Aleida und Jan Assmann stellen bei lesen.hören 13 die Bücher ihres Lebens vor

IMG_5338Es ist zwar erst die vorletzte Veranstaltung von lesen.hören 13, allerdings die letzte, die am Abend stattfindet. Der volle Saal der Alten Feuerwache bietet Programmleiterin Insa Wilke daher die perfekte Gelegenheit für ein vorzeitiges Resümee. Wieder sei es ein so besonderes Festival geworden, dass es längst nicht mehr darum gehe, sich im Vergleich zum Vorjahr zu steigern, so Wilke. Sie spricht von magischen Momenten wie dem langen, nicht abgesprochenen Schweigen für Roger Willemsen, von der großen Resonanz des aufgeschlossenen und aufmerksamen Publikums, von der überaus positiven Rückmeldung der AutorInnen. Nicht zuletzt spricht Wilke aber auch den vielen Mitwirkenden ihren Dank aus: „Professionell sind sie auch anderswo. Die Herzenswärme im lesen.hören-Team ist jedoch ganz und gar einzigartig.“

Das Stichwort Herzenswärme nutzt Wilke dann auch, um zu den Gästen des Abends überzuleiten: Dem Forscherehepaar Aleida und Jan Assmann attestiert Wilke eine große Fülle an Lebenserfahrung und Enthusiasmus – beide stünden für eine aufrichtige Begegnung mit der Gegenwart. Moderiert von René Aguigah (Deutschlandradio Kultur) sollen die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler an diesem Abend über die Bücher ihres Lebens sprechen und anhand ihrer ausgewählten Beispiele zeigen, wie sich Leben und Lektüre miteinander verflochten haben. Warmherzig ist dann auch der langanhaltende Applaus, mit dem das Publikum die Gäste begrüßt, ein Beweis der großen Wertschätzung für das Ehepaar, das 2018 gemeinsam mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Spuren früherer Lektüren

In der Begründung der Preisverleihung heißt es, das Forscherpaar habe „sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriert und ergänzt“; trotz ihrer vielen Gemeinsamkeiten trafen Aleida und Jan Assmann für diesen Abend jedoch eine gänzlich unterschiedliche Buchauswahl. Zunächst stellt Aleida Assmann einen absoluten Klassiker vor: Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger – ein Roman, den man geradezu inhaliere, so Assmann. „Das Buch habe ich, wie man sieht, schon sehr lange in meiner Bibliothek. Es war ein Geschenk von Jan, als ich noch in die Schule ging – Jahre vor unserer Hochzeit“, erklärt sie. Das Buch trägt noch deutliche Spuren ihrer damaligen Lektüre, die Seitenränder sind mit etlichen handschriftlichen Kürzeln versehen. „So habe ich mir den Roman damals erschlossen: mit Schlüsseln und Codes“, sagt Assmann – und fügt zur Begründung ihrer Auswahl hinzu: „Der Roman war ein Code für eine ganze Generation, gab ihr eine neue Sprache.“ Den zweiten Roman ihrer Auswahl könne man, sagt sie, im Regal direkt neben Salingers Klassiker stellen: Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers. Doch obwohl auch dieses Buch schon lange in ihrem Regel gestanden hatte, las Assmann es erst vor einigen Jahren, als eine Studentin sich von ihr darüber prüfen lassen wollte: „Ich bin ihr so dankbar – das Buch hat mich umgehauen!“

McCullers schrieb den Roman bereits zehn Jahre vor Salinger, dennoch sieht Assmann in ihm ein Pendant zum Fänger im Roggen. Das Herz ist ein einsamer Jäger ist zwar multiperspektivisch geschrieben und erzählt von einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten, die von Gewalt und den Problemen der Rassentrennung geprägt ist, in einer der vielen Figuren – die jugendliche Mick – erkennt Assmann aber viele Parallelen zu Salingers Abweichler Holden Caulfield. „Beides sind uramerikanische Romane: Der Einzelne, der abweicht, muss gegenüber der Masse seine Ideale erkämpfen.“ 

Initialzündungen durch Bücher

Über beide Bücher hat Aleida Assmann nie professionell geschrieben, vielmehr haben sie einen hohen persönlichen Stellenwert für sie und sind dadurch zum Teil ihrer eigenen Identität geworden. „Ich habe meine Aufgabe anders verstanden als Aleida“, sagt ihr Mann Jan und erklärt daraufhin, wie er seine Auswahl für den Abend traf: „Die Bücher, die ich dagegen mitgebracht habe, prägten mich in meinem geistigen Werdegang.“ So auch Musikalische Reise ins Land der Vergangenheit von Romain Rolland, eine Aufsatzsammlung über klassische Komponisten, die Jan Assmann zu seinem elften Geburtstag geschenkt bekam. Große Literatur sei sie nicht, gibt er zu – ihr habe er allerdings seine große und lebenslange Liebe zu Georg Friedrich Händel zu verdanken. „Musik hat eine somatische Qualität“, schwärmt Assmann. „Wenn man Händel hört, spürt man es fast körperlich.“ Auch das zweite Buch seiner Auswahl war ein Geburtstagsgeschenk – jedenfalls fast. Für Väterchen steht im Einband von Karls Jaspers Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, diesem wollte Assmann das Buch eigentlich zu seinem 55. Geburtstag schenken. Noch ehe er es hätte überreichen können, hatte er das Buch jedoch bereits intensiv durchgearbeitet und etliche Stellen markiert. „Früher war mein Traumberuf Komponist, darin war ich aber nicht begabt“, sagt Assmann. „Nach diesem Buch wusste ich, was ich studieren wollte – um es, wie ich als Jugendlicher damals dachte, einmal besser zu machen.“ 30 Jahre später entdeckte er das Buch akademisch wieder und veröffentlichte mit Achsenzeit 2018 sogar ein eigenes Buch über den Klassiker von Jaspers. Auch für Aleida Assmann hat Karl Jaspers eine so große Bedeutung, dass sie ihn gemeinsam mit ihrem Mann ins Zentrum ihrer Dankesrede zum Friedenspreis stellte. „Ich schätze ihn aufgrund seiner Kritik an unserem eurozentrischen und überheblichen Weltbild“, so die Wissenschaftlerin. Es sei unsere große Aufgabe der nächsten Jahre, Europa in eine globalisierte Welt zu überführen. 

„Da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“

Die nächsten Romane ihrer eigenen Auswahl – Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja sowie Engel des Vergessens von Maja Haderlap – setzt Aleida Assmann abermals miteinander in Verbindung, wie sie es anfangs bereits mit Salinger und McCullers tat. Beide Autorinnen schrieben den Roman auf Deutsch und damit nicht in ihrer Muttersprache, beide lasen beim Bachmannpreis in Klagenfurt, beide beschäftigen sich in ihren Büchern mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dennoch gibt es einen großen Kontrast zwischen beiden Romanen: Während in Vielleicht Esther eine Familiengeschichte anhand weniger Fragmente rekonstruiert wird, ist es in Engel des Vergessens dagegen eine Überfülle an Erinnerungen, mit der sich die Protagonistin konfrontiert sieht. 

