autobiographie

Elterndämmerung. Über „So, und jetzt kommst du“ von Arno Frank

IMG_5876Kindern kann man ja wirklich eine Menge weismachen. Die Existenz von Weihnachtsmännern und Osterhasen zum Beispiel. Eckige Augen, die man vom Fernsehen kriegt, Bauchschmerzen vom Naschen. Und natürlich, dass man stets wisse, was zu tun sei. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, die eigenen Eltern irgendwann zu hinterfragen und dabei zur Erkenntnis zu gelangen, dass auch sie nur Menschen sind. Menschen, die nicht alles wissen. Menschen, die Fehler machen, manchmal sogar sehr große und dumme. Wann kamen Arno Frank wohl die ersten Zweifel an seinen Eltern? Anzeichen für ihre Fehlbarkeit gibt es früh. Amtliche Briefe, die ungelesen in den Müll wandern. Ein gepfändetes Haus und Geschäftsideen des Vaters, die immer windiger, immer riskanter werden. Die Polizei, die irgendwann vor der Tür steht, nachts dann der überstürzte Aufbruch nach Südfrankreich. Das große Geld, das plötzlich da ist und allen ein Leben im Luxus ermöglicht. Arno Frank und seine beiden Geschwister glauben ihren Eltern, eine andere Wahl haben sie ohnehin nicht. Und wozu den Weihnachtsmann in Frage stellen, solange es Bescherung gibt?

So, und jetzt kommst du erzählt die wahre Geschichte von Arno Franks Kindheit als Sohn eines Hochstaplers – und lockt zunächst auf eine falsche Fährte. Ein kindlicher Erzähler in einer leicht verschrobenen Familie, dazu ein paar skurril-sentimentale Erinnerungen an die BRD der Achtziger – das klingt nach Feel good-Bestseller aus dem Baukasten. Man nehme etwas Coming of age-Melancholie, garniere sie mit einer Prise Humor und serviere das Ganze als Roadmovie. Auerhaus meets Tschick, ganz sichere Nummer. Doch dann kommt alles anders.

Horrortrip statt „Tschick“

Als das große Geld irgendwann aufgebraucht ist, mehren sich die Zeichen, dass Arnos Eltern die Kontrolle verloren haben. Das Luxusanwesen an der Küste verwahrlost zusehends. Die Mutter lutscht am Daumen, während der Vater immer erratischer wird. Wieder steht die Polizei vor der Tür, und wieder bleibt der Familie nur die Flucht. Was als Familienabenteuer begann, wird zur albtraumhaften Odyssee durch halb Europa. Und das bedingungslose Vertrauen in die Unfehlbarkeit der Eltern: zum Musterbeispiel fürs Stockholm-Syndrom. Anfangs noch so unterhaltsam wie harmlos, wird der Roman mit jeder Seite beklemmender. Arno Frank schildert die zunehmende Verwahrlosung der Familie – auch im Umgang miteinander – so glaubwürdig und intensiv, dass selbst in grotesken Szenen das Entsetzen dominiert. Das spürbare Gefühl der Ausweglosigkeit gipfelt schließlich in einer Autobahnszene, deren blanker Horror kaum auszuhalten ist. Spätestens hier ist nichts mehr vom Feel good-Roman übrig, der So, und jetzt kommst du hätte werden können. Auch in anderen Coming of age-Romanen müssen sich Kinder von ihren Eltern abnabeln – in diesem sind sie ihnen jedoch ausgeliefert wie Geiseln.

Mit seinem Debütroman ist Arno Frank das seltene Kunststück gelungen, gleichermaßen zu unterhalten wie zu erschüttern. An manchen Stellen hochkomisch und skurril, ist So, und jetzt kommst du mit zunehmenden Verlauf vor Spannung kaum auszuhalten. Im letzten Jahr wurde Thomas Melle, obwohl auch Die Welt im Rücken kein fiktionaler, sondern ein autobiografischer Roman ist, für den Deutschen Buchpreis nominiert. So, und jetzt kommt Frank – ein Platz auf der Longlist wäre jedenfalls durchaus verdient!


Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Erschienen bei Tropen/Klett-Cotta, 352 Seiten. 

Durch die Tage fetzen, irrlichtern. Über „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle.

dieweltimruckenIch sagen: In der Literaturkritik darf das nur der Blogger. Und beim Deutschen Buchpreis eigentlich niemand. Thomas Melle sagt Ich und steht trotzdem auf der diesjährigen Shortlist – und zwar zurecht. Die Welt im Rücken ist kein Roman, sondern die autobiographische Chronik einer Erkrankung, in der eben jenes Ich auf dem Spiel steht. Seit dem Ausbruch einer bipolaren Störung mit 24 ist Thomas Melles Leben ein Narrativ mit unzuverlässigem Erzähler, der ihn abwechselnd in Wahnvorstellungen und Depressionen stürzt. Aus medizinischer Sicht ist das Ich ein fiktives Konstrukt, eine Illusion, der wir uns bedienen, um unser Leben als fortdauernde Erzählung zu begreifen und uns mit unserem Blick auf die Welt, unseren Gedanken und Wünschen von anderen abzugrenzen. Als Manisch-Depressiver kämpft Thomas Melle dagegen bald sein halbes Leben gegen die Auflösung seiner eigenen Persönlichkeit an. Es ist ein Kampf gegen den Feind in seinem Kopf.

Ein unzuverlässiger Erzähler

Viele Autoren schreiben mal mehr, mal weniger kryptisch über sich selbst. Auseinandergenommen und neu zusammengesetzt dient Autobiographisches nicht selten als Baumaterial für Figuren und Plots. Ich etwa antworte auf die unvermeidliche Frage nach dem Ich in meinen Texten gerne, die Charaktere seien zwar nie Übertragungen, immer aber Ableitungen meiner Selbst: Sie nehmen an einem mir vertrauten Punkt einfach eine andere Abzweigung. So ähnlich schrieb bislang auch Thomas Melle. Die Figuren in seinen fiktionalen Texten hatten oft einen starken Bezug zu ihm und seiner Erkrankung; auch seine Erzählungen, zum Teil im Wahn entstanden, spiegeln das Zerfasern seines Egos. Die Fiktion hat vor dem realen Leben keinen Halt gemacht: Um in diesem Buch also Ich sagen zu können, musste Melle erst die Scherben seiner zersplitterten Persönlichkeit aufkehren und neu zusammensetzen.

Die wiederkehrende Auflösung seines Ichs zeigt sich gleich zu Beginn des Buches in einem starken Bild: Thomas Melle betrauert den Verlust seiner Bibliothek, deren Bücher er genau wie seine Musiksammlung verscherbelt hat. Es ist der Verlust von allem, was ihn früher einmal ausmachte – und symptomatisch für die manischen Phasen, in denen Melle Raubbau an seinem Leben und seiner Zukunft betrieb. Es ist immer wieder dasselbe: Nach Jahren scheinbarer Stabilität kippt seine Wahrnehmung unvermittelt und binnen kurzer Zeit ins Extreme – ein plötzlicher Bruch in seinem persönlichen Narrativ, der wie ein Strömungsabriss beim Fliegen automatisch zum Absturz führt.

Die Weltgeschichte: ein Narrativ mit Hauptfigur

„In manischen Phasen rast die Zeit. Jeder Tag fetzt an einem vorbei, nein, man fetzt vielmehr durch die Tage hindurch. Die Eindrücke sind zahllos, die Reize grell, die Schlafeinheiten kurz. Man lebt in der Überzeugung, jeglichen und alles in seinen Bahn ziehen zu können, ist bis in die letzte Nervenfaser von Kraft, Können, Allmacht, Glück und dann wieder von Panik, Wut und Schuld durchdrungen.“

