Text: Schaumschläger (mit Vorbemerkung)

Vorbemerkung

Ich muss gestehen: Kurzgeschichten liegen mir nicht. Fast immer, wenn ich eine gute Idee habe, verknüpft sie sich in meinem Kopf sogleich mit der nächsten; wie Puzzleteile sammle und vernetze ich sie dann solange, bis sie ein größeres Bild ergeben. Manche stellen sich als Keimzelle für einen Roman heraus, andere enden in diesem vielleicht nur als Nebensatz. Gemeinsam ist ihnen, dass sie fast immer vom nächsten „großen Ding“ aufgesaugt werden. Offenbar zwingt mich eine sadistische Ader dazu, lieber im großen Stil zu scheitern und zwei Jahre an einem Roman zu arbeiten, der vielleicht ungelesen in der Schublade landet, als im selben Zeitraum ein paar Dutzend Erzählungen zu schreiben.

Eigentlich kann ich gut damit leben; das Herumbasteln an der Architektur eines Plots ist für mich sogar die schönste, aufregendste Phase der ganzen Arbeit. Auch viele andere Romanautoren schreiben keine Kurzprosa, zumal es in Deutschland (anders als beispielsweise in den USA) ohnehin keinen Markt für short stories gibt. Allerdings hat die Sache einen Haken: Romanauszüge eignen sich nur selten für Literaturzeitschriften und Wettbewerbe. Oft gibt es nur wenige in sich geschlossene Stellen, die ohne weiteren Kontext funktionieren – und das sind dann auch nicht zwingend die besten.

Noch schwieriger wird es bei Ausschreibungen mit festen Themenvorgaben. Diese sind zwar meist so vage, dass man praktisch alles einsenden könnte, manchmal aber auch so konkret, dass selbst ein bequemer Hund wie ich nicht darum herum kommt, eigens einen Text für die Ausschreibung zu verfassen.

Für den Wettbewerb der Tübinger Poetikdozentur – dem Würth Literaturpreis – gab es im vergangenen Jahr folgende Vorgabe: Die Schönheitskönigin Sarah Rotblatt fährt an einer Tankstelle vor. Mein Beitrag, eine oral history voller unzuverlässiger Erzähler, ist sehr speziell geworden und etwas, nun, schräg. Wenn ich schon eine Kurzgeschichte schreibe, muss sie für mich auch anders sein als das, was ich in meinen Romanen mache – solche Experimente können, müssen aber nicht immer gelingen. Aus diesem Grund wird „Schaumschläger“ vermutlich kaum den Weg in mein nächstes „großes Ding“ finden, sich auf diesem Blog aber sicher wohler fühlen als in meiner Schreibtischschublade. Viel Spaß beim Lesen! 

Schaumschläger

Peter M., Tankwart, 42

Sie werden’s kaum glauben, aber: Hier an der Tankstelle erlebt man so einiges. Vor allem, wenn Stau ist. Da fallen die Masken, sag ich immer. Wir hören hier natürlich Verkehrsfunk; wenn dort von zehn Kilometern aufwärts die Rede ist, wissen wir gleich, was auf uns zukommt: quengelnde Kinder, überforderte Eltern, zerstrittene Paare. Sie würden sich wundern, was Ungeduld aus eigentlich vernünftigen Menschen macht. Aber so was wie am 4. April habe ich in zwanzig Jahren nicht erlebt.

Elisabeth S., Kundin, 53

Am schlimmsten war das Geschrei! Wissen Sie, ich schaue ja gerne Naturfilme. Stellen Sie sich ein Ferkel vor, das von einer Hyäne gerissen wird. Haben Sie das im Ohr? Und diese Laute von einem einzigen Menschen! Ab-scheu-lich! Und dazu dieses Gesicht! Wie ein Tier im Blutrausch! Glauben Sie mir: Von einer Sekunde auf die andere waren da nur noch Zähne und Geschrei! Gräss-lich!

Monika L., Kassiererin, 22

Das arme Kind!

Peter M.

Die Dame machte anfangs einen sehr eleganten Eindruck. Feines Kostüm, teure Frisur, hohe Schuhe. Ein bisschen etepetete vielleicht. Sicher war sie gestresst – genau wie jeder andere an diesem Morgen. Dreißig Kilometer, das hat man nicht alle Tage. Und wenn man so in Eile ist wie sie, liegen die Nerven schon mal blank.

