Alte Feuerwache

Mische statt Wasserglas: Bela B. Felsenheimer in der Zugabe von lesen.hören 13

Bildschirmfoto 2019-04-29 um 23.05.12Eigentlich ging die 13. Ausgabe des Mannheimer Literaturfestivals lesen.hören bereits im März zu Ende, im April öffnete die Alte Feuerwache allerdings für eine Zugabe noch einmal ihre Pforten. Zugabe, das klingt ja vor allem nach einem Rockkonzert. Und genau danach sah die Menschenschlange rund um das Gebäude eine Stunde vor dem Auftritt von Bela B. Felsenheimer auch aus: In strömendem Regen warteten Hunderte auf Einlass, um den Ärzte-Star aus seinem Debütroman Scharnow lesen zu sehen – aufgrund des großen Andrangs ist es sogar bereits seine zweite Lesung an diesem Tag.

Dass die Deutschpunk-Ikone mit Hang zu Horrorfilmen und Trash eines Tages unter die Schriftsteller gehen würde, haben vermutlich nur die wenigsten erwartet. Eines überrascht an diesem Abend jedoch keinen: dass Felsenheimer viel zu sehr Rampensau ist, um eine gewöhnliche Wasserglaslesung zu geben. Als er im Bademantel auf die Bühne kommt, legt er zunächst eine Videokassette in einen alten VHS-Rekorder ein, dann beginnt eine Stimme aus dem Off, aus Schnarnow zu lesen, während sich Felsenheimer in aller Ruhe auf seinem Platz einrichtet. Auch sonst verlässt er sich, obwohl er durchaus vortragen kann, bei seiner Lesung nicht einfach nur auf seine Stimme und das Buch: Es kommen auch Animationen, Illustrationen, Bilder und – sehr zur Belustigung des Publikums – immer wieder Soundeffekte zum Einsatz. 

Drei Jahre von der Idee bis zum Buch

Felsenheimer selbst ist an diesem Abend, wie er sagt, in bester Laune – und man wird den Eindruck nicht los, dass er manchmal noch selbst ins Staunen gerät, wie gut er im Literaturbetrieb angenommen wird: „Ich begann diese Lesereise als völlig unerfahrener Bestsellerautor“, stellt er ironisch fest. Aber Felsenheimer gibt trotz aller Witze unumwunden zu, dass ihn der Erfolg seines Debüts stolz macht. Scharnow mag ein aberwitzig abstruses, blutiges und in Teilen absichtlich trashiges Buch sein, die Arbeit an ihm nahm Felsenheimer – anders, als man das von so manchem Promi-Autor vermuten würde – jedoch äußerst ernst. „Ich habe vor drei Jahren beschlossen, das Buch zu schreiben, ein Jahr damit gehadert und dann zwei Jahre mit Lektoren am Manuskript gearbeitet“, so Felsenheimer. Sein Verlagslektor habe sich zum Glück einigermaßen tapfer geschlagen – einmal habe er aber auch ein großes WTF?! an den Rand geschrieben.

Der Irrsinn von Scharnow mit seinen paranormalen, fantastischen Begebenheiten und 38 Protagonisten nebst einigen Tieren hat durchaus seinen Sinn, erklärt Felsenheimer: „Mir ging es darum, im Buch zwei Welten darzustellen – die fantastische und die profane Welt. Die Leute im Buch sind aber so sehr mit ihrem Alltag beschäftigt, dass sie das Fantastische nicht wahrnehmen.“ Bei seiner Lesung beschränkt sich Felsenheimer hauptsächlich auf einen Handlungsstrang um die vier Männer vom sogenannten „Pakt der Glücklichen“, die nackt einen Supermarkt ausrauben, um sich Alkohol zu beschaffen, und dabei eine blutige Kettenreaktion auslösen. Irgendwann stellt Felsenheimer eine Flasche Korn und Fanta auf den Tisch und gießt sechs Gläser „Mische“ zusammen, die er anschließend durchs Publikum reichen lässt. So viel zum Thema Wasserglaslesung.

Aber auch ohne Mische ist die Stimmung sowohl beim Publikum als auch beim Autor glänzend, es wird viel gelacht und geklatscht, immer mal wieder auch dazwischen gerufen. Felsenheimer selbst, der mehrfach abschweift und ins Reden kommt, hat sichtlich Spaß an seiner neuen Rolle. Die muss er an diesem Abend auch noch weit über die Lesung hinaus ausfüllen: Die anschließende Signierschlange erstreckt sich im großen Saal der Alten Feuerwache einmal ganz im Kreis. Und zwar mit Büchern in der Hand, nicht mit Ärzte-Alben.

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Vier Leser im Gespräch: Literarisches Quartett bei lesen.hören 13

IMG_5341Ein Format, das nach dem Tod von Roger Willemsen drei Jahre lang ausgesetzt wurde, kehrt bei der letzten Veranstaltung von lesen.hören 13 auf vielfachen Wunsch des Publikums und in veränderter Form zurück: Für Vier Leser im Gespräch diskutiert Programmleiterin Insa Wilke vom SWR lesenswertquartett fortan mit drei wechselnden „markanten Stimmen der Literaturkritik“ über aktuelle Bücher. In diesem Jahr zu Gast sind Wiebke Porombka von Deutschlandradio Kultur, aktuell Jurorin für den Preis der Leipziger Buchmesse, Marie Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, die 2019 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde, sowie der Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Klaus Kastberger. Das Prinzip ist bekannt: Jeder stellt der Runde jeweils einen aktuellen Roman zur Diskussion.

