„Fake“ ist da!

fake ist daWenn man den Paketboten stalkt und ihn schon hundert Meter vorm Haus fragt, ob er ein Paket für einen habe… Wer mich kennt, der weiß, dass der Weg hierhin nicht immer ganz leicht war – umso überwältigender ist nun die Freude, meinen neuen Roman Fake endlich in den Händen zu halten! Und was soll ich sagen? Das Buch ist wahnsinnig schön geworden! Tausend Dank an meinen Verlag Voland & Quist, meiner Agentin Annabelle Assaf und allen, die mich beim Schreiben des Buches unterstützt haben!

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„Fake“ für die Hotlist nominiert!

Hotlist Logo 2019_webWie großartig: Mein Roman Fake wurde noch vor Erscheinen am 1. September für die Hotlist 2019 nominiert! Aus 160 Einsendungen hat das Kuratorium eine Auswahl der besten 30 Bücher aus unabhängigen Verlagen getroffen, die es auf die diesjährige Hotlist schaffen können. Sieben der zehn Bücher wählt die Jury aus – drei Plätze werden jedoch durch ein Online Voting entschieden. Darum würde ich mich bis zum 20. August sehr über eure Stimme freuen! Mehr Infos, eine erste Leseprobe von Fake und das Online-Voting findet ihr unter diesem Link. Und wenn ihr schon mal da seid, werft unbedingt auch einen Blick auf die anderen 29 Kandidaten – denn dafür ist die Hotlist ja da: um auf die großartige und wichtige Arbeit unabhängiger Verlage wie Voland & Quist aufmerksam zu machen. Drückt mir die Daumen!

Idealistisches Ekel. Über „Serotonin“ von Michel Houellebecq

Serotonin - Michel HouellbeqcDieser Tage liest man sie überall, die Abgesänge auf den „alten weißen Mann“. Den traurigsten hat jedoch einer geschrieben, von dem man das am wenigsten erwartet hätte: In „Serotonin“ lässt Michel Houellebecq einen Mann in seinen vermeintlich besten Jahren angewidert und enttäuscht aus dem eigenen Leben aussteigen.

Keine Frage: Florent-Claude Labrouste ist ein Ekel. Er ist gleichgültig, selbstgerecht und herablassend, ein Alkoholiker, Sexist und SUV-Fahrer. Für seine japanische Freundin hat der wohlhabende Agraringenieur nur noch Verachtung übrig, überhaupt gibt es, seit sich seine Libido verabschiedet hat, nichts in seinem Leben, das noch irgendeine Bedeutung für ihn hätte – außer vielleicht ein Hotelzimmer, in dem er noch rauchen darf. Labrouste hat genug: genug von einem Job, der ihn seit Jahren frustriert, genug von einer Freundin, die ihn bei Gang Bang-Partys mit hohen und manchmal auch weniger hohen Tieren betrügt, genug von einem Leben, das nichts mehr für ihn bereitzuhalten scheint als alt zu werden und zu sterben. Dabei ist er noch keine fünfzig, hat 700.000 Euro auf seinem Konto – und praktisch nichts zu verlieren. Andere Autoren hätten einer Figur wie Labrouste vermutlich eine Läuterung, einen Neuanfang geschenkt. Houellebecq aber lässt seinen depressiven Protagonisten einfach aus seinem Leben aussteigen und sich dem Niedergang hingeben. Er kündigt Job und Wohnung und verschwindet, ohne sich zu verabschieden, nur um dann in einsamen Hotelzimmern vor sich hinzuvegetieren, Antidepressiva zu schlucken und in Rückschau die Fehler seines Lebens zu bedauern. Als er seinen Studienfreund Aymeric besucht, einen Bauern, der ebenfalls vor dem Scherbenhaufen seines Lebens steht, bekommt der allgegenwärtige Niedergang im Roman auch eine politische Dimension. Aymeric wird zur Galionsfigur eines bewaffneten Bauernwiderstands gegen die ruinös sinkenenden Milchpreise durch die EU. Der Kampf ist jedoch am Ende wie alles in Serotonin: aussichtslos.

Zwei alte weiße Männer

Auf Michel Houellebecq ist Verlass: Jeder neue Roman von ihm ist zunächst einmal ein Ereignis. Er wird in sämtlichen Feuilletons besprochen, landet zuverlässig an der Spitze der Bestsellerlisten – und löst stets einen Skandal aus. Das ist durchaus kalkuliert und, berücksichtigt man Houellebecqs zuweilen fragwürdigen politischen Äußerungen, auch ein Stück weit berechtigt. Tatsächlich ist Serotonin jedoch ein weitaus stillerer, melancholischerer Roman, als die reflexartige Aufregung um Houellebecqs Provokationen vermuten lässt.

