Interview

Ausgangspunkt ist immer die Sprache. Lucia Leidenfrost im Gespräch

Lucia LeidenfrostVor einigen Monaten habe ich Mir ist die Zunge so schwer, das Erzähldebüt der österreichischen Autorin Lucia Leidenfrost besprochen. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt sie darin die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Sie schaut einfachen Menschen aus der Provinz in die Köpfe und auf den Mund – und das ist es, was den Ton ihres ersten Erzählbandes so besonders macht.

Du hast lange an deinem Erzählband „Mir ist die Zunge so schwer“ gearbeitet, die Geschichte „Flugübungen“ haben wir zum Beispiel schon 2011 in ]trash[pool veröffentlicht. Im Fokus vieler der Erzählungen stehen alte Menschen, zumeist Dorfbewohner der österreichischen Weltkriegsgeneration. Wie bist du auf die Idee zu diesem Zyklus gekommen, und wie ist er entstanden?

Es ist eine spannende Frage, wie ein Stoff, ein Thema zu einem kommt. Ich glaube nicht, dass ich das bei Mir ist die Zunge so schwer bis in alle Ecken ausleuchten kann. Im Hinterher fällt es einem natürlich leichter, zu sagen, das war schon alles von Anfang an klar. Es gibt nicht den einen Augenblick, wie ich auf eine Idee komme. Bei Mir ist die Zunge so schwer waren es ein paar lose Enden, die mich dazu gebracht haben. Im Prozess des Schreibens entsteht ja auch manches, was man so nicht erwartet. (Damit will ich aber natürlich nicht sagen, dass es mir „eingegeben“ wird oder mir in den Schoß fällt). Zunächst ist in meinem Schreiben meine eigene Lektüre wahnsinnig wichtig. Ungefähr ein halbes Jahr bevor Flugübungen (damals noch Blendend) entstanden ist, hab ich von Alois Hotschnig Im Sitzen läuft es sich besser davon gelesen. Ich war fasziniert von dieser Klarheit in der Unklarheit, in der dort gesprochen wird. Ich habe manche der Texte immer wieder gelesen und irgendwann – nicht vergessen, aber beiseitegelegt. Diese Texte waren sicher so eine erste Ecke, aber durch eine erste Ecke ist noch lange kein Raum entstanden. Außerdem fasziniert es mich noch immer, dass man beim Aufschreiben von mündlichen Sprechen so viel machen kann – dass da syntaktisch und thematisch alles ein bisschen anders läuft als im Schriftlichen. Und das ist eine zweite Ecke, oder ein weiterer Pfeiler für Texte von mir – denn die Sprache ist das, was mich zum Schreiben bringt.

Dort, wo ich aufgewachsen bin – vielleicht überall auf der Welt? –, erzählen oft die alten Menschen. Sie haben schon viel erlebt und sie sind dem alltäglichen Wahnsinn, den sich jüngere Menschen ausgesetzter fühlen, vielleicht schon ferner. Sie halten Rückblick. Das habe ich in den Erzählungen aufgenommen. Wenn man an etwas schreibt – eigentlich generell, wenn man sich mit etwas beschäftigt –, dann geht man auch mit offeneren Ohren/Augen durch die Welt. Mir sind in den Jahren, in denen ich am Band geschrieben habe (ohne zu wissen, dass daraus einmal ein Buch wird) auch die sprachlichen Eigenheiten bewusster geworden, mir sind alte Menschen, die von sich erzählen, begegnet. Ich bin in der österreichischen Provinz aufgewachsen – Provinz mein ich nicht abwertend! –, und ich höre den Menschen in meiner Umgebung immer gern zu, wenn sie erzählen. Viele der Aussagen meiner Figuren könnten einem so oder so ähnlich begegnen – ich vermute nicht nur in Österreich, sondern überall in Deutschland und Österreich, halt mit einem anderen Lokalkolorit –, aber die Sprache von dort, wo ich aufgewachsen bin, ist mir natürlich näher. Als mich dann meine Lektorin angeschrieben hat, habe ich auch noch ältere Texte dazugenommen, die thematisch zu Mir ist die Zunge so schwer gepasst haben, zum Beispiel Hans Warum.

