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#Stayhomeandreadabook: Bücher gegen den Lagerkoller (1)

War das hier nicht mal ein Literaturblog? Stimmt. Nur dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr dazu komme, neben meiner Arbeit als Schriftsteller und Redakteur und in meiner dank zweier Kinder eher spärlich gesäten Freizeit über Bücher zu schreiben – zumal ich immer den Anspruch hatte, mir viel Zeit für die Texte zu nehmen und in meinen Rezensionen in die Tiefe zu gehen. Auf die Schnelle ein paar Buchtipps raushauen? Das können andere besser als ich. Das heißt aber nicht, dass ich damit aufgehört hätte, Bücher zu empfehlen: Im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT betreue ich neben dem Stadt-Ressort schließlich auch die Literaturseiten und stelle darin jeden Monat drei aktuelle Bücher in Kurztexten vor.

Aber heute schrieb Uwe Kalkowski auf seinem Blog Kaffeehaussitzer einen großartigen Text darüber, warum es gerade jetzt in der Corona-Krise wichtig sei, über Literatur zu reden. Und der liebe Uwe hat nicht nur Recht damit – er hat mich auch dazu inspiriert, die letzten LIFT-Ausgaben herauszukramen und nun einige meiner Buchvorstellungen auf den Blog zu stellen. Vielleicht werde ich die Quarantäne (trotz der wenigen Freizeit dank der bereits erwähnten Kinder) nun auch dazu nutzen, mal wieder mein altes Literaturblogger-Cape überzustreifen und ein paar der Bücher vorzustellen, die ich zuletzt gelesen habe. Denn wie Uwe es ganz richtig schrieb: Wir müssen gerade jetzt über Bücher sprechen. Zum Beispiel über diese hier:

Lucia Leidenfrost – Wir verlassenen Kinder

luciaEin Dorf fast ohne Erwachsene, in denen die Kinder das Sagen haben – im diesem Roman ist das eine Horrorvision. Nach und nach verlassen immer mehr Eltern den Ort, vage ist von einem Krieg die Rede, auch wenn vieles im Unklaren bleibt. Bald organisieren sich die Kinder selbst und schaffen ein System aus Macht und Gewalt. Nur die jugendliche Mila versucht, ihren ganz eigenen Weg zu finden – sie ist es aber auch, die irgendwann die geladene Waffe findet… Wir verlassenen Kinder ist eine erschreckende wie poetische Parabel mit einem ganz eigenen Sound, der schon Lucia Leidenfrosts Erzählungen in ihrem Debüt Mir ist die Zunge so schwer so besonders machte. Gerade jetzt ein beklemmender, aber deshalb umso relevanterer Roman. [Kremayr & Scheriau, 192 S., € 19,90]

Nick Drnaso – Sabrina

sabrinaSabrina ist verschwunden – und ihr Partner völlig am Boden zerstört. Als sich sein Freund Calvin um ihn kümmert, geraten beide in einen Strudel aus bizarren Verschwörungstheorien und Fake News. Zu Recht war Nick Drnasos großartiges Buch als erste Graphic Novel überhaupt für den Man Booker Prize nominiert. In verstörend trostlosen, stillen Bildern erzählt er, wie Lügen und Wahn unsere Gesellschaft zunehmend erodieren lassen. Sieht man sich die letzten Videos von Xavier Naidoo an oder liest einige der kursierenden Fake News zur Corona-Krise, ahnt man, wie nahe Fiktion und Realität inzwischen beieinander liegen… [Blumenbar, 208 S., € 26,-]

Clemens J. Setz – Der Trost runder Dinge

setzVerstörend sind auch die jüngsten Erzählungen des so verschrobenen wie genialen Österreichers Clemens Setz. Seine sprachlich brillanten, eigensinnigen Geschichten lesen sich zwar wie absurde Albträume, wirken aber dennoch wie eine Realität, die nur um einige wenige Grad verschoben wurde. Das gilt aktuell sicher besonders für die erste Geschichte des Buches, in der der Erzähler nach der Stornierung seines Fluges vom Flughafen in seine Wohnung zurückkehrt – und dort nur Stunden nach der Abreise ein Lazarett voller Dahinsiechender vorfindet… Liest man Setz, denkt man an Franz Kafka, an Edgar Allan Poe, an David Foster Wallace – aber eigentlich braucht Setz diese Vergleiche gar nicht: Er ist längst eine Klasse für sich. [Suhrkamp, 320 S., € 24,-]

Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

louisSein autobiographisch gefärbtes Debüt Das Ende von Eddy war eine Abrechnung: mit der französischen Kleinstadt, die ihm das Aufwachsen als Homosexueller zur Hölle machte. Und mit seinem schroffen Vater, dem Louis wie seiner Heimat eines Tages fluchtartig den Rücken kehrte. Wer hat meinen Vater umgebracht mag zwar ein kurzes Buch sein – aber dafür eines mit Größe: Mit viel Empathie, aber noch viel mehr Wut im Bauch beschreibt Louis seinen Vater als Opfer der sozialen Missstände in Frankreich. Für mich – auch dank des großartigen Vorgängerromans Im Herzen der Gewalt – einer der wichtigsten Autoren unseres Nachbarlandes.  [S. Fischer, 80 S., € 16,-]

Mareike Fallwickl – Das Licht ist hier viel heller

DasLicht_Cover_METALLIC_RZ.inddAm Anfang des Romans versucht ein abgehalfterter Mann, sich auf die Soap Sturm der Liebe einen runterzuholen. Vergeblich. Einst war er ein Starautor, der Wenger, einer, der immer für eine Frauengeschichte, immer für einen Skandal gut war. Jetzt ist er bloß noch ein aus der Zeit gefallenes Auslaufmodell und beinahe in Vergessenheit geraten. Doch als er ganz unten ist, landet Wenger plötzlich wieder einen Beststeller – das gelingt ihm allerdings nur, weil er schamlos das tragische Schicksal einer Unbekannten ausbeutet, deren Briefe versehentlich in seinem Briefkasten landen. Parallel dazu wird auch seine Tochter Zoey zum Opfer einer Gesellschaft, die auch nach #metoo noch immer viel zu stark von männlicher Dominanz geprägt ist. Ein unterhaltsamer, garstiger und hochaktueller Roman über Männer, die zwar Kreide gefressen, aber noch immer nichts verstanden haben. [Frankfurter Verlagsanstalt, 384 S., € 22,-]

Miri Watson – Meer ohne Mo

Cover_Watson_Meer-ohne-MoEigentlich hat Svenja hier nichts verloren – weder im Hochhaus am Meer, deren Bewohner sie nie zu Gesicht bekommt, noch in dem Obdachlosenasyl, in dem sie nachts arbeitet. Verloren hat sie aber Mo, ihren besten Freund seit der Grundschule, der sich das Leben nahm und Svenja damit ins Exil am Meer trieb. Ein gelungenes, atmosphärisches und tieftrauriges Debüt. [duotincta, 260 S., 17,-]

Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn

Layout 1Der Familienpatriarch ist tot. Die Beerdigung? Ein verlogenes Fest voller unausgesprochener Wahrheiten. Mit am Tisch sitzt auch Gustav, der Enkel, den es nicht geben dürfte: Seine Mutter war das Ergebnis eines Seitensprungs des Verstorbenen und litt zeitlebens unter ihrer Verleugnung. Ein stilles, fast unterkühltes Buch – aber das passt bestens zur Stimmung der Feier. [Verbrecher Verlag, 112 S., € 19,-]

Ordnung und Zerfall. Über „Winterbienen“ von Norbert Scheuer

winterbienenIn Norbert Scheuers Roman „Winterbienen“ schmuggelt ein Imker Juden in Bienenkörben über die Grenze – und hält in seinem geheimen Tagebuch den Zerfall aller Ordnung angesichts des Krieges fest.

