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]trash[pool-Interview mit Sandra Gugić (Auszug)

astronautenAnfang 2015 erschien Sandra Gugićs viel beachteter Debütroman ASTRONAUTEN bei C.H. Beck. In der aktuellen Ausgabe von ]trash[pool spricht die Open Mike-Gewinnerin von 2012 mit uns über ihre literarische Arbeit.


Liebe Sandra, dieses Interview soll Einblicke in den Entstehungsprozess literarischer Werke, die Textproduktion und Schreibwerkstatt ermöglichen. Darum möchte ich dir gerne einige Fragen zu deiner Schreib- und Arbeitspraxis stellen: Wann schreibst du?

Ruhige Tageszeiten eignen sich natürlich besonders. Zum Beispiel ganz früh morgens, wenn die Gedanken klar sind und noch keine Anrufe und E-Mails eingehen. Ich schreibe gern von spät abends bis zum Sonnenaufgang, das hat einen Reiz, ist aber weder besonders sozial noch gesund. Wenn mir nach langen Tagen in meiner Schreibhöhle/hölle die Decke auf den Kopf fällt, schätze ich auch Lärm und Trubel, ich ziehe eine belebte Umgebung vor, um Notizen und Ideen zu sammeln.

Wo schreibst du?

Notizen mache ich gern auf Reisen, im Flugzeug, in Transiträumen; unterwegs sein und neue Eindrücke aufnehmen schärft meinen Blick, wirft die Gedankenmaschine an. Im Zug klappt manchmal sogar die Feinarbeit. Manchmal schreibe ich in Cafés, wenn es mich nach draußen drängt, und ich den Geräuschteppich fremder Gesprächsfetzen als Backgroundrauschen haben will. Dann wieder brauche ich Stille und die Ruhe meines Arbeitszimmers.

Wie schreibst du, also welche Utensilien verwendest du, arbeitest du eher chaotisch oder strukturiert, denkst du lieber lange nach, bevor du eine Phrase formulierst, und schreibst du eher flüssig und korrigierst dich fortwährend?

Chaos und Struktur haben eigentlich viele Gemeinsamkeiten. Ich tendiere beim Material sammeln und in der ersten Arbeitsphase mehr zum Chaos, aus dem in den nächsten Arbeitsschritten Ordnung und Struktur geschaffen werden muss: kill your darlings usw. Bei den ASTRONAUTEN habe ich lange Zeit Material gesammelt und an jeder der Figuren geschrieben, die Texte immer wieder überarbeitet und verdichtet. Ich schreibe eine erste Version oft in Fragmenten, manchmal geht mir diese erste Version leicht von der Hand, aber eigentlich bin ich keine Schnellschreiberin. Bis zur endgültigen Fassung eines Textes ist es ein langer Weg. Die ASTRONAUTEN haben sich im Schreiben nach und nach vervollständigt, eigene Stimmen bekommen und auch ein Eigenleben entwickelt, dem ich dann folgen musste. Beim Schreiben denke ich stark in Bildern. Auch meine Notizen setzen sich teils aus Fotografien, Schnappschüssen zusammen. Manchmal ist das Bild so klar, dass ein Textteil wie von selbst entsteht. Aber meist ist es viel Arbeit. Wenn ich ausreichend Material beisammen habe, arbeite ich auch analog, in einer Art Cut-up Technik, bei der ich zum Beispiel einen fertigen Text ausdrucke, auf dem Boden meines Arbeitszimmers und allen verfügbaren freien Ablagen auflege, eine Weile betrachte, durchdenke, dann zerschneide, neu sortiere und quasi puzzle, neue Übergänge auf Notizzettel und Post-its kritzele. Oder ich arrangiere Textfragmente so lange und schreibe auch hier Übergänge etc., bis sich ein anderer oder für mich fertiger Text- und Sinnzusammenhang ergibt. Zadie Smith unterteilt in Changing My Mind: Occasional Essays Autor/inn/en in Macro Planner und Micro Manager, ich denke ja, zwei Kategorien reichen unmöglich und müsste ich zwischen diesen Schubladen wählen, würde ich in keine von beiden passen. Aber Zadie Smith ist nichtsdestotrotz eine großartige Autorin.

