Bachmannpreis

Vier Leser im Gespräch: Literarisches Quartett bei lesen.hören 13

IMG_5341Ein Format, das nach dem Tod von Roger Willemsen drei Jahre lang ausgesetzt wurde, kehrt bei der letzten Veranstaltung von lesen.hören 13 auf vielfachen Wunsch des Publikums und in veränderter Form zurück: Für Vier Leser im Gespräch diskutiert Programmleiterin Insa Wilke vom SWR lesenswertquartett fortan mit drei wechselnden „markanten Stimmen der Literaturkritik“ über aktuelle Bücher. In diesem Jahr zu Gast sind Wiebke Porombka von Deutschlandradio Kultur, aktuell Jurorin für den Preis der Leipziger Buchmesse, Marie Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, die 2019 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde, sowie der Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Klaus Kastberger. Das Prinzip ist bekannt: Jeder stellt der Runde jeweils einen aktuellen Roman zur Diskussion.

Michel Houellebecq: Serotonin

Das erste Buch, über das die Runde spricht, ist das unvermeidliche Serotonin von Michel Houellebecq – um das man, so Marie Schmidt, die den Roman zur Diskussion stellt, als Literaturkritiker praktisch nicht herumkomme. „Houellebecqs Bücher gehören zum Genre der gelesenen Literatur, sie werden in allen Feuilletons gleich am Erscheinungstag besprochen und sind immer Bestseller“, so Schmidt. Sie frage sich, warum das so sei: Serotonin sei schließlich auf allen Ebenen ein zutiefst depressiver Roman. Für Wiebke Porombka ist es darüber hinaus auch ein sowohl sprachlich als auch inhaltlich bloß mittelmäßiges Buch, das zudem noch von Houellebecqs fragwürdigen politischen Äußerungen überschattet werde. „Seine Provokationen wecken natürlich einen gewissen Kitzel“, erklärt sich Porombka den Hype um seine Veröffentlichungen. „Man sollte ihn aber infrage stellen.“ Kastberger glaubt ohnehin, dass zu Houellebecq schon lange vor Serotonin bereits alles gesagt worden sei. „Es ist ein Buch für den alten weißen Mann, also mich – aber ich fand’s auch nicht toll“, sagt er. „Warum sollte man dem widerwärtigen Protagonisten Empathie entgegenbringen? Er ist ein Schweinehund, die End- und Schwundstufe des Bildungsbürgers.“ Marie Schmidt attestiert Houellebecqs Figur dagegen eine tiefe Verlassenheit und das Bedauern darüber, dass er seinen eigenen Ansprüchen und Idealen nicht gerecht werde. „Die Impotenz des Protagonisten empfand ich als metaphorisch“, glaubt auch Wilke. „Er ist als Mann nicht mehr handlungsfähig.“ Zu ihrer Überraschung hat Wilke die erste Hälfte des Romans sogar gefallen, sie hält sein Thema zudem für durchaus relevant: Es gehe um das alte Konzept des Männlichen, das zwar überholt sei, aber eben nicht kampflos abgetreten werde. Kastberger warnt jedoch davor, die gesellschaftliche Wirkung von Serotonin zu unterschätzen: „Das Buch ist attraktiv für Leute, die genau dieses Weltbild wieder reaktivieren wollen.“ Ob das vom Autor beabsichtigt sei, hält er für unerheblich: „Die  Rechten lesen und besprechen das Buch, diese Lesart gibt es also.“

Aura Xilonen: Gringo Champ

Als nächsten Roman stellte Wiebke Porombka Gringo Champ von Aura Xilonen vor, der – von Susanne Lange – übersetzt – aktuell auch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Für Porombka ist das Buch der 19-jährigen Mexikanerin ein Ereignis: „Der Plot um den jungen Mann, der es über die Grenze in die USA schafft, ist für mich eine doppelte Emanzipationsgeschichte.“ Durch seine Arbeit als Handlanger in einem Buchladen entdecke er die Literatur für sich, zugleich emanzipiere er sich aber auch auf der körperlichen Ebene als Boxer. Vor allem zeichne sich Gringo Champ durch seine besondere Sprache aus. Genau diese ist jedoch der Hauptkritikpunkt von Kastberger: „Die Mischung aus Streetslang und Trendwörtern wirkt auf mich forciert und war besonders auf den ersten 50 Seiten sehr anstrengend.“ Daran gewöhne man sich zwar, die deutsche Sprache sei für einen solchen Sound jedoch einfach nicht gemacht. „Der Witz ist ja, dass es diese mit Codes vermischte Sprache so nicht gibt“, wendet Schmidt dagegen ein. Auch sie sei anfangs skeptisch gewesen, der Roman habe aber eine besondere Stimmung sowie eine starke, präsente Körperlichkeit. Den Ausgang des Romans empfand Insa Wilke allerdings als ziemlich konservativ –  mit Bildung und Arbeit werde alles gut. Für Porombka kein Problem: „Gringo Champ ist ein Buch über die emanzipatorische Kraft des Lesens.“

