Roman

Außer Funktion. Über „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling

Kathrin Weßling - Super, und dir?Ein Roman über eine Social Media Managerin mit Burn-out und Drogenproblemen: Wenn sich jemand in eine solche Figur hineinversetzen kann, dann vermutlich Kathrin Weßling, eine Autorin, die mir beinahe täglich in meinen Feeds auf Facebook, Twitter oder Instagram begegnet. Ich mag ihren Ton, ihren Humor, ihre Haltung. Auch beeindruckt mich, wie souverän und offen sie auf ihrem Blog über ihre Depressionen und ADHS-Erkrankung schreibt, Bewusstsein für sie schafft. Einen Roman von ihr hatte ich bislang dennoch nicht gelesen, vielleicht auch ein bisschen aus Furcht davor, enttäuscht zu werden. Ein Roman ist kein Bento-Artikel, zumal mir die Themen, über die Weßling schreibt, zu wichtig, zu ernst sind, um sie bloß in einer unterhaltsamen, zielgruppengerechten Geschichte mit launigem Witz verpackt zu sehen. So ging es mir damals mit Ronja von Rönnes Roman Wir kommen, dem es mir trotz Biss und toller Sprache an Tiefe und emotionaler Aufrichtigkeit fehlte; zu aufgesetzt und oberflächlich wirkten die Panikattacken und Depressionen der permanent ironischen Hauptfigur Nora, als dass sie der Schwere dieser Erkrankungen gerecht werden konnten.

Die Wahrheit hinter dem Feed

Entsprechend gespannt war ich auf Marlene Beckmann, Kathrin Weßlings Ich-Erzählerin in Super, und dir?. Eigentlich könnte sie zufrieden sein: Dank Traumjob in einer angesagten Firma und glücklicher Beziehung läuft in ihrem Leben schließlich alles bestens, zumindest ist es das, was ihre vielen Facebook-Freunde und Follower tagtäglich zu sehen bekommen. Die Wahrheit hinter dem Feed ist jedoch eine andere: Schon nach wenigen Monaten als Social Media Managerin ist Marlene ausgebrannt und kann ihren Alltag nur noch mit Kokain und anderen Aufputschdrogen bewältigen. Sie schläft und isst zu wenig, vernachlässigt ihre Gesundheit und ihre Beziehung, während sich die Arbeit immer tiefer in ihr Leben frisst und darin Metastasen bildet wie ein besonders aggressiver Krebs. Marlene aber funktioniert einfach weiter. Das hat sie immer getan. Sie funktionierte, als ihr Vater die Familie für eine andere Frau verließ, funktionierte, als ihre Mutter deswegen zur Alkoholikerin wurde und plötzlich auf sie angewiesen war. Marlene hat nie gelernt, Schwäche zu zeigen und um Hilfe zu bitten, sie konnte sich das auch gar nicht erlauben. Und das kann sie auch jetzt nicht: In ihrem Job muss sie sich einbringen, bis nichts mehr von ihr übrig ist.

Denn in Wahrheit ist gar nicht sie das Problem, sondern eine Mentalität, die vor allem in aufstrebenden Start-ups herrscht, in Unternehmen, die eher mit ihrem Image als mit angemessener Bezahlung locken und die mit Engagement und Firmenidentifikation eigentlich Selbstausbeutung meinen. Wer braucht schon ein Privatleben, wenn es einen Kickertisch im Büro gibt? Und die ach so flexiblen Arbeitszeiten: bedeuten vor allem, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Aber Marlene ist ehrgeizig, sie will nach ihrem Volontariat unbedingt übernommen werden und identifiziert sich bald so sehr mit ihrer eigentlich belanglosen Arbeit, dass ihr Verhältnis zur Firma beinahe ans Stockholm-Syndrom grenzt. Ohne Rausch kann sie nicht mehr abschalten. Oder wieder auf die Beine kommen. Ihr Freund Jakob hat keine Ahnung von ihren Suchtproblemen, schließlich bekommt er Marlene kaum noch zu Gesicht – und wenn, dann vermutlich mit dem Handy vor der Nase. Dennoch ist er der einzige, der zumindest noch gelegentlich zu ihr durchdringt und hinter die scheinbar glücklichen Fassade sieht, die sie auf ihren Online-Profilen zur Schau stellt. Für einen Rettungsanker sind Marlenes Segel jedoch längst zu überspannt: Als Jakob aufgrund ihrer falschen Prioritäten alleine in den Urlaub fahren muss, verliert Marlene ihren letzten Halt – und hört von einem Tag auf den anderen einfach auf, zu funktionieren.

Verstörend und mutig

Nach den ersten Seiten von Super, und dir? war ich zunächst ernüchtert, fand die Sprache zwar gut und pointiert, die Ich-Erzählerin aber noch zu nahe am Ton einer schnoddrigen und um Authentizität bemühten Neon-Reportage: Darf ruhig ein bisschen edgy sein, aber bitte nicht zu sehr – man denke an die Zielgruppe, vor allem beim erwartbaren Happy End. Durchaus amüsante Lektüre, dachte ich also, aber ganz sicher kein Panikherz. Aber je tiefer Kathrin Weßling die Abgründe ihrer Figur auslotet, desto mehr kaufte ich ihr die Protagonistin ab, kaufte ihr ab, dass es ihr ernst ist mit diesem Roman und seinen Themen. Tatsächlich ist es verstörend und mutig, mit welcher Konsequenz Weßling Marlene Beckmann ihr Leben an die Wand fahren lässt und dabei nicht nur mit einer zunehmend ausbeuterischen Mentalität in der Arbeitswelt abrechnet, sondern auch mit der Verharmlosung eines Selbstoptimierungswahns, der nicht selten zu Suchtproblemen unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmungsgrenze führt. Als sich Marlene in einer der bittersten Szenen des Romans dazu überwindet, sich ihrem Hausarzt anzuvertrauen, spielt ausgerechnet dieser ihre Kokainsucht herunter und verschreibt ihr lediglich ein Antidepressivum: Sie sei schließlich nicht ernsthaft süchtig, sondern bloß ein bisschen überlastet.

Und natürlich hat er Recht. Schaut uns doch an: Wir sind glücklich! Seht sie euch an, die Bilder unserer Katzen, Kinder und Traumreisen auf Instagram, lest unsere permanenten Erfolgsmeldungen auf Facebook und amüsanten Alltagstweets. Oder aber ihr lest dieses Buch. Es könnte allerdings Spuren von echtem Leben enthalten, Vorsicht.

