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Vorschau auf ]trash[pool Nr. 8

Vorschau-TP8Bis zur Veröffentlichung der 8. Ausgabe von ]trash[pool dauert es zwar leider noch ein wenig, auf den Einband sind wir aber schon jetzt mächtig stolz! Die Collagen im kommenden Magazin verdanken wir allesamt Sebastian Baumer. Und die Texte? Die kommen von: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Han Biao Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf. Außerdem stellt unser Neuzugang im Team, Isabella Caldart, in einem Feature die Geschichte des Tropen Verlags vor und fühlt dafür dem Verleger Michael Zöllner auf den Zahn. Genießt ihr also ruhig den Sommer – wir freuen uns auf den Herbst!

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Heimkehr. Über das Tübinger Bücherfest 2017

IMG_9574Mehr als sieben Jahre habe ich im beschaulichen Tübingen gelebt, am Ende wollte ich aber nur noch weg. Schon nach vier Semestern hatte ich das Gefühl, Furchen in die engen Gassen zu laufen, so klein ist diese Stadt. An all den Postkartenmotiven hat man sich satt gesehen, auch die Kneipen und Restaurants sind längst hundertfach durch. Und weil die Stadt sich mit jedem Semester häutet, fühlt man sich unter den fast dreißigtausend Studierenden irgendwann alt; spätestens, wenn die ersten Kommilitonen einen siezen, fürchtet man, zu einer dieser vielen verschrobenen Tübinger Figuren zu werden, die wie verwirrte Poltergeister in der Uni herumirren und es dadurch zu zweifelhafter Prominenz gebracht haben. Keine Frage: Ich musste da raus. Statt in die große weite Welt zog es mich 2009 allerdings dann doch bloß nach Stuttgart. Und die Verbindung nach Tübingen? Blieb bestehen, und zwar aus Liebe zur Literatur. Da sind zum einen die Freunde und Bekannten aus den Schreibseminaren am SLT, dem Studio Literatur und Theater, mit denen ich bis heute Kontakt halte. Zum anderen ist da die Literaturzeitschrift ]trash[pool, deren Redaktion ich seit 2011 angehöre. Mit jeder Ausgabe und Lesung kehrte ich lieber in meine alte Studentenstadt zurück. Tübingen und ich, wir brauchten ein bisschen Abstand voneinander. Aber auf einmal hatte ich wieder Augen für die Schönheit dieser Stadt, sehnte mich nach ihrer kulturellen Vielfalt und warmen Sommerabenden am Neckar zurück. Inzwischen freue mich also längst über Gründe, mal wieder heimzukehren – und einen besseren als das Tübinger Bücherfest, sogar mit eigener Lesung, kann es eigentlich kaum geben.

Samstag

Auch im zehnten Jubiläum bot das Tübinger Bücherfest wieder ein abwechslungsreiches und hochkarätiges Programm – schwer, sich da zu entscheiden, wenn man nur wenige Lesungen besuchen kann. Mittags um eins zog Takis Würger gegen Fatma Aydemir den Kürzeren. Im Pfleghof las die Karlsruher Autorin aus ihrem Debütroman Ellbogen. Die brauchte man auch, um sich bei knapp 30 Grad einen der begehrten Schattenplätze zu sichern. Eine Coming of age-Geschichte mit Migrationshintergrund, in der sich der Frust irgendwann in Gewalt entlädt: Die Rezensionen, die ich zu dem Roman kannte, hatten mich neugierig gemacht (diese oder jene z.B.). Während der ersten Textstellen, die Aydemir las, vermisste ich jedoch ein bisschen die Wut und das Rotzige, fand die Sprache sogar überraschend brav. In der entscheidenden Szene wurde der Text dann aber spürbar intensiver und deckte sich mit meinen Erwartungen. Eine willkommene Auflockerung dagegen war Aydemirs Frage an die Gebärdendolmetscherin, wie sie denn eben das Wort Opfernutte übersetzt habe. Angesichts der politischen Entwicklung der Türkei rückte die zweite Hälfte von Ellbogen, als die Protagonistin Hazal alleine nach Istanbul zieht, nun umso stärker in den Fokus. Fatma Aydemir verbrachte während der vergangenen Jahre – zuletzt sechs Monate im Jahr 2016 – jeden Sommer in Istanbul. Am Ende der Lesung sprach sie von den ersten wahrnehmbaren Anzeichen der Veränderung, die auch Eingang in den Roman gefunden haben.

