Blogbuster

„Dann geht es mir wieder wie Agnes: Ich staune.“ Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler im Gespräch.

Postkarten an UnterstützerLetzte Woche habe ich Mirjam Ziegler für den Blogbuster-Preis 2018 nominiert und ihren Longlist-Titel Die Federn meiner Mutter ausführlich besprochen. Nun möchte ich die Autorin endlich selbst zu Wort kommen lassen – und habe sie zur außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte ihres Romans befragt.

Liebe Mirjam, wie ist damals in Tübingen der Anfang zum Roman entstanden?

Die Idee hatte ich eigentlich schon 2010 während meines Auslandsjahrs, doch beim ersten Schreibversuch merkte ich schnell, dass mir da das Handwerkszeug fehlte. Zurück in Tübingen konnte ich glücklicherweise am Studio Literatur und Theater viel lernen; zunächst übte ich mich in kürzeren Formen. Parallel entwickelte ich die Romanidee weiter, und als ich dann endlich einen funktionierenden Anfang gefunden hatte, schrieb ich in meiner Kino-Mittagspause in einem italienischen Café – jeden Tag ein paar Sätze, oder auch nur ein paar Wörter, oder auch gar keines. Das Wichtige war dranzubleiben. Die ersten beiden Kapitel waren auch meine Abschlussarbeit für das Zertifikat am SLT.

Den Großteil des Romans hast du allerdings nicht in Tübingen geschrieben, sondern unterwegs – und zwar auf derselben Reiseroute wie der von Agnes. Wie kamst du auf diese Idee und den Einfall, dir deine sechsmonatige Romanreise per Crowdfunding zu finanzieren?

In Tübingen wäre ich nicht auf so eine abwegige Idee gekommen. Das war in Phnom Penh, ich couchsurfte bei einem Holländer, der schon CouchSurfing machte, bevor dieses Konzept existierte, und sich generell nicht darum scherte, was normal ist. Zur Rush Hour auf einem Moto schien mir mitten im verrückten Verkehr wohl plötzlich alles möglich. Da war die Idee zum Crowdfunding-Projekt: So könnte ich meinen Roman fertig schreiben, bevor ich wieder Arbeit suchen muss. In einem halben Jahr und ohne Rücklagen. Noch in Kambodscha begann ich zu planen, nachts auf dem Balkon eines Hostels schickte ich Rundmails. Antworten aus Europa: „Das ist unmöglich.“ „Ich mach mir Sorgen um dich.“ Und: „Ich habe zwei Lesungen für dich organisiert.“ „Du kannst bei mir bleiben, solange du willst!“ Ursprünglich dachte ich, ich würde die Route hauptsächlich durch CouchSurfing abdecken, doch das war nicht nötig. Von überall her kamen die Einladungen, von Freunden, Bekannten und Unbekannten. Gerade von Filmleuten kam viel Unterstützung – die sind ja daran gewöhnt, entgegen der Wahrscheinlichkeit zu arbeiten.

Ich stelle mir das einerseits spannend, andererseits aber auch schwierig vor: Du siehst interessante Länder und Städte, lernst neue Leute kennen, bist bei Freunden zu Gast. Hattest du während der Reise so etwas wie einen Arbeitsalltag?

Tatsächlich ja, weil ich öffentlich angekündigt hatte, dass ich reise, um zu schreiben, und dafür Geld bekommen hatte. Das hat einerseits den nötigen Druck in mir erzeugt, etwas zustande zu bekommen, und andererseits wollten die Gastgeber auch nichts anderes von mir, als dass ich schreibe – alle Angebote, im Haushalt oder sonstwie zu helfen, haben sie ausgeschlagen. Nur kochen durfte ich! Bei den meisten war ich für zwei Wochen, und ich passte mich an ihren Arbeitsalltag an. Wenn meine Gastgeber sich an die Arbeit machten, setzte ich mich an den Schreibtisch – oder Küchentisch, Gartentisch… Aber natürlich gab es überall auch Erkundungstage. (mehr …)

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Rabenmutter. Über „Die Federn meiner Mutter“ von Blogbuster-Kandidatin Mirjam Ziegler