„Das Mädchen liegt nicht halbtot mit einer Nadel im Arm auf der Toilette eines Bahnhofs. Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil. Es reitet die Wellen, während der Sturm aufzieht, und es lächelt, es winkt den anderen zu, schon viel zu weit vom Strand entfernt, Wasser in den Lungen, Wasser im Kopf, und ruft: Alles in Ordnung, es geht mir sehr, sehr gut!“


Kathrin Weßling: Super, und dir? Erschienen bei Ullstein fünf, 256 Seiten. Die bislang beste Rezension zum Roman habe ich bei Literaturen gelesen, diese lest ihr hier.

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Befangen. Über „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl

IMG_5558Ich sag’s lieber gleich vorweg: Ich bin befangen. Nicht nur, weil ich mit meiner Bloggerfreundin Mareike regelmäßig chatte oder auf Buchmessenpartys zu schlechter Musik tanze. Auch nicht, weil sie so lieb war, mich in der Danksagung ihres Romans zu erwähnen – so leicht bin ich nun auch nicht zu bestechen. Befangen bin ich aus einem ganz anderen Grund: Ich hatte die große Ehre, die Entstehung von Dunkelgrün fast schwarz beinahe von Anfang an mitzuverfolgen. Da wir beide zeitgleich an unseren Romanen arbeiteten, tauschten wir uns regelmäßig über unsere Fortschritte, Erfolge und Niederlagen aus, gaben uns gegenseitig die neuesten Kapitel zu lesen und warteten dann bangend aufs Feedback, machten einander, wenn nötig, hin und wieder auch mal Mut. Das tat gut und machte Spaß, war als Leser aber auch eine frustrierende Erfahrung: Während ihr da draußen den Roman, wie es sich für ihn gehört, am Stück verschlingt, musste ich oft Wochen, manchmal sogar Monate warten, ehe ich weiterlesen durfte. Wer das Buch kennt, kann sich vorstellen, wie schwer mir das fiel. Denn trotz aller Befangenheit: In eine moralische Zwickmühle bringt mich die Vorstellung von Mareikes Roman nicht – dafür ist er nämlich viel zu gut. Und das war er von Anfang an.

Eine gefährliche Freundschaft

Befangen ist auch Moritz, als Raffael plötzlich vor seiner Tür steht, ganze sechzehn Jahre, nachdem er sich einfach so und scheinbar grundlos aus dem Staub machte. Eigentlich sollte er Wichtigeres im Sinn haben, als seinen alten Freund bei sich aufzunehmen, schließlich steht die Geburt seines ersten Kindes unmittelbar bevor. Aber trotz ihrer langen Trennung voneinander ist gleich alles wieder wie früher: Raffael gibt den Ton an, und Moritz tanzt nach seiner Pfeife, obwohl Raffael ganz offensichtlich etwas zu verbergen hat.

Schon als Kleindkind ist Raffael ein echter Rattenfänger. Und ein Arschloch. Mit Grauen muss Moritz‘ Mutter Marie mitansehen, welche Macht der beste Freund ihres Sohnes über ihn hat, wie er ihn manipuliert und drangsaliert, ihn abgängig von sich macht. Und doch sind Moz und Raf, wie die beiden einander als Kinder nannten, stets unzertrennlich: der eine ein rücksichtsloser Draufgänger, der andere sensibel und zaghaft. Sie brauchen einander. Raf holt Moz aus seiner Komfortzone und lässt ihn über sich hinauswachsen, Moz gibt Raf dagegen ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ihm in seiner eigenen Familie fehlt. Eine scheinbar unzerstörbare Freundschaft, selbst, als das Waisenmädchen Jonanna zum Duo hinzustößt und mit ihr die ersten Gefühle ins Spiel kommen. Nur Marie bleibt über die Jahre weiter skeptisch: Dieser Raffael ist gefährlich – und wird Moritz eines Tages ins Unglück stürzen. Marie hat einen guten Grund, so zu denken. Sie kennt die Macht, die Raffael über ihren Sohn hat. Sein Vater ist nämlich genau wie er, ein skrupelloser Manipulator, der die Schwächen anderer genau auszunutzen weiß: zum Beispiel ihre Einsamkeit als Mutter zweier Kinder mit einem abwesenden Vater…

So komplex wie spannend

Und das sind gerade einmal die groben Züge der Handlung von Dunkelgrün fast schwarz: Geschickt spinnt Mareike Fallwickl einen Bogen zwischen den Generationen, erzählt multiperspektivisch und auf mehreren Zeitebenen die Geschichten von Marie, Moritz und Johanna und führt deren Fäden mit der Rückkehr des undurchsichtigen Raffaels am Ende schließlich zusammen. Was auf dem Papier kompliziert klingt, fügt sich so mühelos ineinander, dass Mareike mit Dunkelgrün fast schwarz ein wahrer Pageturner über Freundschaft, Abhängigkeiten und die gefährliche Macht, die Menschen übereinander haben, gelungen ist, der bei allem Anspruch in der Komposition nie zu unterhalten vergisst. Im Gegenteil: Man ist als Leser den Figuren so nahe, dass die Spannung manchmal kaum auszuhalten ist.

Liebe Mareike, es ist mir eine Ehre, in einem so gelungenen und wunderbaren Buch erwähnt zu werden – selbst, wenn du meine Hilfe nie brauchtest. Ich weiß, wie hart du an diesem Roman gearbeitet hast: Den Erfolg hast du dir mehr als verdient. Und deshalb bin ich nicht nur befangen, sondern vor allem eines: sehr, sehr stolz auf dich!


Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten. Trotz der Fülle an Besprechungen, die dieser Tage erscheinen, möchte ich eine ganz besonders hervorheben: Auf Buchrevier schrieb Tobias Nazemi einen sehr schönen, ebenfalls sehr persönlichen Leserbrief an Mareike.

Schräge Vögel und Blender. Über „Wiener Straße“ von Sven Regener

Regener - Wiener StraßeMan kennt das. Da kehrt man nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurück und trifft alte Freunde in der Kneipe wieder. Es folgt eine durchzechte Nacht, man freut sich, einander wiederzusehen und wärmt Anekdoten aus den guten alten Zeiten auf. Träfen sich Frank Lehmann, Karl Schmidt und Kneipenbesitzer Erwin heute wieder, sie sprächen vermutlich eher über die Ereignisse in Wiener Straße als über jene in Herr Lehmann – da ging ja schließlich alles schon so langsam den Bach hinunter. Lieber sprächen sie über damals, Anfang der Achtziger, als sie noch jung und unbeschwert waren. Über die Kneipen-WG mit Erwins Nichte Chrissie. Über Hausbesetzer und Künstler wie H.R. Ledigt, Kacki und P. Immel, die früher im Einfall ein- und ausgingen und mit ihren anarchischen Kunstaktionen für Chaos sorgten. Sie würden sich gegenseitig an skurrile Typen wie den redseligen Nachbarn Marko oder den verstockten neuen KOB erinnern, würden nachfragen, was denn wohl aus Chrissie und ihrer Mutter Kerstin geworden sei, würden den Eklat bei der Vernissage in eine brüllend komische Anekdote verpacken. Über später würden sie nicht sprechen. Nicht über Erwins Scheidung, aufgrund der er selbst die ehemalige WG-Wohnung in der Wiener Straße beziehen musste, nicht über Karl Schmidts Nervenzusammenbruch und seinen Entzug, nicht über Frank Lehmanns Entschluss nach dem Mauerfall, das alles hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen. Man kennt das: Trifft man alte Freunde wieder, spricht man eben lieber über die guten alten Zeiten als über die ernsten Themen des Lebens.

