Retten, was zu retten ist. Über „Erschütterung“ von Percival Everett

everett_erschütterungIn den USA, Frankreich und Italien ist Percival Everett längst Kult, hierzulande gilt er noch als Geheimtipp. Zeit, das endlich zu ändern: In seinem wohl spannendsten und bewegendsten Roman Erschütterung erzählt der Autor von einer Verzweiflungstat. Weil er seine Tochter nicht vor ihrer unheilbaren Krankheit bewahren kann, entschließt sich ein Vater stattdessen zu einer wahnwitzigen Rettungsmission nahe der mexikanischen Grenze.

Zach Wells ist niemand, dem man eine Heldentat zutraut. Schließlich ist der Schwarze Paläontologieprofessor nicht gerade ein netter Mensch. Gegenüber Studierenden und KollegInnen ist er zumeist so schonungslos ehrlich und ironisch distanziert, dass es an Schroffheit grenzt. Auch sich selbst betrachtet er bloß mit selbstgerechter, fast spöttischer Abgeklärtheit. Echtes Engagement für andere, gar Herzlichkeit? Fehlanzeige. Mit den Fossilienfunden aus der abgeschiedenen Höhle, für die er als Experte gilt, scheint er sich wohler zu fühlen als in der Gegenwart lebender Menschen.

Mit einer Ausnahme: Zuhause bei seiner zwölfjährigen Tochter Sarah ist Zach nämlich ein anderer. Die Liebe zu ihr macht einen besseren Menschen aus ihm – und er weiß das. Im Gegensatz zur von Alltag und Entfremdung ermatteten Ehe mit seiner Frau Meg ist die Beziehung zwischen Sarah und ihm von spielerischer Leichtigkeit geprägt. Ob während ihrer regelmäßigen Schachpartien, beim Wandern oder am Esstisch, ständig überbieten die beiden einander mit schlagfertigen Kommentaren oder Insiderwitzen, bei denen Sarahs Mutter außen vor bleibt. Zachs Liebe zu ihr ist so bedingungslos wie aufrichtig, allein sie ist es, die ihm das Leben überhaupt lebenswert erscheinen lässt. Daher ist es auch kein Wunder, dass Zach es als Erster bemerkt: Irgendetwas stimmt mit Sarah nicht. Am Anfang steht ein ungewohnt fahrlässiger Fehler beim Schach, am Ende eine Diagnose, die Zach zutiefst erschüttert. Auf der Suche nach der Ursache für Sarahs rätselhafte Sehstörungen wird bei ihr wird das Batten-Syndrom diagnostiziert – eine unheilbare Krankheit, die für die Zwölfjährige nicht nur baldige Demenz, sondern auch einen frühen Tod bedeutet.

Der erste zweier Wendepunkte im Roman

Es ist Sarahs Diagnose, die den ersten zweier Wendepunkte in Percival Everetts Meisterwerk Erschütterung markiert. Was wie ein sarkastischer Campus-Roman beginnt, kippt so jäh ins Tragische, dass es kaum auszuhalten ist. Auf einmal ist man als LeserIn ganz bei Zach, dem Antihelden, den man eben noch scheitern sehen wollte oder dem man wenigstens eine ordentliche Läuterung an den Hals gewünscht hat. Mit schmerzhafter Klarheit, aber ohne Pathos rückt Everett nun die Hilflosigkeit seines Protagonisten in den Fokus: Egal, was er tut, Zach kann Sarah nicht retten. Ihm und Meg bleibt nichts anderes übrig, als tatenlos zuzusehen, wie ihre Tochter Tag für Tag mehr verschwindet.

Aus Verzweiflung kapselt sich Zach immer weiter von seiner Familie ab. Mit der voranschreitenden Demenz seiner Tochter tritt an die Stelle tiefer Trauer jedoch Entschlossenheit: Als er im Kragen eines im Internet gekauften Hemdes einen eingenähten Hilferuf findet, der ihn auf die Spur entführter mexikanischer Frauen führt, trifft Zack nämlich eine riskante Entscheidung. Wenn er Sarah schon nicht retten kann, dann muss er eben jemand anderen retten, ganz gleich, ob aus Altruismus oder bloß für sich selbst. Anstatt seiner Frau Meg zur Seite zu stehen, bricht Zack ins Gebiet nahe der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze auf, um diese Frauen irgendwie zu retten – und plötzlich nimmt Percival Everetts Roman eine weitere überraschende Wendung.

Wozu sich festlegen?

Bei seinen Büchern weiß man nie, was einen erwartet: Vielleicht ist das neben dem trockenen Humor die größte Konstante im Schaffen von Percival Everett. Sein Literaturagent soll – so jedenfalls die Legende – ihn sogar schon einmal angefleht haben, sich als Autor doch bitte, bitte einmal zu wiederholen. Offenbar vergebens: Keiner der mehr als zwanzig Romane, die der 1956 geborene, preisgekrönte US-Autor und Englischprofessor bislang veröffentlicht hat, gleicht dem anderen. Im Falle von Telephone, so der Titel der für den Pulitzer-Preis nominierten Originalversion von Erschütterung, trifft Everetts Unberechenbarkeit sogar auf ein einzelnes Buch zu. Man munkelt, dass drei leicht abweichende Versionen des Romans existieren sollen …

Typisch für Percival Everett: Wozu sich festlegen? Einer wie er lässt sich halt nur ungern einordnen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Schwarze Schriftsteller selbst in den USA lange eher als Geheimtipp galt – eine Art Writer’s Writer, der vor allem von anderen AutorInnen geschätzt wird, aber nie den ganz großen Erfolg hatte. Trotzdem wächst seine Fangemeinde stetig, wie auch in Frankreich und Italien, wo Percival Everett längst als Kultautor gilt und bereits seit Jahren übersetzt wird. Anders in Deutschland: Hierzulande ist er fast noch ein Unbekannter; tatsächlich ist Erschütterung erst das vierte Buch, das ins Deutsche übertragen wurde.

