Autor: Frank O. Rudkoffsky

Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[pool & Autor.

Eine doppelte Hommage an James Baldwin bei lesen.hören 13

IMG_5264In den 50ern und 60ern galt James Baldwin als einer der wichtigsten Autoren der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, nicht selten wurde er aufgrund seiner Romane, Essays und bemerkenswerten Reden in einem Atemzug mit Malcom X, Medgar Evers oder Martin Luther King genannt, deren Ermordungen ihn nachhaltig verstörten. Dennoch geriet Baldwin nach seinem Tod 1987 besonders international beinahe in Vergessenheit. Das änderte sich spätestens im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung 2013: Trotz aller Fortschritte seit dem Ende der Segregation ist Rassismus in den USA noch immer ein allgegenwärtiges Problem, zu wenig hat sich in den Köpfen der Menschen während der vergangenen Jahrzehnte geändert. Dass auf Barack Obama als erstem schwarzen Präsidenten ausgerechnet ein offener Rassist wie Donald Trump nachfolgte, macht die Schriften von James Baldwin, literatisch ohnehin von zeitloser Qualität, aktueller denn je.

Spätestens I’m not your negro, Raoul Pecks oscarnominierter Dokumentarfilm über James Baldwins Textfragment Geschichte der Schwarzen läutete 2017 die weltweite Renaissance des Schriftstellers ein – und bildete am Sonntag im vollbesetzten Atlantis Kino den Auftakt zu einer Hommage an den großen Literaten bei lesen.hören13. Unterlegt von der Stimme Samuel L. Jacksons überführt Peck Filmaufnahmen aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung sowie Interviews und Reden Baldwins in unsere Gegenwart und verstört dabei immer wieder mit Aufnahmen aktueller Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Ein Film, der manchmal nur schwer zu ertragen ist – und eben darum so wichtig.

„Die Botschaft war klar: Du bist nicht wichtig.“

Im zweiten Teil des Thementags wurde in der Alten Feuerwache über die Relevanz und Aktualität von James Baldwins Schriften in Deutschland diskutiert, wo sein Werk seit letztem Frühjahr – beginnend mit seinem Debütroman Von dieser Welt – in Neuübersetzungen bei dtv erscheint. Während der Schauspieler Mehmet Ateşçi vom Gorki Theater Berlin Stellen aus Baldwins Debüt und einigen Essays las, sprachen Mirjam Nuenning als Übersetzerin afrodiasporischer und Schwarzer Literatur sowie der Autor Max Czollek, der 2018 mit seinem Buch Desintegriert euch! einen viel beachteten Denkanstoß zur Debatte um Integration und Zugehörigkeit veröffentlichte, mit der Moderation Verena Lueken von der FAZ über die Gründe, warum uns James Baldwin auch hier und heute noch viel zu sagen hat. 

Den Abend eröffnete jedoch Baldwin selbst: mit einem eingespielten Auszug einer Rede vor schwarzen Schulkindern, in der er über die eigene schockierende Erkenntnis als Kind sprach, dass er als Schwarzer in der Geschichtsschreibung der USA nicht vorkomme. Eine Erfahrung, die auch die Schwarze Mirjam Nuenning beim Aufwachsen in einem nordrhein-westfälischen Dorf machte: „Das Schulsystem und die Lehrpläne dort waren weiß – ich kam darin nicht vor. Die Botschaft ist klar: Du bist nicht wichtig.“ Umso wichtiger sei es darum, die Perspektive von Schwarzen und People of Colour stärker in den Fokus zu rücken, auch in der Literatur. „Ich bin eine Verfechterin des positionierten Übersetzens: Schwarze sollten Schwarze übersetzen – allein schon, weil Übersetzungen immer Interpretationen sind und dabei auch Gefühle und Erfahrungen eine Rolle spielen.“ Zudem seien sie sensibler für diskriminierende Begriffe. Nuenning macht sich aber nicht nur mit ihren Übersetzungen für Schwarze Perspektiven stark, sie gründete in Berlin zudem eine afro-diasporische Kita, in der sich die Kinder in Büchern, Puppen oder Spielzeug widergespiegelt fühlen sollen. 

