Monat: Mai 2018

Drei Bücher von… Hanser

3 Bücher... von HanserSinn und Zweck dieser Rubrik ist ja eigentlich, drei Bücher vorzustellen, die, so unterschiedlich sie vielleicht auch sein mögen, ein bestimmtes Thema miteinander verbindet. Dieser Beitrag ist nun die Ausnahme zur Bestätigung der Regel. Die folgenden Bücher haben nämlich kaum Gemeinsamkeiten – außer dass sie in den Hanser Literaturverlagen erschienen sind. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach gut. Es gibt sie nämlich noch, die Verlage, denen man als Leser mit einem gewissen Grundvertrauen begegnen kann, Verlage, die trotz der Vielfalt ihres Programms zumeist ein klares Profil haben und die sich nicht nur als Wirtschaftsunternehmen, sondern auch als Kuratoren, als Literaturvermittler verstehen. Eben Verlage wie Suhrkamp, wie die Frankfurter Verlagsanstalt, wie: Hanser.

Natürlich spielt da als Leser neben dem Literaturgeschmack ein Stück weit auch Sympathie eine Rolle, vor allem für diejenigen, die dem Verlag ein Gesicht geben. Im Fall von Hanser muss man dazu zwar nicht unbedingt die kuriosen und manchmal wahnsinnig komischen Alltagsskizzen des Verlegers Jo Lendle auf Facebook verfolgen. Aber es hilft. Und wer – Fun Fact – schon mal ein Pixi geschrieben hat, kann ohnehin kein schlechter Mensch sein. Auch Lektor Florian Kessler ist jemand, dem man die Leidenschaft für Literatur, aber auch seine Haltung jederzeit abkauft, egal, ob er als Helfer vor Ort über die Zustände in einem griechischen Flüchtlingslager schreibt oder ganz unprätentiös Thekendienst beim Prosanova-Festival schiebt. Es sind eben nicht nur die Bücher, die einen Verlag ausmachen, sondern genauso die Menschen, die sich für sie stark machen – angefangen bei der Presse-Betreuung durch liebgewonnene Menschen wie Frauke Vollmer, die uns Bloggern stets mit Respekt und Freundschaft begegnet. Aber am Ende ist ein Verlag natürlich trotzdem nur so gut wie seine Bücher – und um die soll es nun auch gehen.

Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

Auf der Suche nach einem süffigen Buch für den Strand, einer leichten, lebensfrohen Urlaubslektüre? Dann gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Anja Kampmanns Prosadebüt ist womöglich der schwermütigste Roman, den ich seit Rolf Lapperts großartigem Über den Winter (ebenfalls Hanser) gelesen habe. Ein Buch, das sich Zeit lässt, das träge und schwer dahinfließt wie das Öl, das Protagonist Waclaw auf Bohrinseln fördert, bis sein bester Freund im Meer ertrinkt. Und das genauso wertvoll ist. Nach dem Tod von Mátyás reist Waclaw zunächst mit dessen letzten Habseligkeiten, später dann mit einer Brieftaube durch halb Europa und nimmt dabei nicht nur Abschied von seinem Freund, sondern auch von einem Leben, das ihn über viele Jahre hart und illusionslos werden ließ. Nach Stationen ihrer früheren Landgänge sucht Waclaw schließlich Anknüpfungspunkte an seine Vergangenheit im Ruhrpott und die Menschen, die er dort einst zurückließ – allen voran Milena, die Liebe seines Lebens.

Vor ihrem ersten Roman hat sich Anja Kampmann in erster Linie als Lyrikerin einen Namen gemacht, dementsprechend lebt Wie hoch die Wasser steigen vor allem von seiner Sprache und der dichten, schwermütigen Atmosphäre. Ein Pageturner, ein Buch zum-einfach-Weglesen ist Kampmanns Roman nicht: Ich habe länger als sonst für die Lektüre gebraucht, musste immer wieder innehalten, um Stellen laut zu lesen, gelegentlich sogar Pausen einlegen. Die Tristesse und das langsame Erzähltempo sind nichts für zwischendurch, der Roman braucht Konzentration und manchmal auch den Willen, sich auf seine Melancholie einzulassen – umso größer wird dann aber der Sog, wenn man sich von der Stimmung erst anstecken lässt. Keine leichte Lektüre also, literarisch aber in jedem Fall ein Schwergewicht.

