Clemens Setz

Vier Leser im Gespräch: Literarisches Quartett bei lesen.hören 13

IMG_5341Ein Format, das nach dem Tod von Roger Willemsen drei Jahre lang ausgesetzt wurde, kehrt bei der letzten Veranstaltung von lesen.hören 13 auf vielfachen Wunsch des Publikums und in veränderter Form zurück: Für Vier Leser im Gespräch diskutiert Programmleiterin Insa Wilke vom SWR lesenswertquartett fortan mit drei wechselnden „markanten Stimmen der Literaturkritik“ über aktuelle Bücher. In diesem Jahr zu Gast sind Wiebke Porombka von Deutschlandradio Kultur, aktuell Jurorin für den Preis der Leipziger Buchmesse, Marie Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, die 2019 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde, sowie der Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Klaus Kastberger. Das Prinzip ist bekannt: Jeder stellt der Runde jeweils einen aktuellen Roman zur Diskussion.

Michel Houellebecq: Serotonin

Das erste Buch, über das die Runde spricht, ist das unvermeidliche Serotonin von Michel Houellebecq – um das man, so Marie Schmidt, die den Roman zur Diskussion stellt, als Literaturkritiker praktisch nicht herumkomme. „Houellebecqs Bücher gehören zum Genre der gelesenen Literatur, sie werden in allen Feuilletons gleich am Erscheinungstag besprochen und sind immer Bestseller“, so Schmidt. Sie frage sich, warum das so sei: Serotonin sei schließlich auf allen Ebenen ein zutiefst depressiver Roman. Für Wiebke Porombka ist es darüber hinaus auch ein sowohl sprachlich als auch inhaltlich bloß mittelmäßiges Buch, das zudem noch von Houellebecqs fragwürdigen politischen Äußerungen überschattet werde. „Seine Provokationen wecken natürlich einen gewissen Kitzel“, erklärt sich Porombka den Hype um seine Veröffentlichungen. „Man sollte ihn aber infrage stellen.“ Kastberger glaubt ohnehin, dass zu Houellebecq schon lange vor Serotonin bereits alles gesagt worden sei. „Es ist ein Buch für den alten weißen Mann, also mich – aber ich fand’s auch nicht toll“, sagt er. „Warum sollte man dem widerwärtigen Protagonisten Empathie entgegenbringen? Er ist ein Schweinehund, die End- und Schwundstufe des Bildungsbürgers.“ Marie Schmidt attestiert Houellebecqs Figur dagegen eine tiefe Verlassenheit und das Bedauern darüber, dass er seinen eigenen Ansprüchen und Idealen nicht gerecht werde. „Die Impotenz des Protagonisten empfand ich als metaphorisch“, glaubt auch Wilke. „Er ist als Mann nicht mehr handlungsfähig.“ Zu ihrer Überraschung hat Wilke die erste Hälfte des Romans sogar gefallen, sie hält sein Thema zudem für durchaus relevant: Es gehe um das alte Konzept des Männlichen, das zwar überholt sei, aber eben nicht kampflos abgetreten werde. Kastberger warnt jedoch davor, die gesellschaftliche Wirkung von Serotonin zu unterschätzen: „Das Buch ist attraktiv für Leute, die genau dieses Weltbild wieder reaktivieren wollen.“ Ob das vom Autor beabsichtigt sei, hält er für unerheblich: „Die  Rechten lesen und besprechen das Buch, diese Lesart gibt es also.“

Aura Xilonen: Gringo Champ

Als nächsten Roman stellte Wiebke Porombka Gringo Champ von Aura Xilonen vor, der – von Susanne Lange – übersetzt – aktuell auch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Für Porombka ist das Buch der 19-jährigen Mexikanerin ein Ereignis: „Der Plot um den jungen Mann, der es über die Grenze in die USA schafft, ist für mich eine doppelte Emanzipationsgeschichte.“ Durch seine Arbeit als Handlanger in einem Buchladen entdecke er die Literatur für sich, zugleich emanzipiere er sich aber auch auf der körperlichen Ebene als Boxer. Vor allem zeichne sich Gringo Champ durch seine besondere Sprache aus. Genau diese ist jedoch der Hauptkritikpunkt von Kastberger: „Die Mischung aus Streetslang und Trendwörtern wirkt auf mich forciert und war besonders auf den ersten 50 Seiten sehr anstrengend.“ Daran gewöhne man sich zwar, die deutsche Sprache sei für einen solchen Sound jedoch einfach nicht gemacht. „Der Witz ist ja, dass es diese mit Codes vermischte Sprache so nicht gibt“, wendet Schmidt dagegen ein. Auch sie sei anfangs skeptisch gewesen, der Roman habe aber eine besondere Stimmung sowie eine starke, präsente Körperlichkeit. Den Ausgang des Romans empfand Insa Wilke allerdings als ziemlich konservativ –  mit Bildung und Arbeit werde alles gut. Für Porombka kein Problem: „Gringo Champ ist ein Buch über die emanzipatorische Kraft des Lesens.“

