Stichproben aus einem Literaturautomaten

DSC_0425Ich muss gestehen: Die Anzahl der Sonnentage verhält sich derzeit leider antiproportional zu der meiner Blogeinträge. Doch (Zeit-)Not macht bekanntlich erfinderisch: Gute Literatur findet man schließlich nicht nur in dicken Wälzern, sondern auch in kurzen, manchmal sogar Kürzesttexten. Während ich in meiner letzten Rezension das Preis-/Leistungsverhältnis einer großartigen, im Format jedoch aufgeblasenen Kurzgeschichte von David Foster Wallace thematisierte, gehe ich heute sogar noch einen Schritt weiter und stelle Literatur im Miniaturformat vor: Texte aus dem Automaten.

Seit 2006 haben Pamela Granderath und Christine Brinkmann an inzwischen 15 Standorten – meist Kulturzentren – Literaturautomaten aufgestellt, an denen man sich für zwei Euro von Texten unterschiedlichster Art überraschen lassen kann. Bis auf den Titel und den Namen des Autors bzw. der Autorin weiß man nicht, was einen erwartet; auch online wird nicht verraten, ob sich in den Schachteln ein Heftchen mit Prosa oder Lyrik verbirgt. Zudem gibt es noch einen Überraschungsschacht, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt – nach eigenen Angaben vielleicht sogar ein Daumenkino.

Schon als Kind habe ich mein hart erschnorrtes Taschengeld gerne in Automaten gesteckt und damals eine – zugegeben: etwas verschrobene – Sammelleidenschaft für jene Stoffwürmer entwickelt, die man an vermeintlich unsichtbaren Fäden hinter sich her ziehen konnte; über mein späteres, jahrelanges Münzinvestment hülle ich an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens (wenn auch mit einem nervösen, hypochondrischen Hüsteln). Bei den vier Euro, die ich im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin ließ, hatte ich jedenfalls das überaus seltene Gefühl einer sinnvollen Automateninvestition. Von den zehn Schächten war die Hälfte bereits ausverkauft, also entschied ich mich spontan für die Titel, die mich auf den ersten Blick am neugierigsten machten.

Über die Beschriftung der Schachtel von Anja Liedtke würde sich vermutlich selbst der sorgloseste Raucher freuen: „So schnell stirbt sich’s nicht“. Ihr Text hat mich gleich nach den ersten Zeilen gepackt:

„So schnell stirbt sich’s nicht, pflegte meine Großmutter zu sagen. Sie überlebte zwei Weltkriege, Hunger, die Geburt ihres Kindes, die Umweltzerstörung und das Fernsehprogramm, den zunehmenden Autoverkehr und den abnehmenden Geschlechtsverkehr…“

In der gelungenen Kurzgeschichte sucht eine offenbar schwerkranke Frau die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sterblichkeit. Obwohl sie auf einem Schneebrett am Hang steht und in den Abgrund schaut, findet sie am Schluss zu neuem Lebensmut und Kampfgeist. Mein zweiter Kauf, Doris Kleffners politische Lyrik in „Schaut hin“, hat mich dagegen leider nicht überzeugen können. Die Gesellschafts- und Kapitalismuskritik ihrer Gedichte ist mir zu plakativ, die Sprache zu direkt. Enttäuscht bin ich dennoch nicht: Sich von Texten überraschen zu lassen, die man andernfalls womöglich nie gelesen hätte, macht schließlich den Reiz von Literaturautomaten aus. Im Nachhinein habe ich viel eher bereut, nicht gleich noch mehr Hefte gekauft zu haben – und werde das bei nächster Gelegenheit ganz sicher nachholen.

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In Zeiten von algorithmusgesteuerten Buchempfehlungen und oft gleichförmigen Verlagsprogrammen ist das Spiel mit der Neugierde in jedem Fall eine schöne Idee, Leser für abseitige Texte und interessante AutorInnen zu gewinnen, insofern würde ich mir einen Literaturautomaten an jedem Bahnsteig und jeder Bushaltestelle wünschen: Die kleinen Texte wären wie gemacht für Wartezeiten und kurze Fahrten (auch wenn sich für die streikgeplagte Pendlerrepublik momentan gerne mal ein kostbares Zeitfenster für Mammutwerke wie von Joyce oder Wallace öffnet).

Wenn ich hingegen meinen Trend zu Besprechungen immer kürzerer Titel nicht stoppe, rezensiere ich hier vermutlich bald Limericks und in letzter Schwundstufe schließlich sogar Einzelwörter (Vorschläge diesbezüglich nehme ich natürlich gerne entgegen, überfordert mich aber bitte nicht mit Komposita!). Nach einem Gastbeitrag über Dezemberfieber für den künftigen duotincta-Blog stelle ich darum in der kommenden Woche das (bislang) äußerst gelungene „Was aus uns wird“ von David Gilbert vor und wage mich im Anschluss endlich mal wieder an etwas Großes heran: Jochen Kienbaum hat dem Namen seines Blogs Lust auf Lesen alle Ehre gemacht und meine Neugierde auf Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 geweckt. Ich bin gespannt und – angesichts der 800 kleingedruckten Seiten, die im krassen Gegensatz zur kurzen Automatenlektüre stehen – auch ein wenig eingeschüchtert…

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