Sven Heuchert

You want it darker. Über „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert

Sven Heucher - Dunkels GesetzMit seinem Erzählband Asche gelang Sven Heuchert vor zwei Jahren ein perfekter Einstand: Seine schroffen, aber zugleich melancholischen Verlierergeschichten aus dem Ruhrpott überzeugten damals so ziemlich alle, die das Buch in die Finger kriegten – auch mich. Dunkels Gesetz, Heucherts Romandebüt bei Ullstein, polarisiert hingegen bislang. Einen Provinz-Noir hat Heuchert geschrieben, einen Kriminalroman, in dem es zumindest oberflächlich um einen geplatzten Drogendeal und einen Ex-Söldner namens Dunkel geht, der dem Ganzen auf die Schliche kommt. Im Auftrag einer Chemiefirma bewacht Richard Dunkel eine stillgelegte Grube im Provinzkaff Altglück, in der vor Kurzem ein Junge zu Tode kam. Schon bald stellt sich heraus, dass es kein Unfall war: Ausgerechnet hier versucht Tankstellenbesitzer Achim mit seinen Leuten, ins Drogengeschäft einzusteigen. Zeugen wie den Jungen – oder Dunkel – kann der Kleinkriminelle mit großen Ambitionen nicht dulden.

Klingt wie ein Kriminalroman – und wird auch als ein solcher beworben. Fans von biederen deutschen Kommissargeschichten dürften jedoch enttäuscht werden: Im Zentrum des Romans steht nämlich nicht der Plot, sondern die Trostlosigkeit seiner Figuren. Figuren, die längst erkannt haben, dass das Leben nichts anderes, schon gar nichts Besseres für sie bereithält. Figuren, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen wie eingesperrte Tiere, die im Käfig immer wieder dieselben Kreise ziehen und sich am Gitter jedes Mal aufs Neue das Maul blutig beißen. Selbst wenn sie sich aus ihren gescheiterten Leben in Altglück befreien könnten: Lebensfähig sind sie schon lange nicht mehr.

Kompromisslos und hart

Schon die Stories in Asche befassten sich mit Menschen, die sich ihre Zukunft längst verbaut haben und nun bloß noch versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen; in Dunkels Gesetz nimmt Heuchert seinen Protagonisten aber nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Menschlichkeit, die in den Erzählungen noch gelegentlich aufblitzte. Dort waren es vor allem die Zwischentöne, überraschende Momente von Zärtlichkeit und Empathie, die seine Figuren so glaubwürdig und dreidimensional machten. Kleine Nuancen, die selbst Arschlöcher menschlich wirken ließen. Die Figuren seines Romans sind dagegen noch einmal deutlich verbitterter und abgründiger angelegt. Als zum Beispiel der Möchtegern-Dealer Achim Marie, der Tochter seiner Geliebten, ein Pferd in seinem Stall vorführt, glaubt man einen Augenblick lang, hier unerwartet eine andere, menschlichere Seite von ihm kennenzulernen – bis er sie dann doch bloß begrapscht. Vielleicht eine verpasste Chance, dem Antagonisten mehr Tiefe zu verleihen: Die Härte in Dunkels Gesetz ist zwar konsequent und nachvollziehbar, ohne Empathie für die tragenden Figuren fehlt es manchmal aber auch an der nötigen Fallhöhe, um echte Spannung zu erzeugen. Man schaut den Figuren dabei zu, wie sie sich ihr eigenes Grab schaufeln, ohne zuvor in sie investiert zu haben. Wie schon in Asche sind es auch in Sven Heucherts Romandebüt eher die stilleren, zurückhaltenderen Momente, die nachwirken. Etwa die Szenen, in denen Marie einer alten Witwe Schnaps nach Hause liefert oder sich eine vorsichtige Annäherung zwischen Dunkel und einer Prostituierten – Maries Mutter – andeutet. Auch Dunkels Hintergrundgeschichte um einen tragischen Verlust sorgt an seltenen, aber starken Stellen für Tiefe. Sven Heuchert brilliert vor allem dort, wo er Atmosphäre erzeugt und die Trostlosigkeit Altglücks mit nur nur wenigen, präzisen Strichen zeichnet; der eigentliche Plot um Achims Drogendeal und dessen Folgen ist dagegen an manchen Stellen allzu drastisch und beinahe überzeichnet. Aber: Das soll so sein.

Andere Kategorie, andere Maßstäbe

Alles an Dunkels Gesetz ist konsequent: die reduzierte Sprache, die das karge und trostlose Leben von Randexistenzen in der Provinz spiegelt. Die Härte der Figuren und ihre heftigen Gewaltausbrüche. Nicht zuletzt aber auch die Verweigerung Heucherts, dem Genrestempel Kriminalroman in irgendeiner Weise Rechnung zu tragen. Dem Vorwurf, hier habe sich ein Autor für den schnellen Erfolg verkauft, kann ich deshalb nur widersprechen: Dunkels Gesetz liest sich keineswegs wie das weichgespülte Major Debut eines Indiestars, der auf den Markt schielt, um endlich Stadien zu bespielen. Tatsächlich liest sich Heucherts Roman in seiner Kompromisslosigkeit eher wie ein Nischentitel; in einem Land, in dem Noir-Romane keine Tradition haben, ist er das vermutlich auch. Vieles, was man an Dunkels Gesetz kritisieren kann, liegt ganz bewussten Entscheidungen zugrunde. Anders als Heucherts Erzählungen ist der Roman näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur – und genau das ist der Anspruch, an dem man ihn messen muss. Und selbst, wenn man – wie ich – seinen Erzählungen etwas näher steht, kann und sollte man respektieren, dass da einer konsequent seinen Weg geht und lieber polarisiert, als es allen recht zu machen. Die Erwartungen nach Asche waren groß – und das bleiben sie auch nach Dunkels Gesetz: zum Beispiel auf Heucherts zweite Storysammlung und seinen geplanten Gedichtband.


Sven Heuchert: Dunkels Gesetz. Erschienen bei Ullstein, 192 Seiten. Uwe Kalkowski und Wolfgang Schiffer haben den Roman positiv in ihren Blogs besprochen, Tobias Nazemi schrieb dagegen einen enttäuschten Leserbrief. Und zu meiner Besprechung von Sven Heucherts Erzählband „Asche“ geht es hier entlang.

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]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Auswahl für ]trash[pool #7

trashpool7-faceIhr habt es uns wirklich nicht leicht gemacht: Wir hätten aus euren vielen großartigen Einsendungen gleich zwei Ausgaben machen können. Entsprechend schwer fielen uns einige Entscheidungen. Aber nun steht sie, die Auswahl für ]trash[pool #7 – mit mehr AutorInnen als in jedem Heft zuvor!

Freut euch auf Texte von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs.

Außerdem haben wir im kommenden Heft einen Schwerpunkt zum Thema Literaturkritik: Im redaktionellen Teil erwarten euch ein Interview mit Volker Weidermann vom Literarischen Quartett sowie eine Rezension von Sophie Weigand (Literaturen)!

]trash[pool #7 erscheint im Herbst – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse!