Buchhändlerinnen im Gespräch zum #dbp17

19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n

Es ist ja schön und gut, wenn die von der Jury nominierten Titel im Feuilleton besprochen und von uns Buchpreisbloggern vorgestellt werden. Aber wie kommen Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises eigentlich bei denen an, die die Bücher dann auch verkaufen sollen? Ich habe mit Buchhänderlinnen über die Auswahl der Jury und ihre Favoriten gesprochen. Maria-Christina Piwowarski arbeitet seit 2012 bei Ocelot, not just another bookstore, Jacqueline Masuck seit 2000 in der Belletristik-Abteilung beim KulturKaufhaus Dussmann; darüber hinaus bloggt sie auf masuko13 über Literatur und war in den vergangenen Jahren Teil des Buchpreisbloggerteams.

Wie zufrieden seid ihr mit der Longlist-Auswahl der Jury?

Piwowarski: In den vergangenen Jahren habe ich vor allem festgestellt, dass es mir die wechselnde Jury wohl nie recht machen kann. Auch in diesem Jahr finde ich die Liste bedauerlich unspektakulär. Mir fehlt schlicht EIN Titel darauf, für den ich so richtig die Daumen drücken will, für den ich brennen kann. Aber ich sehe durchaus ein, dass das ein rein subjektives Problem ist. Ich habe mich für Christine Wunnikes Katie und Das Jahr der Frauen von Christoph Höhtker gefreut und fand die Nominierung von Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte eine gute und mutige Entscheidung. Den Rest der Liste musste ich hinnehmen – wie das Berliner Wetter in diesem Sommer.

Masuck: Ich fand die Longlist sehr ausgewogen. Es waren einige Titel aus Indie-Verlagen dabei mit sehr literarischen Büchern wie Jakob Noltes Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz). Gleichzeitig waren auch große Verlage vertreten wie Suhrkamp mit drei AutorInnen und Galiani mit dem großartig unterhaltenden Roman Wiener Strasse von Sven Regener. Für uns Buchhändler ist es immer schön, wenn die deutsche Buchlandschaft in ihrer gesamten Vielfalt präsentiert wird. Die Kunden nehmen das auch begeistert an, das spürt man dann an den guten Abverkäufen. Im KulturKaufhaus Dussmann präsentieren wir deshalb bereits die Titel der Longlist als großes Medienereignis.

Welchen Titel habt ihr vermisst?

Piwowarski: Einen? Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass weder Svealena Kutschke für Stadt aus Rauch noch Sabrina Janesch für Die goldene Stadt nominiert wurden. Darüber hinaus hätte ich zu gern Jana Hänsel, Zsuzsa Bánk, Lana Lux, Chris Kraus, Mariana Leky, Barbara Zoeke und Isabel Fargo Cole auf der Longlist gesehen. Und Uwe Timm.

Masuck: Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Lana Lux mit Kukolka und Kevin Kuhn mit Liv es auf die Longlist geschafft hätten.

Haben es die richtigen Bücher in die Shortlist geschafft?

Piwowarski: Unter den gegebenen Umständen schon. Feridun Zaimoglu mit seinem gefühlten Dauerabonnement auf die Longlist hätte mit Evangelio im Lutherjahr vermutlich zu gewollt gewirkt. Auch Jonas Lüscher und Kerstin Preiwuß haben meiner Meinung nach mit diesen Büchern keinen Shortlist-Platz verdient. Und Sven Regener zu nominieren fand ich (bei aller Sympathie) genauso unsinnig, wie im letzten Jahr Joachim Meyerhoff (ebenfalls bei aller Sympathie) auf die Longlist zu setzen.

Masuck: Ich freue mich wirklich wahnsinnig, dass der Suhrkamp Verlag mit drei Titeln auf der Shortlist vertreten ist. Hier drücke ich ganz besonders die Daumen, dass einer der drei AutorInnen den Deutschen Buchpreis gewinnt. Allerdings hätte ich gerne noch Ingo Schulze mit seinem Roman Peter Holtz aus dem S. Fischer Verlag auf der Shortlist gesehen.

