Heimkehr. Über das Tübinger Bücherfest 2017

IMG_9574Mehr als sieben Jahre habe ich im beschaulichen Tübingen gelebt, am Ende wollte ich aber nur noch weg. Schon nach vier Semestern hatte ich das Gefühl, Furchen in die engen Gassen zu laufen, so klein ist diese Stadt. An all den Postkartenmotiven hat man sich satt gesehen, auch die Kneipen und Restaurants sind längst hundertfach durch. Und weil die Stadt sich mit jedem Semester häutet, fühlt man sich unter den fast dreißigtausend Studierenden irgendwann alt; spätestens, wenn die ersten Kommilitonen einen siezen, fürchtet man, zu einer dieser vielen verschrobenen Tübinger Figuren zu werden, die wie verwirrte Poltergeister in der Uni herumirren und es dadurch zu zweifelhafter Prominenz gebracht haben. Keine Frage: Ich musste da raus. Statt in die große weite Welt zog es mich 2009 allerdings dann doch bloß nach Stuttgart. Und die Verbindung nach Tübingen? Blieb bestehen, und zwar aus Liebe zur Literatur. Da sind zum einen die Freunde und Bekannten aus den Schreibseminaren am SLT, dem Studio Literatur und Theater, mit denen ich bis heute Kontakt halte. Zum anderen ist da die Literaturzeitschrift ]trash[pool, deren Redaktion ich seit 2011 angehöre. Mit jeder Ausgabe und Lesung kehrte ich lieber in meine alte Studentenstadt zurück. Tübingen und ich, wir brauchten ein bisschen Abstand voneinander. Aber auf einmal hatte ich wieder Augen für die Schönheit dieser Stadt, sehnte mich nach ihrer kulturellen Vielfalt und warmen Sommerabenden am Neckar zurück. Inzwischen freue mich also längst über Gründe, mal wieder heimzukehren – und einen besseren als das Tübinger Bücherfest, sogar mit eigener Lesung, kann es eigentlich kaum geben.

Samstag

Auch im zehnten Jubiläum bot das Tübinger Bücherfest wieder ein abwechslungsreiches und hochkarätiges Programm – schwer, sich da zu entscheiden, wenn man nur wenige Lesungen besuchen kann. Mittags um eins zog Takis Würger gegen Fatma Aydemir den Kürzeren. Im Pfleghof las die Karlsruher Autorin aus ihrem Debütroman Ellbogen. Die brauchte man auch, um sich bei knapp 30 Grad einen der begehrten Schattenplätze zu sichern. Eine Coming of age-Geschichte mit Migrationshintergrund, in der sich der Frust irgendwann in Gewalt entlädt: Die Rezensionen, die ich zu dem Roman kannte, hatten mich neugierig gemacht (diese oder jene z.B.). Während der ersten Textstellen, die Aydemir las, vermisste ich jedoch ein bisschen die Wut und das Rotzige, fand die Sprache sogar überraschend brav. In der entscheidenden Szene wurde der Text dann aber spürbar intensiver und deckte sich mit meinen Erwartungen. Eine willkommene Auflockerung dagegen war Aydemirs Frage an die Gebärdendolmetscherin, wie sie denn eben das Wort Opfernutte übersetzt habe. Angesichts der politischen Entwicklung der Türkei rückte die zweite Hälfte von Ellbogen, als die Protagonistin Hazal alleine nach Istanbul zieht, nun umso stärker in den Fokus. Fatma Aydemir verbrachte während der vergangenen Jahre – zuletzt sechs Monate im Jahr 2016 – jeden Sommer in Istanbul. Am Ende der Lesung sprach sie von den ersten wahrnehmbaren Anzeichen der Veränderung, die auch Eingang in den Roman gefunden haben.

Nach der Lesung im Pfleghof stand ich vor einer kontrastreichen Entscheidung: Wollte ich Philipp Winkler aus Hool lesen hören – oder den allzu braven Benedict Wells aus Vom Ende der Einsamkeit? Spontan entschied ich mich zur Konfrontationstherapie. Wenn sich Arachnophobiker Vogelspinnen über die Arme laufen lassen können und Menschen mit Flugangst den Fallschirmsprung wagen, werde ich ja wohl noch eine Lesung von Benedict Wells überstehen. Dabei kann er ja gar nichts für meine innere Abwehrhaltung, dieser freundliche junge Mann. Es war einfach zu viel, damals, als der Roman erschien. Plötzlich war Benedict Wells überall. Nicht nur in den Blogs. Auch auf der Leipziger Buchmesse 2016 gab es keine Wand, keine Säule, keine Tür, die nicht mit seinem hübschen Konterfei tapeziert worden wäre. Überall und ständig sah er mich an, dieser perfekte Schwiegersohn zwischen Florian Silbereisen und Jared Kushner. Er selbst muss sich auf der Messe gefühlt haben wie in einem Spiegelkabinett. Im Frühjahr 2016 habe ich Benedict Wells so oft gesehen, dass ich sein Gesicht sogar in Wolken wiedererkannte. Oder auf geröstetem Toast. Obwohl Blogger, deren Meinung ich sehr schätze, viel von seinen Büchern halten (zum Beispiel dieser oder jener), hatte ich deshalb bislang einfach wenig Lust auf sie. Bis zu seiner Lesung jedenfalls.

