Call for Papers: ]trash[pool #9

trashpool9Aufmerksamen LeserInnen dürfte es nicht entgangen sein – wir haben uns 2018 eine kleine kreative Auszeit gegönnt. Aber: Uns gibt’s noch, im kommenden Jahr wird es wieder eine neue Ausgabe der Literaturzeitschrift ]trash[pool geben. Bis zum 30.11. könnt ihr uns Texte und Bilder (wie hier angegeben) an redaktion@trashpool.net schicken – wir freuen uns auf eure Einsendungen!

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Stuttgart, deine Angst

LIFT 11-18Ab heute am Kiosk: die Novemberausgabe vom Stuttgartmagazin LIFT – und die erste, in der ich als Redaktionsmitglied meine eigenen Themen betreuen durfte! Entsprechend stolz bin ich natürlich, das Heft gleich mit einem eigenen Artikel zu eröffnen. Für Stuttgart, deine Angst habe ich mich mit Preppern, einem Survivaltrainer, Verschwörungstheorieforscher Michael Butter und der Telefonseelsorge darüber unterhalten, warum unsere Gesellschaft immer ängstlicher wird. Spoiler: Es liegt auch an der Diskursverschiebung seitens der AfD und Medien wie dem Kopp-Verlag hier aus der Region, die in der Angst der Menschen vor allem ein Geschäftsmodell sehen.

Stuttgarter sollten das Heft natürlich sowieso und immer kaufen – alle anderen können meinen Artikel aber hier auch online lesen.

Die Möglichkeit einer Flucht. Über „Die kommenden Jahre“ von Norbert Gstrein

Norbert Gstrein - Die kommenden JahreAls Natascha und Richard eine syrische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen, steuert ihre Ehe auf eine Katastrophe zu. In Die kommenden Jahre lässt Norbert Gstrein Empathie und Pragmatismus aufeinandertreffen – und widersteht dabei der Versuchung, einfache Antworten zu geben.

Halb im Scherz, halb im Ernst reden sie alle von Flucht. Noch will niemand auf der Tagung daran glauben, dass der Ernstfall tatsächlich eintreten könnte, ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl sagen die meisten aber klar, wohin es sie im Falle eines Wahlsiegs Donald Trumps ziehen würde: nach Kanada. Das ist auch Sehnsuchtsort des österreichischen Gletscherforschers Richard, des Protagonisten in Norbert Gstreins Roman Die kommenden Jahre, der auf Einladung seines alten Freundes Tim nach New York geflogen ist – und die Tagung selbst als kleine Flucht begreift. Der Abstand zu seinem Alltag in Hamburg, zu seiner Frau Natascha tut ihm gut. Aber auch in der Ferne kann Richard der Situation, in die sie ihn gebracht hat, nicht entkommen. Längst haben alle Kollegen den Fernsehbeitrag gesehen, der Artikel in der Illustrierten hat vermutlich bereits die Runde gemacht. Für Tim und Richards ehemalige Studentin Idea, die er kurz darauf in Kanada trifft, ist die Sache klar: Mit ihrem zur Schau gestellten Engagement für die Flüchtlingsfamilie Fahri hat die Schriftstellerin Natascha ihren Mann lächerlich gemacht.

Dabei war es nicht einmal Nataschas Idee, im ungenutzten Sommerhaus am See eine syrische Flüchtlingsfamilie einziehen zu lassen, sondern die ihrer verstorbenen Zwillingsschwester Katja. Aber es ist Natascha, die sich die Hilfe für Herrn und Frau Fahri und ihre Kinder plötzlich zur Lebensaufgabe macht und dafür in Kauf nimmt, dass die Distanz zwischen ihr und Richard größer wird. Er nämlich glaubt, sie wolle den Syrern weniger aus Nächstenliebe denn aus Geltungsdrang helfen, sie dagegen wirft ihm emotionale Kälte vor. Und natürlich ist in Norbert Gstreins Die kommenden Jahre nichts so einfach, wie es zunächst scheint. Nach Richards Heimkehr spitzt sich nicht nur die Ehekrise, sondern auch die Situation am See zu. Immer öfter tauchen Jugendliche am Haus auf, die die ungebetenen Gäste einschüchtern wollen, und auch die Motive der Nachbarn werden zunehmend unklarer. Während Natascha nervöser wird, sich schließlich sogar ein Hotelzimmer in der Nähe des Sees nimmt, um gemeinsam mit Herrn Fahri an einem Text über Flucht zu arbeiten, machen Gerüchte über dessen Vergangenheit die Runde. Richards Zweifel werden umso größer, als sich auf ihrer ersten gemeinsamen Lesung herausstellt, dass Katja und Herr Fahri in ihrem Text nicht seine tatsächliche, sondern bloß eine mögliche Flucht beschrieben haben – ein kleiner Eklat.

