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„Fake“ ist da!

fake ist daWenn man den Paketboten stalkt und ihn schon hundert Meter vorm Haus fragt, ob er ein Paket für einen habe… Wer mich kennt, der weiß, dass der Weg hierhin nicht immer ganz leicht war – umso überwältigender ist nun die Freude, meinen neuen Roman Fake endlich in den Händen zu halten! Und was soll ich sagen? Das Buch ist wahnsinnig schön geworden! Tausend Dank an meinen Verlag Voland & Quist, meiner Agentin Annabelle Assaf und allen, die mich beim Schreiben des Buches unterstützt haben!

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„Fake“ für die Hotlist nominiert!

Hotlist Logo 2019_webWie großartig: Mein Roman Fake wurde noch vor Erscheinen am 1. September für die Hotlist 2019 nominiert! Aus 160 Einsendungen hat das Kuratorium eine Auswahl der besten 30 Bücher aus unabhängigen Verlagen getroffen, die es auf die diesjährige Hotlist schaffen können. Sieben der zehn Bücher wählt die Jury aus – drei Plätze werden jedoch durch ein Online Voting entschieden. Darum würde ich mich bis zum 20. August sehr über eure Stimme freuen! Mehr Infos, eine erste Leseprobe von Fake und das Online-Voting findet ihr unter diesem Link. Und wenn ihr schon mal da seid, werft unbedingt auch einen Blick auf die anderen 29 Kandidaten – denn dafür ist die Hotlist ja da: um auf die großartige und wichtige Arbeit unabhängiger Verlage wie Voland & Quist aufmerksam zu machen. Drückt mir die Daumen!

„Fake“ in der Herbstvorschau von Voland & Quist

Heute hat mein Verlag Voland & Quist seine Herbstvorschau veröffentlicht – und das Layout kam mir gleich auf den ersten Blick vertraut vor: Angelehnt ist es nämlich ans Cover meines Romans Fake, der im September  – also irgendwie schon ziemlich bald! – erscheint. Aber blättert unbedingt weiter im Programm, ich bin nämlich in allerbester Gesellschaft mit vielversprechenden Büchern von Svetlana Lavochkina, Ziemowit Szczerek, Ahne, Nora Gomringer und Reimar Limmer sowie der Graphic Novel von Marc-Uwe Klings Quality Land!

„Fake“ erscheint im Herbst bei Voland & Quist

IMG_0066Mein neues Buch mag zwar Fake heißen, auf der Leipziger Buchmesse fühlt sich die Tatsache, dass es schon im Herbst erscheinen wird, aber plötzlich ziemlich echt an: Am Stand von Voland & Quist stellten die Verleger Karina Fenner, Leif Greinus und Sebastian Wolter bereits fleißig und, wie ich mir von befreundeten Bloggern sagen ließ, auch sehr überzeugend meinen kommenden Roman vor: ein tolles Gefühl, das Buch – zwar noch ohne Cover – in der Herbstvorschau zu sehen! Nur die Leseprobe bekam ich nie zu Gesicht, wenn auch ohne allzu großes Bedauern: Sie war nämlich vergriffen.

Ich hasse Menschen – das Buch von Julius Fischer ging während der diesjährigen Leipziger Buchmesse am Stand von Voland & Quist übrigens besonders gut weg. Bei mir ist nach Messen ja immer das Gegenteil der Fall: Zwar bin ich froh, endlich etwas Ruhe und vor allem Schlaf zu finden, aber zugleich auch sehr, sehr dankbar für all die vielen schönen und inspirierenden, manchmal auch herrlich albernen Begegnungen und Gespräche mit Freunden und KollegInnen. Doch auch wenn jede Buchmesse ein Highlight für mich ist – die kommende in Frankfurt wird in jedem Fall eine ganz besondere!

Mehr zum Roman Fake in Kürze!

Unterschrieben! #2

img_4883Auf manche Briefe wartet man ja schon lange, bevor sie überhaupt verschickt wurden. Jetzt habe ich das Happy End von 2018 auch schwarz auf weiß: Mein nächster Roman erscheint im Frühjahr 2020 als Hardcover beim wunderbaren Verlag Voland & Quist!

