rezension

Heimat der Toten. Über „Das Feld“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler - Das FeldGleich 29 Verstorbene lässt Robert Seethaler in seinem Roman „Das Feld“ zurück auf ihr Leben blicken und verknüpft ihre Geschichten zu einem bewegenden Kleinstadtporträt. Ein Roman so vielfältig, traurig und schön wie das Leben selbst.

Die letzten Worte eines Menschen: Da denkt man an Pathos und Reue, an finalen Erkenntnisgewinn und überhöhte Einsichten in das, was im Leben wirklich zählt. Man denkt an moralische Belehrungen, an Kitsch. Und an Autoren, die aus diesem Stoff einen esoterischen Roman voller spontan mit Weisheit gesegneter Besserwisser gemacht hätten. Nicht so Robert Seethaler. Die toten Paulstädter, die er in Das Feld zu Wort kommen lässt, wissen es nicht besser. Anstatt von einer höheren Warte aus zu erzählen, bleiben sie auch zwei Meter unter der Erde noch immer, wer sie zu Lebzeiten waren. Die alltäglichen Kämpfe haben sie zwar hinter sich gelassen, auch scheinen alle ihren Frieden mit dem Tod gemacht zu haben, weiser ist allerdings keiner von ihnen geworden. Weder hat der korrupte Bürgermeister aus seinen Fehlern gelernt, noch bereut der Bauer mit dem schlechten Boden die lebenslange Vergeblichkeit seines Tuns. Ein Vater gibt seinem Sohn Ratschläge aus dem Jenseits, die kaum über Renovierungstipps hinausgehen, eine alte Frau blickt auf ihre 67 Liebhaber zurück, während eine andere für ihre Mitbürger bloß noch ein einziges Wort übrig hat: „Idioten“.

Selbstgespräche auf dem Friedhof

29 zumeist einfache Menschen, darunter Alte wie Kinder, Einfältige wie Kluge, Zufriedene wie Ruhelose lässt Robert Seethaler in Das Feld nach ihrem Tod sprechen. Doch die wenigsten wenden sich an die Lebenden. Vielmehr führen sie Selbstgespräche, sie klammern sich zwar nicht an ihr Leben, sehr wohl aber an das, was es einmal ausmachte. Manche erinnern sich ans Sterben, andere ziehen Bilanz, die meisten aber bleiben wenigen Augenblicken verhaftet, die sie in besonders intensiver Erinnerung behielten – und sei es bloß ein unbeschwerter Tag in ihrer Kindheit. Jeder erzählt von dem, was er in seinem Leben als besonders wichtig oder prägend empfand. Von einem Gefühl, einem Moment, einer Person.

„Ein Sonntag ohne dich war nicht vollständig. Dich lieben, dann neben dir liegen, im Bett, im Gras, im Schnee. Das war alles.“

Die kurzen Episoden sind nur lose miteinander verknüpft und auch nicht chronologisch geordnet, und doch vermitteln sie, je mehr Menschen man aus Paulstadt kennenlernt, ein immer präziseres Bild vom Leben in diesem Ort. Irgendwann glaubt man sie zu kennen, die Paulstädter, man nimmt Teil an ihrem Alltag und kennt die Gerüchte und Geschichten, die sie sich erzählen, die kleinen und großen Katastrophen, die Beziehungen untereinander. Man nickt wissend, wenn von Pfarrer Hoberg und seiner brennenden Kirche oder dem eingestürzten Einkaufszentrum die Rede ist, von den Verlierern abends am Tresen im Goldenen Mond oder dem Kind im Sumpf. Indem Robert Seethaler aus den Leben dieser Menschen erzählt, erzählt er zugleich vom Leben in ihrer Stadt. Das Feld ist kein Porträt von 29 Verstorbenen. Es ist das Porträt einer ganzen Gemeinde, ein Heimatroman – umso wehmütiger stimmt dann auch der Abschied aus Paulstadt nach der letzten Seite. Schließlich hatte man sich hier gerade erst eingelebt.


Robert Seethaler: Das Feld. Erschienen bei Hanser Berlin und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 240 Seiten. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 1/2019 – erhältlich auch als kostenloses PDF zum Download.

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Die Möglichkeit einer Flucht. Über „Die kommenden Jahre“ von Norbert Gstrein

Norbert Gstrein - Die kommenden JahreAls Natascha und Richard eine syrische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen, steuert ihre Ehe auf eine Katastrophe zu. In Die kommenden Jahre lässt Norbert Gstrein Empathie und Pragmatismus aufeinandertreffen – und widersteht dabei der Versuchung, einfache Antworten zu geben.

Halb im Scherz, halb im Ernst reden sie alle von Flucht. Noch will niemand auf der Tagung daran glauben, dass der Ernstfall tatsächlich eintreten könnte, ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl sagen die meisten aber klar, wohin es sie im Falle eines Wahlsiegs Donald Trumps ziehen würde: nach Kanada. Das ist auch Sehnsuchtsort des österreichischen Gletscherforschers Richard, des Protagonisten in Norbert Gstreins Roman Die kommenden Jahre, der auf Einladung seines alten Freundes Tim nach New York geflogen ist – und die Tagung selbst als kleine Flucht begreift. Der Abstand zu seinem Alltag in Hamburg, zu seiner Frau Natascha tut ihm gut. Aber auch in der Ferne kann Richard der Situation, in die sie ihn gebracht hat, nicht entkommen. Längst haben alle Kollegen den Fernsehbeitrag gesehen, der Artikel in der Illustrierten hat vermutlich bereits die Runde gemacht. Für Tim und Richards ehemalige Studentin Idea, die er kurz darauf in Kanada trifft, ist die Sache klar: Mit ihrem zur Schau gestellten Engagement für die Flüchtlingsfamilie Fahri hat die Schriftstellerin Natascha ihren Mann lächerlich gemacht.

Dabei war es nicht einmal Nataschas Idee, im ungenutzten Sommerhaus am See eine syrische Flüchtlingsfamilie einziehen zu lassen, sondern die ihrer verstorbenen Zwillingsschwester Katja. Aber es ist Natascha, die sich die Hilfe für Herrn und Frau Fahri und ihre Kinder plötzlich zur Lebensaufgabe macht und dafür in Kauf nimmt, dass die Distanz zwischen ihr und Richard größer wird. Er nämlich glaubt, sie wolle den Syrern weniger aus Nächstenliebe denn aus Geltungsdrang helfen, sie dagegen wirft ihm emotionale Kälte vor. Und natürlich ist in Norbert Gstreins Die kommenden Jahre nichts so einfach, wie es zunächst scheint. Nach Richards Heimkehr spitzt sich nicht nur die Ehekrise, sondern auch die Situation am See zu. Immer öfter tauchen Jugendliche am Haus auf, die die ungebetenen Gäste einschüchtern wollen, und auch die Motive der Nachbarn werden zunehmend unklarer. Während Natascha nervöser wird, sich schließlich sogar ein Hotelzimmer in der Nähe des Sees nimmt, um gemeinsam mit Herrn Fahri an einem Text über Flucht zu arbeiten, machen Gerüchte über dessen Vergangenheit die Runde. Richards Zweifel werden umso größer, als sich auf ihrer ersten gemeinsamen Lesung herausstellt, dass Katja und Herr Fahri in ihrem Text nicht seine tatsächliche, sondern bloß eine mögliche Flucht beschrieben haben – ein kleiner Eklat.