Nach der Lesung im Pfleghof stand ich vor einer kontrastreichen Entscheidung: Wollte ich Philipp Winkler aus Hool lesen hören – oder den allzu braven Benedict Wells aus Vom Ende der Einsamkeit? Spontan entschied ich mich zur Konfrontationstherapie. Wenn sich Arachnophobiker Vogelspinnen über die Arme laufen lassen können und Menschen mit Flugangst den Fallschirmsprung wagen, werde ich ja wohl noch eine Lesung von Benedict Wells überstehen. Dabei kann er ja gar nichts für meine innere Abwehrhaltung, dieser freundliche junge Mann. Es war einfach zu viel, damals, als der Roman erschien. Plötzlich war Benedict Wells überall. Nicht nur in den Blogs. Auch auf der Leipziger Buchmesse 2016 gab es keine Wand, keine Säule, keine Tür, die nicht mit seinem hübschen Konterfei tapeziert worden wäre. Überall und ständig sah er mich an, dieser perfekte Schwiegersohn zwischen Florian Silbereisen und Jared Kushner. Er selbst muss sich auf der Messe gefühlt haben wie in einem Spiegelkabinett. Im Frühjahr 2016 habe ich Benedict Wells so oft gesehen, dass ich sein Gesicht sogar in Wolken wiedererkannte. Oder auf geröstetem Toast. Obwohl Blogger, deren Meinung ich sehr schätze, viel von seinen Büchern halten (zum Beispiel dieser oder jener), hatte ich deshalb bislang einfach wenig Lust auf sie. Bis zu seiner Lesung jedenfalls.

Vom Ende der Einsamkeit – das kann man auch doppeldeutig verstehen: Wo Benedict Wells ist, da ist es nämlich voll. Zu Beginn seiner Lesung hieß es, noch nie sei eine Veranstaltung des Bücherfests so gut besucht gewesen. Der Autor selbst gab sich demütig und machte ein Foto vom Publikum. Rockstargeste, dachte ich da noch. Als nächstes würde er ins Mikro rufen: Danke Hannover, ihr seid die Geilsten! Aber den Gefallen tat er mir als neidischen Jungautor natürlich nicht. Stattdessen war Benedict Wells genau so, wie ihn alle immer beschrieben hatten: nett. Sehr sogar. Dass er sein eigenes Buch vergessen und sich eines aus dem Publikum lieh, hätte sicher auch wieder so eine einstudierte Geste sein können. Aber selbst wenn: Wenig später entschuldigte er sich grinsend dafür, auf dem geliehenen Buch gerade eine Fliege erschlagen zu haben. Seine Lesung war im besten Sinne souverän und bodenständig. Ohne Spur von Arroganz sprach Wells von seinen Schwierigkeiten beim Schreiben und den sieben Jahren, die er für Vom Ende der Einsamkeit brauchte. Sprachlich hinterließen die gelesenen Textstellen zwar keinen besonders großen Eindruck bei mir, neugierig machten mich dagegen aber die gelungene Figurenzeichnung und der sich über mehr als dreißig Jahre erstreckende Plot. Ich gebe mich also geschlagen und werde das Buch sicher irgendwann lesen. Und Benedict Wells? Nun, wer Pink Moon von Nick Drake in seinem Roman erwähnt, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Isso.

Sonntag

An meinem zweiten Tag auf dem Bücherfest verbrachte ich erst einmal ein bisschen Zeit bei der offenen Lesebühne Poet’s Corner, die von meinem ]trash[pool-Kollegen Tibor Schneider moderiert wurde. Natürlich lasen dort an beiden Tagen auch einige Autorinnen aus unserer Zeitschrift: zum Beispiel Andrea Mittag und Sara Hauser aus Ausgabe 7 sowie Lucia Leidenfrost, Elisa Weinkötz und Jasmin Mayerl aus der kommenden Ausgabe 8. Auch ich las im schönen Hölderlingarten erstmals einige Seiten aus meinem aktuellen Manuskript, bevor ich zur nächsten Veranstaltung musste. Im Musuem stellte Jonas Lüscher seinen Roman Kraft vor, den ich in der kommenden Ausgabe des Magazins der Büchergilde bespreche. Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern eines Tübinger Rhetorikprofessors im Silicon Valley, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen: Jonas Lüscher ist ein großartiger Roman gelungen, der für mich eindeutig ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises ist. Seine Lesung musste ich dennoch bereits nach einer halben Stunde verlassen – und zwar für meine eigene.

