Depression

Idealistisches Ekel. Über „Serotonin“ von Michel Houellebecq

Serotonin - Michel HouellbeqcDieser Tage liest man sie überall, die Abgesänge auf den „alten weißen Mann“. Den traurigsten hat jedoch einer geschrieben, von dem man das am wenigsten erwartet hätte: In „Serotonin“ lässt Michel Houellebecq einen Mann in seinen vermeintlich besten Jahren angewidert und enttäuscht aus dem eigenen Leben aussteigen.

Keine Frage: Florent-Claude Labrouste ist ein Ekel. Er ist gleichgültig, selbstgerecht und herablassend, ein Alkoholiker, Sexist und SUV-Fahrer. Für seine japanische Freundin hat der wohlhabende Agraringenieur nur noch Verachtung übrig, überhaupt gibt es, seit sich seine Libido verabschiedet hat, nichts in seinem Leben, das noch irgendeine Bedeutung für ihn hätte – außer vielleicht ein Hotelzimmer, in dem er noch rauchen darf. Labrouste hat genug: genug von einem Job, der ihn seit Jahren frustriert, genug von einer Freundin, die ihn bei Gang Bang-Partys mit hohen und manchmal auch weniger hohen Tieren betrügt, genug von einem Leben, das nichts mehr für ihn bereitzuhalten scheint als alt zu werden und zu sterben. Dabei ist er noch keine fünfzig, hat 700.000 Euro auf seinem Konto – und praktisch nichts zu verlieren. Andere Autoren hätten einer Figur wie Labrouste vermutlich eine Läuterung, einen Neuanfang geschenkt. Houellebecq aber lässt seinen depressiven Protagonisten einfach aus seinem Leben aussteigen und sich dem Niedergang hingeben. Er kündigt Job und Wohnung und verschwindet, ohne sich zu verabschieden, nur um dann in einsamen Hotelzimmern vor sich hinzuvegetieren, Antidepressiva zu schlucken und in Rückschau die Fehler seines Lebens zu bedauern. Als er seinen Studienfreund Aymeric besucht, einen Bauern, der ebenfalls vor dem Scherbenhaufen seines Lebens steht, bekommt der allgegenwärtige Niedergang im Roman auch eine politische Dimension. Aymeric wird zur Galionsfigur eines bewaffneten Bauernwiderstands gegen die ruinös sinkenenden Milchpreise durch die EU. Der Kampf ist jedoch am Ende wie alles in Serotonin: aussichtslos.

Zwei alte weiße Männer

Auf Michel Houellebecq ist Verlass: Jeder neue Roman von ihm ist zunächst einmal ein Ereignis. Er wird in sämtlichen Feuilletons besprochen, landet zuverlässig an der Spitze der Bestsellerlisten – und löst stets einen Skandal aus. Das ist durchaus kalkuliert und, berücksichtigt man Houellebecqs zuweilen fragwürdigen politischen Äußerungen, auch ein Stück weit berechtigt. Tatsächlich ist Serotonin jedoch ein weitaus stillerer, melancholischerer Roman, als die reflexartige Aufregung um Houellebecqs Provokationen vermuten lässt.

Denn trotz seiner Verachtung gegenüber der Gesellschaft, der Politik und den Menschen ist dessen Figur Labrouste nämlich vor allem enttäuscht von sich selbst und davon, seinen eigenen Ansprüchen im Leben nicht gerecht geworden zu sein. Noch immer trauert er der Liebe seines Lebens nach, die er nach einem Seitensprung verloren hat, noch immer bewundert er die bedingungslose Liebe seiner Eltern als Ideal, weil sie nach einer Krebsdiagnose des Vaters gemeinsam Selbstmord begingen. Zyniker, heißt es, seien im Kern meist bloß enttäuschte Idealisten. Vermutlich trifft das auf Michel Houellebecq ebenso zu wie auf seinen Protagonisten. Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden weißen alten Männern: Der eine ist ein Auslaufmodell, das nicht mehr in unsere Zeit passt. Der andere dagegen ist noch immer auf der Höhe seiner Kunst. Nur sympathisch, das sind sie alle beide nicht.