Leander Steinkopf – Stadt der Feen und Wünsche

Während Kampmanns Waclaw haltlos durch halb Europa reist, treibt es den Ich-Erzähler aus Leander Steinkopfs langer Erzählung Stadt der Feen und Wünsche bloß kreuz und quer durch Berlin. Weil er es mit sich alleine in der Wohnung nicht aushalten kann, seine eigene Gegenwart nicht erträgt, spaziert er drei Tage lang als Flaneur die Kieze ab und beobachtet weitestgehend teilnahmslos das Treiben der Menschen. Anders als Waclaw hat er keinen Verlust zu verarbeiten. Denn: Da war nie was. Da ist nur Leere. Er lebt ohne Sinn in den Tag hinein, ohne Aufgabe oder Verbindlichkeit. Natürlich gibt es Menschen in seinem Leben, da sind Freunde und zwei Frauen, Judith und Hanna, da ist sein alter Schulfreund Moritz, der ihn aus der Provinz besuchen kommt, da ist die Kellnerin, in die er sich verguckt hat. Aber nichts und niemand füllt – oder fühlt – die Leere in ihm. Das klingt jedoch tragischer als Steinkopfs Erzählung eigentlich ist: Stadt der Feen und Wünsche ist eine amüsante Lektüre, ein Gesellschafts-, Stadt- und Zeitgeistportrait voll kluger Beobachtungen und satirischer Spitzen. Ohne sich in Klischees zu verzetteln, lässt der Autor seine Figur die zuweilen zur Pose verkommenen Eigenheiten Berlins und seiner Bewohner einordnen und kommentieren. Ein Anti-Berlin-Buch ist es deshalb noch lange nicht geworden, im Gegenteil: Vielmehr wollte Steinkopf, wie er im Interview auf novellieren.com erzählte, ein Gefühl einfangen, das er mit Berlin verbindet – irgendwo zwischen süßer Sehnsucht und beschwingter Vergänglichkeit. Und das klingt dann schon fast wieder wie eine Liebeserklärung.

Colson Whitehead – Underground Railroad

Über diesen Roman ist bereits eine Menge geschrieben worden. Und zwar zu Recht. Underground Railroad ist eines dieser seltenen Bücher, denen der Spagat zwischen E und U, der Spagat zwischen gesellschaftspolitischem Gewicht und Spannungsliteratur für ein breites Publikum gelingt. Denn natürlich ist es zunächst einmal eine hollywoodreife Geschichte, wie den Sklaven Cora und Caesar die Flucht von der Baumwollfarm im amerikanischen Georgia gelingt, während ihnen ein Kopfgeldjäger quer durch die USA auf den Fersen bleibt. Und dann ist da natürlich das Alleinstellungsmerkmal, nämlich Colson Whiteheads geniale Idee, das historische Netzwerk Underground Railroad einfach wörtlich zu nehmen und die Figuren mit einem Hauch von erzählerischer Phantastik tatsächlich in unterirdischen Zügen fliehen zu lassen. Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Angesichts eines Rassisten im Oval Office und Ereignissen wie jüngst in Charlottesville wird immer wieder deutlich, wie wenig sich in den Köpfen der Menschen seit dem Ende der Sklaverei getan hat. Noch immer wird in den USA die eigene unrühmliche Geschichte zu wenig thematisiert, noch immer ist Rassismus für viele Menschen Teil des Alltags. Allein das macht Underground Railroad trotz manch erzählerischer Schwäche zu einem wichtigen, weil leider noch immer erschreckend aktuellen Buch.


Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, 352 Seiten. // Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche, 112 Seiten. // Colson Whitehead: Underground Railroad, 352 Seiten. // Ebenfalls in den Hanser Literaturverlagen erschienen und von mir besprochen: Über den Winter von Rolf Lappert, Das Floß der Medusa von Franzobel & Die Terranauten von T.C. Boyle. In Zukunft dürften noch einige Romane dazukommen – gerade erst habe ich mir vorgenommen, anlässlich des Todes von Philip Roth eine klaffende Bildungslücke zu schließen…

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Annäherungen an die Vergangenheit

Julia Hoße - In meiner Erinnerung war mehr StreichorchesterZeit ist relativ – und unsere Erinnerung erst recht. In ihrem so persönlichen wie poetischen Graphic Novel In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester verbindet Julia Hoße Momentaufnahmen aus drei Generationen ihrer Familie zu einer visuell beeindruckenden Meditation über Zeit und Vergänglichkeit.

Alles beginnt mit einer Kindheitserinnerung. Julia und ihre Schwester turnen zwischen Nachbildungen von Dinosauriern herum, festgehalten auf einem alten, verrauschten Familienvideo. Doch die ernüchternde Wirklichkeit deckt sich nicht mit den Bildern in Julias Kopf. Die Abenteuerwelt ihrer kindlichen Wahrnehmung sprengt plötzlich den Rahmen der tristen Panels, füllt mit intensiven Farben und starken Kontrasten gleich mehrere Doppelseiten: „In meiner Erinnerung ist mehr Pathos. Und mehr Sättigung. Mehr Streichorchester.“ Dass Julia Hoßes Bildessay über Erinnerung und Vergänglichkeit ausgerechnet in einem Dinosaurierpark beginnt, ist ein mehr als stimmiger Auftakt: Was wir über das Aussehen von Dinosauriern wissen, ist schließlich nichts weiter als eine Annäherung an die Wirklichkeit, der Versuch einer Rekonstruktion auf Basis nackter Knochen. Mit Erinnerungen verhält es sich ganz ähnlich. Trotz ihres wahren Kerns sind sie höchst subjektiv und immer in Bewegung, stets abhängig von unseren Deutungen, Empfindungen und Selbsttäuschungen.

In beinahe hundert Illustrationen, verteilt auf sechs Kapitel, wagt Julia Hoße eine visuelle Annäherung an die Vergangenheit ihrer Familie. In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern bleibt in seinen Episoden meist bruchstückhaft, schwebend. Momentaufnahmen aus der eigenen Kindheit stehen neben Erinnerungen ihrer Mutter – und beide wiederum in starkem Kontrast zu den erschütternden Fluchterfahrungen der Großmutter im Zweiten Weltkrieg. Der Stilmix ist so abwechslungsreich wie kunstvoll: Zeichnungen und gemalte Bilder wechseln einander ab oder fügen sich Collagen gleich zusammen, auf einfache Skizzen und Panels wie im klassischen Comic folgen ganz selbstverständlich eindringliche, großformatige Bilder mit emotionaler Wucht. Die Farbgebung spiegelt dabei stets die Stimmung des Gezeigten wider. Während leichte Szenen oft in hellen Pastelltönen gehalten sind, taucht Hoße die bitteren Momente in kräftige, düstere Farben. Besonders die Flucht ihrer Großmutter wirkt dank ausdrucksstarker Bilder lange nach. Seitenlang sieht man bloß Schemen von Tod und Zerstörung vor düsterem Orange: das Leuchten einer brennenden Stadt in der Nacht.

Nach einer stillen Episode über den Kreislauf von Vergänglichkeit und Neubeginn am Beispiel einer Landschaft wird es zum Abschluss nicht nur philosophisch, sondern auch wissenschaftlich. Mit poetischen Bildern visualisiert Julia Hoße Einsteins Theorie über die Relativität von Zeit. Wie in einer Reprise werden Erinnerungen aus den vorangegangen Kapiteln noch einmal aufgegriffen und miteinander in Verbindung gesetzt: „Das heißt, die Zukunft existiert bereits und unsere Vergangenheit ist noch da. Nichts verschwindet.“ Ein melancholisches, zugleich aber auch tröstliches Ende für diesen kunstvollen und berührenden Bildessay.


