Interview

„Niemals aufgeben!“: Blogbuster-Sieger Torsten Seifert im Gespräch

blogbuster_torsten seifertLieber Torsten, dein Debütroman ist gerade bei Tropen erschienen, du warst zur Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse und hast die ersten Lesungen gehalten. Wie hast du die letzten Wochen erlebt, auf die du so lange hingearbeitet und gehofft hast?

Es ist eine tolle Erfahrung. Ich hatte ganz oft das Bedürfnis, ein bisschen von der Atmosphäre, die auf der Buchmesse oder bei den Lesungen herrschte, in kleine Fläschchen abzufüllen, damit ich sie später immer mal wieder herbeizaubern kann. Speziell in Frankfurt war die Taktzahl ziemlich hoch: Interviews, Lesungen, Shootings, Partys, andere Autoren kennenlernen… Ich fand das alles sehr schön und aufregend. Danach habe ich verstanden, was gemeint ist, wenn vom Nachmesseblues die Rede ist. Auch die Lesungen in den letzten beiden Wochen haben großen Spaß gemacht. Genauso wie die Leserunde bei Lovely Books. Aktuell gibt es dazu schon mehr als 1.000 Einträge bzw. Kommentare, die sich alle mit meinem Buch befassen. Das ist überwältigend.

Bevor du es bei Blogbuster einreichtest, hattest du mit dem Manuskript von „Wer ist B. Traven?“ bereits einen weiten Weg hinter dir. Was ist vor dem Happy End alles passiert?

Die erste Fassung war schon länger fertig. Meine damalige Agentur war guter Dinge und hat das Manuskript bei einer Reihe von Verlagen angeboten. Es gab ein paar Gespräche, die recht verheißungsvoll klangen. Letztlich hat aber keiner zugegriffen. Im März 2016 ist meine Agentin überraschend verstorben. Für mich war das der Zeitpunkt, das Thema abzuschließen, deshalb veröffentlichte ich das Buch ein paar Monate später im Self-Publishing. Dass die Geschichte durch den Blogbuster noch mal so eine Wendung nimmt, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Stimmt es, dass du eigentlich bloß aus Zufall auf Blogbuster aufmerksam geworden bist?

Ja, das kann man so sagen. Ich hatte ein paar Exemplare übrig, die auf einem falschen Papier gedruckt waren. Wegwerfen kam nicht in Frage, also habe ich einige an Blogger verschickt, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand reinschaut und Gefallen daran findet. Tobias Nazemi hatte auch eines bekommen und schrieb mir, dass ich doch beim Blogbuster mitmachen könne. Da dürfen auch Self-Publisher teilnehmen. Also habe ich es Ende November 2016 dort eingereicht.

Wie war für dich die Zusammenarbeit mit deinem Blogger und später dem Verlag?

Tilman Winterling ist ein sehr kluger und angenehmer Mensch. Wir haben einen ähnlichen Humor. Das machte es leicht. Er hat neulich meine Buchpremiere in Berlin moderiert und kam auch bei den Zuhörern super an. Wir planen, das bei einer der nächsten Lesungen zu wiederholen. Bei Tropen bzw. Klett-Cotta fühle ich mich sehr wohl. Dort herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Letztlich ist das Literaturgeschäft aber nun mal ein Business und weit weniger romantisch, als es von außen betrachtet aussieht. Umso wichtiger, sich eigene Ziele zu setzen und sich daran zu messen. Ich muss mich nur ein Jahr zurückversetzen. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mein Buch zwölf Monate später in meiner Berliner Lieblingsbuchhandlung, dem Kulturkaufhaus Dussmann, entdecke, hätte ich mitleidig gelächelt…

Die Erfolgsquote bei den AutorInnen der Longlist ist ja überraschend hoch, gleich mehrere haben der Teilnahme bei Blogbuster einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu verdanken. Hast du manche deiner Mitbewerber eigentlich kennengelernt und verfolgst, wie es bei ihnen weitergeht?