Von der Westernparodie zum Neo-Western

Ein bemerkenswertes Beispiel für die literarische Spannbreite Everetts erschien bereits 2014 in der Weltlese-Reihe der Büchergilde: Herausgegeben von Ilija Trojanow, der Everett einmal als „literarischen Quentin Tarantino auf Speed“ bezeichnete, bildet der Roman God’s Country einen starken Kontrast zum bewegenden Erschütterung. God’s Country, ursprünglich im Jahr 1994 veröffentlicht, ist eine derbe Westernparodie, die das Spiel mit Genreklischees mit viel Witz auf die Spitze treibt Es ist alles da, was man aus alten Hollywoodschinken und Groschenromanen kennt: die Saloons und die Pistolenduelle, markige Cowboys und Native Americans, Bankräuber und Sheriffs, die ihnen mit dem Galgen drohen. Everetts Personal ist so überzeichnet wie in einer Kino-Groteske, sein Thema jedoch ein ernstes: Indem er dem moralisch verkommenen Ich-Erzähler Curt Marder den aufrechten und integren Schwarzen Fährtenleser Bubba an die Seite stellt, um gemeinsam Marders entführte Frau zu retten, stellt Everett im Laufe des Romans nicht nur den Rassismus seiner Hauptfigur und der damaligen Zeit bloß – er entlarvt auch den inhärenten Rassismus einer ganzen Gattung: Der klassische Western hat die US-amerikanische Kultur geprägt wie kein anderes Genre. Sein Narrativ ist, wie Everett zeigt, aber durch und durch von rassistischen Klischees geprägt, die bis heute in die Gesellschaft hineinwirken.

Obwohl Everetts trockener Witz auch im ungleich ernsteren Erschütterung durchscheint und beide Romane in eine waghalsige Rettungsmission münden, könnten sie kaum unterschiedlicher sein – dabei kommt Everett dem Western im letzten Drittel Erschütterung tatsächlich so nahe wie seit God Country nicht mehr. Als der trauernde Paläontologe Zach Wells im Grenzgebiet zu Mexiko das Fabrikgebäude entdeckt, in der US-amerikanische Neonazis ein gutes Dutzend entführter mexikanischer Frauen zur Arbeit zwingen, findet man sich als LeserIn plötzlich im Setting eines Neo-Westerns wieder und fühlt sich an die trostlosen Wüstenszenen hinter Albuquerque aus der Serie Breaking Bad oder an den Film No Country for Old Men von den Coen-Brüdern erinnert.

Eine Pointe, auf die nur einer wie Everett kommen kann

Mit diesem Bruch im Plot gelingt Everett ein wahres Kunststück: Ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, wird der anfangs launige, später tieftraurige Roman auf einmal zu einem fesselnden Pageturner, in dem sich der Protagonist ernsthaft in Gefahr begibt. Zwar ist sich Zach im Klaren darüber, dass sein wahnwitziger Plan den Schmerz darüber, Sarah nicht retten zu können, niemals lindern kann, trotzdem sieht er keine Alternative: Er muss diesen Frauen helfen, um irgendjemanden – vielleicht sogar sich selbst – zu retten. Dass Zachs absurd riskante Mission zur Befreiung der Frauen dann ausgerechnet mithilfe eines Hobby-Dichterkreises gelingen könnte, ist eine Pointe, auf die vermutlich nur ein Autor wie Percival Everett kommen kann.

„Thu es oder thu es nicht, beides wird dich verdrießen“, heißt es in dem Zitat von Kierkegaard, das dem Roman nicht ohne Grund vorangestellt ist. Bei der Frage, ob man Percival Everetts Bücher lesen sollte, gilt allerdings das komplette Gegenteil. Es gibt nämlich zwei Arten von LeserInnen, stellte man in der Jury des US-amerikanischen National Book Critics Circle sehr treffend fest: Diejenigen, die Percival Everett lesen – und diejenigen, die etwas verpassen.

Percival Everett: Erschütterung. 288 Seiten. Erschienen bei Hanser und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Besprechung erschien auch im Magazin 3/22 der Büchergilde, hier kostenlos als Download erhältlich.

„Mittnachtstraße“ erscheint im September!

Cover_Mittnachtstraße_Frank RudkoffskyKonfetti! Seit heute ist sie draußen, die Herbstvorschau meines Verlags Voland & Quist – und endlich darf ich euch mehr über meinen dritten Roman Mittnachtstraße erzählen, der im September erscheinen wird:

„Eigentlich zählte sich Malte immer zu den Guten. Nun aber hat sich der Familienvater selbst ins Exil verbannt und versteckt sich ausgerechnet an dem Ort, den er am meisten verachtet: im verwahrlosten Kleingarten seines eigenen Vaters. Der Job als Journalist hat ihn ausgebrannt, die Ehe steckt in einer Krise und sein Sohn schimpft ihn bloß noch einen Heuchler. Noch schwerer wiegt jedoch etwas anderes: Um sich vor der Verantwortung für seinen cholerischen, demenzkranken Vater zu drücken, hat Malte sich auf einen fragwürdigen Deal eingelassen – mit katastrophalen Folgen.

Ein Roman über das durchsickernde Gift toxischer Männlichkeit von einer Generation zur nächsten und einen Mann, der erst unter Schmerzen lernen muss, was es heißt, wirklich Verantwortung zu übernehmen – als Vater, als Partner, als Sohn.“

Und worum es wirklich, bringt vermutlich niemand besser auf den Punkt als meine Testleserin Mareike Fallwickl, deren tollen Blurb ich am liebsten einrahmen würde: „Frank Rudkoffsky ist ein Meister der Entlarvung. Vordergründig erzählt er von einer Familie und einer Kleingartensiedlung, in Wahrheit geht es um so viel mehr: toxische Männlichkeit und fragile Egos, Machtstrukturen und Seilschaften, die Implosion des Einzelnen und die Frage, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Ist das in Zeiten wie diesen überhaupt noch möglich? Ein herrlich bissiges, wütendes und kluges Buch, das aktueller nicht sein könnte. Lest es, wenn ihr mutig seid!

Danke fürs frühe Mitlesen, dein konstruktives Feedback und die lieben Worte, Mareike!

