Unendlicher Spaß

Der Teufel ist im Kommen. Zwei Reportagen über die Zeit, in der wir leben (2/2)

In dieser Woche stelle ich zwei Reportagen vor, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander gemein haben: Während Nadine Wojcik dem Exorzismusboom in Polen auf den Grund geht, schreibt David Foster Wallace über seinen Besuch einer Pornomesse im Jahr 1998. Beide Texte berichten über Parallelwelten, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und dennoch erschreckend symptomatisch für die Zeit sind, in der wir leben.

2. „Der große rote Sohn“ von David Foster Wallace

9783462316148Was den meisten Menschen zu David Foster Wallace einfällt? Sicher zuerst sein Meisterwerk Unendlicher Spaß, an das sich aufgrund seiner Länge und Komplexität nur die wenigsten herantrauen. Und an zweiter Stelle? Vermutlich das unendliche Leid, das er in vielen seiner Texte verarbeitete und das den schwerdepressiven Wallace 2008 in den Selbstmord trieb. In jedem Fall ist David Foster Wallace als scharfsinniger Beobachter des Zeitgeists und einer der klügsten Autoren seiner Generation bekannt. Was viele nicht wissen: Er war auch einer der lustigsten. Gerade seine nicht-fiktionalen Texte – allen voran die Kreuzfahrt-Reportage Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich – sind deshalb ein idealer Einstieg in sein Werk. Sie sind zugänglicher als seine oft sperrige Kurzprosa und deutlich kürzer als die Romane, zeigen aber alles, was Wallace so besonders machte: seine sprachliche Brillanz und seinen Humor, seine präzise Beobachtungsgabe und seine Neugierde, nicht zuletzt aber auch seine Fähigkeit, vom Kleinen aufs große Ganze zu schließen. Der große rote Sohn, wie die meisten seiner Texte kongenial von Ulrich Blumenbach übersetzt, ist von all seinen Reportagen wahrscheinlich die amüsanteste.

1998 reist Wallace im Auftrag einer Zeitschrift nach Las Vegas, um dort über eine der größten Preisverleihungen der Pornobranche und die damit verbundene Messe zu schreiben – im Schlepptau von zwei Brancheninsidern, die nicht nur mit allerhand Gossip aufwarten können, sondern ihm auch Zugang zu dem inneren Zirkel eines berüchtigten Hardcore-Produzenten verschaffen. Süffisant kommentiert Wallace die skurrilen, teils auch erschreckenden Eigenheiten dieser Parallelwelt und stellt fest: „Vieles an der heutigen Pornoindustrie scheint eine unbeholfene Parodie von Hollywood und der ganzen Nation zu sein.“ In seinen Beobachtungen entlarvt er die ganze Lächerlichkeit eines Geschäfts, das es wirtschaftlich locker mit Hollywood aufnehmen kann; nicht umsonst nennen es Brancheninsider den bösen Zwilling von Hollywood – oder den „großen roten Sohn“ des Mainstreams. Wallace schaut hinter die Fassaden der Branche und die der Menschen, die in ihr arbeiten – sofern hinter den grell überschminkten Gesichtern überhaupt etwas zu finden ist. Aller (unfreiwilligen) Komik zum Trotz interessiert er sich vor allem für das, was Pornografie aus der Gesellschaft und uns Menschen macht: sowohl aus denen, die sie konsumieren, als auch aus denen, die sie schaffen. Auch sich selbst nimmt der Autor aus seinen Beobachtungen nicht heraus: Wie fühlt er sich, wenn er mit Frauen, die er zuvor bloß aus Pornos kannte, plötzlich gemeinsam in einem Hotelzimmer sitzt?

