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Weißer Rauch steigt auf: meine Nominierung für Blogbuster 2018

blogbusterEigentlich kenne ich das ja. Seit sieben Jahren prüfe ich nun schon Texte für die Literaturzeitschrift ]trash[pool und habe mir die Auswahl nie leichtgemacht. Im Fokus unseres Magazins stehen vor allem eigensinnige Texte, die sich durch sprachliche Experimentierfreude und ungewöhnliche Perspektiven auszeichnen. Texte, die überraschen sollen, die gerne auch mal sperrig und verstörend sein dürfen. Aber Romane funktionieren anders. Selbst, wenn sie sich in Auszügen auch in ]trash[pool gut machen würden, müssen sie über die Distanz nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich überzeugen. Romane brauchen Geschichten, die uns neugierig machen, brauchen Figuren, für die wir nicht unbedingt Sympathie, aber zumindest Empathie aufbringen können. Für die Auswahl meines Blogbuster-Kandidaten musste ich mich deshalb mehr als sonst von anderen Kriterien leiten lassen: Ist der Roman ausgereift genug, um in einem Verlag wie Kein & Aber zu erscheinen – und das bereits in einem halben Jahr? Passt er dort überhaupt ins Programm? Und nicht zuletzt: Glaube ich, dass der Roman nicht nur mich selbst, sondern auch andere begeistern kann?

In der zweiten Staffel von Blogbuster haben sich 180 AutorInnen mit ihren Manuskripten bei 15 Bloggern beworben – und ich danke denjenigen, die mir ihre Texte anvertraut haben. Es ist nicht mein Stil, öffentlich die Arbeit anderer abzuwerten, insofern halte ich mich an dieser Stelle nur kurz und allgemein bei meinen abgelehnten Kandidaten auf. Von meinen 13 Bewerbungen hat mich nur eine ausreichend überzeugt, um nach Prüfung von Leseprobe und Exposé das Gesamtmanuskript anzufordern. Die Gründe für meine Absagen waren vielfältig und sagen nicht unbedingt etwas über die Qualität der eingereichten Texte aus. Gleich mehrere Manuskripte waren deutlich näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur und fielen für mich allein deshalb aus dem Raster, zwei der Romane richteten sich eher an Jugendliche als an Erwachsene. Während mich einige der Leseproben stilistisch nicht überzeugten, krankte es bei anderen am Inhalt. Manchen Texten fehlte, obwohl durchaus gekonnt geschrieben, dagegen leider das, was man gerne „Verlagsreife“ nennt – hier hoffe ich natürlich, dass die AutorInnen dranbleiben und weiter an sich arbeiten. Letzten Endes ist all das aber eine persönliche Einschätzung. Da wir Blogger nur mit einem Manuskript ins Rennen gehen dürfen und es entsprechend persönlich empfehlen sollen, ist unsere Auswahl natürlich subjektiver als es in einer Agentur oder einem Verlag der Fall wäre. Es spielen also nicht nur Textqualität und Plot eine Rolle, sondern auch der eigene Literaturgeschmack.

…and the winner is…

Was bei meiner Nominierung hingegen keine Rolle spielte: dass ich meiner Kandidatin Mirjam Ziegler vor etwas mehr als fünf Jahren schon einmal begegnet bin. 2012 veröffentlichten wir in der dritten Ausgabe von ]trash[pool bereits eine Erzählung von Mirjam, auf der Release-Lesung in Tübingen lernte ich sie daraufhin auch kurz persönlich kennen. Seitdem habe ich sie zwar weder getroffen noch etwas Literarisches von ihr gelesen, verfolgte auf Facebook aber ihr mehr als ehrgeiziges Projekt: Mirjam wollte nicht nur einen Reise- und Familienroman schreiben, in dem sie ihre Protagonistin auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter einmal quer durch Europa schickt. Sie wollte den Roman auch auf ebendieser Reiseroute schreiben – ein halbes Jahr lang, allein finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne. Das ist ihr tatsächlich gelungen. Ob dasselbe auch für ihren dabei entstandenen Roman Die Federn meiner Mutter gilt, fand ich hingegen erst heraus, als sich Mirjam nach meinem Aufruf auf den Kanälen unserer Zeitschrift bei Blogbuster bewarb.