Aber weil ein Buch natürlich noch lange keinen Herbst macht, werft unbedingt auch einen Blick auf das tolle Programm, das Voland & Quist da mal wieder auf die Beine gestellt haben!

Geschafft!

ManuskriptFreude zu empfinden: Das ist dieser Tage gar nicht mal so einfach. Vielleicht spüre ich deshalb stattdessen gerade eher so etwas wie Erleichterung. Heute ist es genau ein Jahr her, seit ich die ersten Zeilen meines dritten Romans Mittnachtstraße schrieb. Es folgten ein langer Lockdown mit Schulschließung, mehrere Quarantänen, teils wiederholte Covid-Infektionen in der Familie – und dann ja auch noch diverse Schulferien und die ganz normalen Betreuungsausfälle, mit denen Eltern sich herumschlagen müssen. Keine einfachen Bedingungen, um einen Roman zu schreiben. Und trotzdem habe ich es geschafft: Vor zwei Tagen setzte ich das Wort Ende unter das Manuskript. Nun bin ich zwar nach einem Jahr voller Druck und Hindernisse bis auf auf die Knochen erschöpft, vor allem bin ich aber erleichtert – und ziemlich stolz. Darüber, dass ich es geschafft habe. Und noch viel mehr darüber, was ich da geschafft habe. Mittnachtstraße ist alles geworden, was ich mir von von dem Roman erhofft habe – aber darüber hinaus auch noch so viel mehr. Deshalb kann ich es kaum erwarten, euch bald mehr über das Buch zu erzählen. Und natürlich, dass ihr es lest: in diesem Herbst bei Voland & Quist!

Übrigens gab es dann am Tag der Fertigstellung dann doch noch einen Moment, in dem ich zumindest kurz die Weltlage vergessen und Freude empfinden konnte: Abends erreichte mich nämlich die Nachricht, dass der Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg meine Arbeit an Mittnachtstraße – die natürlich längst noch nicht zu Ende ist – mit einem Stipendium fördert!

Im Livestream und vor Ort in Stuttgart: Didi Drobna liest aus „Was bei uns bleibt“

Wirlphoto_Drobna_20210815_WEB-17Als wäre sie einfach aus der Geschichte getilgt worden: Nicht einmal eine Gedenktafel erinnert heute noch an die unterirdisch im Wald versteckte Munitionsfabrik im österreichischen Hirtenberg, in der Didi Drobnas Protagonistin Klara 1944 freiwillig den Dienst antritt. Zusammen mit hunderten anderer Frauen setzt sie dort bis kurz vor Kriegsende tagein, tagaus abertausende Zündkapseln für die Front zusammen – eine harte Arbeit, die Klara aber durchaus mit Stolz erfüllt. Das ändert sich erst, als gleich neben der Fabrik eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen errichtet wird. Den Arbeiterinnen werden nun Frauen aus dem KZ zugeteilt, mit denen – unter strenger, brutaler Aufsicht der SS – das gewaltige Pensum noch einmal drastisch erhöht werden soll. Dabei entstehen nicht nur Freundschaften, sondern erstmals auch Zweifel: am Endsieg, an den Klara und ihre Freundinnen lange glaubten. Vor allem aber daran, ob sie auf der richtigen Seite gestanden haben.

Lange hat Klara über die Jahre in Hirtenberg und ihre traumatischen Erlebnisse kurz vor Kriegsende geschwiegen. Nun aber, kurz vor ihrem Tod, kann die alte Frau ihre Erinnerungen nicht länger verdrängen. Bald hat sie keine andere Wahl mehr: Sie muss ihrem Enkel und Ziehsohn Luis erzählen, was damals geschah – und damit Licht auf ein fast vergessenes Kapitel der österreichischen Geschichte werfen.

Die österreichische Autorin Didi Drobna (Foto: Barbara Wirl) hat für ihren dritten Roman Was bei uns bleibt akribisch recherchiert, unter anderem sprach sie mit Zeitzeug*innen und suchte selbst im Hirtenberger Wald nach den Überresten der damaligen Fabrik. Es sind gerade die kleinen Details und lebendigen Eindrücke aus Klaras Arbeitsalltag, die Drobnas Roman so eindringlich und greifbar machen. Aber auch die Gegenwartskapitel um Klara als alte Frau sind weit mehr als bloße Rahmenhandlung: In ihnen spürt Drobna so subtil wie emphatisch den seelischen Verwüstungen des Krieges nach, die auch Generationen später noch Narben schlagen können.

Morgen Abend liest Didi Drobna um 19:30 in der Stuttgarter Stadtbibliothek aus „Was bei uns bleibt“ und wird darüber hinaus von ihren aufwändigen Recherchen zum Roman erzählen – und ich freue mich schon sehr darauf, den Abend moderieren zu dürfen. Weil wir zuhause gerade leider an diesem obskuren Familiendurchseuchungsprogramm der Bundesregierung teilnehmen müssen, werde ich selbst allerdings nur via Zoom zugeschaltet sein. Umso mehr hoffe ich auf viele Besucher*innen in der schönen Stadtbibliothek – blöd genug schließlich, dass Didi alleine auf der Bühne sitzen muss. Allen, die wie ich nicht vor Ort sein können, lege ich dagegen den Stream ans Herz: um 19:30 live auf YouTube!

Eine Leerstelle der Geschichte. Über „Dunkelblum“ von Eva Menasse

172879_1-0d4b0975Ein Buch, das zu Recht als Meisterwerk gefeiert wird: In ihrem dritten Roman „Dunkelblum“ entfaltet Eva Menasse das Panorama eines österreichischen Dorfes, das von seinen totgeschwiegenen Kriegsverbrechen eingeholt wird – und schafft es, dabei auch noch blendend zu unterhalten.