Auch der Jude Max Czollek musste bereits früh die Erfahrung machen, dass es eine unsichtbare Grenze zwischen ihm und anderen gab. Er erinnert sich an Fernsehteams, die seine jüdische Schule besuchten, um die Kinder zu fragen, ob sie sich wohl in Deutschland fühlten. „Nach 1945 spielten die Juden eine große Rolle für die Selbstvergewisserung der Deutschen“, so Czollek. Mit der Desintegrationsthese in seinem Buch meine er allerdings keine Abkopplung einzelner Gruppen aus der Gesellschaft, sondern die Suche nach einem anderen Selbstverständnis und neuen Bündnissen. „Hier zitiere ich gerne Adorno: Man muss eine Gesellschaft ermöglichen, in der man ohne Angst verschieden sein kann.“ Gerade Verschiedenheit werde in Deutschland aber tendenziell als Gefahr wahrgenommen – und zwar nicht erst seit dem Aufstieg der AfD.

Ein schonungsloser Pragmatiker

James Baldwin war es wichtig, stets verschiedene Perspektiven zu beleuchten und brachte sogar Verständnis für die Weißen auf, die ihre Dominanz auch aufgrund ihrer Angst vor der berechtigten Wut der Schwarzen aufrecht erhalten wollten. Manche Bürgerrechtler warfen Baldwin deshalb vor, nicht radikal genug zu sein. „Er war ein beweglicher Schriftsteller, schrieb mit Giovannis Zimmer sogar einen Roman mit ausschließlich weißen Figuren“, sagt Czollek. Aber auch als Pragmatiker habe er offen über die Verletzungen und das realistische Leiden unter der weißen Dominanz geschrieben. „Zugleich suchte er genauso nach den Abgründen in seinen schwarzen Figuren. Diese Schonungslosigkeit war Baldwins große Stärke.“

Zwar las Mirjam Nuenning bereits mit 15 erstmals seine Essays, wirklich entdeckt hat sie James Baldwin jedoch genau wie Max Czollek erst während des Studiums in den USA, wo er als Autor, Essayist und Redner inzwischen kanonische Bedeutung erlangt hat – dort komme man an der Uni gar nicht um ihn herum, so Nuenning. Anders war es lange in Deutschland. Erst durch Zufall fand Czollek heraus, dass sein eigener Großvater einen von Baldwins Essays erstmals in der DDR verlegte. Man kann nur hoffen, dass James Baldwin im Zuge der Neuübersetzungen seiner Bücher bei dtv oder dem aktuellen Kinofilm Beale Street auch hierzulande der literarische Stellenwert eingeräumt wird, der ihm zusteht – bedauerlicherweise selbst mit Blick auf unsere Gegenwart.

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Eine musikalische Erinnerung an Roger Willemsen bei lesen.hören 13

IMG_5185Am Ende herrscht Stille im Saal der Alten Feuerwache. Sie bildet die Klammer des Abends über Roger Willemsens Liebe zur Musik. Musik werde aus der Stille geboren, aus der Ruhe der Betrachtung, hieß es im ersten vorgetragenen Text aus seinem Nachlass. Was die Stille mit der Musik verbinde, glaubte er, sei das Gefühl, ganz bei sich zu sein. Dies trifft auf viele Gäste und besonders die Veranstalter an diesem Abend aber nur bedingt zu: Sie sind mit ihren Gedanken am Ende nämlich ganz beim 2016 verstorbenen Roger Willemsen. Auch wenn es niemand so bezeichnet, ist die lange Stille eine Schweigeminute für den Mann, der für immer untrennbar mit lesen.hören verbunden sein wird. Willemsen war ab der ersten Ausgabe 2007 bis 2015 Schirmherr und Moderator, ab 2013 auch Programmleiter des Literaturfestivals – und egal, mit wem man vor Ort spricht: Er fehlt schmerzlich. Trotzdem ist Musik höre ich wehrlos keine Trauerveranstaltung, im Gegenteil. Stattdessen wollen alle Beteiligten, darunter auch ehemalige Wegbegleiter Willemsens, auf der Bühne seine große Leidenschaft für Musik feiern.