Nach kurzen Kostproben im Poet’s Corner fand die eigentliche Jungfernfahrt meines nächsten Romans (den ich im Sommer fertigstellen werde) auf dem Neckar statt. Eine schöne Idee: Im Stundentakt lasen während des Bücherfests Autoren und Autorinnen auf traditionellen Stocherkähnen aus ihren Texten. Eine dreiviertel Stunde auf dem Neckar aus meinem neuen Manuskript lesen zu dürfen: Das war nicht nur dank der malerischen Kulisse etwas ganz Besonderes für mich. Hier schloss sich für mich ein Kreis – und etwas Neues begann. 2009 habe ich in Tübingen erstmals aus meinen Texten gelesen, und zwar den Anfang von Dezemberfieber. Beim Tübinger Bücherfest 2017 las ich nun tatsächlich zum allerersten Mal aus einem anderen Roman als meinem Debüt, entsprechend groß war meine Nervosität. Dass unter den Zuhörern auch zwei Damen waren, die mich schon im Hölderlingarten lesen sahen und dabei neugierig auf den Roman geworden sind, war deshalb schon einmal ein beruhigendes Signal. Fliehen konnten die Gäste vom Stocherkahn zwar nicht, das Angebot, mich bei Nichtgefallen über Bord zu werfen, nahmen sie zum Glück aber auch nicht wahr. Ebenfalls ein gutes Zeichen: Es machte Spaß, aus meinem neuen Roman zu lesen – sehr sogar!

Parallel zu mir stellte Jan Snela auf einem zweiten Stocherkahn Erzählungen aus Milchgesicht vor, von denen manche bereits während unserer gemeinsamen Zeit am SLT entstanden. Das anschließende Essengehen mit gemeinsamen Freunden aus dem SLT war somit der perfekte Abschluss für eine gelungene Heimkehr und ein schönes Bücherfestwochenende. Next stop on memory lane: Prosanova in Hildesheim!

Auswahl für ]trash[pool #8

Unbenannt-1Zugegeben: Wir haben uns diesmal etwas Zeit gelassen – aber was schickt ihr uns auch so viele gute Texte, dass wir uns erst einmal Verstärkung in die Redaktion holen müssen? Gemeinsam mit unserem Neuzugang, Isabella Caldart von Novellieren, haben wir nun aber endlich unsere Auswahl getroffen.

Freut euch in ]trash[pool #8 auf großartige Beiträge von: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf.

Ausgabe 8 von ]trash[pool wird im Herbst dieses Jahres erscheinen. Die bisherigen Ausgaben könnt ihr unter redaktion@trashpool.net oder als Digitalversion bei unserem Partner duotincta bestellen. Vielen Dank für die vielen Einsendungen!

Konservierte Erinnerungen. Über „Mir ist die Zunge so schwer“ von Lucia Leidenfrost

IMG_7940Bei aller Präzision – wer verlorene Zeit messen möchte, kommt mit Uhren und Kalendern, mit Tagen, Monaten und Jahren nicht weiter. Verlorene Zeit misst man nämlich am besten in Einmachgläsern: „Wir haben noch zwanzig Marillenwochen und sechzehn Erdbeer-, zwei Dirndl- und achtzig Honigwochen“, heißt es in Goldene Zeiten. Die letzte Erzählung von Lucia Leidenfrosts Debüt ist so programmatisch für das ganze Buch, dass sie genauso gut an dessen Anfang stehen könnte. Den Hinterbliebenen einer Familie gehen langsam, aber sicher die vermachten Einmachgläser zuneige – und mit ihnen das Wissen der vorigen Generationen: „Liebe Mutter, wir haben vergessen, wie es ist, wenn das Gras zum Trocknen ausgebreitet und auf den Hüfeln aufgehängt wird, wie man überhaupt Hüfeln baut. Wir haben vergessen, wie viele Samen wir aufheben müssten, um im nächsten Sommer genug ernten zu können. Du hast immer gesagt, was man hat, hat man, aber wir haben alles vergessen. Nicht, dass du jetzt denkst, dass es uns schlecht geht, es geht uns gut, nur, dass wir so vieles nicht mehr wissen, jetzt, wo der Großvater und der Vater tot sind.“

