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Drei Bücher über… Liebe

Drei Bücher über... LiebeSchon länger habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine neue Rubrik auf meinem Blog einzuführen, in der ich Bücher, anstatt wie sonst in die Tiefe zu gehen, in aller Kürze bespreche. In unregelmäßigen Abständen stelle ich deshalb bei Drei Bücher über… fortan jeweils drei Titel zu einem bestimmten Oberthema vor, ganz gleich ob Roman oder Sachbuch, Backlist oder Bestseller, kanonisch oder obskur – eine schöne Gelegenheit, mal über Bücher zu schreiben, die nicht gerade zwingend in aller Munde sind. Und was lag da näher, als am Valentinstag mit der Liebe zu beginnen?


Stephan Porombka – Es ist Liebe

Früher war alles besser, sogar der Valentinstag. Man schrieb sich noch echte Liebesbriefe anstelle von Chatnachrichten. Und man schickte einander Blumen, keine Selfies. Natürlich ist das Quatsch: In der Generation Smartphone lieben wir nicht schlechter, sondern nur anders. Mit Verve fordert uns Social Media-Künstler und Professor Stephan Porompka in Es ist Liebe deshalb zu einer neuen romantischen Revolution auf. Ein Essay ist der schmale Band nicht – eher eine Flugschrift, wie Hanser es nennt. Porompka wägt nicht das Für und Wider digitaler Kommunikation ab, sondern will uns vielmehr dazu aufmuntern, neugierig und aufgeschlossen zu bleiben, uns auszuprobieren und neu zu erfinden – ein Zurück gibt es schließlich genauso wenig wie damals nach Gutenberg. Was die neuen Kommunikationsformen aus und zwischen uns machen, bleibt – der Textform geschuldet – manchmal etwas verkürzt und absichtlich plakativ, ist in seinem Optimismus aber durchaus ansteckend.

Sarah Berger – Match Deleted

Die Tinder Shorts von Sarah Berger zeigen dagegen die Kehrseite der digitalen Revolution. In den 137 semi-fiktiven Miniaturen und Chatprotokollen von Match Deleted entlarvt sie die moderne Datingkultur als permanente Selbstspiegelung, dank der Nähe und Verbindlichkeit zum Sonderfall werden. An die Stelle von echter Kommunikation, von wahrhaftigem oder wenigstens scheinbarem zwischenmenschlichen Austausch tritt ein fortdauerndes Selbstgespräch auf beiden Seiten. Man redet aneinander vorbei und dabei eigentlich eh nur über sich selbst. Am besten funktionieren die Tinder Shorts da, wo Berger ihre erfundenen Chatpartner, die eigentlich nur auf ein unverbindliches Sextreffen aus sind, mit echten Emotionen und Geständnissen irritiert – und damit die ungeschriebenen Regeln oberflächlicher Dating-Kommunikation bricht. Das ist mal lustig, mal deprimierend – und stellenweise auch anstrengend. Also wie das echte Leben, das wir aus unseren gestylten Online-Profilen sonst so gerne ausklammern.

Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Aber was passiert eigentlich mit der Liebe, wenn zwei Menschen ganz auf sich zurückgeworfen sind, abgeschnitten von der Außenwelt und jeder Kommunikationsmöglichkeit? In ihrem kompromisslosen und eindringlichen Roman Herz auf Eis setzt Isabelle Autissier das junge Pariser Paar Louise und Ludovic einer absoluten Extremsituation aus – und seziert dabei den Zerfall ihrer Liebe im Kampf ums nackte Überleben. Ein Jahr lang wollten sie zu zweit die Welt umsegeln und gemeinsam die Freiheit des Lebens genießen. Nach einem Schiffbruch vor einer Insel bei Kap Hoorn sehen sie nun stattdessen mit jedem Tag, den sie dort gestrandet sind, mehr dem Tod ins Auge. Keine Spur von Robinson-Romantik und billiger Blaue Lagune-Erotik: Anstelle von Kokosnüssen und Palmen erwarten sie auf der Insel nichts weiter als eine seit Jahrzehnten verlassene Walfangstation und eine strengere Kälte, als sie ertragen können. Um zu überleben, müssen sie regelmäßig Pinguine zu Dutzenden erschlagen oder Dosen öffnen, die seit 50 Jahren abgelaufen ist. Von dem, was sie im behüteten Paris einst darstellten, bleibt nur noch die Erinnerung: Was bringt es etwa, daheim ein erfolgreicher Werber zu sein, wenn man ohne all die Erleichterungen der Zivilisation plötzlich nicht mehr überlebensfähig ist? Nicht nur die alltäglichen Strapazen und der Hunger werden für Louise und Ludovic zu einer Belastung. Auch die gegenseitigen Schuldzuweisungen und unterschiedlichen Vorstellungen dessen, was zu tun ist, treiben das Paar immer weiter auseinander. Als Ludovic erkrankt und täglich schwächer wird, wird Louise auf eine harte Probe gestellt. Was ist stärker – ihre Liebe oder der pure Überlebensinstinkt? Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.