Du urteilst in deinen Erzählungen nicht über die Figuren, sondern schreibst fast ausschließlich aus ihrer Perspektive, bleibst dabei ganz nah an ihrer Sprache und ihrem persönlichen Horizont. Warum hast du diesen – manchmal fast mündlich klingenden – Tonfall gewählt? Und: Hast du das Gefühl, dass dein Buch angesichts erstarkter rechter Strömungen politischer geworden ist, als du es ursprünglich beabsichtigt hast?

Ich weiß nicht, ob sich jemand anmaßen darf, über jemanden anderen – auf einer persönlichen Ebene – zu urteilen. Das rechtfertigt natürlich keine Taten, man ist schon dafür verantwortlich, was man tut. Aber zu sagen: „Das hätte ich nicht getan“ – das kommt mir nur schwer über die Lippen. Die Kenntnis eines Menschen, also wie ich einen Menschen kenne, ist fragmentarisch. In der Erzählung Vorm jüngsten Gericht thematisiere ich das am Rand. Ich bin deshalb so nah an den Figuren geblieben, weil sie sich am besten selber kennen – mit all ihrer Fragmenthaftigkeit. Das heißt auch, dass sie vor sich selbst Dinge rechtfertigen, die eigentlich nicht zu rechtfertigen sind. Ich habe mich viel mit tragischen und traumatischen Erfahrungen, die Menschen widerfahren, mit dem Dritten Reich, aber auch mit aktuellen Themen, wie politischen Gefangenen beschäftigt. Was mich eigentlich interessiert, ist das, was die Menschen weiterleben, weitermachen lässt, also ihre Resilienz, wenn man so will – und dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern dass es Auf und Abs, Gutes und Schlechtes gibt, dass sich manchmal was Gutes als gar nicht so gut herausstellt und umgekehrt und wir trotzdem damit (weiter)leben können. Ich finde es erstaunlich, dass nach dem Krieg die Menschen weitergelebt haben, dass sie auch miteinander gelebt haben, dass sie es geschafft haben, einen Rechtsstaat und eine Demokratie aufzubauen! (mehr …)

]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Matthias Hirth im Gespräch über „Lutra Lutra“

 

hirth_matthias_2015_c_privat_portraetLutra Lutra, im Frühjahr 2016 bei Voland & Quist erschienen, ist ein extremer und kompromissloser Roman, der lange nachwirkt. Nach meiner Rezension im September sprach ich für die kommende Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit Autor Matthias Hirth über die zentralen Themen seines Buches.


Mit 736 Seiten ist Lutra Lutra ein sehr umfangreicher Roman. Wie lange hast du an ihm geschrieben?

Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich schon 1996: Alles begann mit dem Gedanken, dass ein Fahrraddiebstahl einen metaphysischen, sogar spirituellen Aspekt haben kann – später eine wichtige Szene im Roman. Mit Unterbrechungen habe ich etwa zehn Jahre an Lutra Lutra gearbeitet. Mir ist es wichtig, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen und in die Tiefe eines Themas einzutauchen; deshalb ist das Buch so lang geworden. Ich habe viel recherchiert und mit einer Menge Leuten gesprochen, auch habe ich mich über Jahre selber beobachtet und dabei meine eigenen dunklen Wünsche, teilweise sogar mein eigenes Sexualverhalten mitprotokolliert.

In der Danksagung zum Roman nennst du viele Texte, die dich inspiriert haben oder die du zur Recherche brauchtest. Ganz besonders hebst du dabei Dostojewskis Verbrechen & Strafe (bzw. Schuld und Sühne) hervor. Was haben Lutra Lutra und dieser Klassiker gemeinsam?

Am Anfang stand die Idee, dass jemand durch Überschreitung, durch das Brechen von Regeln versucht, zu sich selber zu finden. Dass er auf diese Weise versucht, ohne die Gesellschaft auszukommen – auch ohne die Prägungen durch die Gesellschaft, die er in sich trägt. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich ja dasselbe vorhatte wie Dostojewski, nur umgekehrt aufgebaut. In Verbrechen und Strafe geschieht die Untat, diese Referenztat, in der ein junger Mann seine Außergewöhnlichkeit zu beweisen versucht, gleich zu Beginn. Der Rest des Romans beschäftigt sich mit seinem Umgang mit der Schuld. Bei mir ist es umgekehrt: Es gibt einen sehr langen Entwicklungsgang, bis meine Hauptfigur Fleck zu dieser „befreienden“ Tat bereit ist. Der Umgang mit der Schuld, die ihn schließlich einholt, rückt erst am Ende des Romans in den Vordergrund.

