Leben. Trotz. Krieg. Über Aboud Saeeds „Lebensgroßer Newsticker“

Cover - Aboud Saeed – Lebensgroßer NewstickerWenn Aboud Saeed nicht gerade versucht, einem Esel den Penis abzureißen, ist er eigentlich ein ganz normaler junger Mann. Er denkt zu oft an Frauen, treibt sich zu lange auf Facebook herum, gibt zu viel Geld für Alkohol und Zigaretten aus. Man könnte glatt mit ihm befreundet sein oder ihn aus der Nachbarschaft kennen. Aboud Saeed ist aber nicht der Junge von Nebenan, sondern in einer syrischen Kleinstadt nahe Aleppo aufgewachsen. In einem Land, in dem Bürgerkrieg und Armut, Assad und ISIS nicht die Nachrichten, sondern den Alltag prägen, träumt man als Heranwachsender nicht nur von Mädchen und wilden Nächten, sondern eben auch von einem Leben, „wo die Tochter meiner Schwester ihren gekauten Kaugummi nicht auf den Fernseher klebt, damit sie ihn am Tag darauf weiterkauen kann.“ Oder davon, dass der Bruder nur kurz hätte innehalten müssen, um sich seine Zigarette anzuzünden: „Dann hätte ihn die Bombe knapp verpasst.“

Im Digitalverlag Mikrotext, den ich hier schon einmal kurz vorgestellt habe, ist gerade Aboud Saeeds zweites Buch „Lebensgroßer Newsletter. Szenen aus der Erinnerung“ erschienen, in dem der 1983 geborene Syrer, der inzwischen mit politischem Asyl in Berlin lebt, von seiner Jugend in Manbidsch schreibt. Sein erster Band „Der klügste Mensch im Facebook“ mit gesammelten Statusmeldungen während der syrischen Revolution erschien 2013 ebenfalls bei Nikola Richters innovativem E-Book-Verlag; beide Bände wurden von Sandra Hetzl aus dem Arabischen übersetzt.

Alltagsskizzen aus dem Bürgerkrieg

„Lebensgroßer Newsletter“ erzählt nicht vom Krieg, sondern von einem Land, in dem der Krieg längst zur Normalität geworden ist. In kurzen Anekdoten, poetischen Gedankenspielen und Alltagsskizzen zeigt Saeed, wie sehr dieser die Menschen verändert, die trotz Armut und Leid weitermachen, weiter funktionieren müssen. Saeeds Texte kommen ohne verklärten Blick aus dem Westen aus, wirken stattdessen wie mitten aus dem Leben gegriffen. Sie stecken voller Details, die deutlich machen, wie sehr sich der kulturelle und gesellschaftliche Hintergrund Syriens von unserem unterscheidet. Fußnoten erläutern notwendiges Wissen über Namen, Geschichtsdaten oder muslimische Bräuche. Im Gegensatz zu Marjane Satrapi, deren großartige Graphic Novel „Persepolis“ autobiographisch von ihrer Kindheit im Iran der Achtziger erzählt, ist Aboud Saeeds Jugend nicht von westlicher Popkultur geprägt.

Doch so anders er auch aufgewachsen ist als wir, so ähnlich sind seine Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte. In den manchmal bitteren, oft aber auch leichtfüßigen und amüsanten Anekdoten liest man von lebenshungrigem Trotz und jugendlicher Großmäuligkeit. Man liest von Saeeds Unsicherheit gegenüber Mädchen und seiner Frustration, in Armut zu leben. Liest vom Versuch, einem Esel den Pimmel auzureißen und davon, was es heißt, nicht genügend Töpfe für die undichten Stellen im Dach zu haben. Liest manchmal Albernes, fast Belangloses – und dann wieder diesen einen Satz, der einem ohne Vorwarnung das Herz bricht.