Stephan Porombka: Es ist Liebe. Erschienen bei Hanser, 176 Seiten. // Sarah Berger: Match Deleted. Erschienen bei Frohmann, 160 Seiten. // Isabelle Autissier: Herz auf Eis. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Erschienen bei Mare, 224 Seiten. // Die Texte zu „Es ist Liebe“ und „Match Deleted“ sind in kürzerer Form bereits in der Februarausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT erschienen.

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„Dann geht es mir wieder wie Agnes: Ich staune.“ Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler im Gespräch.

Postkarten an UnterstützerLetzte Woche habe ich Mirjam Ziegler für den Blogbuster-Preis 2018 nominiert und ihren Longlist-Titel Die Federn meiner Mutter ausführlich besprochen. Nun möchte ich die Autorin endlich selbst zu Wort kommen lassen – und habe sie zur außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte ihres Romans befragt.

Liebe Mirjam, wie ist damals in Tübingen der Anfang zum Roman entstanden?

Die Idee hatte ich eigentlich schon 2010 während meines Auslandsjahrs, doch beim ersten Schreibversuch merkte ich schnell, dass mir da das Handwerkszeug fehlte. Zurück in Tübingen konnte ich glücklicherweise am Studio Literatur und Theater viel lernen; zunächst übte ich mich in kürzeren Formen. Parallel entwickelte ich die Romanidee weiter, und als ich dann endlich einen funktionierenden Anfang gefunden hatte, schrieb ich in meiner Kino-Mittagspause in einem italienischen Café – jeden Tag ein paar Sätze, oder auch nur ein paar Wörter, oder auch gar keines. Das Wichtige war dranzubleiben. Die ersten beiden Kapitel waren auch meine Abschlussarbeit für das Zertifikat am SLT.

Den Großteil des Romans hast du allerdings nicht in Tübingen geschrieben, sondern unterwegs – und zwar auf derselben Reiseroute wie der von Agnes. Wie kamst du auf diese Idee und den Einfall, dir deine sechsmonatige Romanreise per Crowdfunding zu finanzieren?

In Tübingen wäre ich nicht auf so eine abwegige Idee gekommen. Das war in Phnom Penh, ich couchsurfte bei einem Holländer, der schon CouchSurfing machte, bevor dieses Konzept existierte, und sich generell nicht darum scherte, was normal ist. Zur Rush Hour auf einem Moto schien mir mitten im verrückten Verkehr wohl plötzlich alles möglich. Da war die Idee zum Crowdfunding-Projekt: So könnte ich meinen Roman fertig schreiben, bevor ich wieder Arbeit suchen muss. In einem halben Jahr und ohne Rücklagen. Noch in Kambodscha begann ich zu planen, nachts auf dem Balkon eines Hostels schickte ich Rundmails. Antworten aus Europa: „Das ist unmöglich.“ „Ich mach mir Sorgen um dich.“ Und: „Ich habe zwei Lesungen für dich organisiert.“ „Du kannst bei mir bleiben, solange du willst!“ Ursprünglich dachte ich, ich würde die Route hauptsächlich durch CouchSurfing abdecken, doch das war nicht nötig. Von überall her kamen die Einladungen, von Freunden, Bekannten und Unbekannten. Gerade von Filmleuten kam viel Unterstützung – die sind ja daran gewöhnt, entgegen der Wahrscheinlichkeit zu arbeiten.

Ich stelle mir das einerseits spannend, andererseits aber auch schwierig vor: Du siehst interessante Länder und Städte, lernst neue Leute kennen, bist bei Freunden zu Gast. Hattest du während der Reise so etwas wie einen Arbeitsalltag?

