Vom Glück in Zeiten des Krieges. Ein besonderer Schatz aus einem Nachlass (1/3)

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Eine Großmutter, die ihrer Enkelin kurz vor ihrem Tod ein Jahrzehnte altes Geheimnis anvertraut. Eine versteckte Schachtel mit Erinnerungen an die erste große Liebe. Eine tragische und rührende Geschichte vom kurzen Glück in Zeiten des Krieges. Zugegeben: Das klingt wie der Pitch einer so sentimentalen wie sedierenden Mittwochabendschnulze im Öffentlich Rechtlichen, Taschentuchgarantie inklusive. Oder nach einem Roman, den ich auf meinem Blog ganz sicher nicht besprechen würde. Aber manchmal stimmt es eben doch: Das Leben schreibt die besten Geschichten.

Die Großmutter mit der geheimnisvollen Schachtel gab es wirklich, und ihre Enkelin – eine gute Freundin von mir – hat mir die Erlaubnis gegeben, diesen so wertvollen Schatz aus ihrem Nachlass in meinem Blog vorzustellen. Die Briefe, Tagebücher, Zeichnungen und Fotos, die ihre Großmutter so viele Jahrzehnte in dieser Schachtel aufbewahrt hat, sind vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie eine Geschichte erzählen, die ohne weitere Erklärungen auskommt – sie ist so rund und abgeschlossen wie die Handlung eines Romans.

Es war während eines Gesprächs über die Liebe, als die damals bereits verwitwete Großmutter meiner Freundin – nennen wir sie fortan Maria – plötzlich die Schachtel hervorholte und ihr zeigte, was sonst vielleicht noch nie jemand zu Gesicht bekommen hatte: Ihre Erinnerungen an ein kurzes, aber umso intensiveres Glück im Frühling des Jahres 1941. Erinnerungen an einen Mann, den Maria so lange lieben durfte, bis das Schicksal sie trennte. Einen Mann, den sie auch nach über sechzig – zumeist glücklichen – Ehejahren mit einem anderen nie vergessen hatte.

Die meisten Menschen verpassen die wertvolle Chance, ihren Großeltern eines Tages auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist eine Sache, zu begreifen, dass sie einmal genauso waren wie man selbst. Dass ihr Leben einst aus mehr bestanden hat als aus Kaffeekränzchen und Gartenarbeit, ihr Herz einst für mehr geschlagen hat als für das allabendliche, weichgezeichnete Lächeln ihrer Schlageridole. Dass sie einmal leidenschaftlich waren, jung und naiv. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, wenn sich die eigene Oma plötzlich in Rose aus Titanic verwandelt.

Denn: Diesen Jack gab es wirklich. Sein Name war Herbert. Alles, was von ihm und ihrer gemeinsamen Liebe geblieben ist, hat Maria in dieser kleinen Schachtel aufbewahrt. Ihr Kernstück: ein gebundenes Buch, in dem Herbert – ein guter Erzähler mit viel Liebe zum Detail – die wenigen Wochen, die sie gemeinsam verbringen durften, Tag für Tag mit rührend viel Aufwand rekapituliert. Das Buch erzählt eine bewegende Geschichte von kurzem, unschuldigem Glück in Zeiten des Krieges; es ist überdies die vielleicht einzige Erinnerung an einen Menschen, der durch die Zeit gefallen, dem Vergessen anheim gefallen ist. Und mit eben diesem Buch – bzw. großen Teilen davon – nimmt diese Geschichte auch ihren Anfang. 

Teil 1: Herbert

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Das Treffen am 19. September 1941, für das Herbert Maria dieses wunderschöne Buch erstellt hatte, fand niemals statt, auch der zweite Versuch eines Wiedersehens  im Jahr 1942 blieb aus unbekannten Gründen erfolglos. Die traurige Wahrheit ist: An diesem 9. Mai 1941 haben sich Herbert und Maria zum letzten Mal gesehen.

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