]trash[pool-Interview mit Sandra Gugić (Auszug)

astronautenAnfang 2015 erschien Sandra Gugićs viel beachteter Debütroman ASTRONAUTEN bei C.H. Beck. In der aktuellen Ausgabe von ]trash[pool spricht die Open Mike-Gewinnerin von 2012 mit uns über ihre literarische Arbeit.


Liebe Sandra, dieses Interview soll Einblicke in den Entstehungsprozess literarischer Werke, die Textproduktion und Schreibwerkstatt ermöglichen. Darum möchte ich dir gerne einige Fragen zu deiner Schreib- und Arbeitspraxis stellen: Wann schreibst du?

Ruhige Tageszeiten eignen sich natürlich besonders. Zum Beispiel ganz früh morgens, wenn die Gedanken klar sind und noch keine Anrufe und E-Mails eingehen. Ich schreibe gern von spät abends bis zum Sonnenaufgang, das hat einen Reiz, ist aber weder besonders sozial noch gesund. Wenn mir nach langen Tagen in meiner Schreibhöhle/hölle die Decke auf den Kopf fällt, schätze ich auch Lärm und Trubel, ich ziehe eine belebte Umgebung vor, um Notizen und Ideen zu sammeln.

Wo schreibst du?

Notizen mache ich gern auf Reisen, im Flugzeug, in Transiträumen; unterwegs sein und neue Eindrücke aufnehmen schärft meinen Blick, wirft die Gedankenmaschine an. Im Zug klappt manchmal sogar die Feinarbeit. Manchmal schreibe ich in Cafés, wenn es mich nach draußen drängt, und ich den Geräuschteppich fremder Gesprächsfetzen als Backgroundrauschen haben will. Dann wieder brauche ich Stille und die Ruhe meines Arbeitszimmers.

Wie schreibst du, also welche Utensilien verwendest du, arbeitest du eher chaotisch oder strukturiert, denkst du lieber lange nach, bevor du eine Phrase formulierst, und schreibst du eher flüssig und korrigierst dich fortwährend?

Chaos und Struktur haben eigentlich viele Gemeinsamkeiten. Ich tendiere beim Material sammeln und in der ersten Arbeitsphase mehr zum Chaos, aus dem in den nächsten Arbeitsschritten Ordnung und Struktur geschaffen werden muss: kill your darlings usw. Bei den ASTRONAUTEN habe ich lange Zeit Material gesammelt und an jeder der Figuren geschrieben, die Texte immer wieder überarbeitet und verdichtet. Ich schreibe eine erste Version oft in Fragmenten, manchmal geht mir diese erste Version leicht von der Hand, aber eigentlich bin ich keine Schnellschreiberin. Bis zur endgültigen Fassung eines Textes ist es ein langer Weg. Die ASTRONAUTEN haben sich im Schreiben nach und nach vervollständigt, eigene Stimmen bekommen und auch ein Eigenleben entwickelt, dem ich dann folgen musste. Beim Schreiben denke ich stark in Bildern. Auch meine Notizen setzen sich teils aus Fotografien, Schnappschüssen zusammen. Manchmal ist das Bild so klar, dass ein Textteil wie von selbst entsteht. Aber meist ist es viel Arbeit. Wenn ich ausreichend Material beisammen habe, arbeite ich auch analog, in einer Art Cut-up Technik, bei der ich zum Beispiel einen fertigen Text ausdrucke, auf dem Boden meines Arbeitszimmers und allen verfügbaren freien Ablagen auflege, eine Weile betrachte, durchdenke, dann zerschneide, neu sortiere und quasi puzzle, neue Übergänge auf Notizzettel und Post-its kritzele. Oder ich arrangiere Textfragmente so lange und schreibe auch hier Übergänge etc., bis sich ein anderer oder für mich fertiger Text- und Sinnzusammenhang ergibt. Zadie Smith unterteilt in Changing My Mind: Occasional Essays Autor/inn/en in Macro Planner und Micro Manager, ich denke ja, zwei Kategorien reichen unmöglich und müsste ich zwischen diesen Schubladen wählen, würde ich in keine von beiden passen. Aber Zadie Smith ist nichtsdestotrotz eine großartige Autorin.

Machst du einen Unterschied zwischen digitalem und ausgedrucktem Text?

Auf Papier gedruckten Text lese ich anders, genauer, er fühlt sich realer an, ich erkenne besser, wo Fehler, Unstimmigkeiten, Redundanzen und andere Grausamkeiten versteckt sind. Digitaler Text ist beweglich, variabel in scheinbar unendlichen Möglichkeiten von copy&paste und erase&rewind. Was ebenso wichtig ist: der Sound, sprich: sich den Text laut vorzulesen. Das sage ich, auch wenn Michael Lentz in einem Seminar zu mir gesagt hat: Vergessen Sie den Sound, Frau Gugić.

In einem Interview hast du einmal auf die Frage, welches Buch du schon an die Wand geworfen hast, geantwortet, dass du grundsätzlich nicht mit Büchern wirfst – nicht einmal mit Esoterik. Was ist also ein gedrucktes und gebundenes Buch für ein Ding? Gibt es so etwas wie eine beinahe heilige Aura eines Buches, das dem Ding Buch einen besonderen Wert verleiht, ungeachtet seines Inhaltes?

Als Vorschulkind habe ich mir vorgenommen, die deutsche Sprache so perfekt wie möglich zu lernen, damals, vor allem bevor ich lesen gelernt habe, waren Bücher wirklich heilig für mich. Das hängt mit meinem Migrationshintergrund zusammen und der daraus folgernden hohen Dringlichkeit, diese Sprache zu beherrschen. Aber prinzipiell: Nichts sollte allzu heilig sein. Und natürlich ist der Inhalt eines Buches relevant.


Das vollständige Interview könnt ihr in Ausgabe 6 von ]trash[pool lesen – erhältlich über bestellung@trash-pool.de, das Kontaktformular meines Blogs sowie (in Kürze auch digital) bei unserem Vertriebspartner duotincta. Ich danke Lisa Müller für die Freigabe des Gesprächs!

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