Rezensionen

Implosion. Über „Traumrakete“ von Ruth Cerha

Traumrakete - Ruth CerhaJede Nacht wird der depressive Musiklehrer Dave von Albträumen geplagt, auch die Tage sind kaum besser: Seine Ehe steckt in einer Krise und sein ältester Sohn droht von der Schule zu fliegen. Als Dave seinen rätselhaften Albträumen auf den Grund geht, führt ihn die Spurensuche von Wien zu seinem Geburtsort New York – und in die Vergangenheit seiner Familie.

Die Entfremdung eines Ehepaares in den mittleren Jahren, ein Generationenkonflikt und dazwischen die Kinder mit ihren Problemen, allen voran die der Jungs, die sich in virtuellen Parallelwelten verlieren – in seiner Anlage erinnert Ruth Cerhas Traumrakete zunächst ein wenig an Jonathan Safran Foers Scheidungsroman Hier bin ich. Während der Amerikaner aber gleich einen ganzen Nahostkrieg braucht, um die Krise seiner Figuren bis zum Äußersten, bis zur Explosion zu treiben, lässt Cerha das Leben ihres Protagonisten Dave dagegen vielmehr implodieren – und richtet ihren Fokus dabei ganz auf sein Innnerstes.

Oberflächlich betrachtet sind Daves Probleme eigentlich überschaubar. Seit er in Therapie ist, hat er seine Depressionen einigermaßen im Griff. Auch sonst könnten die Dinge durchaus schlechter stehen. Natürlich könnte die Ehe zu Ärztin Janet glücklicher, könnten die Kinder besser in der Schule, könnte Dave zufriedener im Beruf sein. Die gesundheitlichen Probleme seines Vaters sind zwar eine Belastung, so zerstritten, wie beide sind, aber auch nichts, was Dave um den Schlaf bringen würde. Was ihn wirklich um den Schlaf bringt, sind die ständigen Albträume. Jede Nacht plagen ihn wiederkehrende Fantasien von Flucht und Verfolgung, von Begräbnissen oder von einer rätselhaften Frau im Trenchcoat. Gemeinsam mit Morrison, seinem Therapeuten, versucht Dave, seinem Unterbewusstsein auf den Grund zu gehen, in Eigenregie übt er sich später auch in luzidem Träumen, um Kontrolle über seine Fantasien zu erlangen. Je intensiver sich Dave mit sich selbst beschäftigt, desto mehr gleiten ihm die Dinge im realen Leben jedoch aus den Händen. Seine Depressionen werden wieder stärker, auch die Probleme in der Ehe treten immer deutlicher zutage – ausgerechnet jetzt, sollte man meinen. Aber dass Dave zwar einerseits als Identifikationsfigur funktioniert, zugleich aber auch glaubwürdig von Janet infrage gestellt wird, ist eine der großen Stärken des Romans. Denn obwohl man Daves Sorgen und Ängste, seine Midlife Crisis, seine Probleme mit Janet verstehen kann – ein Opfer ist er nicht. Stattdessen kreist er so sehr um sich selbst, dass er zunehmend den Blick für die Nöte anderer, speziell die seiner Frau verliert. Daves Selbstbezogenheit ist einerseits Symptom seiner Krankheit, andererseits aber auch kein ganz unwesentlicher Grund für ihre Beziehungskrise.

Allein zu seinem jüngsten Sohn Nobbs hat Dave noch einen guten Draht, zumal sich auch Nobbs intensiv mit seinen Träumen auseinandersetzt. In ihnen will er dem Raumfahrer Ben dabei helfen, seine Rakete zu reparieren. Vergeblich allerdings: Ben hat den Kontakt zu seinem Heimatplaneten verloren und ist ganz auf sich allein gestellt, helfen kann ihm niemand außer er selbst. Als Ben aus Nobbs Träumen verschwindet, ist auch Dave am Tiefpunkt angelangt. Besessen von den unterbewussten Geheimnissen, die er in seinen Albträumen vermutet, fügt er Nacht für Nacht das Puzzle weiter zusammen und stößt dabei auf eine Spur, die ihn direkt nach New York führt – jene Stadt, in der er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, ehe seine Eltern mit ihm nach Wien auswanderten. Dave sieht keinen anderen Weg, als dorthin zu fliegen und herauszufinden, was ihn tief im Inneren so belastet. In New York stößt Dave allerdings nicht nur auf ein lange gehütetes Familiengeheimnis, sondern findet auch ein Stück weit zu sich selbst zurück – indem er sich treiben lässt und seine Wahrnehmung, die in Wien noch hauptsächlich von Introspektion geprägt war, endlich wieder nach außen richtet. Nach seiner Heimkehr muss Dave allerdings feststellen, dass er manche Zeichen womöglich zu spät erkannt hat.

Während Thema und Figurenkonstellation wie anfangs erwähnt stellenweise an Jonathan Safran Foers Hier bin ich erinnern, ist Traumrakete trotz des ähnlichen Ausgangs ein viel intimerer, auch bodenständigerer Familienroman. Besonders die Figuren sind Ruth Cerha so glaubwürdig und dreidimensional gelungen, dass man sich nicht selten an Autoren wie Jonathan Franzen erinnert fühlt. Gerade weil man sich mit den Charakteren so identifiziert und das reale Geschehen mit Spannung verfolgt, können die häufigen und langen Traumsequenzen aber auch anstrengen, mitunter sogar nerven. Für einen psychologischen Roman wirken die Versatzstücke aus Daves Unterbewusstsein oft zu konstruiert und gewollt; weniger und dafür pointiertere Traumszenen hätten sicher eine größere Wirkung entfaltet. Am meisten überzeugt der Roman deshalb dort, wo Ruth Cerha ihre Stärken ausspielt: beim präzisen Beobachten ihrer Figuren und Schauplätze – allen voran in New York, das die Österreicherin so lebendig beschreibt, dass man Dave bei seinen Wanderungen durch die Stadt nicht nur auf Schritt und Tritt, sondern gerne auch Seite für Seite folgt, ohne je müde zu werden. Darum fällt es dann auch nicht allzu sehr ins Gewicht, dass man die Traumsequenzen dagegen – wie im echten Leben auch – zumeist eher flüchtig in Erinnerung behält.


Ruth Cerha: Traumrakete. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 S. Eine sehr gelungene Besprechung zum Roman hat Isabella Caldart auch auf ihrem Blog novellieren.com veröffentlicht.

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Appell zur Geistesgegenwart. Über Roger Willemsens „Wer wir waren“

Wer wir waren - Roger WillemsenEhe er starb, wollte Roger Willemsen unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft beleuchten. Seine Zukunftsrede ist deshalb zu seinem Vermächtnis geworden: eine scharfsinnige und weitsichtige Analyse unserer Zeit.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Hoffnungsvolle Utopien sind längst aus der Mode gekommen, haben Platz gemacht für Weltuntergangsszenarien und Kulturpessimismus. Anscheinend haben uns Trump, Brexit und eine AfD im Bundestag das letzte bisschen Optimismus ausgetrieben. Die jüngste große Zukunftsvision? Ein Reinfall mit böser Pointe: Hofften wir vor ein paar Jahren noch auf soziale Medien als Chance für die Demokratie, sehen wir nun hilflos dabei zu, wie ihnen stattdessen die Wahrheit zum Opfer fällt und sie ausgerechnet einem neuen Nationalismus Vorschub leisten. Aber auf eine Gewissheit ist Verlass: Früher war alles besser, schon immer.

„Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten.“

Vielleicht ist es genau dieser leicht spöttische, unaufgeregte Ton, der uns in dieser an vergifteten Debatten und Dauerkrisen übersättigten Zeit am meisten fehlt. Einer wie Roger Willemsen hätte uns mit seiner Klugheit und Geistesgegenwart ein wenig Orientierung geben können und dabei geholfen, die Themen unserer Gegenwart besser einzuordnen. Willemsen war einerseits ein intellektueller und präziser Beobachter der Gesellschaft, wurde im gleichen Maße aber auch für seine Neugier, seine Offenheit, seinen Witz geschätzt. Er konnte sich vortrefflich über die Welt und die Zeit, in der wir leben, amüsieren, war bei aller Ironie aber nie überheblich oder belehrend, sondern immer auch ein überzeugter Moralist und Menschenfreund.