Mehr als 40 Jahre blieb das kleine österreichische Städtchen Dunkelblum von der Geschichte weitestgehend unberührt. Das Leben ging eben weiter nach dem großen Krieg, an den inzwischen nur noch die Ruine des abgebrannten Adelsschlosses erinnert. Denn die Kontinuität ist groß, wie sie es nur im Mikrokosmos der Provinz sein kann: Dieselben Familien, die einander teils feindselig gegenüberstanden, prägen noch immer das Dorfgeschehen. So gilt ein ehemaliger Nazi-Karrierist inzwischen längst als angesehener Bürger, und selbst das einst prächtige Hotel Tüffer trägt noch denselben Namen, obwohl deren jüdischen Besitzer damals vertrieben wurden. Man hat sich halt arrangiert – und zwar nicht nur miteinander, sondern auch mit den dunkelsten Kapiteln der Ortsgeschichte, über die niemand mehr zu sprechen wagt.

Doch im Spätsommer 1989 kehrt plötzlich Unruhe ins kleine Städtchen ein. Während an der nahegelegenen ungarischen Grenze hunderte Geflüchtete aus der DDR darauf warten, dass Geschichte geschrieben wird, werden die alteingesessenen Bürger Dunkelblums ungewollt an die klaffende Leerstelle in ihrer eigenen erinnert – und das an gleich mehreren Fronten auf einmal. Ein vermeintlich Fremder zieht im Hotel Tüffer ein und fängt an, unbequeme Frage zu stellen. Studierende kommen aus der Hauptstadt, um den verwahrlosten jüdischen Friedhof zu restaurieren. Ein Außenseiter und die jüngste Tochter einer allseits beneideten Weinbauerfamilie tun sich mit dem Ziel zusammen, eine ungeschönte Dorfchronik für ein Heimatmuseum zu schreiben. Und als wäre all das für die verschwiegenen Dorfbewohner nicht genug, wird auf einem Feld auch noch eine Leiche entdeckt, die die Aufmerksamkeit des ganzen Landes aufs beschauliche Dunkelblum lenkt – und auf die Frage, was wirklich in jener Nacht kurz vor Kriegsende geschah. Damals, als das Schloss der Gräfin nach einem rauschenden Fest in Flammen aufging und hunderte Zwangsarbeiter erschossen wurden, ohne dass ein Großteil der Täter oder je ein Grab gefunden wurden. Spätestens als die ersten anonymen Drohbriefe auftauchen und die Weinbauerstochter spurlos verschwindet, ist es vorbei mit der Ruhe, die die Dunkelblumer jahrzehntelang zusammengeschweißt hat.

Etliche solcher Massaker sind in der Region historisch belegt

Mit ihrem dritten Roman Dunkelblum wagt sich die vielfach preisgekrönte Autorin Eva Menasse an eines der dunkelsten Kapitel Österreichs, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Ähnlich wie im fiktiven Ort Dunkelblum wurden während eines Festes im Schloss Rechnitz im Burgenland fast 200 Juden ermordet – und das ist nur ein Massaker von vielen, die in dieser Region allein in der Zeit kurz vor Kriegsende dokumentiert sind. Doch trotz der erdrückenden Schwere ihres Sujets ist Menasse mit Dunkelblum etwas ganz Außergewöhnliches gelungen: Das mit Austriazismen gespickte Panorama aus den wechselnden Perspektiven der Dorfbewohner liest sich dank Menasses mal süffisanten, mal tiefschwarzen Humors und der ambivalenten, lebensnahen Charaktere so unterhaltsam, dass man Dunkelblum als LeserIn am Ende beinahe schweren Herzens verlässt. Die Orte und Figuren sind einem so vertraut geworden, dass man in der Bar des Hotel Tüffers problemlos am Stammtisch Platz nehmen könnte. Man weiß ja inzwischen, welche Themen man dort lieber nicht anspricht und von wem man sich besser fernhalten sollte.

Die gebürtige Österreicherin Eva Menasse selbst lebt inzwischen in Berlin. Nach der Lektüre ihres emphatischen, aber auch unbarmherzigen Blickes auf ihre Heimat in Dunkelblum ahnt man, warum sie sich dort wohler fühlt.

Eva Menasse: Dunkelblum. 528 Seiten, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Besprechung erschien bereits als Beitrag im aktuellen Magazin der Büchergilde.

Weg mit dem Stigma: Fünf Bücher über Depressionen

„Ja, ich leide unter Depressionen.“ Dass es noch immer Mut braucht, einen Satz wie diesen öffentlich auszusprechen, verrät eigentlich alles über das gesellschaftliche Stigma dieser Krankheit. Wenn sich eine Schauspielerin wie Nora Tschirner öffentlich zu ihrer Erkrankung bekennt oder der Komiker Kurt Krömer, den man bislang nur in seiner Rolle kannte, während seiner Sendung plötzlich ganz ernst und offen über seinen Zusammenbruch spricht, geht das noch immer als regelrechtes Medienereignis durch. Und genau darum sind Interviews und Auftritte wie diese so wichtig: Sie tragen dazu bei, eine ernste, für viele alltägliche Krankheit von ihrem gefährlichen Stigma zu befreien und sie endlich zu normalisieren. Niemand schämt sich dafür, über Krebs zu sprechen, über Bandscheibenvorfälle, über Diabetes. Warum dann bei einer Krankheit, von der allein in Deutschland ganze fünf Millionen Menschen betroffen sind? Es sollte keine Ausnahme, kein Tabubruch sein, offen über eine Volkskrankheit zu sprechen. Und man sollte erst Recht keinen Mut dafür brauchen.

Um gegen das Stigma, gegen die vielen falschen Klischees und Vorurteile anzukämpfen, braucht es aber nicht nur Menschen, die sich öffentlich zu ihrer Erkrankung bekennen, sondern auch Aufklärung. Darum stelle ich in diesem Beitrag zunächst vier Bücher zum Thema Depressionen vor, die sehr unterschiedliche Aspekte dieser Krankheit beleuchten. Und komme zuletzt noch auf ein fünftes zu sprechen – aus Gründen. Aber dazu später mehr.