Die kommenden Jahre ist mehr als ein Roman über eine Ehe- oder die Flüchtlingskrise. So einfach, bloß satirisch mit Nataschas moralisch-hysterischem Gutmenschentum oder Richards rationalem, kühlem Pragmatismus abzurechnen, macht es sich Norbert Gstrein nicht. Vieles bleibt in der Schwebe, sicher geglaubte Gewissheiten schwinden den Figuren wie die schmelzenden Gletscher, an denen Richard forscht. In früheren Texten Norbert Gstreins spielte oft Heimat eine große Rolle, hier ist es die Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben, die sich für Richard an Orten genauso festmacht wie an Menschen: die Sehnsucht nach Kanada, ein Land, das ihn an seine Kindheit erinnert, zugleich aber fern genug ist, um Utopie zu bleiben. Die nach Katja, die vielleicht die passendere Wahl zwischen den Zwillingen gewesen wäre. Und nicht zuletzt die nach Idea, die das verkörpert, was Richard am meisten zu brauchen glaubt – die Möglichkeit einer Flucht. „Natascha, du weißt nicht, wie viele Optionen ich habe“, sagt er einmal im Streit zu seiner Frau. Und irrt sich dabei gewaltig: Am Ende – und das gilt für alle Figuren des Romans – sind es weitaus weniger, als er denkt.


Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Erschienen bei Hanser und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 288 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.

Durst. Über Maja Lundes „Die Geschichte des Wassers“

Maja Lunde - Die Geschichte des WassersDie Welt am Abgrund: Im Jahr 2041 flieht ein Vater mit seiner Tochter vor der großen Dürre, während überall neue Grenzen entstehen. Ihre letzte Rettung könnte das Vermächtnis einer Umweltschützerin sein, die einst gegen Wasserverschwendung protestierte. In Die Geschichte des Wassers widmet sich Maja Lunde wieder den großen Themen unserer Zeit.

Es brauchte nur wenig, bis alles auseinanderfiel. Fünf Jahre ohne Regen genügten, um ganz Europa kollabieren zu lassen und neue Grenzen, neue Kriege, neue Regeln zu schaffen. Die reichen Wasserländer im Norden schotten sich ab, während die Menschen aus dem Süden vor der Dürre fliehen. Es sind Franzosen, Spanier oder Italiener, die mitten in Europa in Flüchtlingslagern unterkommen müssen, Menschen, die vor Kurzem noch einen Beruf, ein Zuhause, ein Leben hatten. Auch David und seine Tochter Lou haben alles verloren, geblieben ist ihnen nur die Hoffnung, dass es Lous Mutter Anna vielleicht doch mit dem Baby aus dem Feuer geschafft hat, das die Familie bei der Flucht trennte – doch diese schwindet mit jedem weiteren Tag, an dem sie ohne Meldung die Rotkreuz-Station wieder verlassen müssen. David gibt sein Bestes, um der kleinen Lou ein guter Vater zu sein, gleichwohl erkennt er die Zeichen, dass ihr Überleben im Flüchtlingslager nicht mehr lange gesichert ist. Immer mehr Menschen stehen vor der Tür, in den Hallen wird es enger und in den Vorratskammern leerer. Bald wird das streng rationierte Wasser hier nicht mehr reichen, spätestens dann drohen wieder Feuer und Unruhen. Irgendwann wird David klar: Das ausrangierte Boot, das er und Lou bei einem Haus in der Nähe gefunden haben, ist vielleicht mehr als nur ein Abenteuerspielplatz, um sich Ablenkung zu verschaffen. Es könnte ihre letzte Hoffnung sein.

Es ist dieses Boot, das die beiden Handlungsstränge in Lundes Die Geschichte des Wassers miteinander verknüpft. Vor 24 Jahren gehörte das Boot noch Signe, die zu Beginn des Romans erstmals seit vielen Jahren in den Hafen ihrer norwegischen Heimatstadt einläuft. Für die fast siebzigjährige Umweltschützerin schließt sich mit der Rückkehr ein Kreis. Hier begann einst ihr Engagement gegen den Raubbau an der Natur, ein lebenslanger Kampf, für den Signe einen hohen Preis zahlen musste: Die Beziehung zu ihrer Jugendliebe Magnus zerbrach damals an ihrem Idealismus – und an seinem Verrat. Ein halbes Leben später will Signe Magnus mit seiner größten Sünde konfrontieren. Er war es nämlich, der hinter der Idee steckte, das Gletschereis ihrer gemeinsamen Heimat abzubauen und in großem Stil als Luxuseiswürfel für die Cocktails von Reichen zu verkaufen – ein dekadentes Beispiel für den Raubbau an der Natur, der die Menschheit wenige Jahrzehnte danach in die Katastrophe führte.

Wie schon im Vorgänger Die Geschichte der Bienen setzt Maja Lunde mehrere Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen in Verbindung zu großen Umweltthemen und verdeutlicht dabei, wie sehr alles miteinander zusammenhängt – und dass der Eingriff in das fragile Gleichgewicht der Natur unumkehrbare Konsequenzen zur Folge hat. Erschreckend am zweiten Teil des großen „Klima-Quartetts“ der Norwegerin ist vor allem, wie schnell er bereits von der Realität eingeholt wurde. Die auf den ersten Blick geradezu abstruse Idee, Gletschereis in Cocktailbars zu verkaufen, ist als realer Plan inzwischen zum Gegenstand eines Rechtsstreits geworden. In Europa hat man sich derweil längst von der Solidarität gegenüber Flüchtlingen verabschiedet und schottet sich immer strenger nach außen ab. Deshalb ist Die Geschichte des Wassers weit mehr als nur ein Roman über den Klimawandel. Es ist ebenso ein hochaktueller Roman über die Frage, wie schwer es ist, im Angesicht der Not die Menschlichkeit zu bewahren und an Idealen festzuhalten – eine Frage, an deren Antwort sich unsere Gesellschaft auch in der Gegenwart immer wieder aufs Neue messen lassen muss.


Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Erschienen bei btb und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 480 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.

Aus den Fugen. Über „Bungalow“ von Helene Hegemann

IMG_3998Seit dieser Woche ist die Shortlist für den Deutschen Buchpreis bekannt und keiner meiner vier Titel ist noch im Rennen. Damit bin ich nun wohl offiziell die lame duck unter den Buchpreisbloggern – und kann mich bei den verbliebenen Büchern eigentlich nur noch fragen: Woran lag’s?

Bungalow von Helene Hegemann machte mich vor allem deshalb neugierig, weil ich bislang partout keinen ihrer Romane lesen wollte. Die Gründe lagen für mich auf der Hand, damals beim Debüt. Da war der aufgepumpte Hype um Axolotl Roadkill, der in mir die für Hypes üblichen Abwehrreflexe weckte. Da war der allzu prominente Name, der bei mir grundsätzliche Skepsis, als zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtem Autor aber sicher auch ein wenig Neid hervorrief. Da war das Buch selbst, das, soweit ich es anhand von Auszügen beurteilen konnte, nichts weiter als krass sein wollte. Und nicht zuletzt war da der Plagiatsskandal, der mich abschreckte – die Art und Weise, wie sich Hegemann bei anderen Künstlern bedient hatte, war schließlich nicht einfach nur naiv gewesen. Sondern dreist. Acht Jahre und zwei Romane später gab es aber nun zwei gute Gründe, Helene Hegemann mit Bungalow eine Chance zu geben: Hanser als Verlagshaus und die Nominierung für den Deutschen Buchpreis.

