir uns in Leipzig nicht über den Weg gelaufen sind, aber vielleicht schaffen wir’s dann ja in Frankfurt!

      Liebe Grüße aus Stuttgart

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      1. Gern geschehen. Ja, schade, dass wir uns nicht gesehen haben, aber ich versuche, in Frankfurt wieder dabei zu sein. Nach den Blogger-Sessions in Leipzig schwirren mir noch einige Gedanken im Kopf, das Thema beschäftigt mich sehr. Vielleicht entsteht da noch ein Beitrag, wenn sich alles im Kopf zusammensammelt. Viele Grüße nach Stuttgart und ein schönes Osterfest

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      1. Danke, dass du mich teilhaben lässt – gerade an der Autorenrunde, das wollte ich ohnehin noch fragen, wie da die Resonanz war. Schade war’s tatsächlich, dass ich nicht dabei sein konnte, aber ihr habt ja einen erstklassigen Job geleistet!

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  2. Guten Abend,
    auch als Freizeitblogger mit Brotberuf glaube ich, daß sich da noch einiges entwickeln wird. Ich rechne mit einer professionalisierten Bloggeravantgarde, die über kurz oder lang die Möglichkeiten der Digitlisierung so effektiv nutzt, daß sie bald als selbstverständlicher Teil des Literaturbetriebs wahrgenommen werden wird, In Zeiten bestenfalls stagnierender Tageszeitungen halte ich das für sehr wichtig.
    Beste Grüße
    Norman

    Gefällt 4 Personen

    1. Das sehe ich ganz genauso, Norman. Die Strukturen werden immer durchlässiger. Dass man als Blogger von sachunkundigen “Gatekeepern” belächelt und kleingeredet wird, hat vor allem mit dem Status Quo zu tun – und der wird sich ändern. Du hast recht, wenn du von so etwas wie einer “professionalisierten Bloggeravantgarde” schreibst; einen hierarchiefreien Raum gibt es auch im Netz nicht. Ich glaube jedoch, dass sich diejenigen mit den entsprechenden Kompetenzen und dem notwendigen Ehrgeiz durchsetzen werden. Sophie Weigand von Literaturen zum Beispiel schreibt immer öfter auch für Printmedien, insofern hat diese Entwicklung längst begonnen.

      Beste Grüße
      Frank

      Gefällt 2 Personen

  3. Ich denke auch, dass viele Blogger entweder einen entsprechenden Hintergrund mitbringen, oder ihn sich halt während der Jahre des Bloggens aneignen. Dann ist es auch einfacher „auf Augenhöhe“ zu diskutieren. Diese muss ja nicht dadurch erstellt werden, indem die Feuilletonisten sich hinunterbeugen, sondern vielmehr, indem wir Blogger uns ein wenig strecken:) Wissen ist Macht, gerade im Literaturbetrieb.
    Grüsse
    Gregor

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