Auch das letzte Buch, über das an diesem Abend ausführlich gesprochen wird, hat etwas mit Erinnerung zu tun – und zwar die des Ehepaars Assmann an den 1987 verstorbenen Religionssoziologen, Philosophen und Judaisten Jacob Taubes. Gemeinsam gaben sie nach dessen Tod das redigierte Transkript seiner letzten Vortragsreihe als Buch heraus. Als Basis für Die politische Theorie des Paulus dienten lediglich Tonbänder der Vorträge und Diskussionen in schlechter Qualität. „Monatelang saß Aleida mit Kopfhörern am Schreibtisch“, erinnert sich Jan Assmann. „Sie hat es verstanden, die besondere Diktion von Taubes wiederzugeben.“ Es gibt aber nicht nur einen wissenschaftlichen Grund, weshalb er diese Veröffentlichung als eines der Bücher seines Lebens ausgewählt hat. „Die Begegnung mit Jacob Taubes hat unser beider Leben umgekrempelt. Er hat uns die Spur des Jüdischen in der europäischen Geistesgeschichte vor Augen geführt – da ist uns eine ganze Welt zugewachsen“, so Assmann. 

Für die restlichen Bücher, darunter Thomas Manns Joseph und seine Brüder, blieb am Ende des Abends nur noch Zeit für Kurzvorstellungen – und das aus einem einfachen Grund: Wenn Aleida und Jan Assmann ins Reden kamen, wollte niemand – einschließlich des Moderators René Aguigah – auf die Uhr schauen. Und das war auch gut so: Wenn die Bücher eines Lebens tatsächlich einen Teil der persönlichen Identität bilden, haben Aleida und Jan Assmann dem Publikum einen tiefen Einblick in ihr Innerstes geschenkt. An diesem Abend ging es schließlich nicht einfach nur um Bücher. Sondern um das, was sie in einem Menschen, in einem Leben bewegen können.

 

Nein heißt ja: Petra Piuk dekonstruiert die heile Welt des Schlagers bei lesen.hören 13

IMG_5337Wer meine bisherigen Beiträge zum inzwischen leider beendeten lesen.hören 13 in Mannheim verfolgt hat, dürfte einen Eindruck von der großen Vielfalt des diesjährigen Festivals bekommen haben. Klassische Wasserglaslesungen gab es zwar auch, etwa beim Auftakt mit Joachim Meyerhoff. Aber eben auch Diskussionen über neue Kritikformen bei Twitter, Auszüge aus den NSU-Protokollen, Live-Jazz zu Texten von Roger Willemsen. Oder aber, an diesem Abend: einen Heimatroman mit Schlagersongs. Beziehungsweise: deren Dekonstruktion. Im Gespräch mit der Komödiantin und Schauspielerin Cordula Stratmann stellte die österreichische Autorin Petra Piuk ihren zweiten Roman Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman vor – zusammen mit den von Christoph Pütthoff grandios ironisch intonierten Schlagersongs eine Kombination, die für einen sehr lebendigen und launigen Abend sorgte.

Häusliche Gewalt in Dörfern alltäglich

Abgedroschene Klischees von Heimat und Dorfidyll sind natürlich ein allzu dankbarer Stoff für einfache Lacher. Interessant wird es hingegen, wenn die Brüche, die Abgründe hinter der grotesken Scheinwelt zutage treten. Und eben diese Abgründe sind es auch, mit denen Petra Piuk in ihrem „Heimatroman“ so schonungslos wie komisch abrechnet. Immer wieder bricht häusliche und sexuelle Gewalt brutal in die vermeintlich heile Welt ein, die in Schlagern so gerne besungen, in Filmen so gerne idealisiert wird. Der Bruch ist aber nur ein scheinbarer: „In Österreich ist Gewalt gegenüber Kindern und vor allem Frauen gerade in ländlichen Gegenden noch weit verbreitet und für viele normal“, sagt Piuk. Zur Recherche sammelte sie über einen langen Zeitraum Lokalnachrichten über häusliche Gewalt und führte viele Interviews, teils sogar an überraschend auskunftsfreudigen Stammtischen. „Auch in Großstädten gibt es natürlich viel Elend. In Dörfern gibt es aber eine Form der vererbten Gewalt, die sich von Generation zu Generation überträgt“, so Piuk. Ein Kreislauf, der im hermetisch abgeriegelten Dorf nur schwer zu durchbrechen sei. So geht es auch den Figuren in ihrem Roman. Schon als Kind ahmt der vermeintliche Held Toni seinen gewalttätigen und sexuell übergriffigen Vater nach, als Erwachsener entwickelt er sich später zum emphatielosen Mörder, der nicht nur keine Ironie versteht, sondern Schlagertexte und Binsenweisheiten auch allzu wörtlich nimmt. „Der Roman erzählt die Geschichte, wie ein Täter entsteht“, sagt Piuk. Ganz so einfach sei es allerdings nicht: Alle Figuren seien sowohl Täter als auch Opfer zugleich.

Wut und Spieltrieb

Tatsächlich, stellt Piuk im Gespräch mit Stratmann fest, sei Gewalt der gemeinsame Nenner all ihrer Geschichten. „Wut ist ein ganz großer Motor für mich beim Schreiben. Das gleiche gilt für meinen Spieltrieb.“ Letzterer spiegelt sich in den gelesenen Passagen deutlich wider. Toni und Moni ist kein stringent erzählter Roman. Während Piuks sarkastischer Humor auch noch das letzte Dorfklischee gallig dekonstruiert, brechen Metaebenen und Fußnoten immer wieder den Erzählfluss auf oder bilden echte Zeitungsmeldungen einen harten Kontrast zur geschilderten heilen Welt. Doch so amüsant das Buch und der Abend in der Alten Feuerwache stellenweise ist, das Anliegen von Piuk ist ein Ernstes: „Natürlich will ich mit dem Roman auch Aufrütteln. Zu viele Menschen schauen weg, obwohl diese Probleme alltägliche Realität sind“, sagt die Österreicherin, die 2018 mit dem Preis Wortmeldungen für kritisches Denken in der Literatur ausgezeichnet wurde. „Man darf die Dörfer nicht abschotten, sondern muss stattdessen für Aufklärung, Frauenhäuser und mehr Beratungsstellen auf dem Land sorgen.“

