Vorschau auf ]trash[pool Nr. 8

Vorschau-TP8Bis zur Veröffentlichung der 8. Ausgabe von ]trash[pool dauert es zwar leider noch ein wenig, auf den Einband sind wir aber schon jetzt mächtig stolz! Die Collagen im kommenden Magazin verdanken wir allesamt Sebastian Baumer. Und die Texte? Die kommen von: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Han Biao Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf. Außerdem stellt unser Neuzugang im Team, Isabella Caldart, in einem Feature die Geschichte des Tropen Verlags vor und fühlt dafür dem Verleger Michael Zöllner auf den Zahn. Genießt ihr also ruhig den Sommer – wir freuen uns auf den Herbst!

Die Buchpreisblogger 2017

19225838_10158890121235578_729124526951754862_nBald ist es wieder so weit: Am 15. August wird die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben. Schon heute aber fällt der Startschuss für die Buchpreisblogger. Sechs Blogger lesen und besprechen die nominierten Titel und stellen sie auf ihren Kanälen zur Diskussion. In den vergangenen Jahren habe ich die Rezensionen und Debatten gerne als Leser verfolgt, umso mehr freue ich mich darüber, nun selbst Teil der illustren Bloggerbande sein zu dürfen. Wir treten dabei natürlich in große Fußstapfen – etwa in die der fabelhaften Sophie Weigand, die von Mr. Blogbuster Tobias Nazemi oder die tatsächlich sehr großen von Jochen Kienbaum (der so nett war, uns abermals das Logo zu gestalten).

Allerdings gibt es mindestens fünf Gründe, sich auch aufs neue Team zu freuen. Mit der Lektorin Isabella Caldart (Blog/Facebook) etwa kann man Pferde stehlen. Oder Zeitschriften machen. In jedem Fall aber: ganz großartig über Literatur sprechen. Sarah Reul aka Pinkfisch (Blog/Facebook) bringt als Buchhändlerin nicht nur Fachkenntnis, sondern auch Farbe und gute Laune ins Team, Mareike Fallwickl (Blog/Facebook) dagegen den nötigen Schmäh. Wenn die österreichische Bloggerin und Autorin über Bücher motzt, kann es schon mal unschön werden. Und lustig. Außerdem gehen wir frechen jungen Leute natürlich mit der Zeit und haben uns mit Ilke Sayan die beste Booktuberin ins Boot geholt, die sich der Börsenverein leisten konnte – da lassen wir uns nicht lumpen. Und Sandro Abbate (Blog/Facebook) et moi? Machen als Quotenkerle hoffentlich eine gute Figur!

Aber nicht nur das Team der Buchpreisblogger ist neu. Erstmals gibt es auch einen eigenen Blog, auf dem sämtliche Artikel gebündelt und Hintergrund-Artikel zum Deutschen Buchpreis veröffentlicht werden. Unsere Original-Posts teilen wir Blogger unter dem Hashtag #dbp17 über unsere eigenen Kanäle, die Beiträge werden zudem auch auf der Facebook-Seite des Deutschen Buchpreises zusammengeführt.

Bevor wir ab Mitte August mit dem Lesen beginnen, werden wir uns auf dem offiziellen Blog nacheinander vorstellen und sicher bereits über mögliche Longlist-Kandidaten sprechen. Ich freue mich schon auf die Lektüre der nominierten Titel und den Austausch mit allen, die mitlesen!

Ausgangspunkt ist immer die Sprache. Lucia Leidenfrost im Gespräch

Lucia LeidenfrostVor einigen Monaten habe ich Mir ist die Zunge so schwer, das Erzähldebüt der österreichischen Autorin Lucia Leidenfrost besprochen. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt sie darin die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Sie schaut einfachen Menschen aus der Provinz in die Köpfe und auf den Mund – und das ist es, was den Ton ihres ersten Erzählbandes so besonders macht.

Du hast lange an deinem Erzählband „Mir ist die Zunge so schwer“ gearbeitet, die Geschichte „Flugübungen“ haben wir zum Beispiel schon 2011 in ]trash[pool veröffentlicht. Im Fokus vieler der Erzählungen stehen alte Menschen, zumeist Dorfbewohner der österreichischen Weltkriegsgeneration. Wie bist du auf die Idee zu diesem Zyklus gekommen, und wie ist er entstanden?