Tatsächlich ja, weil ich öffentlich angekündigt hatte, dass ich reise, um zu schreiben, und dafür Geld bekommen hatte. Das hat einerseits den nötigen Druck in mir erzeugt, etwas zustande zu bekommen, und andererseits wollten die Gastgeber auch nichts anderes von mir, als dass ich schreibe – alle Angebote, im Haushalt oder sonstwie zu helfen, haben sie ausgeschlagen. Nur kochen durfte ich! Bei den meisten war ich für zwei Wochen, und ich passte mich an ihren Arbeitsalltag an. Wenn meine Gastgeber sich an die Arbeit machten, setzte ich mich an den Schreibtisch – oder Küchentisch, Gartentisch… Aber natürlich gab es überall auch Erkundungstage. (mehr …)

Rabenmutter. Über „Die Federn meiner Mutter“ von Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler

Mirjam Ziegler - Die Federn meiner Mutter - BlogbusterEigentlich ist für Agnes alles klar. Mit dem Jurastudium in der schwäbischen Provinz steht ihr eine solide Zukunft mit ihrem Freund und Kommilitonen Florian bevor. Ein bürgerliches Familienleben mit Kinderzimmern und Doppelgarage, in dem sie alles richtig macht, was ihre eigene Mutter einst falsch machte. Klar ist Agnes nämlich auch, was für ein Mensch diese Magdalena Blau ist: eine selbstsüchtige Egozentrikerin. Und eine Rabenmutter. Immer wieder ließ sie Agnes und ihren Vater im Stich, verschwand während ihrer Kindheit manchmal für ganze Jahre ins Ausland, nur um dann wieder unvermittelt vor der Tür zu stehen, ehe sie die Familie kurz darauf erneut enttäuschte. Schließlich blieb sie ganz weg und fing ein neues Leben als Künstlerin in Paris an. So will Agnes nicht werden. Sie gibt ihre eigenen Ambitionen, Fotografin zu werden, zugunsten eines solideren Plans auf und entscheidet sich stattdessen für Jura und Florian. Für ein zufriedenes Leben, ganz ohne den Pathos ihrer Mutter und den leidenden Blick ihres Vaters. All das will Agnes ein für alle Mal hinter sich lassen. Jedenfalls bis zu diesem Anruf.

Ob sie zufällig wisse, wo ihre Mutter sei? Magdalena sei nämlich verschwunden. Nach dem Anruf ihres Lebensgefährten Richard brechen in Agnes die alten Wunden wieder auf. Ihre Mutter hat es wieder getan, wieder hat sie einen Menschen enttäuscht und ratlos zurückgelassen. Die lange verdrängten Fragen lassen Agnes keine Ruhe mehr: Warum hat sie ihre Familie immer wieder im Stich gelassen? Wo war sie all die Jahre – und bei wem? Agnes fasst einen Plan: Sie will ihre Mutter finden und sie endlich zur Rede stellen. Also meldet sie sich in der Kanzlei, in der sie gerade ein wichtiges Praktikum absolviert, krank und bricht kurzerhand nach Paris auf – ohne zu ahnen, wie sehr diese Reise sie verändern wird.

Auf den Spuren einer Amour Fou

Aber Magdalena ist nicht in Paris. Im Atelier findet Agnes nur Hinweise zu ihrem früheren, ihrem geheimen Leben: verstörende Gemälde aus einer anderen Schaffensphase, die weitaus ambitionierter sind als alle, die Agnes bisher von ihr kannte, sowie Briefe, die Rückschlüsse auf alte Liebschaften zulassen. Besonders mit einem Mann schien Magdalena über Jahrzehnte eine komplexe Amour fou zu verbinden: Offenbar war es dieser Künstler Narciso, zu dem Agnes‘ Mutter auch nach ihrer Geburt immer wieder zurückkehren musste. Die wenigen Spuren führen nach Barcelona. Spontan entscheidet sich Agnes, dort weiterzusuchen – koste es, was es wolle.

Über Magdalenas Gegenwart findet Agnes in Barcelona nur wenig heraus, ihre Vergangenheit hat sie dagegen immer klarer vor Augen: In den Siebzigern führte sie dort ein wildes, ein freies Leben, das von künstlerischem Idealismus und einer Aufbruchsstimmung während politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen geprägt war. Noch mehr als über ihre Mutter lernt Agnes aber über sich selbst: Sie ist dieser ihr so fremden Magdalena Blau weitaus ähnlicher, als sie das lange wahrhaben wollte. Allmählich findet sie Gefallen am ausgelassenen Leben in der internationalen Studenten-WG, in der sie untergekommen ist, einem Leben, das ganz anders ist als jenes, das sie mit dem braven Florian in Deutschland führt. Während Agnes ihre Leidenschaft für die Fotografie wiederentdeckt und sich immer mehr in Barcelona verliebt, rückt das Ziel, ihre Mutter zu finden, genauso in den Hintergrund wie der Gedanke an Florian – woran auch die Avancen des spanischen Fotografen Joan nicht ganz unschuldig sind. Erst als sie eine Spur zu Narciso führt, jener großen, aber schmerzhaften Liebe, von der ihre Mutter offenbar nie ganz lassen konnte, nimmt ihre Suche endlich wieder Fahrt auf. Ausgerechnet dann steht plötzlich Florian vor der Tür. Weil sie auch nach Wochen noch nicht zurückgekehrt ist, will er sie zur Vernunft zu bringen – und zwingt Agnes damit zu einer Entscheidung.