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge

Über Klaus Kastbergers Diskussionsvorschlag gibt es im Grunde keine Diskussion: Für alle auf dem Podium ist Clemens Setz einer der besten Schriftsteller seiner Generation. „Setz ist ein Außerirdischer, der über Graz abgeworfen wurde“, sagt Kastberger, der Der Trost runder Dinge für dessen bislang bestes Werk hält. „Es liest sich wie Science Fiction aus der Gegenwart.“ Die Geschichten seien schräg und abgehoben, aber trotzdem nicht so abgedriftet, dass man sie nicht auf unsere Kultur übertragen könne. „Setz wird oft mit Kafka oder Poe verglichen“, sagt Porombka und empfindet das als durchaus passend. „Auch seine Literatur ist oft ein Spiel mit dem Einbruch des Sonderbaren im Leben, ein Spiel mit Ängsten und Phantasien.“ Insa Wilke bringt den Kern seiner Texte mit einem Zitat von David Foster Wallace auf den Punkt, das Clemens Setz in seinem Manifest für die Literatur der Zukunft auch selbst verwendete: Man müsse mit Literatur die Bequemen verstören und die Verstörten trösten. Auch Marie Schmidt ist der Ansicht, dass Setz der beste Autor unserer Generation sei, muss aber gestehen, noch keines seiner Bücher zu Ende gelesen zu haben: „Ich bleibe immer an seinen vielen besonderen Sätzen hängen.“

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde

Als letztes stellt Insa Wilke ein schonungslos intimes Buch zur Diskussion, über das – zu Unrecht, wie Wilke findet – in der Literaturkritik geschwiegen wurde. In ihrem Buch Tage wie Hunde setzt sich Ruth Schweikert mit ihrer eigenen Brustkrebsdiagnose auseinander. Dennoch gehe es bei dem Buch weder um Anteilnahme noch darum, Mitleid zu erregen, so Wilke. „Schweikert erkundet vielmehr, was die Krankheit mit einem selbst und mit dem Umfeld macht.“ Für Porombka war es das härteste Buch aus der Auswahl des Abends und vor allem deshalb schwer zu lesen, weil der Krebs nicht als Metapher diene, sondern rein medizinisch betrachtet werde. Die literarische Qualität des Buches stellt sie jedoch nicht infrage, vor allem hebt sie seine gelungene fragmentarische Form hervor. „Sowohl am Ende von Absätzen als auch am Schluss setzt Schweikert keine Punkte – es soll nicht enden“, so Porombkas Interpretation. Auch Kastberger war mehr als positiv überrascht von dem Roman: „Das ist kein Brustkrebstagebuch, keine Betroffenheitsliteratur, sondern ein literarisches Ereignis.“ Tage wie Hunde sei eines der reflektiertesten Bücher, das er je über eine eigene Erkrankung gelesen habe.

Zugabe!

Zum Abschluss bittet lesen.hören 13-Programmleiterin Insa Wilke das gesamte Team auf die Bühne, das in den vergangenen 17 Tagen so hervorragende Arbeit geleistet hat, entsprechend groß ist der Applaus des Publikums. Hier wäre jetzt eigentlich auch ein Fazit des Festivalbloggers angebracht – den spare ich mir aber noch auf. Ganz zu Ende ist lesen.hören 13 nämlich nicht nicht: Am 3. April kommt Die Ärzte-Drummer Bela B. mit seinem Debütroman Scharnow für eine Festival-Zugabe nach Mannheim – ein guter Grund, noch einmal ins gemütliche Turmzimmer der Alten Feuerwache zurückzukehren!

