Autor: Frank O. Rudkoffsky

Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[pool & Autor.

Tatsächlich Gold. Über „Stromland“ von Florian Wacker

Florian Wacker - StromlandEigentlich fing sie ganz gewöhnlich an, die Erzählung, die uns Florian Wacker für die siebte Ausgabe von ]trash[pool geschickt hatte: Ein Mann kauft sich in Deutschland Tacos in einer Burrito-Bude und lässt seiner Fantasie dabei freien Lauf: „Ich stelle mir manchmal vor, dass der Burrito-Mann verzweifelt nach einem Schatz sucht, so wie die spanischen Eroberer in Brasilien, in Chile und in Ecuador danach suchten und außer einigen winzigen Klümpchen nur die Malaria fanden. Ich stelle ihn mir vor mit einer Hellebarde, mit dem typischen Helm der Konquistadoren, so steht er am Bahnhof und hält Ausschau, und wenn ein Güterzug mit Kupferrollen vorbeifährt, springt er auf, um das seltene Metall an sich zu reißen.“ Plötzlich wechselt in Gold jedoch die Perspektive, springt Florian Wacker von einer Figur zur nächsten und spannt einen Bogen vom Burrito-Verkäufer zu einem Geschäftsmann, der sich Gedanken um die schwankenden Goldpreise macht, zu Abenteuerurlaubern und Goldschürfern in Südamerika. Eine virtuos verschachtelte, teils absurde Erzählung, deren letzter Satz mein Urteil als ]trash[pool-Herausgeber bereits vorwegnahm: „Gold, denke ich, es ist tatsächlich Gold.“

Umso mehr freute ich mich über die Vorschau zu Florian Wackers drittem Buch Stromland: Von einer Reise ins Herz der Finsternis war darin die Rede, von Glücksjägern und Abenteurern in den Tiefen des tropischen Regenwalds, vom Sinnsuchen und sich Verlieren. Wacker hatte sich also offensichtlich noch intensiver mit dem Thema seiner Erzählung auseinandergesetzt – und obendrein einen Roman geschrieben, mit dessen Schlagwörtern man mich nur allzu leicht ködern kann. Schon ging es mir wie manchen seiner Figuren: Die Gier nach Gold war geweckt. Niemand, der ein Nugget findet, gibt sich damit zufrieden. Aber kaum ist die Gier geweckt, setzt die Vernunft aus – genau das ist es ja, was so viele am Amazonas und anderswo in der Welt schon ins Verderben stürzte.

Auf der Suche nach einem verschollenen Bruder

Die Gefahr, von Stromland enttäuscht zu werden, war also groß. Nach den ersten Seiten wurde die Fallhöhe nicht gerade kleiner: Wackers bildhafte und sinnliche Beschreibungen des peruanischen Regenwalds riefen sofort Erinnerungen an meine eigenen Treks im thailändischen Dschungel wach, zogen mich in ihren Bann wie all die Verheißungen von Reichtum und Glück, die die beschriebenen Konquistadoren ins Niemandsland des Amazonasdeltas trieben und zumeist bloß den Tod finden ließen. Zeitsprünge über mehrere Jahrhunderte und die vielen Figuren zu Anfang erweckten, obwohl unterhaltsam und spannend geschrieben, aber auch den Eindruck einer fordernden, vielleicht sogar beschwerlichen Reise. Tatsächlich folgt dem ersten Teil mit historischen Schlaglichtern jedoch ein überraschend geradliniger Plot über die Suche nach einem verlorenen Bruder.

Irinas Zwillingsbruder Thomas war Kameramann bei Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes mit Klaus Kinski – für den leidenschaftlichen Cineasten ein erfüllter Lebenstraum, zugleich aber auch eine Art spirituelles Erweckungserlebnis. Fasziniert von der ungebändigten Natur blieb er nach dem Ende der Dreharbeiten in Peru und ließ sich zunächst treiben, lebte einfach in den Tag hinein. Schon bald zog es ihn, auf der Suche nach Sinn und einem alten Mythos, aber immer tiefer in den Regenwald hinein. Irgendwann hörten die zunehmend esoterischen Briefe, die er Irina schrieb, einfach auf: Thomas war verschwunden. Jahre später reist Irina gemeinsam mit ihrem Freund Hilmar nach Iquitos, um nach ihm zu suchen. Die wenigen Spuren, die Thomas dort hinterlassen hat, versanden allerdings schnell, auch ehemalige Weggefährten ihres Bruders verweisen bloß auf den Dschungel, aus dem schon so viele vor ihm nie zurückgekehrt waren. Irina aber ist fest entschlossen, Thomas ausfindig zu machen. Sie schlägt, den Hinweisen aus seinen Briefen folgend, mit Hilmar denselben Weg ein wie einst ihr Bruder – und reiht sich damit in die Riege derer ein, die schon seit Jahrhunderten in die so lebendige wie lebensfeindliche Region aufbrachen, um dort etwas zu finden: Gold. Land. Naturvölker, die es zu missionieren galt. Spiritualität. Oder eben: einen verschollenen Zwilling. Die meisten zahlten einen hohen Preis für ihre Unvernunft und Gier, fanden im Dschungel nichts als Siechtum, Wahnsinn und Tod.