Denn trotz seiner Verachtung gegenüber der Gesellschaft, der Politik und den Menschen ist dessen Figur Labrouste nämlich vor allem enttäuscht von sich selbst und davon, seinen eigenen Ansprüchen im Leben nicht gerecht geworden zu sein. Noch immer trauert er der Liebe seines Lebens nach, die er nach einem Seitensprung verloren hat, noch immer bewundert er die bedingungslose Liebe seiner Eltern als Ideal, weil sie nach einer Krebsdiagnose des Vaters gemeinsam Selbstmord begingen. Zyniker, heißt es, seien im Kern meist bloß enttäuschte Idealisten. Vermutlich trifft das auf Michel Houellebecq ebenso zu wie auf seinen Protagonisten. Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden weißen alten Männern: Der eine ist ein Auslaufmodell, das nicht mehr in unsere Zeit passt. Der andere dagegen ist noch immer auf der Höhe seiner Kunst. Nur sympathisch, das sind sie alle beide nicht.


Michel Houellebecq: Serotonin. 330 Seiten, übersetzt von Stephan Kleiner. Erschienen bei Dumont und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 3/19, das es hier als PDF zum kostenlosen Download gibt.

Die Gedanken sind frei. Über „Das hier ist Wasser“ von David Foster Wallace

das ist wasser_ wallaceDavid Foster Wallace gilt als einer der scharfsinnigsten Autoren seiner Generation. In Das hier ist Wasser, seiner berühmten Rede vor College-Absolventen im Jahr 2005, sprach Wallace drei Jahre vor seinem Tod über die Wichtigkeit von bewusstem Denken und Empathie im Alltag – und inspiriert damit bis heute.

Bei David Foster Wallace denken viele an Schwere. An sein schweres Leben, das den zeitlebens depressiven Autor 2008 in den Selbstmord trieb. An schwere, weil unfassbar dicke Romane. Und nicht zuletzt an schwere Texte, in denen Wallace seine Leser gerne mit unzähligen Figuren, Fußnoten, Bandwurmsätzen und Fremdwörtern herausforderte. Doch weit gefehlt: Gerade seine nicht-fiktionalen Texte, seine Essays oder Reportagen, sind ein idealer Einstieg in sein Werk. Sie sind zugänglicher als seine oft sperrige Kurzprosa und deutlich kürzer als die Romane, zeigen aber alles, was Wallace so besonders machte: seine sprachliche Brillanz und seinen Humor, seine präzise Beobachtungsgabe und seine Neugierde, nicht zuletzt aber auch seine Fähigkeit, vom Kleinen aufs große Ganze zu schließen.

Eine Entscheidung für Empathie

Das alles gilt auch für Das hier ist Wasser – und doch nimmt dieser Text im Werk von David Foster Wallace eine Sonderstellung ein. Das hier ist Wasser ist das Transkript einer Rede, die Wallace 2005 vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College hielt. Abschlussreden, in denen Prominente pathetische Lebensweisheiten zum Besten geben, haben eine lange Tradition in den USA. Wallace aber entschied sich gegen Pathos, gegen die üblichen optimistischen Plattitüden. Anstatt den Absolventen zu erzählen, dass sie mit ein wenig Selbstvertrauen und Fleiß alles in ihrem Leben erreichen könnten, spricht er über die Mühen des ganz normalen Erwachsenenlebens und darüber, wie wichtig es ist, sich im zersetzenden Alltag die Freiheit des Denkens zu bewahren. Denn Denken, das ist für Wallace vor allem eine Frage der bewussten Entscheidung: eine Entscheidung gegen unsere „Standardkonfiguration“, uns selbst als Mittelpunkt des Universums zu begreifen. Und eine Entscheidung für Empathie. Denn auch wenn es nicht immer gelingt, sich in der frustrierenden Supermarktschlange oder im Feierabendstau in die Situation anderer hineinzuversetzen und dadurch die eigene Lage zu relativieren – die Mühe ist es wert. In der bewussten Entscheidung, woran und wie man denkt, erkennt Wallace wahre Freiheit: „Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstellung, die Tretmühle – das ständige Nagen, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.“

Einfache, aber eben auch universale Weisheiten, die scheinbar – auch aufgrund der klaren Sprache – kaum etwas mit David Foster Wallaces literarischen Texten gemein haben. Allerdings nur auf den ersten Blick: Das zentrale Thema seines Meisterwerks Unendlicher Spaß ist die selbstzerstörerische Sucht nach permanenter Ablenkung vom eigenen Ich und der unerträglichen Realität. Sein Plädoyer zur Selbst-Vergegenwärtigung und Empathie in Das hier ist Wasser lässt sich durchaus als Gegenmittel, als Schlüssel verstehen. Zugleich arbeitete Wallace, als er die Rede hielt, bereits seit Jahren an seinem unvollendeten und posthum veröffentlichten Roman Der bleiche König, in dem er sich mit dem Ertragen alltäglicher zersetzender Langeweile befasste.

Dennoch ist Das hier ist Wasser nicht bloß ein Text für eingeschworene Wallace-Leser, im Gegenteil. Sein Appell zu bewussterem Denken und dazu, unsere egozentrische Weltsicht immer wieder neu infrage zu stellen, ist eine bereichernde Lektüre für jeden, der sich im frustrierenden Alltagstrott die Perspektive bewahren will. Sich ein schweres Leben kraft der Gedanken erträglich zu machen – David Foster Wallace selbst ist das aufgrund seiner Krankheit am Ende zwar nicht gelungen. Aber die richtigen Gedanken, die hatte er.