Vom Ende der Einsamkeit – das kann man auch doppeldeutig verstehen: Wo Benedict Wells ist, da ist es nämlich voll. Zu Beginn seiner Lesung hieß es, noch nie sei eine Veranstaltung des Bücherfests so gut besucht gewesen. Der Autor selbst gab sich demütig und machte ein Foto vom Publikum. Rockstargeste, dachte ich da noch. Als nächstes würde er ins Mikro rufen: Danke Hannover, ihr seid die Geilsten! Aber den Gefallen tat er mir als neidischen Jungautor natürlich nicht. Stattdessen war Benedict Wells genau so, wie ihn alle immer beschrieben hatten: nett. Sehr sogar. Dass er sein eigenes Buch vergessen und sich eines aus dem Publikum lieh, hätte sicher auch wieder so eine einstudierte Geste sein können. Aber selbst wenn: Wenig später entschuldigte er sich grinsend dafür, auf dem geliehenen Buch gerade eine Fliege erschlagen zu haben. Seine Lesung war im besten Sinne souverän und bodenständig. Ohne Spur von Arroganz sprach Wells von seinen Schwierigkeiten beim Schreiben und den sieben Jahren, die er für Vom Ende der Einsamkeit brauchte. Sprachlich hinterließen die gelesenen Textstellen zwar keinen besonders großen Eindruck bei mir, neugierig machten mich dagegen aber die gelungene Figurenzeichnung und der sich über mehr als dreißig Jahre erstreckende Plot. Ich gebe mich also geschlagen und werde das Buch sicher irgendwann lesen. Und Benedict Wells? Nun, wer Pink Moon von Nick Drake in seinem Roman erwähnt, kann einfach kein schlechter Mensch sein. Isso.

Sonntag

An meinem zweiten Tag auf dem Bücherfest verbrachte ich erst einmal ein bisschen Zeit bei der offenen Lesebühne Poet’s Corner, die von meinem ]trash[pool-Kollegen Tibor Schneider moderiert wurde. Natürlich lasen dort an beiden Tagen auch einige Autorinnen aus unserer Zeitschrift: zum Beispiel Andrea Mittag und Sara Hauser aus Ausgabe 7 sowie Lucia Leidenfrost, Elisa Weinkötz und Jasmin Mayerl aus der kommenden Ausgabe 8. Auch ich las im schönen Hölderlingarten erstmals einige Seiten aus meinem aktuellen Manuskript, bevor ich zur nächsten Veranstaltung musste. Im Musuem stellte Jonas Lüscher seinen Roman Kraft vor, den ich in der kommenden Ausgabe des Magazins der Büchergilde bespreche. Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern eines Tübinger Rhetorikprofessors im Silicon Valley, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen: Jonas Lüscher ist ein großartiger Roman gelungen, der für mich eindeutig ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises ist. Seine Lesung musste ich dennoch bereits nach einer halben Stunde verlassen – und zwar für meine eigene.

Nach kurzen Kostproben im Poet’s Corner fand die eigentliche Jungfernfahrt meines nächsten Romans (den ich im Sommer fertigstellen werde) auf dem Neckar statt. Eine schöne Idee: Im Stundentakt lasen während des Bücherfests Autoren und Autorinnen auf traditionellen Stocherkähnen aus ihren Texten. Eine dreiviertel Stunde auf dem Neckar aus meinem neuen Manuskript lesen zu dürfen: Das war nicht nur dank der malerischen Kulisse etwas ganz Besonderes für mich. Hier schloss sich für mich ein Kreis – und etwas Neues begann. 2009 habe ich in Tübingen erstmals aus meinen Texten gelesen, und zwar den Anfang von Dezemberfieber. Beim Tübinger Bücherfest 2017 las ich nun tatsächlich zum allerersten Mal aus einem anderen Roman als meinem Debüt, entsprechend groß war meine Nervosität. Dass unter den Zuhörern auch zwei Damen waren, die mich schon im Hölderlingarten lesen sahen und dabei neugierig auf den Roman geworden sind, war deshalb schon einmal ein beruhigendes Signal. Fliehen konnten die Gäste vom Stocherkahn zwar nicht, das Angebot, mich bei Nichtgefallen über Bord zu werfen, nahmen sie zum Glück aber auch nicht wahr. Ebenfalls ein gutes Zeichen: Es machte Spaß, aus meinem neuen Roman zu lesen – sehr sogar!