Zoë Beck: Depressionen

Einerseits ist Zoë Becks Depressionen ein Sachbuch, das auf 100 Seiten das wichtigste Basiswissen über die Krankheit zusammenfasst – von den Symptomen über die Diagnose bis hin zu den Therapiemöglichkeiten und einer kleinen Kulturgeschichte. Zugleich gewährt die Autorin, Verlegerin und Übersetzerin in ihrem Buch aber auch einen intimen Einblick in ihre eigene Krankheitsgeschichte. Denn obwohl sie bereits ihr ganzes Leben mit einer Dunkelheit zu kämpfen hatte, die sie, weil sie sich selbst ja gar nicht anders kannte, stets auf ihre Persönlichkeit schob, musste Beck erst 33 und ernsthaft aus der Bahn geworfen werden, ehe sie endlich den Kampf gegen ihre Depressionen aufnahm und lernte, mit ihnen zu leben. Genau diese Mischung aus persönlichem Erfahrungsbericht und Wissensvermittlung macht aus dem schmalen Band ein ideales Einstiegsbuch für Betroffene und Angehörige, die diese Krankheit verstehen wollen und einen Ausweg suchen. [Reclam, 100 Seiten]

Bejamin Maack: Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein

Spoiler: Doch, ist es. Der Autor und Journalist Benjamin Maack macht seinen Leser*innen allerdings auch gar nichts vor. „Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut“, schreibt er an einer Stelle – und hat leider Recht. Denn obwohl die fragmentarische Sammlung aus Beobachtungen, Momentaufnahmen, Szenen und Gedankenfetzen, die Maack während seiner schweren Depressionen und Klinikaufenthalte schrieb, zum Schluss dann doch mit einer recht versöhnlichen Note endet, hat die Realität das Buch aus dem Jahr 2020 längst eingeholt: Erst vor wenigen Tagen schrieb Maack auf Instagram über seinen bevorstehenden nächsten Klinikaufenthalt. Wer sein schonungslos offenes Buch gelesen hat, ahnt, wie schmerzhaft auch diesmal der Abschied von seiner Frau und seinen Kindern wird – und wie unerbittlich und grausam diese Krankheit für Betroffene und ihr Umfeld oft ist. Ein selbsttherapeutisches Tagebuch ist das hier trotzdem nicht: Wie präzise Benjamin Maack seine Erkrankung mit den Mitteln der Literatur seziert und offenlegt, ist ebenso bedrückend wie beeindruckend. [Suhrkamp Nova, 334 Seiten]

David Vann – Momentum

Eine (Trigger-)Warnung vorab: Dieser Roman ist nur schwer zu ertragen – und genau das macht ihn so eindringlich und aufrichtig. David Vann lässt uns an den letzten Tagen im Leben des schwerdepressiven Jim teilhaben und erlaubt den Leser*innen dabei keine Distanz, im Gegenteil. Vann bleibt erbarmungslos dicht an Jims hoffnungslos verengter Perspektive dran und zeigt uns dadurch die hässliche Fratze einer Depression im Endstadium. Jim ist so resigniert wie unzurechnungsfähig, er kreist nur noch um sich selbst und seine selbstzerstörerischen, grausamen Gedanken. Jedem, der ihm zu helfen versucht, stößt er brutal vor den Kopf. Das selbstgewählte Ende ist für Jim, obwohl er gerade mal Ende 30 ist, längst unausweichlich. Doch so schwer es streckenweise auch ist, diesen Roman zu lesen, es muss ungleich schwerer gewesen sein, ihn zu schreiben. Denn Momentum ist für David Vann ein äußerst persönliches Buch: Jim war sein Vater. Als sie einander das letzte Mal sahen, war David noch ein Kind – eine Szene, die sich auch in Momentum wiederfindet. Vanns Roman ist einerseits eine intensive literarische Auseinandersetzung mit seinem kaum gekannten Vater, zugleich macht er aber auch deutlich, wie zerstörerisch Depressionen in einem Menschen wirken können – und dass es bei psychischen Erkrankungen eben keinen rationalen, selbstbestimmten Freitod geben kann. Es ist allein die Krankheit, die einen Depressiven in den Selbstmord treibt. Ohne Ausnahme. [Hanser Berlin, 300 Seiten]

Till Raether: Bin ich schon depressiv, oder ist das noch Leben?

Aber was, wenn das alles eigentlich gar nicht so schlimm ist? Wenn man im Alltag einigermaßen funktioniert, seinen Job gut oder vielleicht sogar besser als andere auf die Reihe kriegt und es – überspitzt formuliert – noch nicht einmal schafft, sein Leben so richtig in den Sand zu setzen und die Familie dabei gleich mit in den Abgrund zu reißen? Die permanente Erschöpfung und ständige Überforderung: Vielleicht ist das ja einfach bloß das normale Leben von Erwachsenen in der Rushhour des Lebens. Vielleicht haben die anderen ja Recht – und man muss sich einfach bloß ein bisschen zusammenreißen, bis es wieder besser wird. So geht es vielen Menschen mit Depressionen: Solange sie noch irgendwie funktionieren, nehmen sie selbst und ihr Umfeld ihre Erkrankung oft nicht ernst genug. Genauso ging es auch dem Schriftsteller und Journalisten Till Raether. In seinem Buch schreibt er ganz offen darüber, wie lange er brauchte, um seine Krankheit zu verstehen und sich ihr endlich zu stellen. Das Tückische an einer hochfunktionalen Depression wie Raethers ist nämlich, dass man mit ihr so ziemlich alles machen kann. Bis man eines Tages eben nicht mehr kann. Vieles, was für andere ganz selbstverständlich und einfach ist, kostet einen Menschen mit Depressionen sehr viel mehr Kraft; will man funktionieren wie alle anderen – allein schon, um sich selbst und der Welt zu beweisen, dass man das kann – zahlt man dafür auf Dauer einen hohen Preis: Man höhlt sich innerlich aus. Es ist die große Stärke von Raethers Buch, wie anschaulich und nachempfindbar er anhand persönlicher Situationen über das Wesen dieser Krankheit schreibt. Ein wichtiges Buch nicht nur für Betroffene und Menschen, die sich ihre vermeintliche (!) Schwäche selbst (noch) nicht eingestehen. Aber auch  Angehörigen, Partner:innen und Freund:innen von Menschen mit Depressionen kann man Raethers Buch nur empfehlen: Sicher verstehen sie nach der Lektüre besser, was es für manche heißt, einfach nur den ganz normalen Alltag zu bewältigen. [Rowohlt Polaris, 125 Seiten]

Und das fünfte Buch? Ist mein eigenes.