Mit Kai und Chrizzi, die mit mir auf der Shortlist waren, stehe ich regelmäßig in Kontakt. Kai hat mich auf der Buchmesse besucht und sich schon mal angesehen, was ihn da nächstes Jahr erwartet. Sein Buch soll im Herbst 2018 bei Klett-Cotta erscheinen. Von ein paar anderen lese ich ab und an auf Facebook.

Gibt es etwas, das du den Kandidaten der nächsten Blogbuster-Staffel mit auf den Weg geben würdest?

Nehmt euch Zeit, um euch die teilnehmenden Blogs anzusehen und hört auf euer Bauchgefühl, wenn ihr euren Wunschblogger angebt. Ansonsten kann ich nur sagen: Niemals aufgeben!

Last but not least: Du bist jetzt – so sagte es auch die Jury beim Blogbuster-Event auf der Buchmesse – ein gestandener Autor. Wie geht es nach dem aktuellen Roman weiter?

Ich weiß nicht, ob ich mich selbst schon als „gestandenen Autor“ bezeichnen würde. Aber das Selbstbewusstsein ist jetzt sicher ein anderes als zuvor. Die Arbeit am nächsten Roman hat begonnen. In den nächsten ein bis zwei Jahren kommt also ganz sicher keine Langeweile auf. Es geht wieder zurück in die 30er und 40er Jahre. Mehr möchte ich allerdings noch nicht verraten.

Lieber Torsten, ich danke dir für das Gespräch – viel Erfolg mit deinem Debüt!

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Buchhändlerinnen im Gespräch zum #dbp17

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Es ist ja schön und gut, wenn die von der Jury nominierten Titel im Feuilleton besprochen und von uns Buchpreisbloggern vorgestellt werden. Aber wie kommen Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises eigentlich bei denen an, die die Bücher dann auch verkaufen sollen? Ich habe mit Buchhänderlinnen über die Auswahl der Jury und ihre Favoriten gesprochen. Maria-Christina Piwowarski arbeitet seit 2012 bei Ocelot, not just another bookstore, Jacqueline Masuck seit 2000 in der Belletristik-Abteilung beim KulturKaufhaus Dussmann; darüber hinaus bloggt sie auf masuko13 über Literatur und war in den vergangenen Jahren Teil des Buchpreisbloggerteams.

Wie zufrieden seid ihr mit der Longlist-Auswahl der Jury?

Piwowarski: In den vergangenen Jahren habe ich vor allem festgestellt, dass es mir die wechselnde Jury wohl nie recht machen kann. Auch in diesem Jahr finde ich die Liste bedauerlich unspektakulär. Mir fehlt schlicht EIN Titel darauf, für den ich so richtig die Daumen drücken will, für den ich brennen kann. Aber ich sehe durchaus ein, dass das ein rein subjektives Problem ist. Ich habe mich für Christine Wunnikes Katie und Das Jahr der Frauen von Christoph Höhtker gefreut und fand die Nominierung von Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte eine gute und mutige Entscheidung. Den Rest der Liste musste ich hinnehmen – wie das Berliner Wetter in diesem Sommer.

Masuck: Ich fand die Longlist sehr ausgewogen. Es waren einige Titel aus Indie-Verlagen dabei mit sehr literarischen Büchern wie Jakob Noltes Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz). Gleichzeitig waren auch große Verlage vertreten wie Suhrkamp mit drei AutorInnen und Galiani mit dem großartig unterhaltenden Roman Wiener Straße von Sven Regener. Für uns Buchhändler ist es immer schön, wenn die deutsche Buchlandschaft in ihrer gesamten Vielfalt präsentiert wird. Die Kunden nehmen das auch begeistert an, das spürt man dann an den guten Abverkäufen. Im KulturKaufhaus Dussmann präsentieren wir deshalb bereits die Titel der Longlist als großes Medienereignis.

Welchen Titel habt ihr vermisst?