Unter Hausbesetzern und Künstlern

Ganz genauso liest sich Wiener Straße, Sven Regeners neuester Besuch im Kosmos rund um Frank Lehmann, der diesmal lediglich eine Nebenrolle spielen darf: leicht und witzig wie ein Abend mit alten Freunden, aber eben auch ein bisschen aufgewärmt und oberflächlich. Schon in Herr Lehmann ging es eigentlich um nichts – mit dem Unterschied, dass eben dieses Nichts für die Figuren auf dem Spiel stand. Trotz aller Komik schwang stets die Melancholie mit, dass Frank Lehmann und seine Freunde nach Jahren des In-den-Tag-Hineinlebens an einem Punkt angekommen waren, an dem Veränderungen unausweichlich wurden. In Wiener Straße stehen sie noch am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit in Kreuzberg. Das Berlin Anfang der Achtziger ist dabei jedoch weit mehr als bloße Kulisse: Sven Regener fängt den Zeitgeist und die anarchische Kreativität der alternativen Kunstszene perfekt ein. Lernten wir Karl Schmidt in Herr Lehmann als gescheiterten Künstler kennen, der unter dem eigenen Erwartungsdruck zusammenbrach, ist hier das Gefühl von Freiheit und Aufbruch allgegenwärtig. Berlin ist noch ein Experimentierfeld für Kreative, Verrückte und Lebenskünstler, eine Stadt, in der alles möglich ist und jeder sein Publikum findet, selbst wenn manchmal mehr Schein als Sein dahintersteckt. Nicht bei allen Zugezogenen sitzt das Berlinerisch sicher, aus einem Sozialarbeiter kann schon mal ein Kurator werden und aus einem Hausbesitzer ein Hausbesetzer – Hauptsache, das Image stimmt.

Der gewohnte Regener-Sound

Das Zeitkolorit ist stimmig, auch die Figuren sind schräg und sympathisch, trotzdem liest sich Wiener Straße eher wie eine improvisierte B-Seite von Herr Lehmann. Der gewohnte Regener-Sound ist amüsant und kurzweilig, kippt ohne Erdung diesmal aber manchmal fast ins Klamaukige. Vor allem aber schreibt das Multitalent Sven Regener einen Roman wie diesen mit links – und zwar trompetespielend und mit einem im Kahn. Liest sich wie ein Verriss? Ist aber keiner. Ich habe Wiener Straße gerne gelesen und hatte meine Freude am Wiedersehen mit alten Bekannten. Auch halte ich es für richtig, in der Longlist mit leichteren, unterhaltsameren Titeln einen Kontrast zur feuilletonistischen Schwere zu setzen, die manche mit dem Deutschen Buchpreis gerne in Verbindung bringen. Wiener Straße ist ein amüsanter, kleiner Roman, der gar nicht erst versucht, der nächste große Herr Lehmann zu sein. Das macht ihn zwar grundsympathisch, allerdings zu keinem Kandidaten für die Shortlist. Wie das eben so ist mit alten Freunden, denen man nach langer Zeit mal wieder begegnet: Es ist schön, einander zu sehen – die wirklich bedeutsamen gemeinsamen Momente, die einen einst zusammenschweißten, liegen in Wahrheit aber schon lange zurück. Man kennt das.19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n


Sven Regener: Wiener Straße. Erschienen bei Galiani Berlin, 296 Seiten. Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei meinem Buchpreisbloggerkollegen Sandro Abbate sowie auf LiteraturReich zu lesen .

 

You want it darker. Über „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert

Sven Heucher - Dunkels GesetzMit seinem Erzählband Asche gelang Sven Heuchert vor zwei Jahren ein perfekter Einstand: Seine schroffen, aber zugleich melancholischen Verlierergeschichten aus dem Ruhrpott überzeugten damals so ziemlich alle, die das Buch in die Finger kriegten – auch mich. Dunkels Gesetz, Heucherts Romandebüt bei Ullstein, polarisiert hingegen bislang. Einen Provinz-Noir hat Heuchert geschrieben, einen Kriminalroman, in dem es zumindest oberflächlich um einen geplatzten Drogendeal und einen Ex-Söldner namens Dunkel geht, der dem Ganzen auf die Schliche kommt. Im Auftrag einer Chemiefirma bewacht Richard Dunkel eine stillgelegte Grube im Provinzkaff Altglück, in der vor Kurzem ein Junge zu Tode kam. Schon bald stellt sich heraus, dass es kein Unfall war: Ausgerechnet hier versucht Tankstellenbesitzer Achim mit seinen Leuten, ins Drogengeschäft einzusteigen. Zeugen wie den Jungen – oder Dunkel – kann der Kleinkriminelle mit großen Ambitionen nicht dulden.

Klingt wie ein Kriminalroman – und wird auch als ein solcher beworben. Fans von biederen deutschen Kommissargeschichten dürften jedoch enttäuscht werden: Im Zentrum des Romans steht nämlich nicht der Plot, sondern die Trostlosigkeit seiner Figuren. Figuren, die längst erkannt haben, dass das Leben nichts anderes, schon gar nichts Besseres für sie bereithält. Figuren, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen wie eingesperrte Tiere, die im Käfig immer wieder dieselben Kreise ziehen und sich am Gitter jedes Mal aufs Neue das Maul blutig beißen. Selbst wenn sie sich aus ihren gescheiterten Leben in Altglück befreien könnten: Lebensfähig sind sie schon lange nicht mehr.