Wer, glaubt ihr, gewinnt den Deutschen Buchpreis?

Masuck: Eine Prognose wage ich momentan nicht, da ich einige der Shortlist-Titel noch lesen möchte. Zum Beispiel auch Falkners Romeo oder Julia aus dem Berlin Verlag.

Piwowarski: Da mein „Glaube“ hier scheinbar keine Rolle spielt (siehe Frage zwei: Auf alle diese AutorInnen hätte ich zu gern ein Monatsgehalt gewettet.), wünsche ich den Buchpreis einfach Marion Poschmann oder Sasha Marianna Salzmann. Auch mit Franzobel wäre ich zufrieden – unter den gegebenen Umständen. Zudem muss ich, auch, wenn das nicht gefragt war, ergänzen, dass ich Margaret Atwood als Gewinnerin des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine so grandiose Entscheidung finde, dass mich das mit all meinem Gram versöhnt, zumal ich mich auch jetzt schon auf die nächste Longlist freue. Ich habe es versucht, ich kann nicht anders.

***

Nicht nur unter uns Buchpreisbloggern polarisiert die Auswahl der Jury zuweilen – und das ist auch gut so: Man spricht und diskutiert über Literatur, schafft dadurch Aufmerksamkeit für AutorInnen und Bücher, die ohne Nominierung womöglich nur wenig öffentliche Beachtung gefunden hätten. Allerdings gibt es auch deutlich kritischere Stimmen zur Longlist des Deutschen Buchpreises. Angelika Abels, Bloggerin und Inhaberin der Buchhandlung Angelikas Büchergarten, antwortete mir: „Ehrlich gesagt habe ich mir die Longlist erst angeschaut, nachdem Deine Anfrage kam. Warum? Nun, in den letzten beiden Jahren (seit der Eröffnung meiner Buchhandlung) habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Kunden daran nicht interessiert sind. Auf Nachfrage bekomme ich zur Antwort, dass sie die Bücher als zu „schwer“ und zu „elitär“ empfinden. Ich sehe es ähnlich. Die Texte erschlagen den Leser und die Thematik ist oftmals düster. Aus buchhändlerischer Sicht sind diese Bücher kaum bis gar nicht verkäuflich. Das heißt nicht, dass ich den Deutschen Buchpreis unwichtig finde. Nein. Das Kulturgut Buch ist wichtig und sollte auf jeden Fall gefördert werde. Nur bei der Auswahl der Titel für die Longlist sollte man mal weniger „elitär“ denken. Ferner würde ich mir mehr Autorinnen und Indie Verlage wünschen. Ich selbst habe in diesem Jahr wundervolle Texte aus verschiedenen Indie Verlagen gelesen. Nachdem ich mir dann jetzt auch die Shortlist angeschaut habe, denke ich, dass Außer sich eine gute Chance hat … das ist zumindest das Buch, welches ich auch lesen würde.“

Drei BuchhändlerInnen, drei Meinungen – und in der Jury werden die Diskussionen während der nächsten Wochen kaum einfacher sein… Ich danke Maria-Christina Piwowarski, Jacqueline Masuck und Angelika Abels dafür, dass sie sich die Zeit genommen haben, mir meine Fragen zu beantworten!

