Ausgangspunkt ist immer die Sprache. Lucia Leidenfrost im Gespräch

Lucia LeidenfrostVor einigen Monaten habe ich Mir ist die Zunge so schwer, das Erzähldebüt der österreichischen Autorin Lucia Leidenfrost besprochen. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt sie darin die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Sie schaut einfachen Menschen aus der Provinz in die Köpfe und auf den Mund – und das ist es, was den Ton ihres ersten Erzählbandes so besonders macht.

Du hast lange an deinem Erzählband „Mir ist die Zunge so schwer“ gearbeitet, die Geschichte „Flugübungen“ haben wir zum Beispiel schon 2011 in ]trash[pool veröffentlicht. Im Fokus vieler der Erzählungen stehen alte Menschen, zumeist Dorfbewohner der österreichischen Weltkriegsgeneration. Wie bist du auf die Idee zu diesem Zyklus gekommen, und wie ist er entstanden?

Es ist eine spannende Frage, wie ein Stoff, ein Thema zu einem kommt. Ich glaube nicht, dass ich das bei Mir ist die Zunge so schwer bis in alle Ecken ausleuchten kann. Im Hinterher fällt es einem natürlich leichter, zu sagen, das war schon alles von Anfang an klar. Es gibt nicht den einen Augenblick, wie ich auf eine Idee komme. Bei Mir ist die Zunge so schwer waren es ein paar lose Enden, die mich dazu gebracht haben. Im Prozess des Schreibens entsteht ja auch manches, was man so nicht erwartet. (Damit will ich aber natürlich nicht sagen, dass es mir „eingegeben“ wird oder mir in den Schoß fällt). Zunächst ist in meinem Schreiben meine eigene Lektüre wahnsinnig wichtig. Ungefähr ein halbes Jahr bevor Flugübungen (damals noch Blendend) entstanden ist, hab ich von Alois Hotschnig Im Sitzen läuft es sich besser davon gelesen. Ich war fasziniert von dieser Klarheit in der Unklarheit, in der dort gesprochen wird. Ich habe manche der Texte immer wieder gelesen und irgendwann – nicht vergessen, aber beiseitegelegt. Diese Texte waren sicher so eine erste Ecke, aber durch eine erste Ecke ist noch lange kein Raum entstanden. Außerdem fasziniert es mich noch immer, dass man beim Aufschreiben von mündlichen Sprechen so viel machen kann – dass da syntaktisch und thematisch alles ein bisschen anders läuft als im Schriftlichen. Und das ist eine zweite Ecke, oder ein weiterer Pfeiler für Texte von mir – denn die Sprache ist das, was mich zum Schreiben bringt.

Dort, wo ich aufgewachsen bin – vielleicht überall auf der Welt? –, erzählen oft die alten Menschen. Sie haben schon viel erlebt und sie sind dem alltäglichen Wahnsinn, den sich jüngere Menschen ausgesetzter fühlen, vielleicht schon ferner. Sie halten Rückblick. Das habe ich in den Erzählungen aufgenommen. Wenn man an etwas schreibt – eigentlich generell, wenn man sich mit etwas beschäftigt –, dann geht man auch mit offeneren Ohren/Augen durch die Welt. Mir sind in den Jahren, in denen ich am Band geschrieben habe (ohne zu wissen, dass daraus einmal ein Buch wird) auch die sprachlichen Eigenheiten bewusster geworden, mir sind alte Menschen, die von sich erzählen, begegnet. Ich bin in der österreichischen Provinz aufgewachsen – Provinz mein ich nicht abwertend! –, und ich höre den Menschen in meiner Umgebung immer gern zu, wenn sie erzählen. Viele der Aussagen meiner Figuren könnten einem so oder so ähnlich begegnen – ich vermute nicht nur in Österreich, sondern überall in Deutschland und Österreich, halt mit einem anderen Lokalkolorit –, aber die Sprache von dort, wo ich aufgewachsen bin, ist mir natürlich näher. Als mich dann meine Lektorin angeschrieben hat, habe ich auch noch ältere Texte dazugenommen, die thematisch zu Mir ist die Zunge so schwer gepasst haben, zum Beispiel Hans Warum.