Was treibt Fleck an?

Im Roman geht es um die Lust, Regeln zu brechen, die Lust an der Provokation, die heimliche Lust, Erwartungen seitens der Gesellschaft zu enttäuschen. Besonders junge Männer haben Lust, aus der Reihe zu tanzen, sich auszuprobieren und über die Stränge zu schlagen. Was mir aufgefallen ist: Im Fernsehen kommen ja fast nur noch Krimis. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dabei auch immer ein wenig mit der Untat, die wir selber nicht zu begehen wagen, identifizieren. Mit wohligem Gruseln schauen wir uns an, wie der Verbrecher stellvertretend für uns das Dunkle in uns auslebt. Der Unterhaltungswert von Krimis hat, glaube ich, auch mit unserer eigenen Lust an Überschreitung zu tun. Maxim Biller hat zum Beispiel in einem Interview gesagt, als Jude würde er, wenn er jetzt 15 wäre, Neonazi werden. Warum? Weil er provozieren, sich von den Zwängen der Norm befreien will. Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Aus Angst, überflüssig zu sein und demnächst vielleicht abgeschafft zu werden, müssen wir in der neoliberalen Welt immer funktionieren und uns einordnen. Die Wildheit, die in jedem von uns ist, die Lust, unsere dunkle Seite zu erforschen – dafür bietet die Gesellschaft heutzutage einfach keinen Platz mehr. Und dieser Lust an der dunklen Seite gibt Fleck nach. Er schaut sich die Gesellschaft an und fragt sich: Wo ist sie verkrustet, wo ist sie starr? Und er schaut sich selbst an und überlegt: Wo bin ich selber starr? Und dann versucht er, all dies durch eine krude Befreiungstat zu durchbrechen. Fleck schaut sich die Felder der Überschreitung an, die es in der Gesellschaft gibt: Das sind im Nachtleben der späten Neunziger erst einmal Partys und Drogen. Und natürlich Sex in Form von One-Night-Stands – eine Art erlaubtes Böses. Er lernt eine Künstlergruppe kennen, die Aufmerksamkeit erregen will, indem sie professionell Tabubrüche begeht und die Überschreitung zur Kunst erklärt. Schnell stellt Fleck aber fest, dass diese Menschen auch bloß ihre Position auf dem Kunstmarkt suchen. Also beschließt er, dass er selbst eine Überschreitung wagen muss – und zwar, indem er etwas Böses tut.

Warum glaubt Fleck, eine solche Tat zu brauchen?

Im Buch ist einmal von einem Zeitungsartikel die Rede, in dem ein afrikanisches Ritual für Schamanen beschrieben wird. Sie werden mit einem Toten zusammengebunden – Gesicht an Gesicht, Bauch an Bauch – und in eine Grube versenkt, in der sie es drei Tage aushalten müssen. Erst nach diesen drei Tagen dürfen sie essen, aber nur, wenn sie die Hand des Toten dazu benutzen. Fleck glaubt, dass genau so etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Was hat ein junger Mensch heute noch für ein Initiationsritual? Die Führerscheinprüfung, das Abitur. Was fehlt, ist eine wirkliche Extremsituation, die man aushalten muss – ein Referenzerlebnis, ab dem man erwachsen ist. Diese Art von Situation versucht Fleck, sich selbst zu konstruieren.

Warum war es dir so wichtig, die vielen Sexszenen so explizit zu beschreiben? Ich glaube nicht, dass es dir dabei um einen Tabubruch ging.

