Satire

Überzeugend gescheitert. Über „Kraft“ von Jonas Lüscher

IMG_5786 KopieEine Million Dollar Preisgeld für die Beantwortung der Frage, warum alles, was ist, gut ist, und wir es dennoch verbessern können: eigentlich die perfekte Herausforderung für einen Rhetorikprofessor. Nur woher soll ausgerechnet Richard Kraft, titelgebender Held in Jonas Lüschers Roman, den Optimismus für einen überzeugenden Vortrag nehmen?

Jonas Lüscher ist gescheitert. Zum Glück, muss man hinzufügen. Denn anstelle seiner philosophischen Dissertation für Philosophie schrieb er dann doch lieber sein Romandebüt – nicht aber, ohne sich für Kraft vom Wissenschaftsbetrieb inspirieren zu lassen. In seinem Roman schickt Lüscher seinen Protagonisten Richard Kraft, einen Tübinger Rhetorikprofessor mit Geldsorgen, ins kalifornische Silicon Valley, um ihn dort grandios scheitern zu lassen: an der philosophischen Preisfrage, für die der Internetmogul Tobias Erkner eine Million Dollar ausgelobt hat. Und an sich selbst. Scheitern als Chance, das gilt in der New Economy ja beinahe schon als Plichtübung jeder erfolgreichen Vita. Kraft scheitert aber nicht mit der Leichtigkeit amerikanischer Zweckoptimisten, sondern mit europäischer Schwere und dem ganzen Ballast eines verkorksten Lebens. Er braucht das Geld. Finanziell noch von der ersten Scheidung gebeutelt, kann Kraft sich aus seiner zweiten, ebenfalls unglücklichen Ehe nur freikaufen, wenn er mit seinem Vortrag das Preisgeld einstreicht.

Süffisant, beinahe spöttisch, kommentiert der auktoriale Erzähler, wie Kraft am Druck seiner Aufgabe täglich mehr verzweifelt. Jonas Lüscher stellt den egozentrischen Professor in seiner ganzen Lächerlichkeit dar, ohne aber dessen Glaubwürdigkeit als Figur preiszugeben. Bei aller demütigenden Tragikomik bleiben sowohl sein privater als auch wissenschaftlicher Werdegang nachvollziehbar und schlüssig. In Rückblenden begleiten wir Kraft und seinen besten Freund, den vermeintlichen ungarischen Dissidenten István, durch die Bundesrepublik der Achtzigerjahre; beide verbindet eine politische Einstellung, mit der sie an der Universität gegen den Strom schwimmen. Als Wirtschaftsliberale schwärmen sie für Reagan und Thatcher und glauben fest an die geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl 1982 mit seiner Kanzlerschaft verspricht. Aber Kohl ist eine Enttäuschung, und obwohl der Zeitgeist ihnen Recht zu geben scheint, fühlen sich Kraft und István nicht als Sieger, sondern ihrer Singularität beraubt. Istváns Dissidentenstatus ist nach der Wende nicht mehr viel Wert. Und Kraft? Muss feststellen, dass jene Ideen, mit denen er im Wissenschaftsbetrieb einst herausstach, längst Mainstream geworden sind. Ausgerechnet die SPD überholt mit Schröders Agenda 2010 die CDU von rechts, während sich die FDP mit Politikern, die Kraft an sein jüngeres Ich erinnern, immer mehr ins Abseits manövriert.

Ein sicherer Longlist-Kandidat?

Dank vier Kindern aus zwei gescheiterten Ehen steht Richard Kraft als Wissenschaftler nun am Scheideweg. Den hoch dotierten Vortragswettbewerb im Silicon Valley kann er nur gewinnen, wenn er seine eigenen Prinzipien verrät – als Rhetorikprofessor könnte er dem naiven und fortschrittsgläubigen Preisstifter Tobias Erkner schließlich einfach nach dem Munde reden. In der Rhetorik kommt es aber nicht nur auf den Adressaten an. Überzeugen kann nur ein glaubwürdiger Redner mit entsprechendem Ethos. Doch woher soll ausgerechnet der Verlierer Richard Kraft den Optimismus für einen Vortrag nach Erkners Geschmack nehmen?

Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt – und dabei so klug und unterhaltsam, dass es eine Überraschung wäre, den Roman nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu entdecken. Mindestens. Das Timing könnte kaum besser sein: Zwar spielt das Silicon Valley eine große Rolle im Roman, in seinem Zentrum steht jedoch vor allem der Zeitgeist der BRD unter dem gerade verstorbenen Helmut Kohl – in der Rhetorik würde man das Kairos nennen. Seine abgebrochene Dissertation muss Jonas Lüscher jedenfalls nicht bedauern: So überzeugend wie er ist schon lange keiner mehr gescheitert.

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Jonas Lüscher: Kraft. Erschienen bei C.H. Beck und als Lizenztitel bei der Büchergilde, 237 Seiten. Einen Gedankenaustausch zwischen mir und meiner Buchpreisbloggerkollegin Sarah Reul gibt es auf ihrem Blog Pinkfisch zu lesen. Eine kürzere Version dieser Besprechung wurde erstmals im Magazin der Büchergilde (3/17) veröffentlicht; sehr aufschlussreich ist darin auch das Gespräch zwischen Jonas Lüscher und seinem Lektor. Andere lesenswerte Rezensionen zum Roman sind u.a. bei Das graue Sofa und brasch & buch erschienen. Weitere Spekulationen zur Longlist gibt es bereits im Blog von Buchpreisbloggerin Isabella Caldart.