Du urteilst in deinen Erzählungen nicht über die Figuren, sondern schreibst fast ausschließlich aus ihrer Perspektive, bleibst dabei ganz nah an ihrer Sprache und ihrem persönlichen Horizont. Warum hast du diesen – manchmal fast mündlich klingenden – Tonfall gewählt? Und: Hast du das Gefühl, dass dein Buch angesichts erstarkter rechter Strömungen politischer geworden ist, als du es ursprünglich beabsichtigt hast?

Ich weiß nicht, ob sich jemand anmaßen darf, über jemanden anderen – auf einer persönlichen Ebene – zu urteilen. Das rechtfertigt natürlich keine Taten, man ist schon dafür verantwortlich, was man tut. Aber zu sagen: „Das hätte ich nicht getan“ – das kommt mir nur schwer über die Lippen. Die Kenntnis eines Menschen, also wie ich einen Menschen kenne, ist fragmentarisch. In der Erzählung Vorm jüngsten Gericht thematisiere ich das am Rand. Ich bin deshalb so nah an den Figuren geblieben, weil sie sich am besten selber kennen – mit all ihrer Fragmenthaftigkeit. Das heißt auch, dass sie vor sich selbst Dinge rechtfertigen, die eigentlich nicht zu rechtfertigen sind. Ich habe mich viel mit tragischen und traumatischen Erfahrungen, die Menschen widerfahren, mit dem Dritten Reich, aber auch mit aktuellen Themen, wie politischen Gefangenen beschäftigt. Was mich eigentlich interessiert, ist das, was die Menschen weiterleben, weitermachen lässt, also ihre Resilienz, wenn man so will – und dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern dass es Auf und Abs, Gutes und Schlechtes gibt, dass sich manchmal was Gutes als gar nicht so gut herausstellt und umgekehrt und wir trotzdem damit (weiter)leben können. Ich finde es erstaunlich, dass nach dem Krieg die Menschen weitergelebt haben, dass sie auch miteinander gelebt haben, dass sie es geschafft haben, einen Rechtsstaat und eine Demokratie aufzubauen!

Ich habe mich, als ich noch jünger war, oft gefragt, warum mich die Vergangenheit – damit meine ich nicht nur die politische, sondern auch die persönlichen Vergangenheit von Bekannten, Verwandten – so sehr beschäftigt. Einen Teil der Antwort habe ich für mich (momentan) gefunden: nämlich, dass wir eben (aber nicht nur) die Summe von Erlebnissen sind, dass zu diesen Erlebnissen nicht nur die eigenen zählen und dass diese Erlebnisse von Aktionen und Reaktionen gesteuert sind – eben nicht nur von den eigenen, sondern auch von denen anderer, und dass wir alle auf unsere Erlebnisse und unsere Umgebung reagieren, was wiederum bei anderen zu Reaktionen führt und endlos so weiter. Unser Verhalten zur Welt, zu dem, was uns widerfährt (im Guten als auch im Schlechten), und auch das Verhalten der Figuren in meinem Buch, ist immer aktuell. Wir alle haben auch Aktionen an uns selbst erlebt, die noch aus Zeiten resultieren, die wir gar nicht erlebt haben, weil es Reaktionen darauf sind, auch wenn schon ein, zwei oder sogar drei Generationen dazwischen liegen. Ich persönlich denke, dass das Buch nicht mehr politisch ist, als es vor fünf Jahren gewesen wäre. Mich interessiert die Frage, wie Menschen sich in schwierigen Situationen, seien es politische oder persönliche, verhalten und wie und dass sie Situationen überstehen. Was ihre Möglichkeiten in diesen Situationen sind und welchen Weg sie wählen.

Das Buch heißt (wie eine der Erzählungen) „Mir ist die Zunge so schwer“. In deiner Lesung im Stuttgarter Schriftstellerhaus hast du davon erzählt, dass du zunächst nicht ganz glücklich über diesen Titel warst – bis du verstanden hast, wie vielschichtig er ist. Welche Bedeutungen hat der Titel für dich?