Sein letztes Buch sollte Wer wir waren heißen und unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft betrachten – einer Zukunft, die der Autor selbst nicht mehr erleben durfte. Roger Willemsen starb 2016 an Krebs, das Buch hat er vor seinem Tod nicht mehr schreiben können. In seinen letzten Reden vor der Erkrankung jedoch hat Willemsen einige der zentralen Gedanken bereits vorgestellt. Die „Zukunftsrede“ aus dem Juli 2015, auf der dieses letzte Buch nun basiert, ist deshalb zu einem vielleicht nicht beabsichtigten, aber nicht unpassenden Vermächtnis geworden.

Wer wir waren ist ein melancholischer Blick auf die Flüchtigkeit unserer Gegenwart, die dank virtueller Nebenschauplätze immer zersplitterter, immer beschleunigter, immer simulierter wird. Wir leben im Zeitalter der ständigen Ablenkung und verlieren unseren Fokus im medialen Grundrauschen, sind trotz permanenter Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken immer seltener tatsächlich anwesend. Viele der Themen und Phänomene, die drei Jahre nach seiner Rede unseren Alltag prägen, nimmt Willemsen bereits mit Scharfsinn und Weitsicht vorweg:

„Jedes Jahr dämmert ein neues Jahr 1984 und dann ein neues Jahr 2000, eine neuere Zukunftsformel haben wir noch nicht. Wir werden diese Zukunft aber auch daran erkennen, dass die Grenzen zwischen dem Original und der Simulation immer stärker verschwimmen.“

Trotz Willemsens kritischer Analyse unserer digitalen Welt ist Wer wir waren alles andere als ein kulturpessimistisches Pamphlet, sondern vielmehr ein Appell zu Aufmerksamkeit und Fokus, ein Appell dazu, innezuhalten und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Vor allem eines wird nach der Lektüre seiner „Zukunftsrede“ deutlich: Vielleicht war früher nicht alles besser, die Welt aber ist ohne Roger Willemsens Scharfsinn und seinen Witz auf jeden Fall ein wenig ärmer.


Roger Willemsen: Wer wir waren. Erschienen bei S. Fischer sowie als Lizenzausgabe im aktuellen Programm der Büchergilde, 64 Seiten. Diese Besprechung erschien erstmals im Magazin der Büchergilde in Ausgabe 3/18 – hier entlang zum kostenlosen Download!

Drei Bücher von… Hanser

3 Bücher... von HanserSinn und Zweck dieser Rubrik ist ja eigentlich, drei Bücher vorzustellen, die, so unterschiedlich sie vielleicht auch sein mögen, ein bestimmtes Thema miteinander verbindet. Dieser Beitrag ist nun die Ausnahme zur Bestätigung der Regel. Die folgenden Bücher haben nämlich kaum Gemeinsamkeiten – außer dass sie in den Hanser Literaturverlagen erschienen sind. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach gut. Es gibt sie nämlich noch, die Verlage, denen man als Leser mit einem gewissen Grundvertrauen begegnen kann, Verlage, die trotz der Vielfalt ihres Programms zumeist ein klares Profil haben und die sich nicht nur als Wirtschaftsunternehmen, sondern auch als Kuratoren, als Literaturvermittler verstehen. Eben Verlage wie Suhrkamp, wie die Frankfurter Verlagsanstalt, wie: Hanser.

Natürlich spielt da als Leser neben dem Literaturgeschmack ein Stück weit auch Sympathie eine Rolle, vor allem für diejenigen, die dem Verlag ein Gesicht geben. Im Fall von Hanser muss man dazu zwar nicht unbedingt die kuriosen und manchmal wahnsinnig komischen Alltagsskizzen des Verlegers Jo Lendle auf Facebook verfolgen. Aber es hilft. Und wer – Fun Fact – schon mal ein Pixi geschrieben hat, kann ohnehin kein schlechter Mensch sein. Auch Lektor Florian Kessler ist jemand, dem man die Leidenschaft für Literatur, aber auch seine Haltung jederzeit abkauft, egal, ob er als Helfer vor Ort über die Zustände in einem griechischen Flüchtlingslager schreibt oder ganz unprätentiös Thekendienst beim Prosanova-Festival schiebt. Es sind eben nicht nur die Bücher, die einen Verlag ausmachen, sondern genauso die Menschen, die sich für sie stark machen – angefangen bei der Presse-Betreuung durch liebgewonnene Menschen wie Frauke Vollmer, die uns Bloggern stets mit Respekt und Freundschaft begegnet. Aber am Ende ist ein Verlag natürlich trotzdem nur so gut wie seine Bücher – und um die soll es nun auch gehen.

Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

Auf der Suche nach einem süffigen Buch für den Strand, einer leichten, lebensfrohen Urlaubslektüre? Dann gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Anja Kampmanns Prosadebüt ist womöglich der schwermütigste Roman, den ich seit Rolf Lapperts großartigem Über den Winter (ebenfalls Hanser) gelesen habe. Ein Buch, das sich Zeit lässt, das träge und schwer dahinfließt wie das Öl, das Protagonist Waclaw auf Bohrinseln fördert, bis sein bester Freund im Meer ertrinkt. Und das genauso wertvoll ist. Nach dem Tod von Mátyás reist Waclaw zunächst mit dessen letzten Habseligkeiten, später dann mit einer Brieftaube durch halb Europa und nimmt dabei nicht nur Abschied von seinem Freund, sondern auch von einem Leben, das ihn über viele Jahre hart und illusionslos werden ließ. Nach Stationen ihrer früheren Landgänge sucht Waclaw schließlich Anknüpfungspunkte an seine Vergangenheit im Ruhrpott und die Menschen, die er dort einst zurückließ – allen voran Milena, die Liebe seines Lebens.

Vor ihrem ersten Roman hat sich Anja Kampmann in erster Linie als Lyrikerin einen Namen gemacht, dementsprechend lebt Wie hoch die Wasser steigen vor allem von seiner Sprache und der dichten, schwermütigen Atmosphäre. Ein Pageturner, ein Buch zum-einfach-Weglesen ist Kampmanns Roman nicht: Ich habe länger als sonst für die Lektüre gebraucht, musste immer wieder innehalten, um Stellen laut zu lesen, gelegentlich sogar Pausen einlegen. Die Tristesse und das langsame Erzähltempo sind nichts für zwischendurch, der Roman braucht Konzentration und manchmal auch den Willen, sich auf seine Melancholie einzulassen – umso größer wird dann aber der Sog, wenn man sich von der Stimmung erst anstecken lässt. Keine leichte Lektüre also, literarisch aber in jedem Fall ein Schwergewicht.

Leander Steinkopf – Stadt der Feen und Wünsche

Während Kampmanns Waclaw haltlos durch halb Europa reist, treibt es den Ich-Erzähler aus Leander Steinkopfs langer Erzählung Stadt der Feen und Wünsche bloß kreuz und quer durch Berlin. Weil er es mit sich alleine in der Wohnung nicht aushalten kann, seine eigene Gegenwart nicht erträgt, spaziert er drei Tage lang als Flaneur die Kieze ab und beobachtet weitestgehend teilnahmslos das Treiben der Menschen. Anders als Waclaw hat er keinen Verlust zu verarbeiten. Denn: Da war nie was. Da ist nur Leere. Er lebt ohne Sinn in den Tag hinein, ohne Aufgabe oder Verbindlichkeit. Natürlich gibt es Menschen in seinem Leben, da sind Freunde und zwei Frauen, Judith und Hanna, da ist sein alter Schulfreund Moritz, der ihn aus der Provinz besuchen kommt, da ist die Kellnerin, in die er sich verguckt hat. Aber nichts und niemand füllt – oder fühlt – die Leere in ihm. Das klingt jedoch tragischer als Steinkopfs Erzählung eigentlich ist: Stadt der Feen und Wünsche ist eine amüsante Lektüre, ein Gesellschafts-, Stadt- und Zeitgeistportrait voll kluger Beobachtungen und satirischer Spitzen. Ohne sich in Klischees zu verzetteln, lässt der Autor seine Figur die zuweilen zur Pose verkommenen Eigenheiten Berlins und seiner Bewohner einordnen und kommentieren. Ein Anti-Berlin-Buch ist es deshalb noch lange nicht geworden, im Gegenteil: Vielmehr wollte Steinkopf, wie er im Interview auf novellieren.com erzählte, ein Gefühl einfangen, das er mit Berlin verbindet – irgendwo zwischen süßer Sehnsucht und beschwingter Vergänglichkeit. Und das klingt dann schon fast wieder wie eine Liebeserklärung.