Piwowarski: Einen? Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass weder Svealena Kutschke für Stadt aus Rauch noch Sabrina Janesch für Die goldene Stadt nominiert wurden. Darüber hinaus hätte ich zu gern Jana Hänsel, Zsuzsa Bánk, Lana Lux, Chris Kraus, Mariana Leky, Barbara Zoeke und Isabel Fargo Cole auf der Longlist gesehen. Und Uwe Timm.

Masuck: Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Lana Lux mit Kukolka und Kevin Kuhn mit Liv es auf die Longlist geschafft hätten.

Haben es die richtigen Bücher in die Shortlist geschafft?

Piwowarski: Unter den gegebenen Umständen schon. Feridun Zaimoglu mit seinem gefühlten Dauerabonnement auf die Longlist hätte mit Evangelio im Lutherjahr vermutlich zu gewollt gewirkt. Auch Jonas Lüscher und Kerstin Preiwuß haben meiner Meinung nach mit diesen Büchern keinen Shortlist-Platz verdient. Und Sven Regener zu nominieren fand ich (bei aller Sympathie) genauso unsinnig, wie im letzten Jahr Joachim Meyerhoff (ebenfalls bei aller Sympathie) auf die Longlist zu setzen.

Masuck: Ich freue mich wirklich wahnsinnig, dass der Suhrkamp Verlag mit drei Titeln auf der Shortlist vertreten ist. Hier drücke ich ganz besonders die Daumen, dass einer der drei AutorInnen den Deutschen Buchpreis gewinnt. Allerdings hätte ich gerne noch Ingo Schulze mit seinem Roman Peter Holtz aus dem S. Fischer Verlag auf der Shortlist gesehen.

Wer, glaubt ihr, gewinnt den Deutschen Buchpreis?

Masuck: Eine Prognose wage ich momentan nicht, da ich einige der Shortlist-Titel noch lesen möchte. Zum Beispiel auch Falkners Romeo oder Julia aus dem Berlin Verlag.

Piwowarski: Da mein „Glaube“ hier scheinbar keine Rolle spielt (siehe Frage zwei: Auf alle diese AutorInnen hätte ich zu gern ein Monatsgehalt gewettet.), wünsche ich den Buchpreis einfach Marion Poschmann oder Sasha Marianna Salzmann. Auch mit Franzobel wäre ich zufrieden – unter den gegebenen Umständen. Zudem muss ich, auch, wenn das nicht gefragt war, ergänzen, dass ich Margaret Atwood als Gewinnerin des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine so grandiose Entscheidung finde, dass mich das mit all meinem Gram versöhnt, zumal ich mich auch jetzt schon auf die nächste Longlist freue. Ich habe es versucht, ich kann nicht anders.

***

Nicht nur unter uns Buchpreisbloggern polarisiert die Auswahl der Jury zuweilen – und das ist auch gut so: Man spricht und diskutiert über Literatur, schafft dadurch Aufmerksamkeit für AutorInnen und Bücher, die ohne Nominierung womöglich nur wenig öffentliche Beachtung gefunden hätten. Allerdings gibt es auch deutlich kritischere Stimmen zur Longlist des Deutschen Buchpreises. Angelika Abels, Bloggerin und Inhaberin der Buchhandlung Angelikas Büchergarten, antwortete mir: „Ehrlich gesagt habe ich mir die Longlist erst angeschaut, nachdem Deine Anfrage kam. Warum? Nun, in den letzten beiden Jahren (seit der Eröffnung meiner Buchhandlung) habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Kunden daran nicht interessiert sind. Auf Nachfrage bekomme ich zur Antwort, dass sie die Bücher als zu „schwer“ und zu „elitär“ empfinden. Ich sehe es ähnlich. Die Texte erschlagen den Leser und die Thematik ist oftmals düster. Aus buchhändlerischer Sicht sind diese Bücher kaum bis gar nicht verkäuflich. Das heißt nicht, dass ich den Deutschen Buchpreis unwichtig finde. Nein. Das Kulturgut Buch ist wichtig und sollte auf jeden Fall gefördert werde. Nur bei der Auswahl der Titel für die Longlist sollte man mal weniger „elitär“ denken. Ferner würde ich mir mehr Autorinnen und Indie Verlage wünschen. Ich selbst habe in diesem Jahr wundervolle Texte aus verschiedenen Indie Verlagen gelesen. Nachdem ich mir dann jetzt auch die Shortlist angeschaut habe, denke ich, dass Außer sich eine gute Chance hat … das ist zumindest das Buch, welches ich auch lesen würde.“