Nach dem Klappentext erwartete ich eine prekäre Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer drohenden Apokalypse, nach den ersten paar Dutzend Seiten jedoch eher einen bemüht krassen Roman, der zwar bedeutungsschwanger daherkam, am Ende aber wenig Substanz hatte. Kurzum: Ich erwartete meinen ersten Verriss als Buchpreisblogger. Gleich auf der ersten Seite begegnen wir der Teenagerin und Ich-Erzählerin Charlie beim Sex mit dem erwachsenen Georg, dessen Frau Maria gerade gelangweilt fernsieht, die Szene eskaliert kurz in Gewalt und löst sich dann harmlos wieder auf. Die Welt ist längst im Arsch, womöglich hat es eine Umweltkatastrophe gegeben, einen Krieg vor unserer Haustür, nichts Genaues weiß man nicht, das bleibt den Lesern des Buches anfangs aber genauso egal wie seinen nihilistischen Figuren. Vieles ist einfallsreich an den ersten Kapiteln von Bungalow, immer wieder streut Hegemann clevere oder irritierende Details ein, die zunächst überraschen und amüsieren, dann aber bloß reiner Selbstzweck ohne Kontext, ohne Bedeutung bleiben. Oft denkt man an futuristische Mode, die sich als Alufolie entpuppt: Es knistert und glänzt an allen Ecken, ist letzten Endes aber dann doch ziemlich dünn. Auch die Struktur von Bungalow macht den Einstieg nicht leichter. Charlie berichtet nicht nur von ihrem toxischen Verhältnis zu den reichen Nachbarn Georg und Marie, sondern taucht auch mit unglaubwürdiger Detailkenntnis in deren Vergangenheit ein. Die Erzählhaltung wird erst schlüssiger, als sich die Perspektive auf Charlies eigenes Leben verengt – und der Roman zu meiner Überraschung plötzlich richtig gut wird.

Zeichen des Niedergangs

Im weiteren Verlauf erzählt Charlie aus ihrer frühen Jugend, schon damals war die Welt nicht mehr in Ordnung, aber noch nicht vollends aus den Fugen geraten. Gemeinsam mit ihrer Mutter, einer schweren Alkoholikerin, deren psychische Aussetzer immer häufiger und länger werden, lebt sie in einem Hochhaus mit Blick auf die Bungalows der Reichen, die Charlie um ihr Leben beneidet. Lässt sich ihre Armut anfangs noch kaschieren, wird die Verwahrlosung der Familie mit jedem Schuljahr offensichtlicher. Das Geld fürs Essen reicht gerade mal bis zur Mitte des Monats, die Kraft zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen irgendwann nicht einmal mehr für eine Dusche. Die Eskalationen werden immer häufiger, irgendwann stehen sich Charlie und ihre Mutter sogar mit dem Messer gegenüber. Angesichts des Niedergangs allerorten schlagen sie sich aber noch beachtlich gut: Die Stadt ist voller Tierkadaver und Selbstmörder, andauernd wird von blutigen Geiselnahmen und Anschlägen berichtet, sogar von Krieg ist immer öfter die Rede. Und so ist es kein Wunder, dass Iskender, Charlies altkluger, von Kung Fu träumender bester Freund, eine immer kleinere Rolle in ihrem Leben spielt, als das schillernde Paar Georg und Maria in einen der Bungalows zieht. Schnell kippt Charlies Faszination für die beiden in eine Besessenheit, die an Stalking grenzt.

Was anfangs noch nervte, funktioniert im Verlauf des Romans immer besser. Die verschrobenen Details wirken nicht mehr aufgesetzt, sondern erfüllen einen Zeck, fügen sich ins Gesamtbild ein. Helene Hegemann beschreibt in Bungalow nicht nur das Auseinanderdriften der Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch eine Gesellschaft, die den Kipppunkt in Richtung Niedergang bereits überschritten hat – alles ist längst in Auflösung begriffen. Während die einen noch fürchten, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht, können es die anderen kaum erwarten:

„Ich erinnere mich, wie ich irgendwann eine Politikergattin im »Frühstücksfernsehen« darüber reden sah, dass sie ein langes, freies Leben wolle, für sich und alle anderen Menschen, und wie wichtig es sei, Geld zu spenden an Umweltorganisationen und so, und ich dachte nur, dass das klar ist, dass Leute, die Interviews im Fernsehen geben […], die genug zu tun haben, um irgendwas an dieser Welt paradiesisch finden zu können, dass die Organisationen unterstützen, die sich für den Fortbestand ebendieser Welt starkmachen. Wie bei einer tollen Villa, in der jemand lebt, der will nicht, dass die abfackelt oder einstürzt, aber Leute in termitenbefallenen Bretterverschlägen oder ich im Wohnzimmer, das nach Vinylchlorid und modernder Zersetzung stinkt und von dem aus ich in Fenster sehen kann, hinter denen Duftkerzen für achtzig Euro aufflackern, Sandelholz, Leder, Honig, Kräuter, wir konnten nur Zerstörung wollen, oder uns zumindest heimlich danach sehnen. Du musst nicht hungern, um dir eine gewaltvolle Umwälzung der Verhältnisse herbeizuwünschen, du musst dich langweilen. Klanglos vor dich hin versanden und ahnen, dass diese Welt dich nicht nötig hat.“

Diese Zeilen sind nicht nur treffend für die dystopische Zukunftsvision, die Helene Hegemann in Bungalow entwirft. Sie fangen ebenso gut den aktuellen Zeitgeist ein, in dem die Wut der Abgehängten – oder jenen, die sich als solche empfinden – sowohl hierzulande als auch weltweit eine immer größere Wucht entwickelt. Trotz vieler starker Momente gerade in der zweiten Hälfte fehlt Bungalow etwa die kompositorische Klasse und inhaltliche Tiefe von Franziska Hausers Die Gewitterschwimmererin, das definitiv einen Platz auf der Shortlist verdient gehabt hätte. Nichtsdestotrotz hinterlässt Helene Hegemanns dritter Roman einen bleibenden Eindruck – und die Erkenntnis, dass es sich lohnt, seine Scheuklappen hin und wieder abzulegen.Buchpreisblogger_Banner1500x500


Helene Hegemann: Bungalow. Erschienen bei Hanser Berlin, 288 Seiten.

Appell zur Geistesgegenwart. Über Roger Willemsens „Wer wir waren“

Wer wir waren - Roger WillemsenEhe er starb, wollte Roger Willemsen unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft beleuchten. Seine Zukunftsrede ist deshalb zu seinem Vermächtnis geworden: eine scharfsinnige und weitsichtige Analyse unserer Zeit.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Hoffnungsvolle Utopien sind längst aus der Mode gekommen, haben Platz gemacht für Weltuntergangsszenarien und Kulturpessimismus. Anscheinend haben uns Trump, Brexit und eine AfD im Bundestag das letzte bisschen Optimismus ausgetrieben. Die jüngste große Zukunftsvision? Ein Reinfall mit böser Pointe: Hofften wir vor ein paar Jahren noch auf soziale Medien als Chance für die Demokratie, sehen wir nun hilflos dabei zu, wie ihnen stattdessen die Wahrheit zum Opfer fällt und sie ausgerechnet einem neuen Nationalismus Vorschub leisten. Aber auf eine Gewissheit ist Verlass: Früher war alles besser, schon immer.

„Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten.“

Vielleicht ist es genau dieser leicht spöttische, unaufgeregte Ton, der uns in dieser an vergifteten Debatten und Dauerkrisen übersättigten Zeit am meisten fehlt. Einer wie Roger Willemsen hätte uns mit seiner Klugheit und Geistesgegenwart ein wenig Orientierung geben können und dabei geholfen, die Themen unserer Gegenwart besser einzuordnen. Willemsen war einerseits ein intellektueller und präziser Beobachter der Gesellschaft, wurde im gleichen Maße aber auch für seine Neugier, seine Offenheit, seinen Witz geschätzt. Er konnte sich vortrefflich über die Welt und die Zeit, in der wir leben, amüsieren, war bei aller Ironie aber nie überheblich oder belehrend, sondern immer auch ein überzeugter Moralist und Menschenfreund.