David Foster Wallace: Das hier ist Wasser. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch sowie als Lizenzausgabe bei der Büchergilde in einer Übersetzung von Ulrich Blumenbach, 64 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 2/2019.

„Fake“ in der Herbstvorschau von Voland & Quist

Heute hat mein Verlag Voland & Quist seine Herbstvorschau veröffentlicht – und das Layout kam mir gleich auf den ersten Blick vertraut vor: Angelehnt ist es nämlich ans Cover meines Romans Fake, der im September  – also irgendwie schon ziemlich bald! – erscheint. Aber blättert unbedingt weiter im Programm, ich bin nämlich in allerbester Gesellschaft mit vielversprechenden Büchern von Svetlana Lavochkina, Ziemowit Szczerek, Ahne, Nora Gomringer und Reimar Limmer sowie der Graphic Novel von Marc-Uwe Klings Quality Land!

Mische statt Wasserglas: Bela B. Felsenheimer in der Zugabe von lesen.hören 13

Bildschirmfoto 2019-04-29 um 23.05.12Eigentlich ging die 13. Ausgabe des Mannheimer Literaturfestivals lesen.hören bereits im März zu Ende, im April öffnete die Alte Feuerwache allerdings für eine Zugabe noch einmal ihre Pforten. Zugabe, das klingt ja vor allem nach einem Rockkonzert. Und genau danach sah die Menschenschlange rund um das Gebäude eine Stunde vor dem Auftritt von Bela B. Felsenheimer auch aus: In strömendem Regen warteten Hunderte auf Einlass, um den Ärzte-Star aus seinem Debütroman Scharnow lesen zu sehen – aufgrund des großen Andrangs ist es sogar bereits seine zweite Lesung an diesem Tag.

Dass die Deutschpunk-Ikone mit Hang zu Horrorfilmen und Trash eines Tages unter die Schriftsteller gehen würde, haben vermutlich nur die wenigsten erwartet. Eines überrascht an diesem Abend jedoch keinen: dass Felsenheimer viel zu sehr Rampensau ist, um eine gewöhnliche Wasserglaslesung zu geben. Als er im Bademantel auf die Bühne kommt, legt er zunächst eine Videokassette in einen alten VHS-Rekorder ein, dann beginnt eine Stimme aus dem Off, aus Schnarnow zu lesen, während sich Felsenheimer in aller Ruhe auf seinem Platz einrichtet. Auch sonst verlässt er sich, obwohl er durchaus vortragen kann, bei seiner Lesung nicht einfach nur auf seine Stimme und das Buch: Es kommen auch Animationen, Illustrationen, Bilder und – sehr zur Belustigung des Publikums – immer wieder Soundeffekte zum Einsatz. 

Drei Jahre von der Idee bis zum Buch

Felsenheimer selbst ist an diesem Abend, wie er sagt, in bester Laune – und man wird den Eindruck nicht los, dass er manchmal noch selbst ins Staunen gerät, wie gut er im Literaturbetrieb angenommen wird: „Ich begann diese Lesereise als völlig unerfahrener Bestsellerautor“, stellt er ironisch fest. Aber Felsenheimer gibt trotz aller Witze unumwunden zu, dass ihn der Erfolg seines Debüts stolz macht. Scharnow mag ein aberwitzig abstruses, blutiges und in Teilen absichtlich trashiges Buch sein, die Arbeit an ihm nahm Felsenheimer – anders, als man das von so manchem Promi-Autor vermuten würde – jedoch äußerst ernst. „Ich habe vor drei Jahren beschlossen, das Buch zu schreiben, ein Jahr damit gehadert und dann zwei Jahre mit Lektoren am Manuskript gearbeitet“, so Felsenheimer. Sein Verlagslektor habe sich zum Glück einigermaßen tapfer geschlagen – einmal habe er aber auch ein großes WTF?! an den Rand geschrieben.

Der Irrsinn von Scharnow mit seinen paranormalen, fantastischen Begebenheiten und 38 Protagonisten nebst einigen Tieren hat durchaus seinen Sinn, erklärt Felsenheimer: „Mir ging es darum, im Buch zwei Welten darzustellen – die fantastische und die profane Welt. Die Leute im Buch sind aber so sehr mit ihrem Alltag beschäftigt, dass sie das Fantastische nicht wahrnehmen.“ Bei seiner Lesung beschränkt sich Felsenheimer hauptsächlich auf einen Handlungsstrang um die vier Männer vom sogenannten „Pakt der Glücklichen“, die nackt einen Supermarkt ausrauben, um sich Alkohol zu beschaffen, und dabei eine blutige Kettenreaktion auslösen. Irgendwann stellt Felsenheimer eine Flasche Korn und Fanta auf den Tisch und gießt sechs Gläser „Mische“ zusammen, die er anschließend durchs Publikum reichen lässt. So viel zum Thema Wasserglaslesung.