Julia Hoße: In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester. Erschienen bei der Büchergilde, 176 Seiten. Das Beitragsbild ist der Verlagsseite entnommen. Viele weitere Eindrücke aus dem Buch findet ihr auf dem Blog von Julie Hoße. Dieser Text wurde erstmals im Magazin 2/18 der Büchergilde veröffentlicht.

Drei Bücher über… Künstlerleid

IMG_0248Dass Künstler leiden müssen, um echte Meisterwerke zu schaffen: Natürlich ist das ein Klischee. Die meisten Künstler wachen morgens nicht neben leeren Flaschen, Tablettenblistern und verworfenen Abschiedsbriefen auf, bevor sie mit dem Blut ihrer aufgeschnittenen Pulsadern für uns ihr Meisterwerk zu Papier bringen. Die meisten stellen sich vermutlich einfach einen Wecker, setzen sich nach dem Frühstück mal mehr, mal weniger inspiriert an die Arbeit und trinken dabei höchstens zu viel schalen Filterkaffee. Die Vorstellung vom leidenden Genie ist deshalb nicht nur ein Klischee, sondern auch eine romantische Verklärung ernster seelischer Erkrankungen. Und doch gibt es sie natürlich, die Künstler, deren Werk untrennbar mit dem eigenen Leben verknüpft ist. Autoren und Musiker, die vielleicht nicht zwingend autobiografisch schreiben, es aber stets mit persönlicher Dringlichkeit und emotionaler Aufrichtigkeit tun. Und ganz gleich, ob in der Musik oder in der Literatur: Meist schreiben sie die Songs, schreiben sie die Bücher, die mir wirklich etwas bedeuten. Weil diese eben nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern etwas darüber, was es – so nannte es David Foster Wallace einmal in einem Interview – „verdammt noch mal heißt, ein Mensch zu sein.“

Biografien über Künstler, die ihr Leben und ihr Leid in ihren Werken verarbeiteten, laufen natürlich stets Gefahr, bloß unseren Voyeurismus zu bedienen und in Geniekitsch abzudriften. Zugleich können sie ein Werk aber auch aufschlüsseln und dadurch neue Einsichten, ein tieferes Verständnis ermöglichen. Und gerade weil mich das Schaffen von Richard Yates, David Foster Wallace und Eels-Sänger Mark Oliver Everett aus unterschiedlichen Gründen inspirierte und prägte, empfand ich die folgenden Bücher als große Bereicherung.

Rainer Moritz – Der fatale Glaube an das Glück

Man kann jedes Ziel erreichen, wenn man nur hart genug dafür arbeitet: Auch der junge Mann, der schon immer Schriftsteller werden wollte, hat sich seinen Debütroman hart abbringen müssen und mit dem Scheitern seiner Ehe einen hohen Preis für dessen Entstehung gezahlt – aber der Erfolg scheint ihm und dem amerikanischen Traum Recht zu geben. Dreißig Jahre später sieht die Sache jedoch anders aus. Den Erfolg seines Erstlings hat er nie wiederholen können. Stattdessen ist er trotz acht weiterer Buchveröffentlichungen als Autor weitestgehend vergessen und stirbt als zweifach geschiedener, verarmter Alkoholiker und Kettenraucher, der zuletzt weder von seinen Kollegen noch von seinen Schreibstudenten ernst genommen wurde. Die bittere Pointe: Jahre nach seinem Tod wird er von der Literaturwelt in großem Stil wiederentdeckt und gehört heute fest zum Kanon der amerikanischen Nachkriegsliteratur. Klingt wie ein Roman von Richard Yates? Ist aber sein Leben.