Parallel zu mir stellte Jan Snela auf einem zweiten Stocherkahn Erzählungen aus Milchgesicht vor, von denen manche bereits während unserer gemeinsamen Zeit am SLT entstanden. Das anschließende Essengehen mit gemeinsamen Freunden aus dem SLT war somit der perfekte Abschluss für eine gelungene Heimkehr und ein schönes Bücherfestwochenende. Next stop on memory lane: Prosanova in Hildesheim!

Auswahl für ]trash[pool #8

Unbenannt-1Zugegeben: Wir haben uns diesmal etwas Zeit gelassen – aber was schickt ihr uns auch so viele gute Texte, dass wir uns erst einmal Verstärkung in die Redaktion holen müssen? Gemeinsam mit unserem Neuzugang, Isabella Caldart von Novellieren, haben wir nun aber endlich unsere Auswahl getroffen.

Freut euch in ]trash[pool #8 auf großartige Beiträge von: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf.

Ausgabe 8 von ]trash[pool wird im Herbst dieses Jahres erscheinen. Die bisherigen Ausgaben könnt ihr unter redaktion@trashpool.net oder als Digitalversion bei unserem Partner duotincta bestellen. Vielen Dank für die vielen Einsendungen!

Suspicious minds. Über „Superbuhei“ von Sven Amtsberg

IMG_6088Mit Jesse Bronske stimmt was nicht. Ständig weint er. Oder brüllt in Gesprächen, ohne es zu merken. Immer öfter lässt ihn sein Gedächtnis im Stich, spielt ihm seine Wahrnehmung einen Streich. Und dann ist da diese Angst, die ihn wieder trinken lässt. Die ihn dazu bringt, sich eine Waffe zu besorgen und niemandem mehr zu trauen, nicht einmal seiner Freundin Mona. Vielleicht stimmt es ja, was sie sagt: dass er sich verändert habe und Hilfe brauche. Genauso gut könnte Mona aber – womöglich sogar, ohne es zu wissen – mit Aaron unter einer Decke stecken. Denn das ist Jesses große Angst: dass ihn sein Zwillingsbruder nach all den Jahren ausfindig gemacht hat und nun den perfiden Plan verfolgt, ihn heimlich zu ersetzen.

Viel zu holen gibt es in Jesses Leben eigentlich nicht. Die tägliche Tristesse in seiner Supermarktkneipe Kleine Maus, die eigentlich mal Klaus Meine hieß, erträgt Jesse schon lange nicht mehr. Tagein, tagaus dieselben Alkoholiker mit denselben schalen Witzen am Tresen und denselben Scorpions-Songs im Player. Noch deprimierender ist bloß der Blick auf den Supermarktparkplatz vorm Fenster: eine permanente Erinnerung ans gescheiterte Leben der Eltern, die einst mit einem Parkplatzimbiss ihr Geld verdienten und dabei ihre Würde verloren. An die Kindheit mit einem gebrochenen Elvis-Imitator als Vater. Und an eine Mutter, die die Familie im Stich ließ, um ein neues Leben anzufangen, es aber nur bis ans andere Ende der Straße schaffte. Nach dem Tod des Vaters und dem Bruch mit Aaron gibt es nur noch wenige Konstanten in Jesses Leben. Klar, da ist Mona, die sonnenbankgebräunte Supermarktkassiererin. Allerdings machen sich in der Beziehung inzwischen erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar – und zwar nicht nur, weil Jesse seiner Freundin Schlaftabletten ins Essen mischt, um abends alleine zu sein. Wirklich Halt geben kann Jesse nur einer, und das ist Klaus Meine. Jesse hat nicht nur seine Kneipe nach dem Scorpions-Sänger benannt, sondern fährt, wenn es ihm schlecht geht, auch gerne mal zu dessen Haus und macht Fotos von seinem Garten. Vor allem schreibt er ihm aber Briefe. Klaus Meine kann Jesse alles erzählen – sogar über Aaron, von dem nicht einmal Mona etwas weiß. Als Jesse glaubt, seinen Zwillingsbruder nachts im Maisfeld vor dem Haus zu sehen, gerät sein schon lange ins Wanken geratene Leben endgültig aus den Fugen…

Superbuhei, so heißt der Supermarkt, in dem Mona und Jesse arbeiten. Der Debütroman von Sven Amtsberg wäre in einem ebensolchen nur schwer einzusortieren: einerseits Groteske über die Hölle der Vorstadttristesse, andererseits Psychogramm eines Mannes am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und obwohl zumeist der verschrobene Humor im Vordergrund steht, liest sich der Roman stellenweise fast wie ein Thriller. Tatsächlich ist Superbuhei trotz seiner Skurrilität überraschend melancholisch und düster: als hätte Wes Anderson einen Psychothriller über die niedersächsische Provinz gedreht. Amtsberg kann schreiben und treffsicher amüsieren, nicht immer gelingt ihm jedoch die richtige Balance zwischen Komik und Ernst. Mancher Handlungsbogen ist etwas überspannt, vor allem aber steht die permanente Überzeichnung seiner Figuren der Empathiebildung im Weg. Verglichen mit artverwandten Romanen wie Herr Lehmann von Sven Regener oder Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse fehlt es Superbuhei manchmal an Erdung. Das ändert jedoch nichts daran, dass Sven Amtsberg mit seinem Debüt einen hochkomischen und tieftraurigen, vor allem aber überraschenden Roman vorgelegt hat, der neugierig auf seinen nächsten macht.