Aber auch ohne Mische ist die Stimmung sowohl beim Publikum als auch beim Autor glänzend, es wird viel gelacht und geklatscht, immer mal wieder auch dazwischen gerufen. Felsenheimer selbst, der mehrfach abschweift und ins Reden kommt, hat sichtlich Spaß an seiner neuen Rolle. Die muss er an diesem Abend auch noch weit über die Lesung hinaus ausfüllen: Die anschließende Signierschlange erstreckt sich im großen Saal der Alten Feuerwache einmal ganz im Kreis. Und zwar mit Büchern in der Hand, nicht mit Ärzte-Alben.

„Fake“ erscheint im Herbst bei Voland & Quist

IMG_0066Mein neues Buch mag zwar Fake heißen, auf der Leipziger Buchmesse fühlt sich die Tatsache, dass es schon im Herbst erscheinen wird, aber plötzlich ziemlich echt an: Am Stand von Voland & Quist stellten die Verleger Karina Fenner, Leif Greinus und Sebastian Wolter bereits fleißig und, wie ich mir von befreundeten Bloggern sagen ließ, auch sehr überzeugend meinen kommenden Roman vor: ein tolles Gefühl, das Buch – zwar noch ohne Cover – in der Herbstvorschau zu sehen! Nur die Leseprobe bekam ich nie zu Gesicht, wenn auch ohne allzu großes Bedauern: Sie war nämlich vergriffen.

Ich hasse Menschen – das Buch von Julius Fischer ging während der diesjährigen Leipziger Buchmesse am Stand von Voland & Quist übrigens besonders gut weg. Bei mir ist nach Messen ja immer das Gegenteil der Fall: Zwar bin ich froh, endlich etwas Ruhe und vor allem Schlaf zu finden, aber zugleich auch sehr, sehr dankbar für all die vielen schönen und inspirierenden, manchmal auch herrlich albernen Begegnungen und Gespräche mit Freunden und KollegInnen. Doch auch wenn jede Buchmesse ein Highlight für mich ist – die kommende in Frankfurt wird in jedem Fall eine ganz besondere!

Mehr zum Roman Fake in Kürze!

Vier Leser im Gespräch: Literarisches Quartett bei lesen.hören 13

IMG_5341Ein Format, das nach dem Tod von Roger Willemsen drei Jahre lang ausgesetzt wurde, kehrt bei der letzten Veranstaltung von lesen.hören 13 auf vielfachen Wunsch des Publikums und in veränderter Form zurück: Für Vier Leser im Gespräch diskutiert Programmleiterin Insa Wilke vom SWR lesenswertquartett fortan mit drei wechselnden „markanten Stimmen der Literaturkritik“ über aktuelle Bücher. In diesem Jahr zu Gast sind Wiebke Porombka von Deutschlandradio Kultur, aktuell Jurorin für den Preis der Leipziger Buchmesse, Marie Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, die 2019 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde, sowie der Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Klaus Kastberger. Das Prinzip ist bekannt: Jeder stellt der Runde jeweils einen aktuellen Roman zur Diskussion.

Michel Houellebecq: Serotonin

Das erste Buch, über das die Runde spricht, ist das unvermeidliche Serotonin von Michel Houellebecq – um das man, so Marie Schmidt, die den Roman zur Diskussion stellt, als Literaturkritiker praktisch nicht herumkomme. „Houellebecqs Bücher gehören zum Genre der gelesenen Literatur, sie werden in allen Feuilletons gleich am Erscheinungstag besprochen und sind immer Bestseller“, so Schmidt. Sie frage sich, warum das so sei: Serotonin sei schließlich auf allen Ebenen ein zutiefst depressiver Roman. Für Wiebke Porombka ist es darüber hinaus auch ein sowohl sprachlich als auch inhaltlich bloß mittelmäßiges Buch, das zudem noch von Houellebecqs fragwürdigen politischen Äußerungen überschattet werde. „Seine Provokationen wecken natürlich einen gewissen Kitzel“, erklärt sich Porombka den Hype um seine Veröffentlichungen. „Man sollte ihn aber infrage stellen.“ Kastberger glaubt ohnehin, dass zu Houellebecq schon lange vor Serotonin bereits alles gesagt worden sei. „Es ist ein Buch für den alten weißen Mann, also mich – aber ich fand’s auch nicht toll“, sagt er. „Warum sollte man dem widerwärtigen Protagonisten Empathie entgegenbringen? Er ist ein Schweinehund, die End- und Schwundstufe des Bildungsbürgers.“ Marie Schmidt attestiert Houellebecqs Figur dagegen eine tiefe Verlassenheit und das Bedauern darüber, dass er seinen eigenen Ansprüchen und Idealen nicht gerecht werde. „Die Impotenz des Protagonisten empfand ich als metaphorisch“, glaubt auch Wilke. „Er ist als Mann nicht mehr handlungsfähig.“ Zu ihrer Überraschung hat Wilke die erste Hälfte des Romans sogar gefallen, sie hält sein Thema zudem für durchaus relevant: Es gehe um das alte Konzept des Männlichen, das zwar überholt sei, aber eben nicht kampflos abgetreten werde. Kastberger warnt jedoch davor, die gesellschaftliche Wirkung von Serotonin zu unterschätzen: „Das Buch ist attraktiv für Leute, die genau dieses Weltbild wieder reaktivieren wollen.“ Ob das vom Autor beabsichtigt sei, hält er für unerheblich: „Die  Rechten lesen und besprechen das Buch, diese Lesart gibt es also.“