Bei seinen Bienen ist die Welt noch in Ordnung. In den Stöcken geht alles seinen gewohnten Gang, ganz im Rhythmus der Natur und ungeachtet des Zweiten Weltkriegs, der immer näher an das kleine Städtchen Kall in der Eifel heranrückt – und damit auch ans Leben des Imkers Egidius Arimond. Anders als sein Bruder Alfons und die meisten Männer der Stadt ist Egidius aufgrund einer Krankheit vom Krieg bislang verschont worden. Seine Epilepsie ist Fluch und Segen zugleich: Ihretwegen verlor er seine Anstellung als Lateinlehrer und wurde zwangssterilisiert, ihretwegen muss er aber auch nicht an die Front. So kann Egidius selbst im Januar 1944 noch ein weitestgehend ruhiges Leben führen, festgehalten in einem heimlichen Tagebuch, das er in einem seiner Bienenkörbe versteckt. Sein Alltag besteht aus dem Versorgen seiner Völker, dem Versuch, die historischen lateinischen Schriften seines Vorfahren Ambrosius Arimond zu übersetzen, und aus amourösen Abenteuern mit den zurückgelassenen Frauen in Kall. Selbst vor einer Affäre mit Charlotte, der Frau des NSDAP-Kreisleiters, schreckt der Imker nicht zurück.

Allerdings hat Egidius auch ein gefährliches Geheimnis: Um sich die Medizin gegen seine epileptischen Anfälle leisten zu können, versteckt er jüdische Flüchtlinge in einem stillgelegten unterirdischen Bergstollen und schmuggelt sie dann in Bienenkörben über die belgische Grenze. Er geht damit ein Risiko ein, das wächst, je näher die Front heranrückt: Immer öfter kreisen britische und US-amerikanische Bomber über der Eifel, immer mehr Soldaten werden in der Stadt und zuletzt sogar im Haus von Egidius stationiert. Die Versorgung bricht zusammen, aus dem Tanzlokal wird ein Lazarett, Bomben zerstören Häuser und schleudern Leichen aus ihren Gräbern. Ohne seine Medizin kehren auch die epileptischen Anfälle zurück und werfen Egidius immer weiter aus der Bahn, bis er kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann. Und dann steht eines Tages die Gestapo vor seiner Tür.

„Meine Erinnerungen gleichen denen der Winterbienen in ihrem dunklen Stock; ich weiß nicht, ob etwas erst gestern gewesen ist oder schon lange Jahre zurückliegt. Sie erscheinen mir wie ein winziger Punkt in einem unendlichen Raum.“

In der Danksagung von Winterbienen schreibt Norbert Scheuer, ihm seien die in einem alten Bienenstock entdeckten Aufzeichnungen des entfernt mit ihm verwandten Imkers Arimond anvertraut worden, mit Insektenflügeln zwischen den Seiten und einem Geruch von Wachs und Honig. Scheuer arbeitet dabei mit einer Mischung aus Wahrheit und Fiktion: Tatsächlich wurden in der Region Flüchtlinge von Bauern über die belgische Grenze geschmuggelt, auch gab es im Ort jemanden, dessen Tagebuch aus den letzten Kriegsjahren erhalten blieb. Das Spiel mit der vermeintlichen Authentizität erlaubt es dem Leser, in Winterbienen unmittelbar am Erleben und Denken Arimonds teilzuhaben und so auch Zeuge seiner inneren Zerrrüttung zu werden.

Drehten sich die Einträge im Tagebuch des Bienenzüchters lange um den Versuch, die Normalität im Alltag aufrechtzuerhalten, zeugen sie mit dem Einzug des Krieges in Kall plötzlich vom Zerfall aller Ordnung – der inneren wie der äußeren. Immer öfter bricht Egidius ab, bleiben die Einträge undatiert. Die Sprache wird knapper, verzweifelter, nach Anfällen bisweilen gar fahrig und wirr. Frieden findet der Imker nur, wenn er über seine Bienen und die komplexen Strukturen ihrer Völker schreibt. Dieses Spannungsfeld aus summenden Bienen und dröhnenden Bombern am Himmel, aus Frieden und Schrecken, aus Ordnung und Zerfall ist der Kontrast, dem der Roman seine große Wirkung verdankt und der ihn zu einem Meisterwerk macht, für das Scheuer zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.


Norbert Scheuer: Winterbienen. 320 Seiten, erschienen bei C.H. Beck und als Lizenz bei der Büchergilde. Diese Besprechung erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 2/2020.