Drei BuchhändlerInnen, drei Meinungen – und in der Jury werden die Diskussionen während der nächsten Wochen kaum einfacher sein… Ich danke Maria-Christina Piwowarski, Jacqueline Masuck und Angelika Abels dafür, dass sie sich die Zeit genommen haben, mir meine Fragen zu beantworten!

Ausgangspunkt ist immer die Sprache. Lucia Leidenfrost im Gespräch

Lucia LeidenfrostVor einigen Monaten habe ich Mir ist die Zunge so schwer, das Erzähldebüt der österreichischen Autorin Lucia Leidenfrost besprochen. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt sie darin die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Sie schaut einfachen Menschen aus der Provinz in die Köpfe und auf den Mund – und das ist es, was den Ton ihres ersten Erzählbandes so besonders macht.

Du hast lange an deinem Erzählband „Mir ist die Zunge so schwer“ gearbeitet, die Geschichte „Flugübungen“ haben wir zum Beispiel schon 2011 in ]trash[pool veröffentlicht. Im Fokus vieler der Erzählungen stehen alte Menschen, zumeist Dorfbewohner der österreichischen Weltkriegsgeneration. Wie bist du auf die Idee zu diesem Zyklus gekommen, und wie ist er entstanden?

Es ist eine spannende Frage, wie ein Stoff, ein Thema zu einem kommt. Ich glaube nicht, dass ich das bei Mir ist die Zunge so schwer bis in alle Ecken ausleuchten kann. Im Hinterher fällt es einem natürlich leichter, zu sagen, das war schon alles von Anfang an klar. Es gibt nicht den einen Augenblick, wie ich auf eine Idee komme. Bei Mir ist die Zunge so schwer waren es ein paar lose Enden, die mich dazu gebracht haben. Im Prozess des Schreibens entsteht ja auch manches, was man so nicht erwartet. (Damit will ich aber natürlich nicht sagen, dass es mir „eingegeben“ wird oder mir in den Schoß fällt). Zunächst ist in meinem Schreiben meine eigene Lektüre wahnsinnig wichtig. Ungefähr ein halbes Jahr bevor Flugübungen (damals noch Blendend) entstanden ist, hab ich von Alois Hotschnig Im Sitzen läuft es sich besser davon gelesen. Ich war fasziniert von dieser Klarheit in der Unklarheit, in der dort gesprochen wird. Ich habe manche der Texte immer wieder gelesen und irgendwann – nicht vergessen, aber beiseitegelegt. Diese Texte waren sicher so eine erste Ecke, aber durch eine erste Ecke ist noch lange kein Raum entstanden. Außerdem fasziniert es mich noch immer, dass man beim Aufschreiben von mündlichen Sprechen so viel machen kann – dass da syntaktisch und thematisch alles ein bisschen anders läuft als im Schriftlichen. Und das ist eine zweite Ecke, oder ein weiterer Pfeiler für Texte von mir – denn die Sprache ist das, was mich zum Schreiben bringt.