Wenn es ein Thema gibt, das sich durch alle Romane und Erzählungen von Richard Yates zieht, dann ist es das Scheitern. Wie kein Zweiter sezierte er die Lebenslügen seiner Figuren, ihr Scheitern am amerikanischen Traum und den eigenen Ansprüchen – und zwar so präzise beobachtet und gnadenlos, dass es zuweilen an Spott grenzte. Man muss kein Experte sein, um zu ahnen, dass Yates dabei stets auch das Scheitern seines eigenen Lebensentwurfs, seine regelmäßigen Abstürze in Sucht und Depression literarisch verarbeitete. Spuren seiner Biografie lassen sich in all seinen Texten nachweisen, am klarsten jedoch im Roman Ruhestörung, zu dem Yates einerseits seine frustrierenden Erfahrungen in Hollywood, in erster Linie aber sein Alkoholismus und der Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt inspirierten. Aber nicht nur Wiedergänger von Yates selbst tauchen in seinen Texten auf: Neben einigen anderen Personen aus seinem Leben dient besonders seine Mutter immer wieder als (zumeist unvorteilhaftes) Vorbild vieler Frauenfiguren. Obwohl Rainer Moritz anhand etlicher Textstellen die Parallelen zwischen Leben und Werk aufschlüsselt, würdigt er in seiner Biografie mit dem allzu passenden Titel aber auch die künstlerische Leistung von Yates, indem er dessen Arbeiten durchaus kritisch einordnet und dabei vor allem die Romane Zeiten des Aufruhrs und Easter Parade als Meisterwerke hervorhebt.

Literarisch ist Yates für mich in vielen Punkten ein Vorbild, umso bitterer lasen sich natürlich die Abschnitte in seiner Biografie, die sich seinen letzten Jahren als krankem, gescheitertem Autor widmen. Heute ist Richard Yates den meisten Lesern ein Begriff, tatsächlich ist zu seinen Lebzeiten aber nur ein einziger Roman, sein Debüt, ins Deutsche übersetzt worden – und zwar in der DDR. Als Leser ist der posthume Ruhm von Yates für mich insofern ein Glücksfall, als Autor empfinde ich ihn dagegen als zutiefst tragisch. Ein schwacher Trost: Es wäre vermutlich eine Pointe ganz nach seinem Geschmack gewesen.

D.T. Max – Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte

Man muss nichts über Richard Yates wissen, um seine Bücher zu lesen. Sie sind zugänglich und abgeschlossen, stehen weitestgehend für sich selbst. Als ich 2009 mit Unendlicher Spaß erstmals etwas von David Foster Wallace las (und mit 2009 meine ich: über das ganze Jahr verteilt), wusste ich fast nichts über ihn: Klar, er galt als Genie, als schwieriger und kluger, zugleich aber auch unterhaltsamer Autor. Und er hatte sich aufgrund seiner Depressionen erhängt. Kaum mehr als Basiswissen also, trotzdem war die Lektüre seines Mammutromans eine meiner bis heute intensivsten, herausfordendsten und lehrreichsten Leseerfahrungen überhaupt. Nie wieder war ein Roman für mich zugleich so traurig und witzig, so brillant und albern, so anstrengend und belohnend wie Unendlicher Spaß. Und nie wieder war ich so froh, ein Buch endlich, endlich zu Ende gelesen zu haben.

Bis ich die Wallace-Biografie von D.T. Max las. Plötzlich reizt es mich wieder, mir die knapp 1.600 Seiten tatsächlich noch einmal vorzunehmen – und zwar mit dem Wissen um die unzähligen autobiografischen Bezüge und Schlüsselfiguren, die David Foster Wallace in Unendlicher Spaß einbaute, dem Wissen um seine Kranken- und Suchtgeschichte, dem Wissen um den lebenslangen Kampf gegen seine Dämonen, den er 2005 schließlich aufgab. Nach der Lektüre seiner Biografie wird es ein anderer, wahrscheinlich sogar noch besserer Roman für mich sein. Allerdings ist Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte keine trockene literaturwissenschaftliche Textanalyse; D.T. Max gelingt es mit viel Empathie, dem Leser David Foster Wallace auch als Menschen näherzubringen, ohne dabei ins Voyeuristische abzudriften. Seine Biografie ist selbst für jene nachvollziehbar und lesenswert, die noch nie ein Buch von Wallace in der Hand hatten – und ein guter Anreiz, das bald zu ändern.

