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Eindrücke vom Wetterleuchten 2017

wetterleuchtenAm Samstag fand zum zweiten Mal das Wetterleuchten statt, der Sommermarkt der unabhängigen Verlage im Literaturhaus Stuttgart. Während im Obergeschoss ganztägig Lesungen geboten wurden, präsentierten mehr als vierzig Aussteller, darunter die Frankfurter Verlagsanstalt, Voland & Quist oder der Verbrecher Verlag, draußen wie drinnen ihr aktuelles Programm. Die Stände und Lesungen waren wie zur Premiere erfreulich gut besucht, obwohl bis auf Arno Frank in diesem Jahr die  – sofern man bei Indie-Verlagen davon sprechen kann – prominenten Namen fehlten. Nicht unbedingt ein Nachteil: Umso eher gab es dadurch Neues zu entdecken.

Vom Verlag pudelundpinscher etwa hatte ich bislang nie gehört, nun begeisterte mich aber gleich bei meiner ersten Lesung Hamed Abboud mit seiner teils lyrischen Kurzprosa aus Der Tod backt einen Geburtstagskuchen. Mit viel schwarzem Humor begegnet er darin dem längst zum Alltag gewordenen Schrecken des syrischen Bürgerkriegs, vor dem er 2012 in einer drei Jahre dauernden Odyssee nach Österreich floh. Den Text Ich möchte einen Panzer fahren bekamen wir gleich zwei Mal zu hören. Zunächst trug Abboud das lange Prosagedicht auf Arabisch vor, anschließend ein professioneller Sprecher auf Deutsch. Konzentriert einer Sprache zu lauschen, von der ich kein Wort verstehe, war eine faszinierende Erfahrung, besonders, als sich nach einigen Minuten die ersten Muster erkennen ließen. Später las der Autor auf Bitten des Moderators auch selbst einige Zeilen auf Deutsch – und die hatten es in sich. In Die verschiedenen Varianten des Todes schreibt Abboud sarkastisch über die Entwertung des Todes im Krieg. Der ist in Syrien schließlich Alltag, beinahe langweilig: „Wandere um eines besseren Lebens willen nicht aus, sondern um eines besseren Todes willen. Du musst deinen passenden Tod im geeigneten Augenblick ergattern. […] Stirb sauber und steril durch das Salz des Meeres statt durch Chemiewaffen. Stirb vor Kälte in einem Kühlwagen auf der Autobahn. […] Stirb, weil du den Ausweis vergessen oder weil du die Bescheinigung über den Aufschub des Militärdienstes zu langsam vorgezeigt hast.“ Den schmalen zweisprachigen Band habe ich mir nach der gelungenen Lesung gleich als Rezensionsexemplar sichern müssen. Ein Geheimtipp, hoffentlich aber nicht mehr lange: Hamed Abboud ist gemeinsam mit seinen Übersetzern für den 9. Internationalen Kulturpreis vom HKW nominiert.

Nach meiner mehr als positiven Besprechung von Arno Franks So, und jetzt kommst du habe ich mich auf seinen Auftritt beim Wetterleuchten natürlich sehr gefreut. Trotz dreier Passagen, die er aus seinem autobiografischen Debüt las, stand vor allem das Gespräch mit Moderatorin Sandra Potsch im Vordergrund. Interessant fand ich dabei besonders seine distanzierte Wortwahl, wenn es um die Mitglieder seiner Familie, allen voran seinen Vater, ging: Nie sprach er von meinem Vater, meiner Mutter, meiner Schwester. Stattdessen war stets von dem Vater die Rede. Oder von der Figur des Ich-Erzählers. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren, inwieweit Frank seine Kindheit fiktionalisiert hat, um sie zu einer Romanhandlung zu verdichten – oder ob er diese sprachliche Distanz einfach braucht, um öffentlich über so intime Erinnerungen an die eigene Familie sprechen zu können. Die halbe Stunde war insofern wie erwartet unterhaltsam und aufschlussreich, aber leider etwas zu kurz.

Zum Abschluss fanden noch zwei Lesungen als zwischen/miete-special statt, in denen junge Literatur im Vordergrund stand. Dietlind Falk las aus ihrem Debütroman Das Letzte, einer Coming-of-Age-Geschichte über eine Ich-Erzählerin, die in einer anarchistischen WG lebt, aber plötzlich Verantwortung für ihre Messie-Mutter übernehmen muss. Das Romansetting versprach Ungewöhnliches, leider fehlte es mir jedoch sowohl beim gelesenen Abschnitt als auch im anschließenden Gespräch ein wenig an Tiefe. Zuletzt trug der Schweizer Michael Fehr Texte aus seinem Band Glanz und Schatten vor und überzeugte nicht nur als phantasievoller Fabulierer, sondern auch als Entertainer. Er trug seine Texte frei und ausdrucksstark vor, verließ dabei immer wieder die Bühne und lief umher. Auch im unterhaltsamen Gespräch mit der Moderatorin präsentierte sich Fehr so schlagfertig und klug, dass ihm wahrscheinlich jeder im Publikum gerne noch länger zugehört hätte.

