Thriller

Suspicious minds. Über „Superbuhei“ von Sven Amtsberg

IMG_6088Mit Jesse Bronske stimmt was nicht. Ständig weint er. Oder brüllt in Gesprächen, ohne es zu merken. Immer öfter lässt ihn sein Gedächtnis im Stich, spielt ihm seine Wahrnehmung einen Streich. Und dann ist da diese Angst, die ihn wieder trinken lässt. Die ihn dazu bringt, sich eine Waffe zu besorgen und niemandem mehr zu trauen, nicht einmal seiner Freundin Mona. Vielleicht stimmt es ja, was sie sagt: dass er sich verändert habe und Hilfe brauche. Genauso gut könnte Mona aber – womöglich sogar, ohne es zu wissen – mit Aaron unter einer Decke stecken. Denn das ist Jesses große Angst: dass ihn sein Zwillingsbruder nach all den Jahren ausfindig gemacht hat und nun den perfiden Plan verfolgt, ihn heimlich zu ersetzen.

Viel zu holen gibt es in Jesses Leben eigentlich nicht. Die tägliche Tristesse in seiner Supermarktkneipe Kleine Maus, die eigentlich mal Klaus Meine hieß, erträgt Jesse schon lange nicht mehr. Tagein, tagaus dieselben Alkoholiker mit denselben schalen Witzen am Tresen und denselben Scorpions-Songs im Player. Noch deprimierender ist bloß der Blick auf den Supermarktparkplatz vorm Fenster: eine permanente Erinnerung ans gescheiterte Leben der Eltern, die einst mit einem Parkplatzimbiss ihr Geld verdienten und dabei ihre Würde verloren. An die Kindheit mit einem gebrochenen Elvis-Imitator als Vater. Und an eine Mutter, die die Familie im Stich ließ, um ein neues Leben anzufangen, es aber nur bis ans andere Ende der Straße schaffte. Nach dem Tod des Vaters und dem Bruch mit Aaron gibt es nur noch wenige Konstanten in Jesses Leben. Klar, da ist Mona, die sonnenbankgebräunte Supermarktkassiererin. Allerdings machen sich in der Beziehung inzwischen erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar – und zwar nicht nur, weil Jesse seiner Freundin Schlaftabletten ins Essen mischt, um abends alleine zu sein. Wirklich Halt geben kann Jesse nur einer, und das ist Klaus Meine. Jesse hat nicht nur seine Kneipe nach dem Scorpions-Sänger benannt, sondern fährt, wenn es ihm schlecht geht, auch gerne mal zu dessen Haus und macht Fotos von seinem Garten. Vor allem schreibt er ihm aber Briefe. Klaus Meine kann Jesse alles erzählen – sogar über Aaron, von dem nicht einmal Mona etwas weiß. Als Jesse glaubt, seinen Zwillingsbruder nachts im Maisfeld vor dem Haus zu sehen, gerät sein schon lange ins Wanken geratene Leben endgültig aus den Fugen…

Superbuhei, so heißt der Supermarkt, in dem Mona und Jesse arbeiten. Der Debütroman von Sven Amtsberg wäre in einem ebensolchen nur schwer einzusortieren: einerseits Groteske über die Hölle der Vorstadttristesse, andererseits Psychogramm eines Mannes am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und obwohl zumeist der verschrobene Humor im Vordergrund steht, liest sich der Roman stellenweise fast wie ein Thriller. Tatsächlich ist Superbuhei trotz seiner Skurrilität überraschend melancholisch und düster: als hätte Wes Anderson einen Psychothriller über die niedersächsische Provinz gedreht. Amtsberg kann schreiben und treffsicher amüsieren, nicht immer gelingt ihm jedoch die richtige Balance zwischen Komik und Ernst. Mancher Handlungsbogen ist etwas überspannt, vor allem aber steht die permanente Überzeichnung seiner Figuren der Empathiebildung im Weg. Verglichen mit artverwandten Romanen wie Herr Lehmann von Sven Regener oder Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse fehlt es Superbuhei manchmal an Erdung. Das ändert jedoch nichts daran, dass Sven Amtsberg mit seinem Debüt einen hochkomischen und tieftraurigen, vor allem aber überraschenden Roman vorgelegt hat, der neugierig auf seinen nächsten macht.