Sven Amtsberg: Superbuhei. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 360 Seiten.

Elterndämmerung. Über „So, und jetzt kommst du“ von Arno Frank

IMG_5876Kindern kann man ja wirklich eine Menge weismachen. Die Existenz von Weihnachtsmännern und Osterhasen zum Beispiel. Eckige Augen, die man vom Fernsehen kriegt, Bauchschmerzen vom Naschen. Und natürlich, dass man stets wisse, was zu tun sei. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, die eigenen Eltern irgendwann zu hinterfragen und dabei zur Erkenntnis zu gelangen, dass auch sie nur Menschen sind. Menschen, die nicht alles wissen. Menschen, die Fehler machen, manchmal sogar sehr große und dumme. Wann kamen Arno Frank wohl die ersten Zweifel an seinen Eltern? Anzeichen für ihre Fehlbarkeit gibt es früh. Amtliche Briefe, die ungelesen in den Müll wandern. Ein gepfändetes Haus und Geschäftsideen des Vaters, die immer windiger, immer riskanter werden. Die Polizei, die irgendwann vor der Tür steht, nachts dann der überstürzte Aufbruch nach Südfrankreich. Das große Geld, das plötzlich da ist und allen ein Leben im Luxus ermöglicht. Arno Frank und seine beiden Geschwister glauben ihren Eltern, eine andere Wahl haben sie ohnehin nicht. Und wozu den Weihnachtsmann in Frage stellen, solange es Bescherung gibt?

So, und jetzt kommst du erzählt die wahre Geschichte von Arno Franks Kindheit als Sohn eines Hochstaplers – und lockt zunächst auf eine falsche Fährte. Ein kindlicher Erzähler in einer leicht verschrobenen Familie, dazu ein paar skurril-sentimentale Erinnerungen an die BRD der Achtziger – das klingt nach Feel good-Bestseller aus dem Baukasten. Man nehme etwas Coming of age-Melancholie, garniere sie mit einer Prise Humor und serviere das Ganze als Roadmovie. Auerhaus meets Tschick, ganz sichere Nummer. Doch dann kommt alles anders.

Horrortrip statt „Tschick“

Als das große Geld irgendwann aufgebraucht ist, mehren sich die Zeichen, dass Arnos Eltern die Kontrolle verloren haben. Das Luxusanwesen an der Küste verwahrlost zusehends. Die Mutter lutscht am Daumen, während der Vater immer erratischer wird. Wieder steht die Polizei vor der Tür, und wieder bleibt der Familie nur die Flucht. Was als Familienabenteuer begann, wird zur albtraumhaften Odyssee durch halb Europa. Und das bedingungslose Vertrauen in die Unfehlbarkeit der Eltern: zum Musterbeispiel fürs Stockholm-Syndrom. Anfangs noch so unterhaltsam wie harmlos, wird der Roman mit jeder Seite beklemmender. Arno Frank schildert die zunehmende Verwahrlosung der Familie – auch im Umgang miteinander – so glaubwürdig und intensiv, dass selbst in grotesken Szenen das Entsetzen dominiert. Das spürbare Gefühl der Ausweglosigkeit gipfelt schließlich in einer Autobahnszene, deren blanker Horror kaum auszuhalten ist. Spätestens hier ist nichts mehr vom Feel good-Roman übrig, der So, und jetzt kommst du hätte werden können. Auch in anderen Coming of age-Romanen müssen sich Kinder von ihren Eltern abnabeln – in diesem sind sie ihnen jedoch ausgeliefert wie Geiseln.

Mit seinem Debütroman ist Arno Frank das seltene Kunststück gelungen, gleichermaßen zu unterhalten wie zu erschüttern. An manchen Stellen hochkomisch und skurril, ist So, und jetzt kommst du mit zunehmenden Verlauf vor Spannung kaum auszuhalten. Im letzten Jahr wurde Thomas Melle, obwohl auch Die Welt im Rücken kein fiktionaler, sondern ein autobiografischer Roman ist, für den Deutschen Buchpreis nominiert. So, und jetzt kommt Frank – ein Platz auf der Longlist wäre jedenfalls durchaus verdient!


Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Erschienen bei Tropen/Klett-Cotta, 352 Seiten. Nachtrag: Ein interessantes und aufschlussreiches Interview mit Arno Frank ist auf Lesen macht glücklich zu finden.