„Es sind so viele Leben möglich.“

Natürlich ist Barcelona nicht die letzte Station in Die Federn meiner Mutter: Genau wie ihre Protagonistin Agnes ist Mirjam Ziegler auf ihrer Romanreise, die sie sich per Crowdfunding finanzierte, weiter nach Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien gezogen, um ihre Roadnovel genau dort zu schreiben, wo sie auch spielt. Und das spürt man. Mit lebhaften Beschreibungen und anschaulichen Details fängt Mirjam Ziegler die Atmosphäre der vielen Schauplätze perfekt ein und löst damit beim Lesen dieselbe Reiselust aus, die auch Agnes erfasst hat – am liebsten würde man dasselbe machen wie sie: einfach den Rucksack packen, blau machen und ohne festes Ziel losfahren. Die Federn meiner Mutter ist aber nicht nur ein Reise-, sondern zugleich auch ein Familien- und Coming-of-age-Roman. Und natürlich ist das nicht neu: Figuren, die sich erst verlieren müssen, um sich zu finden, gibt es in Film und Literatur zuhauf. Auch Mirjam Ziegler hat hier das Rad nicht neu erfunden, nichts an ihrem Roman zeugt von der Bestrebung, vertraute Muster aufzubrechen oder Neues zu wagen. Man kann ihr das zum Vorwurf machen. Allerdings hat es ja einen Grund, warum manche Geschichten wieder und wieder erzählt werden und warum sie es trotzdem weiter schaffen, Menschen zu berühren. Die Federn meiner Mutter ist ein menschlicher und emphatischer Roman, der einerseits zu unterhalten weiß, sich andererseits aber mit ganz grundsätzlichen Fragen auseinandersetzt, die sich jeder im Laufe seines Lebens immer wieder stellen muss: Führe ich das richtige Leben, das einzig mögliche? Oder gäbe es auch andere Leben, die mich glücklicher machen könnten? Aber auch: Welche Verantwortung habe ich für das Glück anderer?

Straffen und verdichten

Wer glaubt, dass Manuskripte vom Schreibtisch ohne Umweg in den Druck gehen können, unterschätzt allerdings die Bedeutung eines guten Lektorats. Auch Mirjam Zieglers Roman hat trotz unbestreitbarer Stärken seine Schwächen, die gerade für Debüts nicht ganz untypisch sind. Zum einen ist Die Federn meiner Mutter zu lang geraten: Es würde dem Roman gut tun, ihn an einigen Stellen zu straffen und zu verdichten. Auch nimmt Agnes als Figur dem Leser manchmal zu viel Denkarbeit ab, indem sie dazu neigt, sich selbst ständig zu deuten. Das erzeugt auf Dauer nicht nur eine gewisse Redundanz, sondern nimmt einem als Leser auch den Raum, die Dinge selber einzuordnen – und vielleicht sogar zu ganz anderen Schlüssen zu kommen. Hier wäre weniger definitiv mehr. Aber das ist eigentlich eine gute Nachricht: Einen Roman im Lektorat zu kürzen ist leichter, als ihn erweitern zu müssen. Nicht zuletzt ist Die Federn meiner Mutter trotz dieser Kritikpunkte in großen Teilen schon so rund, dass man das Potenzial jederzeit erkennen kann.

Und genau das ist es, was wir Blogger bei Blogbuster leisten können: Bücher entdecken, die vielleicht noch nicht perfekt sind, die aber das Potenzial haben, schon in einem halben Jahr bei Kein & Aber veröffentlicht zu werden – und dabei möglichst viele Leser zu begeistern. Beides wünsche ich Mirjam Ziegler von Herzen!


Hier entlang zu meiner Nominierung für Mirjam Ziegler. Ein ausführliches Interview über den Roman und ihre Recherchereise folgt in der nächsten Woche!