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge

Über Klaus Kastbergers Diskussionsvorschlag gibt es im Grunde keine Diskussion: Für alle auf dem Podium ist Clemens Setz einer der besten Schriftsteller seiner Generation. „Setz ist ein Außerirdischer, der über Graz abgeworfen wurde“, sagt Kastberger, der Der Trost runder Dinge für dessen bislang bestes Werk hält. „Es liest sich wie Science Fiction aus der Gegenwart.“ Die Geschichten seien schräg und abgehoben, aber trotzdem nicht so abgedriftet, dass man sie nicht auf unsere Kultur übertragen könne. „Setz wird oft mit Kafka oder Poe verglichen“, sagt Porombka und empfindet das als durchaus passend. „Auch seine Literatur ist oft ein Spiel mit dem Einbruch des Sonderbaren im Leben, ein Spiel mit Ängsten und Phantasien.“ Insa Wilke bringt den Kern seiner Texte mit einem Zitat von David Foster Wallace auf den Punkt, das Clemens Setz in seinem Manifest für die Literatur der Zukunft auch selbst verwendete: Man müsse mit Literatur die Bequemen verstören und die Verstörten trösten. Auch Marie Schmidt ist der Ansicht, dass Setz der beste Autor unserer Generation sei, muss aber gestehen, noch keines seiner Bücher zu Ende gelesen zu haben: „Ich bleibe immer an seinen vielen besonderen Sätzen hängen.“

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde

Als letztes stellt Insa Wilke ein schonungslos intimes Buch zur Diskussion, über das – zu Unrecht, wie Wilke findet – in der Literaturkritik geschwiegen wurde. In ihrem Buch Tage wie Hunde setzt sich Ruth Schweikert mit ihrer eigenen Brustkrebsdiagnose auseinander. Dennoch gehe es bei dem Buch weder um Anteilnahme noch darum, Mitleid zu erregen, so Wilke. „Schweikert erkundet vielmehr, was die Krankheit mit einem selbst und mit dem Umfeld macht.“ Für Porombka war es das härteste Buch aus der Auswahl des Abends und vor allem deshalb schwer zu lesen, weil der Krebs nicht als Metapher diene, sondern rein medizinisch betrachtet werde. Die literarische Qualität des Buches stellt sie jedoch nicht infrage, vor allem hebt sie seine gelungene fragmentarische Form hervor. „Sowohl am Ende von Absätzen als auch am Schluss setzt Schweikert keine Punkte – es soll nicht enden“, so Porombkas Interpretation. Auch Kastberger war mehr als positiv überrascht von dem Roman: „Das ist kein Brustkrebstagebuch, keine Betroffenheitsliteratur, sondern ein literarisches Ereignis.“ Tage wie Hunde sei eines der reflektiertesten Bücher, das er je über eine eigene Erkrankung gelesen habe.

Zugabe!

Zum Abschluss bittet lesen.hören 13-Programmleiterin Insa Wilke das gesamte Team auf die Bühne, das in den vergangenen 17 Tagen so hervorragende Arbeit geleistet hat, entsprechend groß ist der Applaus des Publikums. Hier wäre jetzt eigentlich auch ein Fazit des Festivalbloggers angebracht – den spare ich mir aber noch auf. Ganz zu Ende ist lesen.hören 13 nämlich nicht nicht: Am 3. April kommt Die Ärzte-Drummer Bela B. mit seinem Debütroman Scharnow für eine Festival-Zugabe nach Mannheim – ein guter Grund, noch einmal ins gemütliche Turmzimmer der Alten Feuerwache zurückzukehren!

Werbeanzeigen

Was ist das für 1 Kritik vong Internet her? Joshua Groß, Lisa Krusche und Lars Weisbrod im Gespräch bei lesen.hören 13

IMG_5136Man muss nicht die Tweets von Menschen wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verfolgen, um zu wissen, was falsch läuft in der Welt. Aber es hilft. Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta! Das komplette neoliberale Weltbild in a nutshell – Hut ab. Das kann, das sollte man kritisieren. Genau wie die AfD, wie Trump, die Brexiteers, die skrupellosen Konzerne, die ausbeuterischen Startups oder all die anderen Endgegner, die unsere Gegenwart zu der moralischen Bankrotterklärung machen, die sie nun mal ist. Allein: Es bringt nichts. Das jedenfalls meinen die Macher der Anthologie Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus, die Texte von Autoren wie Clemens Setz und Leif Randt oder Twitter-Künstlern wie Kurt Prödel, Startup Claus und Dax Werner vereint – und zu dem Schluss kommt, „dass der Neoliberalismus die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, bereits mitdenkt und nur mit und aus sich selbst heraus geschlagen werden kann.“ Klingt nach schwerer Kost? Ist tatsächlich aber ebenso komisch wie klug.