Machst du einen Unterschied zwischen digitalem und ausgedrucktem Text?

Auf Papier gedruckten Text lese ich anders, genauer, er fühlt sich realer an, ich erkenne besser, wo Fehler, Unstimmigkeiten, Redundanzen und andere Grausamkeiten versteckt sind. Digitaler Text ist beweglich, variabel in scheinbar unendlichen Möglichkeiten von copy&paste und erase&rewind. Was ebenso wichtig ist: der Sound, sprich: sich den Text laut vorzulesen. Das sage ich, auch wenn Michael Lentz in einem Seminar zu mir gesagt hat: Vergessen Sie den Sound, Frau Gugić.

In einem Interview hast du einmal auf die Frage, welches Buch du schon an die Wand geworfen hast, geantwortet, dass du grundsätzlich nicht mit Büchern wirfst – nicht einmal mit Esoterik. Was ist also ein gedrucktes und gebundenes Buch für ein Ding? Gibt es so etwas wie eine beinahe heilige Aura eines Buches, das dem Ding Buch einen besonderen Wert verleiht, ungeachtet seines Inhaltes?

Als Vorschulkind habe ich mir vorgenommen, die deutsche Sprache so perfekt wie möglich zu lernen, damals, vor allem bevor ich lesen gelernt habe, waren Bücher wirklich heilig für mich. Das hängt mit meinem Migrationshintergrund zusammen und der daraus folgernden hohen Dringlichkeit, diese Sprache zu beherrschen. Aber prinzipiell: Nichts sollte allzu heilig sein. Und natürlich ist der Inhalt eines Buches relevant.


Das vollständige Interview könnt ihr in Ausgabe 6 von ]trash[pool lesen – erhältlich über bestellung@trash-pool.de, das Kontaktformular meines Blogs sowie (in Kürze auch digital) bei unserem Vertriebspartner duotincta. Ich danke Lisa Müller für die Freigabe des Gesprächs!

]trash[pool #6 ist da!

Cover_trashpool_2015-07-02.inddWie peinlich! Zwar sitze ich schon seit Wochen auf zwei halbfertigen Blogartikeln herum, die ich dank #fbm15 und Dezemberfieber einfach nicht fertig kriege – aber dass die sechste Ausgabe von ]trash[pool endlich draußen ist, wäre durchaus eine Meldung wert gewesen… Spätestens jetzt gibt es aber einen großartigen Anlass, auf das neue Heft hinzuweisen: Auf Literaturen schrieb Sophie Weigand eine sehr, sehr tolle Rezension zu unseren letzten beiden Ausgaben! ]trash[pool #6 ist ab sofort über bestellung@trash-pool.de, das Kontaktformular meines Blogs sowie in Kürze auch bei unserem Vertriebspartner duotincta erhältlich!

Dezemberfieber: Leserunde bei LovelyBooks

Bildschirmfoto 2015-10-05 um 21.14.22Ehe hier auf meinem Blog bald wieder ein bisschen Normalität einkehrt und ich endlich Zeit finde, mal wieder einen Roman zu besprechen (Pippa Goldschmidts „Weiter als der Himmel“ übrigens), reicht es heute leider bloß zu einem Hinweis in eigener Sache: Bis einschließlich Mittwoch Abend könnt ihr euch für meine Leserunde zu „Dezemberfieber“ bei LovelyBooks bewerben – es werden zehn Exemplare verlost!

Ich bin sehr gespannt auf die Erfahrung, mich gemeinsam mit Lesern beim social reading über meinen Roman auszutauschen und hoffe auf interessante Gespräche und Diskussionen, wenn es nach der Buchmesse in der Gruppe losgeht!