Dort, wo ich aufgewachsen bin – vielleicht überall auf der Welt? –, erzählen oft die alten Menschen. Sie haben schon viel erlebt und sie sind dem alltäglichen Wahnsinn, den sich jüngere Menschen ausgesetzter fühlen, vielleicht schon ferner. Sie halten Rückblick. Das habe ich in den Erzählungen aufgenommen. Wenn man an etwas schreibt – eigentlich generell, wenn man sich mit etwas beschäftigt –, dann geht man auch mit offeneren Ohren/Augen durch die Welt. Mir sind in den Jahren, in denen ich am Band geschrieben habe (ohne zu wissen, dass daraus einmal ein Buch wird) auch die sprachlichen Eigenheiten bewusster geworden, mir sind alte Menschen, die von sich erzählen, begegnet. Ich bin in der österreichischen Provinz aufgewachsen – Provinz mein ich nicht abwertend! –, und ich höre den Menschen in meiner Umgebung immer gern zu, wenn sie erzählen. Viele der Aussagen meiner Figuren könnten einem so oder so ähnlich begegnen – ich vermute nicht nur in Österreich, sondern überall in Deutschland und Österreich, halt mit einem anderen Lokalkolorit –, aber die Sprache von dort, wo ich aufgewachsen bin, ist mir natürlich näher. Als mich dann meine Lektorin angeschrieben hat, habe ich auch noch ältere Texte dazugenommen, die thematisch zu Mir ist die Zunge so schwer gepasst haben, zum Beispiel Hans Warum.

Du urteilst in deinen Erzählungen nicht über die Figuren, sondern schreibst fast ausschließlich aus ihrer Perspektive, bleibst dabei ganz nah an ihrer Sprache und ihrem persönlichen Horizont. Warum hast du diesen – manchmal fast mündlich klingenden – Tonfall gewählt? Und: Hast du das Gefühl, dass dein Buch angesichts erstarkter rechter Strömungen politischer geworden ist, als du es ursprünglich beabsichtigt hast?

Ich weiß nicht, ob sich jemand anmaßen darf, über jemanden anderen – auf einer persönlichen Ebene – zu urteilen. Das rechtfertigt natürlich keine Taten, man ist schon dafür verantwortlich, was man tut. Aber zu sagen: „Das hätte ich nicht getan“ – das kommt mir nur schwer über die Lippen. Die Kenntnis eines Menschen, also wie ich einen Menschen kenne, ist fragmentarisch. In der Erzählung Vorm jüngsten Gericht thematisiere ich das am Rand. Ich bin deshalb so nah an den Figuren geblieben, weil sie sich am besten selber kennen – mit all ihrer Fragmenthaftigkeit. Das heißt auch, dass sie vor sich selbst Dinge rechtfertigen, die eigentlich nicht zu rechtfertigen sind. Ich habe mich viel mit tragischen und traumatischen Erfahrungen, die Menschen widerfahren, mit dem Dritten Reich, aber auch mit aktuellen Themen, wie politischen Gefangenen beschäftigt. Was mich eigentlich interessiert, ist das, was die Menschen weiterleben, weitermachen lässt, also ihre Resilienz, wenn man so will – und dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern dass es Auf und Abs, Gutes und Schlechtes gibt, dass sich manchmal was Gutes als gar nicht so gut herausstellt und umgekehrt und wir trotzdem damit (weiter)leben können. Ich finde es erstaunlich, dass nach dem Krieg die Menschen weitergelebt haben, dass sie auch miteinander gelebt haben, dass sie es geschafft haben, einen Rechtsstaat und eine Demokratie aufzubauen! (mehr …)

]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Matthias Hirth im Gespräch über „Lutra Lutra“

 

hirth_matthias_2015_c_privat_portraetLutra Lutra, im Frühjahr 2016 bei Voland & Quist erschienen, ist ein extremer und kompromissloser Roman, der lange nachwirkt. Nach meiner Rezension im September sprach ich für die kommende Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit Autor Matthias Hirth über die zentralen Themen seines Buches.


Mit 736 Seiten ist Lutra Lutra ein sehr umfangreicher Roman. Wie lange hast du an ihm geschrieben?

Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich schon 1996: Alles begann mit dem Gedanken, dass ein Fahrraddiebstahl einen metaphysischen, sogar spirituellen Aspekt haben kann – später eine wichtige Szene im Roman. Mit Unterbrechungen habe ich etwa zehn Jahre an Lutra Lutra gearbeitet. Mir ist es wichtig, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen und in die Tiefe eines Themas einzutauchen; deshalb ist das Buch so lang geworden. Ich habe viel recherchiert und mit einer Menge Leuten gesprochen, auch habe ich mich über Jahre selber beobachtet und dabei meine eigenen dunklen Wünsche, teilweise sogar mein eigenes Sexualverhalten mitprotokolliert.