Aura Xilonen: Gringo Champ

Als nächsten Roman stellte Wiebke Porombka Gringo Champ von Aura Xilonen vor, der – von Susanne Lange – übersetzt – aktuell auch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Für Porombka ist das Buch der 19-jährigen Mexikanerin ein Ereignis: „Der Plot um den jungen Mann, der es über die Grenze in die USA schafft, ist für mich eine doppelte Emanzipationsgeschichte.“ Durch seine Arbeit als Handlanger in einem Buchladen entdecke er die Literatur für sich, zugleich emanzipiere er sich aber auch auf der körperlichen Ebene als Boxer. Vor allem zeichne sich Gringo Champ durch seine besondere Sprache aus. Genau diese ist jedoch der Hauptkritikpunkt von Kastberger: „Die Mischung aus Streetslang und Trendwörtern wirkt auf mich forciert und war besonders auf den ersten 50 Seiten sehr anstrengend.“ Daran gewöhne man sich zwar, die deutsche Sprache sei für einen solchen Sound jedoch einfach nicht gemacht. „Der Witz ist ja, dass es diese mit Codes vermischte Sprache so nicht gibt“, wendet Schmidt dagegen ein. Auch sie sei anfangs skeptisch gewesen, der Roman habe aber eine besondere Stimmung sowie eine starke, präsente Körperlichkeit. Den Ausgang des Romans empfand Insa Wilke allerdings als ziemlich konservativ –  mit Bildung und Arbeit werde alles gut. Für Porombka kein Problem: „Gringo Champ ist ein Buch über die emanzipatorische Kraft des Lesens.“

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge

Über Klaus Kastbergers Diskussionsvorschlag gibt es im Grunde keine Diskussion: Für alle auf dem Podium ist Clemens Setz einer der besten Schriftsteller seiner Generation. „Setz ist ein Außerirdischer, der über Graz abgeworfen wurde“, sagt Kastberger, der Der Trost runder Dinge für dessen bislang bestes Werk hält. „Es liest sich wie Science Fiction aus der Gegenwart.“ Die Geschichten seien schräg und abgehoben, aber trotzdem nicht so abgedriftet, dass man sie nicht auf unsere Kultur übertragen könne. „Setz wird oft mit Kafka oder Poe verglichen“, sagt Porombka und empfindet das als durchaus passend. „Auch seine Literatur ist oft ein Spiel mit dem Einbruch des Sonderbaren im Leben, ein Spiel mit Ängsten und Phantasien.“ Insa Wilke bringt den Kern seiner Texte mit einem Zitat von David Foster Wallace auf den Punkt, das Clemens Setz in seinem Manifest für die Literatur der Zukunft auch selbst verwendete: Man müsse mit Literatur die Bequemen verstören und die Verstörten trösten. Auch Marie Schmidt ist der Ansicht, dass Setz der beste Autor unserer Generation sei, muss aber gestehen, noch keines seiner Bücher zu Ende gelesen zu haben: „Ich bleibe immer an seinen vielen besonderen Sätzen hängen.“

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde

Als letztes stellt Insa Wilke ein schonungslos intimes Buch zur Diskussion, über das – zu Unrecht, wie Wilke findet – in der Literaturkritik geschwiegen wurde. In ihrem Buch Tage wie Hunde setzt sich Ruth Schweikert mit ihrer eigenen Brustkrebsdiagnose auseinander. Dennoch gehe es bei dem Buch weder um Anteilnahme noch darum, Mitleid zu erregen, so Wilke. „Schweikert erkundet vielmehr, was die Krankheit mit einem selbst und mit dem Umfeld macht.“ Für Porombka war es das härteste Buch aus der Auswahl des Abends und vor allem deshalb schwer zu lesen, weil der Krebs nicht als Metapher diene, sondern rein medizinisch betrachtet werde. Die literarische Qualität des Buches stellt sie jedoch nicht infrage, vor allem hebt sie seine gelungene fragmentarische Form hervor. „Sowohl am Ende von Absätzen als auch am Schluss setzt Schweikert keine Punkte – es soll nicht enden“, so Porombkas Interpretation. Auch Kastberger war mehr als positiv überrascht von dem Roman: „Das ist kein Brustkrebstagebuch, keine Betroffenheitsliteratur, sondern ein literarisches Ereignis.“ Tage wie Hunde sei eines der reflektiertesten Bücher, das er je über eine eigene Erkrankung gelesen habe.

Zugabe!

Zum Abschluss bittet lesen.hören 13-Programmleiterin Insa Wilke das gesamte Team auf die Bühne, das in den vergangenen 17 Tagen so hervorragende Arbeit geleistet hat, entsprechend groß ist der Applaus des Publikums. Hier wäre jetzt eigentlich auch ein Fazit des Festivalbloggers angebracht – den spare ich mir aber noch auf. Ganz zu Ende ist lesen.hören 13 nämlich nicht nicht: Am 3. April kommt Die Ärzte-Drummer Bela B. mit seinem Debütroman Scharnow für eine Festival-Zugabe nach Mannheim – ein guter Grund, noch einmal ins gemütliche Turmzimmer der Alten Feuerwache zurückzukehren!