Michel Houellebecq: Serotonin

Das erste Buch, über das die Runde spricht, ist das unvermeidliche Serotonin von Michel Houellebecq – um das man, so Marie Schmidt, die den Roman zur Diskussion stellt, als Literaturkritiker praktisch nicht herumkomme. „Houellebecqs Bücher gehören zum Genre der gelesenen Literatur, sie werden in allen Feuilletons gleich am Erscheinungstag besprochen und sind immer Bestseller“, so Schmidt. Sie frage sich, warum das so sei: Serotonin sei schließlich auf allen Ebenen ein zutiefst depressiver Roman. Für Wiebke Porombka ist es darüber hinaus auch ein sowohl sprachlich als auch inhaltlich bloß mittelmäßiges Buch, das zudem noch von Houellebecqs fragwürdigen politischen Äußerungen überschattet werde. „Seine Provokationen wecken natürlich einen gewissen Kitzel“, erklärt sich Porombka den Hype um seine Veröffentlichungen. „Man sollte ihn aber infrage stellen.“ Kastberger glaubt ohnehin, dass zu Houellebecq schon lange vor Serotonin bereits alles gesagt worden sei. „Es ist ein Buch für den alten weißen Mann, also mich – aber ich fand’s auch nicht toll“, sagt er. „Warum sollte man dem widerwärtigen Protagonisten Empathie entgegenbringen? Er ist ein Schweinehund, die End- und Schwundstufe des Bildungsbürgers.“ Marie Schmidt attestiert Houellebecqs Figur dagegen eine tiefe Verlassenheit und das Bedauern darüber, dass er seinen eigenen Ansprüchen und Idealen nicht gerecht werde. „Die Impotenz des Protagonisten empfand ich als metaphorisch“, glaubt auch Wilke. „Er ist als Mann nicht mehr handlungsfähig.“ Zu ihrer Überraschung hat Wilke die erste Hälfte des Romans sogar gefallen, sie hält sein Thema zudem für durchaus relevant: Es gehe um das alte Konzept des Männlichen, das zwar überholt sei, aber eben nicht kampflos abgetreten werde. Kastberger warnt jedoch davor, die gesellschaftliche Wirkung von Serotonin zu unterschätzen: „Das Buch ist attraktiv für Leute, die genau dieses Weltbild wieder reaktivieren wollen.“ Ob das vom Autor beabsichtigt sei, hält er für unerheblich: „Die  Rechten lesen und besprechen das Buch, diese Lesart gibt es also.“

Aura Xilonen: Gringo Champ

Als nächsten Roman stellte Wiebke Porombka Gringo Champ von Aura Xilonen vor, der – von Susanne Lange – übersetzt – aktuell auch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Für Porombka ist das Buch der 19-jährigen Mexikanerin ein Ereignis: „Der Plot um den jungen Mann, der es über die Grenze in die USA schafft, ist für mich eine doppelte Emanzipationsgeschichte.“ Durch seine Arbeit als Handlanger in einem Buchladen entdecke er die Literatur für sich, zugleich emanzipiere er sich aber auch auf der körperlichen Ebene als Boxer. Vor allem zeichne sich Gringo Champ durch seine besondere Sprache aus. Genau diese ist jedoch der Hauptkritikpunkt von Kastberger: „Die Mischung aus Streetslang und Trendwörtern wirkt auf mich forciert und war besonders auf den ersten 50 Seiten sehr anstrengend.“ Daran gewöhne man sich zwar, die deutsche Sprache sei für einen solchen Sound jedoch einfach nicht gemacht. „Der Witz ist ja, dass es diese mit Codes vermischte Sprache so nicht gibt“, wendet Schmidt dagegen ein. Auch sie sei anfangs skeptisch gewesen, der Roman habe aber eine besondere Stimmung sowie eine starke, präsente Körperlichkeit. Den Ausgang des Romans empfand Insa Wilke allerdings als ziemlich konservativ –  mit Bildung und Arbeit werde alles gut. Für Porombka kein Problem: „Gringo Champ ist ein Buch über die emanzipatorische Kraft des Lesens.“

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge

Über Klaus Kastbergers Diskussionsvorschlag gibt es im Grunde keine Diskussion: Für alle auf dem Podium ist Clemens Setz einer der besten Schriftsteller seiner Generation. „Setz ist ein Außerirdischer, der über Graz abgeworfen wurde“, sagt Kastberger, der Der Trost runder Dinge für dessen bislang bestes Werk hält. „Es liest sich wie Science Fiction aus der Gegenwart.“ Die Geschichten seien schräg und abgehoben, aber trotzdem nicht so abgedriftet, dass man sie nicht auf unsere Kultur übertragen könne. „Setz wird oft mit Kafka oder Poe verglichen“, sagt Porombka und empfindet das als durchaus passend. „Auch seine Literatur ist oft ein Spiel mit dem Einbruch des Sonderbaren im Leben, ein Spiel mit Ängsten und Phantasien.“ Insa Wilke bringt den Kern seiner Texte mit einem Zitat von David Foster Wallace auf den Punkt, das Clemens Setz in seinem Manifest für die Literatur der Zukunft auch selbst verwendete: Man müsse mit Literatur die Bequemen verstören und die Verstörten trösten. Auch Marie Schmidt ist der Ansicht, dass Setz der beste Autor unserer Generation sei, muss aber gestehen, noch keines seiner Bücher zu Ende gelesen zu haben: „Ich bleibe immer an seinen vielen besonderen Sätzen hängen.“