Geschichten wie Einmachgläser

Im Mittelpunkt der Erzählungen von Mir ist die Zunge so schwer stehen zumeist Menschen am Ende ihres Lebens und ihrer Kräfte, Menschen, deren Gegenwart längst an Gewicht und Klarheit verloren hat. Umso mehr Raum nimmt die Vergangenheit im Österreich der Dreißiger und Vierziger ein, als die Kriegsjahre ihren Alltag prägten. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt Lucia Leidenfrost die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, verlieren sich ihre Stimmen im Strom der Geschichte: Man muss ihnen zuhören, solange man noch kann. In ihren Erzählungen lässt die Autorin sie ein letztes Mal zu Wort kommen. Ohne Pathos oder erhobenen Zeigefinger schaut sie einfachen Menschen aus der österreichischen Provinz in die Köpfe und auf den Mund; sie bleibt dabei stets ganz nah an den Figuren, erlaubt sich keinerlei erzählerische oder historische Distanz – und das ist es, was den Ton von Mir ist die Zunge so schwer so einzigartig macht.

Im Fokus der Erzählungen stehen keine großen geschichtlichen Ereignisse, sondern das Alltägliche, das Zwischenmenschliche. Die Figuren sind gefangen in den Nöten und Zwängen ihrer Zeit, versuchen nichts weiter, als angesichts familiärer, gesellschaftlicher oder politischer Konflikte und Widerstände irgendwie über die Runden zu kommen. Die Moral kann da schon mal auf der Strecke bleiben – Opportunisten und Opfer trennt manchmal nicht mehr als eine einzige Entscheidung voneinander. Die Strategien der Verweigerung und Anpassung sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen Leidenfrost erzählt: Manche verlieren ihre Sprache, andere ihr Gehör; einer versteckt seine eigenen Kinder, schreckt aber nicht vor dem Verrat von Nachbarn zurück; die einen fliehen, während andere zurückbleiben müssen. Allen gemein ist jedoch das Schweigen über ihre Schuld und ihr Wegschauen, über die Schrecken, deren Zeugen sie wurden – ein Schweigen, das, obwohl es die Nachkriegsgeneration zu brechen versuchte, für immer eine große Leerstelle in der Geschichte bleiben wird. All die Menschen, die damals angeblich nichts gewusst haben: In Mir ist die Zunge so schwer bringt Lucia Leidenfrost sie glaubwürdig und einfühlsam zum Sprechen, und das macht ihr Debüt zu einem wirklich besonderen Buch.


Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer. 192 Seiten. Erschienen bei Kremayr & Scheriau. Zu meinem ausführlichen Interview mit der Autorin geht es hier entlang!

Call for Papers: ]trash[pool #8

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Wir suchen Texte und Bilder für die achte Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen wird! Alle wichtigen Infos zu Einsendungen findet ihr hier. Schickt uns eure Beiträge bis zum 15. Februar an redaktion@trashpool.net – wir sind gespannt!

]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Matthias Hirth im Gespräch über „Lutra Lutra“

 

hirth_matthias_2015_c_privat_portraetLutra Lutra, im Frühjahr 2016 bei Voland & Quist erschienen, ist ein extremer und kompromissloser Roman, der lange nachwirkt. Nach meiner Rezension im September sprach ich für die kommende Ausgabe von ]trash[pool, die zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit Autor Matthias Hirth über die zentralen Themen seines Buches.


Mit 736 Seiten ist Lutra Lutra ein sehr umfangreicher Roman. Wie lange hast du an ihm geschrieben?

Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich schon 1996: Alles begann mit dem Gedanken, dass ein Fahrraddiebstahl einen metaphysischen, sogar spirituellen Aspekt haben kann – später eine wichtige Szene im Roman. Mit Unterbrechungen habe ich etwa zehn Jahre an Lutra Lutra gearbeitet. Mir ist es wichtig, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen und in die Tiefe eines Themas einzutauchen; deshalb ist das Buch so lang geworden. Ich habe viel recherchiert und mit einer Menge Leuten gesprochen, auch habe ich mich über Jahre selber beobachtet und dabei meine eigenen dunklen Wünsche, teilweise sogar mein eigenes Sexualverhalten mitprotokolliert.

In der Danksagung zum Roman nennst du viele Texte, die dich inspiriert haben oder die du zur Recherche brauchtest. Ganz besonders hebst du dabei Dostojewskis Verbrechen & Strafe (bzw. Schuld und Sühne) hervor. Was haben Lutra Lutra und dieser Klassiker gemeinsam?