Kompromisslos und hart

Schon die Stories in Asche befassten sich mit Menschen, die sich ihre Zukunft längst verbaut haben und nun bloß noch versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen; in Dunkels Gesetz nimmt Heuchert seinen Protagonisten aber nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Menschlichkeit, die in den Erzählungen noch gelegentlich aufblitzte. Dort waren es vor allem die Zwischentöne, überraschende Momente von Zärtlichkeit und Empathie, die seine Figuren so glaubwürdig und dreidimensional machten. Kleine Nuancen, die selbst Arschlöcher menschlich wirken ließen. Die Figuren seines Romans sind dagegen noch einmal deutlich verbitterter und abgründiger angelegt. Als zum Beispiel der Möchtegern-Dealer Achim Marie, der Tochter seiner Geliebten, ein Pferd in seinem Stall vorführt, glaubt man einen Augenblick lang, hier unerwartet eine andere, menschlichere Seite von ihm kennenzulernen – bis er sie dann doch bloß begrapscht. Vielleicht eine verpasste Chance, dem Antagonisten mehr Tiefe zu verleihen: Die Härte in Dunkels Gesetz ist zwar konsequent und nachvollziehbar, ohne Empathie für die tragenden Figuren fehlt es manchmal aber auch an der nötigen Fallhöhe, um echte Spannung zu erzeugen. Man schaut den Figuren dabei zu, wie sie sich ihr eigenes Grab schaufeln, ohne zuvor in sie investiert zu haben. Wie schon in Asche sind es auch in Sven Heucherts Romandebüt eher die stilleren, zurückhaltenderen Momente, die nachwirken. Etwa die Szenen, in denen Marie einer alten Witwe Schnaps nach Hause liefert oder sich eine vorsichtige Annäherung zwischen Dunkel und einer Prostituierten – Maries Mutter – andeutet. Auch Dunkels Hintergrundgeschichte um einen tragischen Verlust sorgt an seltenen, aber starken Stellen für Tiefe. Sven Heuchert brilliert vor allem dort, wo er Atmosphäre erzeugt und die Trostlosigkeit Altglücks mit nur nur wenigen, präzisen Strichen zeichnet; der eigentliche Plot um Achims Drogendeal und dessen Folgen ist dagegen an manchen Stellen allzu drastisch und beinahe überzeichnet. Aber: Das soll so sein.

Andere Kategorie, andere Maßstäbe

Alles an Dunkels Gesetz ist konsequent: die reduzierte Sprache, die das karge und trostlose Leben von Randexistenzen in der Provinz spiegelt. Die Härte der Figuren und ihre heftigen Gewaltausbrüche. Nicht zuletzt aber auch die Verweigerung Heucherts, dem Genrestempel Kriminalroman in irgendeiner Weise Rechnung zu tragen. Dem Vorwurf, hier habe sich ein Autor für den schnellen Erfolg verkauft, kann ich deshalb nur widersprechen: Dunkels Gesetz liest sich keineswegs wie das weichgespülte Major Debut eines Indiestars, der auf den Markt schielt, um endlich Stadien zu bespielen. Tatsächlich liest sich Heucherts Roman in seiner Kompromisslosigkeit eher wie ein Nischentitel; in einem Land, in dem Noir-Romane keine Tradition haben, ist er das vermutlich auch. Vieles, was man an Dunkels Gesetz kritisieren kann, liegt ganz bewussten Entscheidungen zugrunde. Anders als Heucherts Erzählungen ist der Roman näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur – und genau das ist der Anspruch, an dem man ihn messen muss. Und selbst, wenn man – wie ich – seinen Erzählungen etwas näher steht, kann und sollte man respektieren, dass da einer konsequent seinen Weg geht und lieber polarisiert, als es allen recht zu machen. Die Erwartungen nach Asche waren groß – und das bleiben sie auch nach Dunkels Gesetz: zum Beispiel auf Heucherts zweite Storysammlung und seinen geplanten Gedichtband.


Sven Heuchert: Dunkels Gesetz. Erschienen bei Ullstein, 192 Seiten. Uwe Kalkowski und Wolfgang Schiffer haben den Roman positiv in ihren Blogs besprochen, Tobias Nazemi schrieb dagegen einen enttäuschten Leserbrief. Und zu meiner Besprechung von Sven Heucherts Erzählband „Asche“ geht es hier entlang.

Notizen 8/17

Bevor nächste Woche die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben wird, melde ich mich mit einigen kurzen Notizen aus meiner Sommerpause. Wir Buchpreisblogger haben uns im Laufe der letzten Wochen schon einmal vorgestellt – und zwar ohne Worte: Inspiriert von der Fotorubrik aus dem SZ-Magazin beantworten wir Fragen allein mit Buchtiteln. Die amüsanten Fotostrecken meiner Mitstreiter findet ihr auf dem offiziellen Buchpreisblog, meine habe ich gleich hier für euch angehängt.

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Wer sich schon einmal auf die Longlist einstimmen will und noch etwas zum Lesen für den Sommer braucht, dem seien natürlich auch die nominierten Titel der vergangenen Jahre ans Herz gelegt. Aus dem letzten Jahr empfehle ich ganz besonders Die Welt im Rücken von Thomas Melle, 2015 hat mich die Lektüre von Rolfs Lapperts Über den Winter sehr bewegt. Vielleicht gehören die Rezensionen beider Romane deshalb auch zu meinen liebsten. Aktuell und ein wenig urlaubstauglicher, aber nicht weniger überzeugend ist So, und jetzt kommst du von Arno Frank, das ich nicht nur hier im Blog, sondern auch in der aktuellen Ausgabe des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT empfohlen habe.

War noch was? Ach ja: Dank eines wochenlangen und kräftezehrenden Endspurts habe ich es tatsächlich geschafft – mein neuer Roman ist fertig! Nach anderthalb Jahren, in denen es mir meine eigenwilligen Figuren nicht immer leicht gemacht haben, bin ich mehr als stolz auf das Ergebnis. einself – so der aktuelle Titel – ist ein tragikomischer Roman über junge Eltern, die zwischen Kind, Karriere und dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit ihre Mitte verlieren. Zugleich ist es ein Roman über hatespeech und die Kehrseite sozialer Netzwerke – und vermutlich das Bissigste und Politischste, das ich bislang geschrieben habe.

Zu gegebener Zeit werde ich natürlich mehr darüber erzählen – jetzt freue ich mich jedoch erst einmal auf meinen Urlaub und viel Zeit für die Lektüre der Longlist!

Sommerpause/Endspurt

sommerpauseHeute in fünf Wochen wird die Longlist des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben: zwanzig Titel, von denen wir Buchpreisblogger so viele wie möglich lesen und besprechen wollen. Ab dem 15. August stehen Bloggen und Lesen für mich (auch im Urlaub, in dem ich mich dann befinde) also klar im Vordergrund. Damit ich mich so richtig auf die Longlist stürzen kann, müssen ein paar andere Dinge allerdings zunächst erledigt sein. Ein voller Kühlschrank wäre gut, ebenso ein Stapel frischer Klamotten. Vielleicht sollte ich mich noch einmal waschen und rasieren, ehe ich mich mit dem Bücherstapel für Wochen ins Leseexil verkrieche. Und natürlich von meinem Arzt durchchecken lassen – man weiß ja nie, was die Lektüre hochwertiger Literatur mit einem so macht, Stichwort Axt und gefrorener See, etc. pp.