Schlager zur Vergewaltigung

Sowohl die gelesenen Romanauszüge als auch das Gespräch sorgten für einen unterhaltsamen Abend, die heimlichen Stars waren aber tatsächlich andere: Christoph Pütthoff, Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, sang zwischen den Gesprächsblöcken in Begleitung vom Pianisten Günter Lehr die abgründigsten deutschen Schlagersongs der jüngeren Vergangenheit – und das mit solch ironisch gebrochener Inbrunst, dass ihm das hochamüsierte Publikum sicher auch einen ganzen Abend lang gelauscht hätte. Vermutlich wäre das allerdings nur schwer zu ertragen gewesen: Über Wenn ich an meine Heimat denke von Hansi Hinterseer kann man sich noch relativ harmlos amüsieren. Bei Uwe Busses Ich bin ein zärtlicher Tyrann bleibt einem dann schon mal das Lachen im Halse stecken. Wirklich abgründig wird es – zumal am Weltfrauentag, an dem die Veranstaltung stattfand – aber spätestens beim Song Nein heißt ja von G.G. Anderson, den Petra Piuk in ihrem Roman in eine Vergewaltigungsszene montiert: 

Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du / Warum willst Du Deinem Herz nicht trau’n / Nein heißt ja / Wenn man flüstert so wie Du / Du kannst mir ruhig in die Augen schau’n / Nimm den Mut in die Hand / Pfeif auf Deinen Verstand / Und vertrau darauf was Du fühlst / Oh – Nein heißt ja / Wenn man lächelt so wie Du

Das Publikum klatschte nach Aufforderung von Christoph Pütthoff beherzt mit. Der kleine, aber feine Unterschied zum Dorfzelt? Im Saal der Alten Feuerwache war es ironisch gemeint.

Schlecky Silberstein rechnet bei lesen.hören 13 mit dem Internet ab

IMG_5265„Viele meiner Zuhörer stellen anschließend überrascht fest: Ich habe kein einziges Mal gelacht“, sagt der Blogger und Comedy-Autor Christian Brandes alias Schlecky Silberstein einmal ironisch während der Lesung. Das stimmt an diesem Abend in der Alten Feuerwache zwar nicht ganz – aber so lustig wie erwartet ist die Lesung aus seinem Buch Das Internet muss weg tatsächlich nicht. Dafür ist Silberstein sein Anliegen auch viel zu ernst: „Das Medium, dem ich alles zu verdanken habe, ist irreparabel kaputt.“ Eine ziemlich brutale Diagnose. Aber Silberstein steht nicht gerade im Verdacht, ein rückwärtsgewandter Fortschrittsgegner zu sein, schließlich ist er das, was man einen digital native nennt, er ist mit dem und durch das Internet groß geworden. Für ihn ist es die größte Errungenschaft seit Erfindung des Rads – „in 100.000 Jahren wird man sagen: das war die große Zeitenwende der Menschheit“. Und das soll jetzt einfach weg, wie sein Buchtitel plakativ einfordert? Natürlich nicht, erklärt Silberstein. „Nicht das Internet muss weg, sondern die aktuelle Version davon – und die begann am 9.2.2009 mit der Einführung des Facebook-Likes.“

Ist es umsonst, bist du das Produkt

Eine große Gemeinsamkeit vieler Dystopien in Romanen oder Filmen sei, dass die Welt in ihnen von Konzernen regiert werde. Genau das treffe bereits auf unsere Gegenwart zu, in der Unternehmen wie Facebook, Google oder Apple eine enorme Machtfülle besäßen. „Weil sie hauptsächlich mit unseren Daten Geld verdienen und ständig neuen Rohstoff brauchen, hat sich die Architektur des Internets grundlegend verändert“, sagt Silberstein. Was den Datenhunger betreffe, gebe es eine einfache Faustregel: „Wenn ein Dienst nichts kostet, bist du das Produkt.“ Soziale Netzwerke funktionieren deshalb wie Kasinos, sie sollen gezielt Abhängigkeit erzeugen, damit ihre Nutzer durch ständige Interaktionen möglichst viele Daten preisgeben. Silberstein vergleicht die Wirkung des Like-Buttons mit Tierexperimenten – etwa mit Tauben, die umso öfter den Auslöser ihrer Futterstation betätigen, wenn die Futterausschüttung nicht garantiert ist. „Ein Statusupdate ist mit der Erwartung von Resonanz verbunden. Weil viele Likes nicht selbstverständlich sind, wird umso mehr Dopamin in unserem Belohnungszentrum ausgeschüttet, wenn ein Beitrag gut ankommt“, erklärt Silberstein. Diese Form des Brainhackings führe geradewegs in die Sucht – und zwar mit Vorsatz.

Abhängig von permanenter Resonanz sind aber nicht nur einfache User, sondern auch Journalisten. Gerade Online-Redakteure wollen immer die ersten sein, die eine Geschichte bringen, allein schon, weil sie dann mit Abstand die meisten Klicks generieren. Das hat Folgen für den Journalismus. Trendtools mit automatisierter Stichwortsuche bestimmen zunehmend, über was berichtet wird. „Deshalb schreiben alle das Gleiche, Themen werden geritten und nicht mehr gesetzt.“ Dadurch steige auch Risiko von Falschmeldungen oder schlecht recherchierter Artikel, was Silberstein am Beispiel der Meldung ausführt, in Schweden bräuchten Menschen vor dem Sex nun per Gesetz das formelle Einverständnis des anderen. Tatsächlich ging es dabei bloß um eine Selbstverständlichkeit – nämlich einvernehmlichen Sex. Die zehntausendfach geteilte übertriebene Auslegung einer Lokalzeitung führte binnen kürzester Zeit zu immer abstruseren Varianten bis hin zur „schriftlichen Einverständniserklärung“ bei Focus Online.

Wut ist die viralste Emotion

Auch die Debattenkultur habe sich durch die Mechanismen sozialer Netzwerke massiv verändert, sagt Silberstein. „Durch die ständige Empörung leben wir in einer Zeit der Hysterie. Das liegt aber nicht an uns. Diese Hysterie ist ein wichtiges Werk von Unternehmen.“ Angst sei für die Menschheit ein evolutionärer Vorteil gewesen, so lange es ums nackte Überleben ging. Jetzt sorge dieser Instinkt jedoch dafür, dass wir schlechten Nachrichten und negativen Emotionen deutlich mehr Aufmerksamkeit schenkten. Die Algorithmen sozialer Netzwerke nutzen das gezielt aus – was inzwischen selbst Wahlen entscheiden kann. „Studien belegen das: Wut ist die viralste Emotion. Kein Wunder also, dass rechtspopulistische Parteien die mit Abstand höchsten Interaktionsraten haben“, so Silberstein. Differenzierte Informationen seien dagegen reines Reichweitengift. Das bekam er nach einer missglückten Satire-Aktion auch selbst zu spüren. Silberstein stellte eine Nachrichtenseite mit erfundenen Horrormeldungen über Straftaten von Flüchtlingen ins Netz. Wer die Artikel anklickte, bekam jedoch stattdessen eine ironische Aufklärung über die Gefahr von Fake News zu lesen. Tatsächlich klickte aber nur jeder elfte den Link an, stattdessen wurden die erfundenen Meldungen bloß tausendfach in rechten Netzwerken geteilt. Nach nur anderthalb Wochen nahm Silberstein die Seite wieder vom Netz – weil sie zu erfolgreich war.