Es wird oft gesagt, dass es in dem Roman so wahnsinnig viele Sexszenen gebe. Aber wenn man sie sich genau anschaut, zeigt jede von ihnen eine unterschiedliche Facette von menschlichem Begehren, von Machtverhältnissen. In Sexualität steckt so viel mehr als bloß körperliche Befriedigung; sie verrät schließlich auch, wie sich jemand in der Welt begreift, wie er sein Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Jede Sexszene in Lutra Lutra drückt einen anderen Konflikt aus: Es gibt diese Folge von etwa 30 Sexszenen im Buch, wo ich versuche, die anderen Personen mit ihren verschiedenen Sehnsüchten und Motiven zu beschreiben. Da will jeder etwas anderes von Fleck. Hinter Flecks eigenem sexuellen Vielverbrauch steht dagegen vor allem ein Ermächtigungsversuch: der Körper als Überschreitungsinstrument, auch in der Quantität. Man kann nicht alle ficken, aber man muss es versuchen, denkt er. Aber da gibt es immer noch den anderen, der sein eigenes Motiv hat, und ich hoffe, dass jede Sexszene eine weitere Facette zeigt; ich wollte es wirklich komplett darstellen.

Das Jahr 1999 ist ja ein bisschen der heimliche Star des Romans. Du beschreibst es wie eine ausschweifende Party, die nach dem Jahrtausendwechsel in einen bösen Kater mündet. Warum hast du dich für diesen Zeitraum entschieden?

cover-ausgabe-7Da gibt es zwei Gründe. Erst einmal war 1999 das letzte Jahr der guten alten Zeit: vor der Nemax-Krise, dem Terrorismus und dem großen Sozialabbau. Bevor der Neoliberalismus sich auf alle Lebensfelder ausgebreitet, bevor die Digitalisierung den ganzen Alltag in den Griff genommen hat. Damals konnte man als junger Mensch noch seinen Job hinschmeißen und sich sicher sein, danach einen neuen zu finden. Weil noch nicht so ein Klima der Angst herrschte, konnte man sich noch Luxusprobleme leisten. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass einem, wenn man heute einen aktuellen Roman schreibt, die Zeit viel zu schnell davonläuft. Entweder gehe ich beim Schreiben in die Vergangenheit oder in die Zukunft; die Gegenwart entwickelt sich – vor allem, wenn man so langsam arbeitet wie ich – ganz schnell von einem weg.

Du arbeitest ja schon seit mehreren Jahrzehnten im Kunstbetrieb, warst unter anderem auch als Schauspieler und Regisseur tätig. Hast du den Eindruck, dass es heutzutage als Künstler schwieriger geworden ist?

Früher war es nicht so anstrengend wie heute, das Lebensminimum zusammenzukratzen. Ich komme immer weniger zum Schreiben, weil es schwieriger geworden ist, all den anderen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Künstlergruppe, mit der sich Fleck auseinandersetzt, diskutiert ständig über die Positionen des Künstlers im aufziehenden Neoliberalismus: Wo verortet man sich zwischen Unternehmer, Schmerzensmann und Revolutionär? Die Kunst – nicht nur die Literatur – wird immer weiter an den Rand gedrängt. Zudem ist die Aufmerksamkeitsspanne inzwischen so kurz, dass wohl nur noch wenige Menschen so ein dickes Buch wie Lutra Lutra lesen. Aber: Nichtsdestotrotz würde ich wieder so einen langen Roman schreiben.

Für unsere Tübinger Leser ist sicher nicht ganz uninteressant, dass du schon einmal hier gelebt hast. Was hast du damals in Tübingen gemacht – und wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war ja im vorigen Leben Schauspieler und Mitte der Achtziger ein Jahr lang am LTT beschäftigt. Tübingen war für mich anfangs wie ein großes Heimatmuseum und fast zu provinziell; dann war es aber eine sehr lebendige und interessante Zeit mit netten Leuten. Nach einem Jahr wollte ich gar nicht richtig weg.

Lieber Matthias, ich danke dir für das Gespräch.


Aus: ]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, Ausgabe 7. Das Magazin erscheint Mitte Oktober zur Frankfurter Buchmesse und ist über redaktion@trashpool.net, beim Verlag duotincta sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich (Print: 5 €, Digitalversion 3 €). ISSN: 2191-7957.