Colson Whitehead – Underground Railroad

Über diesen Roman ist bereits eine Menge geschrieben worden. Und zwar zu Recht. Underground Railroad ist eines dieser seltenen Bücher, denen der Spagat zwischen E und U, der Spagat zwischen gesellschaftspolitischem Gewicht und Spannungsliteratur für ein breites Publikum gelingt. Denn natürlich ist es zunächst einmal eine hollywoodreife Geschichte, wie den Sklaven Cora und Caesar die Flucht von der Baumwollfarm im amerikanischen Georgia gelingt, während ihnen ein Kopfgeldjäger quer durch die USA auf den Fersen bleibt. Und dann ist da natürlich das Alleinstellungsmerkmal, nämlich Colson Whiteheads geniale Idee, das historische Netzwerk Underground Railroad einfach wörtlich zu nehmen und die Figuren mit einem Hauch von erzählerischer Phantastik tatsächlich in unterirdischen Zügen fliehen zu lassen. Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Angesichts eines Rassisten im Oval Office und Ereignissen wie jüngst in Charlottesville wird immer wieder deutlich, wie wenig sich in den Köpfen der Menschen seit dem Ende der Sklaverei getan hat. Noch immer wird in den USA die eigene unrühmliche Geschichte zu wenig thematisiert, noch immer ist Rassismus für viele Menschen Teil des Alltags. Allein das macht Underground Railroad trotz manch erzählerischer Schwäche zu einem wichtigen, weil leider noch immer erschreckend aktuellen Buch.


Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, 352 Seiten. // Leander Steinkopf: Stadt der Feen und Wünsche, 112 Seiten. // Colson Whitehead: Underground Railroad, 352 Seiten. // Ebenfalls in den Hanser Literaturverlagen erschienen und von mir besprochen: Über den Winter von Rolf Lappert, Das Floß der Medusa von Franzobel & Die Terranauten von T.C. Boyle. In Zukunft dürften noch einige Romane dazukommen – gerade erst habe ich mir vorgenommen, anlässlich des Todes von Philip Roth eine klaffende Bildungslücke zu schließen…

Annäherungen an die Vergangenheit

Julia Hoße - In meiner Erinnerung war mehr StreichorchesterZeit ist relativ – und unsere Erinnerung erst recht. In ihrem so persönlichen wie poetischen Graphic Novel In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester verbindet Julia Hoße Momentaufnahmen aus drei Generationen ihrer Familie zu einer visuell beeindruckenden Meditation über Zeit und Vergänglichkeit.

Alles beginnt mit einer Kindheitserinnerung. Julia und ihre Schwester turnen zwischen Nachbildungen von Dinosauriern herum, festgehalten auf einem alten, verrauschten Familienvideo. Doch die ernüchternde Wirklichkeit deckt sich nicht mit den Bildern in Julias Kopf. Die Abenteuerwelt ihrer kindlichen Wahrnehmung sprengt plötzlich den Rahmen der tristen Panels, füllt mit intensiven Farben und starken Kontrasten gleich mehrere Doppelseiten: „In meiner Erinnerung ist mehr Pathos. Und mehr Sättigung. Mehr Streichorchester.“ Dass Julia Hoßes Bildessay über Erinnerung und Vergänglichkeit ausgerechnet in einem Dinosaurierpark beginnt, ist ein mehr als stimmiger Auftakt: Was wir über das Aussehen von Dinosauriern wissen, ist schließlich nichts weiter als eine Annäherung an die Wirklichkeit, der Versuch einer Rekonstruktion auf Basis nackter Knochen. Mit Erinnerungen verhält es sich ganz ähnlich. Trotz ihres wahren Kerns sind sie höchst subjektiv und immer in Bewegung, stets abhängig von unseren Deutungen, Empfindungen und Selbsttäuschungen.

In beinahe hundert Illustrationen, verteilt auf sechs Kapitel, wagt Julia Hoße eine visuelle Annäherung an die Vergangenheit ihrer Familie. In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern bleibt in seinen Episoden meist bruchstückhaft, schwebend. Momentaufnahmen aus der eigenen Kindheit stehen neben Erinnerungen ihrer Mutter – und beide wiederum in starkem Kontrast zu den erschütternden Fluchterfahrungen der Großmutter im Zweiten Weltkrieg. Der Stilmix ist so abwechslungsreich wie kunstvoll: Zeichnungen und gemalte Bilder wechseln einander ab oder fügen sich Collagen gleich zusammen, auf einfache Skizzen und Panels wie im klassischen Comic folgen ganz selbstverständlich eindringliche, großformatige Bilder mit emotionaler Wucht. Die Farbgebung spiegelt dabei stets die Stimmung des Gezeigten wider. Während leichte Szenen oft in hellen Pastelltönen gehalten sind, taucht Hoße die bitteren Momente in kräftige, düstere Farben. Besonders die Flucht ihrer Großmutter wirkt dank ausdrucksstarker Bilder lange nach. Seitenlang sieht man bloß Schemen von Tod und Zerstörung vor düsterem Orange: das Leuchten einer brennenden Stadt in der Nacht.

Nach einer stillen Episode über den Kreislauf von Vergänglichkeit und Neubeginn am Beispiel einer Landschaft wird es zum Abschluss nicht nur philosophisch, sondern auch wissenschaftlich. Mit poetischen Bildern visualisiert Julia Hoße Einsteins Theorie über die Relativität von Zeit. Wie in einer Reprise werden Erinnerungen aus den vorangegangen Kapiteln noch einmal aufgegriffen und miteinander in Verbindung gesetzt: „Das heißt, die Zukunft existiert bereits und unsere Vergangenheit ist noch da. Nichts verschwindet.“ Ein melancholisches, zugleich aber auch tröstliches Ende für diesen kunstvollen und berührenden Bildessay.


Julia Hoße: In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester. Erschienen bei der Büchergilde, 176 Seiten. Das Beitragsbild ist der Verlagsseite entnommen. Viele weitere Eindrücke aus dem Buch findet ihr auf dem Blog von Julie Hoße. Dieser Text wurde erstmals im Magazin 2/18 der Büchergilde veröffentlicht.

Drei Bücher über… Künstlerleid

IMG_0248Dass Künstler leiden müssen, um echte Meisterwerke zu schaffen: Natürlich ist das ein Klischee. Die meisten Künstler wachen morgens nicht neben leeren Flaschen, Tablettenblistern und verworfenen Abschiedsbriefen auf, bevor sie mit dem Blut ihrer aufgeschnittenen Pulsadern für uns ihr Meisterwerk zu Papier bringen. Die meisten stellen sich vermutlich einfach einen Wecker, setzen sich nach dem Frühstück mal mehr, mal weniger inspiriert an die Arbeit und trinken dabei höchstens zu viel schalen Filterkaffee. Die Vorstellung vom leidenden Genie ist deshalb nicht nur ein Klischee, sondern auch eine romantische Verklärung ernster seelischer Erkrankungen. Und doch gibt es sie natürlich, die Künstler, deren Werk untrennbar mit dem eigenen Leben verknüpft ist. Autoren und Musiker, die vielleicht nicht zwingend autobiografisch schreiben, es aber stets mit persönlicher Dringlichkeit und emotionaler Aufrichtigkeit tun. Und ganz gleich, ob in der Musik oder in der Literatur: Meist schreiben sie die Songs, schreiben sie die Bücher, die mir wirklich etwas bedeuten. Weil diese eben nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern etwas darüber, was es – so nannte es David Foster Wallace einmal in einem Interview – „verdammt noch mal heißt, ein Mensch zu sein.“

Biografien über Künstler, die ihr Leben und ihr Leid in ihren Werken verarbeiteten, laufen natürlich stets Gefahr, bloß unseren Voyeurismus zu bedienen und in Geniekitsch abzudriften. Zugleich können sie ein Werk aber auch aufschlüsseln und dadurch neue Einsichten, ein tieferes Verständnis ermöglichen. Und gerade weil mich das Schaffen von Richard Yates, David Foster Wallace und Eels-Sänger Mark Oliver Everett aus unterschiedlichen Gründen inspirierte und prägte, empfand ich die folgenden Bücher als große Bereicherung.