Ja, auch ich habe, seit ich 16 bin, immer mal wieder mit Depressionen zu tun und finde mich in den hier vorgestellten Büchern mal mehr (Raether), mal weniger (zum Glück: Vann) wieder. Ich komme meistens damit klar, danke der Nachfrage. Aber darum soll es hier nicht gehen. Genauso wenig soll es darum gehen, hier mein eigenes Buch zu bewerben – deshalb ist es auch nicht auf dem Foto. Vielmehr ist es mir wichtig, zum Schluss noch einmal zur Einleitung zurückzukommen: Es sollte keinen Mut brauchen, um offen über diese Krankheit zu sprechen. Und was, bitte, hat das mit meinem Debütroman Dezemberfieber zu tun? Nun ja: alles. Depressionen sind das zentrale Thema dieses Buches. Die Mutter der Hauptfigur Bastian zerbricht in Rückblenden an ihrer Erkrankung und auch Bastian erlebt im zentralen Handlungsstrang eine schwere depressive Episode. Im Klappentext, den ich damals selbst verfasste, ist allerdings keine Rede davon. Es ist zwar hübsch verklausuliert von seelischen Abgründen die Rede, der Begriff Depressionen taucht jedoch an keiner Stelle auf. Und obwohl ich die Krankheit der Mutter klar im Roman benenne, erlaubte ich den Leser*innen im Falle von Bastian – der aufgrund biografischer Parallelen natürlich eher mit mir in Verbindung zu bringen ist – auch ganz andere Lesarten: Der Arme hat eben zu lange seine Schuldgefühle verdrängt und muss jetzt halt endlich mal sein Trauma aufarbeiten. Stimmt zwar irgendwie, ist aber eben nur die halbe Wahrheit. Warum also konnte ich einen ganzen Roman über Depressionen schreiben, traute mich aber nicht, die Sache nach Erscheinen dann auch beim Namen zu nennen? Ganz einfach: aus Angst vor dem Stigma. Damals versuchte ich gerade, beruflich Fuß zu fassen und den anderen Fuß zugleich in die Tür zur Literaturwelt zu bekommen. Verständlich vielleicht. Aber eben auch feige und falsch.

Darum wiederhole ich mich an dieser Stelle gern: Niemand schämt sich dafür, über Krebs zu sprechen, über Bandscheibenvorfälle, über Diabetes. Warum dann bei einer Krankheit, von der allein in Deutschland ganze fünf Millionen Menschen betroffen sind? Es sollte keine Ausnahme, kein Tabubruch sein, offen über eine Volkskrankheit zu sprechen. Und man sollte erst Recht keinen Mut dafür brauchen. Denn letzten Endes gilt für Depressionen dasselbe wie für jede andere ernste Erkrankung auch: Aufklärung kann Leben retten.

Ein Zerrbild weißer Machtstrukturen? Über „Identitti“ von Mithu Sanayl

Über kaum ein Thema wird derzeit so scharf diskutiert wie über Identitätspolitik. Mit ihrem ebenso bissigen wie lehrreichen Debütroman „Identitti“ über eine indische Star-Professorin, die als Weiße entlarvt wird, führt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal sämtliche Debatten bravourös ad absurdum.

Ausgerechnet Saraswati! Nivedita ist erschüttert. Schließlich ist die charismatische Star-Professorin für Postcolonial Studies an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf weit mehr als nur ihre Mentorin. Sie ist auch das Rollenvorbild, nach dem sich die Studentin so lange gesehnt hat. Saraswati war es, die Nivedita endlich zeigte, wer sie sein kann – als Tochter eines Inders und einer Deutschen mit polnischen Wurzeln, die sich vorher nirgends wirklich zugehörig fühlte. Ihren scharfsichtigen Lehren verdankt Nivedita auch die Inspiration zu ihrem Blog Identitti, auf dem sie als Mixed-Race Wonder Woman mit der indischen Göttin Kali Gespräche über Sex, Rassismus und Identitätsfragen führt. Und nicht zuletzt war es Saraswati, die durch ihre Seminare, in denen sie prinzipiell keine weißen Studierenden duldet, viele People of Colour der Uni zu einer eingeschworenen Campus-Community zusammenschweißte. Ausgerechnet diese Frau steht nun weltweit als Betrügerin da. Denn in Wahrheit ist Saraswati weiß und wurde als die privilegierte Zahnarzttochter Sarah Vera Thielmann geboren. 

Ein Skandal, der auch Nivedita mit in den Shitstorm reißt: Anstatt sie wie ihre KommilitonInnen in sozialen Medien an den Pranger zu stellen, konfrontiert Nivedita ihre Mentorin – und zieht, als diese ihr klare Antworten schuldig bleibt, kurzerhand bei ihr ein. Schon bald findet sich Nivedita in einer absurden Diskurs-WG wieder. Es stoßen nicht nur ihre Cousine Priti und Saraswatis Lebensgefährtin hinzu, sondern auch derjenige, der die Entlarvung überhaupt erst ins Rollen brachte: Saraswatis Bruder. 

Erst nach und nach kommt ans Licht, was Sarah Vera dazu bewogen hat, zur selbsternannten transracial Saraswati zu werden. Während die halbe Netzwelt über kulturelle Aneignung und die Betrügerin als Zerrbild weißer, postkolonialer Machtstrukturen schimpft, wirft Saraswati die utopische Frage auf, ob race nicht ebenso eine gesellschaftlich konstruierte Zuschreibung ist wie das Geschlecht. Wo fängt Ausgrenzung an, wo hört sie auf? Nivedita treibt dagegen eine ganz andere Frage um: Hat all das identitätsstiftende Empowerment, das sie ihrem Idol verdankt, nun überhaupt noch einen Wert?