Advertisements

Autopsiebericht. Über „Walter Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf

walter nowakEigentlich ist Walter Nowak ja fit für sein Alter, nicht nur wegen des täglichen Schwimmens. Für den Rentner ist es deshalb auch gar kein Problem, dass seine jüngere Frau für ein paar Tage zu einer Konferenz verreist ist. Und ohne den Unfall wäre er vielleicht ja auch ganz gut alleine zurechtgekommen. Vielleicht hätte er nicht das Wildschwein in der Küche zerlegt und es dann auf dem blutigen Boden vergammeln lassen. Vielleicht hätte er weniger getrunken und keine halben Tage verschlafen, wäre er nicht ohne Schuhe und mit Badekappe zum geschlossenen Freibad und dann zu seiner ehemaligen Firma gefahren. Walter Nowak macht sich wegen all dieser Dinge keine großen Gedanken. Das tun bloß die anderen: etwa seine Ex-Sekretärin, die ihn besorgt auf einen Kaffee hineinbittet und dann zusehen muss, wie er vor ihr flieht. Oder sein entfremdeter Sohn, der ihn erstmals nach Jahren besucht und ihm anfangs nicht einmal die Sache mit der Fledermaus glaubt.

Ein Roman wie ein Scherbengericht

Am Ende des Romans liegt Walter Nowak nackt auf dem Boden seines Badezimmers, beschämt und mit einer womöglich ernsten Verletzung am Kopf. Ein Spoiler ist das nicht: Ganz genauso fängt Julia Wolfs zweiter Roman auch an. Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt Walter Nowak einfach liegen. Nur seine Gedanken stehen nicht still, ganz im Gegenteil. Da sind die verworrenen Erinnerungen an den Unfall im Schwimmbad und die merkwürdigen Tage danach. Und da ist ein ganzes Leben, das an Walter Nowak vorbeizieht, fragmentarisch wie ein Scherbengericht. Immer wieder blitzen sie auf, die Fehler seines Lebens: Momente des Scheiterns und der Scham, die sich in sein Bewusstsein schneiden und nun alles in Frage stellen. Etwas ist in Walter Nowak kaputtgegangen, seit er mit dem Kopf gegen den Beckenrand knallte. Als hätte er dabei eine Sollbruchstelle erwischt, kann er sein Selbstbild und die Illusion eines guten und erfolgreichen Lebens auf einmal nicht mehr aufrechterhalten. Überall sieht er sich plötzlich auf dem Abstellgleis: Seit er seine Firma und damit sein Lebenswerk verkauft hat, wird er dort nicht mehr gerne gesehen. Walters erste Ehe scheiterte an seinen Affären, seine zweite sieht er durch einen anderen Mann bedroht. Sein Sohn will schon lange nichts mehr von ihm wissen, und seine Mutter – der einzige Mensch, der immer für ihn da war – ist schon seit Jahren tot. Nichts, an das Walter sein Leben lang geglaubt hat, scheint noch gut genug zu sein – nicht einmal das Andenken an Elvis Presley, Walter Nowaks Ideal eines Vaters, den er nie hatte.

Operation am offenen Kopf

Durch abgehackte Sätze und jähe Gedankensprünge bleibt Julia Wolf ganz nah dran an ihrer Figur; wie in einer Operation am offenen Kopf spiegelt die Sprache Walter Nowaks Geisteszustand und sein zerbrochenes Selbstbild wider, das er mit aller Kraft zusammenzuhalten versucht. Trotz aller Tragik eines gescheiterten Lebens ist Walter Nowak eine komische, gar lächerliche Figur, der man mit Interesse, allerdings nur wenig Empathie folgt. Mit wenigen, aber präzisen Schnitten dringt Julia Wolf in Walter Nowaks Gehirn zu den entscheidenen Momenten seines Lebens vor. Als Autopsie eines gescheiterten Lebens ist Walter Nowak bleibt liegen kein einfaches Buch. Aber ein gelungenes – schade, dass es nicht für die Shortlist gereicht hat!

19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n


Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. 200 Seiten, erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Hier entlang zum Interview mit Julia Wolf auf novellieren.