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Der alte Mann und der Wald. Über „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian

img_4699Die Risiken und Nebenwirkungen des Alters sind gemeinhin bekannt. Den unaufhaltsamen Verlust körperlicher und geistiger Gesundheit kennt man aus dem Kleingedruckten, darauf ist man gefasst. Auf eine besonders lästige Eigenschaft des Altwerdens sind allerdings die Wenigsten vorbereitet: dass das Leben einen nun zwingt, loszulassen. Und zwar nicht nur jene, die man liebt. Sondern auch sich selbst – die Person, die man einmal war. Von niemandem gebraucht zu werden und keine Aufgabe mehr im Leben zu haben, lässt viele vereinsamen. Manche suchen sich einfach eine neue Aufgabe, geben sich etwa hingebungsvoll der Gartenarbeit hin; andere dagegen können sich mit dem Verlust ihrer Funktion nicht abfinden und halten verzweifelt an ihr fest. Und dann gibt es noch Menschen wie Erich: Auf die über achtzigjährige Hauptfigur von Ada Dorians Debütroman Betrunkene Bäume trifft all dies nämlich auf einmal zu.

Einst reiste Erich in einer abenteuerlichen Expedition durch Sibirien und erforschte die Bäume der Taiga, Jahrzehnte später ist er aber nur noch ein Schatten seiner selbst, der verzweifelt um seine Unabhängigkeit kämpft. Längst ist er zu alt, um alleine in seiner Wohnung zu leben; die Bemühungen seiner vielbeschäftigten, aber ehrlich besorgten Tochter Irina, ihm einen Platz im Altenheim oder wenigstens eine Pflegehilfe zu organisieren, sabotiert Erich jedoch nach Kräften. Sein Stolz ist größer als die Vernunft: Als Wissenschaftler auch im Ruhestand noch geachtet, wertet Erich weiterhin regelmäßig Klimadaten aus Russland aus. Aber nicht nur die Forschung, glaubt er, brauche ihn noch – auch sein Geheimnis im Schlafzimmer will Erich um jeden Preis bewahren: sein eigener kleiner Wald, der ihm spätestens, als Vögel darin nisten, über den Kopf gewachsen ist…

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Nachdem ihm Stolz und Arbeitseifer die halbe Familie gekostet haben, ist der Wald alles, was ihm geblieben ist; ein Umzug ins Altersheim würde Erich deshalb nicht nur die Selbstachtung nehmen, sondern ihn auch endgültig von seinem Leben und dem, was es ausmachte, entwurzeln. Erst die Bekanntschaft mit einer Teenagerin zwingt den starrköpfigen Professor zum Umdenken: Katharina, die nach der Trennung ihrer Eltern von zuhause ausgerissen ist und sich seither in Erichs leerstehender Nachbarwohnung versteckt, ist auf der Suche nach ihrem Vater, den es beruflich nach Sibirien verschlagen hat. Als beide einander helfen, entsteht eine ungleiche Freundschaft, die Erich mit den großen Fehlern seines Lebens konfrontiert: Unausgesprochene Wahrheiten, selbstsüchtige Entscheidungen und gebrochene Versprechen kommen ans Licht. Immer mehr kreisen sich seine Gedanken um die Vergangenheit und seine schicksalhafte Zeit in der sibirischen Taiga – für Erich ein Sehnsuchtsort aus mehr als nur einem Grund. Denn Heimat kann sehr viel mehr bedeuten als bloß einen Ort. Es kann auch eine Aufgabe sein, ein Gebrauchtwerden. Oder aber ein Mensch, den man liebt.