Weißer Rauch steigt auf: meine Nominierung für Blogbuster 2018

blogbusterEigentlich kenne ich das ja. Seit sieben Jahren prüfe ich nun schon Texte für die Literaturzeitschrift ]trash[pool und habe mir die Auswahl nie leichtgemacht. Im Fokus unseres Magazins stehen vor allem eigensinnige Texte, die sich durch sprachliche Experimentierfreude und ungewöhnliche Perspektiven auszeichnen. Texte, die überraschen sollen, die gerne auch mal sperrig und verstörend sein dürfen. Aber Romane funktionieren anders. Selbst, wenn sie sich in Auszügen auch in ]trash[pool gut machen würden, müssen sie über die Distanz nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich überzeugen. Romane brauchen Geschichten, die uns neugierig machen, brauchen Figuren, für die wir nicht unbedingt Sympathie, aber zumindest Empathie aufbringen können. Für die Auswahl meines Blogbuster-Kandidaten musste ich mich deshalb mehr als sonst von anderen Kriterien leiten lassen: Ist der Roman ausgereift genug, um in einem Verlag wie Kein & Aber zu erscheinen – und das bereits in einem halben Jahr? Passt er dort überhaupt ins Programm? Und nicht zuletzt: Glaube ich, dass der Roman nicht nur mich selbst, sondern auch andere begeistern kann?

In der zweiten Staffel von Blogbuster haben sich 180 AutorInnen mit ihren Manuskripten bei 15 Bloggern beworben – und ich danke denjenigen, die mir ihre Texte anvertraut haben. Es ist nicht mein Stil, öffentlich die Arbeit anderer abzuwerten, insofern halte ich mich an dieser Stelle nur kurz und allgemein bei meinen abgelehnten Kandidaten auf. Von meinen 13 Bewerbungen hat mich nur eine ausreichend überzeugt, um nach Prüfung von Leseprobe und Exposé das Gesamtmanuskript anzufordern. Die Gründe für meine Absagen waren vielfältig und sagen nicht unbedingt etwas über die Qualität der eingereichten Texte aus. Gleich mehrere Manuskripte waren deutlich näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur und fielen für mich allein deshalb aus dem Raster, zwei der Romane richteten sich eher an Jugendliche als an Erwachsene. Während mich einige der Leseproben stilistisch nicht überzeugten, krankte es bei anderen am Inhalt. Manchen Texten fehlte, obwohl durchaus gekonnt geschrieben, dagegen leider das, was man gerne „Verlagsreife“ nennt – hier hoffe ich natürlich, dass die AutorInnen dranbleiben und weiter an sich arbeiten. Letzten Endes ist all das aber eine persönliche Einschätzung. Da wir Blogger nur mit einem Manuskript ins Rennen gehen dürfen und es entsprechend persönlich empfehlen sollen, ist unsere Auswahl natürlich subjektiver als es in einer Agentur oder einem Verlag der Fall wäre. Es spielen also nicht nur Textqualität und Plot eine Rolle, sondern auch der eigene Literaturgeschmack.

…and the winner is…

Was bei meiner Nominierung hingegen keine Rolle spielte: dass ich meiner Kandidatin Mirjam Ziegler vor etwas mehr als fünf Jahren schon einmal begegnet bin. 2012 veröffentlichten wir in der dritten Ausgabe von ]trash[pool bereits eine Erzählung von Mirjam, auf der Release-Lesung in Tübingen lernte ich sie daraufhin auch kurz persönlich kennen. Seitdem habe ich sie zwar weder getroffen noch etwas Literarisches von ihr gelesen, verfolgte auf Facebook aber ihr mehr als ehrgeiziges Projekt: Mirjam wollte nicht nur einen Reise- und Familienroman schreiben, in dem sie ihre Protagonistin auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter einmal quer durch Europa schickt. Sie wollte den Roman auch auf ebendieser Reiseroute schreiben – ein halbes Jahr lang, allein finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne. Das ist ihr tatsächlich gelungen. Ob dasselbe auch für ihren dabei entstandenen Roman Die Federn meiner Mutter gilt, fand ich hingegen erst heraus, als sich Mirjam nach meinem Aufruf auf den Kanälen unserer Zeitschrift bei Blogbuster bewarb.

Bei ]trash[pool kam ich schon mehr als einmal in die Verlegenheit, Freunden oder Bekannten, die Texte bei uns eingereicht haben, absagen zu müssen; trotzdem freue ich mich natürlich, wenn diese mich nicht wegen, sondern fast sogar trotz unserer Bekanntschaft begeistern können. Dass Mirjam Ziegler schreiben kann, wusste ich aus der Vergangenheit – und sah es schon nach wenigen Seiten der Leseprobe wieder bestätigt. Aber kann sie auch eine Geschichte erzählen, einen ganzen Roman füllen? Ich habe Die Federn meiner Mutter in nur wenigen Tagen gelesen und Mirjam Zieglers Protagonistin Agnes darin nach Paris und Barcelona, Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien begleitet. Auf mehr als 340 Manuskriptseiten habe ich einige Schwächen, aber deutlich mehr Stärken entdecken dürfen. Und als mich das Ende des Romans tatsächlich rührte, wusste ich, dass ich mit seinem letzten Satz ein Gratulationsschreiben beginnen musste:

Liebe Mirjam,
es sind ja so viele Leben möglich. Eines fiele mir für dich jedenfalls ein: als Blogbuster-Autorin nämlich!