Aleida und Jan Assmann stellen bei lesen.hören 13 die Bücher ihres Lebens vor

IMG_5338Es ist zwar erst die vorletzte Veranstaltung von lesen.hören 13, allerdings die letzte, die am Abend stattfindet. Der volle Saal der Alten Feuerwache bietet Programmleiterin Insa Wilke daher die perfekte Gelegenheit für ein vorzeitiges Resümee. Wieder sei es ein so besonderes Festival geworden, dass es längst nicht mehr darum gehe, sich im Vergleich zum Vorjahr zu steigern, so Wilke. Sie spricht von magischen Momenten wie dem langen, nicht abgesprochenen Schweigen für Roger Willemsen, von der großen Resonanz des aufgeschlossenen und aufmerksamen Publikums, von der überaus positiven Rückmeldung der AutorInnen. Nicht zuletzt spricht Wilke aber auch den vielen Mitwirkenden ihren Dank aus: „Professionell sind sie auch anderswo. Die Herzenswärme im lesen.hören-Team ist jedoch ganz und gar einzigartig.“

Das Stichwort Herzenswärme nutzt Wilke dann auch, um zu den Gästen des Abends überzuleiten: Dem Forscherehepaar Aleida und Jan Assmann attestiert Wilke eine große Fülle an Lebenserfahrung und Enthusiasmus – beide stünden für eine aufrichtige Begegnung mit der Gegenwart. Moderiert von René Aguigah (Deutschlandradio Kultur) sollen die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler an diesem Abend über die Bücher ihres Lebens sprechen und anhand ihrer ausgewählten Beispiele zeigen, wie sich Leben und Lektüre miteinander verflochten haben. Warmherzig ist dann auch der langanhaltende Applaus, mit dem das Publikum die Gäste begrüßt, ein Beweis der großen Wertschätzung für das Ehepaar, das 2018 gemeinsam mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Spuren früherer Lektüren

In der Begründung der Preisverleihung heißt es, das Forscherpaar habe „sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriert und ergänzt“; trotz ihrer vielen Gemeinsamkeiten trafen Aleida und Jan Assmann für diesen Abend jedoch eine gänzlich unterschiedliche Buchauswahl. Zunächst stellt Aleida Assmann einen absoluten Klassiker vor: Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger – ein Roman, den man geradezu inhaliere, so Assmann. „Das Buch habe ich, wie man sieht, schon sehr lange in meiner Bibliothek. Es war ein Geschenk von Jan, als ich noch in die Schule ging – Jahre vor unserer Hochzeit“, erklärt sie. Das Buch trägt noch deutliche Spuren ihrer damaligen Lektüre, die Seitenränder sind mit etlichen handschriftlichen Kürzeln versehen. „So habe ich mir den Roman damals erschlossen: mit Schlüsseln und Codes“, sagt Assmann – und fügt zur Begründung ihrer Auswahl hinzu: „Der Roman war ein Code für eine ganze Generation, gab ihr eine neue Sprache.“ Den zweiten Roman ihrer Auswahl könne man, sagt sie, im Regal direkt neben Salingers Klassiker stellen: Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers. Doch obwohl auch dieses Buch schon lange in ihrem Regel gestanden hatte, las Assmann es erst vor einigen Jahren, als eine Studentin sich von ihr darüber prüfen lassen wollte: „Ich bin ihr so dankbar – das Buch hat mich umgehauen!“

McCullers schrieb den Roman bereits zehn Jahre vor Salinger, dennoch sieht Assmann in ihm ein Pendant zum Fänger im Roggen. Das Herz ist ein einsamer Jäger ist zwar multiperspektivisch geschrieben und erzählt von einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten, die von Gewalt und den Problemen der Rassentrennung geprägt ist, in einer der vielen Figuren – die jugendliche Mick – erkennt Assmann aber viele Parallelen zu Salingers Abweichler Holden Caulfield. „Beides sind uramerikanische Romane: Der Einzelne, der abweicht, muss gegenüber der Masse seine Ideale erkämpfen.“ 