Hund und Herrchen. Über „Jasper braucht einen Job“ von Michael Ondaatje & Serge Bloch

Seit diesem Jahr schreibe ich – in bester Bloggergesellschaft – auch für das Magazin der Büchergilde. In meinem ersten Beitrag stellte ich eine groteske, kunstvoll illustrierte Kurzgeschichte von Beststellerautor Michael Ondaatje vor:Ondaatje_Michael_Jasper_Heftansicht_3

Ein Hund, heißt es in Studien, ist gut für die Gesundheit. Er verringert Stress, senkt den Blutdruck und hält uns fit – es sei denn, man muss einen ehemaligen Profiringer engagieren, der ihn Gassi führt. Dann geht es einem wie Mr. Cletus, dessen Dobermann Jasper nicht nur nutzlos, sondern auch ziemlich kostspielig ist. Und weil der beste Freund des Menschen gleichsam sein Spiegel ist, muss ausgerechnet Familienhund Jasper für das bürgerliche Anspruchsdenken seines Herrchens herhalten. Einen Job findet Jasper nicht, dafür aber eine Nebenrolle in einem Theaterstück – in den Augen von Mr. Cletus eine ideale Gelegenheit, um endlich einmal aufzutrumpfen, vor allem gegenüber dem beliebten Wheaton-Terrier der Nachbarn. Doch nicht nur Mr. Cletus platzt vor Stolz: Als sein Jasper zum heimlichen Star der Aufführung wird, erliegt der Dobermann schon bald den Verlockungen des Erfolges…

Lakonisch und mit Sinn für absurden Humor erzählt der Kanadier Michael Ondaatje, dessen Debüt Der englische Patient mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, in Jasper braucht einen Job eine allzu menschliche Geschichte über fünf Minuten im Scheinwerferlicht, zu Kopf gestiegenen Ruhm und die Frage, wer bei Hund und Herrchen eigentlich das Sagen hat. Dass Jasper ausgerechnet den Hauptfiguren in George Bernard Shaws Caesar und Cleopatra die Schau stiehlt, ist natürlich kein Zufall: „Bald bekamen viele Zuschauer den Eindruck, nur dieser Hund würde so ganz verstehen, dass es bei dieser Liebesbeziehung unterschwellig auch um Macht ging.“

Lebendig wird die Erstveröffentlichung von Ondaatjes grotesker Kurzgeschichte vor allem dank der stimmungsvollen Illustrationen von Serge Bloch, die jede Seite in ein ganz eigenes Kunstwerk verwandeln. In Kontrast zu den einfachen, aber treffsicher karikierten Figuren setzt Bloch Collagen, Skizzen und farbige Flächen, die den Text atmosphärisch spiegeln. Dem Franzosen, bekannt für Illustrationen in mehr als 300 Büchern und seine Arbeiten für die New York Times, die Washington Post und das Time Magazine, gelingt es aber nicht nur, die Stimmung des Textes einzufangen, sondern ihn auch zu ergänzen und zu interpretieren – etwa im Fall von Jasper, der mal im feinen Zwirn, mal salutierend in Uniform zur Karikatur von Mr. Cletus’ bürgerlicher Großmannssucht wird.

Jasper braucht einen Job ist deshalb nur auf den ersten Blick ein kurzweiliges Vergnügen. Michael Ondaatjes skurrile wie kluge Geschichte regt zum Nach- und Weiterdenken an, während die Illustrationen Serge Blochs viel zu eigenständig und gelungen sind, um sie bloß als Beiwerk zu betrachten; tatsächlich möchte man die Seiten immer wieder aufschlagen, um neue Details auf ihnen zu entdecken.


Michael Ondaatje / Serge Bloch: Jasper braucht einen Job. 32 Seiten. Aus dem Englischen von Anna Leube. Aus der Reihe: Die tollen Hefte, Band 47 (Büchergilde). Dieser Text erschien erstmals im Magazin der Büchergilde (2. Quartal 2017). Im Zuge der Reihe #lithund wurde das Heft auch bei Das graue Sofa vorgestellt.

Große Messe, kleine Welt. Versuch einer Rekonstruktion der #lbm17

IMG_8753Donnerstag

Die Leipziger Buchmesse 2017 beginnt mit einem Déjà-vu: Tobias Nazemi am Bahnsteig des Flughafens, wie schon im letzten Jahr fahren wir gemeinsam zur Messe und trinken den ersten Kaffee im Pressezentrum. Und doch ist etwas anders: Zeigte er mir im letzten Jahr auf dem iPad noch seine ersten Ideen zu Blogbuster, sprechen wir diesmal bereits über die Kandidaten der Longlist. Keine Zeitschleife also, auch wenn mich der Wecker um 4:45 wie ein Murmeltier aus dem Winterschlaf riss. Dass die Zeit nicht stehengeblieben ist, darf ich erfreulicherweise auch bei der inzwischen schon traditionellen Erstvisite am Stand von duotincta feststellen. Nicht, dass ich mich über die Titel der Nebenstände auf vergangenen Messen (allen voran den Evergreen Gebete für Tiere) nicht amüsiert hätte – aber die unmittelbare Nähe zu Verlagen wie Voland & Quist, Frankfurter Verlagsanstalt, Mayrisch oder Verbrecher steht den Verlegern meines Debütromans dann doch ein wenig besser zu Gesicht. Besonders mit den Kollegen von homunculus erschöpft sich die Nachbarschaftshilfe nicht bloß im regelmäßigen Austausch von Bier (duotincta) und Schnaps (homunculus): Am Abend ist auch eine gemeinsame Lesung im Beyerhaus geplant.