Auch zwei neue Lesungstermine darf ich inzwischen verkünden: Auf die liebe Einladung des Blogs Angelika liest lese ich am 27.10. in Angelikas Büchergarten in Ruppichteroth und freue mich darauf, Angelika dort persönlich zu ihrem wahr gemachten Lebenstraum zu gratulieren! Am Tag darauf darf ich in der so schönen wie renommierten Bernstein-Verlagsbuchhandlung in Siegburg lesen – und zwar vor so illustren Gästen wie Sven Heuchert, dessen großartigen Erzählband „Asche“ ich hier bereits vor kurzem vorgestellt habe. Alle weiteren Termine gibt es hier!

Texte gesucht: E-Book #bloggerfuerfluechtlinge

Instagram-bloggerfuerfluchtlingeViele haben es ja sicher bereits auf Schöne Seiten oder anderswo gesehen: Für ein karitatives E-Book, das beim Digitalverlag mikrotext erscheinen wird, suchen wir Beiträge zum Thema Flucht: Persönliche Auseinandersetzungen mit Flucht und Flüchtlingshilfe (z.B. Interviews, Porträts oder Erfahrungsberichte), die sich aber nicht allein auf die aktuelle Situation beschränken müssen. Obwohl diese natürlich im Fokus steht, möchten wir gerne auch ein größeres Bild aufzeigen; immer wieder in der Geschichte sahen sich Menschen in Not gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und waren auf die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft anderer angewiesen. Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Wiedervereinigung sollte uns dieser Tage daran erinnern, dass eine Flucht unter Lebensgefahr noch immer Teil der jüngeren Geschichte Deutschlands ist.

In den letzten Wochen haben wir für das Projekt, dessen Erlöse der Initiative Blogger für Flüchtlinge zugute kommen sollen, bereits viele großartige und wichtige Texte gelesen. Doch wir sind weiterhin auf der Suche nach Beiträgen, die das E-Book thematisch bereichern können und freuen uns sowohl über selbstgeschriebene Texte als auch über Links und Hinweise auf Artikel, die wir uns unbedingt einmal anschauen sollten!

Mehr zur Ausschreibung findet ihr im Exposé!

„Dezemberfieber“ ist da!

Einband

Die Post lässt sich ja gerne mal etwas Zeit: Auf meine gestrige Lieferung habe ich zum Beispiel mein halbes Leben gewartet! Doch nachdem ich beinahe versucht war, unseren Postboten zu stalken und ab dem gefühlt siebenundzwanzigsten Gang zum Briefkasten bereits mit dem Gedanken spielte, ihn mit einer Alarmanlage oder (weil billiger) einer Mausefalle zu bestücken, durfte ich ihn am Mittag endlich in den Händen halten: meinen Debütroman Dezemberfieber.

Ein zunächst eigenartiges Gefühl. Aber eines, das mit jeder Stunde schöner wurde. Hatte ich anfangs noch Angst, irgendwo auf peinliche oder ärgerliche Fehler zu stoßen, kann ich mich inzwischen sehr darüber freuen, was für ein schönes Buch der Verlag duotincta und dessen Gestalterin Nadine Tsalawasilis aus meinem Manuskript gemacht haben!

Bestellen könnt ihr Dezemberfieber überall im lokalen Buchhandel oder online, z.B. hier. Natürlich erscheint mein Roman auch digital: Das e-Book veröffentlicht duotincta voraussichtlich Ende September. Und obwohl es wahrscheinlich noch ein 1-2 Wochen dauert, bis alles richtig ins Rollen gekommen ist und das Buch schnell geliefert werden kann, darf es bereits in der nächsten Woche über den Ladentisch gehen – zum Beispiel auf meiner Lesung im Café LIVRES in Essen, die ich der freundlichen Einladung von Das Debüt zu verdanken habe. Trotz stündlich steigender Nervosität – immerhin ist es meine Premierenlesung als Romanautor – freue ich mich schon sehr auf den Abend!