Fake News #3

rudkoffsky_fake-vorschau-coverEin Update zu Fake wollte ich schon lange mal wieder schreiben, nun möchte ich das aus einem aktuellen Anlass aber nicht weiter hinauszögern. Grund dafür ist die heutige Besprechung von Fake beim Büchermarkt auf Deutschlandfunk. An sich eine sehr schöne Besprechung – zumindest bis kurz vorm Schluss, bei dem der Rezensent Jürgen Deppe als Kritik in den Raum stellt, ich würde in meinem Roman bewusst die Gefahr von Rechts verharmlosen. So bedauerlich ich diesen Eindruck finde, so vehement muss ich ihm hier aber auch (obwohl ich das normalerweise als unsouverän empfinde) widersprechen: Nichts lag mir ferner, im Gegenteil. Vielmehr wollte ich in meinem Roman über den Unschuldsverlust von sozialen Medien schreiben, über den Weg vom vermeintlich harmlosen, anonymen Frustabbau im Netz hin zu organisierten Trollarmeen – und über die realen Konsequenzen, die das für Einzelne und für unsere Gesellschaft inzwischen hat, auch im realen Leben. 

Es hat einen Grund, warum der Roman im Sommer 2015 vor der Flüchtlingskrise endet und warum ich meine zweite Hauptfigur Jan noch zu Anfangszeiten von Pegida recherchieren ließ, als der AfD-Vorsitzende noch Bernd Lucke hieß (der am Ende des Romans in einem Nebensatz vom rechten Flügel geputscht wird): Es geht eben „nur“ um den Beginn einer Entwicklung, die mit der Ermordung Walter Lübckes 2019 ihren vorläufigen und entsetzlichen Höhepunkt fand. Ich glaube auch, dass die Härte und Grausamkeit der Trollangriffe auf Jan im letzten Drittel von Fake hier eigentlich eine klare Sprache sprechen. 

Hätte ich meine Figuren – ja, auch diejenigen aus dem noch frühen Pegida-Mitläufer-Umfeld – aber ohne Empathie schwarz-weiß gezeichnet und nicht als echte Menschen, dann wäre ich der thematischen Herausforderung des Romans nicht gerecht geworden. Denn es sind echte Menschen, die Hass im Netz verbreiten, Nachbarn, Kollegen, vielleicht sogar der eigene Partner. Es sind echte Menschen, die die Polarisierung unserer Gesellschaft vorantreiben und dabei von rechten Strategen hinters Licht geführt, aufgestachelt und instrumentalisiert werden. Mit meinem Roman wollte ich vieles, aber ganz sicher nicht dieses Spiel der Polarisierung mitspielen.

Leider trübt dieser leise Vorwurf die insgesamt ja eigentlich sehr schöne und bis zu diesem Punkt positive Rezension – und ich bin froh, dass diese Lesart nach den wirklich vielen Besprechungen von Fake bislang ein Einzeleindruck ist. Aber: Es ist natürlich das gute Recht des Rezensenten, meinen Versuch, das oben stehende möglichst differenziert im Roman abzubilden, als missverständlich oder misslungen zu empfinden – darum danke ich Jürgen Deppe nichtsdestotrotz für seine Vorstellung von Fake.

Zum Glück nur eine Einzelmeinung

Frank Rudkoffsky _DSC1723Zum Glück gibt es aus den letzten Monaten aber auch weitaus Positiveres zu berichten.
So wurde Fake unter anderem im Börsenblatt, im Emotion Magazin oder vom Nürnberger Buchhändler Steffen Beutel (Buchladen am Kopernikusplatz) bei Lesart auf Deutschlandfunk Kultur empfohlen. Neben etlichen schönen Rezensionen auf Instagram landete mein Roman auch in einigen Jahresbestenlisten von Blogs, etwa bei Sounds & Books (die gelungene Rezension lest ihr hier), Lesen in Leipzig oder – sogar auf Platz 1! – bei Leselust. Ganz besonders habe ich mich im Dezember über die Podcast-Folge von Pageturner gefreut, in der sich Inaiê Macedo gleich ganze 40 Minuten mit der tollen Mareike Fallwickl über Fake unterhält – vielen Dank!

Und wer mich aus Fake lesen hören möchte, hat dazu schon ab morgen wieder die Gelegenheit, dann lese ich nämlich in der Büchergilde Buchhandlung und Galerie in Frankfurt. Am 7. Februar geht es zur Buchhandlung Lehmanns in Leipzig, wohin es mich natürlich im März auch zur Buchmesse verschlägt – und die steht mit vier Lesungen an drei Abenden noch einmal ganz im Zeichen von Fake!