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde

Als letztes stellt Insa Wilke ein schonungslos intimes Buch zur Diskussion, über das – zu Unrecht, wie Wilke findet – in der Literaturkritik geschwiegen wurde. In ihrem Buch Tage wie Hunde setzt sich Ruth Schweikert mit ihrer eigenen Brustkrebsdiagnose auseinander. Dennoch gehe es bei dem Buch weder um Anteilnahme noch darum, Mitleid zu erregen, so Wilke. „Schweikert erkundet vielmehr, was die Krankheit mit einem selbst und mit dem Umfeld macht.“ Für Porombka war es das härteste Buch aus der Auswahl des Abends und vor allem deshalb schwer zu lesen, weil der Krebs nicht als Metapher diene, sondern rein medizinisch betrachtet werde. Die literarische Qualität des Buches stellt sie jedoch nicht infrage, vor allem hebt sie seine gelungene fragmentarische Form hervor. „Sowohl am Ende von Absätzen als auch am Schluss setzt Schweikert keine Punkte – es soll nicht enden“, so Porombkas Interpretation. Auch Kastberger war mehr als positiv überrascht von dem Roman: „Das ist kein Brustkrebstagebuch, keine Betroffenheitsliteratur, sondern ein literarisches Ereignis.“ Tage wie Hunde sei eines der reflektiertesten Bücher, das er je über eine eigene Erkrankung gelesen habe.

Zugabe!

Zum Abschluss bittet lesen.hören 13-Programmleiterin Insa Wilke das gesamte Team auf die Bühne, das in den vergangenen 17 Tagen so hervorragende Arbeit geleistet hat, entsprechend groß ist der Applaus des Publikums. Hier wäre jetzt eigentlich auch ein Fazit des Festivalbloggers angebracht – den spare ich mir aber noch auf. Ganz zu Ende ist lesen.hören 13 nämlich nicht nicht: Am 3. April kommt Die Ärzte-Drummer Bela B. mit seinem Debütroman Scharnow für eine Festival-Zugabe nach Mannheim – ein guter Grund, noch einmal ins gemütliche Turmzimmer der Alten Feuerwache zurückzukehren!

Nein heißt ja: Petra Piuk dekonstruiert die heile Welt des Schlagers bei lesen.hören 13

IMG_5337Wer meine bisherigen Beiträge zum inzwischen leider beendeten lesen.hören 13 in Mannheim verfolgt hat, dürfte einen Eindruck von der großen Vielfalt des diesjährigen Festivals bekommen haben. Klassische Wasserglaslesungen gab es zwar auch, etwa beim Auftakt mit Joachim Meyerhoff. Aber eben auch Diskussionen über neue Kritikformen bei Twitter, Auszüge aus den NSU-Protokollen, Live-Jazz zu Texten von Roger Willemsen. Oder aber, an diesem Abend: einen Heimatroman mit Schlagersongs. Beziehungsweise: deren Dekonstruktion. Im Gespräch mit der Komödiantin und Schauspielerin Cordula Stratmann stellte die österreichische Autorin Petra Piuk ihren zweiten Roman Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman vor – zusammen mit den von Christoph Pütthoff grandios ironisch intonierten Schlagersongs eine Kombination, die für einen sehr lebendigen und launigen Abend sorgte.

Häusliche Gewalt in Dörfern alltäglich

Abgedroschene Klischees von Heimat und Dorfidyll sind natürlich ein allzu dankbarer Stoff für einfache Lacher. Interessant wird es hingegen, wenn die Brüche, die Abgründe hinter der grotesken Scheinwelt zutage treten. Und eben diese Abgründe sind es auch, mit denen Petra Piuk in ihrem „Heimatroman“ so schonungslos wie komisch abrechnet. Immer wieder bricht häusliche und sexuelle Gewalt brutal in die vermeintlich heile Welt ein, die in Schlagern so gerne besungen, in Filmen so gerne idealisiert wird. Der Bruch ist aber nur ein scheinbarer: „In Österreich ist Gewalt gegenüber Kindern und vor allem Frauen gerade in ländlichen Gegenden noch weit verbreitet und für viele normal“, sagt Piuk. Zur Recherche sammelte sie über einen langen Zeitraum Lokalnachrichten über häusliche Gewalt und führte viele Interviews, teils sogar an überraschend auskunftsfreudigen Stammtischen. „Auch in Großstädten gibt es natürlich viel Elend. In Dörfern gibt es aber eine Form der vererbten Gewalt, die sich von Generation zu Generation überträgt“, so Piuk. Ein Kreislauf, der im hermetisch abgeriegelten Dorf nur schwer zu durchbrechen sei. So geht es auch den Figuren in ihrem Roman. Schon als Kind ahmt der vermeintliche Held Toni seinen gewalttätigen und sexuell übergriffigen Vater nach, als Erwachsener entwickelt er sich später zum emphatielosen Mörder, der nicht nur keine Ironie versteht, sondern Schlagertexte und Binsenweisheiten auch allzu wörtlich nimmt. „Der Roman erzählt die Geschichte, wie ein Täter entsteht“, sagt Piuk. Ganz so einfach sei es allerdings nicht: Alle Figuren seien sowohl Täter als auch Opfer zugleich.

Wut und Spieltrieb

Tatsächlich, stellt Piuk im Gespräch mit Stratmann fest, sei Gewalt der gemeinsame Nenner all ihrer Geschichten. „Wut ist ein ganz großer Motor für mich beim Schreiben. Das gleiche gilt für meinen Spieltrieb.“ Letzterer spiegelt sich in den gelesenen Passagen deutlich wider. Toni und Moni ist kein stringent erzählter Roman. Während Piuks sarkastischer Humor auch noch das letzte Dorfklischee gallig dekonstruiert, brechen Metaebenen und Fußnoten immer wieder den Erzählfluss auf oder bilden echte Zeitungsmeldungen einen harten Kontrast zur geschilderten heilen Welt. Doch so amüsant das Buch und der Abend in der Alten Feuerwache stellenweise ist, das Anliegen von Piuk ist ein Ernstes: „Natürlich will ich mit dem Roman auch Aufrütteln. Zu viele Menschen schauen weg, obwohl diese Probleme alltägliche Realität sind“, sagt die Österreicherin, die 2018 mit dem Preis Wortmeldungen für kritisches Denken in der Literatur ausgezeichnet wurde. „Man darf die Dörfer nicht abschotten, sondern muss stattdessen für Aufklärung, Frauenhäuser und mehr Beratungsstellen auf dem Land sorgen.“