Ein bisschen sind Buchmessen ja wie Klassentreffen. Man freut sich, einander wiederzusehen, tauscht sich aus – und wird alberner, je länger es dauert. Besonders bei den unabhängigen Verlagen geht es familiär zu, so auch bei duotincta: Verleger und Autoren verbringen nicht nur die meiste Zeit gemeinsam am Stand, sondern wohnen zum Teil sogar in derselben Messe-WG, wo auch für Freunde des Verlages noch ein Isomattenplatz frei ist. Mit dem Autor Frank Schliedermann, den ich 2015 in Frankfurt auf der 1000 Tode-Lesung kennenlernte, verbindet inzwischen alle eine so gute Freundschaft, dass er es sich nicht nehmen ließ, sich als Verlagsmaskottchen adoptieren zu lassen. Nach guten Gesprächen mit ihm, den duotincta-AutorInnen Daniel Breuer, Kathrin Wildenberger und Birgit Rabisch sowie den Verlegern Jürgen Volk und Ansgar Köb warten am Nachmittag die ersten Termine auf mich.

Zumindest die erste Stunde der Veranstaltung How Indie are you? mit Nikola Richter, Elisabeth Ruge und Susan Hawthorne lasse ich mir aber nicht entgehen – eine interessante Gesprächsrunde über die Zukunft der unabhängigen Verlage, der ich gerne länger zugehört hätte. Bemerkenswert ist etwa die Antwort Ruges auf die Frage, warum sie denn die Seiten gewechselt habe – von der Verlegerin zur Agentin: Es sei, so Ruge, eigentlich eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. Als Agentin stehe für sie endlich wieder der Text im Vordergrund, während die Entscheidungen in großen Verlagen zunehmend von Marketingabteilungen getroffen würden. Natürlich ist auch Elisabeth Ruges Agentur vom Erfolg ihrer Autoren abhängig, ihr Engagement für Autoren wie Frank Witzel oder als Jurymitglied bei Blogbuster zeugt jedoch davon, dass der Idealismus ihrer Aussage keineswegs aufgesetzt ist. Die Leidenschaft für gute Literatur ist echt und etwas, das alle auf dem Podium miteinander verbindet.

Abends dann die gemeinsame Indie-Lesung von duotincta und homunculus im Beyerhaus – und eine Überraschung: Während wir im Erdgeschoss noch plaudern, füllt sich, ohne dass wir etwas davon mitbekommen, unten bereits der Saal. Trotz der großen Konkurrenz bei Leipzig liest stellen wir vor vielen (und großteils ausdauernden) Gästen unsere Bücher vor und lassen dabei auch drei Blogger zu Wort kommen: Jochen Kienbaum sowie Andrea und Klaus Daniel präsentieren stellvertretend für 40 Blogger ihre Texte aus Warum ich lese. Eine schöne, aber auch sehr lange Lesung, nach der ich mich, anstatt mehrere abzuklappern, für eine Party entscheiden muss: Ullstein, Rowohlt oder Tropen. Osmotisch führt es uns schließlich zum Ort mit der größten Konzentration. Die Tropenparty gleicht wie immer einem Wimmelbild: die halbe Buchbranche auf kleinstem Raum zusammengepfercht. Weil kein Durchkommen ist, winkt man sich halt zu. Wenn man denn den Arm hochkriegt. Im letzten Jahr hielt ich bis vier durch, diesmal siegt, weil ich am nächsten Mittag auf der Messe aus Dezemberfieber lese, jedoch die Vernunft. Ein bisschen zumindest: Bis drei muss es dann doch wieder sein, die Musik ist einfach zu gut.

Freitag

Meine Stimme ist erwartungsgemäß angeschlagen, aber ich habe bei der Lesung am Stand schließlich ein Mikro. Und zwar für ganze drei Minuten. Nach dem Ausfall der Technik bleibt mir nichts anderes übrig, als aufzustehen und gegen den Messelärm anzulesen, bis ich heiser bin. Eine Szene zumindest, das müsste reichen. Tut es aber nicht: Ein älterer Herr bittet mich darum, doch noch ein bisschen weiterzulesen. Und weil der Kunde König ist, bilden wir mit dem verbleibenden Publikum, der Autorin Lucia Leidenfrost, Martin Kulik sowie Tina Thiele, einen Sitzkreis. Eine kleine intime Lesung mitten auf der Messe und nur wenige Meter von der Leseinsel der jungen Verlage entfernt – tatsächlich eine schöne Erfahrung.