Was auf den ersten Blick nach einer fast grotesken Versuchsanordnung anmutet, um die scharfen Debatten über Identitätspolitik ad absurdum zu führen, hat tatsächlich reale Vorbilder. Bekannt geworden ist besonders der Skandal um die weiße US-Professorin Jessica Krug, die sich fälschlicherweise als Schwarze ausgab. Aber auch darüber hinaus gelingt der Autorin Mithu Sanyal in ihrem ersten Roman Identitti ein ebenso witziges wie kluges Spiel mit der Realität – angefangen bei den Parallelen zwischen Niveditas und ihrer eigenen Biografie bis hin zu den Einwürfen aus der Netzwelt, die den Fall Saraswati kommentieren. Immer wieder lässt Sanyal reale ExpertInnen aus der Forschung, AktivistInnen, JournalistInnen oder AutorInnen zu Wort kommen, und bleibt trotz echter Wortmeldungen bekannter Persönlichkeiten wie Ijoma Mangold, Fatma Aydemir oder Berit Glanz innerhalb ihrer Fiktion. An einer Stelle bricht die Realität dann doch mit voller Wucht in die Handlung ein: Die erschreckende Nachricht von den rassistischen Morden in Hanau trifft LeserInnen mit derselben Härte wie Nivedita und ihre FreundInnen.

Nach ihren hochgelobten Sachbüchern ist der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal gleich mit dem ersten Roman ein wahres Kunststück gelungen: Einerseits temporeich und bissig, ist Identitti zugleich ein lehrreiches Buch über die Wichtigkeit, aber auch die Ambivalenz von Identitätspolitik – und das, ohne zu belehren. Wären die Grenzen zwischen Realität und Fiktion tatsächlich so fließend wie in diesem Roman, man würde der Figur Nivedita ein anderes Rollenvorbild wünschen. Mithu Sanyal zum Beispiel.

Mithu Sanyal: Identitti. 432 Seiten, erschienen bei Hanser und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Besprechung erschien bereits im aktuellen Magazin der Büchergilde.

 

Fake News #5

Ein kleines News-Update zum neuen Jahr: Seit gestern habe ich auf Twitter offiziell mehr Follower als Donald Trump – Konfetti! Außerdem erschien diese Woche ein sehr schöner Artikel in der Stuttgarter Zeitung, in dem mich der Autor Björn Springorum anlässlich meines Stipendiums vorstellt und darüber schreibt, wie ich nach dem Anruf aus dem Kunstministerium grölend durchs Wohnzimmer hüpfte. Fun fact (off the record): Es war zum Refrain von The Nationals „Mr. November“. Mit etwas gemäßigteren Stimmen waren diese Woche meine Mitstipendiatin Theres Essmann und ich übrigens im Radio auf SWR 2 zu hören – hier geht’s zu dem Beitrag von Silke Arning. 

Bis ich mich ins Schreiben meines nächsten Romans vertiefen kann, wird es noch zwei LIFT-Ausgaben und entsprechend bis Ende Februar dauern, spätestens im März steht bei mir aber endlich die Literatur wieder im Fokus – was sich dann hoffentlich auch hier im Blog bemerkbar machen wird (obwohl mir der neue Block-Editor bei WordPress schon jetzt die Nerven raubt). Die erste Lesung mit meinen drei MitstipendiatInnen steht übrigens – so Corona es zulässt – schon fest: Am 26.3. lesen wir bei den Landesliteraturtagen in Etttlingen!

Jahresstipendium 2021!

Dieses Jahr hat mich oft an meine Grenzen gebracht und gelegentlich auch darüber hinaus – aber ich habe da so ein Gefühl, dass das nächste ein besseres werden dürfte: Ich bin überglücklich darüber, dass mir das Land Baden-Württemberg für 2021 ein Jahresstipendium für Literatur verliehen hat: „Frank Rudkoffsky überzeugte die Jury mit seinem Roman Fake. Es werde das Bild einer Generation gezeichnet, der scheinbar alle Türen offen stünden und die doch an einer inneren Leere und steigendem Druck von außen zu scheitern drohe, so die Jury.“ Hier lest ihr die ganze Pressemitteilung!

Herzlichen Dank an die Jury und Glückwunsch an meine großartigen MitstipendiatInnen Cihan Acar, Theres Essmann und Valentin Moritz!

Buchtipps zum Sommer

Normalerweise empfehle ich auf den Literaturseiten des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT  jeden Monat kurz und knackig drei aktuelle Bücher. Zur Urlaubszeit durften es nun ausnahmsweise ein paar mehr sein:

serpentinenOlivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Einen Namen hat Olivia Wenzels queere Ich-Erzählerin nicht. Mit ihrer Identität kämpft sie trotzdem – im Roman heruntergebrochen auf das „dreifache Bananenproblem“: Isst sie eine Banane, weckt das bei anderen Assoziationen, weil sie a) eine Frau, b) ostdeutsch und c) Schwarz ist. Dass ihre weiße Oma trotzdem AfD wählen will, ist nur einer der vielen Widersprüche, mit denen sich Wenzels Protagonistin in permanenter Selbstbefragung auseinandersetzt. Denn als Schwarze wird sie einerseits immer wieder mit Rassismus konfrontiert, andererseits weiß sie um ihre Privilegien als Deutsche, die einfach mal so in die USA reisen kann. 1000 Serpentinen Angst ist nicht nur ein clever konzipiertes Romandebüt – es ist auch das Buch der Stunde. [S. Fischer, 349 S., € 21,-]

sarahScott Mc Clanahan: Sarah

Selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er in seinem semi-autobiografischen Roman Sarah schreibt, ist Scott Mc Clanahan ein ziemlicher Idiot. Einer, der theatralisch den Familien-PC zerstört, als seine Frau Sarah die Pornos darauf entdeckt – und damit auch alle Kinderbilder auf der Festplatte vernichtet. Oder der heimlich beim Autofahren säuft und dabei ganz vergisst, dass seine Kinder auf der Rückbank sitzen. Obwohl er und Sarah einander lieben, zerstört der unreife Scott erst ihre Ehe und anschließend fast sich selbst – etwa bei einem tragisch-lächerlichen Suizidversuch mit Kinderschmerzmitteln. Doch trotz aller Komik: Immer wieder bringt Mc Clanahan diese schmerzhaft-ehrlichen Sätze, die einem beim Lesen sofort das Herz brechen. [ars Vivendi, 206 S., € 22,-]