Jedes Puzzleteil ein Nugget – auch für den Leser

Auch Irina und Hilmar müssen schnell feststellen, dass im Urwald ganz eigene Gesetze herrschen – und dass die größte Gefahr zumeist vom Menschen ausgeht. Sie begegnen nicht nur Ureinwohnern, die friedlich im Einklang mit der Natur leben, sondern auch wahnsinnig gewordenen Goldschürfern, Escobars Drogenhändlern im Kampf ums weiße Gold, Nachfahren deutscher Einwanderer, die seit Jahrhunderten mit allen nötigen Mitteln um ihr Land und ihr Überleben kämpfen. Besonders Letztere stehen bald im Zentrum des Romans: Mit den Wilhelmis, die sich inmitten des Regenwalds in einer deutschen Siedlergemeinschaft gegen den Zeitgeist behaupten und dabei – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ein bisschen an die Aussteigerkommune in Alex Garlands Der Strand erinnern, schließt sich auch der Kreis zu den historischen Schlaglichtern des ersten Teils. Hier, glaubt Irina, hat sich ihr Bruder Thomas zuletzt aufgehalten – und doch will ihn niemand aus der gastfreundlichen Großfamilie je gesehen haben. Die Suche nach Thomas lässt Irina keine Ruhe und wird zusehends zur Besessenheit, genau wie er will sie immer tiefer in den Dschungel vordringen und nicht eher aufgeben, ehe sie ihn gefunden hat. Jedes Puzzleteil, das sie in Erfahrung bringen kann, ist wie ein Nugget, das ihre Gier nach Wahrheit umso stärker anfacht.

Und genauso ging es mir mit den Seiten dieses Romans: Ich wollte, ich konnte das Buch einfach nicht mehr weglegen. Stromland ist ein Unterhaltungsroman im allerbesten Sinne und dank grandioser Atmosphäre und überraschender Wendungen das Spannendste, was ich seit Langem gelesen habe. Gold, dachte ich beim Zuklappen von Stromland deshalb zufrieden, es ist tatsächlich Gold. Und zwar kein Nugget. Sondern ein ganzer Barren.


Florian Wacker: Stromland. Erschienen im Berlin Verlag, 352 Seiten. Eine weitere schöne Besprechung des Romans ist bei Zeichen & Zeiten erschienen. Ausgabe 7 der Literaturzeitschrift ]trash[pool mit Florian Wackers Erzählung „Gold“ kann gerne über das Kontaktformular meines Blogs bestellt werden, ist aber auch digital als PDF bei duotincta erhältlich. 

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Europäisches Wimmelbild. Über „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse

Menasse - Die HauptstadtEin Schwein versetzt ganz Brüssel in Aufregung, ein Mord wird vertuscht – und in Europa sägt man sich gegenseitig an den Stühlen. Die Hauptstadt von Robert Menasse ist eine kluge wie unterhaltsame Abrechnung mit Geschichtsvergessenheit und überbordender EU-Bürokratie, zugleich aber auch eine Liebeserklärung an die europäische Idee.

So wichtig Europapolitik auch sein mag: Besonders sexy ist sie nicht. Zu unnahbar, zu kompliziert ist alles, was da in Brüssel und Straßburg passiert. Das wissen sie auch in der EU-Kommission, deren Beliebtheitswerte schon seit Jahren im Sinkflug sind. Eine Imagekampagne muss her, eine große Feier, die endlich wieder das Positive Europas in den Mittelpunkt stellt und eine historische Leistung würdigt, die dank etlicher Skandale und nicht zuletzt des Brexits beinahe in Vergessenheit geriet. Weil die Nationalisten überall wieder auf dem Vormarsch sind, sollen die Lehren aus Auschwitz als entscheidender Funke präsentiert werden, der die europäische Idee einst zum Leuchten brachte. Zum Beispiel durch einen Festakt im ehemaligen Konzentrationslager, bei dem dessen letzte Überlebenden die Überwindung der Nationalstaaten fordern – das zumindest ist der Plan von Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur, und ihrem Team rund um den Referenten Martin Susmann.