Sein letztes Buch sollte Wer wir waren heißen und unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft betrachten – einer Zukunft, die der Autor selbst nicht mehr erleben durfte. Roger Willemsen starb 2016 an Krebs, das Buch hat er vor seinem Tod nicht mehr schreiben können. In seinen letzten Reden vor der Erkrankung jedoch hat Willemsen einige der zentralen Gedanken bereits vorgestellt. Die „Zukunftsrede“ aus dem Juli 2015, auf der dieses letzte Buch nun basiert, ist deshalb zu einem vielleicht nicht beabsichtigten, aber nicht unpassenden Vermächtnis geworden.

Wer wir waren ist ein melancholischer Blick auf die Flüchtigkeit unserer Gegenwart, die dank virtueller Nebenschauplätze immer zersplitterter, immer beschleunigter, immer simulierter wird. Wir leben im Zeitalter der ständigen Ablenkung und verlieren unseren Fokus im medialen Grundrauschen, sind trotz permanenter Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken immer seltener tatsächlich anwesend. Viele der Themen und Phänomene, die drei Jahre nach seiner Rede unseren Alltag prägen, nimmt Willemsen bereits mit Scharfsinn und Weitsicht vorweg:

„Jedes Jahr dämmert ein neues Jahr 1984 und dann ein neues Jahr 2000, eine neuere Zukunftsformel haben wir noch nicht. Wir werden diese Zukunft aber auch daran erkennen, dass die Grenzen zwischen dem Original und der Simulation immer stärker verschwimmen.“

Trotz Willemsens kritischer Analyse unserer digitalen Welt ist Wer wir waren alles andere als ein kulturpessimistisches Pamphlet, sondern vielmehr ein Appell zu Aufmerksamkeit und Fokus, ein Appell dazu, innezuhalten und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Vor allem eines wird nach der Lektüre seiner „Zukunftsrede“ deutlich: Vielleicht war früher nicht alles besser, die Welt aber ist ohne Roger Willemsens Scharfsinn und seinen Witz auf jeden Fall ein wenig ärmer.


Roger Willemsen: Wer wir waren. Erschienen bei S. Fischer sowie als Lizenzausgabe im aktuellen Programm der Büchergilde, 64 Seiten. Diese Besprechung erschien erstmals im Magazin der Büchergilde in Ausgabe 3/18 – hier entlang zum kostenlosen Download!

Außer Funktion. Über „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling

Kathrin Weßling - Super, und dir?Ein Roman über eine Social Media Managerin mit Burn-out und Drogenproblemen: Wenn sich jemand in eine solche Figur hineinversetzen kann, dann vermutlich Kathrin Weßling, eine Autorin, die mir beinahe täglich in meinen Feeds auf Facebook, Twitter oder Instagram begegnet. Ich mag ihren Ton, ihren Humor, ihre Haltung. Auch beeindruckt mich, wie souverän und offen sie auf ihrem Blog über ihre Depressionen und ADHS-Erkrankung schreibt, Bewusstsein für sie schafft. Einen Roman von ihr hatte ich bislang dennoch nicht gelesen, vielleicht auch ein bisschen aus Furcht davor, enttäuscht zu werden. Ein Roman ist kein Bento-Artikel, zumal mir die Themen, über die Weßling schreibt, zu wichtig, zu ernst sind, um sie bloß in einer unterhaltsamen, zielgruppengerechten Geschichte mit launigem Witz verpackt zu sehen. So ging es mir damals mit Ronja von Rönnes Roman Wir kommen, dem es mir trotz Biss und toller Sprache an Tiefe und emotionaler Aufrichtigkeit fehlte; zu aufgesetzt und oberflächlich wirkten die Panikattacken und Depressionen der permanent ironischen Hauptfigur Nora, als dass sie der Schwere dieser Erkrankungen gerecht werden konnten.

Die Wahrheit hinter dem Feed

Entsprechend gespannt war ich auf Marlene Beckmann, Kathrin Weßlings Ich-Erzählerin in Super, und dir?. Eigentlich könnte sie zufrieden sein: Dank Traumjob in einer angesagten Firma und glücklicher Beziehung läuft in ihrem Leben schließlich alles bestens, zumindest ist es das, was ihre vielen Facebook-Freunde und Follower tagtäglich zu sehen bekommen. Die Wahrheit hinter dem Feed ist jedoch eine andere: Schon nach wenigen Monaten als Social Media Managerin ist Marlene ausgebrannt und kann ihren Alltag nur noch mit Kokain und anderen Aufputschdrogen bewältigen. Sie schläft und isst zu wenig, vernachlässigt ihre Gesundheit und ihre Beziehung, während sich die Arbeit immer tiefer in ihr Leben frisst und darin Metastasen bildet wie ein besonders aggressiver Krebs. Marlene aber funktioniert einfach weiter. Das hat sie immer getan. Sie funktionierte, als ihr Vater die Familie für eine andere Frau verließ, funktionierte, als ihre Mutter deswegen zur Alkoholikerin wurde und plötzlich auf sie angewiesen war. Marlene hat nie gelernt, Schwäche zu zeigen und um Hilfe zu bitten, sie konnte sich das auch gar nicht erlauben. Und das kann sie auch jetzt nicht: In ihrem Job muss sie sich einbringen, bis nichts mehr von ihr übrig ist.

Denn in Wahrheit ist gar nicht sie das Problem, sondern eine Mentalität, die vor allem in aufstrebenden Start-ups herrscht, in Unternehmen, die eher mit ihrem Image als mit angemessener Bezahlung locken und die mit Engagement und Firmenidentifikation eigentlich Selbstausbeutung meinen. Wer braucht schon ein Privatleben, wenn es einen Kickertisch im Büro gibt? Und die ach so flexiblen Arbeitszeiten: bedeuten vor allem, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Aber Marlene ist ehrgeizig, sie will nach ihrem Volontariat unbedingt übernommen werden und identifiziert sich bald so sehr mit ihrer eigentlich belanglosen Arbeit, dass ihr Verhältnis zur Firma beinahe ans Stockholm-Syndrom grenzt. Ohne Rausch kann sie nicht mehr abschalten. Oder wieder auf die Beine kommen. Ihr Freund Jakob hat keine Ahnung von ihren Suchtproblemen, schließlich bekommt er Marlene kaum noch zu Gesicht – und wenn, dann vermutlich mit dem Handy vor der Nase. Dennoch ist er der einzige, der zumindest noch gelegentlich zu ihr durchdringt und hinter die scheinbar glücklichen Fassade sieht, die sie auf ihren Online-Profilen zur Schau stellt. Für einen Rettungsanker sind Marlenes Segel jedoch längst zu überspannt: Als Jakob aufgrund ihrer falschen Prioritäten alleine in den Urlaub fahren muss, verliert Marlene ihren letzten Halt – und hört von einem Tag auf den anderen einfach auf, zu funktionieren.