Nicht zuletzt muss ich aber auch meinen eigenen Roman fertigstellen. Trotz so einiger Bücher, die ich gerne noch vorm Buchpreislesen besprochen hätte, geht mein Blog deshalb nun für einen Monat in die Pause. Habt einstweilen einen schönen Sommer – ich bin dann mal im Endspurt!

Elterndämmerung. Über „So, und jetzt kommst du“ von Arno Frank

IMG_5876Kindern kann man ja wirklich eine Menge weismachen. Die Existenz von Weihnachtsmännern und Osterhasen zum Beispiel. Eckige Augen, die man vom Fernsehen kriegt, Bauchschmerzen vom Naschen. Und natürlich, dass man stets wisse, was zu tun sei. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, die eigenen Eltern irgendwann zu hinterfragen und dabei zur Erkenntnis zu gelangen, dass auch sie nur Menschen sind. Menschen, die nicht alles wissen. Menschen, die Fehler machen, manchmal sogar sehr große und dumme. Wann kamen Arno Frank wohl die ersten Zweifel an seinen Eltern? Anzeichen für ihre Fehlbarkeit gibt es früh. Amtliche Briefe, die ungelesen in den Müll wandern. Ein gepfändetes Haus und Geschäftsideen des Vaters, die immer windiger, immer riskanter werden. Die Polizei, die irgendwann vor der Tür steht, nachts dann der überstürzte Aufbruch nach Südfrankreich. Das große Geld, das plötzlich da ist und allen ein Leben im Luxus ermöglicht. Arno Frank und seine beiden Geschwister glauben ihren Eltern, eine andere Wahl haben sie ohnehin nicht. Und wozu den Weihnachtsmann in Frage stellen, solange es Bescherung gibt?

So, und jetzt kommst du erzählt die wahre Geschichte von Arno Franks Kindheit als Sohn eines Hochstaplers – und lockt zunächst auf eine falsche Fährte. Ein kindlicher Erzähler in einer leicht verschrobenen Familie, dazu ein paar skurril-sentimentale Erinnerungen an die BRD der Achtziger – das klingt nach Feel good-Bestseller aus dem Baukasten. Man nehme etwas Coming of age-Melancholie, garniere sie mit einer Prise Humor und serviere das Ganze als Roadmovie. Auerhaus meets Tschick, ganz sichere Nummer. Doch dann kommt alles anders.

Horrortrip statt „Tschick“

Als das große Geld irgendwann aufgebraucht ist, mehren sich die Zeichen, dass Arnos Eltern die Kontrolle verloren haben. Das Luxusanwesen an der Küste verwahrlost zusehends. Die Mutter lutscht am Daumen, während der Vater immer erratischer wird. Wieder steht die Polizei vor der Tür, und wieder bleibt der Familie nur die Flucht. Was als Familienabenteuer begann, wird zur albtraumhaften Odyssee durch halb Europa. Und das bedingungslose Vertrauen in die Unfehlbarkeit der Eltern: zum Musterbeispiel fürs Stockholm-Syndrom. Anfangs noch so unterhaltsam wie harmlos, wird der Roman mit jeder Seite beklemmender. Arno Frank schildert die zunehmende Verwahrlosung der Familie – auch im Umgang miteinander – so glaubwürdig und intensiv, dass selbst in grotesken Szenen das Entsetzen dominiert. Das spürbare Gefühl der Ausweglosigkeit gipfelt schließlich in einer Autobahnszene, deren blanker Horror kaum auszuhalten ist. Spätestens hier ist nichts mehr vom Feel good-Roman übrig, der So, und jetzt kommst du hätte werden können. Auch in anderen Coming of age-Romanen müssen sich Kinder von ihren Eltern abnabeln – in diesem sind sie ihnen jedoch ausgeliefert wie Geiseln.

Mit seinem Debütroman ist Arno Frank das seltene Kunststück gelungen, gleichermaßen zu unterhalten wie zu erschüttern. An manchen Stellen hochkomisch und skurril, ist So, und jetzt kommst du mit zunehmenden Verlauf vor Spannung kaum auszuhalten. Im letzten Jahr wurde Thomas Melle, obwohl auch Die Welt im Rücken kein fiktionaler, sondern ein autobiografischer Roman ist, für den Deutschen Buchpreis nominiert. So, und jetzt kommt Frank – ein Platz auf der Longlist wäre jedenfalls durchaus verdient!


Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Erschienen bei Tropen/Klett-Cotta, 352 Seiten. Nachtrag: Ein interessantes und aufschlussreiches Interview mit Arno Frank ist auf Lesen macht glücklich zu finden.

Wie man Entfremdung spielt. Über „Hier bin ich“ von Jonathan Safran Foer

img_4700Ein Scheidungsroman also. Elf Jahre nach Extrem laut und unglaublich nah meldet sich Foer mit einem Roman zurück, in dem er – zumindest oberflächlich – seine Trennung von Nicole Krauss verarbeitet. Anstelle von E-Mails an Natalie Portman sind es in Hier bin ich heimliche SMS an eine Kollegin, die die Ehe seiner Figuren in die Krise stürzen. Aber Jonathan Safran Foer wäre nicht Jonathan Safran Foer, wenn er die Ausgangssituation nicht nutzen würde, um einen sehr viel größeren Bogen zu spannen – unter der Zerstörung Israels macht er es nicht. Hier bin ich ist kein kleiner, intimer Roman über das Ende einer Beziehung, sondern eine Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Judentum, ein Roman über Entwurzelung und Entfremdung, Verlust und Neubeginn.

Anfangs sind die Sorgen von Jacob und Julia Bloch noch überschaubar: Ihr ältester Sohn Sam versucht mit allen Mitteln, seine bevorstehende Bar Mizwa zu torpedieren und verbringt seine Zeit lieber im Second Life, wo er mit großem Aufwand digitale Synagogen erbaut, nur um sie anschließend wieder zu sprengen. Dabei ist längst ein großes Fest geplant – sogar die Verwandtschaft aus Israel wird anreisen, um seiner rituellen Mannwerdung beizuwohnen. Besonders gläubig sind die Blochs allerdings nicht; sie betrachten die jüdischen Traditionen und die Anbindung an ihre Gemeinde vor allem als Teil ihrer kulturellen und familiären Identität. Zum Judentum in Israel hat Jacob schon lange den Kontakt verloren. Er war seit Jahren nicht dort, reiste mit seinen drei Kindern lieber nach Berlin als die Verwandtschaft um seinen Cousin Tamir zu besuchen. Stattdessen pflegen Jacob und Julia ihre unzähligen, so skurrilen wie liebenswerten Familienrituale wie eine Ersatzreligion; seine Notizen zu den Besonderheiten der Blochs, aus denen er eines Tages eine Fernsehsendung machen möchte, nennt der Schriftsteller nicht umsonst Bibel.