In der Danksagung zum Roman nennst du viele Texte, die dich inspiriert haben oder die du zur Recherche brauchtest. Ganz besonders hebst du dabei Dostojewskis Verbrechen & Strafe (bzw. Schuld und Sühne) hervor. Was haben Lutra Lutra und dieser Klassiker gemeinsam?

Am Anfang stand die Idee, dass jemand durch Überschreitung, durch das Brechen von Regeln versucht, zu sich selber zu finden. Dass er auf diese Weise versucht, ohne die Gesellschaft auszukommen – auch ohne die Prägungen durch die Gesellschaft, die er in sich trägt. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich ja dasselbe vorhatte wie Dostojewski, nur umgekehrt aufgebaut. In Verbrechen und Strafe geschieht die Untat, diese Referenztat, in der ein junger Mann seine Außergewöhnlichkeit zu beweisen versucht, gleich zu Beginn. Der Rest des Romans beschäftigt sich mit seinem Umgang mit der Schuld. Bei mir ist es umgekehrt: Es gibt einen sehr langen Entwicklungsgang, bis meine Hauptfigur Fleck zu dieser „befreienden“ Tat bereit ist. Der Umgang mit der Schuld, die ihn schließlich einholt, rückt erst am Ende des Romans in den Vordergrund.

Was treibt Fleck an?

Im Roman geht es um die Lust, Regeln zu brechen, die Lust an der Provokation, die heimliche Lust, Erwartungen seitens der Gesellschaft zu enttäuschen. Besonders junge Männer haben Lust, aus der Reihe zu tanzen, sich auszuprobieren und über die Stränge zu schlagen. Was mir aufgefallen ist: Im Fernsehen kommen ja fast nur noch Krimis. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dabei auch immer ein wenig mit der Untat, die wir selber nicht zu begehen wagen, identifizieren. Mit wohligem Gruseln schauen wir uns an, wie der Verbrecher stellvertretend für uns das Dunkle in uns auslebt. Der Unterhaltungswert von Krimis hat, glaube ich, auch mit unserer eigenen Lust an Überschreitung zu tun. Maxim Biller hat zum Beispiel in einem Interview gesagt, als Jude würde er, wenn er jetzt 15 wäre, Neonazi werden. Warum? Weil er provozieren, sich von den Zwängen der Norm befreien will. Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Aus Angst, überflüssig zu sein und demnächst vielleicht abgeschafft zu werden, müssen wir in der neoliberalen Welt immer funktionieren und uns einordnen. Die Wildheit, die in jedem von uns ist, die Lust, unsere dunkle Seite zu erforschen – dafür bietet die Gesellschaft heutzutage einfach keinen Platz mehr. Und dieser Lust an der dunklen Seite gibt Fleck nach. Er schaut sich die Gesellschaft an und fragt sich: Wo ist sie verkrustet, wo ist sie starr? Und er schaut sich selbst an und überlegt: Wo bin ich selber starr? Und dann versucht er, all dies durch eine krude Befreiungstat zu durchbrechen. Fleck schaut sich die Felder der Überschreitung an, die es in der Gesellschaft gibt: Das sind im Nachtleben der späten Neunziger erst einmal Partys und Drogen. Und natürlich Sex in Form von One-Night-Stands – eine Art erlaubtes Böses. Er lernt eine Künstlergruppe kennen, die Aufmerksamkeit erregen will, indem sie professionell Tabubrüche begeht und die Überschreitung zur Kunst erklärt. Schnell stellt Fleck aber fest, dass diese Menschen auch bloß ihre Position auf dem Kunstmarkt suchen. Also beschließt er, dass er selbst eine Überschreitung wagen muss – und zwar, indem er etwas Böses tut.

Warum glaubt Fleck, eine solche Tat zu brauchen?