Menschen sind so. Über „Das Floß der Medusa“ von Franzobel

floß der medusaEin Schiffbruch zwischen Afrika und Europa – inzwischen ist das ja kaum noch eine Meldung wert. Fast täglich sterben Menschen auf dem Mittelmeer, ertrinken Frauen, Kinder, Männer bei der verzweifelten Flucht vor Elend und Krieg. Wir haben uns an die Bilder der Toten vor unseren Küsten längst gewöhnt und gelernt, wegzuschauen. Menschen sind so. Auch damals, im Sommer 1816, wollte zunächst niemand etwas vom Unglück der Medusa wissen. Zu ungeheuerlich und furchtbar waren die Ereignisse, die sich infolge des Schiffbruchs vor Afrika zugetragen hatten. Schließlich kam die Katastrophe der französischen Fregatte aber doch ans Licht – und wurde zum Skandal: aufgrund des unfähigen Kapitäns, der seine Position bloß einer treuen royalen Gesinnung verdankte und der, anstatt auf die Warnungen seiner Offiziere zu hören, lieber einem Hochstapler vertraute. Aufgrund der Rettungsboote, von denen es zu wenige gab und die dann nicht einmal voll besetzt waren. Vor allem aber aufgrund des Floßes, das eilig aus Schiffsteilen zusammengebaut worden war und zur grausamen Todesfalle für hundertsiebenundvierzig, vom Kapitän im Stich gelassene Menschen wurde. Nach fast zwei Wochen auf dem offenen Meer lebten nur noch fünfzehn von ihnen – und die waren in ihrer Not zu Kannibalen geworden.

Ein historischer Zerrspiegel aktueller Katastrophen…

Zweihundert Jahre später wirken die Ereignisse vor der westafrikanischen Küste wie ein Zerrspiegel der aktuellen humanitären Katastrophe auf dem Mittelmeer. Die Toten der Medusa waren keine Flüchtlinge, sondern französische Kolonisten auf dem Weg nach Senegal, darunter der zukünftige Gouverneur sowie Dutzende Soldaten zur Aufrechterhaltung der dortigen Machtverhältnisse. Die Hierarchie blieb auch in der Katastrophe bestehen, auf dem Floß wurden hauptsächlich Soldaten und Seeleute zurückgelassen. Was damals für politischen Zündstoff sorgte – mit der Restauration war gerade erst die alte Ordnung nach der französischen Revolution wiederhergestellt worden – hat als menschliche Tragödie bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Der Vorfall inspirierte deshalb nicht nur zu dem berühmten Gemälde aus dem Jahr 1819, das heute im Louvre hängt, sondern auch zu einer zeitgemäßen Interpretation von Streetart-Künstler Banksy.

…und ein Abenteuerroman

Andere Autoren hätten aus diesem Stoff einen schweren, einen düsteren und belehrenden Roman gemacht. Nicht so der Österreicher mit dem ungewöhnlichen Künstlernamen Franzobel: Das Floß der Medusa kommt ohne erhobene Zeigefinger aus – mit Ausnahme vielleicht jener, die von ausgehungerten Figuren abgenagt werden. Denn trotz genauer Recherche überzeugt Franzobel vor allem als Fabulierer, dem es gelingt, eine grausame Geschichte über das, was Menschen bereit sind, für ihr Überleben zu tun, überraschend unterhaltsam zu erzählen. Tatsächlich liest sich Das Floß der Medusa über weite Strecken wie ein Abenteuerroman, der zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Mit beinahe spöttischem Humor folgt Franzobel dem Schicksal der Schiffbrüchigen und entwirft dabei Figuren, die mal an einen Dickens-Roman, mal an Fluch der Karibik, mal an politische Satire erinnern. Ein cleveres Vorgehen: Ohne Überzeichnung und Komik wären die Ereignisse auf dem Floß vermutlich nur schwer zu ertragen. So ist Franzobel jedoch ein echter Pageturner gelungen, der bestens unterhält, die Frage nach dem Preis von Menschlichkeit im Angesicht des Todes aber dennoch in aller Ernsthaftigkeit stellt. Anders als bei Wassermusik von T.C. Boyle – der Roman, an den ich mich beim Lesen am meisten erinnert fühlte – hat sich Franzobel bei Das Floß der Medusa weitestgehend an den realen historischen Ereignissen orientiert. Die Wikipedia-Recherche gleich nach der Lektüre lässt den Roman deshalb umso stärker nachwirken. An manchen Stellen liest er sich vielleicht wie eine grausame Farce, im Kern ist er jedoch wahr: Menschen sind so – und zwar damals wie heute.