Die kommenden Jahre ist mehr als ein Roman über eine Ehe- oder die Flüchtlingskrise. So einfach, bloß satirisch mit Nataschas moralisch-hysterischem Gutmenschentum oder Richards rationalem, kühlem Pragmatismus abzurechnen, macht es sich Norbert Gstrein nicht. Vieles bleibt in der Schwebe, sicher geglaubte Gewissheiten schwinden den Figuren wie die schmelzenden Gletscher, an denen Richard forscht. In früheren Texten Norbert Gstreins spielte oft Heimat eine große Rolle, hier ist es die Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben, die sich für Richard an Orten genauso festmacht wie an Menschen: die Sehnsucht nach Kanada, ein Land, das ihn an seine Kindheit erinnert, zugleich aber fern genug ist, um Utopie zu bleiben. Die nach Katja, die vielleicht die passendere Wahl zwischen den Zwillingen gewesen wäre. Und nicht zuletzt die nach Idea, die das verkörpert, was Richard am meisten zu brauchen glaubt – die Möglichkeit einer Flucht. „Natascha, du weißt nicht, wie viele Optionen ich habe“, sagt er einmal im Streit zu seiner Frau. Und irrt sich dabei gewaltig: Am Ende – und das gilt für alle Figuren des Romans – sind es weitaus weniger, als er denkt.


Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Erschienen bei Hanser und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 288 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.

Durst. Über Maja Lundes „Die Geschichte des Wassers“

Maja Lunde - Die Geschichte des WassersDie Welt am Abgrund: Im Jahr 2041 flieht ein Vater mit seiner Tochter vor der großen Dürre, während überall neue Grenzen entstehen. Ihre letzte Rettung könnte das Vermächtnis einer Umweltschützerin sein, die einst gegen Wasserverschwendung protestierte. In Die Geschichte des Wassers widmet sich Maja Lunde wieder den großen Themen unserer Zeit.

Es brauchte nur wenig, bis alles auseinanderfiel. Fünf Jahre ohne Regen genügten, um ganz Europa kollabieren zu lassen und neue Grenzen, neue Kriege, neue Regeln zu schaffen. Die reichen Wasserländer im Norden schotten sich ab, während die Menschen aus dem Süden vor der Dürre fliehen. Es sind Franzosen, Spanier oder Italiener, die mitten in Europa in Flüchtlingslagern unterkommen müssen, Menschen, die vor Kurzem noch einen Beruf, ein Zuhause, ein Leben hatten. Auch David und seine Tochter Lou haben alles verloren, geblieben ist ihnen nur die Hoffnung, dass es Lous Mutter Anna vielleicht doch mit dem Baby aus dem Feuer geschafft hat, das die Familie bei der Flucht trennte – doch diese schwindet mit jedem weiteren Tag, an dem sie ohne Meldung die Rotkreuz-Station wieder verlassen müssen. David gibt sein Bestes, um der kleinen Lou ein guter Vater zu sein, gleichwohl erkennt er die Zeichen, dass ihr Überleben im Flüchtlingslager nicht mehr lange gesichert ist. Immer mehr Menschen stehen vor der Tür, in den Hallen wird es enger und in den Vorratskammern leerer. Bald wird das streng rationierte Wasser hier nicht mehr reichen, spätestens dann drohen wieder Feuer und Unruhen. Irgendwann wird David klar: Das ausrangierte Boot, das er und Lou bei einem Haus in der Nähe gefunden haben, ist vielleicht mehr als nur ein Abenteuerspielplatz, um sich Ablenkung zu verschaffen. Es könnte ihre letzte Hoffnung sein.

Es ist dieses Boot, das die beiden Handlungsstränge in Lundes Die Geschichte des Wassers miteinander verknüpft. Vor 24 Jahren gehörte das Boot noch Signe, die zu Beginn des Romans erstmals seit vielen Jahren in den Hafen ihrer norwegischen Heimatstadt einläuft. Für die fast siebzigjährige Umweltschützerin schließt sich mit der Rückkehr ein Kreis. Hier begann einst ihr Engagement gegen den Raubbau an der Natur, ein lebenslanger Kampf, für den Signe einen hohen Preis zahlen musste: Die Beziehung zu ihrer Jugendliebe Magnus zerbrach damals an ihrem Idealismus – und an seinem Verrat. Ein halbes Leben später will Signe Magnus mit seiner größten Sünde konfrontieren. Er war es nämlich, der hinter der Idee steckte, das Gletschereis ihrer gemeinsamen Heimat abzubauen und in großem Stil als Luxuseiswürfel für die Cocktails von Reichen zu verkaufen – ein dekadentes Beispiel für den Raubbau an der Natur, der die Menschheit wenige Jahrzehnte danach in die Katastrophe führte.