Deshalb war es schade, dass sich das Wetterleuchten schon zur Dämmerung dem Ende neigte und sich das Lesungsprogramm nicht noch weiter in den Abend zog. Dass der Sommermarkt der Indies erneut gut vom Publikum angenommen wurde, ist jedenfalls erfreulich. Im nächsten Jahr wird er definitiv ein drittes Mal stattfinden, hoffentlich plant das Literaturhaus aber auch über 2018 hinaus und macht das Wetterleuchten zu einer festen Institution in Stuttgart. Schließlich sind es gerade diese Veranstaltungen, die unabhängigen Verlagen die Aufmerksamkeit ermöglichen, die sie brauchen und verdienen – Stichwort: Bibliodiversität.

 

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Impressionen vom Prosanova 2017

IMG_9695bSechs Jahre ist es jetzt her, dass ich als Finalist des Literaturwettbewerbs zum Prosanova Festival eingeladen wurde: mein erster „richtiger“ Auftritt als Autor. Und gerade mal meine dritte Lesung. Deshalb hatte ich zwar ein paar durch und durch großartige Tage in Hildesheim – aber auch permanent die Hose voll. In diesem Jahr konnte ich die Atmosphäre zumindest für einen halben, viel zu kurzen Tag ganz entspannt auf mich wirken lassen.

Fand das Literaturfestival 2011 noch in einer aufgegebenen Kaserne statt, waren es diesmal vier große Industriehallen, darunter ein leerstehender Aldi, in denen das #pn17 mit viel Liebe zum Detail und kreativen Ideen zum Leben erweckt wurde. Genau wie vor sechs Jahren ist es den Organisatoren, zusammengesetzt aus dem Herausgeberteam der BELLA triste und Studierenden der Universtät Hildesheim, gelungen, das Festivalgelände zu etwas Besonderem zu machen. Vor allem die Eisenhalle und die Freifläche unter den Stahlträgern eines ehemaligen Gebäudes luden zum Verweilen ein – manchmal fast zu sehr. Dank des guten Wetters und so einiger bekannter Gesichter lief man stets Gefahr, sich zu verquatschen und deshalb Veranstaltungen zu verpassen.

Ohnehin hatte ich, da ich erst Samstagmittag ankam, leider viel zu wenig Zeit fürs Programm, das sich 2017 mit Fragen nach „MATERIAL, PROZESS und PROTOKOLLE“ auseinandersetzte. Vor sechs Jahren ware es noch darum gegangen, das enge Format „Lesung“ aufzubrechen und dabei Neues auszuprobieren, Grenzen auszuloten. Da konnte es schon einmal passieren, dass ein echtes Pferd in eine Lesung platzte. Einige Experimente damals waren spannend, andere wirkten manchmal etwas bemüht. Eines waren die Lesungen jedoch immer: überraschend. Diesmal machte das Programm einen weniger verspielten, erwachseneren Eindruck auf mich. Während Hildesheimer AutorInnen 2011 noch eine recht große Rolle gespielt hatten, lag der Fokus der fünften Ausgabe des Festivals stärker auf bekannte Namen. Von dem Wenigen, das ich sehen konnte, schien mir der Spagat zwischen unterhaltsameren und informativen Veranstaltungen jedoch gelungen. Am späten Nachmittag eilte ich etwa von Die weite weite Sofalandschaft [Teil 2], einer verschrobenen und sehr komischen szenischen Lesung von Malte Abraham und Svenja Viola Bungarten, zu einer Gesprächsrunde über den Trend zu autobiografischen Stoffen in der Literatur. In Trendscout: Autofiktion sprachen Anke Stelling und Fatma Aydemir mit Simon Roloff über das Verhältnis von Leben, Aufzeichnung und Literatur. Ein spannendes Thema angesichts des Erfolgs von Autoren wie Knausgård oder, hierzulande, Thomas Melle oder Arno Frank; allerdings wäre die Diskussion mit einem zusätzlichen Gesprächsteilnehmer, der – anders als Stelling und Aydemir – tatsächlich autobiografisch schreibt, vielleicht noch aufschlussreicher gewesen.

Wie immer bestand das Festival aber nicht nur aus literarischen Veranstaltungen. Am späten Abend überzeugten OTIS FOULIE bei ihrem Konzert mit einem Sound irgendwo zwischen The XX und Portishead; verstolperte Beats und verstörende Abgründe, immer wieder aber auch Momente erhabener Schönheit – dieses Duo sollte man sich merken. Und während im ehemaligen Aldi bis spät in die Nacht weitergefeiert wurde, endete das Prosanova 2017 für mich, biertrinkend im Liegestuhl auf dem Außengelände, mit zwei Erkenntnissen: Ein Tag auf dem Festival war zu kurz. Drei Jahre Wartezeit bis zum nächsten sind dagegen definitiv zu lang.


Auf Schöne Seiten hat Caterina Kirsten die Atmosphäre des Festivals – gerade auch für diejenigen, die das Prosanova nicht kennen – gut eingefangen. Dass sie uns beim Tanzen „lässige Moves“ bescheinigt, ist allerdings nur die halbe Wahrheit – in meinem Fall waren’s ganz klar #fakemoves! 😉 Eine umfangreiche und sicher im Laufe der kommenden Tage noch weitergeführte Presseschau hat Stefan Mesch nebst Fotos auf seinem Blog veröffentlicht. Einen guten Überblick über das Programm findet man im Rückblick bei LITAFFIN, einen informativen Text über die Gedanken dahinter auf Textmagazin. Auch Poesierausch hat das Prosanova besucht. Und last but not least geht es hier entlang für Fotos vom Prosanova 2011.