Make Hardcore great again

So witzig sich Der große rote Sohn oft auch liest, Wallace erliegt nie der Versuchung, sich dem Klamauk hinzugeben. Vielmehr bereitet ihm die Entwicklung der Branche ernsthaft Sorgen: Weil sich mit gewöhnlicher Pornografie kaum noch schockieren und Aufmerksamkeit erzeugen lässt – auch aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Internets – werden die Grenzen des guten Geschmacks immer weiter verschoben. Die Erotikindustrie führt, ähnlich wie die Tabaklobby, längst einen PR-Kampf gegen die political correctness. Aufgrund der Zwänge der Aufmerksamkeitsökonomie werden Pornos werden immer härter, immer frauenfeindlicher, immer perverser; in den Augen von Wallace verändert dies nicht nur die Branche, sondern auch unsere Gesellschaft. Und führt uns geradewegs in die heutige Zeit. Denn obwohl David Foster Wallace seine Reportage bereits 1998 schrieb, wirkt sie an manchen Stellen aktueller denn je. Insbesondere seine Begegnung mit dem Pornoproduzenten Max Hardcore liest sich in diesen Tagen wie eine bitterböse Satire auf Donald „Grab them by the Pussy“ Trump; immer wieder fühlt man sich an seine Hybris, seine Vulgarität, seine gefährliche Lächerlichkeit erinnert. Etwa, als der egozentrische Produzent (der sich, weil seine Filme bislang nie einen Preis bekamen, im letzten Jahr einfach eine Trophäe stahl) ein geeignetes Coverfoto für die Reportage von Wallace vorschlägt:

„Max Hardcore mit mehreren AVN-Trophäen in den Armen, die er, sein Ehrenwort, alle ehrlich gewinnen oder halt auf andere Weisen an sich bringen wird, und er sitzt in einem majestätischen und echt hübschen Sessel mitten auf dem palmengesäumten Boulevard des berühmten Las Vegas Strip – damit der Fotograf jede Menge verschwommenes Neon und angemessen phallische Gebäude aufs Bild bekommt -, während sich eine Entourage leicht geschürzter Starlets verzückt über ihn drapiert, ihm zu Füßen liegt oder beides. Hier ist unbedingt anzumerken, dass keinerlei ironische Gänsefüßchen zu hören sind, und Max’ Gesicht zeigt keine Spur von Verlegenheit, Beschämung oder Befangenheit, während er uns die Szene ausmalt; er ist ungefähr so ernst, wie Irving Thalberg immer gewesen sein muss.“

Knapp zwanzig Jahre später ist die Verrohung, die Wallace im Hinblick auf die Pornoindustrie befürchtete, längst zum Teil unserer politischen Kultur geworden. Provokationen und Tabubrüche, die vor einiger Zeit noch das gesellschaftliche und politische Aus bedeutet hätten, sind inzwischen der einzige zuverlässige Garant für Aufmerksamkeit. Früher wurde ein egozentrisches Großmaul wie Max Hardcore nur Pornoproduzent, heute wählt man jemanden wie ihn zum mächtigsten Mann der Welt – noch so ein großer roter Sohn, könnte man meinen. Keine Frage: David Foster Wallace würde unsere Gegenwart kaum ertragen. Aber er hätte umso mehr über sie zu sagen gehabt. Sein Scharfsinn und sein sezierender Humor fehlen in diesen Tagen mehr denn je.


David Foster Wallace: Der große rote Sohn. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Mehr zum Autor auf meinem Blog: Vor einigen Jahren sprach ich mit Ulrich Blumenbach über die Übersetzung von Wallace‘ Romanen. Außerdem habe ich im Mai 2015 seine Kurzgeschichte Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache besprochen.

118 Gramm Schwermut.

trillophonKeine Frage, David Foster Wallace ist kein literarisches Leichtgewicht. Auch buchstäblich nicht: Sein Mammutroman „Unendlicher Spaß“ bringt in der Hardcover-Version ganze 1,48 kg auf die Waage und ist damit nicht nur inhaltlich alles andere als leichte Lektüre. „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, Wallaces erste publizierte Kurzgeschichte aus dem Jahr 1984, bringt es dagegen gerade einmal auf magere 118 Gramm und wirft damit die Frage auf, ob der geringe Textumfang eine Veröffentlichung als eigenständiges Buch rechtfertigt.