Wie schon im Vorgänger Die Geschichte der Bienen setzt Maja Lunde mehrere Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen in Verbindung zu großen Umweltthemen und verdeutlicht dabei, wie sehr alles miteinander zusammenhängt – und dass der Eingriff in das fragile Gleichgewicht der Natur unumkehrbare Konsequenzen zur Folge hat. Erschreckend am zweiten Teil des großen „Klima-Quartetts“ der Norwegerin ist vor allem, wie schnell er bereits von der Realität eingeholt wurde. Die auf den ersten Blick geradezu abstruse Idee, Gletschereis in Cocktailbars zu verkaufen, ist als realer Plan inzwischen zum Gegenstand eines Rechtsstreits geworden. In Europa hat man sich derweil längst von der Solidarität gegenüber Flüchtlingen verabschiedet und schottet sich immer strenger nach außen ab. Deshalb ist Die Geschichte des Wassers weit mehr als nur ein Roman über den Klimawandel. Es ist ebenso ein hochaktueller Roman über die Frage, wie schwer es ist, im Angesicht der Not die Menschlichkeit zu bewahren und an Idealen festzuhalten – eine Frage, an deren Antwort sich unsere Gesellschaft auch in der Gegenwart immer wieder aufs Neue messen lassen muss.


Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Erschienen bei btb und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 480 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.

Aus den Fugen. Über „Bungalow“ von Helene Hegemann

IMG_3998Seit dieser Woche ist die Shortlist für den Deutschen Buchpreis bekannt und keiner meiner vier Titel ist noch im Rennen. Damit bin ich nun wohl offiziell die lame duck unter den Buchpreisbloggern – und kann mich bei den verbliebenen Büchern eigentlich nur noch fragen: Woran lag’s?

Bungalow von Helene Hegemann machte mich vor allem deshalb neugierig, weil ich bislang partout keinen ihrer Romane lesen wollte. Die Gründe lagen für mich auf der Hand, damals beim Debüt. Da war der aufgepumpte Hype um Axolotl Roadkill, der in mir die für Hypes üblichen Abwehrreflexe weckte. Da war der allzu prominente Name, der bei mir grundsätzliche Skepsis, als zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtem Autor aber sicher auch ein wenig Neid hervorrief. Da war das Buch selbst, das, soweit ich es anhand von Auszügen beurteilen konnte, nichts weiter als krass sein wollte. Und nicht zuletzt war da der Plagiatsskandal, der mich abschreckte – die Art und Weise, wie sich Hegemann bei anderen Künstlern bedient hatte, war schließlich nicht einfach nur naiv gewesen. Sondern dreist. Acht Jahre und zwei Romane später gab es aber nun zwei gute Gründe, Helene Hegemann mit Bungalow eine Chance zu geben: Hanser als Verlagshaus und die Nominierung für den Deutschen Buchpreis.

Nach dem Klappentext erwartete ich eine prekäre Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer drohenden Apokalypse, nach den ersten paar Dutzend Seiten jedoch eher einen bemüht krassen Roman, der zwar bedeutungsschwanger daherkam, am Ende aber wenig Substanz hatte. Kurzum: Ich erwartete meinen ersten Verriss als Buchpreisblogger. Gleich auf der ersten Seite begegnen wir der Teenagerin und Ich-Erzählerin Charlie beim Sex mit dem erwachsenen Georg, dessen Frau Maria gerade gelangweilt fernsieht, die Szene eskaliert kurz in Gewalt und löst sich dann harmlos wieder auf. Die Welt ist längst im Arsch, womöglich hat es eine Umweltkatastrophe gegeben, einen Krieg vor unserer Haustür, nichts Genaues weiß man nicht, das bleibt den Lesern des Buches anfangs aber genauso egal wie seinen nihilistischen Figuren. Vieles ist einfallsreich an den ersten Kapiteln von Bungalow, immer wieder streut Hegemann clevere oder irritierende Details ein, die zunächst überraschen und amüsieren, dann aber bloß reiner Selbstzweck ohne Kontext, ohne Bedeutung bleiben. Oft denkt man an futuristische Mode, die sich als Alufolie entpuppt: Es knistert und glänzt an allen Ecken, ist letzten Endes aber dann doch ziemlich dünn. Auch die Struktur von Bungalow macht den Einstieg nicht leichter. Charlie berichtet nicht nur von ihrem toxischen Verhältnis zu den reichen Nachbarn Georg und Marie, sondern taucht auch mit unglaubwürdiger Detailkenntnis in deren Vergangenheit ein. Die Erzählhaltung wird erst schlüssiger, als sich die Perspektive auf Charlies eigenes Leben verengt – und der Roman zu meiner Überraschung plötzlich richtig gut wird.

Zeichen des Niedergangs

Im weiteren Verlauf erzählt Charlie aus ihrer frühen Jugend, schon damals war die Welt nicht mehr in Ordnung, aber noch nicht vollends aus den Fugen geraten. Gemeinsam mit ihrer Mutter, einer schweren Alkoholikerin, deren psychische Aussetzer immer häufiger und länger werden, lebt sie in einem Hochhaus mit Blick auf die Bungalows der Reichen, die Charlie um ihr Leben beneidet. Lässt sich ihre Armut anfangs noch kaschieren, wird die Verwahrlosung der Familie mit jedem Schuljahr offensichtlicher. Das Geld fürs Essen reicht gerade mal bis zur Mitte des Monats, die Kraft zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen irgendwann nicht einmal mehr für eine Dusche. Die Eskalationen werden immer häufiger, irgendwann stehen sich Charlie und ihre Mutter sogar mit dem Messer gegenüber. Angesichts des Niedergangs allerorten schlagen sie sich aber noch beachtlich gut: Die Stadt ist voller Tierkadaver und Selbstmörder, andauernd wird von blutigen Geiselnahmen und Anschlägen berichtet, sogar von Krieg ist immer öfter die Rede. Und so ist es kein Wunder, dass Iskender, Charlies altkluger, von Kung Fu träumender bester Freund, eine immer kleinere Rolle in ihrem Leben spielt, als das schillernde Paar Georg und Maria in einen der Bungalows zieht. Schnell kippt Charlies Faszination für die beiden in eine Besessenheit, die an Stalking grenzt.