Rainer Moritz – Der fatale Glaube an das Glück

Man kann jedes Ziel erreichen, wenn man nur hart genug dafür arbeitet: Auch der junge Mann, der schon immer Schriftsteller werden wollte, hat sich seinen Debütroman hart abbringen müssen und mit dem Scheitern seiner Ehe einen hohen Preis für dessen Entstehung gezahlt – aber der Erfolg scheint ihm und dem amerikanischen Traum Recht zu geben. Dreißig Jahre später sieht die Sache jedoch anders aus. Den Erfolg seines Erstlings hat er nie wiederholen können. Stattdessen ist er trotz acht weiterer Buchveröffentlichungen als Autor weitestgehend vergessen und stirbt als zweifach geschiedener, verarmter Alkoholiker und Kettenraucher, der zuletzt weder von seinen Kollegen noch von seinen Schreibstudenten ernst genommen wurde. Die bittere Pointe: Jahre nach seinem Tod wird er von der Literaturwelt in großem Stil wiederentdeckt und gehört heute fest zum Kanon der amerikanischen Nachkriegsliteratur. Klingt wie ein Roman von Richard Yates? Ist aber sein Leben.

Wenn es ein Thema gibt, das sich durch alle Romane und Erzählungen von Richard Yates zieht, dann ist es das Scheitern. Wie kein Zweiter sezierte er die Lebenslügen seiner Figuren, ihr Scheitern am amerikanischen Traum und den eigenen Ansprüchen – und zwar so präzise beobachtet und gnadenlos, dass es zuweilen an Spott grenzte. Man muss kein Experte sein, um zu ahnen, dass Yates dabei stets auch das Scheitern seines eigenen Lebensentwurfs, seine regelmäßigen Abstürze in Sucht und Depression literarisch verarbeitete. Spuren seiner Biografie lassen sich in all seinen Texten nachweisen, am klarsten jedoch im Roman Ruhestörung, zu dem Yates einerseits seine frustrierenden Erfahrungen in Hollywood, in erster Linie aber sein Alkoholismus und der Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt inspirierten. Aber nicht nur Wiedergänger von Yates selbst tauchen in seinen Texten auf: Neben einigen anderen Personen aus seinem Leben dient besonders seine Mutter immer wieder als (zumeist unvorteilhaftes) Vorbild vieler Frauenfiguren. Obwohl Rainer Moritz anhand etlicher Textstellen die Parallelen zwischen Leben und Werk aufschlüsselt, würdigt er in seiner Biografie mit dem allzu passenden Titel aber auch die künstlerische Leistung von Yates, indem er dessen Arbeiten durchaus kritisch einordnet und dabei vor allem die Romane Zeiten des Aufruhrs und Easter Parade als Meisterwerke hervorhebt.

Literarisch ist Yates für mich in vielen Punkten ein Vorbild, umso bitterer lasen sich natürlich die Abschnitte in seiner Biografie, die sich seinen letzten Jahren als krankem, gescheitertem Autor widmen. Heute ist Richard Yates den meisten Lesern ein Begriff, tatsächlich ist zu seinen Lebzeiten aber nur ein einziger Roman, sein Debüt, ins Deutsche übersetzt worden – und zwar in der DDR. Als Leser ist der posthume Ruhm von Yates für mich insofern ein Glücksfall, als Autor empfinde ich ihn dagegen als zutiefst tragisch. Ein schwacher Trost: Es wäre vermutlich eine Pointe ganz nach seinem Geschmack gewesen.

D.T. Max – Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte

Man muss nichts über Richard Yates wissen, um seine Bücher zu lesen. Sie sind zugänglich und abgeschlossen, stehen weitestgehend für sich selbst. Als ich 2009 mit Unendlicher Spaß erstmals etwas von David Foster Wallace las (und mit 2009 meine ich: über das ganze Jahr verteilt), wusste ich fast nichts über ihn: Klar, er galt als Genie, als schwieriger und kluger, zugleich aber auch unterhaltsamer Autor. Und er hatte sich aufgrund seiner Depressionen erhängt. Kaum mehr als Basiswissen also, trotzdem war die Lektüre seines Mammutromans eine meiner bis heute intensivsten, herausfordendsten und lehrreichsten Leseerfahrungen überhaupt. Nie wieder war ein Roman für mich zugleich so traurig und witzig, so brillant und albern, so anstrengend und belohnend wie Unendlicher Spaß. Und nie wieder war ich so froh, ein Buch endlich, endlich zu Ende gelesen zu haben.

Bis ich die Wallace-Biografie von D.T. Max las. Plötzlich reizt es mich wieder, mir die knapp 1.600 Seiten tatsächlich noch einmal vorzunehmen – und zwar mit dem Wissen um die unzähligen autobiografischen Bezüge und Schlüsselfiguren, die David Foster Wallace in Unendlicher Spaß einbaute, dem Wissen um seine Kranken- und Suchtgeschichte, dem Wissen um den lebenslangen Kampf gegen seine Dämonen, den er 2005 schließlich aufgab. Nach der Lektüre seiner Biografie wird es ein anderer, wahrscheinlich sogar noch besserer Roman für mich sein. Allerdings ist Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte keine trockene literaturwissenschaftliche Textanalyse; D.T. Max gelingt es mit viel Empathie, dem Leser David Foster Wallace auch als Menschen näherzubringen, ohne dabei ins Voyeuristische abzudriften. Seine Biografie ist selbst für jene nachvollziehbar und lesenswert, die noch nie ein Buch von Wallace in der Hand hatten – und ein guter Anreiz, das bald zu ändern.

Mark Oliver Everett – Things the grandchildren should know

Zum Abschluss ein Happy End: Zehn Jahre nach Erscheinen seiner Autobiografie ist Mark Oliver Everett alias „E“ noch am Leben, das zwölfte Eels-Album The Deconstruction ist gerade erst erschienen. Auch heute schreibt er noch Songs über die Höhen und Tiefen seines Lebens – nur sind sie, seit die Tiefen in seinem Leben nicht mehr ganz so tief sind, inzwischen ein bisschen flacher geworden. In den Neunzigern war das noch anders: Alben wie Electro-Shock Blues waren lyrisch ein Schlag in die Magengrube, verhandelten mal resigniert und bitter, mal mit lakonischem Humor die gehäuften Schicksalsschläge in Everetts Leben. Er war es, der mit 19 seinen Vater tot auffand – einen genialen, aber verkannten Physiker, der sich verbittert von seiner Familie entfremdet hatte. Später nahm sich Marks Schwester, die schon früh unter einer psychischen Erkrankung litt, das Leben, kurz darauf verlor er auch seine Mutter an Krebs. Seine Cousine? Saß im Flugzeug, das am 11. September 2001 ins Pentagon flog. Und das waren nur die größten Katastrophen in Mark Oliver Everetts leidgeprüftem Leben. In Things the grandchildren should know schreibt er mit der aus seinen Texten gewohnten Lakonik unterhaltsam, aber auch schmerzhaft offen über die Jahre voller Trauer und Depression – und darüber, wie ihm die Musik das Leben rettete. Diese Dringlichkeit hört man den ersten sechs Alben der Eels – von Beautiful Freak bis hin zu Blinking Lights and other Revelations – jederzeit an. Nach seiner Autobiografie (und dem gleichnamigen Song) scheint E allerdings seinen Frieden mit dem Leben gemacht zu haben, die Intensität seiner früheren Texte hat er seither nie wieder erreicht. Vielleicht stimmt es in manchen Fällen ja doch: dass Künstler leiden müssen, um echte Meisterwerke zu schaffen. Dem Mann namens E sei sein Happy End – mit allen gewöhnlichen Höhen und Tiefen – jedenfalls gegönnt. Es ist nämlich alles andere als selbstverständlich.