Heimkehr. Über das Tübinger Bücherfest 2017

IMG_9574Mehr als sieben Jahre habe ich im beschaulichen Tübingen gelebt, am Ende wollte ich aber nur noch weg. Schon nach vier Semestern hatte ich das Gefühl, Furchen in die engen Gassen zu laufen, so klein ist diese Stadt. An all den Postkartenmotiven hat man sich satt gesehen, auch die Kneipen und Restaurants sind längst hundertfach durch. Und weil die Stadt sich mit jedem Semester häutet, fühlt man sich unter den fast dreißigtausend Studierenden irgendwann alt; spätestens, wenn die ersten Kommilitonen einen siezen, fürchtet man, zu einer dieser vielen verschrobenen Tübinger Figuren zu werden, die wie verwirrte Poltergeister in der Uni herumirren und es dadurch zu zweifelhafter Prominenz gebracht haben. Keine Frage: Ich musste da raus. Statt in die große weite Welt zog es mich 2009 allerdings dann doch bloß nach Stuttgart. Und die Verbindung nach Tübingen? Blieb bestehen, und zwar aus Liebe zur Literatur. Da sind zum einen die Freunde und Bekannten aus den Schreibseminaren am SLT, dem Studio Literatur und Theater, mit denen ich bis heute Kontakt halte. Zum anderen ist da die Literaturzeitschrift ]trash[pool, deren Redaktion ich seit 2011 angehöre. Mit jeder Ausgabe und Lesung kehrte ich lieber in meine alte Studentenstadt zurück. Tübingen und ich, wir brauchten ein bisschen Abstand voneinander. Aber auf einmal hatte ich wieder Augen für die Schönheit dieser Stadt, sehnte mich nach ihrer kulturellen Vielfalt und warmen Sommerabenden am Neckar zurück. Inzwischen freue mich also längst über Gründe, mal wieder heimzukehren – und einen besseren als das Tübinger Bücherfest, sogar mit eigener Lesung, kann es eigentlich kaum geben.

Samstag

Auch im zehnten Jubiläum bot das Tübinger Bücherfest wieder ein abwechslungsreiches und hochkarätiges Programm – schwer, sich da zu entscheiden, wenn man nur wenige Lesungen besuchen kann. Mittags um eins zog Takis Würger gegen Fatma Aydemir den Kürzeren. Im Pfleghof las die Karlsruher Autorin aus ihrem Debütroman Ellbogen. Die brauchte man auch, um sich bei knapp 30 Grad einen der begehrten Schattenplätze zu sichern. Eine Coming of age-Geschichte mit Migrationshintergrund, in der sich der Frust irgendwann in Gewalt entlädt: Die Rezensionen, die ich zu dem Roman kannte, hatten mich neugierig gemacht (diese oder jene z.B.). Während der ersten Textstellen, die Aydemir las, vermisste ich jedoch ein bisschen die Wut und das Rotzige, fand die Sprache sogar überraschend brav. In der entscheidenden Szene wurde der Text dann aber spürbar intensiver und deckte sich mit meinen Erwartungen. Eine willkommene Auflockerung dagegen war Aydemirs Frage an die Gebärdendolmetscherin, wie sie denn eben das Wort Opfernutte übersetzt habe. Angesichts der politischen Entwicklung der Türkei rückte die zweite Hälfte von Ellbogen, als die Protagonistin Hazal alleine nach Istanbul zieht, nun umso stärker in den Fokus. Fatma Aydemir verbrachte während der vergangenen Jahre – zuletzt sechs Monate im Jahr 2016 – jeden Sommer in Istanbul. Am Ende der Lesung sprach sie von den ersten wahrnehmbaren Anzeichen der Veränderung, die auch Eingang in den Roman gefunden haben.

Nach der Lesung im Pfleghof stand ich vor einer kontrastreichen Entscheidung: Wollte ich Philipp Winkler aus Hool lesen hören – oder den allzu braven Benedict Wells aus Vom Ende der Einsamkeit? Spontan entschied ich mich zur Konfrontationstherapie. Wenn sich Arachnophobiker Vogelspinnen über die Arme laufen lassen können und Menschen mit Flugangst den Fallschirmsprung wagen, werde ich ja wohl noch eine Lesung von Benedict Wells überstehen. Dabei kann er ja gar nichts für meine innere Abwehrhaltung, dieser freundliche junge Mann. Es war einfach zu viel, damals, als der Roman erschien. Plötzlich war Benedict Wells überall. Nicht nur in den Blogs. Auch auf der Leipziger Buchmesse 2016 gab es keine Wand, keine Säule, keine Tür, die nicht mit seinem hübschen Konterfei tapeziert worden wäre. Überall und ständig sah er mich an, dieser perfekte Schwiegersohn zwischen Florian Silbereisen und Jared Kushner. Er selbst muss sich auf der Messe gefühlt haben wie in einem Spiegelkabinett. Im Frühjahr 2016 habe ich Benedict Wells so oft gesehen, dass ich sein Gesicht sogar in Wolken wiedererkannte. Oder auf geröstetem Toast. Obwohl Blogger, deren Meinung ich sehr schätze, viel von seinen Büchern halten (zum Beispiel dieser oder jener), hatte ich deshalb bislang einfach wenig Lust auf sie. Bis zu seiner Lesung jedenfalls.