Initialzündungen durch Bücher

Über beide Bücher hat Aleida Assmann nie professionell geschrieben, vielmehr haben sie einen hohen persönlichen Stellenwert für sie und sind dadurch zum Teil ihrer eigenen Identität geworden. „Ich habe meine Aufgabe anders verstanden als Aleida“, sagt ihr Mann Jan und erklärt daraufhin, wie er seine Auswahl für den Abend traf: „Die Bücher, die ich dagegen mitgebracht habe, prägten mich in meinem geistigen Werdegang.“ So auch Musikalische Reise ins Land der Vergangenheit von Romain Rolland, eine Aufsatzsammlung über klassische Komponisten, die Jan Assmann zu seinem elften Geburtstag geschenkt bekam. Große Literatur sei sie nicht, gibt er zu – ihr habe er allerdings seine große und lebenslange Liebe zu Georg Friedrich Händel zu verdanken. „Musik hat eine somatische Qualität“, schwärmt Assmann. „Wenn man Händel hört, spürt man es fast körperlich.“ Auch das zweite Buch seiner Auswahl war ein Geburtstagsgeschenk – jedenfalls fast. Für Väterchen steht im Einband von Karls Jaspers Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, diesem wollte Assmann das Buch eigentlich zu seinem 55. Geburtstag schenken. Noch ehe er es hätte überreichen können, hatte er das Buch jedoch bereits intensiv durchgearbeitet und etliche Stellen markiert. „Früher war mein Traumberuf Komponist, darin war ich aber nicht begabt“, sagt Assmann. „Nach diesem Buch wusste ich, was ich studieren wollte – um es, wie ich als Jugendlicher damals dachte, einmal besser zu machen.“ 30 Jahre später entdeckte er das Buch akademisch wieder und veröffentlichte mit Achsenzeit 2018 sogar ein eigenes Buch über den Klassiker von Jaspers. Auch für Aleida Assmann hat Karl Jaspers eine so große Bedeutung, dass sie ihn gemeinsam mit ihrem Mann ins Zentrum ihrer Dankesrede zum Friedenspreis stellte. „Ich schätze ihn aufgrund seiner Kritik an unserem eurozentrischen und überheblichen Weltbild“, so die Wissenschaftlerin. Es sei unsere große Aufgabe der nächsten Jahre, Europa in eine globalisierte Welt zu überführen. 

„Da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“

Die nächsten Romane ihrer eigenen Auswahl – Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja sowie Engel des Vergessens von Maja Haderlap – setzt Aleida Assmann abermals miteinander in Verbindung, wie sie es anfangs bereits mit Salinger und McCullers tat. Beide Autorinnen schrieben den Roman auf Deutsch und damit nicht in ihrer Muttersprache, beide lasen beim Bachmannpreis in Klagenfurt, beide beschäftigen sich in ihren Büchern mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dennoch gibt es einen großen Kontrast zwischen beiden Romanen: Während in Vielleicht Esther eine Familiengeschichte anhand weniger Fragmente rekonstruiert wird, ist es in Engel des Vergessens dagegen eine Überfülle an Erinnerungen, mit der sich die Protagonistin konfrontiert sieht. 

Auch das letzte Buch, über das an diesem Abend ausführlich gesprochen wird, hat etwas mit Erinnerung zu tun – und zwar die des Ehepaars Assmann an den 1987 verstorbenen Religionssoziologen, Philosophen und Judaisten Jacob Taubes. Gemeinsam gaben sie nach dessen Tod das redigierte Transkript seiner letzten Vortragsreihe als Buch heraus. Als Basis für Die politische Theorie des Paulus dienten lediglich Tonbänder der Vorträge und Diskussionen in schlechter Qualität. „Monatelang saß Aleida mit Kopfhörern am Schreibtisch“, erinnert sich Jan Assmann. „Sie hat es verstanden, die besondere Diktion von Taubes wiederzugeben.“ Es gibt aber nicht nur einen wissenschaftlichen Grund, weshalb er diese Veröffentlichung als eines der Bücher seines Lebens ausgewählt hat. „Die Begegnung mit Jacob Taubes hat unser beider Leben umgekrempelt. Er hat uns die Spur des Jüdischen in der europäischen Geistesgeschichte vor Augen geführt – da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“, so Assmann. 

Für die restlichen Bücher, darunter Thomas Manns Joseph und seine Brüder, blieb am Ende des Abends nur noch Zeit für Kurzvorstellungen – und das aus einem einfachen Grund: Wenn Aleida und Jan Assmann ins Reden kamen, wollte niemand – einschließlich des Moderators René Aguigah – auf die Uhr schauen. Und das war auch gut so: Wenn die Bücher eines Lebens tatsächlich einen Teil der persönlichen Identität bilden, haben Aleida und Jan Assmann dem Publikum einen tiefen Einblick in ihr Innerstes geschenkt. An diesem Abend ging es schließlich nicht einfach nur um Bücher. Sondern um das, was sie in einem Menschen, in einem Leben bewegen können.

 

Nein heißt ja: Petra Piuk dekonstruiert die heile Welt des Schlagers bei lesen.hören 13

IMG_5337Wer meine bisherigen Beiträge zum inzwischen leider beendeten lesen.hören 13 in Mannheim verfolgt hat, dürfte einen Eindruck von der großen Vielfalt des diesjährigen Festivals bekommen haben. Klassische Wasserglaslesungen gab es zwar auch, etwa beim Auftakt mit Joachim Meyerhoff. Aber eben auch Diskussionen über neue Kritikformen bei Twitter, Auszüge aus den NSU-Protokollen, Live-Jazz zu Texten von Roger Willemsen. Oder aber, an diesem Abend: einen Heimatroman mit Schlagersongs. Beziehungsweise: deren Dekonstruktion. Im Gespräch mit der Komödiantin und Schauspielerin Cordula Stratmann stellte die österreichische Autorin Petra Piuk ihren zweiten Roman Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman vor – zusammen mit den von Christoph Pütthoff grandios ironisch intonierten Schlagersongs eine Kombination, die für einen sehr lebendigen und launigen Abend sorgte.