Ihrem zweifelhaften Ruf wird die EU jedoch allzu bald gerecht. Ränkespiele anderer Funktionäre und um Souveränität ringende Mitgliedsstaaten drohen die Idee im Keim zu ersticken. Auch die Suche nach Überlebenden gestaltet sich schwieriger als erwartet, dabei wohnt einer von ihnen mitten in Brüssel: David de Vriend ist gerade erst ins Altersheim gezogen und bereitet sich bei täglichen Friedhofsspaziergängen auf seinen Tod vor – eine weitere von vielen Figuren, die Brüssel in Die Hauptstadt mit Leben füllen. Der emeritierte Professor Alois Erhart etwa muss ebenfalls Abschied nehmen. Nicht nur seine Wissenschaftskarriere ist vorbei, auch den Think Tank, den er mit seinen Visionen für Europa zu bereichern hoffte, will er mit einem Knall verlassen, um ein Zeichen gegen die Kurzsichtigkeit und den Opportunismus seiner aufstrebenden Kollegen zu setzen. Kommissar Brunfaut fällt es dagegen weitaus schwerer loszulassen. Als ein Mord von oberster Stelle vertuscht werden soll, ermittelt er trotz gesundheitlicher Probleme heimlich weiter. Dabei ist der polnische Mörder Matek längst auf der Flucht – und zwar nicht vor der Polizei, sondern vor seinen eigenen Auftraggebern.

Die Stadt Brüssel versetzt allerdings etwas ganz anderes in Aufregung: Immer wieder wird ein freilaufendes Schwein gesichtet, das allerorten Unruhe stiftet und die Geschichten der Romanfiguren miteinander verbindet. Doch obwohl sich deren Wege mehrfach kreuzen, bleiben sie bloß Teil des großen europäischen Wimmelbilds, das Robert Menasse in seinem preisgekrönten Brüssel-Roman entwirft. Die Hauptstadt ist Politsatire, Gesellschaftsroman und Kriminalgeschichte in einem, ein so kluges wie unterhaltsames Mosaik über das Ende der Nachkriegszeit und das drohende Vergessen. Trotz Menasses Abrechnung mit der überbordenden EU-Bürokratie bleibt sein Roman im Kern jedoch vor allem eines: eine Liebeserklärung an die europäische Idee, mit der er im vergangenen Jahr zu Recht den Deutschen Buchpreis gewann.


Robert Menasse: Die Hauptstadt. Erschienen bei Suhrkamp, 459 Seiten, sowie bei der Büchergilde, 464 Seiten. Dieser Text erschien erstmals im Magazin der Büchergilde.

Abgesang. Über „So enden wir“ von Daniel Galera

So enden wir - Daniel GaleraDuke ist tot. Erschossen bei einem Raubüberfall, wie sie im brasilanischen Porto Alegre fast täglich passieren. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist die Trauer groß, der Hashtag #RipDuke wird sogar zum trending topic bei Twitter. Aber nicht nur die Fans des enigmatischen Kultautors erfahren von seinem Tod aus dem Netz, auch bei Dukes ehemaligen Mitstreitern ist das Entsetzen groß, als sie auf ihr Handy sehen. Fünfzehn Jahre ist es her, seit Aurora, Emiliano und Antero mit Duke befreundet waren. Damals, als das Internet tatsächlich noch Neuland war, eine Spielwiese für Idealisten und Pioniere, gaben sie gemeinsam ein avantgardistisches Online-Magazin heraus. In Daniel Galeras Roman So enden wir sind sie Stellvertreter einer Generation, für die sich durch das junge Medium plötzlich eine neue Welt auftat, in der noch alles möglich schien, man sich ausprobieren und neu erfinden konnte. Eine Welt vor Google und Facebook, vor Big Data und geifernden Populisten, für die das Internet bloß Werkzeug für Manipulationen und Propaganda ist.

