Zweiter Weltkrieg

Konservierte Erinnerungen. Über „Mir ist die Zunge so schwer“ von Lucia Leidenfrost

IMG_7940Bei aller Präzision – wer verlorene Zeit messen möchte, kommt mit Uhren und Kalendern, mit Tagen, Monaten und Jahren nicht weiter. Verlorene Zeit misst man nämlich am besten in Einmachgläsern: „Wir haben noch zwanzig Marillenwochen und sechzehn Erdbeer-, zwei Dirndl- und achtzig Honigwochen“, heißt es in Goldene Zeiten. Die letzte Erzählung von Lucia Leidenfrosts Debüt ist so programmatisch für das ganze Buch, dass sie genauso gut an dessen Anfang stehen könnte. Den Hinterbliebenen einer Familie gehen langsam, aber sicher die vermachten Einmachgläser zuneige – und mit ihnen das Wissen der vorigen Generationen: „Liebe Mutter, wir haben vergessen, wie es ist, wenn das Gras zum Trocknen ausgebreitet und auf den Hüfeln aufgehängt wird, wie man überhaupt Hüfeln baut. Wir haben vergessen, wie viele Samen wir aufheben müssten, um im nächsten Sommer genug ernten zu können. Du hast immer gesagt, was man hat, hat man, aber wir haben alles vergessen. Nicht, dass du jetzt denkst, dass es uns schlecht geht, es geht uns gut, nur, dass wir so vieles nicht mehr wissen, jetzt, wo der Großvater und der Vater tot sind.“

Geschichten wie Einmachgläser

Im Mittelpunkt der Erzählungen von Mir ist die Zunge so schwer stehen zumeist Menschen am Ende ihres Lebens und ihrer Kräfte, Menschen, deren Gegenwart längst an Gewicht und Klarheit verloren hat. Umso mehr Raum nimmt die Vergangenheit im Österreich der Dreißiger und Vierziger ein, als die Kriegsjahre ihren Alltag prägten. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt Lucia Leidenfrost die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, verlieren sich ihre Stimmen im Strom der Geschichte: Man muss ihnen zuhören, solange man noch kann. In ihren Erzählungen lässt die Autorin sie ein letztes Mal zu Wort kommen. Ohne Pathos oder erhobenen Zeigefinger schaut sie einfachen Menschen aus der österreichischen Provinz in die Köpfe und auf den Mund; sie bleibt dabei stets ganz nah an den Figuren, erlaubt sich keinerlei erzählerische oder historische Distanz – und das ist es, was den Ton von Mir ist die Zunge so schwer so einzigartig macht.

Im Fokus der Erzählungen stehen keine großen geschichtlichen Ereignisse, sondern das Alltägliche, das Zwischenmenschliche. Die Figuren sind gefangen in den Nöten und Zwängen ihrer Zeit, versuchen nichts weiter, als angesichts familiärer, gesellschaftlicher oder politischer Konflikte und Widerstände irgendwie über die Runden zu kommen. Die Moral kann da schon mal auf der Strecke bleiben – Opportunisten und Opfer trennt manchmal nicht mehr als eine einzige Entscheidung voneinander. Die Strategien der Verweigerung und Anpassung sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen Leidenfrost erzählt: Manche verlieren ihre Sprache, andere ihr Gehör; einer versteckt seine eigenen Kinder, schreckt aber nicht vor dem Verrat von Nachbarn zurück; die einen fliehen, während andere zurückbleiben müssen. Allen gemein ist jedoch das Schweigen über ihre Schuld und ihr Wegschauen, über die Schrecken, deren Zeugen sie wurden – ein Schweigen, das, obwohl es die Nachkriegsgeneration zu brechen versuchte, für immer eine große Leerstelle in der Geschichte bleiben wird. All die Menschen, die damals angeblich nichts gewusst haben: In Mir ist die Zunge so schwer bringt Lucia Leidenfrost sie glaubwürdig und einfühlsam zum Sprechen, und das macht ihr Debüt zu einem wirklich besonderen Buch.


Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer. 192 Seiten. Erschienen bei Kremayr & Scheriau.

Vom Glück in Zeiten des Krieges. Ein besonderer Schatz aus einem Nachlass (1/3)

schatz

Eine Großmutter, die ihrer Enkelin kurz vor ihrem Tod ein Jahrzehnte altes Geheimnis anvertraut. Eine versteckte Schachtel mit Erinnerungen an die erste große Liebe. Eine tragische und rührende Geschichte vom kurzen Glück in Zeiten des Krieges. Zugegeben: Das klingt wie der Pitch einer so sentimentalen wie sedierenden Mittwochabendschnulze im Öffentlich Rechtlichen, Taschentuchgarantie inklusive. Oder nach einem Roman, den ich auf meinem Blog ganz sicher nicht besprechen würde. Aber manchmal stimmt es eben doch: Das Leben schreibt die besten Geschichten.

Die Großmutter mit der geheimnisvollen Schachtel gab es wirklich, und ihre Enkelin – eine gute Freundin von mir – hat mir die Erlaubnis gegeben, diesen so wertvollen Schatz aus ihrem Nachlass in meinem Blog vorzustellen. Die Briefe, Tagebücher, Zeichnungen und Fotos, die ihre Großmutter so viele Jahrzehnte in dieser Schachtel aufbewahrt hat, sind vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie eine Geschichte erzählen, die ohne weitere Erklärungen auskommt – sie ist so rund und abgeschlossen wie die Handlung eines Romans.

Es war während eines Gesprächs über die Liebe, als die damals bereits verwitwete Großmutter meiner Freundin – nennen wir sie fortan Maria – plötzlich die Schachtel hervorholte und ihr zeigte, was sonst vielleicht noch nie jemand zu Gesicht bekommen hatte: Ihre Erinnerungen an ein kurzes, aber umso intensiveres Glück im Frühling des Jahres 1941. Erinnerungen an einen Mann, den Maria so lange lieben durfte, bis das Schicksal sie trennte. Einen Mann, den sie auch nach über sechzig – zumeist glücklichen – Ehejahren mit einem anderen nie vergessen hatte.

Die meisten Menschen verpassen die wertvolle Chance, ihren Großeltern eines Tages auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist eine Sache, zu begreifen, dass sie einmal genauso waren wie man selbst. Dass ihr Leben einst aus mehr bestanden hat als aus Kaffeekränzchen und Gartenarbeit, ihr Herz einst für mehr geschlagen hat als für das allabendliche, weichgezeichnete Lächeln ihrer Schlageridole. Dass sie einmal leidenschaftlich waren, jung und naiv. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, wenn sich die eigene Oma plötzlich in Rose aus Titanic verwandelt.

Denn: Diesen Jack gab es wirklich. Sein Name war Herbert. Alles, was von ihm und ihrer gemeinsamen Liebe geblieben ist, hat Maria in dieser kleinen Schachtel aufbewahrt. Ihr Kernstück: ein gebundenes Buch, in dem Herbert – ein guter Erzähler mit viel Liebe zum Detail – die wenigen Wochen, die sie gemeinsam verbringen durften, Tag für Tag mit rührend viel Aufwand rekapituliert. Das Buch erzählt eine bewegende Geschichte von kurzem, unschuldigem Glück in Zeiten des Krieges; es ist überdies die vielleicht einzige Erinnerung an einen Menschen, der durch die Zeit gefallen, dem Vergessen anheim gefallen ist. Und mit eben diesem Buch – bzw. großen Teilen davon – nimmt diese Geschichte auch ihren Anfang.  (mehr …)