Notizen 8/16

Bevor ich mich für den Rest des Monats in den Urlaub verabschiede, lasse ich euch – großzügig, wie ich bin – noch ein paar Links da: Auf dem Blog Digitur, der sich der Literatur in der digitalen Welt verschrieben hat, wurde vor einigen Wochen nicht nur ausführlich unser E-Book Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge besprochen, sondern in einem zweiten Artikel auch die besondere Zusammenarbeit des Herausgeberteams vorgestellt. Vielen Dank noch einmal an Sabrina Jaehn für die schönen Artikel und das freundliche Gespräch. Auch für Mareike Fallwickl durfte ich auf Bücherwurmloch Rede und Antwort stehen. In ihrer Interviewrubrik High Five mit… stelle ich mich fünf Fragen zu meinem bibliophilen Leben.

Apropos Bibliophilie: Meine nächste Rezension erscheint zwar erst im September, kurze Buchtipps von mir gibt es aber bereits ab dem 26.8. in der kommenden Ausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT, für das ich nun bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Bücher vorstellen darf.

17287113691_a1e86c72ed_oUnd nun? Freue ich mich auf drei Wochen Thailand mit vielen interessanten Büchern im Gepäck – und meinem eigenen. Denn wer Dezemberfieber gelesen hat, der weiß, dass die typischen Gästebibliotheken in Hotels und Resorts im Roman eine wichtige Rolle spielen. Und genau dort – an Schauplätzen des Buches – werde ich das eine oder andere Exemplar mit persönlichem Gruß hinterlegen! Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird, wenn sich der Kreis nun schließt: Beim letzten Mal reiste ich schließlich noch mit Notizbuch durchs Land und legte damit den Grundstein für den Roman. Während meiner bisherigen Reisen dort entstand übrigens auch das Bonusmaterial von Dezemberfieber, das sich gegen Ende der Handlung über einen rätselhaften QR-Code aufrufen lässt. Und wer jetzt neugierig geworden ist, was es mit alldem auf sich hat – ich wüsste da noch einen guten Lektüretipp für den Urlaub…

Ich wünsche euch allen einen tollen Sommer!

[Interview] Zehn Fragen an zwölf DebütantInnen

Bildschirmfoto 2016-04-10 um 20.05.05Im Rahmen des Schwerpunktes “Literarische Debüts” auf Literaturkritik.de haben zwölf AutorInnen – u.a. Pierre Jarawan, Mirna Funk und meine Wenigkeit – Fragen zur Gegenwartsliteratur und ihrem Schreiben beantwortet. Das Interview wurde ebenfalls bei den lieben Kolleginnen von Das Debüt veröffentlicht – vielen Dank an Bozena Anna Badura!

]trash[pool-Interview mit Sandra Gugić (Auszug)

astronautenAnfang 2015 erschien Sandra Gugićs viel beachteter Debütroman ASTRONAUTEN bei C.H. Beck. In der aktuellen Ausgabe von ]trash[pool spricht die Open Mike-Gewinnerin von 2012 mit uns über ihre literarische Arbeit.


Liebe Sandra, dieses Interview soll Einblicke in den Entstehungsprozess literarischer Werke, die Textproduktion und Schreibwerkstatt ermöglichen. Darum möchte ich dir gerne einige Fragen zu deiner Schreib- und Arbeitspraxis stellen: Wann schreibst du?

Ruhige Tageszeiten eignen sich natürlich besonders. Zum Beispiel ganz früh morgens, wenn die Gedanken klar sind und noch keine Anrufe und E-Mails eingehen. Ich schreibe gern von spät abends bis zum Sonnenaufgang, das hat einen Reiz, ist aber weder besonders sozial noch gesund. Wenn mir nach langen Tagen in meiner Schreibhöhle/hölle die Decke auf den Kopf fällt, schätze ich auch Lärm und Trubel, ich ziehe eine belebte Umgebung vor, um Notizen und Ideen zu sammeln.

Wo schreibst du?

Notizen mache ich gern auf Reisen, im Flugzeug, in Transiträumen; unterwegs sein und neue Eindrücke aufnehmen schärft meinen Blick, wirft die Gedankenmaschine an. Im Zug klappt manchmal sogar die Feinarbeit. Manchmal schreibe ich in Cafés, wenn es mich nach draußen drängt, und ich den Geräuschteppich fremder Gesprächsfetzen als Backgroundrauschen haben will. Dann wieder brauche ich Stille und die Ruhe meines Arbeitszimmers.