Was anfangs noch nervte, funktioniert im Verlauf des Romans immer besser. Die verschrobenen Details wirken nicht mehr aufgesetzt, sondern erfüllen einen Zeck, fügen sich ins Gesamtbild ein. Helene Hegemann beschreibt in Bungalow nicht nur das Auseinanderdriften der Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch eine Gesellschaft, die den Kipppunkt in Richtung Niedergang bereits überschritten hat – alles ist längst in Auflösung begriffen. Während die einen noch fürchten, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht, können es die anderen kaum erwarten:

„Ich erinnere mich, wie ich irgendwann eine Politikergattin im »Frühstücksfernsehen« darüber reden sah, dass sie ein langes, freies Leben wolle, für sich und alle anderen Menschen, und wie wichtig es sei, Geld zu spenden an Umweltorganisationen und so, und ich dachte nur, dass das klar ist, dass Leute, die Interviews im Fernsehen geben […], die genug zu tun haben, um irgendwas an dieser Welt paradiesisch finden zu können, dass die Organisationen unterstützen, die sich für den Fortbestand ebendieser Welt starkmachen. Wie bei einer tollen Villa, in der jemand lebt, der will nicht, dass die abfackelt oder einstürzt, aber Leute in termitenbefallenen Bretterverschlägen oder ich im Wohnzimmer, das nach Vinylchlorid und modernder Zersetzung stinkt und von dem aus ich in Fenster sehen kann, hinter denen Duftkerzen für achtzig Euro aufflackern, Sandelholz, Leder, Honig, Kräuter, wir konnten nur Zerstörung wollen, oder uns zumindest heimlich danach sehnen. Du musst nicht hungern, um dir eine gewaltvolle Umwälzung der Verhältnisse herbeizuwünschen, du musst dich langweilen. Klanglos vor dich hin versanden und ahnen, dass diese Welt dich nicht nötig hat.“

Diese Zeilen sind nicht nur treffend für die dystopische Zukunftsvision, die Helene Hegemann in Bungalow entwirft. Sie fangen ebenso gut den aktuellen Zeitgeist ein, in dem die Wut der Abgehängten – oder jenen, die sich als solche empfinden – sowohl hierzulande als auch weltweit eine immer größere Wucht entwickelt. Trotz vieler starker Momente gerade in der zweiten Hälfte fehlt Bungalow etwa die kompositorische Klasse und inhaltliche Tiefe von Franziska Hausers Die Gewitterschwimmererin, das definitiv einen Platz auf der Shortlist verdient gehabt hätte. Nichtsdestotrotz hinterlässt Helene Hegemanns dritter Roman einen bleibenden Eindruck – und die Erkenntnis, dass es sich lohnt, seine Scheuklappen hin und wieder abzulegen.Buchpreisblogger_Banner1500x500


Helene Hegemann: Bungalow. Erschienen bei Hanser Berlin, 288 Seiten.

Grausame Helden. Über Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Franziska Hauser - Die GewitterschwimmerinDie Türschwelle, das Giftschränkchen, die Trennwand: All das muss raus aus dem Haus, muss zerschlagen werden und im Garten verbrannt. Es ist keine Entrümpelung, sondern ein Exorzismus. Nach dem Tod ihrer Mutter vernichtet Tamara Hirsch alles, was sie an ihre lieblose Kindheit erinnert, an den Sündenfall, der ihr eigenes Leben so schwer und das ihrer Schwester unmöglich machte. Tamara rächt sich am Haus stellvertretend für Dascha, die sie nicht vor sich selbst retten konnte. Denn Tamara war immer härter und forscher als Dascha gewesen. Das musste sie auch sein bei einer selbstsüchtigen Mutter, die befürchtete, sie konkurriere mit ihren Kindern um die Liebe ihres Mannes. Oder bei einem Vater, der glaubte, ihm stehe als sozialistischem Helden nach den Entbehrungen des Widerstandskampfes nun alles zu, sogar seine Töchter. Die Kindheit in der Familie Hirsch hat Tamara zornig und bindungsunfähig gemacht, Dascha dagegen krank und selbstzerstörerisch. Deshalb ist Tamara noch da und Dascha ist es nicht. Die Wut auf das vererbte Haus ist zugleich aber auch die Wut auf sich selbst und über das jahrzehntelange Schweigen, das nun, da die Mutter tot ist, nur noch zu spät gebrochen werden kann. Ohnehin lassen sich die Geister der Vergangenheit nicht einfach so austreiben. Mehr als ein Jahrhundert deutscher Geschichte hat seine Spuren in Familie Hirsch hinterlassen. Manche Narben sind tief genug, dass sie an die nächste Generation vererbt werden – und sich Fehler zu wiederholen drohen. Denn auch als alte Frau bleibt Tamara noch immer das Kind ihrer Eltern und muss sich von ihrer eigenen, inzwischen erwachsenen Tochter in Frage stellen lassen:

