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Von der Recherche als Fundament poetologischer Freiheiten: Interview mit Ilija Trojanow (2013)

Vor einigtrashpool4-coveren Wochen habe ich einen alten Schatz aus dem Archiv unserer Zeitschrift gehoben und hier ein Gespräch mit Ulrich Blumenbach über David Foster Wallace online gestellt. In der vierten Ausgabe von ]trash[pool hat unsere Redakteurin Ulrike Schiefelbein ein ähnlich ausführliches Interview mit dem Autor Ilija Trojanow (u.a. „Der Weltensammler“) führen dürfen, das ebenfalls viel zu schön geworden ist, um es im Archiv versauern zu lassen. Mit dem mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller sprach sie im Januar 2013 vor allem über die immense Bedeutung von Recherche für sein Schreiben und globale Literatur.


Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite an meinem Opus Magnum mit dem Arbeitstitel „Macht und Widerstand“. Es geht um zwei exemplarische Geschichten über einen Apparatschik und einen Widerstandskämpfer – und das anhand 50 Jahre bulgarischer Geschichte.

Und was liest du zur Zeit?

Ich habe gerade bei der afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt ein Gespräch moderiert und die Bücher der Autoren gelesen. Einer der Autoren ist Helo Habila aus Nigeria, der merkwürdigerweise den Deutschen Krimipreis gewonnen hat, was insofern interessant ist, weil inzwischen ja alles Krimi sein muss. Krimi ist das Genre unserer Zeit. Entweder versuchen alle Krimis zu schreiben oder selbst diejenigen, die keine Krimis schreiben, werden in der Rezeption dann einfach als Krimi-Autoren tituliert.

Bevor du vor allem als Romancier bekannt wurdest, hast Anfang der 90er Jahre afrikanische Literatur verlegt. Jüngst kritisiertest du in der Süddeutschen Zeitung, dass afrikanische Literatur im Literaturbetrieb nach wie vor marginalisiert werde. Es hat sich demnach nichts verändert?

Grundsätzlich ist es so, dass fremde Literatur bei uns wahrgenommen und rezepiert wird, wenn sie möglichst wenig fremd ist. Das heißt, dass eigentlich das, was Literatur leisten könnte – nämlich uns das Unbekannte näher zu bringen, uns dadurch mit uns selbst zu konfrontieren, uns zu irritieren und zu provozieren –, eigentlich nicht angenommen wird. Je abwegiger, je sperriger, auch kulturell sperriger ein Roman ist, desto weniger wird er weitergegeben. In dem Sinne hat sich nichts Wesentliches verändert.

Könntest du dich den Lesenden von ]trash[pool kurz vorstellen? Kannst du deinen Stil umreißen – oder geht das grundsätzlich nicht?

Mein Stil ist, dass ich keinen Stil habe. Ganz grob gesagt gibt es zwei Arten von Autoren. Jene, die an einer Stelle bohren, und jene, die immer mal wieder woanders Bohrungen machen. Jene, die wie an Thomas Bernhard an einer Stelle bohren, haben irgendwann einen ganz eigenen Stil entwickelt und diesen vertiefen sie. Es kommen kleinere Variationen, kleine Drehungen vor, aber im Großen und Ganzen ist die Welt, die sie beschreiben, das Vokabular, das sie benutzen, sind die Figuren, die sie vorstellen, doch sehr ähnlich. Die literarische Stärke entsteht dann durch die Verdichtung. Und natürlich auch durch eine gewisse Geläufigkeit für den Leser, der mit dieser Welt, mit diesem Stil, eine Vertrautheit herstellt, die angenehm ist. Es gibt viele Leser, die das sehr mögen, wenn sie den Sound eines Autors immer wiedererkennen. Bei mir ist es so, dass ich den Stil, den Sound je nach Thema, nach Konstruktion und Handlung anpasse, verändere. Deshalb ist der Stil zwischen „Die Welt ist groß“, „Weltensammler“ und „Eistau“ extrem unterschiedlich.

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Kein #Neuland in Sicht? Über Literaturblogs und (fehlende) Innovationen in der Verlagswelt

Es gibt einen guten Grund, warum ich als Autor meine Homepage aufgegeben habe, um stattdessen einen Blog zu führen: Es ist, wie ich glaube, die logische Konsequenz angesichts einer Literaturwelt im Umbruch. Die Art und Weise, wie Literatur wahrgenommen und sichtbar gemacht wird, hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert und den Weg für Innovationen bereitet. Etablierte Verlage müssen endlich angemessenere, bessere Antworten auf das finden, was Frau Merkel unlängst etwas unglücklich als Neuland bezeichnete.

Blogs machen dem Feuilleton die Deutungshoheit streitig

Längst kann das klassische Feuilleton nicht mehr die alleinige Deutungshoheit über Bücher und Autoren für sich beanspruchen; Rezensionen in Blogs oder Leserunden auf Plattformen wie Lovelybooks spielen eine immer wichtigere Rolle in der Rezeption von Literatur. Sie ermöglichen nicht nur einen ganz neuen Dialog zwischen Autor und Leser, sondern bilden dank der Vernetzung engagierter Buchliebhaber (bspw. We read Indie) auch ein Gegengewicht zu einer Verlagswelt, die sich teils im Programm, vor allem aber im Marketing bloß noch auf sichere Blockbuster verlässt. In der Masse fehlt inzwischen immer öfter die Klasse: Die inflationären Promi-Biografien etwa sind das literarische Äquivalent zu Katzenvideos auf Youtube. In den Blogs entscheiden (bestenfalls) aber weder Werbeetats noch Programmschwerpunkte, welche Bücher besprochen werden – eine große Chance für Indie-Verlage und ihre Autoren: Da stehen Blockbuster neben Nischentiteln, Klassiker neben Newcomern, Selfpublisher neben Starautoren. Sicher gibt es auch Beeinflussungen seitens der Verlage; jeder Blogger kämpft schließlich um das knappe Gut Aufmerksamkeit und die Chance, aus der Masse an Gleichgesinnten herauszustechen. Das ändert dennoch nichts daran, dass ihre Stimmen ernst genommen werden. Und zwar zurecht: Ich bin bereits in meiner ersten Woche auf WordPress auf so viele interessante Blogs (und Bücher!) gestoßen, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher komme – und dabei habe ich wahrscheinlich gerade mal die Spitze des Eisbergs freigelegt [Anm.: Es steht jedem Leser frei, hier seine eigene Titanic-Analogie einzufügen; ich habe mir meine eigene gerade so verkneifen können.]. Wie ernst Verlage diese neuen Stimmen nehmen, zeigt sich nicht nur durch ihre große Bereitschaft zur Kooperation, sondern auch am aktuellen Trend zum verlagseigenen Blog – S. Fischer oder Suhrkamp seien hier nur als Beispiele genannt. (mehr …)