Es ist eine spannende Frage, wie ein Stoff, ein Thema zu einem kommt. Ich glaube nicht, dass ich das bei Mir ist die Zunge so schwer bis in alle Ecken ausleuchten kann. Im Hinterher fällt es einem natürlich leichter, zu sagen, das war schon alles von Anfang an klar. Es gibt nicht den einen Augenblick, wie ich auf eine Idee komme. Bei Mir ist die Zunge so schwer waren es ein paar lose Enden, die mich dazu gebracht haben. Im Prozess des Schreibens entsteht ja auch manches, was man so nicht erwartet. (Damit will ich aber natürlich nicht sagen, dass es mir „eingegeben“ wird oder mir in den Schoß fällt). Zunächst ist in meinem Schreiben meine eigene Lektüre wahnsinnig wichtig. Ungefähr ein halbes Jahr bevor Flugübungen (damals noch Blendend) entstanden ist, hab ich von Alois Hotschnig Im Sitzen läuft es sich besser davon gelesen. Ich war fasziniert von dieser Klarheit in der Unklarheit, in der dort gesprochen wird. Ich habe manche der Texte immer wieder gelesen und irgendwann – nicht vergessen, aber beiseitegelegt. Diese Texte waren sicher so eine erste Ecke, aber durch eine erste Ecke ist noch lange kein Raum entstanden. Außerdem fasziniert es mich noch immer, dass man beim Aufschreiben von mündlichen Sprechen so viel machen kann – dass da syntaktisch und thematisch alles ein bisschen anders läuft als im Schriftlichen. Und das ist eine zweite Ecke, oder ein weiterer Pfeiler für Texte von mir – denn die Sprache ist das, was mich zum Schreiben bringt.

Dort, wo ich aufgewachsen bin – vielleicht überall auf der Welt? –, erzählen oft die alten Menschen. Sie haben schon viel erlebt und sie sind dem alltäglichen Wahnsinn, den sich jüngere Menschen ausgesetzter fühlen, vielleicht schon ferner. Sie halten Rückblick. Das habe ich in den Erzählungen aufgenommen. Wenn man an etwas schreibt – eigentlich generell, wenn man sich mit etwas beschäftigt –, dann geht man auch mit offeneren Ohren/Augen durch die Welt. Mir sind in den Jahren, in denen ich am Band geschrieben habe (ohne zu wissen, dass daraus einmal ein Buch wird) auch die sprachlichen Eigenheiten bewusster geworden, mir sind alte Menschen, die von sich erzählen, begegnet. Ich bin in der österreichischen Provinz aufgewachsen – Provinz mein ich nicht abwertend! –, und ich höre den Menschen in meiner Umgebung immer gern zu, wenn sie erzählen. Viele der Aussagen meiner Figuren könnten einem so oder so ähnlich begegnen – ich vermute nicht nur in Österreich, sondern überall in Deutschland und Österreich, halt mit einem anderen Lokalkolorit –, aber die Sprache von dort, wo ich aufgewachsen bin, ist mir natürlich näher. Als mich dann meine Lektorin angeschrieben hat, habe ich auch noch ältere Texte dazugenommen, die thematisch zu Mir ist die Zunge so schwer gepasst haben, zum Beispiel Hans Warum.

Du urteilst in deinen Erzählungen nicht über die Figuren, sondern schreibst fast ausschließlich aus ihrer Perspektive, bleibst dabei ganz nah an ihrer Sprache und ihrem persönlichen Horizont. Warum hast du diesen – manchmal fast mündlich klingenden – Tonfall gewählt? Und: Hast du das Gefühl, dass dein Buch angesichts erstarkter rechter Strömungen politischer geworden ist, als du es ursprünglich beabsichtigt hast?