Schlager zur Vergewaltigung

Sowohl die gelesenen Romanauszüge als auch das Gespräch sorgten für einen unterhaltsamen Abend, die heimlichen Stars waren aber tatsächlich andere: Christoph Pütthoff, Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, sang zwischen den Gesprächsblöcken in Begleitung vom Pianisten Günter Lehr die abgründigsten deutschen Schlagersongs der jüngeren Vergangenheit – und das mit solch ironisch gebrochener Inbrunst, dass ihm das hochamüsierte Publikum sicher auch einen ganzen Abend lang gelauscht hätte. Vermutlich wäre das allerdings nur schwer zu ertragen gewesen: Über Wenn ich an meine Heimat denke von Hansi Hinterseer kann man sich noch relativ harmlos amüsieren. Bei Uwe Busses Ich bin ein zärtlicher Tyrann bleibt einem dann schon mal das Lachen im Halse stecken. Wirklich abgründig wird es – zumal am Weltfrauentag, an dem die Veranstaltung stattfand – aber spätestens beim Song Nein heißt ja von G.G. Anderson, den Petra Piuk in ihrem Roman in eine Vergewaltigungsszene montiert: 

Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du / Warum willst Du Deinem Herz nicht trau’n / Nein heißt ja / Wenn man flüstert so wie Du / Du kannst mir ruhig in die Augen schau’n / Nimm den Mut in die Hand / Pfeif auf Deinen Verstand / Und vertrau darauf was Du fühlst / Oh – Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du

Das Publikum klatschte nach Aufforderung von Christoph Pütthoff beherzt mit. Der kleine, aber feine Unterschied zum Dorfzelt? Im Saal der Alten Feuerwache war es ironisch gemeint.

Schlecky Silberstein rechnet bei lesen.hören 13 mit dem Internet ab

IMG_5265„Viele meiner Zuhörer stellen anschließend überrascht fest: Ich habe kein einziges Mal gelacht“, sagt der Blogger und Comedy-Autor Christian Brandes alias Schlecky Silberstein einmal ironisch während der Lesung. Das stimmt an diesem Abend in der Alten Feuerwache zwar nicht ganz – aber so lustig wie erwartet ist die Lesung aus seinem Buch Das Internet muss weg tatsächlich nicht. Dafür ist Silberstein sein Anliegen auch viel zu ernst: „Das Medium, dem ich alles zu verdanken habe, ist irreparabel kaputt.“ Eine ziemlich brutale Diagnose. Aber Silberstein steht nicht gerade im Verdacht, ein rückwärtsgewandter Fortschrittsgegner zu sein, schließlich ist er das, was man einen digital native nennt, er ist mit dem und durch das Internet groß geworden. Für ihn ist es die größte Errungenschaft seit Erfindung des Rads – „in 100.000 Jahren wird man sagen: das war die große Zeitenwende der Menschheit“. Und das soll jetzt einfach weg, wie sein Buchtitel plakativ einfordert? Natürlich nicht, erklärt Silberstein. „Nicht das Internet muss weg, sondern die aktuelle Version davon – und die begann am 9.2.2009 mit der Einführung des Facebook-Likes.“

Ist es umsonst, bist du das Produkt

Eine große Gemeinsamkeit vieler Dystopien in Romanen oder Filmen sei, dass die Welt in ihnen von Konzernen regiert werde. Genau das treffe bereits auf unsere Gegenwart zu, in der Unternehmen wie Facebook, Google oder Apple eine enorme Machtfülle besäßen. „Weil sie hauptsächlich mit unseren Daten Geld verdienen und ständig neuen Rohstoff brauchen, hat sich die Architektur des Internets grundlegend verändert“, sagt Silberstein. Was den Datenhunger betreffe, gebe es eine einfache Faustregel: „Wenn ein Dienst nichts kostet, bist du das Produkt.“ Soziale Netzwerke funktionieren deshalb wie Kasinos, sie sollen gezielt Abhängigkeit erzeugen, damit ihre Nutzer durch ständige Interaktionen möglichst viele Daten preisgeben. Silberstein vergleicht die Wirkung des Like-Buttons mit Tierexperimenten – etwa mit Tauben, die umso öfter den Auslöser ihrer Futterstation betätigen, wenn die Futterausschüttung nicht garantiert ist. „Ein Statusupdate ist mit der Erwartung von Resonanz verbunden. Weil viele Likes nicht selbstverständlich sind, wird umso mehr Dopamin in unserem Belohnungszentrum ausgeschüttet, wenn ein Beitrag gut ankommt“, erklärt Silberstein. Diese Form des Brainhackings führe geradewegs in die Sucht – und zwar mit Vorsatz.

Abhängig von permanenter Resonanz sind aber nicht nur einfache User, sondern auch Journalisten. Gerade Online-Redakteure wollen immer die ersten sein, die eine Geschichte bringen, allein schon, weil sie dann mit Abstand die meisten Klicks generieren. Das hat Folgen für den Journalismus. Trendtools mit automatisierter Stichwortsuche bestimmen zunehmend, über was berichtet wird. „Deshalb schreiben alle das Gleiche, Themen werden geritten und nicht mehr gesetzt.“ Dadurch steige auch Risiko von Falschmeldungen oder schlecht recherchierter Artikel, was Silberstein am Beispiel der Meldung ausführt, in Schweden bräuchten Menschen vor dem Sex nun per Gesetz das formelle Einverständnis des anderen. Tatsächlich ging es dabei bloß um eine Selbstverständlichkeit – nämlich einvernehmlichen Sex. Die zehntausendfach geteilte übertriebene Auslegung einer Lokalzeitung führte binnen kürzester Zeit zu immer abstruseren Varianten bis hin zur „schriftlichen Einverständniserklärung“ bei Focus Online.