Am Donnerstag stelle ich den Roman Die Federn meiner Mutter ausführlich vor, Mirjam Ziegler selbst lernt ihr dann nächste Woche im Interview kennen!

Ausgeliefert. Über „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis

Édouard Louis - Im Herzen der GewaltÉdouard hat es geschafft. Noch ist er zwar nicht der große Starautor mit dem gefeierten Debüt, aber das verhasste Leben in der französischen Provinz, über das er in Das Ende von Eddy schrieb, hat er endlich hinter sich gelassen. Er ist weg aus der Kleinstadt, in der man ihn so viele Jahre aufgrund seiner Homosexualität erniedrigte, weg von der Familie, die sein Wesen eher duldete und deckte, als es zu akzeptieren. In Paris kann Édouard er selbst sein, kann ein offenes Leben als Schwuler führen, als Intellektueller und Bohème. Den Kontakt zu seiner Familie hat er weitestgehend abgebrochen, stattdessen verbringt er seinen Heiligabend lieber mit Freunden. Es ist ein weinseliger Abend mit guten Gesprächen, man schenkt einander Bücher und ständig nach; als Édouard spät nachts alleine nach Hause geht, ist er angetrunken und müde, trotzdem lässt er sich auf der Straße von einem jungen Franzosen mit algerischen Wurzeln in ein Gespräch verwickeln und nimmt ihn nach anfänglichem Zögern mit in seine Wohnung. Ein harmloser Flirt mit brutalen Konsequenzen: Die Nacht mit Reda ist zunächst von Zärtlichkeit und Leidenschaft, in den intimen Gesprächen sogar von echter Nähe geprägt. Als Édouard seinen Gast jedoch beim Klauen erwischt, eskaliert die Situation plötzlich. Überfordert von der Situation erwürgt ihn Reda beinahe, schließlich zückt er eine Waffe und vergewaltigt ihn brutal.

Diese Nacht hat Édouard Louis wirklich erlebt. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt ist die autobiografische Aufarbeitung von endlosen Stunden in Todesangst, die intime Auseinandersetzung mit einem Trauma, das ihn noch lange über diese eine Nacht hinaus gefangen hielt. Der Roman ist zugleich aber auch eine Reflexion über die vielen unsichtbaren Formen von Gewalt und ihren Folgen.

Eine Reflexion über die Formen von Gewalt

Gewalt bedeutet für Édouard Louis Fremdbestimmung und Zwang, bedeutet das Gefangensein in einer Situation, aus der man nicht entkommen kann. Auch nachdem Reda längst aus seiner Wohnung verschwunden ist, bleibt Édouard den Folgen dieser Nacht ausgeliefert. Nicht nur, dass er ständig über sie reden, dass er sich und anderen wieder und wieder das Erlebte vor Augen führen muss. Nicht nur, dass er psychisch die Hölle durchmacht, er sich und seine Wohnung geradezu zwanghaft von Reda zu reinigen versucht. Édouard ist auch gezwungen zur nebenwirkungsreichen Aidsprophylaxe, gezwungen zu Aussagen gegenüber gleich mehreren Polizeidienststellen, gezwungen zu Besuchen bei Psychologen und Ärzten mit demütigenden Untersuchungen. Das Gefühl, einer fremden Gewalt ausgeliefert zu sein, reißt für Édouard einfach nicht ab. Selbst die eigenen Gedanken entziehen sich seiner Kontrolle: Auf einmal zwingen sich ihm genau jene rassistischen Vorurteile auf, die er früher stets verachtete.