Am Anfang stand die Idee, dass jemand durch Überschreitung, durch das Brechen von Regeln versucht, zu sich selber zu finden. Dass er auf diese Weise versucht, ohne die Gesellschaft auszukommen – auch ohne die Prägungen durch die Gesellschaft, die er in sich trägt. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich ja dasselbe vorhatte wie Dostojewski, nur umgekehrt aufgebaut. In Verbrechen und Strafe geschieht die Untat, diese Referenztat, in der ein junger Mann seine Außergewöhnlichkeit zu beweisen versucht, gleich zu Beginn. Der Rest des Romans beschäftigt sich mit seinem Umgang mit der Schuld. Bei mir ist es umgekehrt: Es gibt einen sehr langen Entwicklungsgang, bis meine Hauptfigur Fleck zu dieser „befreienden“ Tat bereit ist. Der Umgang mit der Schuld, die ihn schließlich einholt, rückt erst am Ende des Romans in den Vordergrund.

Was treibt Fleck an?

Im Roman geht es um die Lust, Regeln zu brechen, die Lust an der Provokation, die heimliche Lust, Erwartungen seitens der Gesellschaft zu enttäuschen. Besonders junge Männer haben Lust, aus der Reihe zu tanzen, sich auszuprobieren und über die Stränge zu schlagen. Was mir aufgefallen ist: Im Fernsehen kommen ja fast nur noch Krimis. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dabei auch immer ein wenig mit der Untat, die wir selber nicht zu begehen wagen, identifizieren. Mit wohligem Gruseln schauen wir uns an, wie der Verbrecher stellvertretend für uns das Dunkle in uns auslebt. Der Unterhaltungswert von Krimis hat, glaube ich, auch mit unserer eigenen Lust an Überschreitung zu tun. Maxim Biller hat zum Beispiel in einem Interview gesagt, als Jude würde er, wenn er jetzt 15 wäre, Neonazi werden. Warum? Weil er provozieren, sich von den Zwängen der Norm befreien will. Welchen Platz hat das Wilde in unserer Gesellschaft? Aus Angst, überflüssig zu sein und demnächst vielleicht abgeschafft zu werden, müssen wir in der neoliberalen Welt immer funktionieren und uns einordnen. Die Wildheit, die in jedem von uns ist, die Lust, unsere dunkle Seite zu erforschen – dafür bietet die Gesellschaft heutzutage einfach keinen Platz mehr. Und dieser Lust an der dunklen Seite gibt Fleck nach. Er schaut sich die Gesellschaft an und fragt sich: Wo ist sie verkrustet, wo ist sie starr? Und er schaut sich selbst an und überlegt: Wo bin ich selber starr? Und dann versucht er, all dies durch eine krude Befreiungstat zu durchbrechen. Fleck schaut sich die Felder der Überschreitung an, die es in der Gesellschaft gibt: Das sind im Nachtleben der späten Neunziger erst einmal Partys und Drogen. Und natürlich Sex in Form von One-Night-Stands – eine Art erlaubtes Böses. Er lernt eine Künstlergruppe kennen, die Aufmerksamkeit erregen will, indem sie professionell Tabubrüche begeht und die Überschreitung zur Kunst erklärt. Schnell stellt Fleck aber fest, dass diese Menschen auch bloß ihre Position auf dem Kunstmarkt suchen. Also beschließt er, dass er selbst eine Überschreitung wagen muss – und zwar, indem er etwas Böses tut.

Warum glaubt Fleck, eine solche Tat zu brauchen?

Im Buch ist einmal von einem Zeitungsartikel die Rede, in dem ein afrikanisches Ritual für Schamanen beschrieben wird. Sie werden mit einem Toten zusammengebunden – Gesicht an Gesicht, Bauch an Bauch – und in eine Grube versenkt, in der sie es drei Tage aushalten müssen. Erst nach diesen drei Tagen dürfen sie essen, aber nur, wenn sie die Hand des Toten dazu benutzen. Fleck glaubt, dass genau so etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Was hat ein junger Mensch heute noch für ein Initiationsritual? Die Führerscheinprüfung, das Abitur. Was fehlt, ist eine wirkliche Extremsituation, die man aushalten muss – ein Referenzerlebnis, ab dem man erwachsen ist. Diese Art von Situation versucht Fleck, sich selbst zu konstruieren.

Warum war es dir so wichtig, die vielen Sexszenen so explizit zu beschreiben? Ich glaube nicht, dass es dir dabei um einen Tabubruch ging.