19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n


Franzobel: Das Floß der Medusa. Erschienen bei Zsolnay, 592 Seiten. Der echte Erfahrungsbericht von den Überlebenden Savigny und Corréard erscheint übrigens demnächst in einer Neuauflage bei Matthes & Seitz.

Schräge Vögel und Blender. Über „Wiener Straße“ von Sven Regener

Regener - Wiener StraßeMan kennt das. Da kehrt man nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurück und trifft alte Freunde in der Kneipe wieder. Es folgt eine durchzechte Nacht, man freut sich, einander wiederzusehen und wärmt Anekdoten aus den guten alten Zeiten auf. Träfen sich Frank Lehmann, Karl Schmidt und Kneipenbesitzer Erwin heute wieder, sie sprächen vermutlich eher über die Ereignisse in Wiener Straße als über jene in Herr Lehmann – da ging ja schließlich alles schon so langsam den Bach hinunter. Lieber sprächen sie über damals, Anfang der Achtziger, als sie noch jung und unbeschwert waren. Über die Kneipen-WG mit Erwins Nichte Chrissie. Über Hausbesetzer und Künstler wie H.R. Ledigt, Kacki und P. Immel, die früher im Einfall ein- und ausgingen und mit ihren anarchischen Kunstaktionen für Chaos sorgten. Sie würden sich gegenseitig an skurrile Typen wie den redseligen Nachbarn Marko oder den verstockten neuen KOB erinnern, würden nachfragen, was denn wohl aus Chrissie und ihrer Mutter Kerstin geworden sei, würden den Eklat bei der Vernissage in eine brüllend komische Anekdote verpacken. Über später würden sie nicht sprechen. Nicht über Erwins Scheidung, aufgrund der er selbst die ehemalige WG-Wohnung in der Wiener Straße beziehen musste, nicht über Karl Schmidts Nervenzusammenbruch und seinen Entzug, nicht über Frank Lehmanns Entschluss nach dem Mauerfall, das alles hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen. Man kennt das: Trifft man alte Freunde wieder, spricht man eben lieber über die guten alten Zeiten als über die ernsten Themen des Lebens.

Unter Hausbesetzern und Künstlern

Ganz genauso liest sich Wiener Straße, Sven Regeners neuester Besuch im Kosmos rund um Frank Lehmann, der diesmal lediglich eine Nebenrolle spielen darf: leicht und witzig wie ein Abend mit alten Freunden, aber eben auch ein bisschen aufgewärmt und oberflächlich. Schon in Herr Lehmann ging es eigentlich um nichts – mit dem Unterschied, dass eben dieses Nichts für die Figuren auf dem Spiel stand. Trotz aller Komik schwang stets die Melancholie mit, dass Frank Lehmann und seine Freunde nach Jahren des In-den-Tag-Hineinlebens an einem Punkt angekommen waren, an dem Veränderungen unausweichlich wurden. In Wiener Straße stehen sie noch am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit in Kreuzberg. Das Berlin Anfang der Achtziger ist dabei jedoch weit mehr als bloße Kulisse: Sven Regener fängt den Zeitgeist und die anarchische Kreativität der alternativen Kunstszene perfekt ein. Lernten wir Karl Schmidt in Herr Lehmann als gescheiterten Künstler kennen, der unter dem eigenen Erwartungsdruck zusammenbrach, ist hier das Gefühl von Freiheit und Aufbruch allgegenwärtig. Berlin ist noch ein Experimentierfeld für Kreative, Verrückte und Lebenskünstler, eine Stadt, in der alles möglich ist und jeder sein Publikum findet, selbst wenn manchmal mehr Schein als Sein dahintersteckt. Nicht bei allen Zugezogenen sitzt das Berlinerisch sicher, aus einem Sozialarbeiter kann schon mal ein Kurator werden und aus einem Hausbesitzer ein Hausbesetzer – Hauptsache, das Image stimmt.