Mirjam Ziegler - Die Federn meiner Mutter - BlogbusterEigentlich ist für Agnes alles klar. Mit dem Jurastudium in der schwäbischen Provinz steht ihr eine solide Zukunft mit ihrem Freund und Kommilitonen Florian bevor. Ein bürgerliches Familienleben mit Kinderzimmern und Doppelgarage, in dem sie alles richtig macht, was ihre eigene Mutter einst falsch machte. Klar ist Agnes nämlich auch, was für ein Mensch diese Magdalena Blau ist: eine selbstsüchtige Egozentrikerin. Und eine Rabenmutter. Immer wieder ließ sie Agnes und ihren Vater im Stich, verschwand während ihrer Kindheit manchmal für ganze Jahre ins Ausland, nur um dann wieder unvermittelt vor der Tür zu stehen, ehe sie die Familie kurz darauf erneut enttäuschte. Schließlich blieb sie ganz weg und fing ein neues Leben als Künstlerin in Paris an. So will Agnes nicht werden. Sie gibt ihre eigenen Ambitionen, Fotografin zu werden, zugunsten eines solideren Plans auf und entscheidet sich stattdessen für Jura und Florian. Für ein zufriedenes Leben, ganz ohne den Pathos ihrer Mutter und den leidenden Blick ihres Vaters. All das will Agnes ein für alle Mal hinter sich lassen. Jedenfalls bis zu diesem Anruf.

Ob sie zufällig wisse, wo ihre Mutter sei? Magdalena sei nämlich verschwunden. Nach dem Anruf ihres Lebensgefährten Richard brechen in Agnes die alten Wunden wieder auf. Ihre Mutter hat es wieder getan, wieder hat sie einen Menschen enttäuscht und ratlos zurückgelassen. Die lange verdrängten Fragen lassen Agnes keine Ruhe mehr: Warum hat sie ihre Familie immer wieder im Stich gelassen? Wo war sie all die Jahre – und bei wem? Agnes fasst einen Plan: Sie will ihre Mutter finden und sie endlich zur Rede stellen. Also meldet sie sich in der Kanzlei, in der sie gerade ein wichtiges Praktikum absolviert, krank und bricht kurzerhand nach Paris auf – ohne zu ahnen, wie sehr diese Reise sie verändern wird.

Auf den Spuren einer Amour Fou

Aber Magdalena ist nicht in Paris. Im Atelier findet Agnes nur Hinweise zu ihrem früheren, ihrem geheimen Leben: verstörende Gemälde aus einer anderen Schaffensphase, die weitaus ambitionierter sind als alle, die Agnes bisher von ihr kannte, sowie Briefe, die Rückschlüsse auf alte Liebschaften zulassen. Besonders mit einem Mann schien Magdalena über Jahrzehnte eine komplexe Amour fou zu verbinden: Offenbar war es dieser Künstler Narciso, zu dem Agnes‘ Mutter auch nach ihrer Geburt immer wieder zurückkehren musste. Die wenigen Spuren führen nach Barcelona. Spontan entscheidet sich Agnes, dort weiterzusuchen – koste es, was es wolle.

Über Magdalenas Gegenwart findet Agnes in Barcelona nur wenig heraus, ihre Vergangenheit hat sie dagegen immer klarer vor Augen: In den Siebzigern führte sie dort ein wildes, ein freies Leben, das von künstlerischem Idealismus und einer Aufbruchsstimmung während politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen geprägt war. Noch mehr als über ihre Mutter lernt Agnes aber über sich selbst: Sie ist dieser ihr so fremden Magdalena Blau weitaus ähnlicher, als sie das lange wahrhaben wollte. Allmählich findet sie Gefallen am ausgelassenen Leben in der internationalen Studenten-WG, in der sie untergekommen ist, einem Leben, das ganz anders ist als jenes, das sie mit dem braven Florian in Deutschland führt. Während Agnes ihre Leidenschaft für die Fotografie wiederentdeckt und sich immer mehr in Barcelona verliebt, rückt das Ziel, ihre Mutter zu finden, genauso in den Hintergrund wie der Gedanke an Florian – woran auch die Avancen des spanischen Fotografen Joan nicht ganz unschuldig sind. Erst als sie eine Spur zu Narciso führt, jener großen, aber schmerzhaften Liebe, von der ihre Mutter offenbar nie ganz lassen konnte, nimmt ihre Suche endlich wieder Fahrt auf. Ausgerechnet dann steht plötzlich Florian vor der Tür. Weil sie auch nach Wochen noch nicht zurückgekehrt ist, will er sie zur Vernunft zu bringen – und zwingt Agnes damit zu einer Entscheidung.

