Monat: Februar 2019

Was ist das für 1 Kritik vong Internet her? Joshua Groß, Lisa Krusche und Lars Weisbrod im Gespräch bei lesen.hören 13

IMG_5136Man muss nicht die Tweets von Menschen wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verfolgen, um zu wissen, was falsch läuft in der Welt. Aber es hilft. Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta! Das komplette neoliberale Weltbild in a nutshell – Hut ab. Das kann, das sollte man kritisieren. Genau wie die AfD, wie Trump, die Brexiteers, die skrupellosen Konzerne, die ausbeuterischen Startups oder all die anderen Endgegner, die unsere Gegenwart zu der moralischen Bankrotterklärung machen, die sie nun mal ist. Allein: Es bringt nichts. Das jedenfalls meinen die Macher der Anthologie Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus, die Texte von Autoren wie Clemens Setz und Leif Randt oder Twitter-Künstlern wie Kurt Prödel, Startup Claus und Dax Werner vereint – und zu dem Schluss kommt, „dass der Neoliberalismus die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, bereits mitdenkt und nur mit und aus sich selbst heraus geschlagen werden kann.“ Klingt nach schwerer Kost? Ist tatsächlich aber ebenso komisch wie klug.

„Hier entsteht eine Generation junger Künstler, die eine neue Sprache und neue Formen suchen, um die Gegenwart zu erfassen“, glaubt lesen.hören-Programmleiterin Insa Wilke. Deshalb lud sie den Mitherausgeber des Bandes, Joshua Groß, und die Autorin Lisa Krusche ein, um im Jungen Nationaltheater gemeinsam mit dem Twitter-affinen ZEIT-Redakteur Lars Weisbrod über das Phänomen hinter Mindstate Malibu zu sprechen. „Besonders bei Twitter haben wir es mit neuen Sprachcodes zu tun, einem Mix aus Anspielungen und Versatzstücken etwa aus der Business-Sprache“, erklärt Weisbrod zu Anfang. Wie das im Konkreten aussieht? Die Stichworte sind Überaffirmation, Rekontextualisierung, Power-Dada. Etwa, indem sich in Tweets Inhalte zu Eigen gemacht werden, die eigentlich abgelehnt werden. Aber in schlecht. „Neoliberale Strategien werden zugespitzt und durch die Übersteigerung gebrochen“, sagt Lisa Krusche, die in Hildesheim literarisches Schreiben und in Braunschweig Kunstgeschichte studiert. Ganz neu sei das Konzept natürlich nicht, subversive Affirmation und Kommunikationsguerilla habe es schließlich bereits in den 60ern gegeben – das Internet habe die Form allerdings stark verändert. Vor allem ist es dort lustiger: „Es ist ermüdend, immer nur zu kritisieren – es darf auch Spaß machen.“ 

„In den letzten Jahren war das Schlagwort der merkelschen Alternativlosigkeit prägend“, sagt Herausgeber Joshua Groß, der 2018 als Autor beim Bachmann-Preis las. „Aber man kann Gegenwart auf sprachlich-ästhetischer Ebene anders denken.“ Etwa, indem man den vermeintlich motivierenden Tweet eines ausbeuterischen Startup-Chefs eins zu eins kopiere, dabei aber Fehler einbaue: „Das zeigt, dass an der Message etwas nicht stimmt.“ Für Krusche ist eine solche Rekodierung auch eine Form des Empowermemts, als Beispiel nennt sie die Instagrammerin Signe Pierce, die Geschlechterklischees auf die Spitze treibt und auf diese Weise hinterfragt: „Durch eine Rekontextualisierung schaue ich anders auf die Dinge. Man muss bloß einen Bruch, einen Riss einbauen.“

Nur: Warum muss das alles so trashig sein wie etwa das Musikvideo von Twitter-Autor Kurt Prödel, den sogar Clemens Setz als Vorbild nennt? Ist das nichts weiter als ein postmodernes Spiel mit Ironie? „Natürlich ist das ironisch“, sagt Groß. Es sei zugleich aber auch Kunst: „Wir leben in einer Zeit, in der wir immer performen müssen, keinen Makel haben dürfen. Das ist ein Bruch damit.“

„Wir brauchen eine utopische Kritik“

Am Beispiel des Rappers Money Boy zeigt sich dagegen, dass das Spiel mit Überaffirmation auch zu weit gehen kann. Der harte und ziemlich dämliche Gangster-Rapper ist eine Kunstfigur, in Wahrheit hat Sebastian Meisinger nicht nur einen Uni-Abschluss, sondern sogar seine Diplomarbeit über Rap und dessen Auswirkungen auf Jugendliche geschrieben. Dass er mit seinen frauenverachtenden Texten nur bekannte Klischees aufgreift, ändere jedoch nichts an ihrer negativen Wirkung, findet Lisa Krusche. Auch Groß glaubt, dass sich Meisinger inzwischen nicht mehr von der Kunstfigur trennen lasse: „Das ist wie bei Udo Lindenberg miteinander verschmolzen.“ Bei aller ironischen Überaffirmation darf der Ernst also nicht nicht gänzlich auf der Strecke bleiben. Joshua Groß bringt das im Twitter-Duktus auf den Punkt: „Nur wenn durch alle Ironie-Layer ein struggle durchscheint, ist es ein guter Tweet.“