Ja, der Titel ist sehr vielschichtig. In vielen Sprachen wird die erste Sprache, die wir sprechen lernen, mit dem Wort „Zunge“ bezeichnet (mothertongue). Das gefällt mir schon sehr gut, weil es in meinem Buch viel um Sprache und Sprechen geht. Außerdem passt es natürlich auch wunderbar dazu, dass die Leute, die da in den Texten zu Wort kommen, oft nicht richtig wissen, wie sie erzählen sollen, weil sie es nur mühsam hervorholen können. Deshalb ist ihnen die Zunge schwer.

Auf der Lesung sprachst du auch darüber, wie du arbeitest – und dass vor dem eigentlichen Schreiben immer zunächst ein einzelner Satz, eine sprachliche Idee da sein muss. Wie entsteht Text bei dir?

Ausgangspunkt ist immer die Sprache. Das ist es eigentlich, was mich zum Schreiben gebracht hat. Ich habe auch deshalb im Master Germanistische Linguistik studiert und arbeite immer noch mit Sprache. Ich habe manchmal Wörter, Phrasen, Halbsätze in mir. Sie entstehen bei Beobachtungen, in der Stille, in Leer-zeiten. Ich setze mich dann nicht sofort hin, sondern trage diese Sätze mit mir herum, nehme sie ständig mit und forme sie im Stillen für mich. Erst, wenn die Sätze so geformt sind, dass ich sie mir merken kann, und ich schon mehrere Sätze habe, setzte ich mich hin und beginne zu schreiben.

Dein Buch ist wirklich schön geworden, man spürt eine große Liebe zum Detail. Hierzulande ist Kremayr & Scheriau noch recht wenig bekannt. Kannst du ein bisschen über den Verlag erzählen und wie es zu der Zusammenarbeit gekommen ist?

Kremayr & Scheriau ist in Österreich bis vor ein paar Jahren vor allem als Sachbuchverlag in Erscheinung getreten (obwohl es vor etlichen Jahren schon einmal eine Literaturschiene gegeben hat). Seit 2015 gibt es wieder eine Literatursparte im Verlag. Die Lektorin, die auch die Literaturschiene betreut, Tanja Raich, hat sich das Ziel gesetzt, junge, neue Stimmen zu entdecken und zu fördern. Wichtig ist ihr, dass das Geschriebene eine eigene Struktur, eine eigene Sprachlichkeit aufweist, dass da nicht unbedingt glatt und geschliffen erzählt wird. Tanja Raich hat in einem unserer ersten Telefonate gesagt, dass man Texte immer lektorieren muss, und wenn der Autor oder die Autorin noch so erfahren ist – das hat mir sehr gefallen, denn was ich bisher gehört habe, war immer davon geprägt, dass Verlage schon druckfertige Texte haben wollen.

Tanja Raich hat meine Erzählung Gefangen Spielen in der Literaturzeitschrift kolik gelesen und mich daraufhin angeschrieben und nach mehr Texten gefragt. Ich habe meine „alten Leute Geschichten“ bzw. den Zyklus Mir ist die Zunge so schwer hingeschickt, und sie hat gemeint, dass wir ja ein Buch daraus machen könnten. Als ich dann gehört habe, dass es zwei bis drei Lektoratsdurchgänge geben wird und Tanja auch gleich die für mich zentralen Geschichten (nämlich Lass dir eine Geschichte erzählen und Mir ist die Zunge so schwerGoldene Zeiten ist erst entstanden, als ich schon wusste, dass es das Buch geben wird) benannt hat, war für mich klar, dass die Zusammenarbeit gut wird. Und so war und ist es auch noch immer. Ich fühle mich nicht nur von meiner Lektorin wunderbar betreut, sondern auch von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Stefanie Jaksch und Ursula Rinderer. Abgesehen davon bin ich von der Gestaltung des Buchs vollauf begeistert. Es fühlt sich gut an, sieht gut aus und man kann viel entdecken, z.B. wenn man den Schutzumschlag abnimmt (unbedingt einmal machen!).

Liebe Lucia, ich danke dir für das Gespräch!


Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer. 192 Seiten. Erschienen bei Kremayr & Scheriau. Das Interview haben wir per E-Mail geführt.

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