Als Duke stirbt, ist diese Welt längst dem Untergang geweiht. Duke wusste das: Schon lange vor seinem Tod meldete er sich aus allen sozialen Netzwerken ab und verwischte seine Spuren, geisterte nur noch als Phantom durchs Web. Auch in seinem Testament hatte er die vollständige Löschung seines digitalen Nachlasses angeordnet. Den damaligen Freunden bleibt, als sie auf Dukes Beerdigung erstmals seit Jahren wieder aufeinandertreffen, deshalb nur die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Was ist von ihrer Freundschaft geblieben, was von ihrem einstigen Idealismus? Fünfzehn Jahre, nachdem sie mit ihrem per Mail verschickten Fanzine Orangotango ein bedeutender Teil der digitalen Gegenkultur Brasiliens waren, sind die Träume von Aurora, Emiliano und Antero – und zwar in dieser Reihenfolge – Ernüchterung, Pragmatismus und Zynismus gewichen.

Was wurde aus dem Idealismus?

Aurora ist ernüchtert und pessimistisch. Den Journalismus hat sie aufgegeben, stattdessen forscht sie als Biologin für eine Zukunft, an die sie längst nicht mehr glaubt. Der Sexismus im Wissenschaftsbetrieb setzt ihr genauso zu wie die globale politische Entwicklung oder der kürzliche Herzinfarkt ihres Vaters. Dass Duke bloß für ein bisschen Kleingeld und ein Handy sterben musste, ist für Aurora ein weiterer Beweis für den drohenden, ja geradezu unausweichlichen Untergang der Menschheit. Nach ihrem Wiedersehen mit dem zynischen Antero auf Dukes Beerdigung droht ihr Leben endgültig aus den Fugen zu geraten.

Als erfolgreicher Werber und scheinbar glücklicher Familienvater ist Antero neben Duke der einzige aus der ehemaligen Clique, der es wirklich zu etwas gebracht hat. Für seinen beruflichen Erfolg hat Antero jedoch alles verraten, woran sie damals glaubten. Das Internet ist für ihn nur Werkzeug für virale Kampagnen oder Stoff für seine Pornosucht. Nichts scheint ihm noch etwas zu bedeuten, Antero nimmt sich einfach, was er braucht. Für ihn ist inzwischen alles bloß ein Spiel, das Leben ein Schauplatz virtueller Realitäten. Als er zufällig in die Ausschreitungen auf einer Demonstration gerät, schließt er sich dem wütenden Mob aus einer Laune heraus als Statist, als non-player-character an und sieht gleichgültig dabei zu, wie das Ladengeschäft seines Vaters geplündert wird. Erst infolge von Dukes Beerdigung muss Antero begreifen, dass manche Fehler im wahren Leben unweigerlich zu Konsequenzen führen.

Während Duke bei Orangotango die ersten Schritte als literarisches Wunderkind wagte, war das Fanzine für Emiliano der Beginn seiner journalistischen Laufbahn. Die gemeinsame Zeit in Porto Alegre war prägend für ihn: Nach Jahren, in denen er sich bloß mit Raufereien behalf, fand Emiliano erst damals den Mut, offen als Schwuler zu leben. Es war Duke, der ihm die Augen öffnete, auch wenn er die eine Nacht, die sie beim Kennenlernen miteinander verbrachten, als Heterosexueller scheinbar nur zur Recherche für eine Geschichte brauchte. Als freier Journalist schlägt sich Emiliano eher schlecht als recht durch, umso verlockender ist nach Dukes Tod das Angebot eines Verlegers, dessen Biografie zu schreiben. Schnell weichen die anfänglichen Skrupel Pragmatismus: Der Vorschuss ist höher als das, was Emiliano sonst in einem Jahr verdient. Seine Recherche bringt allerdings nur wenig zutage. Niemand schien Duke wirklich zu kennen. Ohne digitalen Nachlass, ohne Spuren in sozialen Netzwerken bleiben Emiliano nur widersprüchliche Erinnerungen und die Hoffnung, dass Dukes letzte Partnerin trotz ihrer testamentarisch auferlegten Schweigepflicht etwas über ihn preisgibt. Und ob absichtlich oder nicht: Eine Spur hat Duke tatsächlich hinterlassen. Eine Spur allerdings, die alles infrage stellt, was Emiliano über Duke und ihre Freundschaft zu wissen glaubte.

