Monat: Oktober 2018

Stuttgart, deine Angst

LIFT 11-18Ab heute am Kiosk: die Novemberausgabe vom Stuttgartmagazin LIFT – und die erste, in der ich als Redaktionsmitglied meine eigenen Themen betreuen durfte! Entsprechend stolz bin ich natürlich, das Heft gleich mit einem eigenen Artikel zu eröffnen. Für Stuttgart, deine Angst habe ich mich mit Preppern, einem Survivaltrainer, Verschwörungstheorieforscher Michael Butter und der Telefonseelsorge darüber unterhalten, warum unsere Gesellschaft immer ängstlicher wird. Spoiler: Es liegt auch an der Diskursverschiebung seitens der AfD und Medien wie dem Kopp-Verlag hier aus der Region, die in der Angst der Menschen vor allem ein Geschäftsmodell sehen.

Stuttgarter sollten das Heft natürlich sowieso und immer kaufen – alle anderen können meinen Artikel aber hier auch online lesen.

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Die Möglichkeit einer Flucht. Über „Die kommenden Jahre“ von Norbert Gstrein

Norbert Gstrein - Die kommenden JahreAls Natascha und Richard eine syrische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen, steuert ihre Ehe auf eine Katastrophe zu. In Die kommenden Jahre lässt Norbert Gstrein Empathie und Pragmatismus aufeinandertreffen – und widersteht dabei der Versuchung, einfache Antworten zu geben.

Halb im Scherz, halb im Ernst reden sie alle von Flucht. Noch will niemand auf der Tagung daran glauben, dass der Ernstfall tatsächlich eintreten könnte, ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl sagen die meisten aber klar, wohin es sie im Falle eines Wahlsiegs Donald Trumps ziehen würde: nach Kanada. Das ist auch Sehnsuchtsort des österreichischen Gletscherforschers Richard, des Protagonisten in Norbert Gstreins Roman Die kommenden Jahre, der auf Einladung seines alten Freundes Tim nach New York geflogen ist – und die Tagung selbst als kleine Flucht begreift. Der Abstand zu seinem Alltag in Hamburg, zu seiner Frau Natascha tut ihm gut. Aber auch in der Ferne kann Richard der Situation, in die sie ihn gebracht hat, nicht entkommen. Längst haben alle Kollegen den Fernsehbeitrag gesehen, der Artikel in der Illustrierten hat vermutlich bereits die Runde gemacht. Für Tim und Richards ehemalige Studentin Idea, die er kurz darauf in Kanada trifft, ist die Sache klar: Mit ihrem zur Schau gestellten Engagement für die Flüchtlingsfamilie Fahri hat die Schriftstellerin Natascha ihren Mann lächerlich gemacht.

Dabei war es nicht einmal Nataschas Idee, im ungenutzten Sommerhaus am See eine syrische Flüchtlingsfamilie einziehen zu lassen, sondern die ihrer verstorbenen Zwillingsschwester Katja. Aber es ist Natascha, die sich die Hilfe für Herrn und Frau Fahri und ihre Kinder plötzlich zur Lebensaufgabe macht und dafür in Kauf nimmt, dass die Distanz zwischen ihr und Richard größer wird. Er nämlich glaubt, sie wolle den Syrern weniger aus Nächstenliebe denn aus Geltungsdrang helfen, sie dagegen wirft ihm emotionale Kälte vor. Und natürlich ist in Norbert Gstreins Die kommenden Jahre nichts so einfach, wie es zunächst scheint. Nach Richards Heimkehr spitzt sich nicht nur die Ehekrise, sondern auch die Situation am See zu. Immer öfter tauchen Jugendliche am Haus auf, die die ungebetenen Gäste einschüchtern wollen, und auch die Motive der Nachbarn werden zunehmend unklarer. Während Natascha nervöser wird, sich schließlich sogar ein Hotelzimmer in der Nähe des Sees nimmt, um gemeinsam mit Herrn Fahri an einem Text über Flucht zu arbeiten, machen Gerüchte über dessen Vergangenheit die Runde. Richards Zweifel werden umso größer, als sich auf ihrer ersten gemeinsamen Lesung herausstellt, dass Katja und Herr Fahri in ihrem Text nicht seine tatsächliche, sondern bloß eine mögliche Flucht beschrieben haben – ein kleiner Eklat.

Die kommenden Jahre ist mehr als ein Roman über eine Ehe- oder die Flüchtlingskrise. So einfach, bloß satirisch mit Nataschas moralisch-hysterischem Gutmenschentum oder Richards rationalem, kühlem Pragmatismus abzurechnen, macht es sich Norbert Gstrein nicht. Vieles bleibt in der Schwebe, sicher geglaubte Gewissheiten schwinden den Figuren wie die schmelzenden Gletscher, an denen Richard forscht. In früheren Texten Norbert Gstreins spielte oft Heimat eine große Rolle, hier ist es die Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben, die sich für Richard an Orten genauso festmacht wie an Menschen: die Sehnsucht nach Kanada, ein Land, das ihn an seine Kindheit erinnert, zugleich aber fern genug ist, um Utopie zu bleiben. Die nach Katja, die vielleicht die passendere Wahl zwischen den Zwillingen gewesen wäre. Und nicht zuletzt die nach Idea, die das verkörpert, was Richard am meisten zu brauchen glaubt – die Möglichkeit einer Flucht. „Natascha, du weißt nicht, wie viele Optionen ich habe“, sagt er einmal im Streit zu seiner Frau. Und irrt sich dabei gewaltig: Am Ende – und das gilt für alle Figuren des Romans – sind es weitaus weniger, als er denkt.


Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Erschienen bei Hanser und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 288 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.

Durst. Über Maja Lundes „Die Geschichte des Wassers“

Maja Lunde - Die Geschichte des WassersDie Welt am Abgrund: Im Jahr 2041 flieht ein Vater mit seiner Tochter vor der großen Dürre, während überall neue Grenzen entstehen. Ihre letzte Rettung könnte das Vermächtnis einer Umweltschützerin sein, die einst gegen Wasserverschwendung protestierte. In Die Geschichte des Wassers widmet sich Maja Lunde wieder den großen Themen unserer Zeit.

Es brauchte nur wenig, bis alles auseinanderfiel. Fünf Jahre ohne Regen genügten, um ganz Europa kollabieren zu lassen und neue Grenzen, neue Kriege, neue Regeln zu schaffen. Die reichen Wasserländer im Norden schotten sich ab, während die Menschen aus dem Süden vor der Dürre fliehen. Es sind Franzosen, Spanier oder Italiener, die mitten in Europa in Flüchtlingslagern unterkommen müssen, Menschen, die vor Kurzem noch einen Beruf, ein Zuhause, ein Leben hatten. Auch David und seine Tochter Lou haben alles verloren, geblieben ist ihnen nur die Hoffnung, dass es Lous Mutter Anna vielleicht doch mit dem Baby aus dem Feuer geschafft hat, das die Familie bei der Flucht trennte – doch diese schwindet mit jedem weiteren Tag, an dem sie ohne Meldung die Rotkreuz-Station wieder verlassen müssen. David gibt sein Bestes, um der kleinen Lou ein guter Vater zu sein, gleichwohl erkennt er die Zeichen, dass ihr Überleben im Flüchtlingslager nicht mehr lange gesichert ist. Immer mehr Menschen stehen vor der Tür, in den Hallen wird es enger und in den Vorratskammern leerer. Bald wird das streng rationierte Wasser hier nicht mehr reichen, spätestens dann drohen wieder Feuer und Unruhen. Irgendwann wird David klar: Das ausrangierte Boot, das er und Lou bei einem Haus in der Nähe gefunden haben, ist vielleicht mehr als nur ein Abenteuerspielplatz, um sich Ablenkung zu verschaffen. Es könnte ihre letzte Hoffnung sein.

Es ist dieses Boot, das die beiden Handlungsstränge in Lundes Die Geschichte des Wassers miteinander verknüpft. Vor 24 Jahren gehörte das Boot noch Signe, die zu Beginn des Romans erstmals seit vielen Jahren in den Hafen ihrer norwegischen Heimatstadt einläuft. Für die fast siebzigjährige Umweltschützerin schließt sich mit der Rückkehr ein Kreis. Hier begann einst ihr Engagement gegen den Raubbau an der Natur, ein lebenslanger Kampf, für den Signe einen hohen Preis zahlen musste: Die Beziehung zu ihrer Jugendliebe Magnus zerbrach damals an ihrem Idealismus – und an seinem Verrat. Ein halbes Leben später will Signe Magnus mit seiner größten Sünde konfrontieren. Er war es nämlich, der hinter der Idee steckte, das Gletschereis ihrer gemeinsamen Heimat abzubauen und in großem Stil als Luxuseiswürfel für die Cocktails von Reichen zu verkaufen – ein dekadentes Beispiel für den Raubbau an der Natur, der die Menschheit wenige Jahrzehnte danach in die Katastrophe führte.

Wie schon im Vorgänger Die Geschichte der Bienen setzt Maja Lunde mehrere Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen in Verbindung zu großen Umweltthemen und verdeutlicht dabei, wie sehr alles miteinander zusammenhängt – und dass der Eingriff in das fragile Gleichgewicht der Natur unumkehrbare Konsequenzen zur Folge hat. Erschreckend am zweiten Teil des großen „Klima-Quartetts“ der Norwegerin ist vor allem, wie schnell er bereits von der Realität eingeholt wurde. Die auf den ersten Blick geradezu abstruse Idee, Gletschereis in Cocktailbars zu verkaufen, ist als realer Plan inzwischen zum Gegenstand eines Rechtsstreits geworden. In Europa hat man sich derweil längst von der Solidarität gegenüber Flüchtlingen verabschiedet und schottet sich immer strenger nach außen ab. Deshalb ist Die Geschichte des Wassers weit mehr als nur ein Roman über den Klimawandel. Es ist ebenso ein hochaktueller Roman über die Frage, wie schwer es ist, im Angesicht der Not die Menschlichkeit zu bewahren und an Idealen festzuhalten – eine Frage, an deren Antwort sich unsere Gesellschaft auch in der Gegenwart immer wieder aufs Neue messen lassen muss.


Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Erschienen bei btb und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 480 Seiten. Diese Rezension erschien erstmals im Magazin der Büchergilde 4/2018 – auch erhältlich zum kostenlosen Download.