Vom Ende der Einsamkeit – das kann man auch doppeldeutig verstehen: Wo Benedict Wells ist, da ist es nämlich voll. Zu Beginn seiner Lesung hieß es, noch nie sei eine Veranstaltung des Bücherfests so gut besucht gewesen. Der Autor selbst gab sich demütig und machte ein Foto vom Publikum. Rockstargeste, dachte ich da noch. Als nächstes würde er ins Mikro rufen: Danke Hannover, ihr seid die Geilsten! Aber den Gefallen tat er mir als neidischen Jungautor natürlich nicht. Stattdessen war Benedict Wells genau so, wie ihn alle immer beschrieben hatten: nett. Sehr sogar. Dass er sein eigenes Buch vergessen und sich eines aus dem Publikum lieh, hätte sicher auch wieder so eine einstudierte Geste sein können. Aber selbst wenn: Wenig später entschuldigte er sich grinsend dafür, auf dem geliehenen Buch gerade eine Fliege erschlagen zu haben. Seine Lesung war im besten Sinne souverän und bodenständig. Ohne Spur von Arroganz sprach Wells von seinen Schwierigkeiten beim Schreiben und den sieben Jahren, die er für Vom Ende der Einsamkeit brauchte. Sprachlich hinterließen die gelesenen Textstellen zwar keinen besonders großen Eindruck bei mir, neugierig machten mich dagegen aber die gelungene Figurenzeichnung und der sich über mehr als dreißig Jahre erstreckende Plot. Ich gebe mich also geschlagen und werde das Buch sicher irgendwann lesen. Und Benedict Wells? Nun, wer Pink Moon von Nick Drake in seinem Roman erwähnt, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Isso.

Sonntag

An meinem zweiten Tag auf dem Bücherfest verbrachte ich erst einmal ein bisschen Zeit bei der offenen Lesebühne Poet’s Corner, die von meinem ]trash[pool-Kollegen Tibor Schneider moderiert wurde. Natürlich lasen dort an beiden Tagen auch einige Autorinnen aus unserer Zeitschrift: zum Beispiel Andrea Mittag und Sara Hauser aus Ausgabe 7 sowie Lucia Leidenfrost, Elisa Weinkötz und Jasmin Mayerl aus der kommenden Ausgabe 8. Auch ich las im schönen Hölderlingarten erstmals einige Seiten aus meinem aktuellen Manuskript, bevor ich zur nächsten Veranstaltung musste. Im Musuem stellte Jonas Lüscher seinen Roman Kraft vor, den ich in der kommenden Ausgabe des Magazins der Büchergilde bespreche. Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern eines Tübinger Rhetorikprofessors im Silicon Valley, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen: Jonas Lüscher ist ein großartiger Roman gelungen, der für mich eindeutig ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises ist. Seine Lesung musste ich dennoch bereits nach einer halben Stunde verlassen – und zwar für meine eigene.

Nach kurzen Kostproben im Poet’s Corner fand die eigentliche Jungfernfahrt meines nächsten Romans (den ich im Sommer fertigstellen werde) auf dem Neckar statt. Eine schöne Idee: Im Stundentakt lasen während des Bücherfests Autoren und Autorinnen auf traditionellen Stocherkähnen aus ihren Texten. Eine dreiviertel Stunde auf dem Neckar aus meinem neuen Manuskript lesen zu dürfen: Das war nicht nur dank der malerischen Kulisse etwas ganz Besonderes für mich. Hier schloss sich für mich ein Kreis – und etwas Neues begann. 2009 habe ich in Tübingen erstmals aus meinen Texten gelesen, und zwar den Anfang von Dezemberfieber. Beim Tübinger Bücherfest 2017 las ich nun tatsächlich zum allerersten Mal aus einem anderen Roman als meinem Debüt, entsprechend groß war meine Nervosität. Dass unter den Zuhörern auch zwei Damen waren, die mich schon im Hölderlingarten lesen sahen und dabei neugierig auf den Roman geworden sind, war deshalb schon einmal ein beruhigendes Signal. Fliehen konnten die Gäste vom Stocherkahn zwar nicht, das Angebot, mich bei Nichtgefallen über Bord zu werfen, nahmen sie zum Glück aber auch nicht wahr. Ebenfalls ein gutes Zeichen: Es machte Spaß, aus meinem neuen Roman zu lesen – sehr sogar!

Parallel zu mir stellte Jan Snela auf einem zweiten Stocherkahn Erzählungen aus Milchgesicht vor, von denen manche bereits während unserer gemeinsamen Zeit am SLT entstanden. Das anschließende Essengehen mit gemeinsamen Freunden aus dem SLT war somit der perfekte Abschluss für eine gelungene Heimkehr und ein schönes Bücherfestwochenende. Next stop on memory lane: Prosanova in Hildesheim!