„Es sind so viele Leben möglich.“

Natürlich ist Barcelona nicht die letzte Station in Die Federn meiner Mutter: Genau wie ihre Protagonistin Agnes ist Mirjam Ziegler auf ihrer Romanreise, die sie sich per Crowdfunding finanzierte, weiter nach Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien gezogen, um ihre Roadnovel genau dort zu schreiben, wo sie auch spielt. Und das spürt man. Mit lebhaften Beschreibungen und anschaulichen Details fängt Mirjam Ziegler die Atmosphäre der vielen Schauplätze perfekt ein und löst damit beim Lesen dieselbe Reiselust aus, die auch Agnes erfasst hat – am liebsten würde man dasselbe machen wie sie: einfach den Rucksack packen, blau machen und ohne festes Ziel losfahren. Die Federn meiner Mutter ist aber nicht nur ein Reise-, sondern zugleich auch ein Familien- und Coming-of-age-Roman. Und natürlich ist das nicht neu: Figuren, die sich erst verlieren müssen, um sich zu finden, gibt es in Film und Literatur zuhauf. Auch Mirjam Ziegler hat hier das Rad nicht neu erfunden, nichts an ihrem Roman zeugt von der Bestrebung, vertraute Muster aufzubrechen oder Neues zu wagen. Man kann ihr das zum Vorwurf machen. Allerdings hat es ja einen Grund, warum manche Geschichten wieder und wieder erzählt werden und warum sie es trotzdem weiter schaffen, Menschen zu berühren. Die Federn meiner Mutter ist ein menschlicher und emphatischer Roman, der einerseits zu unterhalten weiß, sich andererseits aber mit ganz grundsätzlichen Fragen auseinandersetzt, die sich jeder im Laufe seines Lebens immer wieder stellen muss: Führe ich das richtige Leben, das einzig mögliche? Oder gäbe es auch andere Leben, die mich glücklicher machen könnten? Aber auch: Welche Verantwortung habe ich für das Glück anderer?

Straffen und verdichten

Wer glaubt, dass Manuskripte vom Schreibtisch ohne Umweg in den Druck gehen können, unterschätzt allerdings die Bedeutung eines guten Lektorats. Auch Mirjam Zieglers Roman hat trotz unbestreitbarer Stärken seine Schwächen, die gerade für Debüts nicht ganz untypisch sind. Zum einen ist Die Federn meiner Mutter zu lang geraten: Es würde dem Roman gut tun, ihn an einigen Stellen zu straffen und zu verdichten. Auch nimmt Agnes als Figur dem Leser manchmal zu viel Denkarbeit ab, indem sie dazu neigt, sich selbst ständig zu deuten. Das erzeugt auf Dauer nicht nur eine gewisse Redundanz, sondern nimmt einem als Leser auch den Raum, die Dinge selber einzuordnen – und vielleicht sogar zu ganz anderen Schlüssen zu kommen. Hier wäre weniger definitiv mehr. Aber das ist eigentlich eine gute Nachricht: Einen Roman im Lektorat zu kürzen ist leichter, als ihn erweitern zu müssen. Nicht zuletzt ist Die Federn meiner Mutter trotz dieser Kritikpunkte in großen Teilen schon so rund, dass man das Potenzial jederzeit erkennen kann.

Und genau das ist es, was wir Blogger bei Blogbuster leisten können: Bücher entdecken, die vielleicht noch nicht perfekt sind, die aber das Potenzial haben, schon in einem halben Jahr bei Kein & Aber veröffentlicht zu werden – und dabei möglichst viele Leser zu begeistern. Beides wünsche ich Mirjam Ziegler von Herzen!


Hier entlang zu meiner Nominierung für Mirjam Ziegler. Ein ausführliches Interview über den Roman und ihre Recherchereise folgt in der nächsten Woche!