Mit alles verneinender Kritik ist es für ihn ohnehin nicht getan. „Was wir brauchen, ist eine utopische Kritik. Entscheidend ist die Frage, wie wir in dieser Welt leben wollen“, so Groß. In diese Kerbe schlägt auch das Manifest des Podcast-Duos Creamspeak aus Mindstate Malibu, das zwischen den Gesprächen von Johannes Bauer, einem Schauspieler vom Jungen Nationaltheater, mit Verve vorgetragen wird: Ein sehr komischer und kluger Text über die Götter, die wir uns ausdenken, weil wir glauben, sie zu brauchen. Als wir den biblischen „Schlechte-Laune-Influencer“ hinter uns ließen, ersetzten wir ihn durch neue Götter wie Prestige, Leistung, Geld, einen Master in BWL. Paul Ziemiak gefällt das. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Tschuligom, was letzte preis?


Mindstate Malibu. Herausgegeben von Joshua Groß, Johannes Hertwig und Andy Kassier in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Erschienen bei Starfruit Publications, 320 Seiten. Zwei sehr lesenswerte Rezensionen zum Buch sind in der Süddeutschen und der ZEIT erschienen.

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Auftakt von lesen.hören 13 mit Joachim Meyerhoff

IMG_5068Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin neidisch. Auch in Stuttgart gibt es schöne Veranstaltungsorte, selbst wenn die meisten im Vergleich zum imposanten Saal der Alten Feuerwache vermutlich den Kürzeren ziehen würden. Auch in Stuttgart gibt es interessante Lesungen oder tolle Literaturveranstaltungen wie etwa den Sommermarkt der unabhängigen Verlage. Aber ein 17-tägiges Literaturfest, das programmatisch so ziemlich alles richtig macht, was man richtig machen kann – und das ganz ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack trotzdem für ausverkaufte Lesungen sorgt? Das hat nur Mannheim. Ein bisschen ist es wie mit dem Neckar. Der fließt genauso durch Stuttgart wie durch Mannheim, nur gibt es in der Landeshauptstadt anders als hier keinen einzigen schönen Fleck zum Verweilen am Ufer. Es kommt eben drauf an, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Und darauf, was man will. Ein anspruchsvolles und zeitgemäßes Kulturprogramm anzubieten ist eine bewusste Entscheidung – und die braucht Leidenschaft und Engagement.

Beides spürt man bei allen, die lesen.hören 13 organisieren, mehr als deutlich. Entsprechend groß ist dann auch die Freude, wenn es nach Monaten der Planung und vielen Überstunden endlich losgeht und ein voller Saal die Mühen belohnt: Der Auftakt des dreizehnten Literarurfests ist restlos ausverkauft, und das gilt, wie der Geschäftsführer der Alten Feuerwache Sören Gerhold bei seiner Eröffnungsrede betont, für fast alle Veranstaltungen in den nächsten 17 Tagen – einschließlich des ebenso umfangreichen Kinder- und Jugendprogramms. Das ist alles andere als selbstverständlich, denkt man an sinkende Leserzahlen und die Dauerkrise der Buchbranche, die durch die KNV-Insolvenz gerade erst aufs Neue virulent geworden ist. Für die Strategie vieler Publikumsverlage, deshalb nur noch auf die angeblichen Lesebedürfnisse der Masse zu schielen, zeigt Insa Wilke, die Programmleiterin von lesen.hören 13, in ihrer Eröffnungsrede nur wenig Verständnis: „Bücher müssen aus Überzeugung gemacht werden. Dass wir uns beim Lesen bloß wohlfühlen wollen, ist ein Gerücht.“ Bücher sollten die simple wie entsetzliche Tatsache, dass wir alle sterben werden, nicht ausblenden – ganz im Gegenteil. „Wir suchen in Büchern das Leben, suchen Antworten auf die Fragen, die uns unser eigenes Leben stellt. Das ist die Funktion von Literatur.“