lieferungDas fertige Buch nach so vielen Jahren Arbeit neben mir liegen zu sehen ist ein besonderes, wenn auch noch ein wenig unwirkliches Gefühl – umso mehr der Gedanke daran, dass es nun endlich von (hoffentlich vielen) Menschen gelesen werden kann. Wer etwas über die Entstehungsgeschichte von Dezemberfieber erfahren möchte, kann hier ein Interview nachlesen, das ich bereits vor einigen Jahren einem (inzwischen leider stillgelegten) Blog gegeben habe; damals hielt ich meine Arbeit an dem Manuskript für beinahe abgeschlossen – es folgten jedoch einige teils sehr frustrierende Jahre, die Dezemberfieber noch zum Reifen brauchte. Erst mit dem nötigen Abstand zum Text konnte ich eine Fassung schreiben, mit der ich rundum zufrieden war.

Aber jetzt ist das Buch da, fast dreißig Jahre, nachdem ich meiner Grundschullehrerin erzählte, ich wolle einmal Romanautor werden. Und eigentlich geht es jetzt erst richtig los…


PS: Leider fehlt mir aufgrund des Romans und einiger anderer Projekte, von denen hier noch die Rede sein wird, momentan ein bisschen die Zeit fürs Bloggen. Aber ich gelobe Besserung!

PPS: Meine Quellen haben mir ein Video zugespielt, das den Moment zeigt, in dem mein Roman ins Amazon-Lager einsortiert wird: (mehr …)

Haltung zeigen, die Zweite. Eine Polemik.

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Was ist bloß aus dem Sommermärchen geworden? Im Jahr 2006 flitzte David Odonkor noch über den Fußballplatz, während sich Deutschland – fröhlich wimpelschwenkend – als weltoffenes und sympathisches Land präsentieren durfte, das sich sogar über einen dritten Platz freuen kann. Neun Jahre später muss sich Odonkor bei Big Brother im Keller behaupten. Und in Deutschland brennen wieder Flüchtlingsheime.

Eigentlich wollte ich nach meiner langen Sommerpause ja lieber etwas über Bücher schreiben – aber solange sie hierzulande nicht wieder verbrannt werden, besteht da als Literaturblogger (noch) keine Eile. Stattdessen ist es mir ein dringendes Bedürfnis, aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation abermals ein Thema aufzugreifen, mit dem ich mich bereits Anfang des Jahres anlässlich der Pegida-Bewegung auseinandergesetzt habe: Haltung zeigenWas in Heidenau und anderswo geschah, ist trauriger Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet; das gefährliche Spiel der AfD mit dem Stimmenfang am rechten Rand, die Märsche „besorgter Bürger“ in Dresden & Co. sowie die Pauschalablehnung etablierter Parteien und Medienorgane sind nur die auffälligsten Symptome einer erschreckenden gesellschaftlichen Entwicklung. Immer öfter entlädt sich die tiefsitzende Frustration einer lautstarken Minderheit in rechten Parolen (in mitunter bürgerlichem Gewand) und Gewalt. 

Ein Algorithmus der Verblendung

Eine Teilschuld daran trägt – und das behaupte ich nicht nur, weil ich mich auf den neuen Franzen vorbereiten will – ausgerechnet das demokratischste Medium von allen: das Internet. Was früher unter vorgehaltener Hand am Stammtisch propagiert wurde, findet heute nicht nur via Troll-Express seinen Weg in die Kommentarspalten von Presseartikeln, sondern dank Facebook & Co. auch eine breite Öffentlichkeit. Rechte Idioten haben schon früher in der Regel keine Zeitung gelesen; gefährlicher sind heute dagegen diejenigen, die auf die Lügenpresse schimpfen und sich ihre fertige Meinung stattdessen von vermeintlich unabhängigen Medien bestätigen lassen. Anstatt ihr Denken in Frage zu stellen, schustern sie sich in Sozialen Netzwerken und Onlineforen tendenziöse und teils verschwörungstheoretische Artikel zu, mit denen sie sich gegenseitig ihr Weltbild legitimieren. Gefährlich ist dabei vor allem das immer stärker ausgeprägte Sendungsbewusstsein: Aus Das wird man doch noch sagen dürfen! ist inzwischen längst ein Das muss endlich mal gesagt werden! geworden.