Weißer Rauch steigt auf: meine Nominierung für Blogbuster 2018

blogbusterEigentlich kenne ich das ja. Seit sieben Jahren prüfe ich nun schon Texte für die Literaturzeitschrift ]trash[pool und habe mir die Auswahl nie leichtgemacht. Im Fokus unseres Magazins stehen vor allem eigensinnige Texte, die sich durch sprachliche Experimentierfreude und ungewöhnliche Perspektiven auszeichnen. Texte, die überraschen sollen, die gerne auch mal sperrig und verstörend sein dürfen. Aber Romane funktionieren anders. Selbst, wenn sie sich in Auszügen auch in ]trash[pool gut machen würden, müssen sie über die Distanz nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich überzeugen. Romane brauchen Geschichten, die uns neugierig machen, brauchen Figuren, für die wir nicht unbedingt Sympathie, aber zumindest Empathie aufbringen können. Für die Auswahl meines Blogbuster-Kandidaten musste ich mich deshalb mehr als sonst von anderen Kriterien leiten lassen: Ist der Roman ausgereift genug, um in einem Verlag wie Kein & Aber zu erscheinen – und das bereits in einem halben Jahr? Passt er dort überhaupt ins Programm? Und nicht zuletzt: Glaube ich, dass der Roman nicht nur mich selbst, sondern auch andere begeistern kann?

In der zweiten Staffel von Blogbuster haben sich 180 AutorInnen mit ihren Manuskripten bei 15 Bloggern beworben – und ich danke denjenigen, die mir ihre Texte anvertraut haben. Es ist nicht mein Stil, öffentlich die Arbeit anderer abzuwerten, insofern halte ich mich an dieser Stelle nur kurz und allgemein bei meinen abgelehnten Kandidaten auf. Von meinen 13 Bewerbungen hat mich nur eine ausreichend überzeugt, um nach Prüfung von Leseprobe und Exposé das Gesamtmanuskript anzufordern. Die Gründe für meine Absagen waren vielfältig und sagen nicht unbedingt etwas über die Qualität der eingereichten Texte aus. Gleich mehrere Manuskripte waren deutlich näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur und fielen für mich allein deshalb aus dem Raster, zwei der Romane richteten sich eher an Jugendliche als an Erwachsene. Während mich einige der Leseproben stilistisch nicht überzeugten, krankte es bei anderen am Inhalt. Manchen Texten fehlte, obwohl durchaus gekonnt geschrieben, dagegen leider das, was man gerne „Verlagsreife“ nennt – hier hoffe ich natürlich, dass die AutorInnen dranbleiben und weiter an sich arbeiten. Letzten Endes ist all das aber eine persönliche Einschätzung. Da wir Blogger nur mit einem Manuskript ins Rennen gehen dürfen und es entsprechend persönlich empfehlen sollen, ist unsere Auswahl natürlich subjektiver als es in einer Agentur oder einem Verlag der Fall wäre. Es spielen also nicht nur Textqualität und Plot eine Rolle, sondern auch der eigene Literaturgeschmack.

…and the winner is…

Was bei meiner Nominierung hingegen keine Rolle spielte: dass ich meiner Kandidatin Mirjam Ziegler vor etwas mehr als fünf Jahren schon einmal begegnet bin. 2012 veröffentlichten wir in der dritten Ausgabe von ]trash[pool bereits eine Erzählung von Mirjam, auf der Release-Lesung in Tübingen lernte ich sie daraufhin auch kurz persönlich kennen. Seitdem habe ich sie zwar weder getroffen noch etwas Literarisches von ihr gelesen, verfolgte auf Facebook aber ihr mehr als ehrgeiziges Projekt: Mirjam wollte nicht nur einen Reise- und Familienroman schreiben, in dem sie ihre Protagonistin auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter einmal quer durch Europa schickt. Sie wollte den Roman auch auf ebendieser Reiseroute schreiben – ein halbes Jahr lang, allein finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne. Das ist ihr tatsächlich gelungen. Ob dasselbe auch für ihren dabei entstandenen Roman Die Federn meiner Mutter gilt, fand ich hingegen erst heraus, als sich Mirjam nach meinem Aufruf auf den Kanälen unserer Zeitschrift bei Blogbuster bewarb.

Bei ]trash[pool kam ich schon mehr als einmal in die Verlegenheit, Freunden oder Bekannten, die Texte bei uns eingereicht haben, absagen zu müssen; trotzdem freue ich mich natürlich, wenn diese mich nicht wegen, sondern fast sogar trotz unserer Bekanntschaft begeistern können. Dass Mirjam Ziegler schreiben kann, wusste ich aus der Vergangenheit – und sah es schon nach wenigen Seiten der Leseprobe wieder bestätigt. Aber kann sie auch eine Geschichte erzählen, einen ganzen Roman füllen? Ich habe Die Federn meiner Mutter in nur wenigen Tagen gelesen und Mirjam Zieglers Protagonistin Agnes darin nach Paris und Barcelona, Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien begleitet. Auf mehr als 340 Manuskriptseiten habe ich einige Schwächen, aber deutlich mehr Stärken entdecken dürfen. Und als mich das Ende des Romans tatsächlich rührte, wusste ich, dass ich mit seinem letzten Satz ein Gratulationsschreiben beginnen musste:

Liebe Mirjam,
es sind ja so viele Leben möglich. Eines fiele mir für dich jedenfalls ein: als Blogbuster-Autorin nämlich!