Irgendwann zieht Édouard die Reißleine. Er muss ausbrechen aus seinem zehrenden Gedankenkarussell und endlich Abstand von jener Nacht gewinnen. Also kehrt er ausgerechnet dorthin zurück, von wo er einst geflohen ist, und besucht seine Schwester in der Provinz. Im Roman lässt er sie große Teile der Ereignisse in einem belauschten Gespräch mit ihrem Mann rekapitulieren – ein erzählerischer Kniff, der es ihm erlaubt, mit seiner persönlichen Perspektive zu brechen und sich selbst in Frage zu stellen. Die erneute Konfrontation mit seiner Vergangenheit führt aber auch zu einer Auseinandersetzung mit den vielen unsichtbaren Formen von Gewalt und deren Folgen. Opfer von Gewalt ist für Édouard Louis auch, wer in einem Dorf lebt, in dem einen jeder hasst. Wer – wie seine Mutter – finanziell gezwungen ist, Menschen zu pflegen, die ihre Scheiße an Gardinen schmieren. Oder wer wie Reda tagtäglich Vorurteilen ausgesetzt ist und nie eine Chance auf ein anderes Leben hatte. Deshalb hat Édouard Verständnis für Reda, obwohl er ihn fürchtet. Auch er war in jener Nacht bloß gefangen in seinen Mustern und seiner Angst.

Entsetzen und Empathie

Im Herzen der Gewalt ist ein ehrliches, ein dringliches Buch, das dank Édouard Louis’ dichter Sprache einen starken Sog entwickelt, obwohl der Plot bloß um diese eine Nacht und deren Folgen kreist. Der Roman ist gleichermaßen von Empathie als auch von tief empfundenem Entsetzen geprägt: Man spürt in jeder Zeile das Trauma und die Angst, trotzdem macht es sich Édouard Louis nicht so leicht, seinen Peiniger einfach bloß zu verurteilen. Es wäre verlockend einfach, die Welt in schwarz und weiß, gut und böse, richtiges und falsches Leben aufzuteilen – aber genau diese Ignoranz ist es, die Louis’ mit seiner Flucht aus der Kleinstadt einst hinter sich lassen wollte. Mit seinem Roman über jene traumatische Nacht hat er sich aus der Ohnmacht befreit und die Rollen zwischen Reda und sich vertauscht: Als Romanfigur ist der echte Reda ihm und seiner Erzählung ausgeliefert, praktisch also in seiner Gewalt. Louis hätte ihn zum Psychopathen, zum Schwerverbrecher, zum Musterbeispiel für die Warnungen von Le Pen & Co stilisieren können. Stattdessen hat er sich für Empathie entschieden. Und für echte Größe.


Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Erschienen bei S. Fischer, 224 S.

Mad Men: „Alles über Heather“ von Matthew Weiner

Matthew Weiner - alles über heatherUnd schon wieder ist es passiert: Der Buchmarkt ist tot. Diesmal wirklich. Also so richtig. Schuld sind all diese neuen herausragenden Serien, die ja eigentlich den guten alten Roman zum Vorbild haben, schuld sind Netflix und all die Bingewatcher da draußen, die weder Lust auf die hundertsiebenundachtzigste Marvelverfilmung noch auf den nächsten zielgruppenformatierten Krimischmöker mit bereits von elf anderen Verlagen erprobtem Coverdesign haben. Vielleicht wollte Matthew Weiner also lieber noch schnell ein Buch schreiben, solange es noch welche gibt. Vielleicht ist er aber auch einer dieser Visionäre, die wissen, wann man antizyklisch denken muss, und hat den nächsten großen Hype – das Comeback des totgesagten Buchs – zur rechten Zeit antizipiert. Vielleicht, ganz vielleicht hat Matthew Weiner aber auch einfach nur eine gute Geschichte erzählen wollen und dafür das Medium gewählt, das für sie am besten geeignet war. Soll es ja geben.

Matthew Weiner, das sollte man wissen, ist nämlich eigentlich Serienautor. Unter anderem schrieb er an der Mutter aller modernen Serien, The Sopranos, mit. Vor allem aber war Weiner Schöpfer und Showrunner von Mad Men, einer sieben Staffeln langen und mit Preisen überhäuften Serie über eine Werbeagentur in den Sechzigern, die tatsächlich zum Besten zählt, was das Fernsehen in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Nach dem Ende von Mad Men hat sich Weiner jedoch keine neue Serie ausgedacht. Sondern einen Roman geschrieben. Seinen ersten.

Alle lieben Heather

Die Geschichte von Alles über Heather ist schnell erzählt. Mark und Karen Breakstone führen eigentlich ein gutes Leben, glücklich sind sie aber deshalb noch lange nicht – ein klassischer Tolstoi-Topos also. Mark Breakstone ist kein Don Draper, noch nicht einmal ein Pete Campbell. Zwar hat er es zu einigem Wohlstand gebracht, dennoch ist er so unscheinbar, dass er bei Beförderungen stets übergangen wird. Immer sind andere charismatischer, besser vernetzt, erfolgreicher als er. Seine Frau Karen hat ihre ohnehin kaum aussichtsreiche Karriere dagegen der Familienplanung geopfert – und damit dem einzig Guten, das ihrer Ehe entsprungen ist: ihrer in allen Belangen perfekten Tochter Heather. Fortan ist Heather der Mittelpunkt in Karens Leben. Sie pflegt weder Freundschaften noch ihre Ehe mit Mark, kümmert sich einzig und allein um das Wohlergehen ihrer Tochter. Umso schlimmer ist es deshalb für sie, als Heather zum Teenager heranreift und beginnt, sich von ihrer überfürsorglichen Mutter abzunabeln und stattdessen ihrem Vater zuzuwenden.