Gelungenes Debüt mit Schwächen

Ein alter Mann, der noch einmal auf sein Leben zurückschaut und sich endlich der Schuld stellt, die er einst auf sich geladen hat – natürlich ist das ein sehr gängiger Topos in der Literatur. Ada Dorian gelingt es dennoch, Erich zu einer interessanten Figur zu machen. Sein Wald im Schlafzimmer ist ein starkes und eindringliches Bild, das trotz aller Skurrilität glaubwürdig bleibt und dem Roman genau wie der Verweis auf das Phänomen der betrunkenen Bäume metaphorische Tiefe verleiht. Ganz besonders die Rückblenden auf Erichs Sibirien-Expedition mit dem Landstreicher Wolodja, eine Randfigur, deren Bedeutung sich erst spät herausstellt, sind spannend und atmosphärisch gelungen. Tatsächlich wünscht man sich, mehr von den Abenteuern der beiden zu lesen – eigentlich ein gutes Zeichen für einen Roman. Dagegen kann der zweite Handlungsstrang rund um Katharina leider deutlich weniger überzeugen. Im Gegenteil zu Erich bleibt ihre Figur blass und teils unglaubwürdig; vor allem den Umgang mit zwielichtigen Figuren, die sie beinahe auf die schiefe Bahn geraten lassen, kauft man der etwas einfältigen Katharina nicht ab. An manchen Stellen fühlt man sich in ihren Kapiteln beinahe an ein Jugendbuch oder die plakativen Abziehfiguren einer Soap erinnert. Im Interview beim Blog@bout in Berlin sprach Ada Dorian davon, als Kind vor allem Zeit mit den Alten in ihrer Familie verbracht zu haben – vielleicht ist das einer der Gründe, warum Erich so glaubwürdig und nachvollziehbar geraten ist. Umso bedauerlicher ist es, dass der Roman beim Wechsel zu Katharinas Perspektive stets an Intensität verliert, obwohl die Grundidee ihrer unerwarteten Verbindung eine gute ist.

Dennoch ist Betrunkene Bäume insgesamt ein gelungener Roman über Heimat und Entwurzelung, Selbstbestimmung und Verantwortung geworden, der sich schnell liest, aber umso länger nachwirkt. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass Ada Dorian bei ihrem Debüt noch ein wenig Luft nach oben gelassen hat: Schon im Herbst veröffentlicht Ullstein ihren zweiten Roman.


Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Der Roman erscheint am 24.2. bei Ullstein als erster Titel des neuen Imprints Ullstein fünf. Zu meinem Bericht über das Blog@bout mit der Autorin und dem Ullstein fünf-Team geht es hier entlang. Eine sehr schöne und treffende Rezension ist auch bei Lust auf Lesen erschienen.

Mein schönstes Ferienerlebnis: Ullstein fünf blog@bout mit Ada Dorian

img_8433Sich einmal vor den Marketingkarren spannen lassen: warum nicht? In anderen Branchen ist das Gang und Gäbe. Beautyblogger bekommen wahrscheinlich genügend Schminke zugeschickt, um ganze Häuserfassaden großflächig mit Herzchen-Streetart zu versehen – um jeden Lipgloss einen Geldschein gewickelt. Reiseblogger schreiben im reservierten Liegestuhl unvoreingenommen über 5-Sterne-Bunker, während ihnen der Hoteldirektor persönlich die Füße massiert. Und wer Unterhaltungselektronik testet, bekommt sie frei Haus von Tech-Nick himself in den siebten Stock geschleppt und verbraucht mit seinem kostenlosen Geräte-Arsenal an einem Tag vermutlich mehr Strom als Nordkorea im Winter. Wir Literaturblogger dagegen? Geben uns mit lausigen Rezensionsexemparen zufrieden. Zuletzt habe ich mir den neuen Auster schicken lassen – wie lange brauche ich für 1259 Seiten plus Rezension? Jedenfalls lange genug, um die 30 Euro für das Buch nicht als Stundenlohn gelten zu lassen. Eigentlich müsste mir Rowohlt eine Volontärin schicken, die mir den Wälzer vorliest. Während sie meine Wohnung putzt. Nackt.

Natürlich ist das nicht nur sexistisch, sondern auch Quatsch: Wer über Literatur bloggt, macht das zunächst einmal freiwillig – und vor allem macht er es gerne. Und zwar, weil echte Leidenschaft dahintersteckt. Liebe zur Literatur. Aber nichtsdestotrotz freuen wir uns über Wertschätzung, schließlich lässt sich auch der gemeine Literaturblogger gerne einmal bauchpinseln. Selbstverständlich sind Bloggeraktionen von Verlagen nichts weiter als Marketingkalkül. Denn auch wenn es eine schöne Idee für Literaturliebhaber ist: Wer sich von Hanser für Ein wenig Leben zum Lese-Retreat in eine einsame Hütte einladen lässt, macht sich damit zum Teil einer Kampagne – selbst ohne die Angst im Nacken, dass, während man liest und rezensiert, Jo Lendle als Hommage an Misery mit einem Hammer am Fußende des Bettes sitzt. Dasselbe gilt für die Einladung vom Ullstein-Verlag zum Blog@bout über ihre Autorin Ada Dorian: Anreise, Hotel und Restaurantbesuch für lau und obendrein ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Bloggerfreunden – da lässt man sich doch gerne mal vor den Marketingkarren spannen!