Fake News #2

IMG_1850Und schon ist es wieder eine Woche her, seit ich vollkommen erschöpft, aber glücklich von der Frankfurter Buchmesse zurückgekehrt bin. Vier lange Tage und umso längere Nächte mit unzähligen tollen Begegnungen haben mir wieder bestätigt, dass es die großartigste Branche der Welt ist – und dass ich eigentlich gar nicht wegen der Bücher zur Messe fahre, sondern wegen der Menschen, die sie machen und die für sie brennen.

Okay, ein Buch stand dann diesmal doch im Zentrum für mich: Dank meiner Lesungen aus Fake auf der Leseinsel der Unabhängigen Verlage und bei Open Books sowie meinem Interview bei detektor.fm war es 2019 natürlich eine ganz besondere Buchmesse für mich. Einige Eindrücke der vier Tage in Frankfurt habe ich drüben bei Instagram geteilt.

Aber auch sonst ist seit dem letzten Update eine Menge passiert: Ich kann immer noch kaum fassen, wie oft Fake nun schon – und das auch noch durchweg positiv! – besprochen wurde. Ganz besonders freue ich mich natürlich über Lob von Menschen, deren Urteil ich auch als Leser schon seit Langem vertraue – so zum Beispiel von Uwe Kalkowski auf Kaffeehaussitzer, Mareike Fallwickl auf Bücherwurmloch oder Stefan Stefan Diezmann auf Poesierausch. Und das sind nur einige der vielen positiven Reaktionen auf meinen Roman, die ich bislang lesen durfte. Es kommt aber nicht nur auf die Kritiker an, sondern auch auf diejenigen, die Bücher mit viel Engagement und Herzblut an die Leser bringen – entsprechend stolz bin ich darum auf die lobenden Worte von Frank Menden von der Buchhandlung stories! in Hamburg und Hauke Harder von der Kieler Buchhandlung Almut Schmidt auf seinem Blog Leseschatz. 

Lesungen

72755320_2489914487959987_3922330160962994176_oEines habe ich bei meiner Premiere in der Stuttgarter Stadtbibliothek und den beiden Lesungen in Frankfurt gemerkt: Es macht mir wahnsinnig Spaß, aus diesem Buch zu lesen! Deshalb freue ich mich schon auf meine Lesung während der Buchwoche in Bienenbüttel nächste Woche – und auf hoffentlich viele weitere Lesungen aus dem Roman. Fest stehen bereits Termine in Stuttgart und Berlin im Dezember sowie eine Lesung in Frankfurt Ende Januar. Auch zur Leipziger Buchmesse darf ich noch einmal mit Fake anreisen – aber bis dahin wird, da bin ich mir sicher, noch so einiges passieren. Und das ist, ich kann es nicht anders sagen, nach dem langen Weg hierhin verdammt großartig!

Fake News #1

rudkoffsky_fake-vorschau-coverEinen Monat ist mein zweiter Roman Fake nun schon draußen – und zu meiner großen Freude ist er dabei schon ganz schön rumgekommen. Vor allem bin ich aber auch erleichtert – offenbar habe ich da tatsächlich ein ganz gutes Buch geschrieben. Sicher war ich mir da nicht: ein Mann, der aus der Sicht einer Frau über ein so sensibles Thema wie Mutterschaft schreibt, obendrein Figuren, die moralische Grenzen überschreiten und Falsches tun, aber trotzdem Empathie beim Leser wecken sollen – das hätte böse schiefgehen können. Auch angesichts der (trotz vieler positiver Rückmeldungen) recht zähen Verlagssuche wusste ich nicht, ob ich mich mit diesem Roman nicht verhoben habe. Umso schöner ist es dann, von Ocelot-Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski in ihrem Podcast blauschwarzberlin einen Satz wie diesen zu hören: „Ein großartiges Buch! Ich möchte Voland & Quist preisen und lieben, dass sie es gemacht haben!“

Die Begeisterung, mit der Piwowarski über Fake spricht, hat mich wahnsinnig gefreut. Und tollerweise steht sie mit ihrer Meinung nicht alleine da: Ob beim unfassbaren Auftakt mit Spiegel Online, in wunderbaren Blogbesprechungen wie der von Sophia Weigand auf Literaturen oder Tweets vom Zeit-Redakteur Christian Fuchs („Das Netzwerk der Neuen Rechten“) – bislang habe ich ausschließlich positives Feedback auf Fake bekommen. Gesammelte Zitate und Links zu den vielen Besprechungen findet ihr hier! Außerdem habe ich mit der Kreiszeitung Wesermarsch in meiner Heimatstadt Nordenham über den Roman gesprochen – hier geht’s zum Artikel.