Im Buch ist einmal von einem Zeitungsartikel die Rede, in dem ein afrikanisches Ritual für Schamanen beschrieben wird. Sie werden mit einem Toten zusammengebunden – Gesicht an Gesicht, Bauch an Bauch – und in eine Grube versenkt, in der sie es drei Tage aushalten müssen. Erst nach diesen drei Tagen dürfen sie essen, aber nur, wenn sie die Hand des Toten dazu benutzen. Fleck glaubt, dass genau so etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Was hat ein junger Mensch heute noch für ein Initiationsritual? Die Führerscheinprüfung, das Abitur. Was fehlt, ist eine wirkliche Extremsituation, die man aushalten muss – ein Referenzerlebnis, ab dem man erwachsen ist. Diese Art von Situation versucht Fleck, sich selbst zu konstruieren.

Warum war es dir so wichtig, die vielen Sexszenen so explizit zu beschreiben? Ich glaube nicht, dass es dir dabei um einen Tabubruch ging.

Es wird oft gesagt, dass es in dem Roman so wahnsinnig viele Sexszenen gebe. Aber wenn man sie sich genau anschaut, zeigt jede von ihnen eine unterschiedliche Facette von menschlichem Begehren, von Machtverhältnissen. In Sexualität steckt so viel mehr als bloß körperliche Befriedigung; sie verrät schließlich auch, wie sich jemand in der Welt begreift, wie er sein Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Jede Sexszene in Lutra Lutra drückt einen anderen Konflikt aus: Es gibt diese Folge von etwa 30 Sexszenen im Buch, wo ich versuche, die anderen Personen mit ihren verschiedenen Sehnsüchten und Motiven zu beschreiben. Da will jeder etwas anderes von Fleck. Hinter Flecks eigenem sexuellen Vielverbrauch steht dagegen vor allem ein Ermächtigungsversuch: der Körper als Überschreitungsinstrument, auch in der Quantität. Man kann nicht alle ficken, aber man muss es versuchen, denkt er. Aber da gibt es immer noch den anderen, der sein eigenes Motiv hat, und ich hoffe, dass jede Sexszene eine weitere Facette zeigt; ich wollte es wirklich komplett darstellen.

Das Jahr 1999 ist ja ein bisschen der heimliche Star des Romans. Du beschreibst es wie eine ausschweifende Party, die nach dem Jahrtausendwechsel in einen bösen Kater mündet. Warum hast du dich für diesen Zeitraum entschieden?

cover-ausgabe-7Da gibt es zwei Gründe. Erst einmal war 1999 das letzte Jahr der guten alten Zeit: vor der Nemax-Krise, dem Terrorismus und dem großen Sozialabbau. Bevor der Neoliberalismus sich auf alle Lebensfelder ausgebreitet, bevor die Digitalisierung den ganzen Alltag in den Griff genommen hat. Damals konnte man als junger Mensch noch seinen Job hinschmeißen und sich sicher sein, danach einen neuen zu finden. Weil noch nicht so ein Klima der Angst herrschte, konnte man sich noch Luxusprobleme leisten. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass einem, wenn man heute einen aktuellen Roman schreibt, die Zeit viel zu schnell davonläuft. Entweder gehe ich beim Schreiben in die Vergangenheit oder in die Zukunft; die Gegenwart entwickelt sich – vor allem, wenn man so langsam arbeitet wie ich – ganz schnell von einem weg.

Du arbeitest ja schon seit mehreren Jahrzehnten im Kunstbetrieb, warst unter anderem auch als Schauspieler und Regisseur tätig. Hast du den Eindruck, dass es heutzutage als Künstler schwieriger geworden ist?