»Warum bist du eigentlich so geworden, wie du nicht sein wolltest?« Henriette legte ihr Handy auf den Tisch. Die Pegelanzeige der Diktiergerät-App fing an zu zappeln, als ein Flugzeug über den Garten flog. »Ich höre dir zu, aber ich umarme dich nicht, wenn du weinst«, sagte Henriette streng und verschränkte die Arme.

Es ist Henriette, die Tamaras Leben und das ihrer Familie literarisch aufarbeitet – und die heißt im wahren Leben Franziska Hauser. Die Gewitterschwimmerin erzählt ihre Sicht auf die Geschichte ihrer Familie, durfte allerdings nur in Form eines freien literarischen Romans erscheinen. Kein Wunder angesichts der Vorwürfe, die sie gegenüber ihren Vorfahren erhebt: Die Hausers waren schließlich nicht einfach nur Eltern, Großeltern, Urgroßeltern – sie sind auch Personen der Zeitgeschichte, die insbesondere die frühen Jahre der DDR mitprägten.

Ein deutsches Jahrhundert

Raffiniert konstruiert Franziska Hauser die Geschichte der Familie „Hirsch“ in zwei Strängen, die sich aufeinander zubewegen: Chronologisch erzählt sie aus den Leben vorangegangener Generationen, angefangen bei Tamaras Großvater, dem aufrechten Bildungsbürger und Friedensaktivisten Friedrich, der als Soldat den ersten Weltkrieg erlebte und im Dritten Reich ins Exil getrieben wurde, bis hin zu ihrem Vater Alfred, der während des Zweiten Weltkriegs als kommunistischer Untergrundkämpfer gegen die Nazis kämpfte und sich später in der DDR als linientreuer Autor etlicher Propagandakitsch-Romane profilierte. Die vielen Familienmitglieder, deren Lebenswege Hauser nachzeichnet, werden in einem Jahrhundert voller Schicksalsjahre zu Helden, zu Opfern – und zu Tätern. Genau deshalb erzählt Hauser die Geschichte ihrer Mutter rückwärts, beginnend mit der geradezu exorzistischen Hausentkernung im Jahr 2011. Verglichen mit den Leben ihrer Eltern und Großeltern ist dasjenige von Tamara geradezu gewöhnlich, ein Leben, das nicht von Heldentum und Weltgeschehen, sondern von vermeintlich kleinen Sorgen geprägt wird. Von immer wieder scheiternden Beziehungen, vom Kampf um ihre psychisch kranke Schwester, vom Alltag als alleinerziehender Mutter oder dem Mangel an Freiheit in der DDR. Vor allem aber ist es kein gelungenes, kein glückliches Leben, sondern eines, das Tamara zwar schlagfertig und eigensinnig, aber auch hart, bitter und einsam werden lässt.

Je weiter sich ihre Geschichte in die Vergangenheit und ihre Kindheit bewegt – und damit auf diejenige ihrer Eltern zu – , desto deutlicher wird der Sündenfall der einstigen Helden zum Dreh- und Angelpunkt des Romans. Der berühmte Antifaschist Alfred und seine Frau Adele sind furchtbare Eltern – und zwar nicht nur, weil sie im Dienste des Sozialismus ständig um die Welt reisen, während das eigene Volk eingesperrt und nur die Haushälterin bei den Kindern bleibt. Sie sind auch Stellvertreter eines unmenschlichen Systems, das binnen kürzester Zeit seine eigenen Ideale verriet. Menschen wie Alfred waren es, die die DDR zu dem Unrechtsstaat machten, der sie war, Menschen, die glaubten, sie könnten sich alles herausnehmen, weil sie die Geschichte und die Wahrheit auf ihrer Seite glaubten. Nach den Jahren im Exil und seinem mutigen, immer wieder anektdotisch aufgewärmten Widerstandskampf denkt Alfred, ihm und seinesgleichen stünden manche Dinge ganz einfach zu: die Vortragsreisen um die Welt und die ausschweifenden Partys. Das Grundstück am See, während der Vater sogar in einem enteigneten Schloss wohnen darf, in dem die ehemaligen Besitzer bloß noch geduldet werden. Die Haushälterin, die nur zum Schein als ebenbürtig behandelt wird. Und nicht zuletzt die Unschuld seiner beiden Töchter, die Alfred nachts in ihren Betten aufsucht, um sie zu missbrauchen. Der private Sündenfall des Kaderhelden spiegelt zugleich die Doppelmoral und den historischen Irrweg sozialistischer Staaten: den Missbrauch am eigenen Volk.