Am Donnerstag stelle ich den Roman Die Federn meiner Mutter ausführlich vor, Mirjam Ziegler selbst lernt ihr dann nächste Woche im Interview kennen!

„Niemals aufgeben!“: Blogbuster-Sieger Torsten Seifert im Gespräch

blogbuster_torsten seifertLieber Torsten, dein Debütroman ist gerade bei Tropen erschienen, du warst zur Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse und hast die ersten Lesungen gehalten. Wie hast du die letzten Wochen erlebt, auf die du so lange hingearbeitet und gehofft hast?

Es ist eine tolle Erfahrung. Ich hatte ganz oft das Bedürfnis, ein bisschen von der Atmosphäre, die auf der Buchmesse oder bei den Lesungen herrschte, in kleine Fläschchen abzufüllen, damit ich sie später immer mal wieder herbeizaubern kann. Speziell in Frankfurt war die Taktzahl ziemlich hoch: Interviews, Lesungen, Shootings, Partys, andere Autoren kennenlernen… Ich fand das alles sehr schön und aufregend. Danach habe ich verstanden, was gemeint ist, wenn vom Nachmesseblues die Rede ist. Auch die Lesungen in den letzten beiden Wochen haben großen Spaß gemacht. Genauso wie die Leserunde bei Lovely Books. Aktuell gibt es dazu schon mehr als 1.000 Einträge bzw. Kommentare, die sich alle mit meinem Buch befassen. Das ist überwältigend.

Bevor du es bei Blogbuster einreichtest, hattest du mit dem Manuskript von „Wer ist B. Traven?“ bereits einen weiten Weg hinter dir. Was ist vor dem Happy End alles passiert?

Die erste Fassung war schon länger fertig. Meine damalige Agentur war guter Dinge und hat das Manuskript bei einer Reihe von Verlagen angeboten. Es gab ein paar Gespräche, die recht verheißungsvoll klangen. Letztlich hat aber keiner zugegriffen. Im März 2016 ist meine Agentin überraschend verstorben. Für mich war das der Zeitpunkt, das Thema abzuschließen, deshalb veröffentlichte ich das Buch ein paar Monate später im Self-Publishing. Dass die Geschichte durch den Blogbuster noch mal so eine Wendung nimmt, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Stimmt es, dass du eigentlich bloß aus Zufall auf Blogbuster aufmerksam geworden bist?

Ja, das kann man so sagen. Ich hatte ein paar Exemplare übrig, die auf einem falschen Papier gedruckt waren. Wegwerfen kam nicht in Frage, also habe ich einige an Blogger verschickt, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand reinschaut und Gefallen daran findet. Tobias Nazemi hatte auch eines bekommen und schrieb mir, dass ich doch beim Blogbuster mitmachen könne. Da dürfen auch Self-Publisher teilnehmen. Also habe ich es Ende November 2016 dort eingereicht.

Wie war für dich die Zusammenarbeit mit deinem Blogger und später dem Verlag?

Tilman Winterling ist ein sehr kluger und angenehmer Mensch. Wir haben einen ähnlichen Humor. Das machte es leicht. Er hat neulich meine Buchpremiere in Berlin moderiert und kam auch bei den Zuhörern super an. Wir planen, das bei einer der nächsten Lesungen zu wiederholen. Bei Tropen bzw. Klett-Cotta fühle ich mich sehr wohl. Dort herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Letztlich ist das Literaturgeschäft aber nun mal ein Business und weit weniger romantisch, als es von außen betrachtet aussieht. Umso wichtiger, sich eigene Ziele zu setzen und sich daran zu messen. Ich muss mich nur ein Jahr zurückversetzen. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mein Buch zwölf Monate später in meiner Berliner Lieblingsbuchhandlung, dem Kulturkaufhaus Dussmann, entdecke, hätte ich mitleidig gelächelt…

Die Erfolgsquote bei den AutorInnen der Longlist ist ja überraschend hoch, gleich mehrere haben der Teilnahme bei Blogbuster einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu verdanken. Hast du manche deiner Mitbewerber eigentlich kennengelernt und verfolgst, wie es bei ihnen weitergeht?