Große Messe, kleine Welt. Versuch einer Rekonstruktion der #lbm17

IMG_8753Donnerstag

Die Leipziger Buchmesse 2017 beginnt mit einem Déjà-vu: Tobias Nazemi am Bahnsteig des Flughafens, wie schon im letzten Jahr fahren wir gemeinsam zur Messe und trinken den ersten Kaffee im Pressezentrum. Und doch ist etwas anders: Zeigte er mir im letzten Jahr auf dem iPad noch seine ersten Ideen zu Blogbuster, sprechen wir diesmal bereits über die Kandidaten der Longlist. Keine Zeitschleife also, auch wenn mich der Wecker um 4:45 wie ein Murmeltier aus dem Winterschlaf riss. Dass die Zeit nicht stehengeblieben ist, darf ich erfreulicherweise auch bei der inzwischen schon traditionellen Erstvisite am Stand von duotincta feststellen. Nicht, dass ich mich über die Titel der Nebenstände auf vergangenen Messen (allen voran den Evergreen Gebete für Tiere) nicht amüsiert hätte – aber die unmittelbare Nähe zu Verlagen wie Voland & Quist, Frankfurter Verlagsanstalt, Mayrisch oder Verbrecher steht den Verlegern meines Debütromans dann doch ein wenig besser zu Gesicht. Besonders mit den Kollegen von homunculus erschöpft sich die Nachbarschaftshilfe nicht bloß im regelmäßigen Austausch von Bier (duotincta) und Schnaps (homunculus): Am Abend ist auch eine gemeinsame Lesung im Beyerhaus geplant.

Ein bisschen sind Buchmessen ja wie Klassentreffen. Man freut sich, einander wiederzusehen, tauscht sich aus – und wird alberner, je länger es dauert. Besonders bei den unabhängigen Verlagen geht es familiär zu, so auch bei duotincta: Verleger und Autoren verbringen nicht nur die meiste Zeit gemeinsam am Stand, sondern wohnen zum Teil sogar in derselben Messe-WG, wo auch für Freunde des Verlages noch ein Isomattenplatz frei ist. Mit dem Autor Frank Schliedermann, den ich 2015 in Frankfurt auf der 1000 Tode-Lesung kennenlernte, verbindet inzwischen alle eine so gute Freundschaft, dass er es sich nicht nehmen ließ, sich als Verlagsmaskottchen adoptieren zu lassen. Nach guten Gesprächen mit ihm, den duotincta-AutorInnen Daniel Breuer, Kathrin Wildenberger und Birgit Rabisch sowie den Verlegern Jürgen Volk und Ansgar Köb warten am Nachmittag die ersten Termine auf mich.

Zumindest die erste Stunde der Veranstaltung How Indie are you? mit Nikola Richter, Elisabeth Ruge und Susan Hawthorne lasse ich mir aber nicht entgehen – eine interessante Gesprächsrunde über die Zukunft der unabhängigen Verlage, der ich gerne länger zugehört hätte. Bemerkenswert ist etwa die Antwort Ruges auf die Frage, warum sie denn die Seiten gewechselt habe – von der Verlegerin zur Agentin: Es sei, so Ruge, eigentlich eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. Als Agentin stehe für sie endlich wieder der Text im Vordergrund, während die Entscheidungen in großen Verlagen zunehmend von Marketingabteilungen getroffen würden. Natürlich ist auch Elisabeth Ruges Agentur vom Erfolg ihrer Autoren abhängig, ihr Engagement für Autoren wie Frank Witzel oder als Jurymitglied bei Blogbuster zeugt jedoch davon, dass der Idealismus ihrer Aussage keineswegs aufgesetzt ist. Die Leidenschaft für gute Literatur ist echt und etwas, das alle auf dem Podium miteinander verbindet.

Abends dann die gemeinsame Indie-Lesung von duotincta und homunculus im Beyerhaus – und eine Überraschung: Während wir im Erdgeschoss noch plaudern, füllt sich, ohne dass wir etwas davon mitbekommen, unten bereits der Saal. Trotz der großen Konkurrenz bei Leipzig liest stellen wir vor vielen (und großteils ausdauernden) Gästen unsere Bücher vor und lassen dabei auch drei Blogger zu Wort kommen: Jochen Kienbaum sowie Andrea und Klaus Daniel präsentieren stellvertretend für 40 Blogger ihre Texte aus Warum ich lese. Eine schöne, aber auch sehr lange Lesung, nach der ich mich, anstatt mehrere abzuklappern, für eine Party entscheiden muss: Ullstein, Rowohlt oder Tropen. Osmotisch führt es uns schließlich zum Ort mit der größten Konzentration. Die Tropenparty gleicht wie immer einem Wimmelbild: die halbe Buchbranche auf kleinstem Raum zusammengepfercht. Weil kein Durchkommen ist, winkt man sich halt zu. Wenn man denn den Arm hochkriegt. Im letzten Jahr hielt ich bis vier durch, diesmal siegt, weil ich am nächsten Mittag auf der Messe aus Dezemberfieber lese, jedoch die Vernunft. Ein bisschen zumindest: Bis drei muss es dann doch wieder sein, die Musik ist einfach zu gut.

Freitag

Meine Stimme ist erwartungsgemäß angeschlagen, aber ich habe bei der Lesung am Stand schließlich ein Mikro. Und zwar für ganze drei Minuten. Nach dem Ausfall der Technik bleibt mir nichts anderes übrig, als aufzustehen und gegen den Messelärm anzulesen, bis ich heiser bin. Eine Szene zumindest, das müsste reichen. Tut es aber nicht: Ein älterer Herr bittet mich darum, doch noch ein bisschen weiterzulesen. Und weil der Kunde König ist, bilden wir mit dem verbleibenden Publikum, der Autorin Lucia Leidenfrost, Martin Kulik sowie Tina Thiele, einen Sitzkreis. Eine kleine intime Lesung mitten auf der Messe und nur wenige Meter von der Leseinsel der jungen Verlage entfernt – tatsächlich eine schöne Erfahrung.