Eine schöne Erfahrung verbindet mich auch mit Lucia, mit der ich anschließend eine Stunde in der Sonne plaudere. Obwohl wir ihre Erzählung Flugübungen (die es nun auch in ihr Debüt Mir ist die Zunge so schwer geschafft hat) bereits in ]trash[pool veröffentlicht hatten und sie und ich zeitgleich in Tübingen am Studio Literatur und Theater studierten, lernten wir uns erst auf dem Prosanova 2011 in Hildesheim kennen, zu dem ich ich damals als Finalist des Literaturwettbewerbs eingeladen war. Manchmal ist die Literaturwelt wirklich verblüffend klein. Das merke ich auch beim anschließenden kurzen Plausch mit Caterina Kirsten: Als der Agent Markus Michalek hinzustößt und ihr einen jungen Autoren empfiehlt, stellt sich schnell heraus, dass dieser auch einen Text für die kommende Ausgabe von ]trash[pool eingereicht hat. Um Literaturzeitschriften dreht es sich auch bei meinem nächsten Termin: Beim Kaffee tauschen Anneke Lubkowitz von Sachen mit Woertern und ich Hefte aus und sprechen über die notwenige Vernetzung junger Magazine. Und über Enten. Die im Übrigen viel interessanter sind, als ich dachte.

Beim Blogger-Empfang von Rowohlt gibt es dann viele bekannte Gesichter und Würstchen, beim Umtrunk am Stand von Voland & Quist dagegen Bier und Herrn Bieber. Herr Bieber ist vom Wachpersonal und nicht besonders glücklich darüber, dass in der Halle nach Messeschluss geraucht wird. Kaum biegt Herr Bieber am Gang ab, klicken wieder die Feuerzeuge. Aber Herr Bieber kommt wieder, und mit ihm das Gefühl, dass wir alle hier auf Klassenfahrt sind. Ein Gefühl, das auf der Party der jungen Verlage bis spät in die Nacht anhält, die ich hauptsächlich mit befreundeten Bloggern verbringe – allen voran Tobias Nazemi, Ilja Regier und Isabella Caldart (an diesem Abend mit der glockenklaren Stimme eines Tom Waits), mit denen ich das Ganze vor einigen Wochen schon beim Blog@bout von Ullstein fünf geübt habe. Meine Hausaufgaben habe ich anscheinend zu gut gemacht, gegen drei zwingt mich der Übereifer jedenfalls zum etwas plötzlichen Aufbruch.

Samstag

Letzter Messetag und bloß noch ein einziger Pflichttermin. Während ich im vergangenen Jahr den halben Tag bei der (großartigen!) Leipziger Autorenrunde verbrachte, um dort gemeinsam mit Nikola Richter und Katharina Gerhardt unsere Teamarbeit am E-Book Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge vorzustellen, gönne ich mir 2017 einen ruhigeren Messeausklang und komme erst zu Warum ich lese in die Hallen. Launig und souverän stellen Katharina Herrmann, Sophie Weigand und Sarah Reul auf der Leseinsel ihre Texte aus dem Band bei homunculus vor, anschließend trifft man sich zum Plaudern in der Bloggerlounge. Von den ersten nehme ich bereits Abschied, andere treffe ich noch mehrere Male wieder – im Falle von Katharina Herrmann allerdings stets mit Identifizierungsproblemen, was mal mit ihrer Kurzsichtigkeit, mal mit geistig-kognitiven Schwächen meinerseits zu tun hat. Zu meiner Verteidigung: Im Gegensatz zu ihr überrascht es mich zumindest nie, dass Menschen Nasen haben!

Am Abend schließlich der ruhige Ausklang: ein Essen mit der duotincta-Familie (ein richtiges sogar, mit Vitaminen und allem Pipapo – nach drei Tagen Messe eine Sensation!) und dann ab ins Bett. So zumindest der Plan. Und der ist durchaus vernünftig, immerhin sehe ich nach zwei durchfeierten Nächten und den durchgetakteten Messetagen längst aus wie Frodo am Fuße des Schicksalsbergs. Aber die Verlockung ist groß, ich muss auf dem Heimweg bei Sputnik Litpop vorbei. Alleine auf eine Party gehen? Eigentlich eine Schnapsidee. Aber es ist ja Messe. Und eine kleine Welt. Kaum drin, treffe ich gleich auf die ersten bekannten Gesichter – erfreulicherweise dann auch noch jene, die ich bislang verpasst habe. Beim Konzert der Mighty Oaks kann ich allerdings kaum noch stehen. Vor der Tür verquatsche ich mich auf ein Bier und gefühlt siebzehn Zigaretten mit Leander Wattig, bevor ich den Abend alleine und ganz entspannt ausklingen lasse: im vibrierenden Polstersessel vor der Tanzfläche. In der Hand ein Bier, im Kopf die Eindrücke von drei anstrengenden, aber ganz und gar großartigen Tagen.