„Mit Roger gemeinsam Musik zu hören, war immer etwas Besonderes“, sagt Insa Wilke, die nach seinem Tod nicht nur die Programmleitung von Willemsen übernahm, sondern auch zu seiner Nachlassverwalterin wurde. „Er hat stets auch die Geschichten und Gefühle hinter den Liedern gehört.“ Obwohl er gerne und oft über Musik sprach, hat er zeitlebens leider kein Buch über sie geschrieben. Dafür aber etliche Texte, die er für Auftritte, Kolumnen, Booklets verfasst hatte. Wilke stellte hundert von ihnen für die 2018 erschienene Sammlung Musik! Über ein Lebensgefühl zusammen und ist davon überzeugt, dass Willemsen mit dieser Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre.

Ehrfurcht und Verachtung

Das gilt ganz sicher auch für die Gestaltung des Abends. Die Texte werden grandios von den Schauspielern Markus John und Marion Mainka vorgetragen, mit letzterer hatte sich Willemsen oft die Bühne geteilt. Auch mit dem Pianisten Frank Chastenier vom gleichnamigen Jazz-Trio verband den Intellektuellen eine lange gemeinsame Geschichte. Die Band gibt an diesem Abend musikalische Antworten auf die gelesenen Texte. Anstatt die Songs, über die Willemsen schrieb, bloß nachzuspielen, spürt sie den Empfindungen nach, die er in ihnen erkannte: Lebendigkeit. Liebe. Schmerz. Nicht nur für Jazz-Enthusiasten eine beeindruckende Performance, immer wieder brandet noch während der Stücke Applaus auf.

Architektur und Musik seien die einzigen Künste, die Räume erschaffen könnten, so Willemsen. Und tatsächlich: Während man seinen Essays über Kindheitserinnerungen an Spielmannszüge und Kirmesmusik oder die Biografien genialer Jazz-Musiker lauscht, wähnt man sich beinahe in seinem Wohnzimmer beim gemeinsamen Hören. Über Musik schrieb Willemsen fachkundig, ohne fachzusimpeln – immer spielte auch das ehrliche Interesse an dem Menschen hinter ihr eine Rolle, die Ehrfurcht vor der Magie, die Musik gleichermaßen aus dem Nichts wie aus dem Innersten heraus entstehen lässt. Umso offenkundiger war deshalb auch seine Verachtung gegenüber jener Musik, die sich lediglich als Ware begreift. Willemsens beißend ironischer Text über Modern Talking und Helene Fischer („das größte gemeinsame Einfache“) brachte das Publikum in der Alten Feuerwache immer wieder zum Lachen und sorgte damit für die richtige Dosis Auflockerung in einem ansonsten angemessen feierlichen Programm.

Musik, fand Willemsen, sei wie eine Landschaft. Wer unterwegs sein wolle, müsse sich verlieren können und Dinge hinter sich lassen. Eines an diesem Abend wird jedoch klar: Nur weil wir Roger Willemsen verloren haben, müssen wir ihn noch lange nicht hinter uns lassen. Dafür hat er uns in den Texten, die er hinterließ, noch viel zu viel zu sagen.


Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl. Herausgegeben von Insa Wilke, erschienen 2018 bei S.Fischer, 512 Seiten. Hier entlang zu meiner Besprechung von Roger Willemsens Wer wir waren.

Was ist das für 1 Kritik vong Internet her? Joshua Groß, Lisa Krusche und Lars Weisbrod im Gespräch bei lesen.hören 13

IMG_5136Man muss nicht die Tweets von Menschen wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verfolgen, um zu wissen, was falsch läuft in der Welt. Aber es hilft. Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta! Das komplette neoliberale Weltbild in a nutshell – Hut ab. Das kann, das sollte man kritisieren. Genau wie die AfD, wie Trump, die Brexiteers, die skrupellosen Konzerne, die ausbeuterischen Startups oder all die anderen Endgegner, die unsere Gegenwart zu der moralischen Bankrotterklärung machen, die sie nun mal ist. Allein: Es bringt nichts. Das jedenfalls meinen die Macher der Anthologie Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus, die Texte von Autoren wie Clemens Setz und Leif Randt oder Twitter-Künstlern wie Kurt Prödel, Startup Claus und Dax Werner vereint – und zu dem Schluss kommt, „dass der Neoliberalismus die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, bereits mitdenkt und nur mit und aus sich selbst heraus geschlagen werden kann.“ Klingt nach schwerer Kost? Ist tatsächlich aber ebenso komisch wie klug.