Umso schwerer wiegt für Jacob die Erkenntnis, dass seine Ehe mit Julia nach sechzehn Jahren Beziehung am Ende ist. Die aufgeflogenen SMS an seine Kollegin sind ebenso wie das sich anbahnende Techtelmechtel Julias mit einem anderen Mann nur symptomatisch für eine seit Jahren voranschreitende Entfremdung. Aus den kleinen Alltagslügen wurden immer größere, aus Verschlossenheit wurde Schweigen. Im zermürbenden Alltag ist ihre Beziehung zum bloßen Ritual verkommen, ausgehöhlt wie eine religiöse Tradition, die ohne Glauben nur noch dem Selbstzweck dient. Das einzige, was sie – obwohl sie noch Fürsorge füreinander empfinden – miteinander verbindet, sind ihre Kinder und die gemeinsame Geschichte.

Damit geht es Jacob und Julia ähnlich wie den amerikanischen Juden und dem israelischen Volk. Sie teilen denselben Glauben, sind durch ihre Geschichte und Traditionen miteinander verbunden, und doch führen sie – trotz Sympathien und einem moralischen Verantwortungsgefühl füreinander – so unterschiedliche Leben, dass sie sich voneinander entfremdet haben. Als Jacobs Cousin Tamir mit seinen Kindern zu Sams Bar Mizwa anreist, geschieht in dessen Heimat das Unfassbare: Nachdem ein Erdbeben Israel und seine Anliegerstaaten verwüstet hat, eskaliert die politisch angespannte Situation zum Krieg. Das Entsetzen über die Katastrophe ist so groß, dass sich Jacobs Großvater, der damals vor dem Holocaust in die USA floh und das einzige Bindeglied zwischen der amerikanischen und israelischen Familienseite ist, das Leben nimmt. Als die israelische Regierung an alle amerikanischen Juden appelliert, „heimzukehren“ und für Israel in den Krieg zu ziehen, glaubt Jacob – unter dem Eindruck seiner drohenden Scheidung – endlich Verantwortung übernehmen zu müssen, um seine kulturelle Heimat vor dem Untergang zu bewahren.

In den ersten Kapiteln von Hier bin ich macht es Jonathan Safran Foer seinen Lesern nicht leicht, in den Roman zu finden; nach anfänglichen Orientierungsproblemen habe ich den gewohnten Einfallsreichtum, die eigenwilligen Figuren und den Sprachwitz Foers jedoch sehr genossen. Besonders in der ersten Hälfte ist Hier bin ich ein tieftrauriger Roman, der es aller Schwermut zum Trotz immer wieder schafft, zum Lachen zu bringen. Wie in seinen ersten beiden Romanen sind es vor allem die vielen kleinen, cleveren Einfälle – etwa die Familienrituale der Blochs -, die Foers Geschichten zu etwas Besonderem machen. Zugleich sind manche von ihnen aber auch zu schön, um wahr zu sein. Auch seine Figuren, in erster Linie Jacobs und Julias etwas altklugen Kinder, wirken gelegentlich eher wie die Verkörperungen von Ideen, als dass sie echten Menschen glichen. Stets lässt Foer sie besonders witzige und kluge Dinge sagen, stets lässt er sie genau die richtigen Fragen stellen. Das ist unterhaltsam und oft intelligent, geht zugleich aber auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit. Das Artifizielle an Jonathan Safran Foers Art, zu schreiben, kann man mögen. Muss man aber nicht.

Während die Ehekrise zwischen Jacob und Julia in der ersten Hälfte für große Spannung sorgt, franst der Roman nach der Katastrophe in Israel ein wenig aus. Die vielen, langen Dialoge werden irgendwann zu viel und zu lang und die klugen Kinder zu klug, auch Jacob schafft es irgendwann, nicht mehr nur Julia auf den Geist zu gehen. Rundum gelungen wird es erst wieder, wenn Jonathan Safran Foer mit einem Kapitel aus Jacobs Bibel die lineare Erzählstruktur aufbricht und darin episodische Schlaglichter auf die Vergangenheit und die Zukunft der Blochs wirft. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Roman in diesem Mosaikstil auch enden zu lassen. Und symbolischer: Die Einheit, die in der Familie, im Judentum, im Erzählen anfangs herrschte, lässt sich nach dem Bruch nicht wieder herstellen. Es braucht Willen und manchmal auch Kraft, um eine Verbindung aufrecht zu erhalten.


Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 688 Seiten. Sehr gegensätzliche und lesenswerte Rezensionen erschienen jüngst auch bei Schöne SeitenBuchrevier, Buzzaldrins Bücher sowie Wortmax.

Was vom Jahre übrig blieb: Kurzrezensionen

Seit der Frankfurter Buchmesse herrscht Funkstille auf meinem Blog. Was ist da los? Fun Fact: Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Nach Veröffentlichung der siebten Ausgabe von ]trash[pool habe ich mich in den letzten Monaten vor allem auf meinen neuen Roman konzentriert, den ich – so der Prokrastinationsgott will – im Frühjahr fertigstellen werde. Deshalb sind viele Bücher, die ich 2016 hier besprechen wollte, leider ein wenig unter die Räder gekommen. Einige von ihnen habe ich zumindest in meinen regelmäßigen Buchempfehlungen im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT vorgestellt; das nahende Jahresende ist jedenfalls ein guter Anlass, um die digitale Schublade auszumisten und ein paar kurze Empfehlungen nachzureichen.


1. Die Dicken:

Unterleuten von Juli ZehJULI ZEH – UNTERLEUTEN
Ein Bestseller über die Eskalation eines Dorfstreits? Natürlich ist es keine Überraschung: dass die Welt auf dem Land noch in Ordnung zu sein scheint, sich in Wahrheit aber auch die größten Probleme im Kleinen spiegeln. Es sind jedoch vor allem die glaubwürdigen und ambivalenten Figuren, die Unterleuten zu einem großartigen Gesellschaftsroman machen. Die Verweise auf Jonathan Franzen – eine Figur ist Vogelschützer, eine andere heißt Franzen mit Nachnamen – sind sicher kein Zufall: Tatsächlich hat Juli Zeh in diesem Jahr den gelungeneren Franzen-Roman geschrieben als der Meister selbst. Für mich neben Thomas Melles Die Welt im Rücken der beste deutschsprachige Roman 2016!
[Luchterhand, 640 S.]