Ach so, Bücher gab es in Leipzig natürlich auch. Aber das, was eine Buchmesse so besonders macht, sind in Wahrheit die Menschen, die sie lieben. Und obwohl es mir an vielem fehlte – Schlaf, gesundem Essen, Pausen – reise ich zwar entschieden ärmer, aber sehr bereichert aus Leipzig wieder ab. Und freue mich schon jetzt auf Frankfurt.


Hier entlang zu meinem Bericht über die Leipziger Buchmesse 2016, in dem ich mir Gedanken zur Rolle von Blogs in einer sich wandelnden Literaturbranche mache. Weitere Berichte zur #lbm17 sind u.a. bei Schöne Seiten, Pinkfish, Sounds & Books, lustauflesen.de & Fräulein Julia erschienen.

Konservierte Erinnerungen. Über „Mir ist die Zunge so schwer“ von Lucia Leidenfrost

IMG_7940Bei aller Präzision – wer verlorene Zeit messen möchte, kommt mit Uhren und Kalendern, mit Tagen, Monaten und Jahren nicht weiter. Verlorene Zeit misst man nämlich am besten in Einmachgläsern: „Wir haben noch zwanzig Marillenwochen und sechzehn Erdbeer-, zwei Dirndl- und achtzig Honigwochen“, heißt es in Goldene Zeiten. Die letzte Erzählung von Lucia Leidenfrosts Debüt ist so programmatisch für das ganze Buch, dass sie genauso gut an dessen Anfang stehen könnte. Den Hinterbliebenen einer Familie gehen langsam, aber sicher die vermachten Einmachgläser zuneige – und mit ihnen das Wissen der vorigen Generationen: „Liebe Mutter, wir haben vergessen, wie es ist, wenn das Gras zum Trocknen ausgebreitet und auf den Hüfeln aufgehängt wird, wie man überhaupt Hüfeln baut. Wir haben vergessen, wie viele Samen wir aufheben müssten, um im nächsten Sommer genug ernten zu können. Du hast immer gesagt, was man hat, hat man, aber wir haben alles vergessen. Nicht, dass du jetzt denkst, dass es uns schlecht geht, es geht uns gut, nur, dass wir so vieles nicht mehr wissen, jetzt, wo der Großvater und der Vater tot sind.“

Geschichten wie Einmachgläser

Im Mittelpunkt der Erzählungen von Mir ist die Zunge so schwer stehen zumeist Menschen am Ende ihres Lebens und ihrer Kräfte, Menschen, deren Gegenwart längst an Gewicht und Klarheit verloren hat. Umso mehr Raum nimmt die Vergangenheit im Österreich der Dreißiger und Vierziger ein, als die Kriegsjahre ihren Alltag prägten. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt Lucia Leidenfrost die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, verlieren sich ihre Stimmen im Strom der Geschichte: Man muss ihnen zuhören, solange man noch kann. In ihren Erzählungen lässt die Autorin sie ein letztes Mal zu Wort kommen. Ohne Pathos oder erhobenen Zeigefinger schaut sie einfachen Menschen aus der österreichischen Provinz in die Köpfe und auf den Mund; sie bleibt dabei stets ganz nah an den Figuren, erlaubt sich keinerlei erzählerische oder historische Distanz – und das ist es, was den Ton von Mir ist die Zunge so schwer so einzigartig macht.

Im Fokus der Erzählungen stehen keine großen geschichtlichen Ereignisse, sondern das Alltägliche, das Zwischenmenschliche. Die Figuren sind gefangen in den Nöten und Zwängen ihrer Zeit, versuchen nichts weiter, als angesichts familiärer, gesellschaftlicher oder politischer Konflikte und Widerstände irgendwie über die Runden zu kommen. Die Moral kann da schon mal auf der Strecke bleiben – Opportunisten und Opfer trennt manchmal nicht mehr als eine einzige Entscheidung voneinander. Die Strategien der Verweigerung und Anpassung sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen Leidenfrost erzählt: Manche verlieren ihre Sprache, andere ihr Gehör; einer versteckt seine eigenen Kinder, schreckt aber nicht vor dem Verrat von Nachbarn zurück; die einen fliehen, während andere zurückbleiben müssen. Allen gemein ist jedoch das Schweigen über ihre Schuld und ihr Wegschauen, über die Schrecken, deren Zeugen sie wurden – ein Schweigen, das, obwohl es die Nachkriegsgeneration zu brechen versuchte, für immer eine große Leerstelle in der Geschichte bleiben wird. All die Menschen, die damals angeblich nichts gewusst haben: In Mir ist die Zunge so schwer bringt Lucia Leidenfrost sie glaubwürdig und einfühlsam zum Sprechen, und das macht ihr Debüt zu einem wirklich besonderen Buch.


Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer. 192 Seiten. Erschienen bei Kremayr & Scheriau. Zu meinem ausführlichen Interview mit der Autorin geht es hier entlang!