Nächste Woche ist Premiere!

Ab nächster Woche darf ich die Reaktionen auf meinen Roman endlich auch live erleben – am 9. Oktober findet, moderiert von der großartigen Caroline Grafe, in der Stadtbibliothek Stuttgart die Premierenlesung von Fake statt. Eine Woche später geht es dann auch schon auf die Frankfurter Buchmesse – dort spreche ich am Freitag um 13 Uhr bei detektor.fm über den Roman und lese am Samstag sowohl um 12:30 auf der Leseinsel der Unabhängigen Verlage als auch um 17:00 bei Open Books im Stadthaus. Ich freue mich auf jede Buchmesse, auf diese aber natürlich ganz besonders!

Übrigens: Wer Lust hat, sich mit mir direkt über Fake zu unterhalten, kann sich noch sechs Tage lang für die Leserunde bei Lovelybooks bewerben und eines von zehn Büchern ergattern – ich freue mich auf den Austausch!

„Fake“ ist da!

fake ist daWenn man den Paketboten stalkt und ihn schon hundert Meter vorm Haus fragt, ob er ein Paket für einen habe… Wer mich kennt, der weiß, dass der Weg hierhin nicht immer ganz leicht war – umso überwältigender ist nun die Freude, meinen neuen Roman Fake endlich in den Händen zu halten! Und was soll ich sagen? Das Buch ist wahnsinnig schön geworden! Tausend Dank an meinen Verlag Voland & Quist, meiner Agentin Annabelle Assaf und allen, die mich beim Schreiben des Buches unterstützt haben!

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„Fake“ für die Hotlist nominiert!

Hotlist Logo 2019_webWie großartig: Mein Roman Fake wurde noch vor Erscheinen am 1. September für die Hotlist 2019 nominiert! Aus 160 Einsendungen hat das Kuratorium eine Auswahl der besten 30 Bücher aus unabhängigen Verlagen getroffen, die es auf die diesjährige Hotlist schaffen können. Sieben der zehn Bücher wählt die Jury aus – drei Plätze werden jedoch durch ein Online Voting entschieden. Darum würde ich mich bis zum 20. August sehr über eure Stimme freuen! Mehr Infos, eine erste Leseprobe von Fake und das Online-Voting findet ihr unter diesem Link. Und wenn ihr schon mal da seid, werft unbedingt auch einen Blick auf die anderen 29 Kandidaten – denn dafür ist die Hotlist ja da: um auf die großartige und wichtige Arbeit unabhängiger Verlage wie Voland & Quist aufmerksam zu machen. Drückt mir die Daumen!

Idealistisches Ekel. Über „Serotonin“ von Michel Houellebecq

Serotonin - Michel HouellbeqcDieser Tage liest man sie überall, die Abgesänge auf den „alten weißen Mann“. Den traurigsten hat jedoch einer geschrieben, von dem man das am wenigsten erwartet hätte: In „Serotonin“ lässt Michel Houellebecq einen Mann in seinen vermeintlich besten Jahren angewidert und enttäuscht aus dem eigenen Leben aussteigen.