Elisabeth S.

Aufgetakelt bis zum Geht-nicht-mehr! Sonnenstudiobraun, blondiert und mit Spritzpistole geschminkt: Das war nicht schick, sondern billig. Wer so dick aufträgt, hat ein Nichts zu verbergen! Als sie dann aber ihre Tochter aus dem Auto zerrte, war ich wirklich baff.

Monika L.

Sie sah aus wie eine kleine Prinzessin! Von so einem Kleid habe ich früher immer geträumt: hellrosa mit kleinen Schleifchen aus Tüll und glitzernden Strass-Applikationen. Und dann ihre Haare! Engelsblond! Die Frisur muss Stunden gedauert haben! Ich wusste sofort, dass die Kleine eine Schönheitskönigin ist! Den Fleck habe ich erst gesehen, als die beiden in der Tankstelle waren. Ihre Mutter hätte trotzdem nicht so streng zu ihr sein dürfen. Kinder kleckern nun einmal!

Elisabeth S.

Das Mädel hat sich eingenässt. Ich erkenne einen Urinfleck, wenn ich ihn sehe.

Jonas G., Kunde, 26 [Name auf Wunsch geändert]

Zunächst war es keine außergewöhnliche Situation: Überforderte Mütter mit trotzigen Kindern erlebt man jeden Tag im Supermarkt, aufgebrezelte White-Trash-Blondinen zumindest regelmäßig im Nachmittagsprogramm. Eines muss man ihr lassen: Sogar unter der verlaufenen Schminke konnte man sehen, was für eine Schönheit ihre Tochter war!

Elisabeth S.

Wi-der-lich! Solchen Müttern sollte man die Kinder wegnehmen! Aus Mädchen Sexobjekte zu machen, das ist doch krank! Die werden heute schon früh genug erwachsen – muss man ihnen da auch noch die wenigen unbeschwerten Jahre rauben? Nuttig sah die Kleine aus, wie eine Lolita. Kein Wunder, dass sie sich so gesträubt hat! Armes Ding. In der Tierwelt gibt es ja Mütter, die ihre eigenen Kinder fressen. Ein gewagter Vergleich? Iwo! Glauben Sie mir, ich war dabei: Da war nichts Menschliches mehr am Schluss. Das war nur noch bestialisch. Bes-ti-a-lisch!

Jonas G.

Kaum waren sie im Tankstellenshop, zerrte die Mutter sie schnurstracks Richtung Klo. Ich verschüttete meinen halben Kaffee, als sie mich im Vorbeieilen streifte. Entschuldigt hat sie sich trotzdem nicht. Stattdessen schenkte sie mir einen bösen Blick, weil ich es gewagt hatte, ihr im Weg zu stehen. Am Putzwagen des Reinigungspersonals blieb sie stehen und zischte, für diese Schweinerei brauche sie etwas Stärkeres als Seife. Sie nahm ein Scheuermittel heraus und schüttete es großzügig auf den Fleck, rieb das Kleid dann aneinander, bis der Stoff aus allen Poren schäumte. Sie war sehr ruppig zu ihrer Tochter, ermahnte sie immer wieder, stillzustehen. Das Mädchen ließ alles mit sich machen. Es starrte einfach mit leeren Augen ins Nichts, selbst, als die Mutter ein Taschentuch mit Spucke befeuchtete und ihm damit die Schminkschlieren von den Wangen wischte.

Peter M.

Ich hatte gar keine andere Wahl. Hinter ihrem Wagen warteten drei Autos, von denen eines bereits hupte. Wie schon gesagt: Die Nerven lagen bei allen blank. Also bin ich zu ihr hin und bat sie, den Platz an der Zapfsäule zu räumen, wenn sie nicht tanken wolle. Ich habe bloß freundlich auf die Parknischen am Rastplatz verwiesen, da ist sie ganz plötzlich explodiert! Ich dachte, sie springt mir an den Hals! Natürlich möchte man vermeiden, dass jemand im Laden eine Szene macht; in so einem Moment ist Diplomatie gefragt. Darum habe ich ihr angeboten, dass sie ihren Wagen noch zwei, drei Minuten stehen lassen kann, wenn sie etwas kauft – eine Kleinigkeit wenigstens.