Ich weiß nicht, ob sich jemand anmaßen darf, über jemanden anderen – auf einer persönlichen Ebene – zu urteilen. Das rechtfertigt natürlich keine Taten, man ist schon dafür verantwortlich, was man tut. Aber zu sagen: „Das hätte ich nicht getan“ – das kommt mir nur schwer über die Lippen. Die Kenntnis eines Menschen, also wie ich einen Menschen kenne, ist fragmentarisch. In der Erzählung Vorm jüngsten Gericht thematisiere ich das am Rand. Ich bin deshalb so nah an den Figuren geblieben, weil sie sich am besten selber kennen – mit all ihrer Fragmenthaftigkeit. Das heißt auch, dass sie vor sich selbst Dinge rechtfertigen, die eigentlich nicht zu rechtfertigen sind. Ich habe mich viel mit tragischen und traumatischen Erfahrungen, die Menschen widerfahren, mit dem Dritten Reich, aber auch mit aktuellen Themen, wie politischen Gefangenen beschäftigt. Was mich eigentlich interessiert, ist das, was die Menschen weiterleben, weitermachen lässt, also ihre Resilienz, wenn man so will – und dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern dass es Auf und Abs, Gutes und Schlechtes gibt, dass sich manchmal was Gutes als gar nicht so gut herausstellt und umgekehrt und wir trotzdem damit (weiter)leben können. Ich finde es erstaunlich, dass nach dem Krieg die Menschen weitergelebt haben, dass sie auch miteinander gelebt haben, dass sie es geschafft haben, einen Rechtsstaat und eine Demokratie aufzubauen! (mehr …)

Impressionen vom Prosanova 2017

IMG_9695bSechs Jahre ist es jetzt her, dass ich als Finalist des Literaturwettbewerbs zum Prosanova Festival eingeladen wurde: mein erster „richtiger“ Auftritt als Autor. Und gerade mal meine dritte Lesung. Deshalb hatte ich zwar ein paar durch und durch großartige Tage in Hildesheim – aber auch permanent die Hose voll. In diesem Jahr konnte ich die Atmosphäre zumindest für einen halben, viel zu kurzen Tag ganz entspannt auf mich wirken lassen.

Fand das Literaturfestival 2011 noch in einer aufgegebenen Kaserne statt, waren es diesmal vier große Industriehallen, darunter ein leerstehender Aldi, in denen das #pn17 mit viel Liebe zum Detail und kreativen Ideen zum Leben erweckt wurde. Genau wie vor sechs Jahren ist es den Organisatoren, zusammengesetzt aus dem Herausgeberteam der BELLA triste und Studierenden der Universtät Hildesheim, gelungen, das Festivalgelände zu etwas Besonderem zu machen. Vor allem die Eisenhalle und die Freifläche unter den Stahlträgern eines ehemaligen Gebäudes luden zum Verweilen ein – manchmal fast zu sehr. Dank des guten Wetters und so einiger bekannter Gesichter lief man stets Gefahr, sich zu verquatschen und deshalb Veranstaltungen zu verpassen.

Ohnehin hatte ich, da ich erst Samstagmittag ankam, leider viel zu wenig Zeit fürs Programm, das sich 2017 mit Fragen nach „MATERIAL, PROZESS und PROTOKOLLE“ auseinandersetzte. Vor sechs Jahren ware es noch darum gegangen, das enge Format „Lesung“ aufzubrechen und dabei Neues auszuprobieren, Grenzen auszuloten. Da konnte es schon einmal passieren, dass ein echtes Pferd in eine Lesung platzte. Einige Experimente damals waren spannend, andere wirkten manchmal etwas bemüht. Eines waren die Lesungen jedoch immer: überraschend. Diesmal machte das Programm einen weniger verspielten, erwachseneren Eindruck auf mich. Während Hildesheimer AutorInnen 2011 noch eine recht große Rolle gespielt hatten, lag der Fokus der fünften Ausgabe des Festivals stärker auf bekannte Namen. Von dem Wenigen, das ich sehen konnte, schien mir der Spagat zwischen unterhaltsameren und informativen Veranstaltungen jedoch gelungen. Am späten Nachmittag eilte ich etwa von Die weite weite Sofalandschaft [Teil 2], einer verschrobenen und sehr komischen szenischen Lesung von Malte Abraham und Svenja Viola Bungarten, zu einer Gesprächsrunde über den Trend zu autobiografischen Stoffen in der Literatur. In Trendscout: Autofiktion sprachen Anke Stelling und Fatma Aydemir mit Simon Roloff über das Verhältnis von Leben, Aufzeichnung und Literatur. Ein spannendes Thema angesichts des Erfolgs von Autoren wie Knausgård oder, hierzulande, Thomas Melle oder Arno Frank; allerdings wäre die Diskussion mit einem zusätzlichen Gesprächsteilnehmer, der – anders als Stelling und Aydemir – tatsächlich autobiografisch schreibt, vielleicht noch aufschlussreicher gewesen.