Ein etwas zynischer Einstieg? Fürwahr. Aber tatsächlich musste ich mein Pulver früh verschießen, weil am Bloggerevent in Berlin nämlich rein gar nichts zynisch war. Im Gegenteil: Das kleine Team, das hinter dem neuen Imprint Ullstein fünf steht, bewies vielmehr, mit wieviel Leidenschaft und Begeisterung es sein erstes Programm auf die Beine gestellt hat. In der Vorstellung des Spitzentitels, Betrunkene Bäume von Bachmannpreis-Kandidatin Ada Dorian, schwang stets echter Stolz mit: Alle im abteilungsübergreifenden Team rund um Lektorin Ulrike von Stenglin glauben fest an den Titel und ihre Autorin. Umso legitimer ist es, dass sie alles dafür tun, um die (in diesem Programm: junge) Gegenwartsliteratur bei Ullstein fünf zum Erfolg zu führen. Der erste Blog@bout war deshalb alles andere als eine Kaffeefahrt mit Heizkissenzwang, sondern ein entspanntes, offenes und sehr freundschaftliches Treffen zwischen Literaturliebhabern auf beiden Seiten. Nach der Begrüßung und einer Führung durch das schöne Verlagsgebäude, in dem die Entstehung eines Titels vom ersten bis zum letzten Schritt am Beispiel von Betrunkene Bäume durchgespielt wurde, stellten Ada Dorian und Moderatorin Julia Korbik mit einer kurzen Lesung und etwas längeren Fragerunde den Debütroman vor. Während des anschließenden Restaurantbesuchs gab es in einer Art Speeddating auch die Gelegenheit zum kurzen Einzelgespräch mit der Autorin – eine schöne Idee, die ich, weil die Atmosphäre unter allen Beteiligten ohnehin schon sehr zwanglos war, allerdings nicht wahrgenommen habe. Auch so kam im Laufe des (durchaus ausschweifenden) Abends fast jeder mit jedem einmal ins Gespräch.

Anders als erwartet blieb am Tag der Rückreise (neben dem Kater) kein fader Beigeschmack zurück, bloß Teil einer großen und ziemlich ehrgeizigen Kampagne zu sein, sondern vielmehr die Erinnerung an einen sympathischen und informativen Austausch unter Gleichgesinnten, die die Begeisterung für gute Literatur verbindet. Und das bringt uns schnurstracks zur anfänglichen Frage zurück: Sich einmal vor den Marketingkarren spannen lassen – warum nicht, wenn so viel Leidenschaft dahintersteckt?


Betrunkene Bäume von Ada Dorian erscheint am 24.2.2017. Meine Rezension zum Roman lest ihr schon eine Woche früher – am 17.2. – auf diesem Blog. Und wer sich etwas mehr für die hard facts interessiert: Isabella Caldart von Novellieren hat definitiv ein besseres Gedächtnis als ich – oder gleich das Notizbuch aus dem Goodie Bag eingeweiht; in jedem Fall ein lesenswerter Artikel (beziehungsweise zwei). Auch bei Fräulein Julia ist ein schöner Bericht erschienen.

Was vom Jahre übrig blieb: Kurzrezensionen

Seit der Frankfurter Buchmesse herrscht Funkstille auf meinem Blog. Was ist da los? Fun Fact: Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Nach Veröffentlichung der siebten Ausgabe von ]trash[pool habe ich mich in den letzten Monaten vor allem auf meinen neuen Roman konzentriert, den ich – so der Prokrastinationsgott will – im Frühjahr fertigstellen werde. Deshalb sind viele Bücher, die ich 2016 hier besprechen wollte, leider ein wenig unter die Räder gekommen. Einige von ihnen habe ich zumindest in meinen regelmäßigen Buchempfehlungen im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT vorgestellt; das nahende Jahresende ist jedenfalls ein guter Anlass, um die digitale Schublade auszumisten und ein paar kurze Empfehlungen nachzureichen.