Bei ]trash[pool kam ich schon mehr als einmal in die Verlegenheit, Freunden oder Bekannten, die Texte bei uns eingereicht haben, absagen zu müssen; trotzdem freue ich mich natürlich, wenn diese mich nicht wegen, sondern fast sogar trotz unserer Bekanntschaft begeistern können. Dass Mirjam Ziegler schreiben kann, wusste ich aus der Vergangenheit – und sah es schon nach wenigen Seiten der Leseprobe wieder bestätigt. Aber kann sie auch eine Geschichte erzählen, einen ganzen Roman füllen? Ich habe Die Federn meiner Mutter in nur wenigen Tagen gelesen und Mirjam Zieglers Protagonistin Agnes darin nach Paris und Barcelona, Südfrankreich und Norditalien, Slowenien und schließlich Kroatien begleitet. Auf mehr als 340 Manuskriptseiten habe ich einige Schwächen, aber deutlich mehr Stärken entdecken dürfen. Und als mich das Ende des Romans tatsächlich rührte, wusste ich, dass ich mit seinem letzten Satz ein Gratulationsschreiben beginnen musste:

Liebe Mirjam,
es sind ja so viele Leben möglich. Eines fiele mir für dich jedenfalls ein: als Blogbuster-Autorin nämlich!


Am Donnerstag stelle ich den Roman Die Federn meiner Mutter ausführlich vor, Mirjam Ziegler selbst lernt ihr dann nächste Woche im Interview kennen!

Ausgeliefert. Über „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis

Édouard Louis - Im Herzen der GewaltÉdouard hat es geschafft. Noch ist er zwar nicht der große Starautor mit dem gefeierten Debüt, aber das verhasste Leben in der französischen Provinz, über das er in Das Ende von Eddy schrieb, hat er endlich hinter sich gelassen. Er ist weg aus der Kleinstadt, in der man ihn so viele Jahre aufgrund seiner Homosexualität erniedrigte, weg von der Familie, die sein Wesen eher duldete und deckte, als es zu akzeptieren. In Paris kann Édouard er selbst sein, kann ein offenes Leben als Schwuler führen, als Intellektueller und Bohème. Den Kontakt zu seiner Familie hat er weitestgehend abgebrochen, stattdessen verbringt er seinen Heiligabend lieber mit Freunden. Es ist ein weinseliger Abend mit guten Gesprächen, man schenkt einander Bücher und ständig nach; als Édouard spät nachts alleine nach Hause geht, ist er angetrunken und müde, trotzdem lässt er sich auf der Straße von einem jungen Franzosen mit algerischen Wurzeln in ein Gespräch verwickeln und nimmt ihn nach anfänglichem Zögern mit in seine Wohnung. Ein harmloser Flirt mit brutalen Konsequenzen: Die Nacht mit Reda ist zunächst von Zärtlichkeit und Leidenschaft, in den intimen Gesprächen sogar von echter Nähe geprägt. Als Édouard seinen Gast jedoch beim Klauen erwischt, eskaliert die Situation plötzlich. Überfordert von der Situation erwürgt ihn Reda beinahe, schließlich zückt er eine Waffe und vergewaltigt ihn brutal.

Diese Nacht hat Édouard Louis wirklich erlebt. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt ist die autobiografische Aufarbeitung von endlosen Stunden in Todesangst, die intime Auseinandersetzung mit einem Trauma, das ihn noch lange über diese eine Nacht hinaus gefangen hielt. Der Roman ist zugleich aber auch eine Reflexion über die vielen unsichtbaren Formen von Gewalt und ihren Folgen.

Eine Reflexion über die Formen von Gewalt

Gewalt bedeutet für Édouard Louis Fremdbestimmung und Zwang, bedeutet das Gefangensein in einer Situation, aus der man nicht entkommen kann. Auch nachdem Reda längst aus seiner Wohnung verschwunden ist, bleibt Édouard den Folgen dieser Nacht ausgeliefert. Nicht nur, dass er ständig über sie reden, dass er sich und anderen wieder und wieder das Erlebte vor Augen führen muss. Nicht nur, dass er psychisch die Hölle durchmacht, er sich und seine Wohnung geradezu zwanghaft von Reda zu reinigen versucht. Édouard ist auch gezwungen zur nebenwirkungsreichen Aidsprophylaxe, gezwungen zu Aussagen gegenüber gleich mehreren Polizeidienststellen, gezwungen zu Besuchen bei Psychologen und Ärzten mit demütigenden Untersuchungen. Das Gefühl, einer fremden Gewalt ausgeliefert zu sein, reißt für Édouard einfach nicht ab. Selbst die eigenen Gedanken entziehen sich seiner Kontrolle: Auf einmal zwingen sich ihm genau jene rassistischen Vorurteile auf, die er früher stets verachtete.