Der gewohnte Regener-Sound

Das Zeitkolorit ist stimmig, auch die Figuren sind schräg und sympathisch, trotzdem liest sich Wiener Straße eher wie eine improvisierte B-Seite von Herr Lehmann. Der gewohnte Regener-Sound ist amüsant und kurzweilig, kippt ohne Erdung diesmal aber manchmal fast ins Klamaukige. Vor allem aber schreibt das Multitalent Sven Regener einen Roman wie diesen mit links – und zwar trompetespielend und mit einem im Kahn. Liest sich wie ein Verriss? Ist aber keiner. Ich habe Wiener Straße gerne gelesen und hatte meine Freude am Wiedersehen mit alten Bekannten. Auch halte ich es für richtig, in der Longlist mit leichteren, unterhaltsameren Titeln einen Kontrast zur feuilletonistischen Schwere zu setzen, die manche mit dem Deutschen Buchpreis gerne in Verbindung bringen. Wiener Straße ist ein amüsanter, kleiner Roman, der gar nicht erst versucht, der nächste große Herr Lehmann zu sein. Das macht ihn zwar grundsympathisch, allerdings zu keinem Kandidaten für die Shortlist. Wie das eben so ist mit alten Freunden, denen man nach langer Zeit mal wieder begegnet: Es ist schön, einander zu sehen – die wirklich bedeutsamen gemeinsamen Momente, die einen einst zusammenschweißten, liegen in Wahrheit aber schon lange zurück. Man kennt das.19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n


Sven Regener: Wiener Straße. Erschienen bei Galiani Berlin, 296 Seiten. Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei meinem Buchpreisbloggerkollegen Sandro Abbate sowie auf LiteraturReich zu lesen .

 

You want it darker. Über „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert

Sven Heucher - Dunkels GesetzMit seinem Erzählband Asche gelang Sven Heuchert vor zwei Jahren ein perfekter Einstand: Seine schroffen, aber zugleich melancholischen Verlierergeschichten aus dem Ruhrpott überzeugten damals so ziemlich alle, die das Buch in die Finger kriegten – auch mich. Dunkels Gesetz, Heucherts Romandebüt bei Ullstein, polarisiert hingegen bislang. Einen Provinz-Noir hat Heuchert geschrieben, einen Kriminalroman, in dem es zumindest oberflächlich um einen geplatzten Drogendeal und einen Ex-Söldner namens Dunkel geht, der dem Ganzen auf die Schliche kommt. Im Auftrag einer Chemiefirma bewacht Richard Dunkel eine stillgelegte Grube im Provinzkaff Altglück, in der vor Kurzem ein Junge zu Tode kam. Schon bald stellt sich heraus, dass es kein Unfall war: Ausgerechnet hier versucht Tankstellenbesitzer Achim mit seinen Leuten, ins Drogengeschäft einzusteigen. Zeugen wie den Jungen – oder Dunkel – kann der Kleinkriminelle mit großen Ambitionen nicht dulden.

Klingt wie ein Kriminalroman – und wird auch als ein solcher beworben. Fans von biederen deutschen Kommissargeschichten dürften jedoch enttäuscht werden: Im Zentrum des Romans steht nämlich nicht der Plot, sondern die Trostlosigkeit seiner Figuren. Figuren, die längst erkannt haben, dass das Leben nichts anderes, schon gar nichts Besseres für sie bereithält. Figuren, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen wie eingesperrte Tiere, die im Käfig immer wieder dieselben Kreise ziehen und sich am Gitter jedes Mal aufs Neue das Maul blutig beißen. Selbst wenn sie sich aus ihren gescheiterten Leben in Altglück befreien könnten: Lebensfähig sind sie schon lange nicht mehr.