fehlstartMarion Messina: Fehlstart

Ihr gefeierter Debütroman brachte Marion Messina schnell Vergleiche mit dem zynischen Starautor Michel Houellebecq ein. Auch sie leuchtet in gnadenloser Schärfe und Klarheit das soziale Gefälle Frankreichs aus und spart dort, wo es nötig ist, nicht an Härte. Anders als der alte weiße Mann der französischen Literatur bringt Messina jedoch echte Empathie für ihre Figuren auf, allen voran für die 19-jährige Aurélie, die nach dem Scheitern ihres Studiums und ihrer ersten Liebe nach Paris zieht – und dabei erkennen muss, wie schal das Versprechen von sozialem Aufstieg für ihre Generation längst geworden ist. Ein entwaffnend ehrlicher Roman über das Versiegen der Hoffnung, es einmal besser zu haben als die eigenen Eltern. [Hanser, 168 S., € 18,-]

paradeDave Eggers: Die Parade

Für Straßenbauer Vier ist es ein Routineauftrag – und doch ist er so gefährlich, dass weder er noch sein neuer Kollege Neun den echten Namen des jeweils anderen kennen dürfen. Mitten im Nirgendwo auf sich allein gestellt, bauen sie eine neue Straße durch ein namenloses Entwicklungsland, das nach einem blutigen Bürgerkrieg wieder zusammenwachsen soll. Doch während Vier stoisch seiner Pflicht nachgeht, sucht Neun lieber das Abenteuer und den Kontakt zu Einheimischen. Schon bald geht es für sie nicht mehr nur um das Vertrauen zu Fremden und die Frage nach den moralischen Fallstricken von Entwicklungshilfe – sondern auch um Leben und Tod. Eine kluge und differenzierte Parabel, vor allem aber ein echter Pageturner und der beste Eggers-Roman seit Ein Hologramm für den König. [Kiepenheuer & Witsch, 192 S., € 20,-]

KANDASAMY_Schlaege_Cover_CMYK_300dpiMeena Kandasamy: Schläge

Sie eine wissbegierige Studentin, er ein linker Uni-Dozent: Was wie eine indische Liebesgeschichte beginnt, wird schnell zum Albtraum, als Meena nach der Hochzeit mit ihrem Mann in eine ferne Küstenstadt zieht – und dort von ihm eingesperrt, von der Außenwelt abgeschnitten und misshandelt wird. Die Feder sei mächtiger als das Schwert, heißt es in einem Sprichwort. Tatsächlich ist Literatur die einzige Waffe, die Meena in ihrer gewalttätigen Ehe bleibt – Sprache dient ihr ebenso als Zuflucht wie als Instrument zur Selbstermächtigung. Schläge ist ein oft erschütternder, manchmal auch gallig-komischer autobiografischer Roman über Missbrauch und Macht, aber auch ein starkes Plädoyer für die Kraft der Literatur. [CulturBooks, 264 S., € 22,-]

cover_kling_ql_rgbMarc-Uwe Kling / Zachary Tallent: Qualityland

Eine schöne neue Welt ist das, die uns der gebürtige Stuttgarter Marc-Uwe Kling in der Graphic Novel-Adaption seines Bestsellers Qualityland da vorhersagt: In der Zukunft wird unser Leben komplett von Algorithmen bestimmt. Der Freundeskreis, die passende Partnerin, der nächste Kauf? Hängt alles von unserem persönlichen Score und den durchleuchteten Vorlieben ab. Individualität? Ein Konzept von gestern. Doch als ihm ein rosa Delfinvibrator geschickt wird, den er nicht umtauschen kann, wachsen beim Maschinenverschrotter Peter Zweifel an der Fehlerlosigkeit des Systems. Der US-Zeichner Zachary Tallent bringt Klings schräge Dystopie in knalligen Bildern perfekt aufs Papier. Die Bildschirm-Rechte hat sich derweil längst HBO gesichert. [Voland & Quist, 176 S., € 18,-]

warumichnichtReni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Noch immer machen es sich die Weißen zu leicht, besonders hier in Europa. Die systemische Polizeigewalt gegenüber Schwarzen wie jüngst die Ermordung Georg Floyds
in den USA halten viele zum Beispiel bloß für ein fernes Problem. Eine bereits angedachte Studie zum Thema Racial Profiling bei der deutschen Polizei? Von Innenminister Horst Seehofer für unnötig erklärt. Nicht nur der sollte Eddo-Lodges wichtiges und für Weiße äußerst unbequeme, nun auch als Taschenbuch erschienene Buch lesen – und etwas darüber lernen, was es für Black and People of Color bedeutet, in einer von Weißen dominierten Welt zu leben. Das größte Problem sind eben nicht die offensichtlichen Anfeindungen von Rechts, sondern vielmehr der ganz alltägliche strukturelle Rassismus und die Blindheit der Weißen angesichts ihrer eigenen Privilegien. [Tropen, 272 S., € 10,-]

arbeitThorsten Nagelschmidt: Arbeit

Zwar konnte der Muff-Potter-Sänger Thorsten Nagelschmidt nicht vorhersehen, in was für einer außergewöhnlichen Zeit sein Roman erscheinen würde, trotzdem wirkt Arbeit gerade ein bisschen wie der Abgesang auf eine vergangene Ära – und ein Berlin, das es so womöglich bald nicht mehr gibt. In 16 lose durch einen Taxifahrer miteinander verknüpften Episoden begleitet er rund ein Dutzend Menschen, die arbeiten müssen, während andere feiern, durch die Nacht. Ob Drogendealer, Sozialarbeiter, Späti Verkäuferin, Notfallsanitäterin, Türsteher oder Polizistin, sie alle werden als Kaleidoskop des Berliner Nachtlebens authentisch von Nagelschmidt eingefangen. Vielleicht der einzige Berlin-Roman, den es wirklich noch brauchte. [S. Fischer, 336 S., € 22,-]