Mark Oliver Everett – Things the grandchildren should know

Zum Abschluss ein Happy End: Zehn Jahre nach Erscheinen seiner Autobiografie ist Mark Oliver Everett alias „E“ noch am Leben, das zwölfte Eels-Album The Deconstruction ist gerade erst erschienen. Auch heute schreibt er noch Songs über die Höhen und Tiefen seines Lebens – nur sind sie, seit die Tiefen in seinem Leben nicht mehr ganz so tief sind, inzwischen ein bisschen flacher geworden. In den Neunzigern war das noch anders: Alben wie Electro-Shock Blues waren lyrisch ein Schlag in die Magengrube, verhandelten mal resigniert und bitter, mal mit lakonischem Humor die gehäuften Schicksalsschläge in Everetts Leben. Er war es, der mit 19 seinen Vater tot auffand – einen genialen, aber verkannten Physiker, der sich verbittert von seiner Familie entfremdet hatte. Später nahm sich Marks Schwester, die schon früh unter einer psychischen Erkrankung litt, das Leben, kurz darauf verlor er auch seine Mutter an Krebs. Seine Cousine? Saß im Flugzeug, das am 11. September 2001 ins Pentagon flog. Und das waren nur die größten Katastrophen in Mark Oliver Everetts leidgeprüftem Leben. In Things the grandchildren should know schreibt er mit der aus seinen Texten gewohnten Lakonik unterhaltsam, aber auch schmerzhaft offen über die Jahre voller Trauer und Depression – und darüber, wie ihm die Musik das Leben rettete. Diese Dringlichkeit hört man den ersten sechs Alben der Eels – von Beautiful Freak bis hin zu Blinking Lights and other Revelations – jederzeit an. Nach seiner Autobiografie (und dem gleichnamigen Song) scheint E allerdings seinen Frieden mit dem Leben gemacht zu haben, die Intensität seiner früheren Texte hat er seither nie wieder erreicht. Vielleicht stimmt es in manchen Fällen ja doch: dass Künstler leiden müssen, um echte Meisterwerke zu schaffen. Dem Mann namens E sei sein Happy End – mit allen gewöhnlichen Höhen und Tiefen – jedenfalls gegönnt. Es ist nämlich alles andere als selbstverständlich.


Rainer Moritz: Der fatale Glaube an das Glück. Erschienen bei DVA, 208 Seiten. // D.T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten. Linktipps: Ein Interview mit D.T. Max sowie sein Essay über Wallaces letzten Tage. // Mark Oliver Everett: Things the grandchildren should know. Erschienen bei Little, Brown, 246 Seiten sowie als Glückstage in der Hölle in deutscher Übersetzung von Hannes Meyer bei Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten.

Florian Wacker im Gespräch über seinen Roman „Stromland“

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Vor Kurzem habe ich in einer sehr begeisterten Rezension Florian Wackers Roman „Stromland“ besprochen. Umso mehr freue ich mich nun darüber, dass sich der Autor die Zeit genommen hat, mit mir über das Buch, die umfangreiche Recherche und sein Schreiben zu sprechen.


Du hast dreieinhalb Jahre an „Stromland“ gearbeitet und drei Fassungen mit insgesamt über 700 Seiten geschrieben. Deine Erzählung „Gold“, die wir 2016 in ]trash[pool veröffentlichen durften, ist zumindest thematisch mit dem Roman verwandt. War „Stromland“ ursprünglich noch breiter angelegt oder ist die Verbindung zwischen beiden Texten bloß Zufall? Inwieweit hat sich der Roman über die unterschiedlichen Fassungen verändert?

Die Erzählung „Gold“ ist ein Nebenfluss der Romans, für sich stehend, aber aus dem Kosmos des Romans hervorgegangen. Die Verbindung ist also kein Zufall, wenn auch die Erzählung von den Figuren und der Erzählweise keine Berührungspunkte mit dem Roman hat, es ist keine gestrichene Episode o.Ä. Natürlich hat sich „Stromland“ über die verschiedenen Fassungen hinweg massiv verändert; zu Beginn hatte ich eine ganz andere Grundsituation, die starken Plotelemente der „Suche“ und der „Zwillings-Geschwister“ kamen erst im Laufe der Zeit dazu. Es hat sich zusammengefügt wie ein Puzzle, nach und nach wurde immer mehr von der Geschichte und ihrem Personal deutlich, das eine hat sich dann fast zwangsläufig aus dem anderen heraus ergeben.