Eine schöne Erfahrung verbindet mich auch mit Lucia, mit der ich anschließend eine Stunde in der Sonne plaudere. Obwohl wir ihre Erzählung Flugübungen (die es nun auch in ihr Debüt Mir ist die Zunge so schwer geschafft hat) bereits in ]trash[pool veröffentlicht hatten und sie und ich zeitgleich in Tübingen am Studio Literatur und Theater studierten, lernten wir uns erst auf dem Prosanova 2011 in Hildesheim kennen, zu dem ich ich damals als Finalist des Literaturwettbewerbs eingeladen war. Manchmal ist die Literaturwelt wirklich verblüffend klein. Das merke ich auch beim anschließenden kurzen Plausch mit Caterina Kirsten: Als der Agent Markus Michalek hinzustößt und ihr einen jungen Autoren empfiehlt, stellt sich schnell heraus, dass dieser auch einen Text für die kommende Ausgabe von ]trash[pool eingereicht hat. Um Literaturzeitschriften dreht es sich auch bei meinem nächsten Termin: Beim Kaffee tauschen Anneke Lubkowitz von Sachen mit Woertern und ich Hefte aus und sprechen über die notwenige Vernetzung junger Magazine. Und über Enten. Die im Übrigen viel interessanter sind, als ich dachte.

Beim Blogger-Empfang von Rowohlt gibt es dann viele bekannte Gesichter und Würstchen, beim Umtrunk am Stand von Voland & Quist dagegen Bier und Herrn Bieber. Herr Bieber ist vom Wachpersonal und nicht besonders glücklich darüber, dass in der Halle nach Messeschluss geraucht wird. Kaum biegt Herr Bieber am Gang ab, klicken wieder die Feuerzeuge. Aber Herr Bieber kommt wieder, und mit ihm das Gefühl, dass wir alle hier auf Klassenfahrt sind. Ein Gefühl, das auf der Party der jungen Verlage bis spät in die Nacht anhält, die ich hauptsächlich mit befreundeten Bloggern verbringe – allen voran Tobias Nazemi, Ilja Regier und Isabella Caldart (an diesem Abend mit der glockenklaren Stimme eines Tom Waits), mit denen ich das Ganze vor einigen Wochen schon beim Blog@bout von Ullstein fünf geübt habe. Meine Hausaufgaben habe ich anscheinend zu gut gemacht, gegen drei zwingt mich der Übereifer jedenfalls zum etwas plötzlichen Aufbruch.

Samstag

Letzter Messetag und bloß noch ein einziger Pflichttermin. Während ich im vergangenen Jahr den halben Tag bei der (großartigen!) Leipziger Autorenrunde verbrachte, um dort gemeinsam mit Nikola Richter und Katharina Gerhardt unsere Teamarbeit am E-Book Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge vorzustellen, gönne ich mir 2017 einen ruhigeren Messeausklang und komme erst zu Warum ich lese in die Hallen. Launig und souverän stellen Katharina Herrmann, Sophie Weigand und Sarah Reul auf der Leseinsel ihre Texte aus dem Band bei homunculus vor, anschließend trifft man sich zum Plaudern in der Bloggerlounge. Von den ersten nehme ich bereits Abschied, andere treffe ich noch mehrere Male wieder – im Falle von Katharina Herrmann allerdings stets mit Identifizierungsproblemen, was mal mit ihrer Kurzsichtigkeit, mal mit geistig-kognitiven Schwächen meinerseits zu tun hat. Zu meiner Verteidigung: Im Gegensatz zu ihr überrascht es mich zumindest nie, dass Menschen Nasen haben!

Am Abend schließlich der ruhige Ausklang: ein Essen mit der duotincta-Familie (ein richtiges sogar, mit Vitaminen und allem Pipapo – nach drei Tagen Messe eine Sensation!) und dann ab ins Bett. So zumindest der Plan. Und der ist durchaus vernünftig, immerhin sehe ich nach zwei durchfeierten Nächten und den durchgetakteten Messetagen längst aus wie Frodo am Fuße des Schicksalsbergs. Aber die Verlockung ist groß, ich muss auf dem Heimweg bei Sputnik Litpop vorbei. Alleine auf eine Party gehen? Eigentlich eine Schnapsidee. Aber es ist ja Messe. Und eine kleine Welt. Kaum drin, treffe ich gleich auf die ersten bekannten Gesichter – erfreulicherweise dann auch noch jene, die ich bislang verpasst habe. Beim Konzert der Mighty Oaks kann ich allerdings kaum noch stehen. Vor der Tür verquatsche ich mich auf ein Bier und gefühlt siebzehn Zigaretten mit Leander Wattig, bevor ich den Abend alleine und ganz entspannt ausklingen lasse: im vibrierenden Polstersessel vor der Tanzfläche. In der Hand ein Bier, im Kopf die Eindrücke von drei anstrengenden, aber ganz und gar großartigen Tagen.

Ach so, Bücher gab es in Leipzig natürlich auch. Aber das, was eine Buchmesse so besonders macht, sind in Wahrheit die Menschen, die sie lieben. Und obwohl es mir an vielem fehlte – Schlaf, gesundem Essen, Pausen – reise ich zwar entschieden ärmer, aber sehr bereichert aus Leipzig wieder ab. Und freue mich schon jetzt auf Frankfurt.


Hier entlang zu meinem Bericht über die Leipziger Buchmesse 2016, in dem ich mir Gedanken zur Rolle von Blogs in einer sich wandelnden Literaturbranche mache. Weitere Berichte zur #lbm17 sind u.a. bei Schöne Seiten, Pinkfish, Sounds & Books, lustauflesen.de & Fräulein Julia erschienen.