Wut ist die viralste Emotion

Auch die Debattenkultur habe sich durch die Mechanismen sozialer Netzwerke massiv verändert, sagt Silberstein. „Durch die ständige Empörung leben wir in einer Zeit der Hysterie. Das liegt aber nicht an uns. Diese Hysterie ist ein wichtiges Werk von Unternehmen.“ Angst sei für die Menschheit ein evolutionärer Vorteil gewesen, so lange es ums nackte Überleben ging. Jetzt sorge dieser Instinkt jedoch dafür, dass wir schlechten Nachrichten und negativen Emotionen deutlich mehr Aufmerksamkeit schenkten. Die Algorithmen sozialer Netzwerke nutzen das gezielt aus – was inzwischen selbst Wahlen entscheiden kann. „Studien belegen das: Wut ist die viralste Emotion. Kein Wunder also, dass rechtspopulistische Parteien die mit Abstand höchsten Interaktionsraten haben“, so Silberstein. Differenzierte Informationen seien dagegen reines Reichweitengift. Das bekam er nach einer missglückten Satire-Aktion auch selbst zu spüren. Silberstein stellte eine Nachrichtenseite mit erfundenen Horrormeldungen über Straftaten von Flüchtlingen ins Netz. Wer die Artikel anklickte, bekam jedoch stattdessen eine ironische Aufklärung über die Gefahr von Fake News zu lesen. Tatsächlich klickte aber nur jeder elfte den Link an, stattdessen wurden die erfundenen Meldungen bloß tausendfach in rechten Netzwerken geteilt. Nach nur anderthalb Wochen nahm Silberstein die Seite wieder vom Netz – weil sie zu erfolgreich war.

Auch die „richtige“ Empörung kann falsch sein

Sind die Menschen also schlechter geworden? „Die Rückwärtsgewandten gab es immer“, glaubt Silberstein. Sie seien jetzt lediglich miteinander vernetzt. „Vor dem Internet glaubten wir, in den Medien ein Abbild unserer Gesellschaft zu sehen. Tatsächlich zeigten sie aber nur das Weltbild der Medienschaffenden, die nun mal eher progressiv und liberal sind.“ Aber auch die Empörung auf der anderen Seite ist für Silberstein ein Teil des Problems, darum kritisiert er etwa die die aktuellen Debatten um den Karneval und politische Korrektheit. „Selbst wenn man Recht hat: Durch die ständige Zurechtweisung der anderen und Zurschaustellung der eigenen moralischen Überlegenheit werden gesellschaftliche Gräben unüberwindbar.“ Ein besonderes Problem sieht Silberstein bei Shitstorms auf Twitter: „Die Massenempörung gegenüber einem einzelnen hat ja in Wirklichkeit einen ganz anderen Adressaten – nämlich die eigenen Follower, denen man zeigen will, welche Werte man vertritt“, so Silberstein. Shitstorms seien ein typisches Beispiel für die Aufmerksamkeitsökonomie, die durch die Mechanismen sozialer Netzwerke entstanden sei.

Aufmerksam bleiben die vielen Zuhörer in der Alten Feuerwache auch ohne die vielen Gags, die manche vielleicht erwartet hätten. Schlecky Silberstein widmet sich seinem Thema zwar fundiert und mit dem nötigen Ernst, macht das aber zugleich so locker und unterhaltsam, dass ihn das Publikum mit anhaltendem Applaus um eine Zugabe bittet. Und der ist womöglich sogar lauter als sonst: Nicht wenige dürften den reflexartigen Griff zum Smartphone nach Silbersteins Ausführungen gescheut haben. Zumindest für einen kurzen Moment. Andererseits: So ein Foto von Schlecky Silberstein aus der Nähe – das bringt sicher viele Likes, oder?

Eine musikalische Erinnerung an Roger Willemsen bei lesen.hören 13

IMG_5185Am Ende herrscht Stille im Saal der Alten Feuerwache. Sie bildet die Klammer des Abends über Roger Willemsens Liebe zur Musik. Musik werde aus der Stille geboren, aus der Ruhe der Betrachtung, hieß es im ersten vorgetragenen Text aus seinem Nachlass. Was die Stille mit der Musik verbinde, glaubte er, sei das Gefühl, ganz bei sich zu sein. Dies trifft auf viele Gäste und besonders die Veranstalter an diesem Abend aber nur bedingt zu: Sie sind mit ihren Gedanken am Ende nämlich ganz beim 2016 verstorbenen Roger Willemsen. Auch wenn es niemand so bezeichnet, ist die lange Stille eine Schweigeminute für den Mann, der für immer untrennbar mit lesen.hören verbunden sein wird. Willemsen war ab der ersten Ausgabe 2007 bis 2015 Schirmherr und Moderator, ab 2013 auch Programmleiter des Literaturfestivals – und egal, mit wem man vor Ort spricht: Er fehlt schmerzlich. Trotzdem ist Musik höre ich wehrlos keine Trauerveranstaltung, im Gegenteil. Stattdessen wollen alle Beteiligten, darunter auch ehemalige Wegbegleiter Willemsens, auf der Bühne seine große Leidenschaft für Musik feiern.

„Mit Roger gemeinsam Musik zu hören, war immer etwas Besonderes“, sagt Insa Wilke, die nach seinem Tod nicht nur die Programmleitung von Willemsen übernahm, sondern auch zu seiner Nachlassverwalterin wurde. „Er hat stets auch die Geschichten und Gefühle hinter den Liedern gehört.“ Obwohl er gerne und oft über Musik sprach, hat er zeitlebens leider kein Buch über sie geschrieben. Dafür aber etliche Texte, die er für Auftritte, Kolumnen, Booklets verfasst hatte. Wilke stellte hundert von ihnen für die 2018 erschienene Sammlung Musik! Über ein Lebensgefühl zusammen und ist davon überzeugt, dass Willemsen mit dieser Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre.