Rainer Moritz: Der fatale Glaube an das Glück. Erschienen bei DVA, 208 Seiten. // D.T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten. Linktipps: Ein Interview mit D.T. Max sowie sein Essay über Wallaces letzten Tage. // Mark Oliver Everett: Things the grandchildren should know. Erschienen bei Little, Brown, 246 Seiten sowie als Glückstage in der Hölle in deutscher Übersetzung von Hannes Meyer bei Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten.

Außer Funktion. Über „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling

Kathrin Weßling - Super, und dir?Ein Roman über eine Social Media Managerin mit Burn-out und Drogenproblemen: Wenn sich jemand in eine solche Figur hineinversetzen kann, dann vermutlich Kathrin Weßling, eine Autorin, die mir beinahe täglich in meinen Feeds auf Facebook, Twitter oder Instagram begegnet. Ich mag ihren Ton, ihren Humor, ihre Haltung. Auch beeindruckt mich, wie souverän und offen sie auf ihrem Blog über ihre Depressionen und ADHS-Erkrankung schreibt, Bewusstsein für sie schafft. Einen Roman von ihr hatte ich bislang dennoch nicht gelesen, vielleicht auch ein bisschen aus Furcht davor, enttäuscht zu werden. Ein Roman ist kein Bento-Artikel, zumal mir die Themen, über die Weßling schreibt, zu wichtig, zu ernst sind, um sie bloß in einer unterhaltsamen, zielgruppengerechten Geschichte mit launigem Witz verpackt zu sehen. So ging es mir damals mit Ronja von Rönnes Roman Wir kommen, dem es mir trotz Biss und toller Sprache an Tiefe und emotionaler Aufrichtigkeit fehlte; zu aufgesetzt und oberflächlich wirkten die Panikattacken und Depressionen der permanent ironischen Hauptfigur Nora, als dass sie der Schwere dieser Erkrankungen gerecht werden konnten.

Die Wahrheit hinter dem Feed

Entsprechend gespannt war ich auf Marlene Beckmann, Kathrin Weßlings Ich-Erzählerin in Super, und dir?. Eigentlich könnte sie zufrieden sein: Dank Traumjob in einer angesagten Firma und glücklicher Beziehung läuft in ihrem Leben schließlich alles bestens, zumindest ist es das, was ihre vielen Facebook-Freunde und Follower tagtäglich zu sehen bekommen. Die Wahrheit hinter dem Feed ist jedoch eine andere: Schon nach wenigen Monaten als Social Media Managerin ist Marlene ausgebrannt und kann ihren Alltag nur noch mit Kokain und anderen Aufputschdrogen bewältigen. Sie schläft und isst zu wenig, vernachlässigt ihre Gesundheit und ihre Beziehung, während sich die Arbeit immer tiefer in ihr Leben frisst und darin Metastasen bildet wie ein besonders aggressiver Krebs. Marlene aber funktioniert einfach weiter. Das hat sie immer getan. Sie funktionierte, als ihr Vater die Familie für eine andere Frau verließ, funktionierte, als ihre Mutter deswegen zur Alkoholikerin wurde und plötzlich auf sie angewiesen war. Marlene hat nie gelernt, Schwäche zu zeigen und um Hilfe zu bitten, sie konnte sich das auch gar nicht erlauben. Und das kann sie auch jetzt nicht: In ihrem Job muss sie sich einbringen, bis nichts mehr von ihr übrig ist.

Denn in Wahrheit ist gar nicht sie das Problem, sondern eine Mentalität, die vor allem in aufstrebenden Start-ups herrscht, in Unternehmen, die eher mit ihrem Image als mit angemessener Bezahlung locken und die mit Engagement und Firmenidentifikation eigentlich Selbstausbeutung meinen. Wer braucht schon ein Privatleben, wenn es einen Kickertisch im Büro gibt? Und die ach so flexiblen Arbeitszeiten: bedeuten vor allem, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Aber Marlene ist ehrgeizig, sie will nach ihrem Volontariat unbedingt übernommen werden und identifiziert sich bald so sehr mit ihrer eigentlich belanglosen Arbeit, dass ihr Verhältnis zur Firma beinahe ans Stockholm-Syndrom grenzt. Ohne Rausch kann sie nicht mehr abschalten. Oder wieder auf die Beine kommen. Ihr Freund Jakob hat keine Ahnung von ihren Suchtproblemen, schließlich bekommt er Marlene kaum noch zu Gesicht – und wenn, dann vermutlich mit dem Handy vor der Nase. Dennoch ist er der einzige, der zumindest noch gelegentlich zu ihr durchdringt und hinter die scheinbar glücklichen Fassade sieht, die sie auf ihren Online-Profilen zur Schau stellt. Für einen Rettungsanker sind Marlenes Segel jedoch längst zu überspannt: Als Jakob aufgrund ihrer falschen Prioritäten alleine in den Urlaub fahren muss, verliert Marlene ihren letzten Halt – und hört von einem Tag auf den anderen einfach auf, zu funktionieren.

Verstörend und mutig

Nach den ersten Seiten von Super, und dir? war ich zunächst ernüchtert, fand die Sprache zwar gut und pointiert, die Ich-Erzählerin aber noch zu nahe am Ton einer schnoddrigen und um Authentizität bemühten Neon-Reportage: Darf ruhig ein bisschen edgy sein, aber bitte nicht zu sehr – man denke an die Zielgruppe, vor allem beim erwartbaren Happy End. Durchaus amüsante Lektüre, dachte ich also, aber ganz sicher kein Panikherz. Aber je tiefer Kathrin Weßling die Abgründe ihrer Figur auslotet, desto mehr kaufte ich ihr die Protagonistin ab, kaufte ihr ab, dass es ihr ernst ist mit diesem Roman und seinen Themen. Tatsächlich ist es verstörend und mutig, mit welcher Konsequenz Weßling Marlene Beckmann ihr Leben an die Wand fahren lässt und dabei nicht nur mit einer zunehmend ausbeuterischen Mentalität in der Arbeitswelt abrechnet, sondern auch mit der Verharmlosung eines Selbstoptimierungswahns, der nicht selten zu Suchtproblemen unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmungsgrenze führt. Als sich Marlene in einer der bittersten Szenen des Romans dazu überwindet, sich ihrem Hausarzt anzuvertrauen, spielt ausgerechnet dieser ihre Kokainsucht herunter und verschreibt ihr lediglich ein Antidepressivum: Sie sei schließlich nicht ernsthaft süchtig, sondern bloß ein bisschen überlastet.

Und natürlich hat er Recht. Schaut uns doch an: Wir sind glücklich! Seht sie euch an, die Bilder unserer Katzen, Kinder und Traumreisen auf Instagram, lest unsere permanenten Erfolgsmeldungen auf Facebook und amüsanten Alltagstweets. Oder aber ihr lest dieses Buch. Es könnte allerdings Spuren von echtem Leben enthalten, Vorsicht.

„Das Mädchen liegt nicht halbtot mit einer Nadel im Arm auf der Toilette eines Bahnhofs. Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil. Es reitet die Wellen, während der Sturm aufzieht, und es lächelt, es winkt den anderen zu, schon viel zu weit vom Strand entfernt, Wasser in den Lungen, Wasser im Kopf, und ruft: Alles in Ordnung, es geht mir sehr, sehr gut!“


Kathrin Weßling: Super, und dir? Erschienen bei Ullstein fünf, 256 Seiten. Die bislang beste Rezension zum Roman habe ich bei Literaturen gelesen, diese lest ihr hier.