Das bedeutet zugleich aber auch den Abschied von meinen ans Herz gewachsenen Verlegern Jürgen Volk und Ansgar Köb bei duotincta, die mir mit meinem Debüt Dezemberfieber vor mehr als drei Jahren den Startschuss als Autor ermöglichten – und immer Verständnis für meine Entscheidung hatten, mir für den nächsten Roman trotz unserer guten Zusammenarbeit eine (übrigens sehr, sehr tolle!) Agentur zu suchen. Es bleiben nicht nur schöne Erinnerungen an gemeinsame Lesungen und Messen, sondern auch echte Freundschaft und Verbundenheit, die Bestand haben werden. Auch wenn ich das natürlich nur schreibe, um mein Anrecht auf Gratisbier am duotincta-Messestand in Leipzig nicht aufs Spiel zu setzen.

Immerhin bleibe ich in der Nachbarschaft: In den letzten beiden Jahren lag der Messestand von Voland & Quist gleich gegenüber. Nach unserem Kontakt in den letzten Wochen bin ich davon überzeugt, dass ich mich in meiner neuen Verlagsfamilie ganz genauso zuhause fühlen werde. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit und darauf, in diesem Jahr endlich wieder erleben zu dürfen, wie aus meinem Manuskript ein Buch wird. Und zwar ein richtig schönes, wenn man die jüngsten Veröffentlichungen meiner neuen Heimat zum Maßstab nimmt. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Matthias Hirth im Gespräch über „Lutra Lutra“

 

hirth_matthias_2015_c_privat_portraetLutra Lutra, im Frühjahr 2016 bei Voland & Quist erschienen, ist ein extremer und kompromissloser Roman, der lange nachwirkt. Nach meiner Rezension im September sprach ich für die kommende Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit Autor Matthias Hirth über die zentralen Themen seines Buches.


Mit 736 Seiten ist Lutra Lutra ein sehr umfangreicher Roman. Wie lange hast du an ihm geschrieben?

Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich schon 1996: Alles begann mit dem Gedanken, dass ein Fahrraddiebstahl einen metaphysischen, sogar spirituellen Aspekt haben kann – später eine wichtige Szene im Roman. Mit Unterbrechungen habe ich etwa zehn Jahre an Lutra Lutra gearbeitet. Mir ist es wichtig, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen und in die Tiefe eines Themas einzutauchen; deshalb ist das Buch so lang geworden. Ich habe viel recherchiert und mit einer Menge Leuten gesprochen, auch habe ich mich über Jahre selber beobachtet und dabei meine eigenen dunklen Wünsche, teilweise sogar mein eigenes Sexualverhalten mitprotokolliert.

In der Danksagung zum Roman nennst du viele Texte, die dich inspiriert haben oder die du zur Recherche brauchtest. Ganz besonders hebst du dabei Dostojewskis Verbrechen & Strafe (bzw. Schuld und Sühne) hervor. Was haben Lutra Lutra und dieser Klassiker gemeinsam?

Am Anfang stand die Idee, dass jemand durch Überschreitung, durch das Brechen von Regeln versucht, zu sich selber zu finden. Dass er auf diese Weise versucht, ohne die Gesellschaft auszukommen – auch ohne die Prägungen durch die Gesellschaft, die er in sich trägt. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich ja dasselbe vorhatte wie Dostojewski, nur umgekehrt aufgebaut. In Verbrechen und Strafe geschieht die Untat, diese Referenztat, in der ein junger Mann seine Außergewöhnlichkeit zu beweisen versucht, gleich zu Beginn. Der Rest des Romans beschäftigt sich mit seinem Umgang mit der Schuld. Bei mir ist es umgekehrt: Es gibt einen sehr langen Entwicklungsgang, bis meine Hauptfigur Fleck zu dieser „befreienden“ Tat bereit ist. Der Umgang mit der Schuld, die ihn schließlich einholt, rückt erst am Ende des Romans in den Vordergrund.

Was treibt Fleck an?