Ehrfurcht und Verachtung

Das gilt ganz sicher auch für die Gestaltung des Abends. Die Texte werden grandios von den Schauspielern Markus John und Marion Mainka vorgetragen, mit letzterer hatte sich Willemsen oft die Bühne geteilt. Auch mit dem Pianisten Frank Chastenier vom gleichnamigen Jazz-Trio verband den Intellektuellen eine lange gemeinsame Geschichte. Die Band gibt an diesem Abend musikalische Antworten auf die gelesenen Texte. Anstatt die Songs, über die Willemsen schrieb, bloß nachzuspielen, spürt sie den Empfindungen nach, die er in ihnen erkannte: Lebendigkeit. Liebe. Schmerz. Nicht nur für Jazz-Enthusiasten eine beeindruckende Performance, immer wieder brandet noch während der Stücke Applaus auf.

Architektur und Musik seien die einzigen Künste, die Räume erschaffen könnten, so Willemsen. Und tatsächlich: Während man seinen Essays über Kindheitserinnerungen an Spielmannszüge und Kirmesmusik oder die Biografien genialer Jazz-Musiker lauscht, wähnt man sich beinahe in seinem Wohnzimmer beim gemeinsamen Hören. Über Musik schrieb Willemsen fachkundig, ohne fachzusimpeln – immer spielte auch das ehrliche Interesse an dem Menschen hinter ihr eine Rolle, die Ehrfurcht vor der Magie, die Musik gleichermaßen aus dem Nichts wie aus dem Innersten heraus entstehen lässt. Umso offenkundiger war deshalb auch seine Verachtung gegenüber jener Musik, die sich lediglich als Ware begreift. Willemsens beißend ironischer Text über Modern Talking und Helene Fischer („das größte gemeinsame Einfache“) brachte das Publikum in der Alten Feuerwache immer wieder zum Lachen und sorgte damit für die richtige Dosis Auflockerung in einem ansonsten angemessen feierlichen Programm.

Musik, fand Willemsen, sei wie eine Landschaft. Wer unterwegs sein wolle, müsse sich verlieren können und Dinge hinter sich lassen. Eines an diesem Abend wird jedoch klar: Nur weil wir Roger Willemsen verloren haben, müssen wir ihn noch lange nicht hinter uns lassen. Dafür hat er uns in den Texten, die er hinterließ, noch viel zu viel zu sagen.


Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl. Herausgegeben von Insa Wilke, erschienen 2018 bei S.Fischer, 512 Seiten. Hier entlang zu meiner Besprechung von Roger Willemsens Wer wir waren.

Was ist das für 1 Kritik vong Internet her? Joshua Groß, Lisa Krusche und Lars Weisbrod im Gespräch bei lesen.hören 13

IMG_5136Man muss nicht die Tweets von Menschen wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verfolgen, um zu wissen, was falsch läuft in der Welt. Aber es hilft. Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta! Das komplette neoliberale Weltbild in a nutshell – Hut ab. Das kann, das sollte man kritisieren. Genau wie die AfD, wie Trump, die Brexiteers, die skrupellosen Konzerne, die ausbeuterischen Startups oder all die anderen Endgegner, die unsere Gegenwart zu der moralischen Bankrotterklärung machen, die sie nun mal ist. Allein: Es bringt nichts. Das jedenfalls meinen die Macher der Anthologie Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus, die Texte von Autoren wie Clemens Setz und Leif Randt oder Twitter-Künstlern wie Kurt Prödel, Startup Claus und Dax Werner vereint – und zu dem Schluss kommt, „dass der Neoliberalismus die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, bereits mitdenkt und nur mit und aus sich selbst heraus geschlagen werden kann.“ Klingt nach schwerer Kost? Ist tatsächlich aber ebenso komisch wie klug.

„Hier entsteht eine Generation junger Künstler, die eine neue Sprache und neue Formen suchen, um die Gegenwart zu erfassen“, glaubt lesen.hören-Programmleiterin Insa Wilke. Deshalb lud sie den Mitherausgeber des Bandes, Joshua Groß, und die Autorin Lisa Krusche ein, um im Jungen Nationaltheater gemeinsam mit dem Twitter-affinen ZEIT-Redakteur Lars Weisbrod über das Phänomen hinter Mindstate Malibu zu sprechen. „Besonders bei Twitter haben wir es mit neuen Sprachcodes zu tun, einem Mix aus Anspielungen und Versatzstücken etwa aus der Business-Sprache“, erklärt Weisbrod zu Anfang. Wie das im Konkreten aussieht? Die Stichworte sind Überaffirmation, Rekontextualisierung, Power-Dada. Etwa, indem sich in Tweets Inhalte zu Eigen gemacht werden, die eigentlich abgelehnt werden. Aber in schlecht. „Neoliberale Strategien werden zugespitzt und durch die Übersteigerung gebrochen“, sagt Lisa Krusche, die in Hildesheim literarisches Schreiben und in Braunschweig Kunstgeschichte studiert. Ganz neu sei das Konzept natürlich nicht, subversive Affirmation und Kommunikationsguerilla habe es schließlich bereits in den 60ern gegeben – das Internet habe die Form allerdings stark verändert. Vor allem ist es dort lustiger: „Es ist ermüdend, immer nur zu kritisieren – es darf auch Spaß machen.“ 