Tatsächlich Gold. Über „Stromland“ von Florian Wacker

Florian Wacker - StromlandEigentlich fing sie ganz gewöhnlich an, die Erzählung, die uns Florian Wacker für die siebte Ausgabe von ]trash[pool geschickt hatte: Ein Mann kauft sich in Deutschland Tacos in einer Burrito-Bude und lässt seiner Fantasie dabei freien Lauf: „Ich stelle mir manchmal vor, dass der Burrito-Mann verzweifelt nach einem Schatz sucht, so wie die spanischen Eroberer in Brasilien, in Chile und in Ecuador danach suchten und außer einigen winzigen Klümpchen nur die Malaria fanden. Ich stelle ihn mir vor mit einer Hellebarde, mit dem typischen Helm der Konquistadoren, so steht er am Bahnhof und hält Ausschau, und wenn ein Güterzug mit Kupferrollen vorbeifährt, springt er auf, um das seltene Metall an sich zu reißen.“ Plötzlich wechselt in Gold jedoch die Perspektive, springt Florian Wacker von einer Figur zur nächsten und spannt einen Bogen vom Burrito-Verkäufer zu einem Geschäftsmann, der sich Gedanken um die schwankenden Goldpreise macht, zu Abenteuerurlaubern und Goldschürfern in Südamerika. Eine virtuos verschachtelte, teils absurde Erzählung, deren letzter Satz mein Urteil als ]trash[pool-Herausgeber bereits vorwegnahm: „Gold, denke ich, es ist tatsächlich Gold.“

Umso mehr freute ich mich über die Vorschau zu Florian Wackers drittem Buch Stromland: Von einer Reise ins Herz der Finsternis war darin die Rede, von Glücksjägern und Abenteurern in den Tiefen des tropischen Regenwalds, vom Sinnsuchen und sich Verlieren. Wacker hatte sich also offensichtlich noch intensiver mit dem Thema seiner Erzählung auseinandergesetzt – und obendrein einen Roman geschrieben, mit dessen Schlagwörtern man mich nur allzu leicht ködern kann. Schon ging es mir wie manchen seiner Figuren: Die Gier nach Gold war geweckt. Niemand, der ein Nugget findet, gibt sich damit zufrieden. Aber kaum ist die Gier geweckt, setzt die Vernunft aus – genau das ist es ja, was so viele am Amazonas und anderswo in der Welt schon ins Verderben stürzte.

Auf der Suche nach einem verschollenen Bruder

Die Gefahr, von Stromland enttäuscht zu werden, war also groß. Nach den ersten Seiten wurde die Fallhöhe nicht gerade kleiner: Wackers bildhafte und sinnliche Beschreibungen des peruanischen Regenwalds riefen sofort Erinnerungen an meine eigenen Treks im thailändischen Dschungel wach, zogen mich in ihren Bann wie all die Verheißungen von Reichtum und Glück, die die beschriebenen Konquistadoren ins Niemandsland des Amazonasdeltas trieben und zumeist bloß den Tod finden ließen. Zeitsprünge über mehrere Jahrhunderte und die vielen Figuren zu Anfang erweckten, obwohl unterhaltsam und spannend geschrieben, aber auch den Eindruck einer fordernden, vielleicht sogar beschwerlichen Reise. Tatsächlich folgt dem ersten Teil mit historischen Schlaglichtern jedoch ein überraschend geradliniger Plot über die Suche nach einem verlorenen Bruder.

Irinas Zwillingsbruder Thomas war Kameramann bei Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes mit Klaus Kinski – für den leidenschaftlichen Cineasten ein erfüllter Lebenstraum, zugleich aber auch eine Art spirituelles Erweckungserlebnis. Fasziniert von der ungebändigten Natur blieb er nach dem Ende der Dreharbeiten in Peru und ließ sich zunächst treiben, lebte einfach in den Tag hinein. Schon bald zog es ihn, auf der Suche nach Sinn und einem alten Mythos, aber immer tiefer in den Regenwald hinein. Irgendwann hörten die zunehmend esoterischen Briefe, die er Irina schrieb, einfach auf: Thomas war verschwunden. Jahre später reist Irina gemeinsam mit ihrem Freund Hilmar nach Iquitos, um nach ihm zu suchen. Die wenigen Spuren, die Thomas dort hinterlassen hat, versanden allerdings schnell, auch ehemalige Weggefährten ihres Bruders verweisen bloß auf den Dschungel, aus dem schon so viele vor ihm nie zurückgekehrt waren. Irina aber ist fest entschlossen, Thomas ausfindig zu machen. Sie schlägt, den Hinweisen aus seinen Briefen folgend, mit Hilmar denselben Weg ein wie einst ihr Bruder – und reiht sich damit in die Riege derer ein, die schon seit Jahrhunderten in die so lebendige wie lebensfeindliche Region aufbrachen, um dort etwas zu finden: Gold. Land. Naturvölker, die es zu missionieren galt. Spiritualität. Oder eben: einen verschollenen Zwilling. Die meisten zahlten einen hohen Preis für ihre Unvernunft und Gier, fanden im Dschungel nichts als Siechtum, Wahnsinn und Tod.

Jedes Puzzleteil ein Nugget – auch für den Leser

Auch Irina und Hilmar müssen schnell feststellen, dass im Urwald ganz eigene Gesetze herrschen – und dass die größte Gefahr zumeist vom Menschen ausgeht. Sie begegnen nicht nur Ureinwohnern, die friedlich im Einklang mit der Natur leben, sondern auch wahnsinnig gewordenen Goldschürfern, Escobars Drogenhändlern im Kampf ums weiße Gold, Nachfahren deutscher Einwanderer, die seit Jahrhunderten mit allen nötigen Mitteln um ihr Land und ihr Überleben kämpfen. Besonders Letztere stehen bald im Zentrum des Romans: Mit den Wilhelmis, die sich inmitten des Regenwalds in einer deutschen Siedlergemeinschaft gegen den Zeitgeist behaupten und dabei – wenn auch unter anderen Vorzeichen – ein bisschen an die Aussteigerkommune in Alex Garlands Der Strand erinnern, schließt sich auch der Kreis zu den historischen Schlaglichtern des ersten Teils. Hier, glaubt Irina, hat sich ihr Bruder Thomas zuletzt aufgehalten – und doch will ihn niemand aus der gastfreundlichen Großfamilie je gesehen haben. Die Suche nach Thomas lässt Irina keine Ruhe und wird zusehends zur Besessenheit, genau wie er will sie immer tiefer in den Dschungel vordringen und nicht eher aufgeben, ehe sie ihn gefunden hat. Jedes Puzzleteil, das sie in Erfahrung bringen kann, ist wie ein Nugget, das ihre Gier nach Wahrheit umso stärker anfacht.

Und genauso ging es mir mit den Seiten dieses Romans: Ich wollte, ich konnte das Buch einfach nicht mehr weglegen. Stromland ist ein Unterhaltungsroman im allerbesten Sinne und dank grandioser Atmosphäre und überraschender Wendungen das Spannendste, was ich seit Langem gelesen habe. Gold, dachte ich beim Zuklappen von Stromland deshalb zufrieden, es ist tatsächlich Gold. Und zwar kein Nugget. Sondern ein ganzer Barren.


Florian Wacker: Stromland. Erschienen im Berlin Verlag, 352 Seiten. Eine weitere schöne Besprechung des Romans ist bei Zeichen & Zeiten erschienen. Ausgabe 7 der Literaturzeitschrift ]trash[pool mit Florian Wackers Erzählung „Gold“ kann gerne über das Kontaktformular meines Blogs bestellt werden, ist aber auch digital als PDF bei duotincta erhältlich. 

Europäisches Wimmelbild. Über „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse

Menasse - Die HauptstadtEin Schwein versetzt ganz Brüssel in Aufregung, ein Mord wird vertuscht – und in Europa sägt man sich gegenseitig an den Stühlen. Die Hauptstadt von Robert Menasse ist eine kluge wie unterhaltsame Abrechnung mit Geschichtsvergessenheit und überbordender EU-Bürokratie, zugleich aber auch eine Liebeserklärung an die europäische Idee.