Wie immer bestand das Festival aber nicht nur aus literarischen Veranstaltungen. Am späten Abend überzeugten OTIS FOULIE bei ihrem Konzert mit einem Sound irgendwo zwischen The XX und Portishead; verstolperte Beats und verstörende Abgründe, immer wieder aber auch Momente erhabener Schönheit – dieses Duo sollte man sich merken. Und während im ehemaligen Aldi bis spät in die Nacht weitergefeiert wurde, endete das Prosanova 2017 für mich, biertrinkend im Liegestuhl auf dem Außengelände, mit zwei Erkenntnissen: Ein Tag auf dem Festival war zu kurz. Drei Jahre Wartezeit bis zum nächsten sind dagegen definitiv zu lang.


Auf Schöne Seiten hat Caterina Kirsten die Atmosphäre des Festivals – gerade auch für diejenigen, die das Prosanova nicht kennen – gut eingefangen. Dass sie uns beim Tanzen „lässige Moves“ bescheinigt, ist allerdings nur die halbe Wahrheit – in meinem Fall waren’s ganz klar #fakemoves! 😉 Eine umfangreiche und sicher im Laufe der kommenden Tage noch weitergeführte Presseschau hat Stefan Mesch nebst Fotos auf seinem Blog veröffentlicht. Einen guten Überblick über das Programm findet man im Rückblick bei LITAFFIN, einen informativen Text über die Gedanken dahinter auf Textmagazin. Auch Poesierausch hat das Prosanova besucht. Und last but not least geht es hier entlang für Fotos vom Prosanova 2011.

Heimkehr. Über das Tübinger Bücherfest 2017

IMG_9574Mehr als sieben Jahre habe ich im beschaulichen Tübingen gelebt, am Ende wollte ich aber nur noch weg. Schon nach vier Semestern hatte ich das Gefühl, Furchen in die engen Gassen zu laufen, so klein ist diese Stadt. An all den Postkartenmotiven hat man sich satt gesehen, auch die Kneipen und Restaurants sind längst hundertfach durch. Und weil die Stadt sich mit jedem Semester häutet, fühlt man sich unter den fast dreißigtausend Studierenden irgendwann alt; spätestens, wenn die ersten Kommilitonen einen siezen, fürchtet man, zu einer dieser vielen verschrobenen Tübinger Figuren zu werden, die wie verwirrte Poltergeister in der Uni herumirren und es dadurch zu zweifelhafter Prominenz gebracht haben. Keine Frage: Ich musste da raus. Statt in die große weite Welt zog es mich 2009 allerdings dann doch bloß nach Stuttgart. Und die Verbindung nach Tübingen? Blieb bestehen, und zwar aus Liebe zur Literatur. Da sind zum einen die Freunde und Bekannten aus den Schreibseminaren am SLT, dem Studio Literatur und Theater, mit denen ich bis heute Kontakt halte. Zum anderen ist da die Literaturzeitschrift ]trash[pool, deren Redaktion ich seit 2011 angehöre. Mit jeder Ausgabe und Lesung kehrte ich lieber in meine alte Studentenstadt zurück. Tübingen und ich, wir brauchten ein bisschen Abstand voneinander. Aber auf einmal hatte ich wieder Augen für die Schönheit dieser Stadt, sehnte mich nach ihrer kulturellen Vielfalt und warmen Sommerabenden am Neckar zurück. Inzwischen freue mich also längst über Gründe, mal wieder heimzukehren – und einen besseren als das Tübinger Bücherfest, sogar mit eigener Lesung, kann es eigentlich kaum geben.