1. Die Dicken:

Unterleuten von Juli ZehJULI ZEH – UNTERLEUTEN
Ein Bestseller über die Eskalation eines Dorfstreits? Natürlich ist es keine Überraschung: dass die Welt auf dem Land noch in Ordnung zu sein scheint, sich in Wahrheit aber auch die größten Probleme im Kleinen spiegeln. Es sind jedoch vor allem die glaubwürdigen und ambivalenten Figuren, die Unterleuten zu einem großartigen Gesellschaftsroman machen. Die Verweise auf Jonathan Franzen – eine Figur ist Vogelschützer, eine andere heißt Franzen mit Nachnamen – sind sicher kein Zufall: Tatsächlich hat Juli Zeh in diesem Jahr den gelungeneren Franzen-Roman geschrieben als der Meister selbst. Für mich neben Thomas Melles Die Welt im Rücken der beste deutschsprachige Roman 2016!
[Luchterhand, 640 S.]

978-3-498-02137-5JONATHAN FRANZEN – UNSCHULD
Bei Franzen weiß man, was man bekommt. Es ist alles da: die typischen Franzen-Figuren mit ihren biografischen Brüchen und persönlichen Krisen. Das aktuelle gesellschaftspolitische Thema als Folie für einen Plot, der sich erst nach und nach erschließt. Schließlich der langersehnte Aha-Moment, der endlich Klarheit bringt und die Erzählstränge zusammenführt. Nicht alle Figuren und Subplots sind gelungen, besonders die Hauptfigur Pip macht den Einstieg in den Roman überraschend holprig – auch wenn man sie, nachdem man Bekanntschaft mit ihrer Mutter gemacht hat, deutlich besser versteht. Aber die Geduld wird belohnt: Mit zunehmender Seitenzahl – und in diesem Punkt knausert der gute, alte Franzen ja nie – gewinnt Unschuld an Brillanz und entwickelt auch die Sogkraft, die man von seinen Romanen gewohnt ist. Ich habe Unschuld gerne gelesen, sehr gerne sogar. Nichtsdestotrotz schleicht sich langsam ein wenig Gewöhnung ein. Gerne darf sich der gute, alte Franzen für die Erzählstruktur, die seit den Korrekturen stets demselben Schema folgt, bei seinem nächsten Roman mal etwas Neues einfallen lassen. [Rowohlt, 830 S, übersetzt von Bettina Abarbanell & Eike Schönfeld]

2. Die Dünnen:

amanda-lee-koe_ministerium_350AMANDA LEE KOE: MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE ERREGUNG. STORIES
Die singapurische Autorin erzählt Geschichten aus einer anderen Welt, einem anderen Leben: über Frauen am Rand der Gesellschaft, die sich einen Rest an Würde und Souveränität bewahren wollen. Über ungleiche Freundschaften, Abhängigkeiten und die Unmöglichkeit von Liebe über Grenzen hinweg. Ein grandioses Debüt voller ungewöhnlicher Perspektiven und überraschender Einblicke. [CulturBooks, 240 S., aus dem Englischen von Zoë Beck]

9783608983074JAN SNELA – MILCHGESICHT. EIN BESTIARIUM DER LIEBE
Gehörnte Männer, die in Milch baden oder Katzenfutter essen. Eine Liebesgeschichte mit einem Wiesel oder ein One Night Stand mit einem Geist. In den skurrilen Erzählungen von Open Mike-Gewinner und Bachmann-Kandidat Jan Snela gelten ganz eigene Regeln. Eines eint sie aber alle: die eigenwillige, detailverliebte Sprache, in der kein Wort dem Zufall überlassen wird. [Klett Cotta, 184 S.]

tumblr_ogbnf87y5w1snbv2io2_1280MICHAELA MARIA MÜLLER – AUF SEE. DIE GESCHICHTE VON AYAN UND SAMIR
Die Journalistin schreibt über ein somalisches Paar, das vom Bürgerkrieg getrennt wird. Auf See ist ein gut recherchierter Hybrid aus Reportage und Erzählung über die täglichen Tragödien vor der Küste Lampedusas. Trotz seines Themas ist das Buch weder belehrend noch rührselig, sondern gleichermaßen nüchtern wie emphatisch – und eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Meldung die Geschichte eines Menschen steckt.
[Frohmann, 144 S.]