Fängt man an, sich in diese Kreise einzulesen, findet man innerhalb kürzester Zeit Gruppen, die jede noch so krude Theorie propagieren – fast fühlt man sich an einen Amazon-Algorithmus erinnert: Ihnen gefiel Pegida? Dann missfällt Ihnen bestimmt auch die Tatsache, dass Deutschland kein souveräner Staat, sondern bloß eine GmbH ist! Kunden, die sich nach „9/11-Verschwörung“ umgesehen haben, interessierten sich auch für „Ausschwitz-Lüge“ und den neuesten Aufsatz von Eva Herman. Es ist ein Algorithmus der Verblendung: Wer glaubt, dass die Flüchtlinge in einem groß angelegten Plan unsere christliche Wertegemeinschaft unterwandern wollen, der hält vielleicht auch Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten oder Barack Hussein Obama für einen kriegstreiberischen Undercover-Moslem mit gefälschtem Pass. Natürlich werfe ich hier polemisch die unterschiedlichsten Themen und Verirrungen in einen Topf – aber sie alle spiegeln ein Stimmungsbild, eine Frustration wider, die die Ereignisse der letzten Wochen überhaupt erst möglich gemacht haben. (mehr …)

Dezemberfieber: Erste Termine & Leseprobe

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Der Titel meines Debütromans Dezemberfieber passt momentan wie die Faust aufs Auge: Ich fühle mich nämlich gerade wie ein Kind in der Adventszeit – es sind nur noch wenige Wochen bis zum Erscheinungstermin am 17. September 22. September! Ich kann es kaum erwarten, mein Buch endlich in den Händen zu halten! Während ich gemeinsam mit meinem Verlag noch am Feintuning der Druckfahnen arbeite, kann ich bereits jetzt die ersten Lesungen für den Herbst bekannt geben. Am 22. September lese ich für die Bloggerkolleginnen von Das Debüt in Essen, am 4. November in meiner Heimatstadt Nordenham, am 11. 11. gemeinsam mit Stefanie Schleemilch in Tübingen sowie am 20. 11. beim Lit.Quartier in Stuttgart. Für Dezember sind weitere Lesungen in Planung, die ich bei Zeiten meiner Terminübersicht hinzufügen werde. Ich freue mich bereits sehr darauf, aus meinem Roman zu lesen und dabei vielleicht sogar den einen oder anderen von euch persönlich kennenzulernen! Selbstverständlich wäre es mir auch eine große Ehre, bald das eine oder andere Rezensionsexemplar unters Bloggervolk bringen zu dürfen – fragt einfach nach!

Um die Wartezeit zu verkürzen, lasse ich zum hier Abschluss eine weitere Leseprobe springen – ein kurzer Rückblick auf Bastians Jugend in einer zerrüttenden Familie: (mehr …)

Keine Erlösung, nirgends: „Asche“ von Sven Heuchert

CSC_0153 Bevor ich mich mit meinem Blog erstmals in die Sommerpause verabschiede, wäre dies theoretisch ein guter Zeitpunkt, um einmal Bilanz zu ziehen. Aber wozu fachsimpeln, wenn ich das Tolle an Literaturblogs mit dieser Rezension viel besser auf den Punkt bringen kann? Denn Sven Heucherts Stories aus dem Bernstein Verlag wären mir ohne die euphorische Besprechung im Buchrevier höchstwahrscheinlich entgangen – und ich hoffe, ich bin nur einer von vielen Lesern, die der Autor aus der rheinländischen Provinz dank ihr gewinnt!