Samstag

Auch im zehnten Jubiläum bot das Tübinger Bücherfest wieder ein abwechslungsreiches und hochkarätiges Programm – schwer, sich da zu entscheiden, wenn man nur wenige Lesungen besuchen kann. Mittags um eins zog Takis Würger gegen Fatma Aydemir den Kürzeren. Im Pfleghof las die Karlsruher Autorin aus ihrem Debütroman Ellbogen. Die brauchte man auch, um sich bei knapp 30 Grad einen der begehrten Schattenplätze zu sichern. Eine Coming of age-Geschichte mit Migrationshintergrund, in der sich der Frust irgendwann in Gewalt entlädt: Die Rezensionen, die ich zu dem Roman kannte, hatten mich neugierig gemacht (diese oder jene z.B.). Während der ersten Textstellen, die Aydemir las, vermisste ich jedoch ein bisschen die Wut und das Rotzige, fand die Sprache sogar überraschend brav. In der entscheidenden Szene wurde der Text dann aber spürbar intensiver und deckte sich mit meinen Erwartungen. Eine willkommene Auflockerung dagegen war Aydemirs Frage an die Gebärdendolmetscherin, wie sie denn eben das Wort Opfernutte übersetzt habe. Angesichts der politischen Entwicklung der Türkei rückte die zweite Hälfte von Ellbogen, als die Protagonistin Hazal alleine nach Istanbul zieht, nun umso stärker in den Fokus. Fatma Aydemir verbrachte während der vergangenen Jahre – zuletzt sechs Monate im Jahr 2016 – jeden Sommer in Istanbul. Am Ende der Lesung sprach sie von den ersten wahrnehmbaren Anzeichen der Veränderung, die auch Eingang in den Roman gefunden haben.

Nach der Lesung im Pfleghof stand ich vor einer kontrastreichen Entscheidung: Wollte ich Philipp Winkler aus Hool lesen hören – oder den allzu braven Benedict Wells aus Vom Ende der Einsamkeit? Spontan entschied ich mich zur Konfrontationstherapie. Wenn sich Arachnophobiker Vogelspinnen über die Arme laufen lassen können und Menschen mit Flugangst den Fallschirmsprung wagen, werde ich ja wohl noch eine Lesung von Benedict Wells überstehen. Dabei kann er ja gar nichts für meine innere Abwehrhaltung, dieser freundliche junge Mann. Es war einfach zu viel, damals, als der Roman erschien. Plötzlich war Benedict Wells überall. Nicht nur in den Blogs. Auch auf der Leipziger Buchmesse 2016 gab es keine Wand, keine Säule, keine Tür, die nicht mit seinem hübschen Konterfei tapeziert worden wäre. Überall und ständig sah er mich an, dieser perfekte Schwiegersohn zwischen Florian Silbereisen und Jared Kushner. Er selbst muss sich auf der Messe gefühlt haben wie in einem Spiegelkabinett. Im Frühjahr 2016 habe ich Benedict Wells so oft gesehen, dass ich sein Gesicht sogar in Wolken wiedererkannte. Oder auf geröstetem Toast. Obwohl Blogger, deren Meinung ich sehr schätze, viel von seinen Büchern halten (zum Beispiel dieser oder jener), hatte ich deshalb bislang einfach wenig Lust auf sie. Bis zu seiner Lesung jedenfalls.

Vom Ende der Einsamkeit – das kann man auch doppeldeutig verstehen: Wo Benedict Wells ist, da ist es nämlich voll. Zu Beginn seiner Lesung hieß es, noch nie sei eine Veranstaltung des Bücherfests so gut besucht gewesen. Der Autor selbst gab sich demütig und machte ein Foto vom Publikum. Rockstargeste, dachte ich da noch. Als nächstes würde er ins Mikro rufen: Danke Hannover, ihr seid die Geilsten! Aber den Gefallen tat er mir als neidischen Jungautor natürlich nicht. Stattdessen war Benedict Wells genau so, wie ihn alle immer beschrieben hatten: nett. Sehr sogar. Dass er sein eigenes Buch vergessen und sich eines aus dem Publikum lieh, hätte sicher auch wieder so eine einstudierte Geste sein können. Aber selbst wenn: Wenig später entschuldigte er sich grinsend dafür, auf dem geliehenen Buch gerade eine Fliege erschlagen zu haben. Seine Lesung war im besten Sinne souverän und bodenständig. Ohne Spur von Arroganz sprach Wells von seinen Schwierigkeiten beim Schreiben und den sieben Jahren, die er für Vom Ende der Einsamkeit brauchte. Sprachlich hinterließen die gelesenen Textstellen zwar keinen besonders großen Eindruck bei mir, neugierig machten mich dagegen aber die gelungene Figurenzeichnung und der sich über mehr als dreißig Jahre erstreckende Plot. Ich gebe mich also geschlagen und werde das Buch sicher irgendwann lesen. Und Benedict Wells? Nun, wer Pink Moon von Nick Drake in seinem Roman erwähnt, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Isso.