Wie schreibst du, also welche Utensilien verwendest du, arbeitest du eher chaotisch oder strukturiert, denkst du lieber lange nach, bevor du eine Phrase formulierst, und schreibst du eher flüssig und korrigierst dich fortwährend?

Chaos und Struktur haben eigentlich viele Gemeinsamkeiten. Ich tendiere beim Material sammeln und in der ersten Arbeitsphase mehr zum Chaos, aus dem in den nächsten Arbeitsschritten Ordnung und Struktur geschaffen werden muss: kill your darlings usw. Bei den ASTRONAUTEN habe ich lange Zeit Material gesammelt und an jeder der Figuren geschrieben, die Texte immer wieder überarbeitet und verdichtet. Ich schreibe eine erste Version oft in Fragmenten, manchmal geht mir diese erste Version leicht von der Hand, aber eigentlich bin ich keine Schnellschreiberin. Bis zur endgültigen Fassung eines Textes ist es ein langer Weg. Die ASTRONAUTEN haben sich im Schreiben nach und nach vervollständigt, eigene Stimmen bekommen und auch ein Eigenleben entwickelt, dem ich dann folgen musste. Beim Schreiben denke ich stark in Bildern. Auch meine Notizen setzen sich teils aus Fotografien, Schnappschüssen zusammen. Manchmal ist das Bild so klar, dass ein Textteil wie von selbst entsteht. Aber meist ist es viel Arbeit. Wenn ich ausreichend Material beisammen habe, arbeite ich auch analog, in einer Art Cut-up Technik, bei der ich zum Beispiel einen fertigen Text ausdrucke, auf dem Boden meines Arbeitszimmers und allen verfügbaren freien Ablagen auflege, eine Weile betrachte, durchdenke, dann zerschneide, neu sortiere und quasi puzzle, neue Übergänge auf Notizzettel und Post-its kritzele. Oder ich arrangiere Textfragmente so lange und schreibe auch hier Übergänge etc., bis sich ein anderer oder für mich fertiger Text- und Sinnzusammenhang ergibt. Zadie Smith unterteilt in Changing My Mind: Occasional Essays Autor/inn/en in Macro Planner und Micro Manager, ich denke ja, zwei Kategorien reichen unmöglich und müsste ich zwischen diesen Schubladen wählen, würde ich in keine von beiden passen. Aber Zadie Smith ist nichtsdestotrotz eine großartige Autorin.

Machst du einen Unterschied zwischen digitalem und ausgedrucktem Text?

Auf Papier gedruckten Text lese ich anders, genauer, er fühlt sich realer an, ich erkenne besser, wo Fehler, Unstimmigkeiten, Redundanzen und andere Grausamkeiten versteckt sind. Digitaler Text ist beweglich, variabel in scheinbar unendlichen Möglichkeiten von copy&paste und erase&rewind. Was ebenso wichtig ist: der Sound, sprich: sich den Text laut vorzulesen. Das sage ich, auch wenn Michael Lentz in einem Seminar zu mir gesagt hat: Vergessen Sie den Sound, Frau Gugić.

In einem Interview hast du einmal auf die Frage, welches Buch du schon an die Wand geworfen hast, geantwortet, dass du grundsätzlich nicht mit Büchern wirfst – nicht einmal mit Esoterik. Was ist also ein gedrucktes und gebundenes Buch für ein Ding? Gibt es so etwas wie eine beinahe heilige Aura eines Buches, das dem Ding Buch einen besonderen Wert verleiht, ungeachtet seines Inhaltes?

Als Vorschulkind habe ich mir vorgenommen, die deutsche Sprache so perfekt wie möglich zu lernen, damals, vor allem bevor ich lesen gelernt habe, waren Bücher wirklich heilig für mich. Das hängt mit meinem Migrationshintergrund zusammen und der daraus folgernden hohen Dringlichkeit, diese Sprache zu beherrschen. Aber prinzipiell: Nichts sollte allzu heilig sein. Und natürlich ist der Inhalt eines Buches relevant.