Ein Roman mit verzögerter Wirkung

So enden wir ist ein melancholischer Abgesang auf die digitale Gegenkultur des frühen Internets, das, gekapert von Konzernen und politischen Interessen, längst seine Unschuld verloren hat. Zugleich ist Daniel Galeras Roman aber auch eine Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden und der unvermeidlichen Ernüchterung, die sich einstellt, sobald der Ernst des Lebens aus Idealisten irgendwann Pragmatiker, Pessimisten, Zyniker macht. Wie schon im Vorgänger Flut gelingt es Galera, mit einer dichten, aber nie sperrigen Sprache eine besondere Atmosphäre zu erzeugen und Figuren zu zeichnen, die nah am Leben, aber dennoch mit literarischer Tiefenschärfe versehen sind.

Trotzdem fühlte ich mich nach der Lektüre des Romans zunächst wie seine Figuren: ernüchtert, vielleicht auch ein wenig enttäuscht. Die Faszination, die ich für Flut empfand – immerhin einer meiner Lieblingsromane der letzten Jahre – wollte sich trotz vielem, das mir gefiel, einfach nicht ganz einstellen. Wochen später entfaltete So enden wir dann aber überraschend seine Wirkung, wurden mir plötzlich Zusammenhänge klar, die ich beim Lesen selbst noch nicht richtig einordnen konnte. Und das war fast noch befriedigender als die spontane Begeisterung, mit der ich damals Flut zu Ende las.


Daniel Galera: So enden wir. Erschienen bei Suhrkamp, 231 Seiten.

Befangen. Über „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl

IMG_5558Ich sag’s lieber gleich vorweg: Ich bin befangen. Nicht nur, weil ich mit meiner Bloggerfreundin Mareike regelmäßig chatte oder auf Buchmessenpartys zu schlechter Musik tanze. Auch nicht, weil sie so lieb war, mich in der Danksagung ihres Romans zu erwähnen – so leicht bin ich nun auch nicht zu bestechen. Befangen bin ich aus einem ganz anderen Grund: Ich hatte die große Ehre, die Entstehung von Dunkelgrün fast schwarz beinahe von Anfang an mitzuverfolgen. Da wir beide zeitgleich an unseren Romanen arbeiteten, tauschten wir uns regelmäßig über unsere Fortschritte, Erfolge und Niederlagen aus, gaben uns gegenseitig die neuesten Kapitel zu lesen und warteten dann bangend aufs Feedback, machten einander, wenn nötig, hin und wieder auch mal Mut. Das tat gut und machte Spaß, war als Leser aber auch eine frustrierende Erfahrung: Während ihr da draußen den Roman, wie es sich für ihn gehört, am Stück verschlingt, musste ich oft Wochen, manchmal sogar Monate warten, ehe ich weiterlesen durfte. Wer das Buch kennt, kann sich vorstellen, wie schwer mir das fiel. Denn trotz aller Befangenheit: In eine moralische Zwickmühle bringt mich die Vorstellung von Mareikes Roman nicht – dafür ist er nämlich viel zu gut. Und das war er von Anfang an.

Eine gefährliche Freundschaft

Befangen ist auch Moritz, als Raffael plötzlich vor seiner Tür steht, ganze sechzehn Jahre, nachdem er sich einfach so und scheinbar grundlos aus dem Staub machte. Eigentlich sollte er Wichtigeres im Sinn haben, als seinen alten Freund bei sich aufzunehmen, schließlich steht die Geburt seines ersten Kindes unmittelbar bevor. Aber trotz ihrer langen Trennung voneinander ist gleich alles wieder wie früher: Raffael gibt den Ton an, und Moritz tanzt nach seiner Pfeife, obwohl Raffael ganz offensichtlich etwas zu verbergen hat.

Schon als Kleindkind ist Raffael ein echter Rattenfänger. Und ein Arschloch. Mit Grauen muss Moritz‘ Mutter Marie mitansehen, welche Macht der beste Freund ihres Sohnes über ihn hat, wie er ihn manipuliert und drangsaliert, ihn abgängig von sich macht. Und doch sind Moz und Raf, wie die beiden einander als Kinder nannten, stets unzertrennlich: der eine ein rücksichtsloser Draufgänger, der andere sensibel und zaghaft. Sie brauchen einander. Raf holt Moz aus seiner Komfortzone und lässt ihn über sich hinauswachsen, Moz gibt Raf dagegen ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ihm in seiner eigenen Familie fehlt. Eine scheinbar unzerstörbare Freundschaft, selbst, als das Waisenmädchen Jonanna zum Duo hinzustößt und mit ihr die ersten Gefühle ins Spiel kommen. Nur Marie bleibt über die Jahre weiter skeptisch: Dieser Raffael ist gefährlich – und wird Moritz eines Tages ins Unglück stürzen. Marie hat einen guten Grund, so zu denken. Sie kennt die Macht, die Raffael über ihren Sohn hat. Sein Vater ist nämlich genau wie er, ein skrupelloser Manipulator, der die Schwächen anderer genau auszunutzen weiß: zum Beispiel ihre Einsamkeit als Mutter zweier Kinder mit einem abwesenden Vater…