»Und hier haben damals die Faschisten auf der Wiese gelegen, genauso wie wir jetzt, und hatten denselben Blick ins Tal«, sagt er, als wäre es ein Theatertext. Er legt die Hände auf den Rücken. »Das war die Sorte von Menschen, die grausam waren gegen die Fremden. Danach haben Kommunisten hier gesessen. Das ist die Sorte von Menschen, die grausam sind gegen die Eigenen. Da weiß man nicht, was schlimmer ist.«

Dank der sich aufeinander zu bewegenden Handlungsstränge gelingt es Franziska Hauser, Die Gewitterschwimmerin zu einer gleichermaßen spannenden wie erschütternden Lektüre zu machen. Trotz charakterlicher Schwächen und Brüche fiebert man mit ihren historischen Vorfahren mit, während man sie durch das bewegte 20. Jahrhundert begleitet, parallel dazu werden die vermeintlichen Helden durch Tamaras und Daschas Leid aber auch schonungslos dekonstruiert. Nach dem Ende des Romans fängt man gleich noch einmal von vorne an, um Tamaras kathartische Hausentrümpelung im Jahr 2011 mit dem Wissen um ihr Leben und das ihrer Vorfahren erneut zu lesen – und ist fast versucht, einfach wieder dranzubleiben. Einerseits Familienroman vor dem Hintergrund historischer Ereignisse und literarische Aufarbeitung von aktivem wie passivem Missbrauch, ist Die Gewitterschwimmerin zugleich auch eine kluge Abrechnung mit sozialistischer Doppelmoral: ein herausragendes Buch, das zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde.Buchpreisblogger_Banner1500x500


Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. Erschienen bei Eichborn, 431 Seiten.

Max Frisch fragt, Buchpreisblogger antworten

BuchpreisbloggerMorgen wird endlich die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet – und wir Buchpreisblogger sind natürlich ganz besonders gespannt auf die Romane, die uns die Jury auf die Leseliste setzen wird. Damit ihr wisst, mit wem ihr es in den kommenden Wochen zu tun habt, haben wir uns auch in diesem Jahr im Vorfeld ohne Worte auf Fotos vorgestellt, uns dabei diesmal allerdings am berühmten Fragebogen von Max Frisch abgearbeitet. Die Fotos meiner lieben BloggerkollegInnen findet Ihr auf dem Blog des Deutschen Buchpreises, meine auf der nächsten Seite! (mehr …)

Implosion. Über „Traumrakete“ von Ruth Cerha

Traumrakete - Ruth CerhaJede Nacht wird der depressive Musiklehrer Dave von Albträumen geplagt, auch die Tage sind kaum besser: Seine Ehe steckt in einer Krise und sein ältester Sohn droht von der Schule zu fliegen. Als Dave seinen rätselhaften Albträumen auf den Grund geht, führt ihn die Spurensuche von Wien zu seinem Geburtsort New York – und in die Vergangenheit seiner Familie.

Die Entfremdung eines Ehepaares in den mittleren Jahren, ein Generationenkonflikt und dazwischen die Kinder mit ihren Problemen, allen voran die der Jungs, die sich in virtuellen Parallelwelten verlieren – in seiner Anlage erinnert Ruth Cerhas Traumrakete zunächst ein wenig an Jonathan Safran Foers Scheidungsroman Hier bin ich. Während der Amerikaner aber gleich einen ganzen Nahostkrieg braucht, um die Krise seiner Figuren bis zum Äußersten, bis zur Explosion zu treiben, lässt Cerha das Leben ihres Protagonisten Dave dagegen vielmehr implodieren – und richtet ihren Fokus dabei ganz auf sein Innnerstes.

Oberflächlich betrachtet sind Daves Probleme eigentlich überschaubar. Seit er in Therapie ist, hat er seine Depressionen einigermaßen im Griff. Auch sonst könnten die Dinge durchaus schlechter stehen. Natürlich könnte die Ehe zu Ärztin Janet glücklicher, könnten die Kinder besser in der Schule, könnte Dave zufriedener im Beruf sein. Die gesundheitlichen Probleme seines Vaters sind zwar eine Belastung, so zerstritten, wie beide sind, aber auch nichts, was Dave um den Schlaf bringen würde. Was ihn wirklich um den Schlaf bringt, sind die ständigen Albträume. Jede Nacht plagen ihn wiederkehrende Fantasien von Flucht und Verfolgung, von Begräbnissen oder von einer rätselhaften Frau im Trenchcoat. Gemeinsam mit Morrison, seinem Therapeuten, versucht Dave, seinem Unterbewusstsein auf den Grund zu gehen, in Eigenregie übt er sich später auch in luzidem Träumen, um Kontrolle über seine Fantasien zu erlangen. Je intensiver sich Dave mit sich selbst beschäftigt, desto mehr gleiten ihm die Dinge im realen Leben jedoch aus den Händen. Seine Depressionen werden wieder stärker, auch die Probleme in der Ehe treten immer deutlicher zutage – ausgerechnet jetzt, sollte man meinen. Aber dass Dave zwar einerseits als Identifikationsfigur funktioniert, zugleich aber auch glaubwürdig von Janet infrage gestellt wird, ist eine der großen Stärken des Romans. Denn obwohl man Daves Sorgen und Ängste, seine Midlife Crisis, seine Probleme mit Janet verstehen kann – ein Opfer ist er nicht. Stattdessen kreist er so sehr um sich selbst, dass er zunehmend den Blick für die Nöte anderer, speziell die seiner Frau verliert. Daves Selbstbezogenheit ist einerseits Symptom seiner Krankheit, andererseits aber auch kein ganz unwesentlicher Grund für ihre Beziehungskrise.