Sonntag

An meinem zweiten Tag auf dem Bücherfest verbrachte ich erst einmal ein bisschen Zeit bei der offenen Lesebühne Poet’s Corner, die von meinem ]trash[pool-Kollegen Tibor Schneider moderiert wurde. Natürlich lasen dort an beiden Tagen auch einige Autorinnen aus unserer Zeitschrift: zum Beispiel Andrea Mittag und Sara Hauser aus Ausgabe 7 sowie Lucia Leidenfrost, Elisa Weinkötz und Jasmin Mayerl aus der kommenden Ausgabe 8. Auch ich las im schönen Hölderlingarten erstmals einige Seiten aus meinem aktuellen Manuskript, bevor ich zur nächsten Veranstaltung musste. Im Musuem stellte Jonas Lüscher seinen Roman Kraft vor, den ich in der kommenden Ausgabe des Magazins der Büchergilde bespreche. Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern eines Tübinger Rhetorikprofessors im Silicon Valley, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen: Jonas Lüscher ist ein großartiger Roman gelungen, der für mich eindeutig ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises ist. Seine Lesung musste ich dennoch bereits nach einer halben Stunde verlassen – und zwar für meine eigene.

Nach kurzen Kostproben im Poet’s Corner fand die eigentliche Jungfernfahrt meines nächsten Romans (den ich im Sommer fertigstellen werde) auf dem Neckar statt. Eine schöne Idee: Im Stundentakt lasen während des Bücherfests Autoren und Autorinnen auf traditionellen Stocherkähnen aus ihren Texten. Eine dreiviertel Stunde auf dem Neckar aus meinem neuen Manuskript lesen zu dürfen: Das war nicht nur dank der malerischen Kulisse etwas ganz Besonderes für mich. Hier schloss sich für mich ein Kreis – und etwas Neues begann. 2009 habe ich in Tübingen erstmals aus meinen Texten gelesen, und zwar den Anfang von Dezemberfieber. Beim Tübinger Bücherfest 2017 las ich nun tatsächlich zum allerersten Mal aus einem anderen Roman als meinem Debüt, entsprechend groß war meine Nervosität. Dass unter den Zuhörern auch zwei Damen waren, die mich schon im Hölderlingarten lesen sahen und dabei neugierig auf den Roman geworden sind, war deshalb schon einmal ein beruhigendes Signal. Fliehen konnten die Gäste vom Stocherkahn zwar nicht, das Angebot, mich bei Nichtgefallen über Bord zu werfen, nahmen sie zum Glück aber auch nicht wahr. Ebenfalls ein gutes Zeichen: Es machte Spaß, aus meinem neuen Roman zu lesen – sehr sogar!

Parallel zu mir stellte Jan Snela auf einem zweiten Stocherkahn Erzählungen aus Milchgesicht vor, von denen manche bereits während unserer gemeinsamen Zeit am SLT entstanden. Das anschließende Essengehen mit gemeinsamen Freunden aus dem SLT war somit der perfekte Abschluss für eine gelungene Heimkehr und ein schönes Bücherfestwochenende. Next stop on memory lane: Prosanova in Hildesheim!

Auswahl für ]trash[pool #8

Unbenannt-1Zugegeben: Wir haben uns diesmal etwas Zeit gelassen – aber was schickt ihr uns auch so viele gute Texte, dass wir uns erst einmal Verstärkung in die Redaktion holen müssen? Gemeinsam mit unserem Neuzugang, Isabella Caldart von Novellieren, haben wir nun aber endlich unsere Auswahl getroffen.

Freut euch in ]trash[pool #8 auf großartige Beiträge von: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf.

Ausgabe 8 von ]trash[pool wird im Herbst dieses Jahres erscheinen. Die bisherigen Ausgaben könnt ihr unter redaktion@trashpool.net oder als Digitalversion bei unserem Partner duotincta bestellen. Vielen Dank für die vielen Einsendungen!

