Monat: Juli 2015

Keine Erlösung, nirgends: „Asche“ von Sven Heuchert

CSC_0153 Bevor ich mich mit meinem Blog erstmals in die Sommerpause verabschiede, wäre dies theoretisch ein guter Zeitpunkt, um einmal Bilanz zu ziehen. Aber wozu fachsimpeln, wenn ich das Tolle an Literaturblogs mit dieser Rezension viel besser auf den Punkt bringen kann? Denn Sven Heucherts Stories aus dem Bernstein Verlag wären mir ohne die euphorische Besprechung im Buchrevier höchstwahrscheinlich entgangen – und ich hoffe, ich bin nur einer von vielen Lesern, die der Autor aus der rheinländischen Provinz dank ihr gewinnt!

Mir wurden typische Männergeschichten vom Rand der Gesellschaft versprochen. Geschichten von Ex-Knackis, Säufern, Malochern. Von Männern mit Kacheltischen im Wohnzimmer und unbezahlten Deckeln in der Stammkneipe. Vergleiche mit Bukowski oder Irvine Welsh liegen da nahe, greifen aber zu kurz: Während ich nach der ersten Geschichte noch befürchtete, alles in „Asche“ sei auf krass gebürstet und ziele lediglich auf ermüdende Schockmomente ab, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.

Verliererballaden ohne Säuferromantik

In karger, lakonischer Prosa schreibt Heuchert von Männern, die ihre besten Tage lange hinter sich haben – und selbst die waren beschissen. Männern, die nicht aus ihrer Haut, ihrem Viertel, ihrem Leben können. Seine oft stillen Verliererballaden kommen meist ohne Effekthascherei, Säuferromantik oder gar Pointe aus; vielmehr sind es ganz alltägliche Geschichten – Ausschnitte aus dem Leben seiner Protagonisten, die von Hoffnungslosigkeit und Ernüchterung zeugen. Die Figur aus der Erzählung „Sonnenscheinkind“ bringt (ausgerechnet in einer Passage über das Fingern einer Frau) hervorragend auf den Punkt, wie enttäuscht diese Männer von einem Leben sind, das so viel verspricht, wenn man jung ist – und später dann so wenig davon hält. „Damals war das noch ein Geheimnis. Man steckte seinen Finger da rein und hoffte, dass irgendetwas passieren würde. Später steckte man dann seinen Schwanz rein und hoffte auf so etwas wie Erlösung.“ Für die desillusionierten Menschen in „Asche“ ist keine Erlösung in Sicht, nirgends.

Manche von ihnen versuchen auszubrechen. So wie Ingo, der von der Freiheit schwärmt, in seinem heruntergekommenen Auto zu leben – dessen Phantasie aber gerade einmal bis zum nächsten Kaff reicht. Oder dem Erzähler der letzten Geschichte, der Hähnchenwagen putzt, um sich mit dem gesparten Geld nach Spanien abzusetzen. Man ahnt, dass aus seinen Plänen nichts wird, ahnt, dass er an sich und seinem Umfeld scheitern wird wie so viele andere in diesem Band.

ascheDennoch sind Sven Heucherts Stories nicht bloß eine verbitterte Abrechnung mit dem Leben. Es gibt in ihnen durchaus seltene, kurze Momente von Nähe und echtem Verständnis, wenn auch zumeist bloß in Andeutungen. Genau wie diese bleibt in „Asche“ vieles offen und unausgesprochen, wird vieles einfach in den Raum geworfen. Gerade weil Heuchert seine Figuren nicht auserklärt, wirken sie umso echter. Man spürt, dass sie eine Geschichte haben, ohne sie zwingend kennen zu müssen. Es ließe sich kritisieren, dass die Stories trotz der wechselnden Protagonisten oft ähnlich klingen; andererseits stammen alle Figuren aus demselben Milieu. Diese Männer sind keine Freunde großer Worte – ihnen reicht ein wissender Blick, eine vertraute Geste, ein Zunicken am Tresen, um zu erkennen, dass sie alle im selben Boot sitzen. „Asche“ hat diesen Sound hervorragend eingefangen.

Mit seinem Erzählband hat Sven Heuchert einen gelungenen Erstling vorgelegt, dem eine große Resonanz zu wünschen ist. Denn: Nur weil ein Autor über Underdogs schreibt, muss er selbst noch lange keiner bleiben!