Es wird oft gesagt, dass es in dem Roman so wahnsinnig viele Sexszenen gebe. Aber wenn man sie sich genau anschaut, zeigt jede von ihnen eine unterschiedliche Facette von menschlichem Begehren, von Machtverhältnissen. In Sexualität steckt so viel mehr als bloß körperliche Befriedigung; sie verrät schließlich auch, wie sich jemand in der Welt begreift, wie er sein Verhältnis zu anderen Menschen sieht. Jede Sexszene in Lutra Lutra drückt einen anderen Konflikt aus: Es gibt diese Folge von etwa 30 Sexszenen im Buch, wo ich versuche, die anderen Personen mit ihren verschiedenen Sehnsüchten und Motiven zu beschreiben. Da will jeder etwas anderes von Fleck. Hinter Flecks eigenem sexuellen Vielverbrauch steht dagegen vor allem ein Ermächtigungsversuch: der Körper als Überschreitungsinstrument, auch in der Quantität. Man kann nicht alle ficken, aber man muss es versuchen, denkt er. Aber da gibt es immer noch den anderen, der sein eigenes Motiv hat, und ich hoffe, dass jede Sexszene eine weitere Facette zeigt; ich wollte es wirklich komplett darstellen.

Das Jahr 1999 ist ja ein bisschen der heimliche Star des Romans. Du beschreibst es wie eine ausschweifende Party, die nach dem Jahrtausendwechsel in einen bösen Kater mündet. Warum hast du dich für diesen Zeitraum entschieden?

cover-ausgabe-7Da gibt es zwei Gründe. Erst einmal war 1999 das letzte Jahr der guten alten Zeit: vor der Nemax-Krise, dem Terrorismus und dem großen Sozialabbau. Bevor der Neoliberalismus sich auf alle Lebensfelder ausgebreitet, bevor die Digitalisierung den ganzen Alltag in den Griff genommen hat. Damals konnte man als junger Mensch noch seinen Job hinschmeißen und sich sicher sein, danach einen neuen zu finden. Weil noch nicht so ein Klima der Angst herrschte, konnte man sich noch Luxusprobleme leisten. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass einem, wenn man heute einen aktuellen Roman schreibt, die Zeit viel zu schnell davonläuft. Entweder gehe ich beim Schreiben in die Vergangenheit oder in die Zukunft; die Gegenwart entwickelt sich – vor allem, wenn man so langsam arbeitet wie ich – ganz schnell von einem weg.

Du arbeitest ja schon seit mehreren Jahrzehnten im Kunstbetrieb, warst unter anderem auch als Schauspieler und Regisseur tätig. Hast du den Eindruck, dass es heutzutage als Künstler schwieriger geworden ist?

Früher war es nicht so anstrengend wie heute, das Lebensminimum zusammenzukratzen. Ich komme immer weniger zum Schreiben, weil es schwieriger geworden ist, all den anderen Verpflichtungen nachzukommen. Auch die Künstlergruppe, mit der sich Fleck auseinandersetzt, diskutiert ständig über die Positionen des Künstlers im aufziehenden Neoliberalismus: Wo verortet man sich zwischen Unternehmer, Schmerzensmann und Revolutionär? Die Kunst – nicht nur die Literatur – wird immer weiter an den Rand gedrängt. Zudem ist die Aufmerksamkeitsspanne inzwischen so kurz, dass wohl nur noch wenige Menschen so ein dickes Buch wie Lutra Lutra lesen. Aber: Nichtsdestotrotz würde ich wieder so einen langen Roman schreiben.

Für unsere Tübinger Leser ist sicher nicht ganz uninteressant, dass du schon einmal hier gelebt hast. Was hast du damals in Tübingen gemacht – und wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war ja im vorigen Leben Schauspieler und Mitte der Achtziger ein Jahr lang am LTT beschäftigt. Tübingen war für mich anfangs wie ein großes Heimatmuseum und fast zu provinziell; dann war es aber eine sehr lebendige und interessante Zeit mit netten Leuten. Nach einem Jahr wollte ich gar nicht richtig weg.

Lieber Matthias, ich danke dir für das Gespräch.


Aus: ]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, Ausgabe 7. Das Magazin erscheint Mitte Oktober zur Frankfurter Buchmesse und ist über redaktion@trashpool.net, beim Verlag duotincta sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich (Print: 5 €, Digitalversion 3 €). ISSN: 2191-7957.