So komplex wie spannend

Und das sind gerade einmal die groben Züge der Handlung von Dunkelgrün fast schwarz: Geschickt spinnt Mareike Fallwickl einen Bogen zwischen den Generationen, erzählt multiperspektivisch und auf mehreren Zeitebenen die Geschichten von Marie, Moritz und Johanna und führt deren Fäden mit der Rückkehr des undurchsichtigen Raffaels am Ende schließlich zusammen. Was auf dem Papier kompliziert klingt, fügt sich so mühelos ineinander, dass Mareike mit Dunkelgrün fast schwarz ein wahrer Pageturner über Freundschaft, Abhängigkeiten und die gefährliche Macht, die Menschen übereinander haben, gelungen ist, der bei allem Anspruch in der Komposition nie zu unterhalten vergisst. Im Gegenteil: Man ist als Leser den Figuren so nahe, dass die Spannung manchmal kaum auszuhalten ist.

Liebe Mareike, es ist mir eine Ehre, in einem so gelungenen und wunderbaren Buch erwähnt zu werden – selbst, wenn du meine Hilfe nie brauchtest. Ich weiß, wie hart du an diesem Roman gearbeitet hast: Den Erfolg hast du dir mehr als verdient. Und deshalb bin ich nicht nur befangen, sondern vor allem eines: sehr, sehr stolz auf dich!


Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten. Trotz der Fülle an Besprechungen, die dieser Tage erscheinen, möchte ich eine ganz besonders hervorheben: Auf Buchrevier schrieb Tobias Nazemi einen sehr schönen, ebenfalls sehr persönlichen Leserbrief an Mareike.

Unterschrieben!

IMG_2006Damals bei meinem Debütroman habe ich mir an Literaturagenturen noch die Zähne ausbeißen müssen. Besonders frustrierend war es, dass die Absagen oft voll des Lobes waren und trotzdem immer irgendetwas nicht passte – manchmal waren die Aussagen sogar gegenteilig. Mein abgewetztes und oft gebrauchtes Leseexemplar von Dezemberfieber zeugt davon, dass es die richtige Entscheidung war, den Roman 2015 beim kleinen, aber ambitionierten Verlag duotincta zu veröffentlichen, nicht zuletzt aber auch die großartigen Besprechungen von Bloggern, deren Meinung ich sehr schätze. Die Verleger von duotincta, die mir damals den Start als Autor ermöglichten, sind inzwischen längst gute Freunde geworden – auch in Zukunft werde ich auf Messen also jede Gelegenheit nutzen, Zeit mit ihnen am Stand zu verbringen (in Leipzig findet ihr sie in Halle 5 G203 bei der Lesebühne der Jungen Verlage). Und auf die gemeinsame Verlagslesung mit homunculus freue ich mich nicht nur, weil ich dort auch die neue Ausgabe von ]trash[pool vorstellen darf.

Gestern bin ich aber endlich einen großen Schritt weitergekommen: Ich habe für meinen neuen Roman einen Vertrag bei einer Literaturagentur unterzeichnet – und hatte dank einer weiteren interessierten Agentur sogar die Qual der Wahl. Späte Genugtuung? Quatsch. Ich bin einfach nur dankbar und glücklich darüber, dass da jemand an mich und meinen Roman glaubt. Und jetzt sehr, sehr gespannt auf das, was die Zukunft bringt!

Drei Bücher über… Liebe

Drei Bücher über... LiebeSchon länger habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine neue Rubrik auf meinem Blog einzuführen, in der ich Bücher, anstatt wie sonst in die Tiefe zu gehen, in aller Kürze bespreche. In unregelmäßigen Abständen stelle ich deshalb bei Drei Bücher über… fortan jeweils drei Titel zu einem bestimmten Oberthema vor, ganz gleich ob Roman oder Sachbuch, Backlist oder Bestseller, kanonisch oder obskur – eine schöne Gelegenheit, mal über Bücher zu schreiben, die nicht gerade zwingend in aller Munde sind. Und was lag da näher, als am Valentinstag mit der Liebe zu beginnen?