Im Roman geht es um die Lust, Regeln zu brechen, die Lust an der Provokation, die heimliche Lust, Erwartungen seitens der Gesellschaft zu enttäuschen. Besonders junge Männer haben Lust, aus der Reihe zu tanzen, sich auszuprobieren und über die Stränge zu schlagen. Was mir aufgefallen ist: Im Fernsehen kommen ja fast nur noch Krimis. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dabei auch immer ein wenig mit der Untat, die wir selber nicht zu begehen wagen, identifizieren. Mit wohligem Gruseln schauen wir uns an, wie der Verbrecher stellvertretend für uns das Dunkle in uns auslebt. Der Unterhaltungswert von Krimis hat, glaube ich, auch mit unserer eigenen Lust an Überschreitung zu tun. Maxim Biller hat zum Beispiel in einem Interview gesagt, als Jude würde er, wenn er jetzt 15 wäre, Neonazi werden. Warum? Weil er provozieren, sich von den Zwängen der Norm befreien will. Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Aus Angst, überflüssig zu sein und demnächst vielleicht abgeschafft zu werden, müssen wir in der neoliberalen Welt immer funktionieren und uns einordnen. Die Wildheit, die in jedem von uns ist, die Lust, unsere dunkle Seite zu erforschen – dafür bietet die Gesellschaft heutzutage einfach keinen Platz mehr. Und dieser Lust an der dunklen Seite gibt Fleck nach. Er schaut sich die Gesellschaft an und fragt sich: Wo ist sie verkrustet, wo ist sie starr? Und er schaut sich selbst an und überlegt: Wo bin ich selber starr? Und dann versucht er, all dies durch eine krude Befreiungstat zu durchbrechen. Fleck schaut sich die Felder der Überschreitung an, die es in der Gesellschaft gibt: Das sind im Nachtleben der späten Neunziger erst einmal Partys und Drogen. Und natürlich Sex in Form von One-Night-Stands – eine Art erlaubtes Böses. Er lernt eine Künstlergruppe kennen, die Aufmerksamkeit erregen will, indem sie professionell Tabubrüche begeht und die Überschreitung zur Kunst erklärt. Schnell stellt Fleck aber fest, dass diese Menschen auch bloß ihre Position auf dem Kunstmarkt suchen. Also beschließt er, dass er selbst eine Überschreitung wagen muss – und zwar, indem er etwas Böses tut.

Warum glaubt Fleck, eine solche Tat zu brauchen?

Im Buch ist einmal von einem Zeitungsartikel die Rede, in dem ein afrikanisches Ritual für Schamanen beschrieben wird. Sie werden mit einem Toten zusammengebunden – Gesicht an Gesicht, Bauch an Bauch – und in eine Grube versenkt, in der sie es drei Tage aushalten müssen. Erst nach diesen drei Tagen dürfen sie essen, aber nur, wenn sie die Hand des Toten dazu benutzen. Fleck glaubt, dass genau so etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Was hat ein junger Mensch heute noch für ein Initiationsritual? Die Führerscheinprüfung, das Abitur. Was fehlt, ist eine wirkliche Extremsituation, die man aushalten muss – ein Referenzerlebnis, ab dem man erwachsen ist. Diese Art von Situation versucht Fleck, sich selbst zu konstruieren.

Warum war es dir so wichtig, die vielen Sexszenen so explizit zu beschreiben? Ich glaube nicht, dass es dir dabei um einen Tabubruch ging.

Es wird oft gesagt, dass es in dem Roman so wahnsinnig viele Sexszenen gebe. Aber wenn man sie sich genau anschaut, zeigt jede von ihnen eine unterschiedliche Facette von menschlichem Begehren, von Machtverhältnissen. In Sexualität steckt so viel mehr als bloß körperliche Befriedigung; sie verrät schließlich auch, wie sich jemand in der Welt begreift, wie er sein Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Jede Sexszene in Lutra Lutra drückt einen anderen Konflikt aus: Es gibt diese Folge von etwa 30 Sexszenen im Buch, wo ich versuche, die anderen Personen mit ihren verschiedenen Sehnsüchten und Motiven zu beschreiben. Da will jeder etwas anderes von Fleck. Hinter Flecks eigenem sexuellen Vielverbrauch steht dagegen vor allem ein Ermächtigungsversuch: der Körper als Überschreitungsinstrument, auch in der Quantität. Man kann nicht alle ficken, aber man muss es versuchen, denkt er. Aber da gibt es immer noch den anderen, der sein eigenes Motiv hat, und ich hoffe, dass jede Sexszene eine weitere Facette zeigt; ich wollte es wirklich komplett darstellen.