Anstatt seine bislang in Deutschland unveröffentlichten Texte zu einem letzten Band zusammenzufassen, der die Vielfalt seines Wirkens und Könnens unter Beweis stellt, hat Kiepenheuer & Witsch ähnlich wie bei „Am Beispiel des Hummers“ oder „Das hier ist Wasser“ einen relativ kurzen Text mit kinderbuchgerechtem Schriftbild und einer nur für wenige Leser interessanten Englischfassung unverhältnismäßig aufgeblasen, um auch noch die letzten Krümel von Wallace als Kuchen zu verkaufen. Brauchte man für die unzähligen Fußnoten seines wichtigsten Romans beinahe eine Lupe, ließe sich dieses Büchlein auch mit ausgestrecktem Arm noch gut lesen. Von meiner Oma. Einzelgeschichten oder Essays wie eine Single zu veröffentlichen, ist nur dann eine gute Idee, wenn Inhalt und Preis in einem fairen Verhältnis zueinander stehen. Sechs Euro für eine bestenfalls zwanzigminütige Lektüre stehen jedoch weder in Relation zu den 17,99 € für 1552 Seiten unendlichen Spaßes noch zur Preisentwicklung auf dem E-Book-Markt; die digitale Variante der Kurzgeschichte ist großzügigerweise um einen ganzen Eurocent günstiger und damit fast ein Schnäppchen – zumindest für diejenigen, die ihre Kugelschreiber gerne im Ein-Euro-Shop kaufen. Einzeln, versteht sich.

Diese Veröffentlichung ist leider symptomatisch für vieles, das derzeit bei den etablierten Verlagshäusern falsch läuft. Dass ich mich trotzdem für dumm verkaufen ließ, hat drei Gründe. Zum einen hat mich David Foster Wallace in „Unendlicher Spaß“ so stark beeindruckt wie kein Autor zuvor; er hat die Messlatte für mich nicht einfach bloß höher gehängt, sondern geradezu die Skala gesprengt. Zum anderen freue ich mich, wenn die herausragende Arbeit seines sympathischen Übersetzers Ulrich Blumenbach gewürdigt wird. Zu guter Letzt hat mich auch das Thema von „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ gereizt: Depressionen spielen auch in Dezemberfieber eine zentrale Rolle. Während in meinem Roman die Krankheit einem Menschen die Sprache raubt und mit ihr seine Persönlichkeit, sucht Wallace genau dort sein Heil: Im Ringen um Worte für das Unaussprechliche will er seine Depressionen mit offenem Visier bekämpfen. Schon in seinem opus magnum hat David Foster Wallace das Wesen seelischer Krankheiten so schmerzhaft präzise auf den Punkt gebracht wie kaum ein anderer. Nirgends schrieb Wallace so offen über seine persönlichen Abgründe wie in „Unendlicher Spaß“ – außer eben in jener ersten Kurzgeschichte, die er mit 22 im „The Amherst Review“ veröffentlichte und die kaum chiffriert seine eigene Krankengeschichte beschreibt. In „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ begegnen wir Wallace als jungem Autor, der seinen einzigartigen Stil noch lange nicht gefunden hat. Dennoch ist in dieser frühen Kurzgeschichte bereits viel von dem zu finden, was Wallace knapp zehn Jahre später zu einem der brillantesten Schriftsteller seine Generation machte: Man bekommt eine erste Ahnung von der Präzision und dem tieftraurigen Humor, mit denen er seinen Schmerz zu sezieren versucht, wenn auch noch nicht mit derselben Meisterschaft wie in „Unendlicher Spaß“.

Gerade jetzt, wo Depressionen nach dem Absturz der Gemanwings-Maschine dank aufgepeitschter Medienberichterstattung wieder zum gesellschaftlichen Stigma zu werden drohen, ist diese Kurzgeschichte eigentlich eine lohnenswerte Lektüre; eine treffendere Beschreibung dieser Krankheit habe ich bislang nicht gelesen. Wenn ich jedoch anfinge, hier aus dem Text zu zitieren, stünde vermutlich bald das halbe Büchlein in diesem Eintrag. Einen guten Eindruck findet man dagegen in der aktuellen Ausgabe vom Spiegel, in dem das Filetstück des Textes abgedruckt wurde. Für schlappe 4,60 € bekommt man obendrein 136 weitere Seiten mit mehr oder weniger lesenswerten Artikeln und vielen bunten Bildern, darunter auch eines mit sechs niedlichen Hasen; die verbleibenden 1,40 € lassen sich bei diesem schönen Frühlingswetter in anderthalb Kugeln Eis investieren – da stimmt dann auch das Preis-/Leistungsverhältnis. Schade eigentlich.