Aboud Saeed sehnt sich nach Dingen, die, wäre er woanders geboren worden, ganz selbstverständlich wären. Nicht selten blitzt in seinen Texten Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens auf. Weil ihm seine Eltern kein Spielzeug kaufen konnten, begnügte er sich als Kind mit einem Holzschwert und Spuckspielen. Wenn man älter wird, reicht kindliche Phantasie aber irgendwann nicht mehr aus, um sich mit Missständen zu arrangieren: „Ich spuckte auf unseren Kühlschrank, auf die syrischen Staatsmedien, auf Krawatten, Make-up. Pflichten. Auf Glühbirnen, Kerzen und den Sicherheitsrat. Jetzt bin ich erwachsen und mein Mund ist leer.“

Aboud Saeeds einfache und oft launige Prosa erinnert manchmal an die Texte von Poetry Slams, wäre da nicht der Kern harter, grausamer Realität, der ihnen Gewicht verleiht. Dabei kommt Saeed oft ganz ohne Pathos aus: Der Schrecken des Krieges ist fast beiläufig, weil die kleinen, privaten Tragödien inzwischen Alltag in der großen Tragödie Syriens sind. Sie sind kaum noch etwas Besonderes – und das ist die eigentliche Tragödie. Am Beispiel seiner Mutter zeigt Saeed, wie sehr der Krieg die Menschen abstumpfen lässt: Als sein Vater starb, ließ sie ein ganzes Jahr lang den Fernseher, das Radio, den Kassettenrekorder verschwinden. Beim Tod seines Bruders tat sie nichts dergleichen; sie hatte sich an das Verlieren geliebter Menschen gewöhnt.

Gelungene Flucht ohne Happy End

Auch Aboud Saeed selbst verbittert zusehends und erlebt besonders seine Flucht über die syrische Grenze im Rückblick voller Selbstekel. Er verweigert einem gestürzten Mitflüchtling die Hilfe und wirft ihm mit dem Blick eines Filmbösewichts Erde – Heimaterde! – ins Gesicht. „Dann rannte ich, was das Zeug hielt, wie ein fieser Syrer, der vor den Tränen seiner Mutter davonläuft und sich dabei als Sieger fühlt.“

Saeeds gelungene Flucht in den Westen ist, obwohl er dort Beachtung als Schriftsteller erfährt, alles andere als ein Happy End. Als politischer Flüchtling in Berlin fühlt er sich entwurzelt und verloren. Ausgerechnet in einem Land, in dem er Schutz sucht, wird er im Park von einer jungen Frau mit einer Pistole überfallen. Seine Reaktion ist im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnend: „Jetzt hör mal gut zu. Ich bin aus einem Land geflohen, wo alles was man tut, Selbstmord ist. Jedes geparkte Auto ist eine Autobombe, jeder Fußgänger hat einen Sprengstoffgürtel um, in jeden Park hat man Zeitbomben gepflanzt, jeder Vogel am Himmel ist ein MiG-Jet.“ Weil die Frau sein Geld will, verweist Saeed auf seine sieben Jahre alte Hose und Schuhe, die er am Wegrand gefunden hat, erzählt von seinem Traum, wenigstens ein veraltetes iPhone mit MP3s syrischer Künstler zu besitzen. Es müsste also eigentlich anders herum sein – Saeed müsste eigentlich ihr das Geld rauben und nicht sie ihm. „Und dann […] schicke ich es meiner Mutter, damit sie den Ölofen anmachen oder meiner Schwester Lippenstifte kaufen kann.“ Wie bei vielen Anekdoten in „Lebensgroßer Newsticker“ weiß man nicht, ob diese wirklich so passiert ist – aber die Wahrheit, die ihnen zugrunde liegt, ist eine wichtigere, tiefergehende als die nüchterner Tatsachenberichte.

Nach den 38 kurzen Texten, in denen man mit und über Aboud Saeed gelacht hat, ihn vor seinem inneren Auge leiden, trotzen und leben sah, glaubt man tatsächlich, ihn zu kennen wie einen guten Freund. Vielleicht ist Aboud als Mensch ganz anders und bloß ein guter Geschichtenerzähler – aber das ist am Ende vollkommen egal. Sein Buch zeigt das Leben hinter den Nachrichtenbildern und bringt uns Menschen nahe, die der alltäglichen Tragödie in Syrien einen Rest an Normalität abzutrotzen versuchen. Aboud Saeed schenkt diesen Menschen eine Stimme, die weit mehr berührt als Nachrichten über verwüstete Städte und Tote, denen mit zunehmender Dauer des Krieges immer abgestumpfter, empathieloser begegnet wird. Denn: Um wen bangen wir bitte mehr als um einen guten Freund?

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