Verstörend und mutig

Nach den ersten Seiten von Super, und dir? war ich zunächst ernüchtert, fand die Sprache zwar gut und pointiert, die Ich-Erzählerin aber noch zu nahe am Ton einer schnoddrigen und um Authentizität bemühten Neon-Reportage: Darf ruhig ein bisschen edgy sein, aber bitte nicht zu sehr – man denke an die Zielgruppe, vor allem beim erwartbaren Happy End. Durchaus amüsante Lektüre, dachte ich also, aber ganz sicher kein Panikherz. Aber je tiefer Kathrin Weßling die Abgründe ihrer Figur auslotet, desto mehr kaufte ich ihr die Protagonistin ab, kaufte ihr ab, dass es ihr ernst ist mit diesem Roman und seinen Themen. Tatsächlich ist es verstörend und mutig, mit welcher Konsequenz Weßling Marlene Beckmann ihr Leben an die Wand fahren lässt und dabei nicht nur mit einer zunehmend ausbeuterischen Mentalität in der Arbeitswelt abrechnet, sondern auch mit der Verharmlosung eines Selbstoptimierungswahns, der nicht selten zu Suchtproblemen unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmungsgrenze führt. Als sich Marlene in einer der bittersten Szenen des Romans dazu überwindet, sich ihrem Hausarzt anzuvertrauen, spielt ausgerechnet dieser ihre Kokainsucht herunter und verschreibt ihr lediglich ein Antidepressivum: Sie sei schließlich nicht ernsthaft süchtig, sondern bloß ein bisschen überlastet.

Und natürlich hat er Recht. Schaut uns doch an: Wir sind glücklich! Seht sie euch an, die Bilder unserer Katzen, Kinder und Traumreisen auf Instagram, lest unsere permanenten Erfolgsmeldungen auf Facebook und amüsanten Alltagstweets. Oder aber ihr lest dieses Buch. Es könnte allerdings Spuren von echtem Leben enthalten, Vorsicht.

„Das Mädchen liegt nicht halbtot mit einer Nadel im Arm auf der Toilette eines Bahnhofs. Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil. Es reitet die Wellen, während der Sturm aufzieht, und es lächelt, es winkt den anderen zu, schon viel zu weit vom Strand entfernt, Wasser in den Lungen, Wasser im Kopf, und ruft: Alles in Ordnung, es geht mir sehr, sehr gut!“


Kathrin Weßling: Super, und dir? Erschienen bei Ullstein fünf, 256 Seiten. Die bislang beste Rezension zum Roman habe ich bei Literaturen gelesen, diese lest ihr hier.

Tatsächlich Gold. Über „Stromland“ von Florian Wacker

Florian Wacker - StromlandEigentlich fing sie ganz gewöhnlich an, die Erzählung, die uns Florian Wacker für die siebte Ausgabe von ]trash[pool geschickt hatte: Ein Mann kauft sich in Deutschland Tacos in einer Burrito-Bude und lässt seiner Fantasie dabei freien Lauf: „Ich stelle mir manchmal vor, dass der Burrito-Mann verzweifelt nach einem Schatz sucht, so wie die spanischen Eroberer in Brasilien, in Chile und in Ecuador danach suchten und außer einigen winzigen Klümpchen nur die Malaria fanden. Ich stelle ihn mir vor mit einer Hellebarde, mit dem typischen Helm der Konquistadoren, so steht er am Bahnhof und hält Ausschau, und wenn ein Güterzug mit Kupferrollen vorbeifährt, springt er auf, um das seltene Metall an sich zu reißen.“ Plötzlich wechselt in Gold jedoch die Perspektive, springt Florian Wacker von einer Figur zur nächsten und spannt einen Bogen vom Burrito-Verkäufer zu einem Geschäftsmann, der sich Gedanken um die schwankenden Goldpreise macht, zu Abenteuerurlaubern und Goldschürfern in Südamerika. Eine virtuos verschachtelte, teils absurde Erzählung, deren letzter Satz mein Urteil als ]trash[pool-Herausgeber bereits vorwegnahm: „Gold, denke ich, es ist tatsächlich Gold.“

Umso mehr freute ich mich über die Vorschau zu Florian Wackers drittem Buch Stromland: Von einer Reise ins Herz der Finsternis war darin die Rede, von Glücksjägern und Abenteurern in den Tiefen des tropischen Regenwalds, vom Sinnsuchen und sich Verlieren. Wacker hatte sich also offensichtlich noch intensiver mit dem Thema seiner Erzählung auseinandergesetzt – und obendrein einen Roman geschrieben, mit dessen Schlagwörtern man mich nur allzu leicht ködern kann. Schon ging es mir wie manchen seiner Figuren: Die Gier nach Gold war geweckt. Niemand, der ein Nugget findet, gibt sich damit zufrieden. Aber kaum ist die Gier geweckt, setzt die Vernunft aus – genau das ist es ja, was so viele am Amazonas und anderswo in der Welt schon ins Verderben stürzte.

Auf der Suche nach einem verschollenen Bruder

Die Gefahr, von Stromland enttäuscht zu werden, war also groß. Nach den ersten Seiten wurde die Fallhöhe nicht gerade kleiner: Wackers bildhafte und sinnliche Beschreibungen des peruanischen Regenwalds riefen sofort Erinnerungen an meine eigenen Treks im thailändischen Dschungel wach, zogen mich in ihren Bann wie all die Verheißungen von Reichtum und Glück, die die beschriebenen Konquistadoren ins Niemandsland des Amazonasdeltas trieben und zumeist bloß den Tod finden ließen. Zeitsprünge über mehrere Jahrhunderte und die vielen Figuren zu Anfang erweckten, obwohl unterhaltsam und spannend geschrieben, aber auch den Eindruck einer fordernden, vielleicht sogar beschwerlichen Reise. Tatsächlich folgt dem ersten Teil mit historischen Schlaglichtern jedoch ein überraschend geradliniger Plot über die Suche nach einem verlorenen Bruder.

Irinas Zwillingsbruder Thomas war Kameramann bei Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes mit Klaus Kinski – für den leidenschaftlichen Cineasten ein erfüllter Lebenstraum, zugleich aber auch eine Art spirituelles Erweckungserlebnis. Fasziniert von der ungebändigten Natur blieb er nach dem Ende der Dreharbeiten in Peru und ließ sich zunächst treiben, lebte einfach in den Tag hinein. Schon bald zog es ihn, auf der Suche nach Sinn und einem alten Mythos, aber immer tiefer in den Regenwald hinein. Irgendwann hörten die zunehmend esoterischen Briefe, die er Irina schrieb, einfach auf: Thomas war verschwunden. Jahre später reist Irina gemeinsam mit ihrem Freund Hilmar nach Iquitos, um nach ihm zu suchen. Die wenigen Spuren, die Thomas dort hinterlassen hat, versanden allerdings schnell, auch ehemalige Weggefährten ihres Bruders verweisen bloß auf den Dschungel, aus dem schon so viele vor ihm nie zurückgekehrt waren. Irina aber ist fest entschlossen, Thomas ausfindig zu machen. Sie schlägt, den Hinweisen aus seinen Briefen folgend, mit Hilmar denselben Weg ein wie einst ihr Bruder – und reiht sich damit in die Riege derer ein, die schon seit Jahrhunderten in die so lebendige wie lebensfeindliche Region aufbrachen, um dort etwas zu finden: Gold. Land. Naturvölker, die es zu missionieren galt. Spiritualität. Oder eben: einen verschollenen Zwilling. Die meisten zahlten einen hohen Preis für ihre Unvernunft und Gier, fanden im Dschungel nichts als Siechtum, Wahnsinn und Tod.

Jedes Puzzleteil ein Nugget – auch für den Leser

Auch Irina und Hilmar müssen schnell feststellen, dass im Urwald ganz eigene Gesetze herrschen – und dass die größte Gefahr zumeist vom Menschen ausgeht. Sie begegnen nicht nur Ureinwohnern, die friedlich im Einklang mit der Natur leben, sondern auch wahnsinnig gewordenen Goldschürfern, Escobars Drogenhändlern im Kampf ums weiße Gold, Nachfahren deutscher Einwanderer, die seit Jahrhunderten mit allen nötigen Mitteln um ihr Land und ihr Überleben kämpfen. Besonders Letztere stehen bald im Zentrum des Romans: Mit den Wilhelmis, die sich inmitten des Regenwalds in einer deutschen Siedlergemeinschaft gegen den Zeitgeist behaupten und dabei – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ein bisschen an die Aussteigerkommune in Alex Garlands Der Strand erinnern, schließt sich auch der Kreis zu den historischen Schlaglichtern des ersten Teils. Hier, glaubt Irina, hat sich ihr Bruder Thomas zuletzt aufgehalten – und doch will ihn niemand aus der gastfreundlichen Großfamilie je gesehen haben. Die Suche nach Thomas lässt Irina keine Ruhe und wird zusehends zur Besessenheit, genau wie er will sie immer tiefer in den Dschungel vordringen und nicht eher aufgeben, ehe sie ihn gefunden hat. Jedes Puzzleteil, das sie in Erfahrung bringen kann, ist wie ein Nugget, das ihre Gier nach Wahrheit umso stärker anfacht.

Und genauso ging es mir mit den Seiten dieses Romans: Ich wollte, ich konnte das Buch einfach nicht mehr weglegen. Stromland ist ein Unterhaltungsroman im allerbesten Sinne und dank grandioser Atmosphäre und überraschender Wendungen das Spannendste, was ich seit Langem gelesen habe. Gold, dachte ich beim Zuklappen von Stromland deshalb zufrieden, es ist tatsächlich Gold. Und zwar kein Nugget. Sondern ein ganzer Barren.


Florian Wacker: Stromland. Erschienen im Berlin Verlag, 352 Seiten. Eine weitere schöne Besprechung des Romans ist bei Zeichen & Zeiten erschienen. Ausgabe 7 der Literaturzeitschrift ]trash[pool mit Florian Wackers Erzählung „Gold“ kann gerne über das Kontaktformular meines Blogs bestellt werden, ist aber auch digital als PDF bei duotincta erhältlich. 

Abgesang. Über „So enden wir“ von Daniel Galera

So enden wir - Daniel GaleraDuke ist tot. Erschossen bei einem Raubüberfall, wie sie im brasilanischen Porto Alegre fast täglich passieren. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist die Trauer groß, der Hashtag #RipDuke wird sogar zum trending topic bei Twitter. Aber nicht nur die Fans des enigmatischen Kultautors erfahren von seinem Tod aus dem Netz, auch bei Dukes ehemaligen Mitstreitern ist das Entsetzen groß, als sie auf ihr Handy sehen. Fünfzehn Jahre ist es her, seit Aurora, Emiliano und Antero mit Duke befreundet waren. Damals, als das Internet tatsächlich noch Neuland war, eine Spielwiese für Idealisten und Pioniere, gaben sie gemeinsam ein avantgardistisches Online-Magazin heraus. In Daniel Galeras Roman So enden wir sind sie Stellvertreter einer Generation, für die sich durch das junge Medium plötzlich eine neue Welt auftat, in der noch alles möglich schien, man sich ausprobieren und neu erfinden konnte. Eine Welt vor Google und Facebook, vor Big Data und geifernden Populisten, für die das Internet bloß Werkzeug für Manipulationen und Propaganda ist.

Als Duke stirbt, ist diese Welt längst dem Untergang geweiht. Duke wusste das: Schon lange vor seinem Tod meldete er sich aus allen sozialen Netzwerken ab und verwischte seine Spuren, geisterte nur noch als Phantom durchs Web. Auch in seinem Testament hatte er die vollständige Löschung seines digitalen Nachlasses angeordnet. Den damaligen Freunden bleibt, als sie auf Dukes Beerdigung erstmals seit Jahren wieder aufeinandertreffen, deshalb nur die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Was ist von ihrer Freundschaft geblieben, was von ihrem einstigen Idealismus? Fünfzehn Jahre, nachdem sie mit ihrem per Mail verschickten Fanzine Orangotango ein bedeutender Teil der digitalen Gegenkultur Brasiliens waren, sind die Träume von Aurora, Emiliano und Antero – und zwar in dieser Reihenfolge – Ernüchterung, Pragmatismus und Zynismus gewichen.

Was wurde aus dem Idealismus?

Aurora ist ernüchtert und pessimistisch. Den Journalismus hat sie aufgegeben, stattdessen forscht sie als Biologin für eine Zukunft, an die sie längst nicht mehr glaubt. Der Sexismus im Wissenschaftsbetrieb setzt ihr genauso zu wie die globale politische Entwicklung oder der kürzliche Herzinfarkt ihres Vaters. Dass Duke bloß für ein bisschen Kleingeld und ein Handy sterben musste, ist für Aurora ein weiterer Beweis für den drohenden, ja geradezu unausweichlichen Untergang der Menschheit. Nach ihrem Wiedersehen mit dem zynischen Antero auf Dukes Beerdigung droht ihr Leben endgültig aus den Fugen zu geraten.

Als erfolgreicher Werber und scheinbar glücklicher Familienvater ist Antero neben Duke der einzige aus der ehemaligen Clique, der es wirklich zu etwas gebracht hat. Für seinen beruflichen Erfolg hat Antero jedoch alles verraten, woran sie damals glaubten. Das Internet ist für ihn nur Werkzeug für virale Kampagnen oder Stoff für seine Pornosucht. Nichts scheint ihm noch etwas zu bedeuten, Antero nimmt sich einfach, was er braucht. Für ihn ist inzwischen alles bloß ein Spiel, das Leben ein Schauplatz virtueller Realitäten. Als er zufällig in die Ausschreitungen auf einer Demonstration gerät, schließt er sich dem wütenden Mob aus einer Laune heraus als Statist, als non-player-character an und sieht gleichgültig dabei zu, wie das Ladengeschäft seines Vaters geplündert wird. Erst infolge von Dukes Beerdigung muss Antero begreifen, dass manche Fehler im wahren Leben unweigerlich zu Konsequenzen führen.

Während Duke bei Orangotango die ersten Schritte als literarisches Wunderkind wagte, war das Fanzine für Emiliano der Beginn seiner journalistischen Laufbahn. Die gemeinsame Zeit in Porto Alegre war prägend für ihn: Nach Jahren, in denen er sich bloß mit Raufereien behalf, fand Emiliano erst damals den Mut, offen als Schwuler zu leben. Es war Duke, der ihm die Augen öffnete, auch wenn er die eine Nacht, die sie beim Kennenlernen miteinander verbrachten, als Heterosexueller scheinbar nur zur Recherche für eine Geschichte brauchte. Als freier Journalist schlägt sich Emiliano eher schlecht als recht durch, umso verlockender ist nach Dukes Tod das Angebot eines Verlegers, dessen Biografie zu schreiben. Schnell weichen die anfänglichen Skrupel Pragmatismus: Der Vorschuss ist höher als das, was Emiliano sonst in einem Jahr verdient. Seine Recherche bringt allerdings nur wenig zutage. Niemand schien Duke wirklich zu kennen. Ohne digitalen Nachlass, ohne Spuren in sozialen Netzwerken bleiben Emiliano nur widersprüchliche Erinnerungen und die Hoffnung, dass Dukes letzte Partnerin trotz ihrer testamentarisch auferlegten Schweigepflicht etwas über ihn preisgibt. Und ob absichtlich oder nicht: Eine Spur hat Duke tatsächlich hinterlassen. Eine Spur allerdings, die alles infrage stellt, was Emiliano über Duke und ihre Freundschaft zu wissen glaubte.