Keine Frage: Florent-Claude Labrouste ist ein Ekel. Er ist gleichgültig, selbstgerecht und herablassend, ein Alkoholiker, Sexist und SUV-Fahrer. Für seine japanische Freundin hat der wohlhabende Agraringenieur nur noch Verachtung übrig, überhaupt gibt es, seit sich seine Libido verabschiedet hat, nichts in seinem Leben, das noch irgendeine Bedeutung für ihn hätte – außer vielleicht ein Hotelzimmer, in dem er noch rauchen darf. Labrouste hat genug: genug von einem Job, der ihn seit Jahren frustriert, genug von einer Freundin, die ihn bei Gang Bang-Partys mit hohen und manchmal auch weniger hohen Tieren betrügt, genug von einem Leben, das nichts mehr für ihn bereitzuhalten scheint als alt zu werden und zu sterben. Dabei ist er noch keine fünfzig, hat 700.000 Euro auf seinem Konto – und praktisch nichts zu verlieren. Andere Autoren hätten einer Figur wie Labrouste vermutlich eine Läuterung, einen Neuanfang geschenkt. Houellebecq aber lässt seinen depressiven Protagonisten einfach aus seinem Leben aussteigen und sich dem Niedergang hingeben. Er kündigt Job und Wohnung und verschwindet, ohne sich zu verabschieden, nur um dann in einsamen Hotelzimmern vor sich hinzuvegetieren, Antidepressiva zu schlucken und in Rückschau die Fehler seines Lebens zu bedauern. Als er seinen Studienfreund Aymeric besucht, einen Bauern, der ebenfalls vor dem Scherbenhaufen seines Lebens steht, bekommt der allgegenwärtige Niedergang im Roman auch eine politische Dimension. Aymeric wird zur Galionsfigur eines bewaffneten Bauernwiderstands gegen die ruinös sinkenenden Milchpreise durch die EU. Der Kampf ist jedoch am Ende wie alles in Serotonin: aussichtslos.

Zwei alte weiße Männer

Auf Michel Houellebecq ist Verlass: Jeder neue Roman von ihm ist zunächst einmal ein Ereignis. Er wird in sämtlichen Feuilletons besprochen, landet zuverlässig an der Spitze der Bestsellerlisten – und löst stets einen Skandal aus. Das ist durchaus kalkuliert und, berücksichtigt man Houellebecqs zuweilen fragwürdigen politischen Äußerungen, auch ein Stück weit berechtigt. Tatsächlich ist Serotonin jedoch ein weitaus stillerer, melancholischerer Roman, als die reflexartige Aufregung um Houellebecqs Provokationen vermuten lässt.

Denn trotz seiner Verachtung gegenüber der Gesellschaft, der Politik und den Menschen ist dessen Figur Labrouste nämlich vor allem enttäuscht von sich selbst und davon, seinen eigenen Ansprüchen im Leben nicht gerecht geworden zu sein. Noch immer trauert er der Liebe seines Lebens nach, die er nach einem Seitensprung verloren hat, noch immer bewundert er die bedingungslose Liebe seiner Eltern als Ideal, weil sie nach einer Krebsdiagnose des Vaters gemeinsam Selbstmord begingen. Zyniker, heißt es, seien im Kern meist bloß enttäuschte Idealisten. Vermutlich trifft das auf Michel Houellebecq ebenso zu wie auf seinen Protagonisten. Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden weißen alten Männern: Der eine ist ein Auslaufmodell, das nicht mehr in unsere Zeit passt. Der andere dagegen ist noch immer auf der Höhe seiner Kunst. Nur sympathisch, das sind sie alle beide nicht.


Michel Houellebecq: Serotonin. 330 Seiten, übersetzt von Stephan Kleiner. Erschienen bei Dumont und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 3/19, das es hier als PDF zum kostenlosen Download gibt.

Die Gedanken sind frei. Über „Das hier ist Wasser“ von David Foster Wallace

das ist wasser_ wallaceDavid Foster Wallace gilt als einer der scharfsinnigsten Autoren seiner Generation. In Das hier ist Wasser, seiner berühmten Rede vor College-Absolventen im Jahr 2005, sprach Wallace drei Jahre vor seinem Tod über die Wichtigkeit von bewusstem Denken und Empathie im Alltag – und inspiriert damit bis heute.

Bei David Foster Wallace denken viele an Schwere. An sein schweres Leben, das den zeitlebens depressiven Autor 2008 in den Selbstmord trieb. An schwere, weil unfassbar dicke Romane. Und nicht zuletzt an schwere Texte, in denen Wallace seine Leser gerne mit unzähligen Figuren, Fußnoten, Bandwurmsätzen und Fremdwörtern herausforderte. Doch weit gefehlt: Gerade seine nicht-fiktionalen Texte, seine Essays oder Reportagen, sind ein idealer Einstieg in sein Werk. Sie sind zugänglicher als seine oft sperrige Kurzprosa und deutlich kürzer als die Romane, zeigen aber alles, was Wallace so besonders machte: seine sprachliche Brillanz und seinen Humor, seine präzise Beobachtungsgabe und seine Neugierde, nicht zuletzt aber auch seine Fähigkeit, vom Kleinen aufs große Ganze zu schließen.