Monika L.

Es war so ein furchtbarer Tag! Unser neues Kassensystem spinnte [sic!] ständig, und dann war ich auch noch allein an der Theke. Normalerweise ist mittags ja nicht viel los. Ein Wunder, wie geduldig die Leute in der Schlange waren, obwohl sie ja schon so lange im Stau gestanden hatten. Anders die Mutter: Die hat einen Riesenterz gemacht! Und dabei wollte sie nur Zigaretten! Ich muss zugeben, dass ich ganz schön eingeschüchtert war: Wie oft hat man es denn schon mit Prominenten zu tun?

Elisabeth S.

Natürlich habe ich sie nicht vorgelassen! Ha! Sie hätten die dumme Kuh hören sollen! Sie müsse zu einem wichtigen Termin – die Karriere ihrer Tochter hänge davon ab! Einfach lächerlich, wie sie mit dem Mädel geprahlt hat: Sarah Rotblatt, Schönheitskönigin von Dingenskirchen oder wie das Kaff heißt! [Anm.d.Red.: Gemeint ist das niedersächsische Dorf Rodenkirchen] Und wo sie überall schon im Fernsehen waren: Gast bei Lanz und Hallaschka, Beiträge bei Taff und Explosiv! Die Alte hyperventilierte fast! Als gäbe es nichts Wichtigeres als die Titelverteidigung irgendeines Prinzesschenwettbewerbs in der Provinz! Bestimmt fünfmal hat sie gejault, dass ausgerechnet heute Scouts der größten Modelagenturen da seien! Und das in diesem Kaff! Lä-cher-lich!

Jonas G.

Die Kleine sah sich derweil in der Tankstelle um. Sie schlich an den Regalen vorbei und prüfte immer wieder verstohlen, ob sie jemand beobachtete. Auf einmal ließ sie gleich mehrere Gegenstände unter ihrem Kleid verschwinden. Umso erschrockener war sie, als sie mich bemerkte. Ich hatte Schönheitskönigin Sarah Rotblatt beim Klauen erwischt! Dass ich sie nicht verpetzt habe, verdankte sie ihrem flehenden Blick. Ich wollte es nicht noch schlimmer für sie machen, nickte ihr darum bloß lächelnd zu. Sie lächelte zurück, dann verschwand sie auf dem Klo. Stutzig wurde ich eigentlich erst, als die Kleine nach fünf Minuten noch immer nicht zurückgekommen war. Irgendwann kam ihre Mutter – eben noch draußen mit Rauchen und Keifen beschäftigt – wieder in den Laden hinein, um nach ihr zu suchen. Eskaliert ist das Ganze dann ziemlich plötzlich.

Peter M.

Ich kann doch nicht einfach so Klotüren aufbrechen, geschweige denn eintreten! Dass sich ihre Tochter in eine der Kabinen gesperrt hatte, war noch lange kein hinreichender Grund für Sachbeschädigung. Das sah die Mutter natürlich ganz anders: Anfangs hämmerte sie auf die Klotür ein und belegte mal das Mädchen, mal mich mit Flüchen, später versuchte sie es dann auf die sanfte Tour: Dem Mädchen versprach sie den Himmel auf Erden, mir dagegen Dinge, für die ich zweifelsohne in die Hölle käme. Ihre Tochter blieb die ganze Zeit über still. Handlungsbedarf sah ich erst, als das Wasser kam.

Jonas G.

Das Gezeter auf dem Klo konnte man im ganzen Laden hören – den ersten Schrei vermutlich sogar bis zu den Zapfsäulen.

Peter M.

Zweimal hat das Mädchen zu spülen versucht, dann lief die Schüssel über. Das, was das Klo verstopft hatte, schwemmte das Wasser schnell an unsere Schuhe: aufgedunsenes Klopapier und die gesammelten Kotreste eines halben Vormittags, vor allem aber Haare. Sie wickelten sich um die Stöckelschuhe ihrer Mutter und schwammen dann in Knäulen davon. Ihr Schrei war ohrenbetäubend! Als ich die Tür aufbrach, konnte ich gerade noch sehen, wie das Mädchen durch die Pfütze unter die Trennwand robbte und in der Nachbarkabine verschwand.