Mir wurden typische Männergeschichten vom Rand der Gesellschaft versprochen. Geschichten von Ex-Knackis, Säufern, Malochern. Von Männern mit Kacheltischen im Wohnzimmer und unbezahlten Deckeln in der Stammkneipe. Vergleiche mit Bukowski oder Irvine Welsh liegen da nahe, greifen aber zu kurz: Während ich nach der ersten Geschichte noch befürchtete, alles in „Asche“ sei auf krass gebürstet und ziele lediglich auf ermüdende Schockmomente ab, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.

Verliererballaden ohne Säuferromantik

In karger, lakonischer Prosa schreibt Heuchert von Männern, die ihre besten Tage lange hinter sich haben – und selbst die waren beschissen. Männern, die nicht aus ihrer Haut, ihrem Viertel, ihrem Leben können. Seine oft stillen Verliererballaden kommen meist ohne Effekthascherei, Säuferromantik oder gar Pointe aus; vielmehr sind es ganz alltägliche Geschichten – Ausschnitte aus dem Leben seiner Protagonisten, die von Hoffnungslosigkeit und Ernüchterung zeugen. Die Figur aus der Erzählung „Sonnenscheinkind“ bringt (ausgerechnet in einer Passage über das Fingern einer Frau) hervorragend auf den Punkt, wie enttäuscht diese Männer von einem Leben sind, das so viel verspricht, wenn man jung ist – und später dann so wenig davon hält. „Damals war das noch ein Geheimnis. Man steckte seinen Finger da rein und hoffte, dass irgendetwas passieren würde. Später steckte man dann seinen Schwanz rein und hoffte auf so etwas wie Erlösung.“ Für die desillusionierten Menschen in „Asche“ ist keine Erlösung in Sicht, nirgends.

Manche von ihnen versuchen auszubrechen. So wie Ingo, der von der Freiheit schwärmt, in seinem heruntergekommenen Auto zu leben – dessen Phantasie aber gerade einmal bis zum nächsten Kaff reicht. Oder dem Erzähler der letzten Geschichte, der Hähnchenwagen putzt, um sich mit dem gesparten Geld nach Spanien abzusetzen. Man ahnt, dass aus seinen Plänen nichts wird, ahnt, dass er an sich und seinem Umfeld scheitern wird wie so viele andere in diesem Band.

ascheDennoch sind Sven Heucherts Stories nicht bloß eine verbitterte Abrechnung mit dem Leben. Es gibt in ihnen durchaus seltene, kurze Momente von Nähe und echtem Verständnis, wenn auch zumeist bloß in Andeutungen. Genau wie diese bleibt in „Asche“ vieles offen und unausgesprochen, wird vieles einfach in den Raum geworfen. Gerade weil Heuchert seine Figuren nicht auserklärt, wirken sie umso echter. Man spürt, dass sie eine Geschichte haben, ohne sie zwingend kennen zu müssen. Es ließe sich kritisieren, dass die Stories trotz der wechselnden Protagonisten oft ähnlich klingen; andererseits stammen alle Figuren aus demselben Milieu. Diese Männer sind keine Freunde großer Worte – ihnen reicht ein wissender Blick, eine vertraute Geste, ein Zunicken am Tresen, um zu erkennen, dass sie alle im selben Boot sitzen. „Asche“ hat diesen Sound hervorragend eingefangen.

Mit seinem Erzählband hat Sven Heuchert einen gelungenen Erstling vorgelegt, dem eine große Resonanz zu wünschen ist. Denn: Nur weil ein Autor über Underdogs schreibt, muss er selbst noch lange keiner bleiben!