In deinem Journal sprichst du auch von „radikalen Abbrüchen“ – gab es Momente, in denen kurz davor warst, die Arbeit am Roman aufzugeben?

Ich glaube, diese Situation kennt jeder Autor: Man sitzt monatelang, jahrelang an einem Text und verliert über die Zeit den klaren Blick, die Übersicht, steigt immer tiefer hinunter ins Bergwerk der Geschichte, macht neue Entdeckungen, findet verschüttetete Gänge, immer mit der Gefahr, nie wieder nach oben zu kommen. Will sagen: Ich habe immer wieder diese Punkte erreicht, an denen ich ratlos und mutlos vor dem Text stand und nicht weiter wusste. Da ist dann ein guter Agent / Lektor Gold wert. Mein Agent Sebastian Richter hat mir in langen Gesprächen immer wieder durch diese Phasen geholfen, er hatte den klaren Blick von Außen und ich bin sehr glücklich über unsere sehr enge Zusammenarbeit.

Obwohl „Stromland“ an keiner Stelle überfrachtet wirkt, merkt man beim Lesen, wie akribisch du für den Roman recherchiert hast. Aus welchen Quellen hast du am meisten für deine Arbeit schöpfen können?

Ich habe die Recherche auf zweierlei Arten betrieben: faktisch und fiktiv. Ich habe mich natürlich sehr ausführlich mit den Fakten beschäftigt, also mit der Geschichte des südamerikanischen Kontinents, den Eroberungen und den Folgen davon, mit Ethnographie, Geografie, habe Tagebücher von Reisenden gelesen, Bücher über Flora und Fauna; viel geht ja auch mittlerweile über die einschlägigen Kanäle im Netz, also über YouTube, über Google Maps, Wikipedia, es gibt Portale über den Amazonaswald, Portale zur Geschichte der Auswandung nach Brasilien usw. Und auf der anderen Seite habe ich mich dem Thema fiktiv genähert, d.h. durch Romane von Vargas Llosa, von Döblin und zeitgenössischen Autoren wie z.B. Hernán Ronsino. Alfred Döblin hat einen großen, aber etwas vergessenen Roman über den Amazonas geschrieben, heillos überfrachtet, aber auch ungemein inspirierend. Ich recherchiere mittlerweile immer auf diese beiden Arten.

Besonders begeistert haben mich ja die vielen detailreichen und lebhaften Beschreibungen der Schauplätze, allen voran des peruanischen Regenwalds. Bist du selbst bereits durch Südamerika gereist?

Nein, ich war noch nie dort. Ich verhalte mich da ein bisschen wie Karl May (nur ohne die Hochstapelei) und schöpfe alle Details, alle atmosphärischen Beschreibungen aus dem, was ich lese, höre und sehe (Bücher, Filme). Und sicher gehört dann auch etwas schriftstellerisches Geschick dazu, das alles möglichst authentisch zu erzählen. Ich habe mir natürlich während des Schreibens immer wieder die Frage der Authentizität gestellt, aber für mich schnell herausgefunden, dass es mir nicht darum geht, im Sinne einer Reportage eine Wahrheit zu zeigen, sondern im Sinne des Romans, d.h. eine fiktive, spekulative Wahrheit; eine Wahrheit, die sich aus der Geschichte und nicht aus dem Nachweis von Authentizität speist.

Du spannst in „Stromland“ einen großen Bogen über mehrere Jahrhunderte, in denen Menschen in den Regenwald kamen, um dort ihr Glück zu suchen – und dabei oft bloß ihr Verderben fanden. Die ungebändigte Natur scheint eine große Faszination, fast eine Sehnsucht auszulösen, weckt zugleich aber immer auch die Gier der Menschen. Die Suche nach dem Paradies führt sie geradewegs in die Hölle. Was hat dich an diesem Thema so fasziniert?