Ein Roman mit verzögerter Wirkung

So enden wir ist ein melancholischer Abgesang auf die digitale Gegenkultur des frühen Internets, das, gekapert von Konzernen und politischen Interessen, längst seine Unschuld verloren hat. Zugleich ist Daniel Galeras Roman aber auch eine Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden und der unvermeidlichen Ernüchterung, die sich einstellt, sobald der Ernst des Lebens aus Idealisten irgendwann Pragmatiker, Pessimisten, Zyniker macht. Wie schon im Vorgänger Flut gelingt es Galera, mit einer dichten, aber nie sperrigen Sprache eine besondere Atmosphäre zu erzeugen und Figuren zu zeichnen, die nah am Leben, aber dennoch mit literarischer Tiefenschärfe versehen sind.

Trotzdem fühlte ich mich nach der Lektüre des Romans zunächst wie seine Figuren: ernüchtert, vielleicht auch ein wenig enttäuscht. Die Faszination, die ich für Flut empfand – immerhin einer meiner Lieblingsromane der letzten Jahre – wollte sich trotz vielem, das mir gefiel, einfach nicht ganz einstellen. Wochen später entfaltete So enden wir dann aber überraschend seine Wirkung, wurden mir plötzlich Zusammenhänge klar, die ich beim Lesen selbst noch nicht richtig einordnen konnte. Und das war fast noch befriedigender als die spontane Begeisterung, mit der ich damals Flut zu Ende las.


Daniel Galera: So enden wir. Erschienen bei Suhrkamp, 231 Seiten.

Befangen. Über „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl

IMG_5558Ich sag’s lieber gleich vorweg: Ich bin befangen. Nicht nur, weil ich mit meiner Bloggerfreundin Mareike regelmäßig chatte oder auf Buchmessenpartys zu schlechter Musik tanze. Auch nicht, weil sie so lieb war, mich in der Danksagung ihres Romans zu erwähnen – so leicht bin ich nun auch nicht zu bestechen. Befangen bin ich aus einem ganz anderen Grund: Ich hatte die große Ehre, die Entstehung von Dunkelgrün fast schwarz beinahe von Anfang an mitzuverfolgen. Da wir beide zeitgleich an unseren Romanen arbeiteten, tauschten wir uns regelmäßig über unsere Fortschritte, Erfolge und Niederlagen aus, gaben uns gegenseitig die neuesten Kapitel zu lesen und warteten dann bangend aufs Feedback, machten einander, wenn nötig, hin und wieder auch mal Mut. Das tat gut und machte Spaß, war als Leser aber auch eine frustrierende Erfahrung: Während ihr da draußen den Roman, wie es sich für ihn gehört, am Stück verschlingt, musste ich oft Wochen, manchmal sogar Monate warten, ehe ich weiterlesen durfte. Wer das Buch kennt, kann sich vorstellen, wie schwer mir das fiel. Denn trotz aller Befangenheit: In eine moralische Zwickmühle bringt mich die Vorstellung von Mareikes Roman nicht – dafür ist er nämlich viel zu gut. Und das war er von Anfang an.

Eine gefährliche Freundschaft

Befangen ist auch Moritz, als Raffael plötzlich vor seiner Tür steht, ganze sechzehn Jahre, nachdem er sich einfach so und scheinbar grundlos aus dem Staub machte. Eigentlich sollte er Wichtigeres im Sinn haben, als seinen alten Freund bei sich aufzunehmen, schließlich steht die Geburt seines ersten Kindes unmittelbar bevor. Aber trotz ihrer langen Trennung voneinander ist gleich alles wieder wie früher: Raffael gibt den Ton an, und Moritz tanzt nach seiner Pfeife, obwohl Raffael ganz offensichtlich etwas zu verbergen hat.

Schon als Kleindkind ist Raffael ein echter Rattenfänger. Und ein Arschloch. Mit Grauen muss Moritz‘ Mutter Marie mitansehen, welche Macht der beste Freund ihres Sohnes über ihn hat, wie er ihn manipuliert und drangsaliert, ihn abgängig von sich macht. Und doch sind Moz und Raf, wie die beiden einander als Kinder nannten, stets unzertrennlich: der eine ein rücksichtsloser Draufgänger, der andere sensibel und zaghaft. Sie brauchen einander. Raf holt Moz aus seiner Komfortzone und lässt ihn über sich hinauswachsen, Moz gibt Raf dagegen ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ihm in seiner eigenen Familie fehlt. Eine scheinbar unzerstörbare Freundschaft, selbst, als das Waisenmädchen Jonanna zum Duo hinzustößt und mit ihr die ersten Gefühle ins Spiel kommen. Nur Marie bleibt über die Jahre weiter skeptisch: Dieser Raffael ist gefährlich – und wird Moritz eines Tages ins Unglück stürzen. Marie hat einen guten Grund, so zu denken. Sie kennt die Macht, die Raffael über ihren Sohn hat. Sein Vater ist nämlich genau wie er, ein skrupelloser Manipulator, der die Schwächen anderer genau auszunutzen weiß: zum Beispiel ihre Einsamkeit als Mutter zweier Kinder mit einem abwesenden Vater…

So komplex wie spannend

Und das sind gerade einmal die groben Züge der Handlung von Dunkelgrün fast schwarz: Geschickt spinnt Mareike Fallwickl einen Bogen zwischen den Generationen, erzählt multiperspektivisch und auf mehreren Zeitebenen die Geschichten von Marie, Moritz und Johanna und führt deren Fäden mit der Rückkehr des undurchsichtigen Raffaels am Ende schließlich zusammen. Was auf dem Papier kompliziert klingt, fügt sich so mühelos ineinander, dass Mareike mit Dunkelgrün fast schwarz ein wahrer Pageturner über Freundschaft, Abhängigkeiten und die gefährliche Macht, die Menschen übereinander haben, gelungen ist, der bei allem Anspruch in der Komposition nie zu unterhalten vergisst. Im Gegenteil: Man ist als Leser den Figuren so nahe, dass die Spannung manchmal kaum auszuhalten ist.

Liebe Mareike, es ist mir eine Ehre, in einem so gelungenen und wunderbaren Buch erwähnt zu werden – selbst, wenn du meine Hilfe nie brauchtest. Ich weiß, wie hart du an diesem Roman gearbeitet hast: Den Erfolg hast du dir mehr als verdient. Und deshalb bin ich nicht nur befangen, sondern vor allem eines: sehr, sehr stolz auf dich!


Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten. Trotz der Fülle an Besprechungen, die dieser Tage erscheinen, möchte ich eine ganz besonders hervorheben: Auf Buchrevier schrieb Tobias Nazemi einen sehr schönen, ebenfalls sehr persönlichen Leserbrief an Mareike.

Rabenmutter. Über „Die Federn meiner Mutter“ von Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler

Mirjam Ziegler - Die Federn meiner Mutter - BlogbusterEigentlich ist für Agnes alles klar. Mit dem Jurastudium in der schwäbischen Provinz steht ihr eine solide Zukunft mit ihrem Freund und Kommilitonen Florian bevor. Ein bürgerliches Familienleben mit Kinderzimmern und Doppelgarage, in dem sie alles richtig macht, was ihre eigene Mutter einst falsch machte. Klar ist Agnes nämlich auch, was für ein Mensch diese Magdalena Blau ist: eine selbstsüchtige Egozentrikerin. Und eine Rabenmutter. Immer wieder ließ sie Agnes und ihren Vater im Stich, verschwand während ihrer Kindheit manchmal für ganze Jahre ins Ausland, nur um dann wieder unvermittelt vor der Tür zu stehen, ehe sie die Familie kurz darauf erneut enttäuschte. Schließlich blieb sie ganz weg und fing ein neues Leben als Künstlerin in Paris an. So will Agnes nicht werden. Sie gibt ihre eigenen Ambitionen, Fotografin zu werden, zugunsten eines solideren Plans auf und entscheidet sich stattdessen für Jura und Florian. Für ein zufriedenes Leben, ganz ohne den Pathos ihrer Mutter und den leidenden Blick ihres Vaters. All das will Agnes ein für alle Mal hinter sich lassen. Jedenfalls bis zu diesem Anruf.