Mit Kai und Chrizzi, die mit mir auf der Shortlist waren, stehe ich regelmäßig in Kontakt. Kai hat mich auf der Buchmesse besucht und sich schon mal angesehen, was ihn da nächstes Jahr erwartet. Sein Buch soll im Herbst 2018 bei Klett-Cotta erscheinen. Von ein paar anderen lese ich ab und an auf Facebook.

Gibt es etwas, das du den Kandidaten der nächsten Blogbuster-Staffel mit auf den Weg geben würdest?

Nehmt euch Zeit, um euch die teilnehmenden Blogs anzusehen und hört auf euer Bauchgefühl, wenn ihr euren Wunschblogger angebt. Ansonsten kann ich nur sagen: Niemals aufgeben!

Last but not least: Du bist jetzt – so sagte es auch die Jury beim Blogbuster-Event auf der Buchmesse – ein gestandener Autor. Wie geht es nach dem aktuellen Roman weiter?

Ich weiß nicht, ob ich mich selbst schon als „gestandenen Autor“ bezeichnen würde. Aber das Selbstbewusstsein ist jetzt sicher ein anderes als zuvor. Die Arbeit am nächsten Roman hat begonnen. In den nächsten ein bis zwei Jahren kommt also ganz sicher keine Langeweile auf. Es geht wieder zurück in die 30er und 40er Jahre. Mehr möchte ich allerdings noch nicht verraten.

Lieber Torsten, ich danke dir für das Gespräch – viel Erfolg mit deinem Debüt!

Blogbuster 2018

blogbusterAm Freitag ist es so weit: Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr geht Blogbuster, der Literaturpreis der Blogger, auf der Frankfurter Buchmesse in die zweite Runde. Auch diesmal können sich Autoren und Autorinnen mit ihrem abgeschlossenen Romanmanuskript bei einem von 15 Bloggern bewerben und auf einen Verlagsvertrag bei Kein & Aber hoffen! Mit u.a. Denis Scheck, Isabel Bogdan oder Elisabeth Ruge ist die Hauptjury erneut prominent besetzt, auch die Blogger der Vorrunde können sich mehr als sehen lassen. Trotz geschätzter und lieber BloggerkollegInnen wie Stefan Mesch, Mareike Fallwickl oder Uwe Kalkowski – um nur einige zu nennen -, hoffe ich sehr, dass das eine oder andere großartige Manuskript auch in meinem Briefkasten landen wird – und darunter vielleicht ja auch der Blogbuster-Titel 2018!

Warum solltet ihr mir euer Manuskript schicken? Und womit könnt ihr mich überhaupt begeistern? Vielleicht gibt euch mein Vorstellungstext für Blogbuster ja einen Eindruck davon, wonach ich suche:

Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Ich bin nicht nur selbst Autor, sondern seit 2011 auch Mitherausgeber der Literaturzeitschrift ]trash[pool. Nach acht Ausgaben erkenne ich inzwischen schnell, ob ein Text zu unserer Zeitschrift passt – etwa, indem er durch besondere Sprache oder Innovationsfreude besticht, mit Eigensinn oder ungewöhnlichen Perspektiven überrascht. Um einen ganzen Roman zu tragen, braucht es für mich allerdings mehr als bloß Sprache. Dort stehen für mich glaubwürdige Figuren und eine Geschichte im Vordergrund, die mehr will, als bloß zu unterhalten. Eine Geschichte, die im besten Fall menschliche oder gesellschaftliche Abgründe auslotet, ohne dabei zu moralisieren. Erzählende Autoren wie Richard Yates oder Jonathan Franzen können mich ebenso begeistern wie ein David Foster Wallace: Ein guter Roman kann komisch und deprimierend zugleich sein, experimentell und dennoch fesselnd, schlicht, aber trotzdem mit Tiefgang – Hauptsache, er löst etwas in mir aus und liegt seinem Autor spürbar am Herzen.

Am Freitag, dem 13.10. fällt der Startschuss für die zweite Staffel – und zwar um 15:00 Uhr bei Orbanism (Halle 4.1, Stand B91) auf der Frankfurter Buchmesse. Alle Infos zu den Bewerbungsformalitäten und dem Ablauf findet ihr spätestens dann auf der Homepage von Blogbuster. Ich freue mich auf eure Manuskripte!