Mein schönstes Ferienerlebnis: Ullstein fünf blog@bout mit Ada Dorian

img_8433Sich einmal vor den Marketingkarren spannen lassen: warum nicht? In anderen Branchen ist das Gang und Gäbe. Beautyblogger bekommen wahrscheinlich genügend Schminke zugeschickt, um ganze Häuserfassaden großflächig mit Herzchen-Streetart zu versehen – um jeden Lipgloss einen Geldschein gewickelt. Reiseblogger schreiben im reservierten Liegestuhl unvoreingenommen über 5-Sterne-Bunker, während ihnen der Hoteldirektor persönlich die Füße massiert. Und wer Unterhaltungselektronik testet, bekommt sie frei Haus von Tech-Nick himself in den siebten Stock geschleppt und verbraucht mit seinem kostenlosen Geräte-Arsenal an einem Tag vermutlich mehr Strom als Nordkorea im Winter. Wir Literaturblogger dagegen? Geben uns mit lausigen Rezensionsexemparen zufrieden. Zuletzt habe ich mir den neuen Auster schicken lassen – wie lange brauche ich für 1259 Seiten plus Rezension? Jedenfalls lange genug, um die 30 Euro für das Buch nicht als Stundenlohn gelten zu lassen. Eigentlich müsste mir Rowohlt eine Volontärin schicken, die mir den Wälzer vorliest. Während sie meine Wohnung putzt. Nackt.

Natürlich ist das nicht nur sexistisch, sondern auch Quatsch: Wer über Literatur bloggt, macht das zunächst einmal freiwillig – und vor allem macht er es gerne. Und zwar, weil echte Leidenschaft dahintersteckt. Liebe zur Literatur. Aber nichtsdestotrotz freuen wir uns über Wertschätzung, schließlich lässt sich auch der gemeine Literaturblogger gerne einmal bauchpinseln. Selbstverständlich sind Bloggeraktionen von Verlagen nichts weiter als Marketingkalkül. Denn auch wenn es eine schöne Idee für Literaturliebhaber ist: Wer sich von Hanser für Ein wenig Leben zum Lese-Retreat in eine einsame Hütte einladen lässt, macht sich damit zum Teil einer Kampagne – selbst ohne die Angst im Nacken, dass, während man liest und rezensiert, Jo Lendle als Hommage an Misery mit einem Hammer am Fußende des Bettes sitzt. Dasselbe gilt für die Einladung vom Ullstein-Verlag zum Blog@bout über ihre Autorin Ada Dorian: Anreise, Hotel und Restaurantbesuch für lau und obendrein ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Bloggerfreunden – da lässt man sich doch gerne mal vor den Marketingkarren spannen!

Ein etwas zynischer Einstieg? Fürwahr. Aber tatsächlich musste ich mein Pulver früh verschießen, weil am Bloggerevent in Berlin nämlich rein gar nichts zynisch war. Im Gegenteil: Das kleine Team, das hinter dem neuen Imprint Ullstein fünf steht, bewies vielmehr, mit wieviel Leidenschaft und Begeisterung es sein erstes Programm auf die Beine gestellt hat. In der Vorstellung des Spitzentitels, Betrunkene Bäume von Bachmannpreis-Kandidatin Ada Dorian, schwang stets echter Stolz mit: Alle im abteilungsübergreifenden Team rund um Lektorin Ulrike von Stenglin glauben fest an den Titel und ihre Autorin. Umso legitimer ist es, dass sie alles dafür tun, um die (in diesem Programm: junge) Gegenwartsliteratur bei Ullstein fünf zum Erfolg zu führen. Der erste Blog@bout war deshalb alles andere als eine Kaffeefahrt mit Heizkissenzwang, sondern ein entspanntes, offenes und sehr freundschaftliches Treffen zwischen Literaturliebhabern auf beiden Seiten. Nach der Begrüßung und einer Führung durch das schöne Verlagsgebäude, in dem die Entstehung eines Titels vom ersten bis zum letzten Schritt am Beispiel von Betrunkene Bäume durchgespielt wurde, stellten Ada Dorian und Moderatorin Julia Korbik mit einer kurzen Lesung und etwas längeren Fragerunde den Debütroman vor. Während des anschließenden Restaurantbesuchs gab es in einer Art Speeddating auch die Gelegenheit zum kurzen Einzelgespräch mit der Autorin – eine schöne Idee, die ich, weil die Atmosphäre unter allen Beteiligten ohnehin schon sehr zwanglos war, allerdings nicht wahrgenommen habe. Auch so kam im Laufe des (durchaus ausschweifenden) Abends fast jeder mit jedem einmal ins Gespräch.

Anders als erwartet blieb am Tag der Rückreise (neben dem Kater) kein fader Beigeschmack zurück, bloß Teil einer großen und ziemlich ehrgeizigen Kampagne zu sein, sondern vielmehr die Erinnerung an einen sympathischen und informativen Austausch unter Gleichgesinnten, die die Begeisterung für gute Literatur verbindet. Und das bringt uns schnurstracks zur anfänglichen Frage zurück: Sich einmal vor den Marketingkarren spannen lassen – warum nicht, wenn so viel Leidenschaft dahintersteckt?