Thomas Melle hat Wahnvorstellungen. Er ist davon überzeugt, auserwählt zu sein, ein Messias, auf den sich alle Zeichen der Welt beziehen. Ganz gleich, ob Song, Film oder Leuchtreklame: Alles zielt auf ihn ab. Es gibt niemanden, der nicht von ihm weiß, schon Goethe nahm Melles Rolle in der Weltgeschichte vorweg. Das Internet? Dreht sich nur um ihn. Seine Texte, auch die unveröffentlichten? Hat jeder gelesen, sogar der Bundeskanzler. Der elfte September? Allein seine Schuld. Melle spürt Druck: Man erwartet Großes von ihm. Kein Wunder, dass ihn alle beobachten! In seiner Vorstellung verwandelt sich die gesamte Menschheitsgeschichte in ein Narrativ mit ihm als Protagonisten. Seine Wahrnehmung speist sich aus immer abstruseren Verschwörungstheorien, die Welt verwandelt sich in ein Zeichensystem, das ausschließlich auf ihn verweist.

Während seiner psychotischen Schübe „fetzt“ Melle irrlichternd durch Tage, Wochen, Monate und reißt dabei eine Schneise der Zerstörung in sein Leben. Er verursacht mehrfach Eklats, verliert Freunde, Wohnungen und Geld, landet immer wieder in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Irgendwann weicht die Manie dann wieder der Depression, und das Begreifen des vorangegangenen Wahns führt zu einer tiefen Scham, die genauso schwer auf seinen Schultern lastet wie die Vorstellung, der Erlöser der Welt zu sein. In seinen dunkelsten Stunden glaubt Thomas Melle schließlich, dass ihm selbst Erlösung nur durch Suizid möglich ist.

Ein Backup des Ichs

Schon wieder so ein Bekenntnisroman, mag nun mancher denken. Auch Benjamin von Stuckrad-Barre hat dieses Jahr schon von seinem jahrelangen Absturz in Kokainsucht und Bulimie erzählt und mit „Panikherz“ ein so erschütterndes wie schonungsloses Buch veröffentlicht. Aber ich gebe Tobias Nazemi auf Buchrevier Recht: Thomas Melle hat einfach das bessere Buch geschrieben. Panikherz hat grandiose Passagen, aber es strotzt bei aller Selbstzerfleischung zugleich vor Eitelkeit und Narzissmus. Thomas Melle dagegen ist dankbar, dass er sein Ego trotz seiner Krankheit irgendwie zusammenhalten konnte. Im Gegensatz zu Panikherz – und auch angesichts des Themas – ist Die Welt im Rücken überraschend fokussiert. Melle hat nicht eine Seite zu viel geschrieben. Nie weckt er die Ungeduld seiner Leser, indem er selbstverliebten Handlungssträngen Raum lässt oder der Versuchung unnötigen Namedroppings nachgibt. Seine temporeiche, immer treffsichere Prosa „fetzt“ stattdessen nur so durch die Seiten und erzeugt einen Sog, der bis zur letzten Seite anhält.

Dass Thomas Melle über seine bipolare Störung schreibt, ist sicher ein Stück weit Aufklärungsarbeit. Aber er tut es auch, um das, was von ihm geblieben ist, zu bewahren. Denn trotz seiner Medikamente, trotz aller Hoffnung auf einen Neuanfang ist Melle nicht geheilt: Eine manische Episode könnte sein Ich jederzeit erneut in Fetzen reißen und alles in Frage stellen. Am Schluss bittet er deshalb darum, ihm in diesem Fall sein eigenes Buch in die Hand zu drücken. Die Welt im Rücken ist ein Backup seiner Persönlichkeit, eine Sicherheitskopie des eigenen Narrativs. Ein Buch wie eine externe Festplatte, die – anders als seine Psyche – vor Erschütterungen geschützt ist. Zugleich will Thomas Melle diesen Teil seines Lebens endlich hinter sich lassen und sich selbst und seine Krankheit ein für allemal auserzählen – um dann neu anfangen zu können. Ein leeres Blatt, ganz ohne die Last seiner Kranken-, geschweige denn der Menschheitsgeschichte. Es ist ihm zu wünschen. Genau wie der Deutsche Buchpreis.


Thomas Melle: Die Welt im Rücken. 352 Seiten, erschienen bei Rowohlt. ISBN: 978-3871341700. Äußerst gelungene und sehr begeisterte Rezensionen zum Buch finden sich auch bei Buchrevier und auf Literaturen.