Kompromisslos und hart

Schon die Stories in Asche befassten sich mit Menschen, die sich ihre Zukunft längst verbaut haben und nun bloß noch versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen; in Dunkels Gesetz nimmt Heuchert seinen Protagonisten aber nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Menschlichkeit, die in den Erzählungen noch gelegentlich aufblitzte. Dort waren es vor allem die Zwischentöne, überraschende Momente von Zärtlichkeit und Empathie, die seine Figuren so glaubwürdig und dreidimensional machten. Kleine Nuancen, die selbst Arschlöcher menschlich wirken ließen. Die Figuren seines Romans sind dagegen noch einmal deutlich verbitterter und abgründiger angelegt. Als zum Beispiel der Möchtegern-Dealer Achim Marie, der Tochter seiner Geliebten, ein Pferd in seinem Stall vorführt, glaubt man einen Augenblick lang, hier unerwartet eine andere, menschlichere Seite von ihm kennenzulernen – bis er sie dann doch bloß begrapscht. Vielleicht eine verpasste Chance, dem Antagonisten mehr Tiefe zu verleihen: Die Härte in Dunkels Gesetz ist zwar konsequent und nachvollziehbar, ohne Empathie für die tragenden Figuren fehlt es manchmal aber auch an der nötigen Fallhöhe, um echte Spannung zu erzeugen. Man schaut den Figuren dabei zu, wie sie sich ihr eigenes Grab schaufeln, ohne zuvor in sie investiert zu haben. Wie schon in Asche sind es auch in Sven Heucherts Romandebüt eher die stilleren, zurückhaltenderen Momente, die nachwirken. Etwa die Szenen, in denen Marie einer alten Witwe Schnaps nach Hause liefert oder sich eine vorsichtige Annäherung zwischen Dunkel und einer Prostituierten – Maries Mutter – andeutet. Auch Dunkels Hintergrundgeschichte um einen tragischen Verlust sorgt an seltenen, aber starken Stellen für Tiefe. Sven Heuchert brilliert vor allem dort, wo er Atmosphäre erzeugt und die Trostlosigkeit Altglücks mit nur nur wenigen, präzisen Strichen zeichnet; der eigentliche Plot um Achims Drogendeal und dessen Folgen ist dagegen an manchen Stellen allzu drastisch und beinahe überzeichnet. Aber: Das soll so sein.

Andere Kategorie, andere Maßstäbe

Alles an Dunkels Gesetz ist konsequent: die reduzierte Sprache, die das karge und trostlose Leben von Randexistenzen in der Provinz spiegelt. Die Härte der Figuren und ihre heftigen Gewaltausbrüche. Nicht zuletzt aber auch die Verweigerung Heucherts, dem Genrestempel Kriminalroman in irgendeiner Weise Rechnung zu tragen. Dem Vorwurf, hier habe sich ein Autor für den schnellen Erfolg verkauft, kann ich deshalb nur widersprechen: Dunkels Gesetz liest sich keineswegs wie das weichgespülte Major Debut eines Indiestars, der auf den Markt schielt, um endlich Stadien zu bespielen. Tatsächlich liest sich Heucherts Roman in seiner Kompromisslosigkeit eher wie ein Nischentitel; in einem Land, in dem Noir-Romane keine Tradition haben, ist er das vermutlich auch. Vieles, was man an Dunkels Gesetz kritisieren kann, liegt ganz bewussten Entscheidungen zugrunde. Anders als Heucherts Erzählungen ist der Roman näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur – und genau das ist der Anspruch, an dem man ihn messen muss. Und selbst, wenn man – wie ich – seinen Erzählungen etwas näher steht, kann und sollte man respektieren, dass da einer konsequent seinen Weg geht und lieber polarisiert, als es allen recht zu machen. Die Erwartungen nach Asche waren groß – und das bleiben sie auch nach Dunkels Gesetz: zum Beispiel auf Heucherts zweite Storysammlung und seinen geplanten Gedichtband.