„Hier entsteht eine Generation junger Künstler, die eine neue Sprache und neue Formen suchen, um die Gegenwart zu erfassen“, glaubt lesen.hören-Programmleiterin Insa Wilke. Deshalb lud sie den Mitherausgeber des Bandes, Joshua Groß, und die Autorin Lisa Krusche ein, um im Jungen Nationaltheater gemeinsam mit dem Twitter-affinen ZEIT-Redakteur Lars Weisbrod über das Phänomen hinter Mindstate Malibu zu sprechen. „Besonders bei Twitter haben wir es mit neuen Sprachcodes zu tun, einem Mix aus Anspielungen und Versatzstücken etwa aus der Business-Sprache“, erklärt Weisbrod zu Anfang. Wie das im Konkreten aussieht? Die Stichworte sind Überaffirmation, Rekontextualisierung, Power-Dada. Etwa, indem sich in Tweets Inhalte zu Eigen gemacht werden, die eigentlich abgelehnt werden. Aber in schlecht. „Neoliberale Strategien werden zugespitzt und durch die Übersteigerung gebrochen“, sagt Lisa Krusche, die in Hildesheim literarisches Schreiben und in Braunschweig Kunstgeschichte studiert. Ganz neu sei das Konzept natürlich nicht, subversive Affirmation und Kommunikationsguerilla habe es schließlich bereits in den 60ern gegeben – das Internet habe die Form allerdings stark verändert. Vor allem ist es dort lustiger: „Es ist ermüdend, immer nur zu kritisieren – es darf auch Spaß machen.“ 

„In den letzten Jahren war das Schlagwort der merkelschen Alternativlosigkeit prägend“, sagt Herausgeber Joshua Groß, der 2018 als Autor beim Bachmann-Preis las. „Aber man kann Gegenwart auf sprachlich-ästhetischer Ebene anders denken.“ Etwa, indem man den vermeintlich motivierenden Tweet eines ausbeuterischen Startup-Chefs eins zu eins kopiere, dabei aber Fehler einbaue: „Das zeigt, dass an der Message etwas nicht stimmt.“ Für Krusche ist eine solche Rekodierung auch eine Form des Empowermemts, als Beispiel nennt sie die Instagrammerin Signe Pierce, die Geschlechterklischees auf die Spitze treibt und auf diese Weise hinterfragt: „Durch eine Rekontextualisierung schaue ich anders auf die Dinge. Man muss bloß einen Bruch, einen Riss einbauen.“

Nur: Warum muss das alles so trashig sein wie etwa das Musikvideo von Twitter-Autor Kurt Prödel, den sogar Clemens Setz als Vorbild nennt? Ist das nichts weiter als ein postmodernes Spiel mit Ironie? „Natürlich ist das ironisch“, sagt Groß. Es sei zugleich aber auch Kunst: „Wir leben in einer Zeit, in der wir immer performen müssen, keinen Makel haben dürfen. Das ist ein Bruch damit.“

„Wir brauchen eine utopische Kritik“

Am Beispiel des Rappers Money Boy zeigt sich dagegen, dass das Spiel mit Überaffirmation auch zu weit gehen kann. Der harte und ziemlich dämliche Gangster-Rapper ist eine Kunstfigur, in Wahrheit hat Sebastian Meisinger nicht nur einen Uni-Abschluss, sondern sogar seine Diplomarbeit über Rap und dessen Auswirkungen auf Jugendliche geschrieben. Dass er mit seinen frauenverachtenden Texten nur bekannte Klischees aufgreift, ändere jedoch nichts an ihrer negativen Wirkung, findet Lisa Krusche. Auch Groß glaubt, dass sich Meisinger inzwischen nicht mehr von der Kunstfigur trennen lasse: „Das ist wie bei Udo Lindenberg miteinander verschmolzen.“ Bei aller ironischen Überaffirmation darf der Ernst also nicht nicht gänzlich auf der Strecke bleiben. Joshua Groß bringt das im Twitter-Duktus auf den Punkt: „Nur wenn durch alle Ironie-Layer ein struggle durchscheint, ist es ein guter Tweet.“

Mit alles verneinender Kritik ist es für ihn ohnehin nicht getan. „Was wir brauchen, ist eine utopische Kritik. Entscheidend ist die Frage, wie wir in dieser Welt leben wollen“, so Groß. In diese Kerbe schlägt auch das Manifest des Podcast-Duos Creamspeak aus Mindstate Malibu, das zwischen den Gesprächen von Johannes Bauer, einem Schauspieler vom Jungen Nationaltheater, mit Verve vorgetragen wird: Ein sehr komischer und kluger Text über die Götter, die wir uns ausdenken, weil wir glauben, sie zu brauchen. Als wir den biblischen „Schlechte-Laune-Influencer“ hinter uns ließen, ersetzten wir ihn durch neue Götter wie Prestige, Leistung, Geld, einen Master in BWL. Paul Ziemiak gefällt das. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Tschuligom, was letzte preis?