Irgendwann zieht Édouard die Reißleine. Er muss ausbrechen aus seinem zehrenden Gedankenkarussell und endlich Abstand von jener Nacht gewinnen. Also kehrt er ausgerechnet dorthin zurück, von wo er einst geflohen ist, und besucht seine Schwester in der Provinz. Im Roman lässt er sie große Teile der Ereignisse in einem belauschten Gespräch mit ihrem Mann rekapitulieren – ein erzählerischer Kniff, der es ihm erlaubt, mit seiner persönlichen Perspektive zu brechen und sich selbst in Frage zu stellen. Die erneute Konfrontation mit seiner Vergangenheit führt aber auch zu einer Auseinandersetzung mit den vielen unsichtbaren Formen von Gewalt und deren Folgen. Opfer von Gewalt ist für Édouard Louis auch, wer in einem Dorf lebt, in dem einen jeder hasst. Wer – wie seine Mutter – finanziell gezwungen ist, Menschen zu pflegen, die ihre Scheiße an Gardinen schmieren. Oder wer wie Reda tagtäglich Vorurteilen ausgesetzt ist und nie eine Chance auf ein anderes Leben hatte. Deshalb hat Édouard Verständnis für Reda, obwohl er ihn fürchtet. Auch er war in jener Nacht bloß gefangen in seinen Mustern und seiner Angst.

Entsetzen und Empathie

Im Herzen der Gewalt ist ein ehrliches, ein dringliches Buch, das dank Édouard Louis’ dichter Sprache einen starken Sog entwickelt, obwohl der Plot bloß um diese eine Nacht und deren Folgen kreist. Der Roman ist gleichermaßen von Empathie als auch von tief empfundenem Entsetzen geprägt: Man spürt in jeder Zeile das Trauma und die Angst, trotzdem macht es sich Édouard Louis nicht so leicht, seinen Peiniger einfach bloß zu verurteilen. Es wäre verlockend einfach, die Welt in schwarz und weiß, gut und böse, richtiges und falsches Leben aufzuteilen – aber genau diese Ignoranz ist es, die Louis’ mit seiner Flucht aus der Kleinstadt einst hinter sich lassen wollte. Mit seinem Roman über jene traumatische Nacht hat er sich aus der Ohnmacht befreit und die Rollen zwischen Reda und sich vertauscht: Als Romanfigur ist der echte Reda ihm und seiner Erzählung ausgeliefert, praktisch also in seiner Gewalt. Louis hätte ihn zum Psychopathen, zum Schwerverbrecher, zum Musterbeispiel für die Warnungen von Le Pen & Co stilisieren können. Stattdessen hat er sich für Empathie entschieden. Und für echte Größe.


Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Erschienen bei S. Fischer, 224 S.

Mad Men: „Alles über Heather“ von Matthew Weiner

Matthew Weiner - alles über heatherUnd schon wieder ist es passiert: Der Buchmarkt ist tot. Diesmal wirklich. Also so richtig. Schuld sind all diese neuen herausragenden Serien, die ja eigentlich den guten alten Roman zum Vorbild haben, schuld sind Netflix und all die Bingewatcher da draußen, die weder Lust auf die hundertsiebenundachtzigste Marvelverfilmung noch auf den nächsten zielgruppenformatierten Krimischmöker mit bereits von elf anderen Verlagen erprobtem Coverdesign haben. Vielleicht wollte Matthew Weiner also lieber noch schnell ein Buch schreiben, solange es noch welche gibt. Vielleicht ist er aber auch einer dieser Visionäre, die wissen, wann man antizyklisch denken muss, und hat den nächsten großen Hype – das Comeback des totgesagten Buchs – zur rechten Zeit antizipiert. Vielleicht, ganz vielleicht hat Matthew Weiner aber auch einfach nur eine gute Geschichte erzählen wollen und dafür das Medium gewählt, das für sie am besten geeignet war. Soll es ja geben.

Matthew Weiner, das sollte man wissen, ist nämlich eigentlich Serienautor. Unter anderem schrieb er an der Mutter aller modernen Serien, The Sopranos, mit. Vor allem aber war Weiner Schöpfer und Showrunner von Mad Men, einer sieben Staffeln langen und mit Preisen überhäuften Serie über eine Werbeagentur in den Sechzigern, die tatsächlich zum Besten zählt, was das Fernsehen in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Nach dem Ende von Mad Men hat sich Weiner jedoch keine neue Serie ausgedacht. Sondern einen Roman geschrieben. Seinen ersten.