Ob sie zufällig wisse, wo ihre Mutter sei? Magdalena sei nämlich verschwunden. Nach dem Anruf ihres Lebensgefährten Richard brechen in Agnes die alten Wunden wieder auf. Ihre Mutter hat es wieder getan, wieder hat sie einen Menschen enttäuscht und ratlos zurückgelassen. Die lange verdrängten Fragen lassen Agnes keine Ruhe mehr: Warum hat sie ihre Familie immer wieder im Stich gelassen? Wo war sie all die Jahre – und bei wem? Agnes fasst einen Plan: Sie will ihre Mutter finden und sie endlich zur Rede stellen. Also meldet sie sich in der Kanzlei, in der sie gerade ein wichtiges Praktikum absolviert, krank und bricht kurzerhand nach Paris auf – ohne zu ahnen, wie sehr diese Reise sie verändern wird.

Auf den Spuren einer Amour Fou

Aber Magdalena ist nicht in Paris. Im Atelier findet Agnes nur Hinweise zu ihrem früheren, ihrem geheimen Leben: verstörende Gemälde aus einer anderen Schaffensphase, die weitaus ambitionierter sind als alle, die Agnes bisher von ihr kannte, sowie Briefe, die Rückschlüsse auf alte Liebschaften zulassen. Besonders mit einem Mann schien Magdalena über Jahrzehnte eine komplexe Amour fou zu verbinden: Offenbar war es dieser Künstler Narciso, zu dem Agnes‘ Mutter auch nach ihrer Geburt immer wieder zurückkehren musste. Die wenigen Spuren führen nach Barcelona. Spontan entscheidet sich Agnes, dort weiterzusuchen – koste es, was es wolle.

Über Magdalenas Gegenwart findet Agnes in Barcelona nur wenig heraus, ihre Vergangenheit hat sie dagegen immer klarer vor Augen: In den Siebzigern führte sie dort ein wildes, ein freies Leben, das von künstlerischem Idealismus und einer Aufbruchsstimmung während politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen geprägt war. Noch mehr als über ihre Mutter lernt Agnes aber über sich selbst: Sie ist dieser ihr so fremden Magdalena Blau weitaus ähnlicher, als sie das lange wahrhaben wollte. Allmählich findet sie Gefallen am ausgelassenen Leben in der internationalen Studenten-WG, in der sie untergekommen ist, einem Leben, das ganz anders ist als jenes, das sie mit dem braven Florian in Deutschland führt. Während Agnes ihre Leidenschaft für die Fotografie wiederentdeckt und sich immer mehr in Barcelona verliebt, rückt das Ziel, ihre Mutter zu finden, genauso in den Hintergrund wie der Gedanke an Florian – woran auch die Avancen des spanischen Fotografen Joan nicht ganz unschuldig sind. Erst als sie eine Spur zu Narciso führt, jener großen, aber schmerzhaften Liebe, von der ihre Mutter offenbar nie ganz lassen konnte, nimmt ihre Suche endlich wieder Fahrt auf. Ausgerechnet dann steht plötzlich Florian vor der Tür. Weil sie auch nach Wochen noch nicht zurückgekehrt ist, will er sie zur Vernunft zu bringen – und zwingt Agnes damit zu einer Entscheidung.

„Es sind so viele Leben möglich.“

Natürlich ist Barcelona nicht die letzte Station in Die Federn meiner Mutter: Genau wie ihre Protagonistin Agnes ist Mirjam Ziegler auf ihrer Romanreise, die sie sich per Crowdfunding finanzierte, weiter nach Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien gezogen, um ihre Roadnovel genau dort zu schreiben, wo sie auch spielt. Und das spürt man. Mit lebhaften Beschreibungen und anschaulichen Details fängt Mirjam Ziegler die Atmosphäre der vielen Schauplätze perfekt ein und löst damit beim Lesen dieselbe Reiselust aus, die auch Agnes erfasst hat – am liebsten würde man dasselbe machen wie sie: einfach den Rucksack packen, blau machen und ohne festes Ziel losfahren. Die Federn meiner Mutter ist aber nicht nur ein Reise-, sondern zugleich auch ein Familien- und Coming-of-age-Roman. Und natürlich ist das nicht neu: Figuren, die sich erst verlieren müssen, um sich zu finden, gibt es in Film und Literatur zuhauf. Auch Mirjam Ziegler hat hier das Rad nicht neu erfunden, nichts an ihrem Roman zeugt von der Bestrebung, vertraute Muster aufzubrechen oder Neues zu wagen. Man kann ihr das zum Vorwurf machen. Allerdings hat es ja einen Grund, warum manche Geschichten wieder und wieder erzählt werden und warum sie es trotzdem weiter schaffen, Menschen zu berühren. Die Federn meiner Mutter ist ein menschlicher und emphatischer Roman, der einerseits zu unterhalten weiß, sich andererseits aber mit ganz grundsätzlichen Fragen auseinandersetzt, die sich jeder im Laufe seines Lebens immer wieder stellen muss: Führe ich das richtige Leben, das einzig mögliche? Oder gäbe es auch andere Leben, die mich glücklicher machen könnten? Aber auch: Welche Verantwortung habe ich für das Glück anderer?

Straffen und verdichten

Wer glaubt, dass Manuskripte vom Schreibtisch ohne Umweg in den Druck gehen können, unterschätzt allerdings die Bedeutung eines guten Lektorats. Auch Mirjam Zieglers Roman hat trotz unbestreitbarer Stärken seine Schwächen, die gerade für Debüts nicht ganz untypisch sind. Zum einen ist Die Federn meiner Mutter zu lang geraten: Es würde dem Roman gut tun, ihn an einigen Stellen zu straffen und zu verdichten. Auch nimmt Agnes als Figur dem Leser manchmal zu viel Denkarbeit ab, indem sie dazu neigt, sich selbst ständig zu deuten. Das erzeugt auf Dauer nicht nur eine gewisse Redundanz, sondern nimmt einem als Leser auch den Raum, die Dinge selber einzuordnen – und vielleicht sogar zu ganz anderen Schlüssen zu kommen. Hier wäre weniger definitiv mehr. Aber das ist eigentlich eine gute Nachricht: Einen Roman im Lektorat zu kürzen ist leichter, als ihn erweitern zu müssen. Nicht zuletzt ist Die Federn meiner Mutter trotz dieser Kritikpunkte in großen Teilen schon so rund, dass man das Potenzial jederzeit erkennen kann.

Und genau das ist es, was wir Blogger bei Blogbuster leisten können: Bücher entdecken, die vielleicht noch nicht perfekt sind, die aber das Potenzial haben, schon in einem halben Jahr bei Kein & Aber veröffentlicht zu werden – und dabei möglichst viele Leser zu begeistern. Beides wünsche ich Mirjam Ziegler von Herzen!


Hier entlang zu meiner Nominierung für Mirjam Ziegler. Ein ausführliches Interview über den Roman und ihre Recherchereise folgt in der nächsten Woche!