Mindstate Malibu. Herausgegeben von Joshua Groß, Johannes Hertwig und Andy Kassier in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Erschienen bei Starfruit Publications, 320 Seiten. Zwei sehr lesenswerte Rezensionen zum Buch sind in der Süddeutschen und der ZEIT erschienen.

Auftakt von lesen.hören 13 mit Joachim Meyerhoff

IMG_5068Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin neidisch. Auch in Stuttgart gibt es schöne Veranstaltungsorte, selbst wenn die meisten im Vergleich zum imposanten Saal der Alten Feuerwache vermutlich den Kürzeren ziehen würden. Auch in Stuttgart gibt es interessante Lesungen oder tolle Literaturveranstaltungen wie etwa den Sommermarkt der unabhängigen Verlage. Aber ein 17-tägiges Literaturfest, das programmatisch so ziemlich alles richtig macht, was man richtig machen kann – und das ganz ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack trotzdem für ausverkaufte Lesungen sorgt? Das hat nur Mannheim. Ein bisschen ist es wie mit dem Neckar. Der fließt genauso durch Stuttgart wie durch Mannheim, nur gibt es in der Landeshauptstadt anders als hier keinen einzigen schönen Fleck zum Verweilen am Ufer. Es kommt eben drauf an, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Und darauf, was man will. Ein anspruchsvolles und zeitgemäßes Kulturprogramm anzubieten ist eine bewusste Entscheidung – und die braucht Leidenschaft und Engagement.

Beides spürt man bei allen, die lesen.hören 13 organisieren, mehr als deutlich. Entsprechend groß ist dann auch die Freude, wenn es nach Monaten der Planung und vielen Überstunden endlich losgeht und ein voller Saal die Mühen belohnt: Der Auftakt des dreizehnten Literarurfests ist restlos ausverkauft, und das gilt, wie der Geschäftsführer der Alten Feuerwache Sören Gerhold bei seiner Eröffnungsrede betont, für fast alle Veranstaltungen in den nächsten 17 Tagen – einschließlich des ebenso umfangreichen Kinder- und Jugendprogramms. Das ist alles andere als selbstverständlich, denkt man an sinkende Leserzahlen und die Dauerkrise der Buchbranche, die durch die KNV-Insolvenz gerade erst aufs Neue virulent geworden ist. Für die Strategie vieler Publikumsverlage, deshalb nur noch auf die angeblichen Lesebedürfnisse der Masse zu schielen, zeigt Insa Wilke, die Programmleiterin von lesen.hören 13, in ihrer Eröffnungsrede nur wenig Verständnis: „Bücher müssen aus Überzeugung gemacht werden. Dass wir uns beim Lesen bloß wohlfühlen wollen, ist ein Gerücht.“ Bücher sollten die simple wie entsetzliche Tatsache, dass wir alle sterben werden, nicht ausblenden – ganz im Gegenteil. „Wir suchen in Büchern das Leben, suchen Antworten auf die Fragen, die uns unser eigenes Leben stellt. Das ist die Funktion von Literatur.“

Joachim Meyerhoff war bereits seit Jahren Wunschkandidat

Allerdings schlössen Schmerz und Lachen einander nicht aus, findet Wilke – und leitet damit passend über zum ersten Gast des Literaturfests: Genau dieser Gegensatz zwischen Humor und Trauer macht schließlich den Kern von Joachim Meyerhoffs Romanen aus. Meyerhoff ist ein komischer Autor, die Bücher seines autobiografischen Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch sprudeln über vor Sprachwitz, Pointen und skurrilen Anekdoten – und doch ist da immer auch Schmerz, Leid und Trauer. Etwa über den Verlust seines Bruders, seine lange Erfolglosigkeit als Schauspieler, seine Selbstzweifel. Oder aber über die Liebe: Die steht nämlich im Fokus des vierten Bandes Die Zweisamkeit der Einzelgänger, aus dem Meyerhoff an diesem Abend liest. Schon seit Jahren versuchte das lesen.hören-Team, den Schauspieler und Autor nach Mannheim zu locken, nie hat es geklappt. Darum war es nach seiner Zusage für 2019 nur logisch, den ewigen Wunschkandidaten dann auch das Festival eröffnen zu lassen.