„In den letzten Jahren war das Schlagwort der merkelschen Alternativlosigkeit prägend“, sagt Herausgeber Joshua Groß, der 2018 als Autor beim Bachmann-Preis las. „Aber man kann Gegenwart auf sprachlich-ästhetischer Ebene anders denken.“ Etwa, indem man den vermeintlich motivierenden Tweet eines ausbeuterischen Startup-Chefs eins zu eins kopiere, dabei aber Fehler einbaue: „Das zeigt, dass an der Message etwas nicht stimmt.“ Für Krusche ist eine solche Rekodierung auch eine Form des Empowermemts, als Beispiel nennt sie die Instagrammerin Signe Pierce, die Geschlechterklischees auf die Spitze treibt und auf diese Weise hinterfragt: „Durch eine Rekontextualisierung schaue ich anders auf die Dinge. Man muss bloß einen Bruch, einen Riss einbauen.“

Nur: Warum muss das alles so trashig sein wie etwa das Musikvideo von Twitter-Autor Kurt Prödel, den sogar Clemens Setz als Vorbild nennt? Ist das nichts weiter als ein postmodernes Spiel mit Ironie? „Natürlich ist das ironisch“, sagt Groß. Es sei zugleich aber auch Kunst: „Wir leben in einer Zeit, in der wir immer performen müssen, keinen Makel haben dürfen. Das ist ein Bruch damit.“

„Wir brauchen eine utopische Kritik“

Am Beispiel des Rappers Money Boy zeigt sich dagegen, dass das Spiel mit Überaffirmation auch zu weit gehen kann. Der harte und ziemlich dämliche Gangster-Rapper ist eine Kunstfigur, in Wahrheit hat Sebastian Meisinger nicht nur einen Uni-Abschluss, sondern sogar seine Diplomarbeit über Rap und dessen Auswirkungen auf Jugendliche geschrieben. Dass er mit seinen frauenverachtenden Texten nur bekannte Klischees aufgreift, ändere jedoch nichts an ihrer negativen Wirkung, findet Lisa Krusche. Auch Groß glaubt, dass sich Meisinger inzwischen nicht mehr von der Kunstfigur trennen lasse: „Das ist wie bei Udo Lindenberg miteinander verschmolzen.“ Bei aller ironischen Überaffirmation darf der Ernst also nicht nicht gänzlich auf der Strecke bleiben. Joshua Groß bringt das im Twitter-Duktus auf den Punkt: „Nur wenn durch alle Ironie-Layer ein struggle durchscheint, ist es ein guter Tweet.“

Mit alles verneinender Kritik ist es für ihn ohnehin nicht getan. „Was wir brauchen, ist eine utopische Kritik. Entscheidend ist die Frage, wie wir in dieser Welt leben wollen“, so Groß. In diese Kerbe schlägt auch das Manifest des Podcast-Duos Creamspeak aus Mindstate Malibu, das zwischen den Gesprächen von Johannes Bauer, einem Schauspieler vom Jungen Nationaltheater, mit Verve vorgetragen wird: Ein sehr komischer und kluger Text über die Götter, die wir uns ausdenken, weil wir glauben, sie zu brauchen. Als wir den biblischen „Schlechte-Laune-Influencer“ hinter uns ließen, ersetzten wir ihn durch neue Götter wie Prestige, Leistung, Geld, einen Master in BWL. Paul Ziemiak gefällt das. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Tschuligom, was letzte preis?


Mindstate Malibu. Herausgegeben von Joshua Groß, Johannes Hertwig und Andy Kassier in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Erschienen bei Starfruit Publications, 320 Seiten. Zwei sehr lesenswerte Rezensionen zum Buch sind in der Süddeutschen und der ZEIT erschienen.

Auftakt von lesen.hören 13 mit Joachim Meyerhoff

IMG_5068Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin neidisch. Auch in Stuttgart gibt es schöne Veranstaltungsorte, selbst wenn die meisten im Vergleich zum imposanten Saal der Alten Feuerwache vermutlich den Kürzeren ziehen würden. Auch in Stuttgart gibt es interessante Lesungen oder tolle Literaturveranstaltungen wie etwa den Sommermarkt der unabhängigen Verlage. Aber ein 17-tägiges Literaturfest, das programmatisch so ziemlich alles richtig macht, was man richtig machen kann – und das ganz ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack trotzdem für ausverkaufte Lesungen sorgt? Das hat nur Mannheim. Ein bisschen ist es wie mit dem Neckar. Der fließt genauso durch Stuttgart wie durch Mannheim, nur gibt es in der Landeshauptstadt anders als hier keinen einzigen schönen Fleck zum Verweilen am Ufer. Es kommt eben drauf an, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Und darauf, was man will. Ein anspruchsvolles und zeitgemäßes Kulturprogramm anzubieten ist eine bewusste Entscheidung – und die braucht Leidenschaft und Engagement.

Beides spürt man bei allen, die lesen.hören 13 organisieren, mehr als deutlich. Entsprechend groß ist dann auch die Freude, wenn es nach Monaten der Planung und vielen Überstunden endlich losgeht und ein voller Saal die Mühen belohnt: Der Auftakt des dreizehnten Literarurfests ist restlos ausverkauft, und das gilt, wie der Geschäftsführer der Alten Feuerwache Sören Gerhold bei seiner Eröffnungsrede betont, für fast alle Veranstaltungen in den nächsten 17 Tagen – einschließlich des ebenso umfangreichen Kinder- und Jugendprogramms. Das ist alles andere als selbstverständlich, denkt man an sinkende Leserzahlen und die Dauerkrise der Buchbranche, die durch die KNV-Insolvenz gerade erst aufs Neue virulent geworden ist. Für die Strategie vieler Publikumsverlage, deshalb nur noch auf die angeblichen Lesebedürfnisse der Masse zu schielen, zeigt Insa Wilke, die Programmleiterin von lesen.hören 13, in ihrer Eröffnungsrede nur wenig Verständnis: „Bücher müssen aus Überzeugung gemacht werden. Dass wir uns beim Lesen bloß wohlfühlen wollen, ist ein Gerücht.“ Bücher sollten die simple wie entsetzliche Tatsache, dass wir alle sterben werden, nicht ausblenden – ganz im Gegenteil. „Wir suchen in Büchern das Leben, suchen Antworten auf die Fragen, die uns unser eigenes Leben stellt. Das ist die Funktion von Literatur.“