So wichtig Europapolitik auch sein mag: Besonders sexy ist sie nicht. Zu unnahbar, zu kompliziert ist alles, was da in Brüssel und Straßburg passiert. Das wissen sie auch in der EU-Kommission, deren Beliebtheitswerte schon seit Jahren im Sinkflug sind. Eine Imagekampagne muss her, eine große Feier, die endlich wieder das Positive Europas in den Mittelpunkt stellt und eine historische Leistung würdigt, die dank etlicher Skandale und nicht zuletzt des Brexits beinahe in Vergessenheit geriet. Weil die Nationalisten überall wieder auf dem Vormarsch sind, sollen die Lehren aus Auschwitz als entscheidender Funke präsentiert werden, der die europäische Idee einst zum Leuchten brachte. Zum Beispiel durch einen Festakt im ehemaligen Konzentrationslager, bei dem dessen letzte Überlebenden die Überwindung der Nationalstaaten fordern – das zumindest ist der Plan von Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur, und ihrem Team rund um den Referenten Martin Susmann.

Ihrem zweifelhaften Ruf wird die EU jedoch allzu bald gerecht. Ränkespiele anderer Funktionäre und um Souveränität ringende Mitgliedsstaaten drohen die Idee im Keim zu ersticken. Auch die Suche nach Überlebenden gestaltet sich schwieriger als erwartet, dabei wohnt einer von ihnen mitten in Brüssel: David de Vriend ist gerade erst ins Altersheim gezogen und bereitet sich bei täglichen Friedhofsspaziergängen auf seinen Tod vor – eine weitere von vielen Figuren, die Brüssel in Die Hauptstadt mit Leben füllen. Der emeritierte Professor Alois Erhart etwa muss ebenfalls Abschied nehmen. Nicht nur seine Wissenschaftskarriere ist vorbei, auch den Think Tank, den er mit seinen Visionen für Europa zu bereichern hoffte, will er mit einem Knall verlassen, um ein Zeichen gegen die Kurzsichtigkeit und den Opportunismus seiner aufstrebenden Kollegen zu setzen. Kommissar Brunfaut fällt es dagegen weitaus schwerer loszulassen. Als ein Mord von oberster Stelle vertuscht werden soll, ermittelt er trotz gesundheitlicher Probleme heimlich weiter. Dabei ist der polnische Mörder Matek längst auf der Flucht – und zwar nicht vor der Polizei, sondern vor seinen eigenen Auftraggebern.

Die Stadt Brüssel versetzt allerdings etwas ganz anderes in Aufregung: Immer wieder wird ein freilaufendes Schwein gesichtet, das allerorten Unruhe stiftet und die Geschichten der Romanfiguren miteinander verbindet. Doch obwohl sich deren Wege mehrfach kreuzen, bleiben sie bloß Teil des großen europäischen Wimmelbilds, das Robert Menasse in seinem preisgekrönten Brüssel-Roman entwirft. Die Hauptstadt ist Politsatire, Gesellschaftsroman und Kriminalgeschichte in einem, ein so kluges wie unterhaltsames Mosaik über das Ende der Nachkriegszeit und das drohende Vergessen. Trotz Menasses Abrechnung mit der überbordenden EU-Bürokratie bleibt sein Roman im Kern jedoch vor allem eines: eine Liebeserklärung an die europäische Idee, mit der er im vergangenen Jahr zu Recht den Deutschen Buchpreis gewann.


Robert Menasse: Die Hauptstadt. Erschienen bei Suhrkamp, 459 Seiten, sowie bei der Büchergilde, 464 Seiten. Dieser Text erschien erstmals im Magazin der Büchergilde.

Abgesang. Über „So enden wir“ von Daniel Galera

So enden wir - Daniel GaleraDuke ist tot. Erschossen bei einem Raubüberfall, wie sie im brasilanischen Porto Alegre fast täglich passieren. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist die Trauer groß, der Hashtag #RipDuke wird sogar zum trending topic bei Twitter. Aber nicht nur die Fans des enigmatischen Kultautors erfahren von seinem Tod aus dem Netz, auch bei Dukes ehemaligen Mitstreitern ist das Entsetzen groß, als sie auf ihr Handy sehen. Fünfzehn Jahre ist es her, seit Aurora, Emiliano und Antero mit Duke befreundet waren. Damals, als das Internet tatsächlich noch Neuland war, eine Spielwiese für Idealisten und Pioniere, gaben sie gemeinsam ein avantgardistisches Online-Magazin heraus. In Daniel Galeras Roman So enden wir sind sie Stellvertreter einer Generation, für die sich durch das junge Medium plötzlich eine neue Welt auftat, in der noch alles möglich schien, man sich ausprobieren und neu erfinden konnte. Eine Welt vor Google und Facebook, vor Big Data und geifernden Populisten, für die das Internet bloß Werkzeug für Manipulationen und Propaganda ist.

Als Duke stirbt, ist diese Welt längst dem Untergang geweiht. Duke wusste das: Schon lange vor seinem Tod meldete er sich aus allen sozialen Netzwerken ab und verwischte seine Spuren, geisterte nur noch als Phantom durchs Web. Auch in seinem Testament hatte er die vollständige Löschung seines digitalen Nachlasses angeordnet. Den damaligen Freunden bleibt, als sie auf Dukes Beerdigung erstmals seit Jahren wieder aufeinandertreffen, deshalb nur die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Was ist von ihrer Freundschaft geblieben, was von ihrem einstigen Idealismus? Fünfzehn Jahre, nachdem sie mit ihrem per Mail verschickten Fanzine Orangotango ein bedeutender Teil der digitalen Gegenkultur Brasiliens waren, sind die Träume von Aurora, Emiliano und Antero – und zwar in dieser Reihenfolge – Ernüchterung, Pragmatismus und Zynismus gewichen.

Was wurde aus dem Idealismus?

Aurora ist ernüchtert und pessimistisch. Den Journalismus hat sie aufgegeben, stattdessen forscht sie als Biologin für eine Zukunft, an die sie längst nicht mehr glaubt. Der Sexismus im Wissenschaftsbetrieb setzt ihr genauso zu wie die globale politische Entwicklung oder der kürzliche Herzinfarkt ihres Vaters. Dass Duke bloß für ein bisschen Kleingeld und ein Handy sterben musste, ist für Aurora ein weiterer Beweis für den drohenden, ja geradezu unausweichlichen Untergang der Menschheit. Nach ihrem Wiedersehen mit dem zynischen Antero auf Dukes Beerdigung droht ihr Leben endgültig aus den Fugen zu geraten.

Als erfolgreicher Werber und scheinbar glücklicher Familienvater ist Antero neben Duke der einzige aus der ehemaligen Clique, der es wirklich zu etwas gebracht hat. Für seinen beruflichen Erfolg hat Antero jedoch alles verraten, woran sie damals glaubten. Das Internet ist für ihn nur Werkzeug für virale Kampagnen oder Stoff für seine Pornosucht. Nichts scheint ihm noch etwas zu bedeuten, Antero nimmt sich einfach, was er braucht. Für ihn ist inzwischen alles bloß ein Spiel, das Leben ein Schauplatz virtueller Realitäten. Als er zufällig in die Ausschreitungen auf einer Demonstration gerät, schließt er sich dem wütenden Mob aus einer Laune heraus als Statist, als non-player-character an und sieht gleichgültig dabei zu, wie das Ladengeschäft seines Vaters geplündert wird. Erst infolge von Dukes Beerdigung muss Antero begreifen, dass manche Fehler im wahren Leben unweigerlich zu Konsequenzen führen.