Von seinem Vortragskönnen haben sie sich nicht zu viel versprochen: Der Bühnenschauspieler Meyerhoff liest mit seiner sonoren Stimme so lebhaft, dass es beinahe an eine Performance grenzt, und hat das amüsierte Publikum von Anfang an im Griff. Bei vielen kann eine anderthalbstündige Wasserglaslesung schnell mal zur Geduldsprobe werden, Meyerhoff hingegen vermag die Zuhörer bis zur letzten Minute zu fesseln. Das liegt auch an seiner Textauswahl: Meyerhoff beschränkt sich auf die launigeren Passagen im Buch und will sein Publikum vor allem zum Lachen bringen: ein Familienurlaub auf Elba, in der er sich als Junge mit beschlagener Taucherbrille an den FKK-Strand wagt und vor allen seine erste Erektion bekommt. Ein nächtlicher Spaziergang mit seiner Freundin Hannah, der zu einem Einbruch und Sex in einem Schuhgeschäft führt. Eine Kunstperformance, die Meyerhoff ausgerechnet beim Vortrag von Paul Celans Gedicht Die Todesfuge mit einem Lachkrampf ruiniert. In je einem Text stellt Meyerhoff Hannah, Franka und Ilse vor – die drei Frauen, die er alle zur selben Zeit liebte. „Ich würde jetzt gerne betroffen gucken, aber: Ich fand das toll, es war eine aufregende Zeit – auch wenn sie natürlich in einer Katastrophe endete“, erklärt Meyerhoff amüsiert. „Davon handelt das Buch: Dass man sich nach Dingen sehnt, die schön sind, aber trotzdem nicht gehen.“

Das Publikum hätte sich auch nach anderthalb Stunden noch nach mehr gesehnt und bedankte sich bei Meyerhoff mit anhaltendem Applaus und einer langen Schlange vor dem Signierstand. Und ich? Hätte gerne etwas mehr von dem Schmerz erfahren, der Joachim Meyerhoffs Bücher eben genauso ausmacht wie ihr Humor. Dass sich Zuhörer bei Lesungen immer wohlfühlen wollen – auch das ist nämlich ein Gerücht. Ein Wermutstropfen, wenn auch nur ein kleiner: Bestens unterhalten habe ich mich trotzdem gefühlt. Umso größer ist nun meine Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen an diesem Wochenende.

 

lesen.hören 13 in Mannheim

Bildschirmfoto 2019-02-19 um 22.00.02Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt: Dass ich schon seit Monaten nicht mehr zum Bloggen komme, tut mir mehr weh als euch. Befürchte ich zumindest. Dabei würde ich zu gerne etwas über die Bücher schreiben, die ich zuletzt gelesen habe – und werde das auch tun, sobald ich wieder dazu komme. Momentan bin ich beruflich aber einfach zu stark eingespannt, um dem Anspruch, den ich an mich selbst beim Rezensieren stelle, wirklich gerecht zu werden. Zum Glück darf ich meinen Blog ab dem kommenden Wochenende aber zumindest zeitweise aus dem Winterschlaf wecken: Ich habe nämlich die Ehre, das dreizehnte lesen.hören-Literaturfest als Blogger zu begleiten und damit in die großen Fußstapfen von Caterina Kirsten und Isabella Caldart zu treten.

Ab dem 22. Februar steht die Alte Feuerwache in Mannheim wieder für 17 Tage ganz im Zeichen der Literatur und lädt zu abwechslungsreichen Veranstaltungen mit Autoren, Schauspielern, Journalisten, Kritikern und Musikern. Das Programm liest sich jedenfalls schon mal großartig, umso mehr freue ich mich deshalb aufs erste Hören am Freitag – den Auftakt macht der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff mit Die Zweisamkeit der Einzelgänger, dem vierten und vorerst letzten Band aus seinem autobiografischen Romanzyklus. Meinen ersten Blogbeitrag über lesen.hören 13 gibt es am Samstag aus dem Gästezimmer im Turm der Alten Feuerwache, Live-Eindrücke vor Ort natürlich bereits am Freitag Abend bei Instagram.