Joachim Meyerhoff war bereits seit Jahren Wunschkandidat

Allerdings schlössen Schmerz und Lachen einander nicht aus, findet Wilke – und leitet damit passend über zum ersten Gast des Literaturfests: Genau dieser Gegensatz zwischen Humor und Trauer macht schließlich den Kern von Joachim Meyerhoffs Romanen aus. Meyerhoff ist ein komischer Autor, die Bücher seines autobiografischen Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch sprudeln über vor Sprachwitz, Pointen und skurrilen Anekdoten – und doch ist da immer auch Schmerz, Leid und Trauer. Etwa über den Verlust seines Bruders, seine lange Erfolglosigkeit als Schauspieler, seine Selbstzweifel. Oder aber über die Liebe: Die steht nämlich im Fokus des vierten Bandes Die Zweisamkeit der Einzelgänger, aus dem Meyerhoff an diesem Abend liest. Schon seit Jahren versuchte das lesen.hören-Team, den Schauspieler und Autor nach Mannheim zu locken, nie hat es geklappt. Darum war es nach seiner Zusage für 2019 nur logisch, den ewigen Wunschkandidaten dann auch das Festival eröffnen zu lassen.

Von seinem Vortragskönnen haben sie sich nicht zu viel versprochen: Der Bühnenschauspieler Meyerhoff liest mit seiner sonoren Stimme so lebhaft, dass es beinahe an eine Performance grenzt, und hat das amüsierte Publikum von Anfang an im Griff. Bei vielen kann eine anderthalbstündige Wasserglaslesung schnell mal zur Geduldsprobe werden, Meyerhoff hingegen vermag die Zuhörer bis zur letzten Minute zu fesseln. Das liegt auch an seiner Textauswahl: Meyerhoff beschränkt sich auf die launigeren Passagen im Buch und will sein Publikum vor allem zum Lachen bringen: ein Familienurlaub auf Elba, in der er sich als Junge mit beschlagener Taucherbrille an den FKK-Strand wagt und vor allen seine erste Erektion bekommt. Ein nächtlicher Spaziergang mit seiner Freundin Hannah, der zu einem Einbruch und Sex in einem Schuhgeschäft führt. Eine Kunstperformance, die Meyerhoff ausgerechnet beim Vortrag von Paul Celans Gedicht Die Todesfuge mit einem Lachkrampf ruiniert. In je einem Text stellt Meyerhoff Hannah, Franka und Ilse vor – die drei Frauen, die er alle zur selben Zeit liebte. „Ich würde jetzt gerne betroffen gucken, aber: Ich fand das toll, es war eine aufregende Zeit – auch wenn sie natürlich in einer Katastrophe endete“, erklärt Meyerhoff amüsiert. „Davon handelt das Buch: Dass man sich nach Dingen sehnt, die schön sind, aber trotzdem nicht gehen.“

Das Publikum hätte sich auch nach anderthalb Stunden noch nach mehr gesehnt und bedankte sich bei Meyerhoff mit anhaltendem Applaus und einer langen Schlange vor dem Signierstand. Und ich? Hätte gerne etwas mehr von dem Schmerz erfahren, der Joachim Meyerhoffs Bücher eben genauso ausmacht wie ihr Humor. Dass sich Zuhörer bei Lesungen immer wohlfühlen wollen – auch das ist nämlich ein Gerücht. Ein Wermutstropfen, wenn auch nur ein kleiner: Bestens unterhalten habe ich mich trotzdem gefühlt. Umso größer ist nun meine Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen an diesem Wochenende.

 

lesen.hören 13 in Mannheim

Bildschirmfoto 2019-02-19 um 22.00.02Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt: Dass ich schon seit Monaten nicht mehr zum Bloggen komme, tut mir mehr weh als euch. Befürchte ich zumindest. Dabei würde ich zu gerne etwas über die Bücher schreiben, die ich zuletzt gelesen habe – und werde das auch tun, sobald ich wieder dazu komme. Momentan bin ich beruflich aber einfach zu stark eingespannt, um dem Anspruch, den ich an mich selbst beim Rezensieren stelle, wirklich gerecht zu werden. Zum Glück darf ich meinen Blog ab dem kommenden Wochenende aber zumindest zeitweise aus dem Winterschlaf wecken: Ich habe nämlich die Ehre, das dreizehnte lesen.hören-Literaturfest als Blogger zu begleiten und damit in die großen Fußstapfen von Caterina Kirsten und Isabella Caldart zu treten.

Ab dem 22. Februar steht die Alte Feuerwache in Mannheim wieder für 17 Tage ganz im Zeichen der Literatur und lädt zu abwechslungsreichen Veranstaltungen mit Autoren, Schauspielern, Journalisten, Kritikern und Musikern. Das Programm liest sich jedenfalls schon mal großartig, umso mehr freue ich mich deshalb aufs erste Hören am Freitag – den Auftakt macht der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff mit Die Zweisamkeit der Einzelgänger, dem vierten und vorerst letzten Band aus seinem autobiografischen Romanzyklus. Meinen ersten Blogbeitrag über lesen.hören 13 gibt es am Samstag aus dem Gästezimmer im Turm der Alten Feuerwache, Live-Eindrücke vor Ort natürlich bereits am Freitag Abend bei Instagram.