Suspicious minds. Über „Superbuhei“ von Sven Amtsberg

IMG_6088Mit Jesse Bronske stimmt was nicht. Ständig weint er. Oder brüllt in Gesprächen, ohne es zu merken. Immer öfter lässt ihn sein Gedächtnis im Stich, spielt ihm seine Wahrnehmung einen Streich. Und dann ist da diese Angst, die ihn wieder trinken lässt. Die ihn dazu bringt, sich eine Waffe zu besorgen und niemandem mehr zu trauen, nicht einmal seiner Freundin Mona. Vielleicht stimmt es ja, was sie sagt: dass er sich verändert habe und Hilfe brauche. Genauso gut könnte Mona aber – womöglich sogar, ohne es zu wissen – mit Aaron unter einer Decke stecken. Denn das ist Jesses große Angst: dass ihn sein Zwillingsbruder nach all den Jahren ausfindig gemacht hat und nun den perfiden Plan verfolgt, ihn heimlich zu ersetzen.

Viel zu holen gibt es in Jesses Leben eigentlich nicht. Die tägliche Tristesse in seiner Supermarktkneipe Kleine Maus, die eigentlich mal Klaus Meine hieß, erträgt Jesse schon lange nicht mehr. Tagein, tagaus dieselben Alkoholiker mit denselben schalen Witzen am Tresen und denselben Scorpions-Songs im Player. Noch deprimierender ist bloß der Blick auf den Supermarktparkplatz vorm Fenster: eine permanente Erinnerung ans gescheiterte Leben der Eltern, die einst mit einem Parkplatzimbiss ihr Geld verdienten und dabei ihre Würde verloren. An die Kindheit mit einem gebrochenen Elvis-Imitator als Vater. Und an eine Mutter, die die Familie im Stich ließ, um ein neues Leben anzufangen, es aber nur bis ans andere Ende der Straße schaffte. Nach dem Tod des Vaters und dem Bruch mit Aaron gibt es nur noch wenige Konstanten in Jesses Leben. Klar, da ist Mona, die sonnenbankgebräunte Supermarktkassiererin. Allerdings machen sich in der Beziehung inzwischen erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar – und zwar nicht nur, weil Jesse seiner Freundin Schlaftabletten ins Essen mischt, um abends alleine zu sein. Wirklich Halt geben kann Jesse nur einer, und das ist Klaus Meine. Jesse hat nicht nur seine Kneipe nach dem Scorpions-Sänger benannt, sondern fährt, wenn es ihm schlecht geht, auch gerne mal zu dessen Haus und macht Fotos von seinem Garten. Vor allem schreibt er ihm aber Briefe. Klaus Meine kann Jesse alles erzählen – sogar über Aaron, von dem nicht einmal Mona etwas weiß. Als Jesse glaubt, seinen Zwillingsbruder nachts im Maisfeld vor dem Haus zu sehen, gerät sein schon lange ins Wanken geratene Leben endgültig aus den Fugen…

Superbuhei, so heißt der Supermarkt, in dem Mona und Jesse arbeiten. Der Debütroman von Sven Amtsberg wäre in einem ebensolchen nur schwer einzusortieren: einerseits Groteske über die Hölle der Vorstadttristesse, andererseits Psychogramm eines Mannes am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und obwohl zumeist der verschrobene Humor im Vordergrund steht, liest sich der Roman stellenweise fast wie ein Thriller. Tatsächlich ist Superbuhei trotz seiner Skurrilität überraschend melancholisch und düster: als hätte Wes Anderson einen Psychothriller über die niedersächsische Provinz gedreht. Amtsberg kann schreiben und treffsicher amüsieren, nicht immer gelingt ihm jedoch die richtige Balance zwischen Komik und Ernst. Mancher Handlungsbogen ist etwas überspannt, vor allem aber steht die permanente Überzeichnung seiner Figuren der Empathiebildung im Weg. Verglichen mit artverwandten Romanen wie Herr Lehmann von Sven Regener oder Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse fehlt es Superbuhei manchmal an Erdung. Das ändert jedoch nichts daran, dass Sven Amtsberg mit seinem Debüt einen hochkomischen und tieftraurigen, vor allem aber überraschenden Roman vorgelegt hat, der neugierig auf seinen nächsten macht.


Sven Amtsberg: Superbuhei. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 360 Seiten.