Sven Heuchert: Dunkels Gesetz. Erschienen bei Ullstein, 192 Seiten. Uwe Kalkowski und Wolfgang Schiffer haben den Roman positiv in ihren Blogs besprochen, Tobias Nazemi schrieb dagegen einen enttäuschten Leserbrief. Und zu meiner Besprechung von Sven Heucherts Erzählband „Asche“ geht es hier entlang.

Notizen 8/17

Bevor nächste Woche die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben wird, melde ich mich mit einigen kurzen Notizen aus meiner Sommerpause. Wir Buchpreisblogger haben uns im Laufe der letzten Wochen schon einmal vorgestellt – und zwar ohne Worte: Inspiriert von der Fotorubrik aus dem SZ-Magazin beantworten wir Fragen allein mit Buchtiteln. Die amüsanten Fotostrecken meiner Mitstreiter findet ihr auf dem offiziellen Buchpreisblog, meine habe ich gleich hier für euch angehängt.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Wer sich schon einmal auf die Longlist einstimmen will und noch etwas zum Lesen für den Sommer braucht, dem seien natürlich auch die nominierten Titel der vergangenen Jahre ans Herz gelegt. Aus dem letzten Jahr empfehle ich ganz besonders Die Welt im Rücken von Thomas Melle, 2015 hat mich die Lektüre von Rolfs Lapperts Über den Winter sehr bewegt. Vielleicht gehören die Rezensionen beider Romane deshalb auch zu meinen liebsten. Aktuell und ein wenig urlaubstauglicher, aber nicht weniger überzeugend ist So, und jetzt kommst du von Arno Frank, das ich nicht nur hier im Blog, sondern auch in der aktuellen Ausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT empfohlen habe.

War noch was? Ach ja: Dank eines wochenlangen und kräftezehrenden Endspurts habe ich es tatsächlich geschafft – mein neuer Roman ist fertig! Nach anderthalb Jahren, in denen es mir meine eigenwilligen Figuren nicht immer leicht gemacht haben, bin ich mehr als stolz auf das Ergebnis. einself – so der aktuelle Titel – ist ein tragikomischer Roman über junge Eltern, die zwischen Kind, Karriere und dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit ihre Mitte verlieren. Zugleich ist es ein Roman über hatespeech und die Kehrseite sozialer Netzwerke – und vermutlich das Bissigste und Politischste, das ich bislang geschrieben habe.

Zu gegebener Zeit werde ich natürlich mehr darüber erzählen – jetzt freue ich mich jedoch erst einmal auf meinen Urlaub und viel Zeit für die Lektüre der Longlist!

Sommerpause/Endspurt

sommerpauseHeute in fünf Wochen wird die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben: zwanzig Titel, von denen wir Buchpreisblogger so viele wie möglich lesen und besprechen wollen. Ab dem 15. August stehen Bloggen und Lesen für mich (auch im Urlaub, in dem ich mich dann befinde) also klar im Vordergrund. Damit ich mich so richtig auf die Longlist stürzen kann, müssen ein paar andere Dinge allerdings zunächst erledigt sein. Ein voller Kühlschrank wäre gut, ebenso ein Stapel frischer Klamotten. Vielleicht sollte ich mich noch einmal waschen und rasieren, ehe ich mich mit dem Bücherstapel für Wochen ins Leseexil verkrieche. Und natürlich von meinem Arzt durchchecken lassen – man weiß ja nie, was die Lektüre hochwertiger Literatur mit einem so macht, Stichwort Axt und gefrorener See, etc. pp.

Nicht zuletzt muss ich aber auch meinen eigenen Roman fertigstellen. Trotz so einiger Bücher, die ich gerne noch vorm Buchpreislesen besprochen hätte, geht mein Blog deshalb nun für einen Monat in die Pause. Habt einstweilen einen schönen Sommer – ich bin dann mal im Endspurt!