Egal. Über Ronja von Rönnes „Wir kommen“

wirkommenWir sollen uns Sorgen um Nora machen: Nora, die zunehmend unglücklich in einer Viererbeziehung lebt. Nora, die plötzlich Panikattacken hat und deshalb einen Therapeuten aufsucht. Nora, die nicht wahrhaben will, dass ihre Kindheitsfreundin Maja tatsächlich gestorben ist. Wenn wir uns in Ronja von Rönnes Debütroman Wir kommen um jemanden Sorgen machen sollen, dann klingt das so: „Seit zwei Wochen kippt alles, was gut war, ins nicht so Gute.“ Ein Satz mit der emotionalen Wucht ironischer Postkarten aus dem Werbeständer – und davon gibt es viele in diesem Roman.

Am Anfang von Wir kommen steht der Unglaube an Majas Tod, und das ist insofern passend, als dass Maja, die wir in eingestreuten Rückblenden kennen lernen dürfen, mit Abstand die lebendigste Figur des Romans ist. Laut Ich-Erzählerin Nora war alles an Maja unbedingt, und das unterscheidet sie stark von Nora und ihren Partnern Jonas, Leonie und Karl: Das Vierergespann mit der Erotik einer gelangweilten Soziologen-WG ist nämlich eher larifari als unbedingt und bleibt dem Leser deshalb leider auch ziemlich egal. Die permanente selbstreflexierende Ironisierung des Geschehens macht Wir kommen zwar stellenweise zu einer amüsanten Lektüre, schafft zugleich aber auch eine Distanz, die kaum Empathie mit den Figuren zulässt.

Harte Schale, toter Kern

Natürlich ist das Absicht: Die Gleichgültigkeit und Taubheit sind symptomatisch für Noras emotional unaufrichtiges Leben, in dem alles bloß Behauptung, bloß Fassade ist. Die Beziehung, in der alle zu viert einsamer sind als zu zweit, wird nur noch von der Idee zusammengehalten und steht kurz vor dem Aus. Auch der Job fürs Trashfernsehen und ihr oberflächliches Umfeld aus Kreativen und Halbprominenten füllen Noras Leben schon lange nicht mehr aus. Nora geht es wie der Schildkröte ihrer Freundin, die sie, ohne dass sie es bemerkt, tagelang als Leiche spazieren trägt: Unter der harten Schale zum Schein ist sie innerlich längst tot. Noras Panikattacken sind nicht nur ein Ventil für unterdrückten Schmerz – sie zeugen auch von einer seelischen Notwendigkeit, endlich wieder etwas zu fühlen, etwas Echtes, Unbedingtes. Zum Beispiel die echte Nähe und unbedingte Verbundenheit, nach der sie sich insgeheim mit Jonas sehnt.

Leider gelingt es Ronja von Rönne nicht, diese emotionale Dringlichkeit glaubhaft zu vermitteln. Noras Ängste lassen sich als Leser nicht nachempfinden, sondern werden bloß behauptet; sie sind erkennbar Teil einer literarischen Versuchsanordnung vom Reißbrett, deren Figuren stets Schablonen bleiben – und damit egal. Das ist tatsächlich schade: Wir kommen ist ein amüsantes Debüt mit Sprachwitz und Tempo, das, obwohl es sich oft eher wie eine Kolumne mit Überlänge als wie ein Roman liest, an manchen Stellen durchaus brilliert. Die Idee, mit einem Flüchtling als angesagtes Must-have-Accessoire auf einer Party zu prahlen („Ich habe jetzt auch einen!“) ist zum Beispiel großartige Satire. Doch auch Noras seelische Erkrankung wird wie ein erzählerisches me-too abgehakt: hat man heute eben so in Romanen junger AutorInnen, gehört halt dazu. Der Roman nimmt die Krankheit nicht ernst, und das ist wahrscheinlich das Ärgerlichste und Enttäuschendste an ihm – dicht gefolgt von der Vermutung, dass Ronja von Rönne mit mehr Zeit und weniger Hype vielleicht ein sehr viel besserer Roman gelungen wäre.


Ronja von Rönne: Wir kommen. Erschienen im Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03632-4. Andere Besprechungen u.a. bei Buchrevier oder auf Literaturen.