Das vollständige Interview könnt ihr in Ausgabe 6 von ]trash[pool lesen – erhältlich über bestellung@trash-pool.de, das Kontaktformular meines Blogs sowie (in Kürze auch digital) bei unserem Vertriebspartner duotincta. Ich danke Lisa Müller für die Freigabe des Gesprächs!

Von der Recherche als Fundament poetologischer Freiheiten: Interview mit Ilija Trojanow (2013)

Vor einigtrashpool4-coveren Wochen habe ich einen alten Schatz aus dem Archiv unserer Zeitschrift gehoben und hier ein Gespräch mit Ulrich Blumenbach über David Foster Wallace online gestellt. In der vierten Ausgabe von ]trash[pool hat unsere Redakteurin Ulrike Schiefelbein ein ähnlich ausführliches Interview mit dem Autor Ilija Trojanow (u.a. „Der Weltensammler“) führen dürfen, das ebenfalls viel zu schön geworden ist, um es im Archiv versauern zu lassen. Mit dem mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller sprach sie im Januar 2013 vor allem über die immense Bedeutung von Recherche für sein Schreiben und globale Literatur.


Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite an meinem Opus Magnum mit dem Arbeitstitel „Macht und Widerstand“. Es geht um zwei exemplarische Geschichten über einen Apparatschik und einen Widerstandskämpfer – und das anhand 50 Jahre bulgarischer Geschichte.

Und was liest du zur Zeit?

Ich habe gerade bei der afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt ein Gespräch moderiert und die Bücher der Autoren gelesen. Einer der Autoren ist Helo Habila aus Nigeria, der merkwürdigerweise den Deutschen Krimipreis gewonnen hat, was insofern interessant ist, weil inzwischen ja alles Krimi sein muss. Krimi ist das Genre unserer Zeit. Entweder versuchen alle Krimis zu schreiben oder selbst diejenigen, die keine Krimis schreiben, werden in der Rezeption dann einfach als Krimi-Autoren tituliert.

Bevor du vor allem als Romancier bekannt wurdest, hast Anfang der 90er Jahre afrikanische Literatur verlegt. Jüngst kritisiertest du in der Süddeutschen Zeitung, dass afrikanische Literatur im Literaturbetrieb nach wie vor marginalisiert werde. Es hat sich demnach nichts verändert?

Grundsätzlich ist es so, dass fremde Literatur bei uns wahrgenommen und rezepiert wird, wenn sie möglichst wenig fremd ist. Das heißt, dass eigentlich das, was Literatur leisten könnte – nämlich uns das Unbekannte näher zu bringen, uns dadurch mit uns selbst zu konfrontieren, uns zu irritieren und zu provozieren –, eigentlich nicht angenommen wird. Je abwegiger, je sperriger, auch kulturell sperriger ein Roman ist, desto weniger wird er weitergegeben. In dem Sinne hat sich nichts Wesentliches verändert.

Könntest du dich den Lesenden von ]trash[pool kurz vorstellen? Kannst du deinen Stil umreißen – oder geht das grundsätzlich nicht?

Mein Stil ist, dass ich keinen Stil habe. Ganz grob gesagt gibt es zwei Arten von Autoren. Jene, die an einer Stelle bohren, und jene, die immer mal wieder woanders Bohrungen machen. Jene, die wie an Thomas Bernhard an einer Stelle bohren, haben irgendwann einen ganz eigenen Stil entwickelt und diesen vertiefen sie. Es kommen kleinere Variationen, kleine Drehungen vor, aber im Großen und Ganzen ist die Welt, die sie beschreiben, das Vokabular, das sie benutzen, sind die Figuren, die sie vorstellen, doch sehr ähnlich. Die literarische Stärke entsteht dann durch die Verdichtung. Und natürlich auch durch eine gewisse Geläufigkeit für den Leser, der mit dieser Welt, mit diesem Stil, eine Vertrautheit herstellt, die angenehm ist. Es gibt viele Leser, die das sehr mögen, wenn sie den Sound eines Autors immer wiedererkennen. Bei mir ist es so, dass ich den Stil, den Sound je nach Thema, nach Konstruktion und Handlung anpasse, verändere. Deshalb ist der Stil zwischen „Die Welt ist groß“, „Weltensammler“ und „Eistau“ extrem unterschiedlich.

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