Auch die „richtige“ Empörung kann falsch sein

Sind die Menschen also schlechter geworden? „Die Rückwärtsgewandten gab es immer“, glaubt Silberstein. Sie seien jetzt lediglich miteinander vernetzt. „Vor dem Internet glaubten wir, in den Medien ein Abbild unserer Gesellschaft zu sehen. Tatsächlich zeigten sie aber nur das Weltbild der Medienschaffenden, die nun mal eher progressiv und liberal sind.“ Aber auch die Empörung auf der anderen Seite ist für Silberstein ein Teil des Problems, darum kritisiert er etwa die die aktuellen Debatten um den Karneval und politische Korrektheit. „Selbst wenn man Recht hat: Durch die ständige Zurechtweisung der anderen und Zurschaustellung der eigenen moralischen Überlegenheit werden gesellschaftliche Gräben unüberwindbar.“ Ein besonderes Problem sieht Silberstein bei Shitstorms auf Twitter: „Die Massenempörung gegenüber einem einzelnen hat ja in Wirklichkeit einen ganz anderen Adressaten – nämlich die eigenen Follower, denen man zeigen will, welche Werte man vertritt“, so Silberstein. Shitstorms seien ein typisches Beispiel für die Aufmerksamkeitsökonomie, die durch die Mechanismen sozialer Netzwerke entstanden sei.

Aufmerksam bleiben die vielen Zuhörer in der Alten Feuerwache auch ohne die vielen Gags, die manche vielleicht erwartet hätten. Schlecky Silberstein widmet sich seinem Thema zwar fundiert und mit dem nötigen Ernst, macht das aber zugleich so locker und unterhaltsam, dass ihn das Publikum mit anhaltendem Applaus um eine Zugabe bittet. Und der ist womöglich sogar lauter als sonst: Nicht wenige dürften den reflexartigen Griff zum Smartphone nach Silbersteins Ausführungen gescheut haben. Zumindest für einen kurzen Moment. Andererseits: So ein Foto von Schlecky Silberstein aus der Nähe – das bringt sicher viele Likes, oder?

Eine doppelte Hommage an James Baldwin bei lesen.hören 13

IMG_5264In den 50ern und 60ern galt James Baldwin als einer der wichtigsten Autoren der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, nicht selten wurde er aufgrund seiner Romane, Essays und bemerkenswerten Reden in einem Atemzug mit Malcom X, Medgar Evers oder Martin Luther King genannt, deren Ermordungen ihn nachhaltig verstörten. Dennoch geriet Baldwin nach seinem Tod 1987 besonders international beinahe in Vergessenheit. Das änderte sich spätestens im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung 2013: Trotz aller Fortschritte seit dem Ende der Segregation ist Rassismus in den USA noch immer ein allgegenwärtiges Problem, zu wenig hat sich in den Köpfen der Menschen während der vergangenen Jahrzehnte geändert. Dass auf Barack Obama als erstem schwarzen Präsidenten ausgerechnet ein offener Rassist wie Donald Trump nachfolgte, macht die Schriften von James Baldwin, literatisch ohnehin von zeitloser Qualität, aktueller denn je.

Spätestens I’m not your negro, Raoul Pecks oscarnominierter Dokumentarfilm über James Baldwins Textfragment Geschichte der Schwarzen läutete 2017 die weltweite Renaissance des Schriftstellers ein – und bildete am Sonntag im vollbesetzten Atlantis Kino den Auftakt zu einer Hommage an den großen Literaten bei lesen.hören13. Unterlegt von der Stimme Samuel L. Jacksons überführt Peck Filmaufnahmen aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung sowie Interviews und Reden Baldwins in unsere Gegenwart und verstört dabei immer wieder mit Aufnahmen aktueller Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Ein Film, der manchmal nur schwer zu ertragen ist – und eben darum so wichtig.

„Die Botschaft war klar: Du bist nicht wichtig.“

Im zweiten Teil des Thementags wurde in der Alten Feuerwache über die Relevanz und Aktualität von James Baldwins Schriften in Deutschland diskutiert, wo sein Werk seit letztem Frühjahr – beginnend mit seinem Debütroman Von dieser Welt – in Neuübersetzungen bei dtv erscheint. Während der Schauspieler Mehmet Ateşçi vom Gorki Theater Berlin Stellen aus Baldwins Debüt und einigen Essays las, sprachen Mirjam Nuenning als Übersetzerin afrodiasporischer und Schwarzer Literatur sowie der Autor Max Czollek, der 2018 mit seinem Buch Desintegriert euch! einen viel beachteten Denkanstoß zur Debatte um Integration und Zugehörigkeit veröffentlichte, mit der Moderation Verena Lueken von der FAZ über die Gründe, warum uns James Baldwin auch hier und heute noch viel zu sagen hat. 

Den Abend eröffnete jedoch Baldwin selbst: mit einem eingespielten Auszug einer Rede vor schwarzen Schulkindern, in der er über die eigene schockierende Erkenntnis als Kind sprach, dass er als Schwarzer in der Geschichtsschreibung der USA nicht vorkomme. Eine Erfahrung, die auch die Schwarze Mirjam Nuenning beim Aufwachsen in einem nordrhein-westfälischen Dorf machte: „Das Schulsystem und die Lehrpläne dort waren weiß – ich kam darin nicht vor. Die Botschaft ist klar: Du bist nicht wichtig.“ Umso wichtiger sei es darum, die Perspektive von Schwarzen und People of Colour stärker in den Fokus zu rücken, auch in der Literatur. „Ich bin eine Verfechterin des positionierten Übersetzens: Schwarze sollten Schwarze übersetzen – allein schon, weil Übersetzungen immer Interpretationen sind und dabei auch Gefühle und Erfahrungen eine Rolle spielen.“ Zudem seien sie sensibler für diskriminierende Begriffe. Nuenning macht sich aber nicht nur mit ihren Übersetzungen für Schwarze Perspektiven stark, sie gründete in Berlin zudem eine afro-diasporische Kita, in der sich die Kinder in Büchern, Puppen oder Spielzeug widergespiegelt fühlen sollen. 

Auch der Jude Max Czollek musste bereits früh die Erfahrung machen, dass es eine unsichtbare Grenze zwischen ihm und anderen gab. Er erinnert sich an Fernsehteams, die seine jüdische Schule besuchten, um die Kinder zu fragen, ob sie sich wohl in Deutschland fühlten. „Nach 1945 spielten die Juden eine große Rolle für die Selbstvergewisserung der Deutschen“, so Czollek. Mit der Desintegrationsthese in seinem Buch meine er allerdings keine Abkopplung einzelner Gruppen aus der Gesellschaft, sondern die Suche nach einem anderen Selbstverständnis und neuen Bündnissen. „Hier zitiere ich gerne Adorno: Man muss eine Gesellschaft ermöglichen, in der man ohne Angst verschieden sein kann.“ Gerade Verschiedenheit werde in Deutschland aber tendenziell als Gefahr wahrgenommen – und zwar nicht erst seit dem Aufstieg der AfD.

Ein schonungsloser Pragmatiker

James Baldwin war es wichtig, stets verschiedene Perspektiven zu beleuchten und brachte sogar Verständnis für die Weißen auf, die ihre Dominanz auch aufgrund ihrer Angst vor der berechtigten Wut der Schwarzen aufrecht erhalten wollten. Manche Bürgerrechtler warfen Baldwin deshalb vor, nicht radikal genug zu sein. „Er war ein beweglicher Schriftsteller, schrieb mit Giovannis Zimmer sogar einen Roman mit ausschließlich weißen Figuren“, sagt Czollek. Aber auch als Pragmatiker habe er offen über die Verletzungen und das realistische Leiden unter der weißen Dominanz geschrieben. „Zugleich suchte er genauso nach den Abgründen in seinen schwarzen Figuren. Diese Schonungslosigkeit war Baldwins große Stärke.“

Zwar las Mirjam Nuenning bereits mit 15 erstmals seine Essays, wirklich entdeckt hat sie James Baldwin jedoch genau wie Max Czollek erst während des Studiums in den USA, wo er als Autor, Essayist und Redner inzwischen kanonische Bedeutung erlangt hat – dort komme man an der Uni gar nicht um ihn herum, so Nuenning. Anders war es lange in Deutschland. Erst durch Zufall fand Czollek heraus, dass sein eigener Großvater einen von Baldwins Essays erstmals in der DDR verlegte. Man kann nur hoffen, dass James Baldwin im Zuge der Neuübersetzungen seiner Bücher bei dtv oder dem aktuellen Kinofilm Beale Street auch hierzulande der literarische Stellenwert eingeräumt wird, der ihm zusteht – bedauerlicherweise selbst mit Blick auf unsere Gegenwart.

Eine musikalische Erinnerung an Roger Willemsen bei lesen.hören 13

IMG_5185Am Ende herrscht Stille im Saal der Alten Feuerwache. Sie bildet die Klammer des Abends über Roger Willemsens Liebe zur Musik. Musik werde aus der Stille geboren, aus der Ruhe der Betrachtung, hieß es im ersten vorgetragenen Text aus seinem Nachlass. Was die Stille mit der Musik verbinde, glaubte er, sei das Gefühl, ganz bei sich zu sein. Dies trifft auf viele Gäste und besonders die Veranstalter an diesem Abend aber nur bedingt zu: Sie sind mit ihren Gedanken am Ende nämlich ganz beim 2016 verstorbenen Roger Willemsen. Auch wenn es niemand so bezeichnet, ist die lange Stille eine Schweigeminute für den Mann, der für immer untrennbar mit lesen.hören verbunden sein wird. Willemsen war ab der ersten Ausgabe 2007 bis 2015 Schirmherr und Moderator, ab 2013 auch Programmleiter des Literaturfestivals – und egal, mit wem man vor Ort spricht: Er fehlt schmerzlich. Trotzdem ist Musik höre ich wehrlos keine Trauerveranstaltung, im Gegenteil. Stattdessen wollen alle Beteiligten, darunter auch ehemalige Wegbegleiter Willemsens, auf der Bühne seine große Leidenschaft für Musik feiern.

„Mit Roger gemeinsam Musik zu hören, war immer etwas Besonderes“, sagt Insa Wilke, die nach seinem Tod nicht nur die Programmleitung von Willemsen übernahm, sondern auch zu seiner Nachlassverwalterin wurde. „Er hat stets auch die Geschichten und Gefühle hinter den Liedern gehört.“ Obwohl er gerne und oft über Musik sprach, hat er zeitlebens leider kein Buch über sie geschrieben. Dafür aber etliche Texte, die er für Auftritte, Kolumnen, Booklets verfasst hatte. Wilke stellte hundert von ihnen für die 2018 erschienene Sammlung Musik! Über ein Lebensgefühl zusammen und ist davon überzeugt, dass Willemsen mit dieser Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre.

Ehrfurcht und Verachtung

Das gilt ganz sicher auch für die Gestaltung des Abends. Die Texte werden grandios von den Schauspielern Markus John und Marion Mainka vorgetragen, mit letzterer hatte sich Willemsen oft die Bühne geteilt. Auch mit dem Pianisten Frank Chastenier vom gleichnamigen Jazz-Trio verband den Intellektuellen eine lange gemeinsame Geschichte. Die Band gibt an diesem Abend musikalische Antworten auf die gelesenen Texte. Anstatt die Songs, über die Willemsen schrieb, bloß nachzuspielen, spürt sie den Empfindungen nach, die er in ihnen erkannte: Lebendigkeit. Liebe. Schmerz. Nicht nur für Jazz-Enthusiasten eine beeindruckende Performance, immer wieder brandet noch während der Stücke Applaus auf.

Architektur und Musik seien die einzigen Künste, die Räume erschaffen könnten, so Willemsen. Und tatsächlich: Während man seinen Essays über Kindheitserinnerungen an Spielmannszüge und Kirmesmusik oder die Biografien genialer Jazz-Musiker lauscht, wähnt man sich beinahe in seinem Wohnzimmer beim gemeinsamen Hören. Über Musik schrieb Willemsen fachkundig, ohne fachzusimpeln – immer spielte auch das ehrliche Interesse an dem Menschen hinter ihr eine Rolle, die Ehrfurcht vor der Magie, die Musik gleichermaßen aus dem Nichts wie aus dem Innersten heraus entstehen lässt. Umso offenkundiger war deshalb auch seine Verachtung gegenüber jener Musik, die sich lediglich als Ware begreift. Willemsens beißend ironischer Text über Modern Talking und Helene Fischer („das größte gemeinsame Einfache“) brachte das Publikum in der Alten Feuerwache immer wieder zum Lachen und sorgte damit für die richtige Dosis Auflockerung in einem ansonsten angemessen feierlichen Programm.

Musik, fand Willemsen, sei wie eine Landschaft. Wer unterwegs sein wolle, müsse sich verlieren können und Dinge hinter sich lassen. Eines an diesem Abend wird jedoch klar: Nur weil wir Roger Willemsen verloren haben, müssen wir ihn noch lange nicht hinter uns lassen. Dafür hat er uns in den Texten, die er hinterließ, noch viel zu viel zu sagen.


Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl. Herausgegeben von Insa Wilke, erschienen 2018 bei S.Fischer, 512 Seiten. Hier entlang zu meiner Besprechung von Roger Willemsens Wer wir waren.

Was ist das für 1 Kritik vong Internet her? Joshua Groß, Lisa Krusche und Lars Weisbrod im Gespräch bei lesen.hören 13

IMG_5136Man muss nicht die Tweets von Menschen wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verfolgen, um zu wissen, was falsch läuft in der Welt. Aber es hilft. Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta! Das komplette neoliberale Weltbild in a nutshell – Hut ab. Das kann, das sollte man kritisieren. Genau wie die AfD, wie Trump, die Brexiteers, die skrupellosen Konzerne, die ausbeuterischen Startups oder all die anderen Endgegner, die unsere Gegenwart zu der moralischen Bankrotterklärung machen, die sie nun mal ist. Allein: Es bringt nichts. Das jedenfalls meinen die Macher der Anthologie Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus, die Texte von Autoren wie Clemens Setz und Leif Randt oder Twitter-Künstlern wie Kurt Prödel, Startup Claus und Dax Werner vereint – und zu dem Schluss kommt, „dass der Neoliberalismus die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, bereits mitdenkt und nur mit und aus sich selbst heraus geschlagen werden kann.“ Klingt nach schwerer Kost? Ist tatsächlich aber ebenso komisch wie klug.

„Hier entsteht eine Generation junger Künstler, die eine neue Sprache und neue Formen suchen, um die Gegenwart zu erfassen“, glaubt lesen.hören-Programmleiterin Insa Wilke. Deshalb lud sie den Mitherausgeber des Bandes, Joshua Groß, und die Autorin Lisa Krusche ein, um im Jungen Nationaltheater gemeinsam mit dem Twitter-affinen ZEIT-Redakteur Lars Weisbrod über das Phänomen hinter Mindstate Malibu zu sprechen. „Besonders bei Twitter haben wir es mit neuen Sprachcodes zu tun, einem Mix aus Anspielungen und Versatzstücken etwa aus der Business-Sprache“, erklärt Weisbrod zu Anfang. Wie das im Konkreten aussieht? Die Stichworte sind Überaffirmation, Rekontextualisierung, Power-Dada. Etwa, indem sich in Tweets Inhalte zu Eigen gemacht werden, die eigentlich abgelehnt werden. Aber in schlecht. „Neoliberale Strategien werden zugespitzt und durch die Übersteigerung gebrochen“, sagt Lisa Krusche, die in Hildesheim literarisches Schreiben und in Braunschweig Kunstgeschichte studiert. Ganz neu sei das Konzept natürlich nicht, subversive Affirmation und Kommunikationsguerilla habe es schließlich bereits in den 60ern gegeben – das Internet habe die Form allerdings stark verändert. Vor allem ist es dort lustiger: „Es ist ermüdend, immer nur zu kritisieren – es darf auch Spaß machen.“ 

„In den letzten Jahren war das Schlagwort der merkelschen Alternativlosigkeit prägend“, sagt Herausgeber Joshua Groß, der 2018 als Autor beim Bachmann-Preis las. „Aber man kann Gegenwart auf sprachlich-ästhetischer Ebene anders denken.“ Etwa, indem man den vermeintlich motivierenden Tweet eines ausbeuterischen Startup-Chefs eins zu eins kopiere, dabei aber Fehler einbaue: „Das zeigt, dass an der Message etwas nicht stimmt.“ Für Krusche ist eine solche Rekodierung auch eine Form des Empowermemts, als Beispiel nennt sie die Instagrammerin Signe Pierce, die Geschlechterklischees auf die Spitze treibt und auf diese Weise hinterfragt: „Durch eine Rekontextualisierung schaue ich anders auf die Dinge. Man muss bloß einen Bruch, einen Riss einbauen.“

Nur: Warum muss das alles so trashig sein wie etwa das Musikvideo von Twitter-Autor Kurt Prödel, den sogar Clemens Setz als Vorbild nennt? Ist das nichts weiter als ein postmodernes Spiel mit Ironie? „Natürlich ist das ironisch“, sagt Groß. Es sei zugleich aber auch Kunst: „Wir leben in einer Zeit, in der wir immer performen müssen, keinen Makel haben dürfen. Das ist ein Bruch damit.“

„Wir brauchen eine utopische Kritik“

Am Beispiel des Rappers Money Boy zeigt sich dagegen, dass das Spiel mit Überaffirmation auch zu weit gehen kann. Der harte und ziemlich dämliche Gangster-Rapper ist eine Kunstfigur, in Wahrheit hat Sebastian Meisinger nicht nur einen Uni-Abschluss, sondern sogar seine Diplomarbeit über Rap und dessen Auswirkungen auf Jugendliche geschrieben. Dass er mit seinen frauenverachtenden Texten nur bekannte Klischees aufgreift, ändere jedoch nichts an ihrer negativen Wirkung, findet Lisa Krusche. Auch Groß glaubt, dass sich Meisinger inzwischen nicht mehr von der Kunstfigur trennen lasse: „Das ist wie bei Udo Lindenberg miteinander verschmolzen.“ Bei aller ironischen Überaffirmation darf der Ernst also nicht nicht gänzlich auf der Strecke bleiben. Joshua Groß bringt das im Twitter-Duktus auf den Punkt: „Nur wenn durch alle Ironie-Layer ein struggle durchscheint, ist es ein guter Tweet.“

Mit alles verneinender Kritik ist es für ihn ohnehin nicht getan. „Was wir brauchen, ist eine utopische Kritik. Entscheidend ist die Frage, wie wir in dieser Welt leben wollen“, so Groß. In diese Kerbe schlägt auch das Manifest des Podcast-Duos Creamspeak aus Mindstate Malibu, das zwischen den Gesprächen von Johannes Bauer, einem Schauspieler vom Jungen Nationaltheater, mit Verve vorgetragen wird: Ein sehr komischer und kluger Text über die Götter, die wir uns ausdenken, weil wir glauben, sie zu brauchen. Als wir den biblischen „Schlechte-Laune-Influencer“ hinter uns ließen, ersetzten wir ihn durch neue Götter wie Prestige, Leistung, Geld, einen Master in BWL. Paul Ziemiak gefällt das. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Tschuligom, was letzte preis?


Mindstate Malibu. Herausgegeben von Joshua Groß, Johannes Hertwig und Andy Kassier in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Erschienen bei Starfruit Publications, 320 Seiten. Zwei sehr lesenswerte Rezensionen zum Buch sind in der Süddeutschen und der ZEIT erschienen.