Stephan Porombka – Es ist Liebe

Früher war alles besser, sogar der Valentinstag. Man schrieb sich noch echte Liebesbriefe anstelle von Chatnachrichten. Und man schickte einander Blumen, keine Selfies. Natürlich ist das Quatsch: In der Generation Smartphone lieben wir nicht schlechter, sondern nur anders. Mit Verve fordert uns Social Media-Künstler und Professor Stephan Porompka in Es ist Liebe deshalb zu einer neuen romantischen Revolution auf. Ein Essay ist der schmale Band nicht – eher eine Flugschrift, wie Hanser es nennt. Porompka wägt nicht das Für und Wider digitaler Kommunikation ab, sondern will uns vielmehr dazu aufmuntern, neugierig und aufgeschlossen zu bleiben, uns auszuprobieren und neu zu erfinden – ein Zurück gibt es schließlich genauso wenig wie damals nach Gutenberg. Was die neuen Kommunikationsformen aus und zwischen uns machen, bleibt – der Textform geschuldet – manchmal etwas verkürzt und absichtlich plakativ, ist in seinem Optimismus aber durchaus ansteckend.

Sarah Berger – Match Deleted

Die Tinder Shorts von Sarah Berger zeigen dagegen die Kehrseite der digitalen Revolution. In den 137 semi-fiktiven Miniaturen und Chatprotokollen von Match Deleted entlarvt sie die moderne Datingkultur als permanente Selbstspiegelung, dank der Nähe und Verbindlichkeit zum Sonderfall werden. An die Stelle von echter Kommunikation, von wahrhaftigem oder wenigstens scheinbarem zwischenmenschlichen Austausch tritt ein fortdauerndes Selbstgespräch auf beiden Seiten. Man redet aneinander vorbei und dabei eigentlich eh nur über sich selbst. Am besten funktionieren die Tinder Shorts da, wo Berger ihre erfundenen Chatpartner, die eigentlich nur auf ein unverbindliches Sextreffen aus sind, mit echten Emotionen und Geständnissen irritiert – und damit die ungeschriebenen Regeln oberflächlicher Dating-Kommunikation bricht. Das ist mal lustig, mal deprimierend – und stellenweise auch anstrengend. Also wie das echte Leben, das wir aus unseren gestylten Online-Profilen sonst so gerne ausklammern.

Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Aber was passiert eigentlich mit der Liebe, wenn zwei Menschen ganz auf sich zurückgeworfen sind, abgeschnitten von der Außenwelt und jeder Kommunikationsmöglichkeit? In ihrem kompromisslosen und eindringlichen Roman Herz auf Eis setzt Isabelle Autissier das junge Pariser Paar Louise und Ludovic einer absoluten Extremsituation aus – und seziert dabei den Zerfall ihrer Liebe im Kampf ums nackte Überleben. Ein Jahr lang wollten sie zu zweit die Welt umsegeln und gemeinsam die Freiheit des Lebens genießen. Nach einem Schiffbruch vor einer Insel bei Kap Hoorn sehen sie nun stattdessen mit jedem Tag, den sie dort gestrandet sind, mehr dem Tod ins Auge. Keine Spur von Robinson-Romantik und billiger Blaue Lagune-Erotik: Anstelle von Kokosnüssen und Palmen erwarten sie auf der Insel nichts weiter als eine seit Jahrzehnten verlassene Walfangstation und eine strengere Kälte, als sie ertragen können. Um zu überleben, müssen sie regelmäßig Pinguine zu Dutzenden erschlagen oder Dosen öffnen, die seit 50 Jahren abgelaufen ist. Von dem, was sie im behüteten Paris einst darstellten, bleibt nur noch die Erinnerung: Was bringt es etwa, daheim ein erfolgreicher Werber zu sein, wenn man ohne all die Erleichterungen der Zivilisation plötzlich nicht mehr überlebensfähig ist? Nicht nur die alltäglichen Strapazen und der Hunger werden für Louise und Ludovic zu einer Belastung. Auch die gegenseitigen Schuldzuweisungen und unterschiedlichen Vorstellungen dessen, was zu tun ist, treiben das Paar immer weiter auseinander. Als Ludovic erkrankt und täglich schwächer wird, wird Louise auf eine harte Probe gestellt. Was ist stärker – ihre Liebe oder der pure Überlebensinstinkt? Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.