Heather ist Fixpunkt und Projektionsfläche für alle Figuren des Romans. Jeder sieht in ihr dasjenige, was seinem Leben fehlt. Heather ist es, die die Leere in Karens Leben füllen soll. Mark empfindet Heather nach Jahren in einer lieblosen Ehe dagegen als einzigen emotionalen Anker in der Familie. Und für den Bauarbeiter Bobby, der die Fassade ihres Hauses renoviert und der vierzehnjährigen Bewohnerin immer wieder verstohlene Blicke zuwirft, ist Heather vor allem eines: das perfekte, erhabene Opfer.

Bobby Klasky ist die dritte Hauptfigur des Romans, ein ewiger Verlierer, der nie, noch nicht einmal von seiner heroinabhängigen Mutter geliebt wurde. Sein Leben war stets von Rückschlägen, Sucht und Gewalt bestimmt – und doch sehnt er sich nach etwas Größerem, etwas, das ihn endlich ganz macht. Genau das glaubt er in Heather gefunden zu haben, genauer gesagt: in ihrem Tod. Mark registriert jedoch die Blicke, mit denen Bobby seine Tochter fixiert. Er wird nicht nur misstrauisch, sondern geradezu krank vor Sorge um das einzig Wertvolle, das er noch in seinem Leben hat. Für ihn besteht kein Zweifel: Er muss handeln, ehe es zu spät ist. Und so ist es die Liebe zu Heather, die beide Männer bis zum Äußersten treibt…

In den Fußstapfen von Cheever und Yates

Mad Men: Zumindest zum Titel von Matthew Weiners größtem Erfolg schließt sich hier der Kreis. Aber auch sonst gibt es durchaus Parallelen. Schon die Serie erinnerte oft an die Romane von Richard Yates oder John Cheever. Die Zeit der Handlung und das allgemeine Setting, die genau beobachteten, erbarmungslos sezierten Figuren und ihr Scheitern an sich selbst, auch die Gesellschaftskritik im Kleinen – all das weckte beim Schauen oft Erinnerungen an die literarischen Vorbilder. Alles über Heather ist zwar in der Gegenwart verankert, ansonsten aber ein im guten Sinne altmodischer Roman, der keinen Hehl aus seinen Inspirationsquellen macht. Die Beziehung zwischen Mark und Karen hätte trotz dezenter Verweise auf moderne Technik genauso von Yates beschrieben worden sein können, die Grundspannung erinnert nicht selten an Cheevers Die Lichter von Bullet Park (das erst kürzlich sehr schön bei Novellieren besprochen wurde).

Natürlich ist es wahr, was sie sagen: Die herausragenden Serien der letzten Jahre haben mehr mit Literatur zu tun als mit Kino, speisen sich aus denselben Vorbildern, Erzähltraditionen und Zitaten. Und genau deshalb sprechen sie auch dieselben Menschen an. Aber letzten Endes sollte es nicht um das Für und Wider von Serien oder Romanen gehen. Sondern darum, ob jemand eine gute Geschichte erzählen kann. Matthew Weiner jedenfalls kann es, egal in welchem Medium.


Matthew Weiner: Alles über Heather. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Erschienen bei Rowohlt, 144 Seiten.

]trash[pool #8 ist da!

druckfrischMomentan ist es auf dem Blog ein wenig stiller als gewohnt, weil meine wichtigste Veröffentlichung in diesem Jahr – meine Tochter Anna –  erst zwei Wochen zurückliegt. Die nächste Veröffentlichung kam soeben per Kurier statt Storch: Heute ist die achte Ausgabe unserer Literaturzeitschrift ]trash[pool erschienen – und sie ist genauso schön geworden, wie wir uns das erhofft haben! Im neuen Magazin findet ihr großartige Texte von Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf, ein redaktionelles Feature zum Tropen Verlag von Isabella Caldart sowie fantastische Collagen von Sebastian Baumer.

Ihr könnt das Heft ab sofort über redaktion@trashpool.net oder per Nachricht an mich bestellen!