978-3-498-02137-5JONATHAN FRANZEN – UNSCHULD
Bei Franzen weiß man, was man bekommt. Es ist alles da: die typischen Franzen-Figuren mit ihren biografischen Brüchen und persönlichen Krisen. Das aktuelle gesellschaftspolitische Thema als Folie für einen Plot, der sich erst nach und nach erschließt. Schließlich der langersehnte Aha-Moment, der endlich Klarheit bringt und die Erzählstränge zusammenführt. Nicht alle Figuren und Subplots sind gelungen, besonders die Hauptfigur Pip macht den Einstieg in den Roman überraschend holprig – auch wenn man sie, nachdem man Bekanntschaft mit ihrer Mutter gemacht hat, deutlich besser versteht. Aber die Geduld wird belohnt: Mit zunehmender Seitenzahl – und in diesem Punkt knausert der gute, alte Franzen ja nie – gewinnt Unschuld an Brillanz und entwickelt auch die Sogkraft, die man von seinen Romanen gewohnt ist. Ich habe Unschuld gerne gelesen, sehr gerne sogar. Nichtsdestotrotz schleicht sich langsam ein wenig Gewöhnung ein. Gerne darf sich der gute, alte Franzen für die Erzählstruktur, die seit den Korrekturen stets demselben Schema folgt, bei seinem nächsten Roman mal etwas Neues einfallen lassen. [Rowohlt, 830 S, übersetzt von Bettina Abarbanell & Eike Schönfeld]

2. Die Dünnen:

amanda-lee-koe_ministerium_350AMANDA LEE KOE: MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE ERREGUNG. STORIES
Die singapurische Autorin erzählt Geschichten aus einer anderen Welt, einem anderen Leben: über Frauen am Rand der Gesellschaft, die sich einen Rest an Würde und Souveränität bewahren wollen. Über ungleiche Freundschaften, Abhängigkeiten und die Unmöglichkeit von Liebe über Grenzen hinweg. Ein grandioses Debüt voller ungewöhnlicher Perspektiven und überraschender Einblicke. [CulturBooks, 240 S., aus dem Englischen von Zoë Beck]

9783608983074JAN SNELA – MILCHGESICHT. EIN BESTIARIUM DER LIEBE
Gehörnte Männer, die in Milch baden oder Katzenfutter essen. Eine Liebesgeschichte mit einem Wiesel oder ein One Night Stand mit einem Geist. In den skurrilen Erzählungen von Open Mike-Gewinner und Bachmann-Kandidat Jan Snela gelten ganz eigene Regeln. Eines eint sie aber alle: die eigenwillige, detailverliebte Sprache, in der kein Wort dem Zufall überlassen wird. [Klett Cotta, 184 S.]

tumblr_ogbnf87y5w1snbv2io2_1280MICHAELA MARIA MÜLLER – AUF SEE. DIE GESCHICHTE VON AYAN UND SAMIR
Die Journalistin schreibt über ein somalisches Paar, das vom Bürgerkrieg getrennt wird. Auf See ist ein gut recherchierter Hybrid aus Reportage und Erzählung über die täglichen Tragödien vor der Küste Lampedusas. Trotz seines Themas ist das Buch weder belehrend noch rührselig, sondern gleichermaßen nüchtern wie emphatisch – und eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Meldung die Geschichte eines Menschen steckt.
[Frohmann, 144 S.]

Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Matthias Hirth im Gespräch über „Lutra Lutra“

 

hirth_matthias_2015_c_privat_portraetLutra Lutra, im Frühjahr 2016 bei Voland & Quist erschienen, ist ein extremer und kompromissloser Roman, der lange nachwirkt. Nach meiner Rezension im September sprach ich für die kommende Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit Autor Matthias Hirth über die zentralen Themen seines Buches.


Mit 736 Seiten ist Lutra Lutra ein sehr umfangreicher Roman. Wie lange hast du an ihm geschrieben?

Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich schon 1996: Alles begann mit dem Gedanken, dass ein Fahrraddiebstahl einen metaphysischen, sogar spirituellen Aspekt haben kann – später eine wichtige Szene im Roman. Mit Unterbrechungen habe ich etwa zehn Jahre an Lutra Lutra gearbeitet. Mir ist es wichtig, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen und in die Tiefe eines Themas einzutauchen; deshalb ist das Buch so lang geworden. Ich habe viel recherchiert und mit einer Menge Leuten gesprochen, auch habe ich mich über Jahre selber beobachtet und dabei meine eigenen dunklen Wünsche, teilweise sogar mein eigenes Sexualverhalten mitprotokolliert.

In der Danksagung zum Roman nennst du viele Texte, die dich inspiriert haben oder die du zur Recherche brauchtest. Ganz besonders hebst du dabei Dostojewskis Verbrechen & Strafe (bzw. Schuld und Sühne) hervor. Was haben Lutra Lutra und dieser Klassiker gemeinsam?

Am Anfang stand die Idee, dass jemand durch Überschreitung, durch das Brechen von Regeln versucht, zu sich selber zu finden. Dass er auf diese Weise versucht, ohne die Gesellschaft auszukommen – auch ohne die Prägungen durch die Gesellschaft, die er in sich trägt. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich ja dasselbe vorhatte wie Dostojewski, nur umgekehrt aufgebaut. In Verbrechen und Strafe geschieht die Untat, diese Referenztat, in der ein junger Mann seine Außergewöhnlichkeit zu beweisen versucht, gleich zu Beginn. Der Rest des Romans beschäftigt sich mit seinem Umgang mit der Schuld. Bei mir ist es umgekehrt: Es gibt einen sehr langen Entwicklungsgang, bis meine Hauptfigur Fleck zu dieser „befreienden“ Tat bereit ist. Der Umgang mit der Schuld, die ihn schließlich einholt, rückt erst am Ende des Romans in den Vordergrund.

Was treibt Fleck an?