Die Welt zu Gast bei Feinden: ein „embedded Roadtrip“ durch Kim Jong-uns Nordkorea

nordkorea

Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas – die berühmte Aussage über die hellste Stadt der Welt ließe sich ebenso gut auf die vielleicht dunkelste Stadt der Welt übertragen: Pjöngjang. Nordkorea ist nicht nur auf nächtlichen Satellitenbildern ein schwarzer Fleck – aus der abgeschotteten Militärdiktatur dringen nur wenige gesicherte Informationen nach außen, entsprechend groß ist die Neugierde auf das gleichermaßen skurrile wie grausame Regime und sein indoktriniertes, verarmtes Volk. Trotzdem wagen es nur wenige tausend Menschen im Jahr, nach Ostasien zu reisen und sich im (strengen!) Rahmen einer geführten Tour selbst ein Bild vom vielleicht letzten wirklich kommunistischen Land der Erde zu machen. Einer von von ihnen ist Christian Eisert, TV-Autor und ehemaliger Gagschreiber von Harald Schmidt; gemeinsam mit Fotoreporterin Thanh reist Eisert, weil Journalisten die Einreise strikt untersagt ist, unter falscher Flagge durch ein Land, das nicht nur scheinbar aus der Zeit gefallen ist. Frei bewegen können sie sich nicht: Auf ihrem embedded Roadtrip bleiben sie immer in Begleitung ihrer Reiseführer und Aufpasser Rym und Chung, die stets bemüht sind, Nordkorea ins beste Licht zu rücken.

Reißerische Aufmachung

Dass ich auf „Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea“ aufmerksam geworden bin, habe ich einem Zufall zu verdanken. Normalerweise lese ich keine Bücher von Comedy-Autoren, selbst, wenn ich deren eigentliche Arbeit zuweilen zu schätzen weiß; es macht nun mal einen großen Unterschied, ob etwa ein David Foster Wallace über eine Kreuzfahrt schreibt oder jemand wie Christoph Maria Herbst. Zu viele Prominente – ganz gleich, ob aus der A-Riege oder den hinteren Teilen des Alphabets – füllen inzwischen die Regale der Buchhandlungen und verstellen den Blick auf anspruchsvollere Titel. Nicht umsonst schrieb ich bereits an anderer Stelle, dass die inflationären Promi-Biografien das literarische Äquivalent zu Katzenvideos auf Youtube seien. Vermutlich hätte ich Christian Eiserts launigen Reisebericht nie gelesen: Der Buchtitel, das grelle Cover und der reißerische „Waschzettel“ schreien geradezu nach der platten Skurrilitätensammlung, die man von einem Comedy-Autor erwarten würde. Ich hätte etwas verpasst.  (mehr …)

Veröffentlichungen im Herbst

Cover_trashpool_2015-07-02.inddBis ich mich im August für einige Wochen in den Urlaub verabschiede und endlich wieder mehr Zeit zum Lesen habe, stecke ich bis zum Hals in den Vorbereitungen für meine Veröffentlichungen im Herbst. Die sechste Ausgabe von ]trash[pool – u.a. mit Texten von Martin Piekar, Nora Linnemann und Aboud Saeed sowie einem ausführlichen Interview mit Sandra Gugić – veröffentlichen wir rechtzeitig zur Buchmesse im Oktober. Während unsere Gestalterin Nadine Tsalawasilis noch über dem Layout brütet, dürft ihr zumindest schon mal einen Blick aufs nächste Cover werfen.

Dezemberfieber-Cover

Der eigentliche Grund für meinen Besuch in Frankfurt erscheint sogar bereits Mitte September: Zur Zeit arbeite ich zusammen mit meinem Lektor von Duotincta am Feinschliff von Dezemberfieber und erlebe erstmals die fünf typischen Stufen des Lektorats (1.Verneinung, 2. Zorn, 3. Verhandeln, 4. Depression, 5. Akzeptanz); angesichts der Temperaturen draußen sind dankenswerterweise keine allzu hitzigen Debatten zu erwarten. Eine kurze Leseprobe vom Ende des ersten Kapitels gibt es übrigens hier als Download. Und so sehr ich mich auch auf meinen Urlaub freue: Auf diesen Herbst freue ich mich ausnahmsweise mehr!