Während Duke bei Orangotango die ersten Schritte als literarisches Wunderkind wagte, war das Fanzine für Emiliano der Beginn seiner journalistischen Laufbahn. Die gemeinsame Zeit in Porto Alegre war prägend für ihn: Nach Jahren, in denen er sich bloß mit Raufereien behalf, fand Emiliano erst damals den Mut, offen als Schwuler zu leben. Es war Duke, der ihm die Augen öffnete, auch wenn er die eine Nacht, die sie beim Kennenlernen miteinander verbrachten, als Heterosexueller scheinbar nur zur Recherche für eine Geschichte brauchte. Als freier Journalist schlägt sich Emiliano eher schlecht als recht durch, umso verlockender ist nach Dukes Tod das Angebot eines Verlegers, dessen Biografie zu schreiben. Schnell weichen die anfänglichen Skrupel Pragmatismus: Der Vorschuss ist höher als das, was Emiliano sonst in einem Jahr verdient. Seine Recherche bringt allerdings nur wenig zutage. Niemand schien Duke wirklich zu kennen. Ohne digitalen Nachlass, ohne Spuren in sozialen Netzwerken bleiben Emiliano nur widersprüchliche Erinnerungen und die Hoffnung, dass Dukes letzte Partnerin trotz ihrer testamentarisch auferlegten Schweigepflicht etwas über ihn preisgibt. Und ob absichtlich oder nicht: Eine Spur hat Duke tatsächlich hinterlassen. Eine Spur allerdings, die alles infrage stellt, was Emiliano über Duke und ihre Freundschaft zu wissen glaubte.

Ein Roman mit verzögerter Wirkung

So enden wir ist ein melancholischer Abgesang auf die digitale Gegenkultur des frühen Internets, das, gekapert von Konzernen und politischen Interessen, längst seine Unschuld verloren hat. Zugleich ist Daniel Galeras Roman aber auch eine Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden und der unvermeidlichen Ernüchterung, die sich einstellt, sobald der Ernst des Lebens aus Idealisten irgendwann Pragmatiker, Pessimisten, Zyniker macht. Wie schon im Vorgänger Flut gelingt es Galera, mit einer dichten, aber nie sperrigen Sprache eine besondere Atmosphäre zu erzeugen und Figuren zu zeichnen, die nah am Leben, aber dennoch mit literarischer Tiefenschärfe versehen sind.

Trotzdem fühlte ich mich nach der Lektüre des Romans zunächst wie seine Figuren: ernüchtert, vielleicht auch ein wenig enttäuscht. Die Faszination, die ich für Flut empfand – immerhin einer meiner Lieblingsromane der letzten Jahre – wollte sich trotz vielem, das mir gefiel, einfach nicht ganz einstellen. Wochen später entfaltete So enden wir dann aber überraschend seine Wirkung, wurden mir plötzlich Zusammenhänge klar, die ich beim Lesen selbst noch nicht richtig einordnen konnte. Und das war fast noch befriedigender als die spontane Begeisterung, mit der ich damals Flut zu Ende las.


Daniel Galera: So enden wir. Erschienen bei Suhrkamp, 231 Seiten.

Befangen. Über „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl

IMG_5558Ich sag’s lieber gleich vorweg: Ich bin befangen. Nicht nur, weil ich mit meiner Bloggerfreundin Mareike regelmäßig chatte oder auf Buchmessenpartys zu schlechter Musik tanze. Auch nicht, weil sie so lieb war, mich in der Danksagung ihres Romans zu erwähnen – so leicht bin ich nun auch nicht zu bestechen. Befangen bin ich aus einem ganz anderen Grund: Ich hatte die große Ehre, die Entstehung von Dunkelgrün fast schwarz beinahe von Anfang an mitzuverfolgen. Da wir beide zeitgleich an unseren Romanen arbeiteten, tauschten wir uns regelmäßig über unsere Fortschritte, Erfolge und Niederlagen aus, gaben uns gegenseitig die neuesten Kapitel zu lesen und warteten dann bangend aufs Feedback, machten einander, wenn nötig, hin und wieder auch mal Mut. Das tat gut und machte Spaß, war als Leser aber auch eine frustrierende Erfahrung: Während ihr da draußen den Roman, wie es sich für ihn gehört, am Stück verschlingt, musste ich oft Wochen, manchmal sogar Monate warten, ehe ich weiterlesen durfte. Wer das Buch kennt, kann sich vorstellen, wie schwer mir das fiel. Denn trotz aller Befangenheit: In eine moralische Zwickmühle bringt mich die Vorstellung von Mareikes Roman nicht – dafür ist er nämlich viel zu gut. Und das war er von Anfang an.

Eine gefährliche Freundschaft

Befangen ist auch Moritz, als Raffael plötzlich vor seiner Tür steht, ganze sechzehn Jahre, nachdem er sich einfach so und scheinbar grundlos aus dem Staub machte. Eigentlich sollte er Wichtigeres im Sinn haben, als seinen alten Freund bei sich aufzunehmen, schließlich steht die Geburt seines ersten Kindes unmittelbar bevor. Aber trotz ihrer langen Trennung voneinander ist gleich alles wieder wie früher: Raffael gibt den Ton an, und Moritz tanzt nach seiner Pfeife, obwohl Raffael ganz offensichtlich etwas zu verbergen hat.

Schon als Kleindkind ist Raffael ein echter Rattenfänger. Und ein Arschloch. Mit Grauen muss Moritz‘ Mutter Marie mitansehen, welche Macht der beste Freund ihres Sohnes über ihn hat, wie er ihn manipuliert und drangsaliert, ihn abgängig von sich macht. Und doch sind Moz und Raf, wie die beiden einander als Kinder nannten, stets unzertrennlich: der eine ein rücksichtsloser Draufgänger, der andere sensibel und zaghaft. Sie brauchen einander. Raf holt Moz aus seiner Komfortzone und lässt ihn über sich hinauswachsen, Moz gibt Raf dagegen ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ihm in seiner eigenen Familie fehlt. Eine scheinbar unzerstörbare Freundschaft, selbst, als das Waisenmädchen Jonanna zum Duo hinzustößt und mit ihr die ersten Gefühle ins Spiel kommen. Nur Marie bleibt über die Jahre weiter skeptisch: Dieser Raffael ist gefährlich – und wird Moritz eines Tages ins Unglück stürzen. Marie hat einen guten Grund, so zu denken. Sie kennt die Macht, die Raffael über ihren Sohn hat. Sein Vater ist nämlich genau wie er, ein skrupelloser Manipulator, der die Schwächen anderer genau auszunutzen weiß: zum Beispiel ihre Einsamkeit als Mutter zweier Kinder mit einem abwesenden Vater…

So komplex wie spannend

Und das sind gerade einmal die groben Züge der Handlung von Dunkelgrün fast schwarz: Geschickt spinnt Mareike Fallwickl einen Bogen zwischen den Generationen, erzählt multiperspektivisch und auf mehreren Zeitebenen die Geschichten von Marie, Moritz und Johanna und führt deren Fäden mit der Rückkehr des undurchsichtigen Raffaels am Ende schließlich zusammen. Was auf dem Papier kompliziert klingt, fügt sich so mühelos ineinander, dass Mareike mit Dunkelgrün fast schwarz ein wahrer Pageturner über Freundschaft, Abhängigkeiten und die gefährliche Macht, die Menschen übereinander haben, gelungen ist, der bei allem Anspruch in der Komposition nie zu unterhalten vergisst. Im Gegenteil: Man ist als Leser den Figuren so nahe, dass die Spannung manchmal kaum auszuhalten ist.

Liebe Mareike, es ist mir eine Ehre, in einem so gelungenen und wunderbaren Buch erwähnt zu werden – selbst, wenn du meine Hilfe nie brauchtest. Ich weiß, wie hart du an diesem Roman gearbeitet hast: Den Erfolg hast du dir mehr als verdient. Und deshalb bin ich nicht nur befangen, sondern vor allem eines: sehr, sehr stolz auf dich!


Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten. Trotz der Fülle an Besprechungen, die dieser Tage erscheinen, möchte ich eine ganz besonders hervorheben: Auf Buchrevier schrieb Tobias Nazemi einen sehr schönen, ebenfalls sehr persönlichen Leserbrief an Mareike.