Auftakt von lesen.hören 13 mit Joachim Meyerhoff

IMG_5068Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin neidisch. Auch in Stuttgart gibt es schöne Veranstaltungsorte, selbst wenn die meisten im Vergleich zum imposanten Saal der Alten Feuerwache vermutlich den Kürzeren ziehen würden. Auch in Stuttgart gibt es interessante Lesungen oder tolle Literaturveranstaltungen wie etwa den Sommermarkt der unabhängigen Verlage. Aber ein 17-tägiges Literaturfest, das programmatisch so ziemlich alles richtig macht, was man richtig machen kann – und das ganz ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack trotzdem für ausverkaufte Lesungen sorgt? Das hat nur Mannheim. Ein bisschen ist es wie mit dem Neckar. Der fließt genauso durch Stuttgart wie durch Mannheim, nur gibt es in der Landeshauptstadt anders als hier keinen einzigen schönen Fleck zum Verweilen am Ufer. Es kommt eben drauf an, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Und darauf, was man will. Ein anspruchsvolles und zeitgemäßes Kulturprogramm anzubieten ist eine bewusste Entscheidung – und die braucht Leidenschaft und Engagement.

Beides spürt man bei allen, die lesen.hören 13 organisieren, mehr als deutlich. Entsprechend groß ist dann auch die Freude, wenn es nach Monaten der Planung und vielen Überstunden endlich losgeht und ein voller Saal die Mühen belohnt: Der Auftakt des dreizehnten Literarurfests ist restlos ausverkauft, und das gilt, wie der Geschäftsführer der Alten Feuerwache Sören Gerhold bei seiner Eröffnungsrede betont, für fast alle Veranstaltungen in den nächsten 17 Tagen – einschließlich des ebenso umfangreichen Kinder- und Jugendprogramms. Das ist alles andere als selbstverständlich, denkt man an sinkende Leserzahlen und die Dauerkrise der Buchbranche, die durch die KNV-Insolvenz gerade erst aufs Neue virulent geworden ist. Für die Strategie vieler Publikumsverlage, deshalb nur noch auf die angeblichen Lesebedürfnisse der Masse zu schielen, zeigt Insa Wilke, die Programmleiterin von lesen.hören 13, in ihrer Eröffnungsrede nur wenig Verständnis: „Bücher müssen aus Überzeugung gemacht werden. Dass wir uns beim Lesen bloß wohlfühlen wollen, ist ein Gerücht.“ Bücher sollten die simple wie entsetzliche Tatsache, dass wir alle sterben werden, nicht ausblenden – ganz im Gegenteil. „Wir suchen in Büchern das Leben, suchen Antworten auf die Fragen, die uns unser eigenes Leben stellt. Das ist die Funktion von Literatur.“

Joachim Meyerhoff war bereits seit Jahren Wunschkandidat

Allerdings schlössen Schmerz und Lachen einander nicht aus, findet Wilke – und leitet damit passend über zum ersten Gast des Literaturfests: Genau dieser Gegensatz zwischen Humor und Trauer macht schließlich den Kern von Joachim Meyerhoffs Romanen aus. Meyerhoff ist ein komischer Autor, die Bücher seines autobiografischen Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch sprudeln über vor Sprachwitz, Pointen und skurrilen Anekdoten – und doch ist da immer auch Schmerz, Leid und Trauer. Etwa über den Verlust seines Bruders, seine lange Erfolglosigkeit als Schauspieler, seine Selbstzweifel. Oder aber über die Liebe: Die steht nämlich im Fokus des vierten Bandes Die Zweisamkeit der Einzelgänger, aus dem Meyerhoff an diesem Abend liest. Schon seit Jahren versuchte das lesen.hören-Team, den Schauspieler und Autor nach Mannheim zu locken, nie hat es geklappt. Darum war es nach seiner Zusage für 2019 nur logisch, den ewigen Wunschkandidaten dann auch das Festival eröffnen zu lassen.

Von seinem Vortragskönnen haben sie sich nicht zu viel versprochen: Der Bühnenschauspieler Meyerhoff liest mit seiner sonoren Stimme so lebhaft, dass es beinahe an eine Performance grenzt, und hat das amüsierte Publikum von Anfang an im Griff. Bei vielen kann eine anderthalbstündige Wasserglaslesung schnell mal zur Geduldsprobe werden, Meyerhoff hingegen vermag die Zuhörer bis zur letzten Minute zu fesseln. Das liegt auch an seiner Textauswahl: Meyerhoff beschränkt sich auf die launigeren Passagen im Buch und will sein Publikum vor allem zum Lachen bringen: ein Familienurlaub auf Elba, in der er sich als Junge mit beschlagener Taucherbrille an den FKK-Strand wagt und vor allen seine erste Erektion bekommt. Ein nächtlicher Spaziergang mit seiner Freundin Hannah, der zu einem Einbruch und Sex in einem Schuhgeschäft führt. Eine Kunstperformance, die Meyerhoff ausgerechnet beim Vortrag von Paul Celans Gedicht Die Todesfuge mit einem Lachkrampf ruiniert. In je einem Text stellt Meyerhoff Hannah, Franka und Ilse vor – die drei Frauen, die er alle zur selben Zeit liebte. „Ich würde jetzt gerne betroffen gucken, aber: Ich fand das toll, es war eine aufregende Zeit – auch wenn sie natürlich in einer Katastrophe endete“, erklärt Meyerhoff amüsiert. „Davon handelt das Buch: Dass man sich nach Dingen sehnt, die schön sind, aber trotzdem nicht gehen.“

Das Publikum hätte sich auch nach anderthalb Stunden noch nach mehr gesehnt und bedankte sich bei Meyerhoff mit anhaltendem Applaus und einer langen Schlange vor dem Signierstand. Und ich? Hätte gerne etwas mehr von dem Schmerz erfahren, der Joachim Meyerhoffs Bücher eben genauso ausmacht wie ihr Humor. Dass sich Zuhörer bei Lesungen immer wohlfühlen wollen – auch das ist nämlich ein Gerücht. Ein Wermutstropfen, wenn auch nur ein kleiner: Bestens unterhalten habe ich mich trotzdem gefühlt. Umso größer ist nun meine Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen an diesem Wochenende.

 

lesen.hören 13 in Mannheim

Bildschirmfoto 2019-02-19 um 22.00.02Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt: Dass ich schon seit Monaten nicht mehr zum Bloggen komme, tut mir mehr weh als euch. Befürchte ich zumindest. Dabei würde ich zu gerne etwas über die Bücher schreiben, die ich zuletzt gelesen habe – und werde das auch tun, sobald ich wieder dazu komme. Momentan bin ich beruflich aber einfach zu stark eingespannt, um dem Anspruch, den ich an mich selbst beim Rezensieren stelle, wirklich gerecht zu werden. Zum Glück darf ich meinen Blog ab dem kommenden Wochenende aber zumindest zeitweise aus dem Winterschlaf wecken: Ich habe nämlich die Ehre, das dreizehnte lesen.hören-Literaturfest als Blogger zu begleiten und damit in die großen Fußstapfen von Caterina Kirsten und Isabella Caldart zu treten.