Eine Entscheidung für Empathie

Das alles gilt auch für Das hier ist Wasser – und doch nimmt dieser Text im Werk von David Foster Wallace eine Sonderstellung ein. Das hier ist Wasser ist das Transkript einer Rede, die Wallace 2005 vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College hielt. Abschlussreden, in denen Prominente pathetische Lebensweisheiten zum Besten geben, haben eine lange Tradition in den USA. Wallace aber entschied sich gegen Pathos, gegen die üblichen optimistischen Plattitüden. Anstatt den Absolventen zu erzählen, dass sie mit ein wenig Selbstvertrauen und Fleiß alles in ihrem Leben erreichen könnten, spricht er über die Mühen des ganz normalen Erwachsenenlebens und darüber, wie wichtig es ist, sich im zersetzenden Alltag die Freiheit des Denkens zu bewahren. Denn Denken, das ist für Wallace vor allem eine Frage der bewussten Entscheidung: eine Entscheidung gegen unsere „Standardkonfiguration“, uns selbst als Mittelpunkt des Universums zu begreifen. Und eine Entscheidung für Empathie. Denn auch wenn es nicht immer gelingt, sich in der frustrierenden Supermarktschlange oder im Feierabendstau in die Situation anderer hineinzuversetzen und dadurch die eigene Lage zu relativieren – die Mühe ist es wert. In der bewussten Entscheidung, woran und wie man denkt, erkennt Wallace wahre Freiheit: „Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstellung, die Tretmühle – das ständige Nagen, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.“

Einfache, aber eben auch universale Weisheiten, die scheinbar – auch aufgrund der klaren Sprache – kaum etwas mit David Foster Wallaces literarischen Texten gemein haben. Allerdings nur auf den ersten Blick: Das zentrale Thema seines Meisterwerks Unendlicher Spaß ist die selbstzerstörerische Sucht nach permanenter Ablenkung vom eigenen Ich und der unerträglichen Realität. Sein Plädoyer zur Selbst-Vergegenwärtigung und Empathie in Das hier ist Wasser lässt sich durchaus als Gegenmittel, als Schlüssel verstehen. Zugleich arbeitete Wallace, als er die Rede hielt, bereits seit Jahren an seinem unvollendeten und posthum veröffentlichten Roman Der bleiche König, in dem er sich mit dem Ertragen alltäglicher zersetzender Langeweile befasste.

Dennoch ist Das hier ist Wasser nicht bloß ein Text für eingeschworene Wallace-Leser, im Gegenteil. Sein Appell zu bewussterem Denken und dazu, unsere egozentrische Weltsicht immer wieder neu infrage zu stellen, ist eine bereichernde Lektüre für jeden, der sich im frustrierenden Alltagstrott die Perspektive bewahren will. Sich ein schweres Leben kraft der Gedanken erträglich zu machen – David Foster Wallace selbst ist das aufgrund seiner Krankheit am Ende zwar nicht gelungen. Aber die richtigen Gedanken, die hatte er.


David Foster Wallace: Das hier ist Wasser. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch sowie als Lizenzausgabe bei der Büchergilde in einer Übersetzung von Ulrich Blumenbach, 64 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 2/2019.

„Fake“ in der Herbstvorschau von Voland & Quist

Heute hat mein Verlag Voland & Quist seine Herbstvorschau veröffentlicht – und das Layout kam mir gleich auf den ersten Blick vertraut vor: Angelehnt ist es nämlich ans Cover meines Romans Fake, der im September  – also irgendwie schon ziemlich bald! – erscheint. Aber blättert unbedingt weiter im Programm, ich bin nämlich in allerbester Gesellschaft mit vielversprechenden Büchern von Svetlana Lavochkina, Ziemowit Szczerek, Ahne, Nora Gomringer und Reimar Limmer sowie der Graphic Novel von Marc-Uwe Klings Quality Land!