Betrunkene Bäume von Ada Dorian erscheint am 24.2.2017. Meine Rezension zum Roman lest ihr schon eine Woche früher – am 17.2. – auf diesem Blog. Und wer sich etwas mehr für die hard facts interessiert: Isabella Caldart von Novellieren hat definitiv ein besseres Gedächtnis als ich – oder gleich das Notizbuch aus dem Goodie Bag eingeweiht; in jedem Fall ein lesenswerter Artikel (beziehungsweise zwei). Auch bei Fräulein Julia ist ein schöner Bericht erschienen.

Vernetzung statt Hierarchie.

Oder: Die Leanderwattisierung des Literaturbetriebs. Eine kleine Utopie

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Natürlich ist sie ermüdend, die ständige und sich im Kreis drehende Debatte um Blogs und das Feuilleton, zu der auch ich jüngst meinen Senf beisteuern durfte. Dennoch war sie eines der beherrschenden Themen der Leipziger Buchmesse 2016, zu der etwa 800 Blogger akkreditiert waren und damit doppelt so viele wie noch im Vorjahr. Die Podiumsdiskussion mit Ijoma Mangold von der Zeit brachte erwartungsgemäß nur wenige neue Erkenntnisse. Denn dass bloß über Blogger, aber nicht mit ihnen – und zwar auf Augenhöhe – gesprochen wurde, ist nicht nur symptomatisch und ignorant, sondern geradezu anachronistisch. Erhellender dagegen war Karla Pauls Vortrag auf der Konferenz blogger:sessions am Sonntag: ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein seitens der Blogger, die den Diskurs über Literatur schon längst verändert, längst demokratisiert hätten. Aber auch ein Appell: Momentan seien es nämlich die Blogger selbst, die sich klein machten – es sei an der Zeit, sich endlich zu professionalisieren.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Es ist an der Zeit, sich in Stellung zu bringen. Wer noch immer glaubt, es ginge um Blogs vs. Feuilleton, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden; es geht hier nicht um Neuland gegen Brachland. Blogs werden das Feuilleton nicht ersetzen, sondern den literarischen Diskurs, das literarische Spielfeld erweitern – und zwar als Mit-, nicht als Gegenspieler. Sie sind Teil eines unaufhaltsamen Wandels im Literaturbetrieb, der gerade erst beginnt. Das Gegeneinander-Ausspielen, um alte Hierarchien und den eigenen Status zu verteidigen, wird irgendwann ausgedient haben. Die Zukunft gehört der Vernetzung, gehört jenen, die sich heute ganz selbstverständlich in sozialen Netzwerken bewegen und Projekte anstoßen, die in alten Strukturen kaum denkbar gewesen wären.

Offene Grenzen, neue Möglichkeiten

Die Grenzen zerfließen schon jetzt: Heute schreiben Zeitungen von Bloggern noch ab, morgen drucken sie ihre Texte und stellen sie ein. Namhaft besetzte Projekte wie tell, ein soeben gestartetes Online-Magazin für Literatur, Kritik und Zeitgenossenschaft, sind vielversprechende Zeichen des Aufbruchs. Auch bereits etablierte Blogger suchen nach neuen Wegen und Kooperationen, die Zeichen eines erstarkten Selbstvertrauens sind: Die Literaturplattform 54stories veranstaltet nun in mehreren Städten Deutschlands auch Lesungen. Erst kürzlich rief Das Debüt den ersten Blogger-Literaturpreis ins Leben. Und Tobias Nazemi von Buchrevier plant im Schulterschluss mit namhaften Bloggern eine Verlagskooperation, die – soviel sei verraten – von sich reden machen wird.

Aber auch die Verlagswelt selbst ist längst im Wandel. Die Bloggerin Karla Paul ist inzwischen Verlagsleiterin bei Edel ebooks. Mara Giese von Buzzaldrins lässt als Volontärin bei edel & electric im Verlagsblog u.a. LektorInnen und Blogger zu Wort kommen und Debatten anstoßen. Junge Lektoren wie Florian Kessler bei Hanser bringen nicht nur frischen Wind in die Verlage, sondern sind ganz selbstverständlich in den sozialen Netzwerken unterwegs und mischen dort auf Augenhöhe mit Bloggern und anderen Netzmenschen bei aktuellen Debatten mit. Ganz besonders stechen natürlich jene Netzwerker hervor, die mit ihrem vielfältigen (und scheinbar unermüdlichen) Engagement gleich an mehreren Stellen Bewegung in die Branche bringen. Felix Wegener (BOOKMARKS, Readbox, direttissima) ist so einer: Seine Medien- und Publishingkonferenz #dico16, die im April in München stattfindet, lädt zum branchenübergreifenden Austausch über Erfahrungen und Chancen digitalen Arbeitens ein; es ist, wie sollte es auch anders sein, im Prinzip eine Networking-Konferenz. Und dann ist da natürlich – last but not least – Leander Wattig, der nicht umsonst titelgebend für diesen Artikel ist. Wie kein anderer steht er für den beginnenden Wandel im Literaturbetrieb und leistet in zahlreichen Vernetzungsprojekten Pionierarbeit. Ob mit seinen vielfältigen Projekten für Orbanism oder Konferenzen wie der Leipziger Autorenrunde: Wattig bringt Menschen zusammen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, denen es nicht wichtig ist, was sie trennt, sondern das, was sie verbindet. Ich bin fest davon überzeugt: Hier entstehen Strukturen, die bleiben. (mehr …)