Das Jahr 1999 ist ja ein bisschen der heimliche Star des Romans. Du beschreibst es wie eine ausschweifende Party, die nach dem Jahrtausendwechsel in einen bösen Kater mündet. Warum hast du dich für diesen Zeitraum entschieden?

cover-ausgabe-7Da gibt es zwei Gründe. Erst einmal war 1999 das letzte Jahr der guten alten Zeit: vor der Nemax-Krise, dem Terrorismus und dem großen Sozialabbau. Bevor der Neoliberalismus sich auf alle Lebensfelder ausgebreitet, bevor die Digitalisierung den ganzen Alltag in den Griff genommen hat. Damals konnte man als junger Mensch noch seinen Job hinschmeißen und sich sicher sein, danach einen neuen zu finden. Weil noch nicht so ein Klima der Angst herrschte, konnte man sich noch Luxusprobleme leisten. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass einem, wenn man heute einen aktuellen Roman schreibt, die Zeit viel zu schnell davonläuft. Entweder gehe ich beim Schreiben in die Vergangenheit oder in die Zukunft; die Gegenwart entwickelt sich – vor allem, wenn man so langsam arbeitet wie ich – ganz schnell von einem weg.

Du arbeitest ja schon seit mehreren Jahrzehnten im Kunstbetrieb, warst unter anderem auch als Schauspieler und Regisseur tätig. Hast du den Eindruck, dass es heutzutage als Künstler schwieriger geworden ist?

Früher war es nicht so anstrengend wie heute, das Lebensminimum zusammenzukratzen. Ich komme immer weniger zum Schreiben, weil es schwieriger geworden ist, all den anderen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Künstlergruppe, mit der sich Fleck auseinandersetzt, diskutiert ständig über die Positionen des Künstlers im aufziehenden Neoliberalismus: Wo verortet man sich zwischen Unternehmer, Schmerzensmann und Revolutionär? Die Kunst – nicht nur die Literatur – wird immer weiter an den Rand gedrängt. Zudem ist die Aufmerksamkeitsspanne inzwischen so kurz, dass wohl nur noch wenige Menschen so ein dickes Buch wie Lutra Lutra lesen. Aber: Nichtsdestotrotz würde ich wieder so einen langen Roman schreiben.

Für unsere Tübinger Leser ist sicher nicht ganz uninteressant, dass du schon einmal hier gelebt hast. Was hast du damals in Tübingen gemacht – und wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war ja im vorigen Leben Schauspieler und Mitte der Achtziger ein Jahr lang am LTT beschäftigt. Tübingen war für mich anfangs wie ein großes Heimatmuseum und fast zu provinziell; dann war es aber eine sehr lebendige und interessante Zeit mit netten Leuten. Nach einem Jahr wollte ich gar nicht richtig weg.

Lieber Matthias, ich danke dir für das Gespräch.


Aus: ]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, Ausgabe 7. Das Magazin erscheint Mitte Oktober zur Frankfurter Buchmesse und ist über redaktion@trashpool.net, beim Verlag duotincta sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich (Print: 5 €, Digitalversion 3 €). ISSN: 2191-7957.

Gier. Über „Lutra Lutra“ von Matthias Hirth

lutralutra1999 ist nicht nur das Jahr des Fischotters (Lutra) und das letzte des Jahrtausends. Es ist auch das Jahr, in dem Fleck sein bürgerliches Leben hinter sich lässt und Freiheit im Exzess, in der Maßlosigkeit sucht. Noch vor Kurzem führte Fleck ein normales, geradezu langweiliges Leben. Er hatte einen verhassten Job in der Werbebranche und eine Freundin, die er zwar liebte, aber ständig betrog. Als er nach ihrer Trennung in eine schwere Depression verfällt, bekommt er dank einer Erbschaft jedoch die Chance, sich neu zu erfinden. Es ist ein radikaler Schnitt: Fortan bestimmen Streif- und Beutezüge durch die Nacht seinen Alltag, lebt Fleck seine neu entdeckte Homosexualität in Schwulenbars, SM-Kellern sowie auf Techno- und Fetischpartys aus. Anfangs noch zögerlich und von spielerischer Neugierde angetrieben, wird Fleck mit der Zeit immer gieriger, rücksichtsloser, extremer. Irgendwann sind die vielen Bekanntschaften aus der Szene nur noch Mittel zum Zweck, degradiert zu Variablen in Flecks radikalem Persönlichkeitsexperiment. Er will um jeden Preis ein anderer werden und ist bereit, dafür notfalls über Leichen zu gehen.

Ein Psychopath?

