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Der alte Mann und der Wald. Über „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian

img_4699Die Risiken und Nebenwirkungen des Alters sind gemeinhin bekannt. Den unaufhaltsamen Verlust körperlicher und geistiger Gesundheit kennt man aus dem Kleingedruckten, darauf ist man gefasst. Auf eine besonders lästige Eigenschaft des Altwerdens sind allerdings die Wenigsten vorbereitet: dass das Leben einen nun zwingt, loszulassen. Und zwar nicht nur jene, die man liebt. Sondern auch sich selbst – die Person, die man einmal war. Von niemandem gebraucht zu werden und keine Aufgabe mehr im Leben zu haben, lässt viele vereinsamen. Manche suchen sich einfach eine neue Aufgabe, geben sich etwa hingebungsvoll der Gartenarbeit hin; andere dagegen können sich mit dem Verlust ihrer Funktion nicht abfinden und halten verzweifelt an ihr fest. Und dann gibt es noch Menschen wie Erich: Auf die über achtzigjährige Hauptfigur von Ada Dorians Debütroman Betrunkene Bäume trifft all dies nämlich auf einmal zu.

Einst reiste Erich in einer abenteuerlichen Expedition durch Sibirien und erforschte die Bäume der Taiga, Jahrzehnte später ist er aber nur noch ein Schatten seiner selbst, der verzweifelt um seine Unabhängigkeit kämpft. Längst ist er zu alt, um alleine in seiner Wohnung zu leben; die Bemühungen seiner vielbeschäftigten, aber ehrlich besorgten Tochter Irina, ihm einen Platz im Altenheim oder wenigstens eine Pflegehilfe zu organisieren, sabotiert Erich jedoch nach Kräften. Sein Stolz ist größer als die Vernunft: Als Wissenschaftler auch im Ruhestand noch geachtet, wertet Erich weiterhin regelmäßig Klimadaten aus Russland aus. Aber nicht nur die Forschung, glaubt er, brauche ihn noch – auch sein Geheimnis im Schlafzimmer will Erich um jeden Preis bewahren: sein eigener kleiner Wald, der ihm spätestens, als Vögel darin nisten, über den Kopf gewachsen ist…

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Nachdem ihm Stolz und Arbeitseifer die halbe Familie gekostet haben, ist der Wald alles, was ihm geblieben ist; ein Umzug ins Altersheim würde Erich deshalb nicht nur die Selbstachtung nehmen, sondern ihn auch endgültig von seinem Leben und dem, was es ausmachte, entwurzeln. Erst die Bekanntschaft mit einer Teenagerin zwingt den starrköpfigen Professor zum Umdenken: Katharina, die nach der Trennung ihrer Eltern von zuhause ausgerissen ist und sich seither in Erichs leerstehender Nachbarwohnung versteckt, ist auf der Suche nach ihrem Vater, den es beruflich nach Sibirien verschlagen hat. Als beide einander helfen, entsteht eine ungleiche Freundschaft, die Erich mit den großen Fehlern seines Lebens konfrontiert: Unausgesprochene Wahrheiten, selbstsüchtige Entscheidungen und gebrochene Versprechen kommen ans Licht. Immer mehr kreisen sich seine Gedanken um die Vergangenheit und seine schicksalhafte Zeit in der sibirischen Taiga – für Erich ein Sehnsuchtsort aus mehr als nur einem Grund. Denn Heimat kann sehr viel mehr bedeuten als bloß einen Ort. Es kann auch eine Aufgabe sein, ein Gebrauchtwerden. Oder aber ein Mensch, den man liebt.

Gelungenes Debüt mit Schwächen

Ein alter Mann, der noch einmal auf sein Leben zurückschaut und sich endlich der Schuld stellt, die er einst auf sich geladen hat – natürlich ist das ein sehr gängiger Topos in der Literatur. Ada Dorian gelingt es dennoch, Erich zu einer interessanten Figur zu machen. Sein Wald im Schlafzimmer ist ein starkes und eindringliches Bild, das trotz aller Skurrilität glaubwürdig bleibt und dem Roman genau wie der Verweis auf das Phänomen der betrunkenen Bäume metaphorische Tiefe verleiht. Ganz besonders die Rückblenden auf Erichs Sibirien-Expedition mit dem Landstreicher Wolodja, eine Randfigur, deren Bedeutung sich erst spät herausstellt, sind spannend und atmosphärisch gelungen. Tatsächlich wünscht man sich, mehr von den Abenteuern der beiden zu lesen – eigentlich ein gutes Zeichen für einen Roman. Dagegen kann der zweite Handlungsstrang rund um Katharina leider deutlich weniger überzeugen. Im Gegenteil zu Erich bleibt ihre Figur blass und teils unglaubwürdig; vor allem den Umgang mit zwielichtigen Figuren, die sie beinahe auf die schiefe Bahn geraten lassen, kauft man der etwas einfältigen Katharina nicht ab. An manchen Stellen fühlt man sich in ihren Kapiteln beinahe an ein Jugendbuch oder die plakativen Abziehfiguren einer Soap erinnert. Im Interview beim Blog@bout in Berlin sprach Ada Dorian davon, als Kind vor allem Zeit mit den Alten in ihrer Familie verbracht zu haben – vielleicht ist das einer der Gründe, warum Erich so glaubwürdig und nachvollziehbar geraten ist. Umso bedauerlicher ist es, dass der Roman beim Wechsel zu Katharinas Perspektive stets an Intensität verliert, obwohl die Grundidee ihrer unerwarteten Verbindung eine gute ist.