Stephan Porombka: Es ist Liebe. Erschienen bei Hanser, 176 Seiten. // Sarah Berger: Match Deleted. Erschienen bei Frohmann, 160 Seiten. // Isabelle Autissier: Herz auf Eis. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Erschienen bei Mare, 224 Seiten. // Die Texte zu „Es ist Liebe“ und „Match Deleted“ sind in kürzerer Form bereits in der Februarausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT erschienen.

„Dann geht es mir wieder wie Agnes: Ich staune.“ Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler im Gespräch.

Postkarten an UnterstützerLetzte Woche habe ich Mirjam Ziegler für den Blogbuster-Preis 2018 nominiert und ihren Longlist-Titel Die Federn meiner Mutter ausführlich besprochen. Nun möchte ich die Autorin endlich selbst zu Wort kommen lassen – und habe sie zur außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte ihres Romans befragt.

Liebe Mirjam, wie ist damals in Tübingen der Anfang zum Roman entstanden?

Die Idee hatte ich eigentlich schon 2010 während meines Auslandsjahrs, doch beim ersten Schreibversuch merkte ich schnell, dass mir da das Handwerkszeug fehlte. Zurück in Tübingen konnte ich glücklicherweise am Studio Literatur und Theater viel lernen; zunächst übte ich mich in kürzeren Formen. Parallel entwickelte ich die Romanidee weiter, und als ich dann endlich einen funktionierenden Anfang gefunden hatte, schrieb ich in meiner Kino-Mittagspause in einem italienischen Café – jeden Tag ein paar Sätze, oder auch nur ein paar Wörter, oder auch gar keines. Das Wichtige war dranzubleiben. Die ersten beiden Kapitel waren auch meine Abschlussarbeit für das Zertifikat am SLT.

Den Großteil des Romans hast du allerdings nicht in Tübingen geschrieben, sondern unterwegs – und zwar auf derselben Reiseroute wie der von Agnes. Wie kamst du auf diese Idee und den Einfall, dir deine sechsmonatige Romanreise per Crowdfunding zu finanzieren?

In Tübingen wäre ich nicht auf so eine abwegige Idee gekommen. Das war in Phnom Penh, ich couchsurfte bei einem Holländer, der schon CouchSurfing machte, bevor dieses Konzept existierte, und sich generell nicht darum scherte, was normal ist. Zur Rush Hour auf einem Moto schien mir mitten im verrückten Verkehr wohl plötzlich alles möglich. Da war die Idee zum Crowdfunding-Projekt: So könnte ich meinen Roman fertig schreiben, bevor ich wieder Arbeit suchen muss. In einem halben Jahr und ohne Rücklagen. Noch in Kambodscha begann ich zu planen, nachts auf dem Balkon eines Hostels schickte ich Rundmails. Antworten aus Europa: „Das ist unmöglich.“ „Ich mach mir Sorgen um dich.“ Und: „Ich habe zwei Lesungen für dich organisiert.“ „Du kannst bei mir bleiben, solange du willst!“ Ursprünglich dachte ich, ich würde die Route hauptsächlich durch CouchSurfing abdecken, doch das war nicht nötig. Von überall her kamen die Einladungen, von Freunden, Bekannten und Unbekannten. Gerade von Filmleuten kam viel Unterstützung – die sind ja daran gewöhnt, entgegen der Wahrscheinlichkeit zu arbeiten.

Ich stelle mir das einerseits spannend, andererseits aber auch schwierig vor: Du siehst interessante Länder und Städte, lernst neue Leute kennen, bist bei Freunden zu Gast. Hattest du während der Reise so etwas wie einen Arbeitsalltag?

Tatsächlich ja, weil ich öffentlich angekündigt hatte, dass ich reise, um zu schreiben, und dafür Geld bekommen hatte. Das hat einerseits den nötigen Druck in mir erzeugt, etwas zustande zu bekommen, und andererseits wollten die Gastgeber auch nichts anderes von mir, als dass ich schreibe – alle Angebote, im Haushalt oder sonstwie zu helfen, haben sie ausgeschlagen. Nur kochen durfte ich! Bei den meisten war ich für zwei Wochen, und ich passte mich an ihren Arbeitsalltag an. Wenn meine Gastgeber sich an die Arbeit machten, setzte ich mich an den Schreibtisch – oder Küchentisch, Gartentisch… Aber natürlich gab es überall auch Erkundungstage. (mehr …)