Es sind sicher die Themen, die Du oben ansprichst, also die Sehnsucht nach dem Fremden, nach dem Unentdeckten und gleichzeitig der Angst davor. Im Roman spielt der Fluss eine große Rolle, auf dem Irina und Hilmar immer tiefer in den Wald hineingeraten und immer tiefer in eine verstörende, lebendig übersteigerte Welt. Diese Suchbewegungen faszinieren mich, die verschlungenen Wege, die ein Lebenslauf nehmen kann und die oftmals weit über das hinausgehen, was wir uns vorstellen, was wir erwarten oder uns wünschen. Und mich interessieren auch immer wieder die Bewegungen aus der Vergangenheit heraus in die Gegenwart, also die Zusammenhänge von dem, was war und was gerade ist, denn wir alle werden ja geprägt davon, wir sind keine „leeren Blätter“.

Vor „Stromland“ hast du bereits einen Erzählband und einen Jugendroman veröffentlicht und mit Wolfserwartungsland jüngst auch ein Theaterstück geschrieben. So unterschiedlich all diese Texte auch sind – gibt es etwas, das sie miteinander verbindet? Oder grundsätzliche Themen, mit denen du dich als Autor auseinandersetzt?

Es sind die oben bereits genannten Suchbewegungen, die sich im Erzählband und auch im Jugendbuch wiederfinden, in anderen Zusammenhängen. Aber oft sind meine Charaktere auf der Suche, machen sich auf den Weg, brechen aus, verlassen vorgegebene Pfade. Manchmal verirren sie sich dann, manchmal finden sie wieder zurück. Als Autor muss mir ein Thema im Sinne einer Geschichte zufallen. Ich schaue nicht: Was ist gerade aktuell, welches Thema kannst du bearbeiten. Die Aktualität der Texte ergibt sich meist von selbst, während des Schreibens. Aber natürlich beschäftigen mich über das Schreiben hinaus die Themen unserer Zeit: Das gehetzte, künstliche Leben im Spätkapitalismus, die großen Migrationsbewegungen, die Umweltzerstörungen.

Worum geht es in dem Stück „Wolfserwartungsland“?

„Wolfserwartungsland“ spielt in einer verlassenen Gegend in einem Hotel. Die Menschen dort haben die Hoffnung auf ein besseres Leben schon aufgeben, haben sich eingerichtet, träumen von einer hellen Dachgeschosswohnung, verharren aber im Hier und Jetzt. Dann kommen zwei Personen von Außen: Ein Jäger und die Figur „Wolf“, ein Banker, und bringen das Gefüge ins Wanken, reißen alte Wunden auf, wecken Sehnsüchte. Der Begriff „Wolfserwartungsland“ ist ein Begriff aus der Fortwirtschaft und bezeichnet ein Gebiet, das für die Wiederansiedlung des Wolfes optimale Bedingungen bietet.

Welche Autoren und Bücher haben dich als Autor am meisten geprägt und inspiriert?

Oh, da gibt es sehr viele, und es ist auch immer abhängig von der jeweiligen Lebensphase gewesen, welche Autoren mich inspiriert haben. Zu Beginn meiner Lesekarriere waren das sicher Karl May oder James F. Cooper („Lederstrumpf“-Romane), später dann Samuel Beckett, Alfred Döblin, auch einige Romane von Christian Kracht. Dauergäste bei mir sind auf jeden Fall William Faulkner, John Cheever, D.F. Wallace. Ich lese breit, zeitgenössische Autoren (zuletzt toll: Colson Whitehead, Sabrina Janesch), Klassiker (Dostojewskji), im Moment zur Vorbereitung auf den nächsten Roman viel über Fahrten in die Arktis (Stan Nadolny, Roald Amundsen, Mirko Bonné).

Lieber Florian, ich danke dir für das Gespräch!


Florian Wacker: Stromland. Erschienen im Berlin Verlag, 352 Seiten. Zu meiner ausführlichen Besprechung des Romans geht es hier entlang.