Ganze 736 Seiten lang begleitet Autor Matthias Hirth seinen Protagonisten auf dessen Selbstfindungstrip und diskutiert die Lügen und Brüche einer oberflächlichen Gesellschaft in etlichen Monologen, die er Fleck selbst, aber auch den vielen, mitunter skurrilen Figuren aus dem Nachtleben in den Mund legt. In diesen Passagen weckt Lutra Lutra manchmal Assoziationen an Chuck Palahniuks Tyler Durden aus Fight Club („Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit, alles zu tun“), in seiner Anlage erinnert der Roman aber vor allem an American Psycho von Bret Easton Ellis. Parellelen gibt es viele: das Sezieren einer gesellschaftlichen Szene als Folie für einen bestimmten Zeitgeist. Die immer krasseren Versuche der Protagonisten, ihrer inneren Leere durch Exzess zu entrinnen. Die expliziten, fast nüchternen Beschreibungen von Sex und Gewalt, die sowohl die Figuren als auch den Leser mit der Zeit abstumpfen lassen. Der repetitive Plot und ein Ausbruch aus der Monotonie in einer finalen Eskalation. Dennoch ist Lutra Lutra ein sehr viel geerdeterer Roman. Fleck ist nicht Patrick Bateman. Er schwankt zwischen Gleichgültigkeit, Euphorie und Depression, ist egozentrisch, manipulativ und zu keiner Empathie imstande – die tragische Nebenfigur Meinhard nennt Fleck einen Psychopathen und liegt damit sicher nicht ganz falsch. Trotzdem ist Fleck keine Karikatur, bleibt sein Leiden an sich und der Welt glaubhaft. Denn was Fleck antreibt, ist vor allem eine tief empfundene Schuld gegenüber seiner Exfreundin, die seinetwegen ihr gemeinsames Kind abtreiben ließ.

Die Schuld nach außen tragen

Fleck will frei sein, frei von Schuld und frei von gesellschaftlichen, moralischen Grenzen. Dabei bleibt er stets ambivalent: Will er sich ihrer bloß entledigen, weil ein Gewissen zu lästig und einengend ist? Oder bestraft er sich, weil er glaubt, es nicht verdient zu haben, weiter Mensch zu sein? Als Leser ist man hin und hergerissen zwischen Mitleid, Faszination und Verachtung. Dabei ist Fleck durchaus zu Gefühlen fähig. Nach einer amour fou mit dem Stricher Jenia, der bloß Spielchen mit ihm treibt, erreicht er jedoch seinen point of no return: Fleck will dieselbe Macht über andere, die Jenia über ihn hatte. Erst spät wird ihm klar, dass er diese Macht schon längst besitzt: über seinen braven Exfreund Felix, den er immer wieder ins Leere laufen lässt. Und über den einsamen Verlierer Meinhard, der an seiner unerwiderten Liebe zu beiden zu zerbrechen droht. Doch diese Spielchen reichen Fleck inzwischen nicht mehr aus. Um wirklich frei zu sein, glaubt er, etwas Böses tun zu müssen: einen sinnlosen Akt der Gewalt als Demonstration von wahrer Macht über jemand anderen. Indem er es absichtlich zur Katastrophe kommen lässt, trägt Fleck seine tiefe, aber unsichtbare Schuld nach außen – und setzt damit Ereignisse in Gang, die am Ende des Romans in eine gemeine, fast schadenfreudige Pointe münden. Fleck muss begreifen, dass er seinen Seelenfrieden nur auf eine einzige Weise finden kann: indem er sein Schicksal in die Hände eines anderen legt, ganz gleich, wie dessen Urteil über ihn ausfällt.

Das Platzen der Blase

Lutra Lutra ist ein Roman über Sex und über Macht, im Kern setzt sich Matthias Hirth in ihm aber vor allem mit Schuld in in all ihren Facetten auseinander; nicht umsonst hebt er in seiner Danksagung Dostojewskis Verbrechen und Strafe (bzw. Schuld und Sühne) als zentrale Inspirationsquelle hervor. Im Mittelpunkt steht aber auch der Zeitgeist des ausgehenden Jahrtausends: 1999 war die Welt noch eine andere. Handys waren noch eine Seltenheit und das Internet ein Versprechen. Einen 11. September hätte sich niemand vorstellen können, vielmehr gab man sich nach der Wende noch immer der Hoffnung vom vermeintlichen Ende der Geschichte hin. Hirth beschreibt das Jahr 1999 wie das Ende einer langen und zügellosen Party, über die bereits der Schatten eines bösen Erwachens schwebt. Manchen seiner Figuren legt er pessimistische Vorahnungen über die Welt, in der wir heute leben, in den Mund. Am Schluss herrscht Katerstimmung: Nicht zufällig endet der Roman, als im Frühjahr 2000 die Dotcom-Blase platzt. Flecks ungezügelter Hedonismus, seine Gier nach Sex als Machtinstrument und das Leben von einer Erbschaft, die eines Tages aufgebraucht sein wird: Das alles setzt Matthias Hirth geschickt in Beziehung zu den realen Ereignissen des Handlungsrahmens.