Unterschrieben! #2

img_4883Auf manche Briefe wartet man ja schon lange, bevor sie überhaupt verschickt wurden. Jetzt habe ich das Happy End von 2018 auch schwarz auf weiß: Mein nächster Roman erscheint im Frühjahr 2020 als Hardcover beim wunderbaren Verlag Voland & Quist!

Das bedeutet zugleich aber auch den Abschied von meinen ans Herz gewachsenen Verlegern Jürgen Volk und Ansgar Köb bei duotincta, die mir mit meinem Debüt Dezemberfieber vor mehr als drei Jahren den Startschuss als Autor ermöglichten – und immer Verständnis für meine Entscheidung hatten, mir für den nächsten Roman trotz unserer guten Zusammenarbeit eine (übrigens sehr, sehr tolle!) Agentur zu suchen. Es bleiben nicht nur schöne Erinnerungen an gemeinsame Lesungen und Messen, sondern auch echte Freundschaft und Verbundenheit, die Bestand haben werden. Auch wenn ich das natürlich nur schreibe, um mein Anrecht auf Gratisbier am duotincta-Messestand in Leipzig nicht aufs Spiel zu setzen.

Immerhin bleibe ich in der Nachbarschaft: In den letzten beiden Jahren lag der Messestand von Voland & Quist gleich gegenüber. Nach unserem Kontakt in den letzten Wochen bin ich davon überzeugt, dass ich mich in meiner neuen Verlagsfamilie ganz genauso zuhause fühlen werde. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit und darauf, in diesem Jahr endlich wieder erleben zu dürfen, wie aus meinem Manuskript ein Buch wird. Und zwar ein richtig schönes, wenn man die jüngsten Veröffentlichungen meiner neuen Heimat zum Maßstab nimmt. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Heimat der Toten. Über „Das Feld“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler - Das FeldGleich 29 Verstorbene lässt Robert Seethaler in seinem Roman „Das Feld“ zurück auf ihr Leben blicken und verknüpft ihre Geschichten zu einem bewegenden Kleinstadtporträt. Ein Roman so vielfältig, traurig und schön wie das Leben selbst.

Die letzten Worte eines Menschen: Da denkt man an Pathos und Reue, an finalen Erkenntnisgewinn und überhöhte Einsichten in das, was im Leben wirklich zählt. Man denkt an moralische Belehrungen, an Kitsch. Und an Autoren, die aus diesem Stoff einen esoterischen Roman voller spontan mit Weisheit gesegneter Besserwisser gemacht hätten. Nicht so Robert Seethaler. Die toten Paulstädter, die er in Das Feld zu Wort kommen lässt, wissen es nicht besser. Anstatt von einer höheren Warte aus zu erzählen, bleiben sie auch zwei Meter unter der Erde noch immer, wer sie zu Lebzeiten waren. Die alltäglichen Kämpfe haben sie zwar hinter sich gelassen, auch scheinen alle ihren Frieden mit dem Tod gemacht zu haben, weiser ist allerdings keiner von ihnen geworden. Weder hat der korrupte Bürgermeister aus seinen Fehlern gelernt, noch bereut der Bauer mit dem schlechten Boden die lebenslange Vergeblichkeit seines Tuns. Ein Vater gibt seinem Sohn Ratschläge aus dem Jenseits, die kaum über Renovierungstipps hinausgehen, eine alte Frau blickt auf ihre 67 Liebhaber zurück, während eine andere für ihre Mitbürger bloß noch ein einziges Wort übrig hat: „Idioten“.

Selbstgespräche auf dem Friedhof

29 zumeist einfache Menschen, darunter Alte wie Kinder, Einfältige wie Kluge, Zufriedene wie Ruhelose lässt Robert Seethaler in Das Feld nach ihrem Tod sprechen. Doch die wenigsten wenden sich an die Lebenden. Vielmehr führen sie Selbstgespräche, sie klammern sich zwar nicht an ihr Leben, sehr wohl aber an das, was es einmal ausmachte. Manche erinnern sich ans Sterben, andere ziehen Bilanz, die meisten aber bleiben wenigen Augenblicken verhaftet, die sie in besonders intensiver Erinnerung behielten – und sei es bloß ein unbeschwerter Tag in ihrer Kindheit. Jeder erzählt von dem, was er in seinem Leben als besonders wichtig oder prägend empfand. Von einem Gefühl, einem Moment, einer Person.