Ab dem 22. Februar steht die Alte Feuerwache in Mannheim wieder für 17 Tage ganz im Zeichen der Literatur und lädt zu abwechslungsreichen Veranstaltungen mit Autoren, Schauspielern, Journalisten, Kritikern und Musikern. Das Programm liest sich jedenfalls schon mal großartig, umso mehr freue ich mich deshalb aufs erste Hören am Freitag – den Auftakt macht der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff mit Die Zweisamkeit der Einzelgänger, dem vierten und vorerst letzten Band aus seinem autobiografischen Romanzyklus. Meinen ersten Blogbeitrag über lesen.hören 13 gibt es am Samstag aus dem Gästezimmer im Turm der Alten Feuerwache, Live-Eindrücke vor Ort natürlich bereits am Freitag Abend bei Instagram.

Unterschrieben! #2

img_4883Auf manche Briefe wartet man ja schon lange, bevor sie überhaupt verschickt wurden. Jetzt habe ich das Happy End von 2018 auch schwarz auf weiß: Mein nächster Roman erscheint im Frühjahr 2020 als Hardcover beim wunderbaren Verlag Voland & Quist!

Das bedeutet zugleich aber auch den Abschied von meinen ans Herz gewachsenen Verlegern Jürgen Volk und Ansgar Köb bei duotincta, die mir mit meinem Debüt Dezemberfieber vor mehr als drei Jahren den Startschuss als Autor ermöglichten – und immer Verständnis für meine Entscheidung hatten, mir für den nächsten Roman trotz unserer guten Zusammenarbeit eine (übrigens sehr, sehr tolle!) Agentur zu suchen. Es bleiben nicht nur schöne Erinnerungen an gemeinsame Lesungen und Messen, sondern auch echte Freundschaft und Verbundenheit, die Bestand haben werden. Auch wenn ich das natürlich nur schreibe, um mein Anrecht auf Gratisbier am duotincta-Messestand in Leipzig nicht aufs Spiel zu setzen.

Immerhin bleibe ich in der Nachbarschaft: In den letzten beiden Jahren lag der Messestand von Voland & Quist gleich gegenüber. Nach unserem Kontakt in den letzten Wochen bin ich davon überzeugt, dass ich mich in meiner neuen Verlagsfamilie ganz genauso zuhause fühlen werde. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit und darauf, in diesem Jahr endlich wieder erleben zu dürfen, wie aus meinem Manuskript ein Buch wird. Und zwar ein richtig schönes, wenn man die jüngsten Veröffentlichungen meiner neuen Heimat zum Maßstab nimmt. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Heimat der Toten. Über „Das Feld“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler - Das FeldGleich 29 Verstorbene lässt Robert Seethaler in seinem Roman „Das Feld“ zurück auf ihr Leben blicken und verknüpft ihre Geschichten zu einem bewegenden Kleinstadtporträt. Ein Roman so vielfältig, traurig und schön wie das Leben selbst.

Die letzten Worte eines Menschen: Da denkt man an Pathos und Reue, an finalen Erkenntnisgewinn und überhöhte Einsichten in das, was im Leben wirklich zählt. Man denkt an moralische Belehrungen, an Kitsch. Und an Autoren, die aus diesem Stoff einen esoterischen Roman voller spontan mit Weisheit gesegneter Besserwisser gemacht hätten. Nicht so Robert Seethaler. Die toten Paulstädter, die er in Das Feld zu Wort kommen lässt, wissen es nicht besser. Anstatt von einer höheren Warte aus zu erzählen, bleiben sie auch zwei Meter unter der Erde noch immer, wer sie zu Lebzeiten waren. Die alltäglichen Kämpfe haben sie zwar hinter sich gelassen, auch scheinen alle ihren Frieden mit dem Tod gemacht zu haben, weiser ist allerdings keiner von ihnen geworden. Weder hat der korrupte Bürgermeister aus seinen Fehlern gelernt, noch bereut der Bauer mit dem schlechten Boden die lebenslange Vergeblichkeit seines Tuns. Ein Vater gibt seinem Sohn Ratschläge aus dem Jenseits, die kaum über Renovierungstipps hinausgehen, eine alte Frau blickt auf ihre 67 Liebhaber zurück, während eine andere für ihre Mitbürger bloß noch ein einziges Wort übrig hat: „Idioten“.

Selbstgespräche auf dem Friedhof

29 zumeist einfache Menschen, darunter Alte wie Kinder, Einfältige wie Kluge, Zufriedene wie Ruhelose lässt Robert Seethaler in Das Feld nach ihrem Tod sprechen. Doch die wenigsten wenden sich an die Lebenden. Vielmehr führen sie Selbstgespräche, sie klammern sich zwar nicht an ihr Leben, sehr wohl aber an das, was es einmal ausmachte. Manche erinnern sich ans Sterben, andere ziehen Bilanz, die meisten aber bleiben wenigen Augenblicken verhaftet, die sie in besonders intensiver Erinnerung behielten – und sei es bloß ein unbeschwerter Tag in ihrer Kindheit. Jeder erzählt von dem, was er in seinem Leben als besonders wichtig oder prägend empfand. Von einem Gefühl, einem Moment, einer Person.

„Ein Sonntag ohne dich war nicht vollständig. Dich lieben, dann neben dir liegen, im Bett, im Gras, im Schnee. Das war alles.“

Die kurzen Episoden sind nur lose miteinander verknüpft und auch nicht chronologisch geordnet, und doch vermitteln sie, je mehr Menschen man aus Paulstadt kennenlernt, ein immer präziseres Bild vom Leben in diesem Ort. Irgendwann glaubt man sie zu kennen, die Paulstädter, man nimmt Teil an ihrem Alltag und kennt die Gerüchte und Geschichten, die sie sich erzählen, die kleinen und großen Katastrophen, die Beziehungen untereinander. Man nickt wissend, wenn von Pfarrer Hoberg und seiner brennenden Kirche oder dem eingestürzten Einkaufszentrum die Rede ist, von den Verlierern abends am Tresen im Goldenen Mond oder dem Kind im Sumpf. Indem Robert Seethaler aus den Leben dieser Menschen erzählt, erzählt er zugleich vom Leben in ihrer Stadt. Das Feld ist kein Porträt von 29 Verstorbenen. Es ist das Porträt einer ganzen Gemeinde, ein Heimatroman – umso wehmütiger stimmt dann auch der Abschied aus Paulstadt nach der letzten Seite. Schließlich hatte man sich hier gerade erst eingelebt.


Robert Seethaler: Das Feld. Erschienen bei Hanser Berlin und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 240 Seiten. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 1/2019 – erhältlich auch als kostenloses PDF zum Download.