Wie man David Foster Wallace übersetzt: Ulrich Blumenbach im Gespräch

TP2_coverDer Start meines Blogs ist eine gute Gelegenheit, mal einen kleinen „Klassiker“ aus unserer Zeitschrift auszugraben: Vor drei Jahren durfte ich mich für die zweite Ausgabe von ]trash[pool ausführlich mit dem literarischen Übersetzer Ulrich Blumenbach über seine (großartige!) Arbeit an den Romanen von David Foster Wallace unterhalten. Blumenbach hat u.a. Romane von Agatha Christie, Stephen Fry, Nick Hornby, Jack Kerouac und Arthur Miller ins Deutsche gebracht und ist für seine Arbeit an Wallace‘ Roman „Infinite Jest“ (dt. „Unendlicher Spaß“) mit dem Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung 2009 und dem Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2010 ausgezeichnet worden. Bei unserem Gespräch im Mai 2011 hatte er gerade erst die Arbeit an Wallace‘ Nachlassroman „The Pale King“ (dt. „Der bleiche König), der Ende 2013 bei Kiepenheuer & Witsch erschien, aufgenommen. Das Interview ist also nicht brandaktuell, aber, wie ich finde, so interessant, dass es nicht in den Archiven unserer Zeitschrift versauern sollte. Ulrich Blumenbach war nicht nur ein sympathischer und geistreicher Gesprächspartner, sondern sprach auch genauso druckreif, wie sich seine Worte lesen lassen – eine Fähigkeit, die man auch David Foster Wallace stets attestiert hat.


Unsere Zeitschrift trägt ja den Namen „]trash[pool“. In der Dankesrede einer Preisverleihung sagten Sie einmal, Sie kämen sich aufgrund der massenmedialen Sprachverhunzung manchmal vor wie im Todesstern-Müllschlucker des ersten Star Wars-Filmes – mit Wittgenstein gesprochen, kämen von allen Seiten die Wände Ihrer Sprache und damit auch die Grenzen Ihrer Welt auf Sie zu. Was macht die Sprache von David Foster Wallace so besonders, dass er – wie Sie sagten – eine Supernova inmitten dieser Schrottpresse zünden konnte?

Wallace weitet die Sprache einfach ganz ungeheuer aus. Er benutzt ein größeres Vokabular als die meisten Gegenwartsliteraten, versucht aber auch, die Möglichkeiten des Satzbaus zu erweitern, indem er komplexere Perioden schreibt als sie üblich sind. Die Stoffe sind in dieser Hinsicht egal – es geht erst einmal um Vokabular und Syntax, wo Wallace versucht, reichhaltiger, komplexer und weitschweifender zu schreiben als in der sonstigen Gegenwartsliteratur.

In „]trash[pool“ erscheinen neben etablierten Autoren vor allem junge Nachwuchsschriftsteller. Was kann die deutsche Literatur von David Foster Wallace lernen?

Vor allem seine Welthaltigkeit. Was mich an deutscher Literatur tatsächlich oft nervt, ist, dass sie sich manchmal zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu sehr literarisch-philosophische Nabelschau betreibt. Wallace hat in seinen Werken dagegen versucht, ein Maximum an Welt durch sich hindurchströmen zu lassen und dann im Werk transformiert wieder von sich zu geben. Dieses Mehr an Welthaltigkeit zeichnet aber nicht nur Wallace per se aus, sondern trifft überhaupt sehr stark auf die amerikanische Gegenwartsliteratur zu, die bereit ist, nicht snobistisch auf Populärkultur herabzusehen, sondern diese als einen selbstverständlichen Bestandteil unseres Alltags, unserer Welt aufzunehmen und deswegen auch für literaturfähig zu halten. Das ist jetzt keine Generalverdammung der deutschen Literatur – natürlich gibt es auch hier ganz wunderbare Autoren, die das machen. Dennoch glaube ich, dass das einer der entscheidenden Unterschiede zwischen amerikanischer und deutscher Prosa ist.  (mehr …)