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Haltung zeigen: Warum angesichts Pegida, „Lügenpresse“ & Co. ein guter Witz manchmal entwaffnender ist als ein Argument

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Manchmal weiß man schon vorher, wie eine Sache ausgeht. Man ahnt, dass der Pfannenwender zu klein ist, sieht seine Pizza dann aber trotzdem zwei Sekunden später kopfüber auf der Backofentür brutzeln. Oder lässt sich nach monatelanger Abstinenz zu dieser einen harmlosen Zigarette beim dritten Bier hinreißen und kauft sich beim fünften eine Schachtel. Die großen Dinge hängen ja oft und gerne mit den kleinen zusammen; wer sich also fragt, warum die Menschheit aus ihren Fehlern nicht schlau wird, muss sich bloß in seiner Küche umsehen, wenn er mal wieder seinen Löffel unterm voll aufgedrehten Hahn gespült hat. Als ich kürzlich – einige Wochen vor Pegida – einen Kommentar unter den Facebook-Status eines ehemaligen Schulkameraden setzte, war ich mir im Klaren darüber, dass ich es bereuen würde, ihn mir nicht (wie so oft zuvor) verkniffen zu haben. Im wunderbaren #Neuland gibt es Dinge, die man besser besser sein lässt, wenn einem seine Zeit lieb und teuer ist: Man diskutiert nicht mit den geifernden Trollen im SPON-Forum, schon gar nicht über die Leistung der Nationalmannschaft oder Jogi Löw. Und: Man weist einen AfD-Wähler mit Hang zum Wutbürgertum nicht auf Inkonsistenzen in seinem Weltbild hin.

Schon seit Jahren habe ich mich im Stillen über seine Postings geärgert, die mit geradezu missionarischem Eifer und mächtig Wut im Bauch so ziemlich jedes Klischee aktueller rechtspopulistischer Strömungen aufgreifen, mit dem nicht nur hierzulande, sondern u.a. auch in Frankreich, Italien, Niederlande oder der Schweiz Stimmung gemacht wird. Das Tückische an Menschen wie Thilo Sarrazin oder den jüngsten Parteigründungen ist ja, dass sie sich zumeist im demokratischen Spektrum bewegen, aber trotzdem hauptsächlich Themen aufgreifen, mit denen sich am rechten Rand fischen lässt. Die AfD etwa ist nicht nur ein Auffangbecken für Euroskeptiker, die einer „alternativlosen“ Europapolitik den Rücken gekehrt haben, sondern eben auch für (antiamerikanische) Verschwörungstheoretiker, Putinversteher, Islamophobiker oder Rückwärtsgewandte, denen die gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte – gerne als „Gutmenschentum“ beschimpft – zuwider sind. Wie in allen populistischen Parteien begegnet man realen Ängsten und Sorgen mit undifferenziertem Schwarz-Weiß-Denken, komplizierten Problemen mit einfachen, nicht zu Ende gedachten Lösungen. Als Partei selbst ist die AfD wohl kaum gefährlich, zumal sie sich dank aufbrechender Machtkämpfe sowie der starken Heterogenität ihrer Mitglieder zunehmend selbst im Weg steht; mehr als eine empathielose und technokratische Politik lässt sich ihr (jedenfalls in der Spitze) kaum vorwerfen. Gefährlich ist allerdings sehr wohl das Welt- und Menschenbild, das auch in ihrem Umfeld unter dem Deckmantel des Das wird man ja wohl noch sagen dürfen gegenwärtig wieder salonfähig geworden ist. (mehr …)

[sic!]: Dissen mit Tradition (1)

Öffentliche Verkehrsmittel offenbaren sich doch immer wieder als faszinierendes Kaleidoskop menschlicher Kommunikation. Kürzlich wurde ich an einer Haltestelle Zeuge einer bemerkenswerten sprachlichen Rückbesinnung. Ich lauschte einer Gruppe halbstarker Gymnasiasten, deren Duktus und Vokabular deutlich von den Vertretern der hiesigen Gangsta-Rap-Szene geprägt war, und machte mir Gedanken über die freimütige Beschneidung unserer Mutter[sprich: mudda]sprache. Gerade in Zeiten, in denen sich im eigenen Dialekt gefangene Politiker öffentlich um die Qualität unserer Sprache und die Bedingungen für gelungene Integration sorgen, lohnt es sich schließlich, den Blick (oder das Ohr) auch einmal auf die deutsche Jugend zu richten. Eine sehr wohlwollende Vermutung: Die zunehmende Beschränkung auf szenetypisches Rumpfdeutsch ist nichts weniger als ein hochinnovativer Ansatz zur Völkerverständigung: Indem die Jugendlichen den mitunter bürgerlichen Wortschatz ihres Elternhauses integrationsfreundlich wegrationalisieren, begegnen sie selbst unseren ausländischen Mitbürgern ohne Sprachpraxis auf Augenhöhe. Zurück zur Situation an der Haltestelle. Mitten im Gespräch – ein spielerischer beef übrigens – hörte ich einen unserer ehrenamtlichen Streetworker aus dem gehobenen Ghetto in bestem Gangstasprech sagen: „Ey Alter, du bischt ja voll der Tunichtgut!“ Eine begrüßenswerte Losung, wie ich finde: Wenn schon dissen, dann bitte mit Tradition. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlecht um die deutsche Sprache bestellt, wie es unsere besorgten Politiker aus Bayern zuweilen befürchten lassen. Sprache war nämlich schon immer eine Brücke. Alter.