Früher war es nicht so anstrengend wie heute, das Lebensminimum zusammenzukratzen. Ich komme immer weniger zum Schreiben, weil es schwieriger geworden ist, all den anderen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Künstlergruppe, mit der sich Fleck auseinandersetzt, diskutiert ständig über die Positionen des Künstlers im aufziehenden Neoliberalismus: Wo verortet man sich zwischen Unternehmer, Schmerzensmann und Revolutionär? Die Kunst – nicht nur die Literatur – wird immer weiter an den Rand gedrängt. Zudem ist die Aufmerksamkeitsspanne inzwischen so kurz, dass wohl nur noch wenige Menschen so ein dickes Buch wie Lutra Lutra lesen. Aber: Nichtsdestotrotz würde ich wieder so einen langen Roman schreiben.

Für unsere Tübinger Leser ist sicher nicht ganz uninteressant, dass du schon einmal hier gelebt hast. Was hast du damals in Tübingen gemacht – und wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war ja im vorigen Leben Schauspieler und Mitte der Achtziger ein Jahr lang am LTT beschäftigt. Tübingen war für mich anfangs wie ein großes Heimatmuseum und fast zu provinziell; dann war es aber eine sehr lebendige und interessante Zeit mit netten Leuten. Nach einem Jahr wollte ich gar nicht richtig weg.

Lieber Matthias, ich danke dir für das Gespräch.


Aus: ]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, Ausgabe 7. Das Magazin erscheint Mitte Oktober zur Frankfurter Buchmesse und ist über redaktion@trashpool.net, beim Verlag duotincta sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich (Print: 5 €, Digitalversion 3 €). ISSN: 2191-7957.

Notizen 8/16

Bevor ich mich für den Rest des Monats in den Urlaub verabschiede, lasse ich euch – großzügig, wie ich bin – noch ein paar Links da: Auf dem Blog Digitur, der sich der Literatur in der digitalen Welt verschrieben hat, wurde vor einigen Wochen nicht nur ausführlich unser E-Book Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge besprochen, sondern in einem zweiten Artikel auch die besondere Zusammenarbeit des Herausgeberteams vorgestellt. Vielen Dank noch einmal an Sabrina Jaehn für die schönen Artikel und das freundliche Gespräch. Auch für Mareike Fallwickl durfte ich auf Bücherwurmloch Rede und Antwort stehen. In ihrer Interviewrubrik High Five mit… stelle ich mich fünf Fragen zu meinem bibliophilen Leben.

Apropos Bibliophilie: Meine nächste Rezension erscheint zwar erst im September, kurze Buchtipps von mir gibt es aber bereits ab dem 26.8. in der kommenden Ausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT, für das ich nun bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Bücher vorstellen darf.

17287113691_a1e86c72ed_oUnd nun? Freue ich mich auf drei Wochen Thailand mit vielen interessanten Büchern im Gepäck – und meinem eigenen. Denn wer Dezemberfieber gelesen hat, der weiß, dass die typischen Gästebibliotheken in Hotels und Resorts im Roman eine wichtige Rolle spielen. Und genau dort – an Schauplätzen des Buches – werde ich das eine oder andere Exemplar mit persönlichem Gruß hinterlegen! Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird, wenn sich der Kreis nun schließt: Beim letzten Mal reiste ich schließlich noch mit Notizbuch durchs Land und legte damit den Grundstein für den Roman. Während meiner bisherigen Reisen dort entstand übrigens auch das Bonusmaterial von Dezemberfieber, das sich gegen Ende der Handlung über einen rätselhaften QR-Code aufrufen lässt. Und wer jetzt neugierig geworden ist, was es mit alldem auf sich hat – ich wüsste da noch einen guten Lektüretipp für den Urlaub…

Ich wünsche euch allen einen tollen Sommer!

[Interview] Zehn Fragen an zwölf DebütantInnen

Bildschirmfoto 2016-04-10 um 20.05.05Im Rahmen des Schwerpunktes “Literarische Debüts” auf Literaturkritik.de haben zwölf AutorInnen – u.a. Pierre Jarawan, Mirna Funk und meine Wenigkeit – Fragen zur Gegenwartsliteratur und ihrem Schreiben beantwortet. Das Interview wurde ebenfalls bei den lieben Kolleginnen von Das Debüt veröffentlicht – vielen Dank an Bozena Anna Badura!