Michel Houellebecq: Serotonin. 330 Seiten, übersetzt von Stephan Kleiner. Erschienen bei Dumont und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 3/19, das es hier als PDF zum kostenlosen Download gibt.

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Gier. Über „Lutra Lutra“ von Matthias Hirth

lutralutra1999 ist nicht nur das Jahr des Fischotters (Lutra) und das letzte des Jahrtausends. Es ist auch das Jahr, in dem Fleck sein bürgerliches Leben hinter sich lässt und Freiheit im Exzess, in der Maßlosigkeit sucht. Noch vor Kurzem führte Fleck ein normales, geradezu langweiliges Leben. Er hatte einen verhassten Job in der Werbebranche und eine Freundin, die er zwar liebte, aber ständig betrog. Als er nach ihrer Trennung in eine schwere Depression verfällt, bekommt er dank einer Erbschaft jedoch die Chance, sich neu zu erfinden. Es ist ein radikaler Schnitt: Fortan bestimmen Streif- und Beutezüge durch die Nacht seinen Alltag, lebt Fleck seine neu entdeckte Homosexualität in Schwulenbars, SM-Kellern sowie auf Techno- und Fetischpartys aus. Anfangs noch zögerlich und von spielerischer Neugierde angetrieben, wird Fleck mit der Zeit immer gieriger, rücksichtsloser, extremer. Irgendwann sind die vielen Bekanntschaften aus der Szene nur noch Mittel zum Zweck, degradiert zu Variablen in Flecks radikalem Persönlichkeitsexperiment. Er will um jeden Preis ein anderer werden und ist bereit, dafür notfalls über Leichen zu gehen.

Ein Psychopath?

Ganze 736 Seiten lang begleitet Autor Matthias Hirth seinen Protagonisten auf dessen Selbstfindungstrip und diskutiert die Lügen und Brüche einer oberflächlichen Gesellschaft in etlichen Monologen, die er Fleck selbst, aber auch den vielen, mitunter skurrilen Figuren aus dem Nachtleben in den Mund legt. In diesen Passagen weckt Lutra Lutra manchmal Assoziationen an Chuck Palahniuks Tyler Durden aus Fight Club („Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit, alles zu tun“), in seiner Anlage erinnert der Roman aber vor allem an American Psycho von Bret Easton Ellis. Parellelen gibt es viele: das Sezieren einer gesellschaftlichen Szene als Folie für einen bestimmten Zeitgeist. Die immer krasseren Versuche der Protagonisten, ihrer inneren Leere durch Exzess zu entrinnen. Die expliziten, fast nüchternen Beschreibungen von Sex und Gewalt, die sowohl die Figuren als auch den Leser mit der Zeit abstumpfen lassen. Der repetitive Plot und ein Ausbruch aus der Monotonie in einer finalen Eskalation. Dennoch ist Lutra Lutra ein sehr viel geerdeterer Roman. Fleck ist nicht Patrick Bateman. Er schwankt zwischen Gleichgültigkeit, Euphorie und Depression, ist egozentrisch, manipulativ und zu keiner Empathie imstande – die tragische Nebenfigur Meinhard nennt Fleck einen Psychopathen und liegt damit sicher nicht ganz falsch. Trotzdem ist Fleck keine Karikatur, bleibt sein Leiden an sich und der Welt glaubhaft. Denn was Fleck antreibt, ist vor allem eine tief empfundene Schuld gegenüber seiner Exfreundin, die seinetwegen ihr gemeinsames Kind abtreiben ließ.