Sven Amtsberg: Superbuhei. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, 360 Seiten.

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E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (1/2)

single3 Vor einem halben Jahr habe ich in einem Artikel über den Zustand der Verlagswelt bereits angerissen, dass ich E-Book-Singles derzeit für die interessanteste und innovativste Idee des Buchmarkts halte: kleine Texte mit großem Spielraum, die nur wenig kosten und wie gemacht fürs digitale Lesen sind. Anscheinend habe ich ein Faible für Underdogs, ein typischer deutscher Leser scheine ich jedenfalls nicht zu sein. Denn der interessiere sich nicht für das neue Textformat, stellte Die Welt jüngst in ihrem Feuilleton fest. Hiesige Käufer von E-Books „unterscheiden sich in ihren Vorlieben nicht wesentlich von den Käufern gedruckter Bücher. Sie wollen dicke Romane, Genreliteratur, Krimis, Thriller, Romantik, Sex. Und sie möchten auch auf dem Lesegerät keine unbekannten Autoren entdecken, sondern bleiben bei dem, was sie kennen“, schreibt Konstantin Richter. Auch Johannes Haupt, Betreiber von lesen.net, kommt aufgrund ihrer niedrigen Verkaufszahlen zu einem harschen Urteil über E-Book-Singles und bezeichnet sie gegenüber Deutschlandradio Kultur als Flop. Bei den Hanser Literaturverlagen, wo mit Hanser Box eine der prominentesten Single-Reihen publiziert wird, sieht man das anders. Als Reaktion auf den Welt-Artikel twitterte Verlagslektor Florian Kessler: Bildschirmfoto 2015-06-18 um 11.39.15 Meines Erachtens vertritt Kessler hier genau den richtigen Ansatz: Momentan sollten die kurzen E-Books nicht an den Maßstäben von Bestsellern, sondern nur an ihrem eigenen Potenzial gemessen werden. Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu entwickeln und zu finden. Zunächst einmal müssen Grenzen ausgelotet, Möglichkeiten erkundet werden – und zwar sowohl seitens der Autoren als auch seitens der Leser. Das Format bietet Texten eine Chance, die andernfalls womöglich nie veröffentlicht würden: Manche literarischen Texte sind zu kurz oder speziell, um kostendeckend gedruckt zu werden, manche Essays oder Reportagen zu lang, um in Magazinen oder Zeitungen zu erscheinen. Nicht zuletzt entstehen inzwischen immer öfter Texte, die digitale Literatur als eigene Gattung begreifen und in Printform zwar möglich, aber unsinnig wären. Im Frohmann Verlag werden mitunter Tweets zu einem Buch zusammengefasst oder regelrechte MAXI-Singles wie das Mammutprojekt 1000 Tode schreiben veröffentlicht, bei Mikrotext können gesammelte Statusmeldungen aus Facebook den syrischen Bürgerkrieg reflektieren oder Chatprotokolle eine dramatische Flucht ins politische Asyl illustrieren.

Alles geht, nichts muss

Manche Texte funktionieren für das Format vielleicht besser als andere, aber ohne den wirtschaftlichen Zwang zum Erfolg sind die kostengünstig zu produzierenden E-Books eine erfrischende Abwechslung zu den oft ermüdend gleichförmigen, durchkalkulierten Programmen der Publikumsverlage. Ohne größeres Risiko können Autoren aus dem engen Markenkorsett, in das Agenten und Verlage sie zuweilen zwängen, ausbrechen und herumexperimentieren, sich ausprobieren. Kurzgeschichten, für die es in Deutschland noch nie einen nennenswerten Markt gegeben hat, finden eine Plattform außerhalb unverkäuflicher Erzählbände. Reportagen und Essays, denen es auf Seite drei der Süddeutschen zu eng ist, dürfen sich nun auch auf dreißig ausbreiten. Leser, die sich ihre Neugierde bewahrt haben, können sich von Texten wieder öfter überraschen lassen und neue Autoren entdecken. Das alles ist, was Florian Kessler meinte, als er davon sprach, dass E-Book-Singles vor allem eine Erweiterung seien.

Soviel zur schönen Theorie. (mehr …)