Allein zu seinem jüngsten Sohn Nobbs hat Dave noch einen guten Draht, zumal sich auch Nobbs intensiv mit seinen Träumen auseinandersetzt. In ihnen will er dem Raumfahrer Ben dabei helfen, seine Rakete zu reparieren. Vergeblich allerdings: Ben hat den Kontakt zu seinem Heimatplaneten verloren und ist ganz auf sich allein gestellt, helfen kann ihm niemand außer er selbst. Als Ben aus Nobbs Träumen verschwindet, ist auch Dave am Tiefpunkt angelangt. Besessen von den unterbewussten Geheimnissen, die er in seinen Albträumen vermutet, fügt er Nacht für Nacht das Puzzle weiter zusammen und stößt dabei auf eine Spur, die ihn direkt nach New York führt – jene Stadt, in der er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, ehe seine Eltern mit ihm nach Wien auswanderten. Dave sieht keinen anderen Weg, als dorthin zu fliegen und herauszufinden, was ihn tief im Inneren so belastet. In New York stößt Dave allerdings nicht nur auf ein lange gehütetes Familiengeheimnis, sondern findet auch ein Stück weit zu sich selbst zurück – indem er sich treiben lässt und seine Wahrnehmung, die in Wien noch hauptsächlich von Introspektion geprägt war, endlich wieder nach außen richtet. Nach seiner Heimkehr muss Dave allerdings feststellen, dass er manche Zeichen womöglich zu spät erkannt hat.

Während Thema und Figurenkonstellation wie anfangs erwähnt stellenweise an Jonathan Safran Foers Hier bin ich erinnern, ist Traumrakete trotz des ähnlichen Ausgangs ein viel intimerer, auch bodenständigerer Familienroman. Besonders die Figuren sind Ruth Cerha so glaubwürdig und dreidimensional gelungen, dass man sich nicht selten an Autoren wie Jonathan Franzen erinnert fühlt. Gerade weil man sich mit den Charakteren so identifiziert und das reale Geschehen mit Spannung verfolgt, können die häufigen und langen Traumsequenzen aber auch anstrengen, mitunter sogar nerven. Für einen psychologischen Roman wirken die Versatzstücke aus Daves Unterbewusstsein oft zu konstruiert und gewollt; weniger und dafür pointiertere Traumszenen hätten sicher eine größere Wirkung entfaltet. Am meisten überzeugt der Roman deshalb dort, wo Ruth Cerha ihre Stärken ausspielt: beim präzisen Beobachten ihrer Figuren und Schauplätze – allen voran in New York, das die Österreicherin so lebendig beschreibt, dass man Dave bei seinen Wanderungen durch die Stadt nicht nur auf Schritt und Tritt, sondern gerne auch Seite für Seite folgt, ohne je müde zu werden. Darum fällt es dann auch nicht allzu sehr ins Gewicht, dass man die Traumsequenzen dagegen – wie im echten Leben auch – zumeist eher flüchtig in Erinnerung behält.


Ruth Cerha: Traumrakete. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 S. Eine sehr gelungene Besprechung zum Roman hat Isabella Caldart auch auf ihrem Blog novellieren.com veröffentlicht.

Die Buchpreisblogger 2018

BuchpreisbloggerJetzt ist es offiziell: Gemeinsam mit Sandro Abbate gehe ich bei den Buchpreisbloggern in meine zweite – und sicher letzte – Amtszeit. Wir zwei älteren Herren sind nun also die lame ducks, die vom hungrigen Nachwuchs gefordert werden, wenn es ab dem 14. August gilt, die nominierten Romane für den Deutschen Buchpreis 2018 zu besprechen. Aber die Hoffnung ist groß, dass uns die Neuzugänge im Team mit ihrem geradezu jugendlichen Esprit ein bisschen mitziehen werden – eine spannende Zusammenstellung ist es nämlich allemal: Auf Bloggerseite sind diesmal Juliane Noßack und Stefan Diezmann als das dynamische Duo Poesierausch dabei. Als Booktuberin rückt Mona Salzbrunn aka Bücherwunder die Longlist für uns ins Rampenlicht, während der Buchhändler und selbsternannte literarische Nerd Florian Valerius bei Instagram nicht nur Bilder sprechen lässt, sondern dabei sicher wie gewohnt auch mit wenigen Worten den Kern trifft.