Die Schuld nach außen tragen

Fleck will frei sein, frei von Schuld und frei von gesellschaftlichen, moralischen Grenzen. Dabei bleibt er stets ambivalent: Will er sich ihrer bloß entledigen, weil ein Gewissen zu lästig und einengend ist? Oder bestraft er sich, weil er glaubt, es nicht verdient zu haben, weiter Mensch zu sein? Als Leser ist man hin und hergerissen zwischen Mitleid, Faszination und Verachtung. Dabei ist Fleck durchaus zu Gefühlen fähig. Nach einer amour fou mit dem Stricher Jenia, der bloß Spielchen mit ihm treibt, erreicht er jedoch seinen point of no return: Fleck will dieselbe Macht über andere, die Jenia über ihn hatte. Erst spät wird ihm klar, dass er diese Macht schon längst besitzt: über seinen braven Exfreund Felix, den er immer wieder ins Leere laufen lässt. Und über den einsamen Verlierer Meinhard, der an seiner unerwiderten Liebe zu beiden zu zerbrechen droht. Doch diese Spielchen reichen Fleck inzwischen nicht mehr aus. Um wirklich frei zu sein, glaubt er, etwas Böses tun zu müssen: einen sinnlosen Akt der Gewalt als Demonstration von wahrer Macht über jemand anderen. Indem er es absichtlich zur Katastrophe kommen lässt, trägt Fleck seine tiefe, aber unsichtbare Schuld nach außen – und setzt damit Ereignisse in Gang, die am Ende des Romans in eine gemeine, fast schadenfreudige Pointe münden. Fleck muss begreifen, dass er seinen Seelenfrieden nur auf eine einzige Weise finden kann: indem er sein Schicksal in die Hände eines anderen legt, ganz gleich, wie dessen Urteil über ihn ausfällt.

Das Platzen der Blase

Lutra Lutra ist ein Roman über Sex und über Macht, im Kern setzt sich Matthias Hirth in ihm aber vor allem mit Schuld in in all ihren Facetten auseinander; nicht umsonst hebt er in seiner Danksagung Dostojewskis Verbrechen und Strafe (bzw. Schuld und Sühne) als zentrale Inspirationsquelle hervor. Im Mittelpunkt steht aber auch der Zeitgeist des ausgehenden Jahrtausends: 1999 war die Welt noch eine andere. Handys waren noch eine Seltenheit und das Internet ein Versprechen. Einen 11. September hätte sich niemand vorstellen können, vielmehr gab man sich nach der Wende noch immer der Hoffnung vom vermeintlichen Ende der Geschichte hin. Hirth beschreibt das Jahr 1999 wie das Ende einer langen und zügellosen Party, über die bereits der Schatten eines bösen Erwachens schwebt. Manchen seiner Figuren legt er pessimistische Vorahnungen über die Welt, in der wir heute leben, in den Mund. Am Schluss herrscht Katerstimmung: Nicht zufällig endet der Roman, als im Frühjahr 2000 die Dotcom-Blase platzt. Flecks ungezügelter Hedonismus, seine Gier nach Sex als Machtinstrument und das Leben von einer Erbschaft, die eines Tages aufgebraucht sein wird: Das alles setzt Matthias Hirth geschickt in Beziehung zu den realen Ereignissen des Handlungsrahmens.

Lutra Lutra ist ein extremer Roman. Die vielen expliziten Schilderungen von Flecks sexuellen Ausschweifungen und die finale Entladung in Gewalt sind nichts für Zartbesaitete. Auch führen die ständigen Eskapaden beim Lesen bisweilen zur Ermüdung. Aber das muss so sein: Nur so ist man imstande, die Monotonie und Leere in Flecks Leben nachzuempfinden, nur so kann sich das Finale des Romans mit voller Wucht entfalten. Diese Kompromisslosigkeit macht Lutra Lutra zu einer manchmal anstrengenden Lektüre. Aber eben auch zu einem außergewöhnlichen und großen Roman, der lange nachwirkt.

[Nachtrag 3.10.2016: Für die siebte Ausgabe von ]trash[pool habe ich ein ausführliches Interview mit Matthias Hirth geführt.]


Lutra Lutra von Matthias Hirth. Erschienen bei Voland & Quist, 736 Seiten, ISBN: 3863911369. Eine weitere, sehr schöne Besprechung des Romans gibt es auch bei Sounds & Books zu lesen.