„Ein Sonntag ohne dich war nicht vollständig. Dich lieben, dann neben dir liegen, im Bett, im Gras, im Schnee. Das war alles.“

Die kurzen Episoden sind nur lose miteinander verknüpft und auch nicht chronologisch geordnet, und doch vermitteln sie, je mehr Menschen man aus Paulstadt kennenlernt, ein immer präziseres Bild vom Leben in diesem Ort. Irgendwann glaubt man sie zu kennen, die Paulstädter, man nimmt Teil an ihrem Alltag und kennt die Gerüchte und Geschichten, die sie sich erzählen, die kleinen und großen Katastrophen, die Beziehungen untereinander. Man nickt wissend, wenn von Pfarrer Hoberg und seiner brennenden Kirche oder dem eingestürzten Einkaufszentrum die Rede ist, von den Verlierern abends am Tresen im Goldenen Mond oder dem Kind im Sumpf. Indem Robert Seethaler aus den Leben dieser Menschen erzählt, erzählt er zugleich vom Leben in ihrer Stadt. Das Feld ist kein Porträt von 29 Verstorbenen. Es ist das Porträt einer ganzen Gemeinde, ein Heimatroman – umso wehmütiger stimmt dann auch der Abschied aus Paulstadt nach der letzten Seite. Schließlich hatte man sich hier gerade erst eingelebt.


Robert Seethaler: Das Feld. Erschienen bei Hanser Berlin und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde, 240 Seiten. Diese Rezension erschien zuerst im Magazin der Büchergilde 1/2019 – erhältlich auch als kostenloses PDF zum Download.

Vereint euch wieder!

lift 12-18Für die Dezember-Ausgabe vom Stuttgartmagazin LIFT habe ich mich aus freien Stücken mal ganz tief in der Lokaljournalismus-Klischeekiste bedient. Ich war beim Liederkranz, auf einer Kleintierzüchterschau und wähnte mich beim Besuch im Kleingartenverein im Staffelfinale einer sehr, sehr deutschen Variante von „Game of thrones“.

Aller Skurrilität zum Trotz ist das Thema durchaus ernst: Überall leiden Traditionsvereine unter Mitgliederschwund und Vergreisung, zugleich gibt es in Städten mehr Neugründungen denn je. Was geht verloren, wenn sich die Jungen immer von den Alten abkapseln? Den Artikel gibt es hier als Leseprobe, den Rest des Magazins ab heute überall in Stuttgart und Region am Kiosk.

Call for Papers: ]trash[pool #9

trashpool9Aufmerksamen LeserInnen dürfte es nicht entgangen sein – wir haben uns 2018 eine kleine kreative Auszeit gegönnt. Aber: Uns gibt’s noch, im kommenden Jahr wird es wieder eine neue Ausgabe der Literaturzeitschrift ]trash[pool geben. Bis zum 30.11. könnt ihr uns Texte und Bilder (wie hier angegeben) an redaktion@trashpool.net schicken – wir freuen uns auf eure Einsendungen!

Stuttgart, deine Angst

LIFT 11-18Ab heute am Kiosk: die Novemberausgabe vom Stuttgartmagazin LIFT – und die erste, in der ich als Redaktionsmitglied meine eigenen Themen betreuen durfte! Entsprechend stolz bin ich natürlich, das Heft gleich mit einem eigenen Artikel zu eröffnen. Für Stuttgart, deine Angst habe ich mich mit Preppern, einem Survivaltrainer, Verschwörungstheorieforscher Michael Butter und der Telefonseelsorge darüber unterhalten, warum unsere Gesellschaft immer ängstlicher wird. Spoiler: Es liegt auch an der Diskursverschiebung seitens der AfD und Medien wie dem Kopp-Verlag hier aus der Region, die in der Angst der Menschen vor allem ein Geschäftsmodell sehen.

Stuttgarter sollten das Heft natürlich sowieso und immer kaufen – alle anderen können meinen Artikel aber hier auch online lesen.