Und was ist in diesem Jahr von mir zu erwarten? Nun, als Wiederholungstäter gebe ich mich da mal so pomadig wie Frau Merkel in ihrem erfrischendsten Wahlkampf und sage ganz einfach: Sie kennen mich. Und falls nicht – hier noch einmal meine Beiträge zum #dbp17: Jonas Lüscher – Kraft / Sven Regener – Wiener Straße / Franzobel – Das Floß der Medusa / Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen / Buchhändlerinnen im Gespräch zum #dbp17 / Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten / Robert Menasse – Die Hauptstadt.

Unsere Beiträge zur Longlist und später dann zur Shortlist veröffentlichen wir unter dem dem Hashtag #dbp18 über unsere eigenen Kanäle, sie werden aber auch auf dem offiziellen Blog des Deutschen Buchpreises sowie auf Facebook geteilt. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Team und die Verkündung der nominierten Romane – da wir Blogger einen unserer Besten in die Jury schleusen konnten, bin ich hinsichtlich der Auswahl in jedem Fall schon einmal guter Dinge!

Appell zur Geistesgegenwart. Über Roger Willemsens „Wer wir waren“

Wer wir waren - Roger WillemsenEhe er starb, wollte Roger Willemsen unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft beleuchten. Seine Zukunftsrede ist deshalb zu seinem Vermächtnis geworden: eine scharfsinnige und weitsichtige Analyse unserer Zeit.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Hoffnungsvolle Utopien sind längst aus der Mode gekommen, haben Platz gemacht für Weltuntergangsszenarien und Kulturpessimismus. Anscheinend haben uns Trump, Brexit und eine AfD im Bundestag das letzte bisschen Optimismus ausgetrieben. Die jüngste große Zukunftsvision? Ein Reinfall mit böser Pointe: Hofften wir vor ein paar Jahren noch auf soziale Medien als Chance für die Demokratie, sehen wir nun hilflos dabei zu, wie ihnen stattdessen die Wahrheit zum Opfer fällt und sie ausgerechnet einem neuen Nationalismus Vorschub leisten. Aber auf eine Gewissheit ist Verlass: Früher war alles besser, schon immer.

„Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten.“

Vielleicht ist es genau dieser leicht spöttische, unaufgeregte Ton, der uns in dieser an vergifteten Debatten und Dauerkrisen übersättigten Zeit am meisten fehlt. Einer wie Roger Willemsen hätte uns mit seiner Klugheit und Geistesgegenwart ein wenig Orientierung geben können und dabei geholfen, die Themen unserer Gegenwart besser einzuordnen. Willemsen war einerseits ein intellektueller und präziser Beobachter der Gesellschaft, wurde im gleichen Maße aber auch für seine Neugier, seine Offenheit, seinen Witz geschätzt. Er konnte sich vortrefflich über die Welt und die Zeit, in der wir leben, amüsieren, war bei aller Ironie aber nie überheblich oder belehrend, sondern immer auch ein überzeugter Moralist und Menschenfreund.

Sein letztes Buch sollte Wer wir waren heißen und unsere Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft betrachten – einer Zukunft, die der Autor selbst nicht mehr erleben durfte. Roger Willemsen starb 2016 an Krebs, das Buch hat er vor seinem Tod nicht mehr schreiben können. In seinen letzten Reden vor der Erkrankung jedoch hat Willemsen einige der zentralen Gedanken bereits vorgestellt. Die „Zukunftsrede“ aus dem Juli 2015, auf der dieses letzte Buch nun basiert, ist deshalb zu einem vielleicht nicht beabsichtigten, aber nicht unpassenden Vermächtnis geworden.

Wer wir waren ist ein melancholischer Blick auf die Flüchtigkeit unserer Gegenwart, die dank virtueller Nebenschauplätze immer zersplitterter, immer beschleunigter, immer simulierter wird. Wir leben im Zeitalter der ständigen Ablenkung und verlieren unseren Fokus im medialen Grundrauschen, sind trotz permanenter Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken immer seltener tatsächlich anwesend. Viele der Themen und Phänomene, die drei Jahre nach seiner Rede unseren Alltag prägen, nimmt Willemsen bereits mit Scharfsinn und Weitsicht vorweg:

„Jedes Jahr dämmert ein neues Jahr 1984 und dann ein neues Jahr 2000, eine neuere Zukunftsformel haben wir noch nicht. Wir werden diese Zukunft aber auch daran erkennen, dass die Grenzen zwischen dem Original und der Simulation immer stärker verschwimmen.“

Trotz Willemsens kritischer Analyse unserer digitalen Welt ist Wer wir waren alles andere als ein kulturpessimistisches Pamphlet, sondern vielmehr ein Appell zu Aufmerksamkeit und Fokus, ein Appell dazu, innezuhalten und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Vor allem eines wird nach der Lektüre seiner „Zukunftsrede“ deutlich: Vielleicht war früher nicht alles besser, die Welt aber ist ohne Roger Willemsens Scharfsinn und seinen Witz auf jeden Fall ein wenig ärmer.


Roger Willemsen: Wer wir waren. Erschienen bei S. Fischer sowie als Lizenzausgabe im aktuellen Programm der Büchergilde, 64 Seiten. Diese Besprechung erschien erstmals im Magazin der Büchergilde in Ausgabe 3/18 – hier entlang zum kostenlosen Download!