Im Roman geht es um die Lust, Regeln zu brechen, die Lust an der Provokation, die heimliche Lust, Erwartungen seitens der Gesellschaft zu enttäuschen. Besonders junge Männer haben Lust, aus der Reihe zu tanzen, sich auszuprobieren und über die Stränge zu schlagen. Was mir aufgefallen ist: Im Fernsehen kommen ja fast nur noch Krimis. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dabei auch immer ein wenig mit der Untat, die wir selber nicht zu begehen wagen, identifizieren. Mit wohligem Gruseln schauen wir uns an, wie der Verbrecher stellvertretend für uns das Dunkle in uns auslebt. Der Unterhaltungswert von Krimis hat, glaube ich, auch mit unserer eigenen Lust an Überschreitung zu tun. Maxim Biller hat zum Beispiel in einem Interview gesagt, als Jude würde er, wenn er jetzt 15 wäre, Neonazi werden. Warum? Weil er provozieren, sich von den Zwängen der Norm befreien will. Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Aus Angst, überflüssig zu sein und demnächst vielleicht abgeschafft zu werden, müssen wir in der neoliberalen Welt immer funktionieren und uns einordnen. Die Wildheit, die in jedem von uns ist, die Lust, unsere dunkle Seite zu erforschen – dafür bietet die Gesellschaft heutzutage einfach keinen Platz mehr. Und dieser Lust an der dunklen Seite gibt Fleck nach. Er schaut sich die Gesellschaft an und fragt sich: Wo ist sie verkrustet, wo ist sie starr? Und er schaut sich selbst an und überlegt: Wo bin ich selber starr? Und dann versucht er, all dies durch eine krude Befreiungstat zu durchbrechen. Fleck schaut sich die Felder der Überschreitung an, die es in der Gesellschaft gibt: Das sind im Nachtleben der späten Neunziger erst einmal Partys und Drogen. Und natürlich Sex in Form von One-Night-Stands – eine Art erlaubtes Böses. Er lernt eine Künstlergruppe kennen, die Aufmerksamkeit erregen will, indem sie professionell Tabubrüche begeht und die Überschreitung zur Kunst erklärt. Schnell stellt Fleck aber fest, dass diese Menschen auch bloß ihre Position auf dem Kunstmarkt suchen. Also beschließt er, dass er selbst eine Überschreitung wagen muss – und zwar, indem er etwas Böses tut.

Warum glaubt Fleck, eine solche Tat zu brauchen?

Im Buch ist einmal von einem Zeitungsartikel die Rede, in dem ein afrikanisches Ritual für Schamanen beschrieben wird. Sie werden mit einem Toten zusammengebunden – Gesicht an Gesicht, Bauch an Bauch – und in eine Grube versenkt, in der sie es drei Tage aushalten müssen. Erst nach diesen drei Tagen dürfen sie essen, aber nur, wenn sie die Hand des Toten dazu benutzen. Fleck glaubt, dass genau so etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Was hat ein junger Mensch heute noch für ein Initiationsritual? Die Führerscheinprüfung, das Abitur. Was fehlt, ist eine wirkliche Extremsituation, die man aushalten muss – ein Referenzerlebnis, ab dem man erwachsen ist. Diese Art von Situation versucht Fleck, sich selbst zu konstruieren.

Warum war es dir so wichtig, die vielen Sexszenen so explizit zu beschreiben? Ich glaube nicht, dass es dir dabei um einen Tabubruch ging.

Es wird oft gesagt, dass es in dem Roman so wahnsinnig viele Sexszenen gebe. Aber wenn man sie sich genau anschaut, zeigt jede von ihnen eine unterschiedliche Facette von menschlichem Begehren, von Machtverhältnissen. In Sexualität steckt so viel mehr als bloß körperliche Befriedigung; sie verrät schließlich auch, wie sich jemand in der Welt begreift, wie er sein Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Jede Sexszene in Lutra Lutra drückt einen anderen Konflikt aus: Es gibt diese Folge von etwa 30 Sexszenen im Buch, wo ich versuche, die anderen Personen mit ihren verschiedenen Sehnsüchten und Motiven zu beschreiben. Da will jeder etwas anderes von Fleck. Hinter Flecks eigenem sexuellen Vielverbrauch steht dagegen vor allem ein Ermächtigungsversuch: der Körper als Überschreitungsinstrument, auch in der Quantität. Man kann nicht alle ficken, aber man muss es versuchen, denkt er. Aber da gibt es immer noch den anderen, der sein eigenes Motiv hat, und ich hoffe, dass jede Sexszene eine weitere Facette zeigt; ich wollte es wirklich komplett darstellen.

Das Jahr 1999 ist ja ein bisschen der heimliche Star des Romans. Du beschreibst es wie eine ausschweifende Party, die nach dem Jahrtausendwechsel in einen bösen Kater mündet. Warum hast du dich für diesen Zeitraum entschieden?

cover-ausgabe-7Da gibt es zwei Gründe. Erst einmal war 1999 das letzte Jahr der guten alten Zeit: vor der Nemax-Krise, dem Terrorismus und dem großen Sozialabbau. Bevor der Neoliberalismus sich auf alle Lebensfelder ausgebreitet, bevor die Digitalisierung den ganzen Alltag in den Griff genommen hat. Damals konnte man als junger Mensch noch seinen Job hinschmeißen und sich sicher sein, danach einen neuen zu finden. Weil noch nicht so ein Klima der Angst herrschte, konnte man sich noch Luxusprobleme leisten. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass einem, wenn man heute einen aktuellen Roman schreibt, die Zeit viel zu schnell davonläuft. Entweder gehe ich beim Schreiben in die Vergangenheit oder in die Zukunft; die Gegenwart entwickelt sich – vor allem, wenn man so langsam arbeitet wie ich – ganz schnell von einem weg.

Du arbeitest ja schon seit mehreren Jahrzehnten im Kunstbetrieb, warst unter anderem auch als Schauspieler und Regisseur tätig. Hast du den Eindruck, dass es heutzutage als Künstler schwieriger geworden ist?

Früher war es nicht so anstrengend wie heute, das Lebensminimum zusammenzukratzen. Ich komme immer weniger zum Schreiben, weil es schwieriger geworden ist, all den anderen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Künstlergruppe, mit der sich Fleck auseinandersetzt, diskutiert ständig über die Positionen des Künstlers im aufziehenden Neoliberalismus: Wo verortet man sich zwischen Unternehmer, Schmerzensmann und Revolutionär? Die Kunst – nicht nur die Literatur – wird immer weiter an den Rand gedrängt. Zudem ist die Aufmerksamkeitsspanne inzwischen so kurz, dass wohl nur noch wenige Menschen so ein dickes Buch wie Lutra Lutra lesen. Aber: Nichtsdestotrotz würde ich wieder so einen langen Roman schreiben.

Für unsere Tübinger Leser ist sicher nicht ganz uninteressant, dass du schon einmal hier gelebt hast. Was hast du damals in Tübingen gemacht – und wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war ja im vorigen Leben Schauspieler und Mitte der Achtziger ein Jahr lang am LTT beschäftigt. Tübingen war für mich anfangs wie ein großes Heimatmuseum und fast zu provinziell; dann war es aber eine sehr lebendige und interessante Zeit mit netten Leuten. Nach einem Jahr wollte ich gar nicht richtig weg.

Lieber Matthias, ich danke dir für das Gespräch.


Aus: ]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, Ausgabe 7. Das Magazin erscheint Mitte Oktober zur Frankfurter Buchmesse und ist über redaktion@trashpool.net, beim Verlag duotincta sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich (Print: 5 €, Digitalversion 3 €). ISSN: 2191-7957.