Joachim Meyerhoff war bereits seit Jahren Wunschkandidat

Allerdings schlössen Schmerz und Lachen einander nicht aus, findet Wilke – und leitet damit passend über zum ersten Gast des Literaturfests: Genau dieser Gegensatz zwischen Humor und Trauer macht schließlich den Kern von Joachim Meyerhoffs Romanen aus. Meyerhoff ist ein komischer Autor, die Bücher seines autobiografischen Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch sprudeln über vor Sprachwitz, Pointen und skurrilen Anekdoten – und doch ist da immer auch Schmerz, Leid und Trauer. Etwa über den Verlust seines Bruders, seine lange Erfolglosigkeit als Schauspieler, seine Selbstzweifel. Oder aber über die Liebe: Die steht nämlich im Fokus des vierten Bandes Die Zweisamkeit der Einzelgänger, aus dem Meyerhoff an diesem Abend liest. Schon seit Jahren versuchte das lesen.hören-Team, den Schauspieler und Autor nach Mannheim zu locken, nie hat es geklappt. Darum war es nach seiner Zusage für 2019 nur logisch, den ewigen Wunschkandidaten dann auch das Festival eröffnen zu lassen.

Von seinem Vortragskönnen haben sie sich nicht zu viel versprochen: Der Bühnenschauspieler Meyerhoff liest mit seiner sonoren Stimme so lebhaft, dass es beinahe an eine Performance grenzt, und hat das amüsierte Publikum von Anfang an im Griff. Bei vielen kann eine anderthalbstündige Wasserglaslesung schnell mal zur Geduldsprobe werden, Meyerhoff hingegen vermag die Zuhörer bis zur letzten Minute zu fesseln. Das liegt auch an seiner Textauswahl: Meyerhoff beschränkt sich auf die launigeren Passagen im Buch und will sein Publikum vor allem zum Lachen bringen: ein Familienurlaub auf Elba, in der er sich als Junge mit beschlagener Taucherbrille an den FKK-Strand wagt und vor allen seine erste Erektion bekommt. Ein nächtlicher Spaziergang mit seiner Freundin Hannah, der zu einem Einbruch und Sex in einem Schuhgeschäft führt. Eine Kunstperformance, die Meyerhoff ausgerechnet beim Vortrag von Paul Celans Gedicht Die Todesfuge mit einem Lachkrampf ruiniert. In je einem Text stellt Meyerhoff Hannah, Franka und Ilse vor – die drei Frauen, die er alle zur selben Zeit liebte. „Ich würde jetzt gerne betroffen gucken, aber: Ich fand das toll, es war eine aufregende Zeit – auch wenn sie natürlich in einer Katastrophe endete“, erklärt Meyerhoff amüsiert. „Davon handelt das Buch: Dass man sich nach Dingen sehnt, die schön sind, aber trotzdem nicht gehen.“

Das Publikum hätte sich auch nach anderthalb Stunden noch nach mehr gesehnt und bedankte sich bei Meyerhoff mit anhaltendem Applaus und einer langen Schlange vor dem Signierstand. Und ich? Hätte gerne etwas mehr von dem Schmerz erfahren, der Joachim Meyerhoffs Bücher eben genauso ausmacht wie ihr Humor. Dass sich Zuhörer bei Lesungen immer wohlfühlen wollen – auch das ist nämlich ein Gerücht. Ein Wermutstropfen, wenn auch nur ein kleiner: Bestens unterhalten habe ich mich trotzdem gefühlt. Umso größer ist nun meine Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen an diesem Wochenende.

 

lesen.hören 13 in Mannheim

Bildschirmfoto 2019-02-19 um 22.00.02Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt: Dass ich schon seit Monaten nicht mehr zum Bloggen komme, tut mir mehr weh als euch. Befürchte ich zumindest. Dabei würde ich zu gerne etwas über die Bücher schreiben, die ich zuletzt gelesen habe – und werde das auch tun, sobald ich wieder dazu komme. Momentan bin ich beruflich aber einfach zu stark eingespannt, um dem Anspruch, den ich an mich selbst beim Rezensieren stelle, wirklich gerecht zu werden. Zum Glück darf ich meinen Blog ab dem kommenden Wochenende aber zumindest zeitweise aus dem Winterschlaf wecken: Ich habe nämlich die Ehre, das dreizehnte lesen.hören-Literaturfest als Blogger zu begleiten und damit in die großen Fußstapfen von Caterina Kirsten und Isabella Caldart zu treten.

Ab dem 22. Februar steht die Alte Feuerwache in Mannheim wieder für 17 Tage ganz im Zeichen der Literatur und lädt zu abwechslungsreichen Veranstaltungen mit Autoren, Schauspielern, Journalisten, Kritikern und Musikern. Das Programm liest sich jedenfalls schon mal großartig, umso mehr freue ich mich deshalb aufs erste Hören am Freitag – den Auftakt macht der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff mit Die Zweisamkeit der Einzelgänger, dem vierten und vorerst letzten Band aus seinem autobiografischen Romanzyklus. Meinen ersten Blogbeitrag über lesen.hören 13 gibt es am Samstag aus dem Gästezimmer im Turm der Alten Feuerwache, Live-Eindrücke vor Ort natürlich bereits am Freitag Abend bei Instagram.