„Hier entsteht eine Generation junger Künstler, die eine neue Sprache und neue Formen suchen, um die Gegenwart zu erfassen“, glaubt lesen.hören-Programmleiterin Insa Wilke. Deshalb lud sie den Mitherausgeber des Bandes, Joshua Groß, und die Autorin Lisa Krusche ein, um im Jungen Nationaltheater gemeinsam mit dem Twitter-affinen ZEIT-Redakteur Lars Weisbrod über das Phänomen hinter Mindstate Malibu zu sprechen. „Besonders bei Twitter haben wir es mit neuen Sprachcodes zu tun, einem Mix aus Anspielungen und Versatzstücken etwa aus der Business-Sprache“, erklärt Weisbrod zu Anfang. Wie das im Konkreten aussieht? Die Stichworte sind Überaffirmation, Rekontextualisierung, Power-Dada. Etwa, indem sich in Tweets Inhalte zu Eigen gemacht werden, die eigentlich abgelehnt werden. Aber in schlecht. „Neoliberale Strategien werden zugespitzt und durch die Übersteigerung gebrochen“, sagt Lisa Krusche, die in Hildesheim literarisches Schreiben und in Braunschweig Kunstgeschichte studiert. Ganz neu sei das Konzept natürlich nicht, subversive Affirmation und Kommunikationsguerilla habe es schließlich bereits in den 60ern gegeben – das Internet habe die Form allerdings stark verändert. Vor allem ist es dort lustiger: „Es ist ermüdend, immer nur zu kritisieren – es darf auch Spaß machen.“ 

„In den letzten Jahren war das Schlagwort der merkelschen Alternativlosigkeit prägend“, sagt Herausgeber Joshua Groß, der 2018 als Autor beim Bachmann-Preis las. „Aber man kann Gegenwart auf sprachlich-ästhetischer Ebene anders denken.“ Etwa, indem man den vermeintlich motivierenden Tweet eines ausbeuterischen Startup-Chefs eins zu eins kopiere, dabei aber Fehler einbaue: „Das zeigt, dass an der Message etwas nicht stimmt.“ Für Krusche ist eine solche Rekodierung auch eine Form des Empowermemts, als Beispiel nennt sie die Instagrammerin Signe Pierce, die Geschlechterklischees auf die Spitze treibt und auf diese Weise hinterfragt: „Durch eine Rekontextualisierung schaue ich anders auf die Dinge. Man muss bloß einen Bruch, einen Riss einbauen.“

Nur: Warum muss das alles so trashig sein wie etwa das Musikvideo von Twitter-Autor Kurt Prödel, den sogar Clemens Setz als Vorbild nennt? Ist das nichts weiter als ein postmodernes Spiel mit Ironie? „Natürlich ist das ironisch“, sagt Groß. Es sei zugleich aber auch Kunst: „Wir leben in einer Zeit, in der wir immer performen müssen, keinen Makel haben dürfen. Das ist ein Bruch damit.“

„Wir brauchen eine utopische Kritik“

Am Beispiel des Rappers Money Boy zeigt sich dagegen, dass das Spiel mit Überaffirmation auch zu weit gehen kann. Der harte und ziemlich dämliche Gangster-Rapper ist eine Kunstfigur, in Wahrheit hat Sebastian Meisinger nicht nur einen Uni-Abschluss, sondern sogar seine Diplomarbeit über Rap und dessen Auswirkungen auf Jugendliche geschrieben. Dass er mit seinen frauenverachtenden Texten nur bekannte Klischees aufgreift, ändere jedoch nichts an ihrer negativen Wirkung, findet Lisa Krusche. Auch Groß glaubt, dass sich Meisinger inzwischen nicht mehr von der Kunstfigur trennen lasse: „Das ist wie bei Udo Lindenberg miteinander verschmolzen.“ Bei aller ironischen Überaffirmation darf der Ernst also nicht nicht gänzlich auf der Strecke bleiben. Joshua Groß bringt das im Twitter-Duktus auf den Punkt: „Nur wenn durch alle Ironie-Layer ein struggle durchscheint, ist es ein guter Tweet.“

Mit alles verneinender Kritik ist es für ihn ohnehin nicht getan. „Was wir brauchen, ist eine utopische Kritik. Entscheidend ist die Frage, wie wir in dieser Welt leben wollen“, so Groß. In diese Kerbe schlägt auch das Manifest des Podcast-Duos Creamspeak aus Mindstate Malibu, das zwischen den Gesprächen von Johannes Bauer, einem Schauspieler vom Jungen Nationaltheater, mit Verve vorgetragen wird: Ein sehr komischer und kluger Text über die Götter, die wir uns ausdenken, weil wir glauben, sie zu brauchen. Als wir den biblischen „Schlechte-Laune-Influencer“ hinter uns ließen, ersetzten wir ihn durch neue Götter wie Prestige, Leistung, Geld, einen Master in BWL. Paul Ziemiak gefällt das. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Tschuligom, was letzte preis?


Mindstate Malibu. Herausgegeben von Joshua Groß, Johannes Hertwig und Andy Kassier in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Erschienen bei Starfruit Publications, 320 Seiten. Zwei sehr lesenswerte Rezensionen zum Buch sind in der Süddeutschen und der ZEIT erschienen.