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Die Welt zu Gast bei Feinden: ein „embedded Roadtrip“ durch Kim Jong-uns Nordkorea

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Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas – die berühmte Aussage über die hellste Stadt der Welt ließe sich ebenso gut auf die vielleicht dunkelste Stadt der Welt übertragen: Pjöngjang. Nordkorea ist nicht nur auf nächtlichen Satellitenbildern ein schwarzer Fleck – aus der abgeschotteten Militärdiktatur dringen nur wenige gesicherte Informationen nach außen, entsprechend groß ist die Neugierde auf das gleichermaßen skurrile wie grausame Regime und sein indoktriniertes, verarmtes Volk. Trotzdem wagen es nur wenige tausend Menschen im Jahr, nach Ostasien zu reisen und sich im (strengen!) Rahmen einer geführten Tour selbst ein Bild vom vielleicht letzten wirklich kommunistischen Land der Erde zu machen. Einer von von ihnen ist Christian Eisert, TV-Autor und ehemaliger Gagschreiber von Harald Schmidt; gemeinsam mit Fotoreporterin Thanh reist Eisert, weil Journalisten die Einreise strikt untersagt ist, unter falscher Flagge durch ein Land, das nicht nur scheinbar aus der Zeit gefallen ist. Frei bewegen können sie sich nicht: Auf ihrem embedded Roadtrip bleiben sie immer in Begleitung ihrer Reiseführer und Aufpasser Rym und Chung, die stets bemüht sind, Nordkorea ins beste Licht zu rücken.

Reißerische Aufmachung

Dass ich auf „Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea“ aufmerksam geworden bin, habe ich einem Zufall zu verdanken. Normalerweise lese ich keine Bücher von Comedy-Autoren, selbst, wenn ich deren eigentliche Arbeit zuweilen zu schätzen weiß; es macht nun mal einen großen Unterschied, ob etwa ein David Foster Wallace über eine Kreuzfahrt schreibt oder jemand wie Christoph Maria Herbst. Zu viele Prominente – ganz gleich, ob aus der A-Riege oder den hinteren Teilen des Alphabets – füllen inzwischen die Regale der Buchhandlungen und verstellen den Blick auf anspruchsvollere Titel. Nicht umsonst schrieb ich bereits an anderer Stelle, dass die inflationären Promi-Biografien das literarische Äquivalent zu Katzenvideos auf Youtube seien. Vermutlich hätte ich Christian Eiserts launigen Reisebericht nie gelesen: Der Buchtitel, das grelle Cover und der reißerische „Waschzettel“ schreien geradezu nach der platten Skurrilitätensammlung, die man von einem Comedy-Autor erwarten würde. Ich hätte etwas verpasst.  (mehr …)

Veröffentlichungen im Herbst

Cover_trashpool_2015-07-02.inddBis ich mich im August für einige Wochen in den Urlaub verabschiede und endlich wieder mehr Zeit zum Lesen habe, stecke ich bis zum Hals in den Vorbereitungen für meine Veröffentlichungen im Herbst. Die sechste Ausgabe von ]trash[pool – u.a. mit Texten von Martin Piekar, Nora Linnemann und Aboud Saeed sowie einem ausführlichen Interview mit Sandra Gugić – veröffentlichen wir rechtzeitig zur Buchmesse im Oktober. Während unsere Gestalterin Nadine Tsalawasilis noch über dem Layout brütet, dürft ihr zumindest schon mal einen Blick aufs nächste Cover werfen.

Dezemberfieber-Cover

Der eigentliche Grund für meinen Besuch in Frankfurt erscheint sogar bereits Mitte September: Zur Zeit arbeite ich zusammen mit meinem Lektor von Duotincta am Feinschliff von Dezemberfieber und erlebe erstmals die fünf typischen Stufen des Lektorats (1.Verneinung, 2. Zorn, 3. Verhandeln, 4. Depression, 5. Akzeptanz); angesichts der Temperaturen draußen sind dankenswerterweise keine allzu hitzigen Debatten zu erwarten. Eine kurze Leseprobe vom Ende des ersten Kapitels gibt es übrigens hier als Download. Und so sehr ich mich auch auf meinen Urlaub freue: Auf diesen Herbst freue ich mich ausnahmsweise mehr!

E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (2/2)

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Ich muss zugeben: Die große Resonanz auf den ersten Teil meines Artikels hat mich überrascht. Virale Phänomene kannte ich persönlich bislang nur aus der KiTa-Eingewöhnung meiner Tochter, entsprechend erstaunt war ich darüber, wie oft mein Text in den ersten Tagen nach seiner Veröffentlichung retweetet wurde. Krönung des Ganzen war ein Crossposting im Blog des Buchreports und schließlich sogar der Abdruck in dessen Magazin. Fast zeitgleich schrieb meine geschätzte Bloggerkollegin Mara Giese über ihre Eindrücke von der Electronic Book Fair und wurde daraufhin im Perlentaucher bei Spiegel Online verlinkt. Entgegen mancher Meinung, dass es keinen nennenswerten Markt für digitale Literatur, insbesondere Formate wie E-Book-Singles gäbe, scheint also großes Interesse an dem Thema zu bestehen – ein Grund mehr, an dieser Stelle wie angekündigt einige aktuelle Titel exemplarisch vorzustellen. (mehr …)