Dezemberfieber: Erste Termine & Leseprobe

mikro

Der Titel meines Debütromans Dezemberfieber passt momentan wie die Faust aufs Auge: Ich fühle mich nämlich gerade wie ein Kind in der Adventszeit – es sind nur noch wenige Wochen bis zum Erscheinungstermin am 17. September 22. September! Ich kann es kaum erwarten, mein Buch endlich in den Händen zu halten! Während ich gemeinsam mit meinem Verlag noch am Feintuning der Druckfahnen arbeite, kann ich bereits jetzt die ersten Lesungen für den Herbst bekannt geben. Am 22. September lese ich für die Bloggerkolleginnen von Das Debüt in Essen, am 4. November in meiner Heimatstadt Nordenham, am 11. 11. gemeinsam mit Stefanie Schleemilch in Tübingen sowie am 20. 11. beim Lit.Quartier in Stuttgart. Für Dezember sind weitere Lesungen in Planung, die ich bei Zeiten meiner Terminübersicht hinzufügen werde. Ich freue mich bereits sehr darauf, aus meinem Roman zu lesen und dabei vielleicht sogar den einen oder anderen von euch persönlich kennenzulernen! Selbstverständlich wäre es mir auch eine große Ehre, bald das eine oder andere Rezensionsexemplar unters Bloggervolk bringen zu dürfen – fragt einfach nach!

Um die Wartezeit zu verkürzen, lasse ich zum hier Abschluss eine weitere Leseprobe springen – ein kurzer Rückblick auf Bastians Jugend in einer zerrüttenden Familie:

Auszug aus dem sechsten Kapitel

Als er am Montag alleine ins Krankenhaus ging, spürte Bastian beinahe Lampenfieber. Denn krank, das waren immer die anderen. Doch jetzt war er an der Reihe für den großen Auftritt, ganz gleich, ob ihm das passte oder nicht. Tradition verpflichtet. Dank seiner Familie kannte er sich bestens in den Korridoren aus, wusste um die Wege zu den Stationen und die Anordnung der Zimmer. Dennoch ließ er sich Zeit, als wüsste er nicht, wohin, hielt immer wieder inne, als hätte er sich verlaufen. Aber selbst eine falsche Abzweigung hätte ihm nicht helfen können – an seinem Vorstellungsgespräch bei Dr. Knopp führte kein Weg vorbei. Der Ruf der großen Bühne war nicht mehr zu überhören.

Das wurde Bastian spätestens klar, als er den Warteraum sah: Stuhlreihen wie in einem Zuschauersaal und gegenüber das Behandlungszimmer, eine Bühne hinter steinernem Vorhang, auf der sich die großen Dramen des Lebens unter Ausschluss des Publikums abspielten. Bastian nahm in der hintersten Reihe Platz und dachte an die bisherigen Gastspiele seiner Familie. Sein Opa hatte hier im vergangenen Jahr einen fulminanten Auftritt hingelegt. Seine Darstellung war so bewegend gewesen, dass am Ende der Vorstellung Kränze für ihn niedergelegt worden waren. Bastians Vater konnte da nicht ganz mithalten – dessen Bühnenperformance eines perforierten Magens hatte gerade einmal für einen Gastauftritt gereicht. Die Spielzeit seiner Mutter wurde dagegen jede Saison verlängert. Ihre Interpretation der klassischen endogenen Depression rührte nun schon seit Jahren die Massen.

Die ineinander verschränkten Finger rot vor Anspannung, ließ Bastian seinen Blick durch den Wartesaal schweifen. Die meisten seiner Mitbewerber wirkten gelassen. Sie lasen ganz entspannt Illustrierte oder unterhielten sich. Er fragte sich, ob der Junge aus der Oberstufe wohl auch hier gesessen hatte, kurz, bevor ihm Dr. Knopp den Hodenkrebs diagnostizierte. Bestimmt hatte er das, und bestimmt hatte er dabei nicht alleine sein müssen. Bastian bewarb sich für dieselbe Rolle, und spätestens, wenn er sie bekam, würden auch seine Eltern im Publikum sitzen.

Als Bastian aufgerufen wird, prasselt der Regen an die Scheibe wie Applaus. Schicksalsergeben folgt er der Schwester hinter den Vorhang. Die Bühne ist winzig, die Bretter, die die Welt bedeuten, gerade einmal groß genug, um sich auf sie zu legen. Kaum hat Bastian Platz genommen, schrumpft auch er. In einem Moment baumeln seine Füße noch knapp über dem Boden, im nächsten ragen sie nicht einmal mehr über den Rand der Liege. Bastian begrüßt den Arzt mit der Fistelstimme eines Zwerges. Dr. Knopp dagegen ist groß, und das nicht zu knapp. Seine kalkweißen Haare fegen bei jeder Bewegung den Putz von der Decke, und mit einer Stimme ohne Melodie, mehr bellend als sprechend, gibt er sofort die ersten Regieanweisungen: Hose runter! Hinlegen! Bastian macht sich frei, dann richtet Dr. Knopp das Spotlight auf seinen Untersuchungsgegenstand: Bühne frei für Bastians Hodensack! Der Arzt umfasst seine geschrumpften Testikel mit Fingern wie Baumwurzeln und wendet sie im Licht. Er zieht die Haut straff, bis die Hoden weißlich hervortreten, und tastet sie mit Daumen und Zeigefinger ab. Kurz sieht es aus, als balanciere er einen der Hoden auf seinem Finger, und Bastian denkt sofort an Hamlet und seinen Schädel: Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.

Das Casting war bereits nach wenigen Minuten vorbei, entsprechend schnell fällte Dr. Knopp sein Urteil: Bastians Hoden waren definitiv zu klein für die große Bühne, die Schmerzen lediglich Symptome der Pubertät. Seiner Erleichterung zum Trotz fühlte sich Bastian beim Nachhauseweg eigenartig leer. Er war gesund, also gab es keinen Grund, sich um ihn zu sorgen. Tradition verpflichtet. Doch krank, das waren immer die anderen.

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