Häusliche Gewalt in Dörfern alltäglich

Abgedroschene Klischees von Heimat und Dorfidyll sind natürlich ein allzu dankbarer Stoff für einfache Lacher. Interessant wird es hingegen, wenn die Brüche, die Abgründe hinter der grotesken Scheinwelt zutage treten. Und eben diese Abgründe sind es auch, mit denen Petra Piuk in ihrem „Heimatroman“ so schonungslos wie komisch abrechnet. Immer wieder bricht häusliche und sexuelle Gewalt brutal in die vermeintlich heile Welt ein, die in Schlagern so gerne besungen, in Filmen so gerne idealisiert wird. Der Bruch ist aber nur ein scheinbarer: „In Österreich ist Gewalt gegenüber Kindern und vor allem Frauen gerade in ländlichen Gegenden noch weit verbreitet und für viele normal“, sagt Piuk. Zur Recherche sammelte sie über einen langen Zeitraum Lokalnachrichten über häusliche Gewalt und führte viele Interviews, teils sogar an überraschend auskunftsfreudigen Stammtischen. „Auch in Großstädten gibt es natürlich viel Elend. In Dörfern gibt es aber eine Form der vererbten Gewalt, die sich von Generation zu Generation überträgt“, so Piuk. Ein Kreislauf, der im hermetisch abgeriegelten Dorf nur schwer zu durchbrechen sei. So geht es auch den Figuren in ihrem Roman. Schon als Kind ahmt der vermeintliche Held Toni seinen gewalttätigen und sexuell übergriffigen Vater nach, als Erwachsener entwickelt er sich später zum emphatielosen Mörder, der nicht nur keine Ironie versteht, sondern Schlagertexte und Binsenweisheiten auch allzu wörtlich nimmt. „Der Roman erzählt die Geschichte, wie ein Täter entsteht“, sagt Piuk. Ganz so einfach sei es allerdings nicht: Alle Figuren seien sowohl Täter als auch Opfer zugleich.

Wut und Spieltrieb

Tatsächlich, stellt Piuk im Gespräch mit Stratmann fest, sei Gewalt der gemeinsame Nenner all ihrer Geschichten. „Wut ist ein ganz großer Motor für mich beim Schreiben. Das gleiche gilt für meinen Spieltrieb.“ Letzterer spiegelt sich in den gelesenen Passagen deutlich wider. Toni und Moni ist kein stringent erzählter Roman. Während Piuks sarkastischer Humor auch noch das letzte Dorfklischee gallig dekonstruiert, brechen Metaebenen und Fußnoten immer wieder den Erzählfluss auf oder bilden echte Zeitungsmeldungen einen harten Kontrast zur geschilderten heilen Welt. Doch so amüsant das Buch und der Abend in der Alten Feuerwache stellenweise ist, das Anliegen von Piuk ist ein Ernstes: „Natürlich will ich mit dem Roman auch Aufrütteln. Zu viele Menschen schauen weg, obwohl diese Probleme alltägliche Realität sind“, sagt die Österreicherin, die 2018 mit dem Preis Wortmeldungen für kritisches Denken in der Literatur ausgezeichnet wurde. „Man darf die Dörfer nicht abschotten, sondern muss stattdessen für Aufklärung, Frauenhäuser und mehr Beratungsstellen auf dem Land sorgen.“

Schlager zur Vergewaltigung

Sowohl die gelesenen Romanauszüge als auch das Gespräch sorgten für einen unterhaltsamen Abend, die heimlichen Stars waren aber tatsächlich andere: Christoph Pütthoff, Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, sang zwischen den Gesprächsblöcken in Begleitung vom Pianisten Günter Lehr die abgründigsten deutschen Schlagersongs der jüngeren Vergangenheit – und das mit solch ironisch gebrochener Inbrunst, dass ihm das hochamüsierte Publikum sicher auch einen ganzen Abend lang gelauscht hätte. Vermutlich wäre das allerdings nur schwer zu ertragen gewesen: Über Wenn ich an meine Heimat denke von Hansi Hinterseer kann man sich noch relativ harmlos amüsieren. Bei Uwe Busses Ich bin ein zärtlicher Tyrann bleibt einem dann schon mal das Lachen im Halse stecken. Wirklich abgründig wird es – zumal am Weltfrauentag, an dem die Veranstaltung stattfand – aber spätestens beim Song Nein heißt ja von G.G. Anderson, den Petra Piuk in ihrem Roman in eine Vergewaltigungsszene montiert: 

Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du / Warum willst Du Deinem Herz nicht trau’n / Nein heißt ja / Wenn man flüstert so wie Du / Du kannst mir ruhig in die Augen schau’n / Nimm den Mut in die Hand / Pfeif auf Deinen Verstand / Und vertrau darauf was Du fühlst / Oh – Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du

Das Publikum klatschte nach Aufforderung von Christoph Pütthoff beherzt mit. Der kleine, aber feine Unterschied zum Dorfzelt? Im Saal der Alten Feuerwache war es ironisch gemeint.