Dennoch ist Betrunkene Bäume insgesamt ein gelungener Roman über Heimat und Entwurzelung, Selbstbestimmung und Verantwortung geworden, der sich schnell liest, aber umso länger nachwirkt. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass Ada Dorian bei ihrem Debüt noch ein wenig Luft nach oben gelassen hat: Schon im Herbst veröffentlicht Ullstein ihren zweiten Roman.


Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Der Roman erscheint am 24.2. bei Ullstein als erster Titel des neuen Imprints Ullstein fünf. Zu meinem Bericht über das Blog@bout mit der Autorin und dem Ullstein fünf-Team geht es hier entlang. Eine sehr schöne und treffende Rezension ist auch bei Lust auf Lesen erschienen.

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Haltung zeigen: Warum angesichts Pegida, „Lügenpresse“ & Co. ein guter Witz manchmal entwaffnender ist als ein Argument

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Manchmal weiß man schon vorher, wie eine Sache ausgeht. Man ahnt, dass der Pfannenwender zu klein ist, sieht seine Pizza dann aber trotzdem zwei Sekunden später kopfüber auf der Backofentür brutzeln. Oder lässt sich nach monatelanger Abstinenz zu dieser einen harmlosen Zigarette beim dritten Bier hinreißen und kauft sich beim fünften eine Schachtel. Die großen Dinge hängen ja oft und gerne mit den kleinen zusammen; wer sich also fragt, warum die Menschheit aus ihren Fehlern nicht schlau wird, muss sich bloß in seiner Küche umsehen, wenn er mal wieder seinen Löffel unterm voll aufgedrehten Hahn gespült hat. Als ich kürzlich – einige Wochen vor Pegida – einen Kommentar unter den Facebook-Status eines ehemaligen Schulkameraden setzte, war ich mir im Klaren darüber, dass ich es bereuen würde, ihn mir nicht (wie so oft zuvor) verkniffen zu haben. Im wunderbaren #Neuland gibt es Dinge, die man besser besser sein lässt, wenn einem seine Zeit lieb und teuer ist: Man diskutiert nicht mit den geifernden Trollen im SPON-Forum, schon gar nicht über die Leistung der Nationalmannschaft oder Jogi Löw. Und: Man weist einen AfD-Wähler mit Hang zum Wutbürgertum nicht auf Inkonsistenzen in seinem Weltbild hin.

Schon seit Jahren habe ich mich im Stillen über seine Postings geärgert, die mit geradezu missionarischem Eifer und mächtig Wut im Bauch so ziemlich jedes Klischee aktueller rechtspopulistischer Strömungen aufgreifen, mit dem nicht nur hierzulande, sondern u.a. auch in Frankreich, Italien, Niederlande oder der Schweiz Stimmung gemacht wird. Das Tückische an Menschen wie Thilo Sarrazin oder den jüngsten Parteigründungen ist ja, dass sie sich zumeist im demokratischen Spektrum bewegen, aber trotzdem hauptsächlich Themen aufgreifen, mit denen sich am rechten Rand fischen lässt. Die AfD etwa ist nicht nur ein Auffangbecken für Euroskeptiker, die einer „alternativlosen“ Europapolitik den Rücken gekehrt haben, sondern eben auch für (antiamerikanische) Verschwörungstheoretiker, Putinversteher, Islamophobiker oder Rückwärtsgewandte, denen die gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte – gerne als „Gutmenschentum“ beschimpft – zuwider sind. Wie in allen populistischen Parteien begegnet man realen Ängsten und Sorgen mit undifferenziertem Schwarz-Weiß-Denken, komplizierten Problemen mit einfachen, nicht zu Ende gedachten Lösungen. Als Partei selbst ist die AfD wohl kaum gefährlich, zumal sie sich dank aufbrechender Machtkämpfe sowie der starken Heterogenität ihrer Mitglieder zunehmend selbst im Weg steht; mehr als eine empathielose und technokratische Politik lässt sich ihr (jedenfalls in der Spitze) kaum vorwerfen. Gefährlich ist allerdings sehr wohl das Welt- und Menschenbild, das auch in ihrem Umfeld unter dem Deckmantel des Das wird man ja wohl noch sagen dürfen gegenwärtig wieder salonfähig geworden ist. (mehr …)