Lutra Lutra ist ein extremer Roman. Die vielen expliziten Schilderungen von Flecks sexuellen Ausschweifungen und die finale Entladung in Gewalt sind nichts für Zartbesaitete. Auch führen die ständigen Eskapaden beim Lesen bisweilen zur Ermüdung. Aber das muss so sein: Nur so ist man imstande, die Monotonie und Leere in Flecks Leben nachzuempfinden, nur so kann sich das Finale des Romans mit voller Wucht entfalten. Diese Kompromisslosigkeit macht Lutra Lutra zu einer manchmal anstrengenden Lektüre. Aber eben auch zu einem außergewöhnlichen und großen Roman, der lange nachwirkt.

[Nachtrag 3.10.2016: Für die siebte Ausgabe von ]trash[pool habe ich ein ausführliches Interview mit Matthias Hirth geführt.]


Lutra Lutra von Matthias Hirth. Erschienen bei Voland & Quist, 736 Seiten, ISBN: 3863911369. Eine weitere, sehr schöne Besprechung des Romans gibt es auch bei Sounds & Books zu lesen.

Notizen 6/16

Dezemberfieber-CoverLeider habe ich noch immer keine Zeit und Muße für eine neue Rezension gefunden – andere bloggen zum Glück deutlich regelmäßiger als ich. So zum Beispiel Constanze Matthes auf Zeichen und Zeiten, der ich eine wunderbare neue Rezension zu Dezemberfieber verdanke: Ein Erstling, der es vermag, den Leser sowohl eng an die Handlung und den Helden zu binden, den man manchmal ob seines abgedrehten Verhaltens einfach mal durchschütteln möchte. Eindrucksvoll gelingt es Frank O. Rudkoffsky zudem, sowohl die Gegensätze, die Stimmung und Reize des asiatischen Landes zu beschreiben, als auch detail- und bilderreich Szenen auszugestalten. Großer Verdienst des Buches ist es allerdings auch, die Aufmerksamkeit auf die Krankheit Depression zu richten. Ein Thema, das in der Öffentlichkeit noch längst nicht angekommen ist und noch immer nicht offen debattiert werden kann. (Hier entlang zu weiteren Stimmen zum Roman.)

Dem Thema Depressionen hat sich unlängst auch Karla Paul auf Buchkolumne gewidmet. In ihrer Literaturliste durch die Dunkelheit, in der sie Romane und Sachbücher über die Krankheit zusammengestellt hat, fand dankenswerterweise auch Dezemberfieber Platz. Eine wichtige und gute Liste, die in Zukunft noch erweitert werden soll. Einen der dort genannten Romane – Olivier Adams An den Rändern der Welt – werde ich in Kürze auch auf meinem Blog vorstellen. Auf das Buch gestoßen bin ich übrigens dank einer sehr schönen Rezension bei Kaffeehaussitzer! Auch in der Liste: Der Planet Trillaphon in seinem Verhältnis zur üblen Sache von David Foster Wallace, das ich im vergangenen Frühjahr besprochen habe.

trashpool7Neues gibt es auch zu ]trash[pool: Auf Logbuch Suhrkamp, dem Blog des Suhrkamp Verlags, werden seit kurzem regelmäßig Literaturzeitschriften vorgestellt – da durften wir natürlich nicht fehlen! In unserem Porträt erzählen wir ein bisschen aus dem Nähkästchen und umreißen nicht nur unser Profil, sondern schildern auch, wie unsere Textauswahl zustande kommt. Vielen Dank an die Redaktion, dass wir uns im Rahmen dieser schönen Reihe vorstellen durften!

Zu guter Letzt noch ein Veranstaltungshinweis: Am Donnerstag, dem 23. Juni, lese ich gemeinsam mit den Autoren Daniel Breuer (duotincta) und Matthias Hirth (Voland & Quist) in Berlin. Mehr Infos zur Lesung im Klub der Republik findet Ihr hier – über ein ein paar bekannte Gesichter im Publikum würde ich mich sehr freuen!