Jonas G.

Als sie aus dem Klo rannte, hätte ich Sarah Rotbaum fast nicht erkannt. Das lag allerdings weder an ihrem pitschnassen Kleid noch an der Klobürste, die sie zur Bewaffnung trug, sondern hauptsächlich an dem, was sie mit ihrem Kopf gemacht hatte.

Peter M.

In der Kloschüssel fand ich einen ganzen Batzen blonder Haare sowie Schere und Rasierer. Also aus unserem Sortiment stammten die nicht!

Jonas G.

Sie hatte noch etwas Rasierschaum am Kopf! Das war es also, was sie geklaut hatte! Als die Mutter hinter ihr herkam, gab es eine regelrechte Verfolgungsjagd zwischen den Regalen. Zur Verteidigung pfefferte ihr die kleine Schönheitskönigin die Klobürste an die Stirn.

Elisabeth S.

Dergleichen habe ich nicht gesehen, nein. An eine Klobürste könnte ich mich doch erinnern! Richtig ist, dass ihr Kleid mit Kotschlieren übersät war. Bitte? Ja ja, der Rasierschaum! Den wollte ich gerade erwähnen. Un-vor-stell-bar! Rings um ihren ganzen Schädel!

Monika L.

Eine zentimeterdicke Schicht! Man konnte nur noch die Nasenspitze sehen!

Elisabeth S.

Ihre Mutter fiel wie ein Tier über sie her! Haben sie das mit der Hyäne und dem Ferkel noch im Ohr?

Jonas G.

Sie prügelte ihr den Schaum in Flocken vom Kopf!

Monika L.

Als dresche sie auf einen Schneemann ein!

Elisabeth S.

Als schlage sie Sahne!

Jonas G.

Es war zu spät: Unter dem Schaum sah die Schönheitskönigin aus wie ein gerupftes Huhn. Es waren nur noch vereinzelte, kastanienbraune Strähnen übrig, selbst ihre Augenbrauen hatte sie sich abrasiert! Und dann ging es ja erst richtig los! Was anschließend auf der Autobahn passierte, weiß inzwischen wohl jeder, der nicht auf dem Mond lebt. Aber ich will Sie nicht langweilen – den Teil kennen Sie ja bereits aus den Nachrichten. [Vgl. Pressespiegel / Anhang]

Elisabeth S.

Ich finde es un-er-hört! Früher musste man etwas leisten, um berühmt zu werden! Und überhaupt: Das Ganze war eigentlich ganz anders, als im Fernsehen immer behauptet wird!

Monika L.

Doch, ich bin mir sicher. Früher nachmittag, um genau zu sein. Mit Ausnahme eines älteren Herren war zu diesem Zeitpunkt niemand im Laden. Alle anderen waren zu diesem Zeitpunkt schon draußen, um beim Chaos am Zubringer zu gaffen. Schlimm, das mit all den Schaulustigen. Aber immerhin: Sie waren zur rechten Zeit am rechten Ort, nicht?Welcher Tankwart? Wir sind eine SB-Tankstelle!

Jonas G.

Sagte ich wirklich braun?

Elisabeth S.

Die dämliche Kassiererin? Ach, die will sich wichtig machen! Die war doch bloß mit ihrem Handy und ihren Nägeln beschäftigt! Aber jetzt ist’s langsam mal gut mit ihren ganzen Fragen – ich finde Ihre Sensationsgier un-er-träg-lich!

Peter M.

Da haben sie mich missverstanden. Was wollen Sie mir hier eigentlich unterstellen?

Monika L.

Tut mir leid: Soweit ich weiß, werden die Bänder nach vierundzwanzig Stunden gelöscht.

Elisabeth S.

Na, Sie haben mir die Worte doch in den Mund gelegt! Am Ende schreiben Sie ja sowieso was sie wollen – Hauptsache, Sie haben Ihre reißerische Story!

Jonas G.

Das verbitte ich mir! Sie sind es doch, die meine Geschichte unbedingt hören wollten! Was maßen Sie sich eigentlich an, über mich zu urteilen?

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