Alle lieben Heather

Die Geschichte von Alles über Heather ist schnell erzählt. Mark und Karen Breakstone führen eigentlich ein gutes Leben, glücklich sind sie aber deshalb noch lange nicht – ein klassischer Tolstoi-Topos also. Mark Breakstone ist kein Don Draper, noch nicht einmal ein Pete Campbell. Zwar hat er es zu einigem Wohlstand gebracht, dennoch ist er so unscheinbar, dass er bei Beförderungen stets übergangen wird. Immer sind andere charismatischer, besser vernetzt, erfolgreicher als er. Seine Frau Karen hat ihre ohnehin kaum aussichtsreiche Karriere dagegen der Familienplanung geopfert – und damit dem einzig Guten, das ihrer Ehe entsprungen ist: ihrer in allen Belangen perfekten Tochter Heather. Fortan ist Heather der Mittelpunkt in Karens Leben. Sie pflegt weder Freundschaften noch ihre Ehe mit Mark, kümmert sich einzig und allein um das Wohlergehen ihrer Tochter. Umso schlimmer ist es deshalb für sie, als Heather zum Teenager heranreift und beginnt, sich von ihrer überfürsorglichen Mutter abzunabeln und stattdessen ihrem Vater zuzuwenden.

Heather ist Fixpunkt und Projektionsfläche für alle Figuren des Romans. Jeder sieht in ihr dasjenige, was seinem Leben fehlt. Heather ist es, die die Leere in Karens Leben füllen soll. Mark empfindet Heather nach Jahren in einer lieblosen Ehe dagegen als einzigen emotionalen Anker in der Familie. Und für den Bauarbeiter Bobby, der die Fassade ihres Hauses renoviert und der vierzehnjährigen Bewohnerin immer wieder verstohlene Blicke zuwirft, ist Heather vor allem eines: das perfekte, erhabene Opfer.

Bobby Klasky ist die dritte Hauptfigur des Romans, ein ewiger Verlierer, der nie, noch nicht einmal von seiner heroinabhängigen Mutter geliebt wurde. Sein Leben war stets von Rückschlägen, Sucht und Gewalt bestimmt – und doch sehnt er sich nach etwas Größerem, etwas, das ihn endlich ganz macht. Genau das glaubt er in Heather gefunden zu haben, genauer gesagt: in ihrem Tod. Mark registriert jedoch die Blicke, mit denen Bobby seine Tochter fixiert. Er wird nicht nur misstrauisch, sondern geradezu krank vor Sorge um das einzig Wertvolle, das er noch in seinem Leben hat. Für ihn besteht kein Zweifel: Er muss handeln, ehe es zu spät ist. Und so ist es die Liebe zu Heather, die beide Männer bis zum Äußersten treibt…

In den Fußstapfen von Cheever und Yates

Mad Men: Zumindest zum Titel von Matthew Weiners größtem Erfolg schließt sich hier der Kreis. Aber auch sonst gibt es durchaus Parallelen. Schon die Serie erinnerte oft an die Romane von Richard Yates oder John Cheever. Die Zeit der Handlung und das allgemeine Setting, die genau beobachteten, erbarmungslos sezierten Figuren und ihr Scheitern an sich selbst, auch die Gesellschaftskritik im Kleinen – all das weckte beim Schauen oft Erinnerungen an die literarischen Vorbilder. Alles über Heather ist zwar in der Gegenwart verankert, ansonsten aber ein im guten Sinne altmodischer Roman, der keinen Hehl aus seinen Inspirationsquellen macht. Die Beziehung zwischen Mark und Karen hätte trotz dezenter Verweise auf moderne Technik genauso von Yates beschrieben worden sein können, die Grundspannung erinnert nicht selten an Cheevers Die Lichter von Bullet Park (das erst kürzlich sehr schön bei Novellieren besprochen wurde).

Natürlich ist es wahr, was sie sagen: Die herausragenden Serien der letzten Jahre haben mehr mit Literatur zu tun als mit Kino, speisen sich aus denselben Vorbildern, Erzähltraditionen und Zitaten. Und genau deshalb sprechen sie auch dieselben Menschen an. Aber letzten Endes sollte es nicht um das Für und Wider von Serien oder Romanen gehen. Sondern darum, ob jemand eine gute Geschichte erzählen kann. Matthew Weiner jedenfalls kann es, egal in welchem Medium.


Matthew Weiner: Alles über Heather. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Erschienen bei Rowohlt, 144 Seiten.

]trash[pool #8 ist da!

druckfrischMomentan ist es auf dem Blog ein wenig stiller als gewohnt, weil meine wichtigste Veröffentlichung in diesem Jahr – meine Tochter Anna –  erst zwei Wochen zurückliegt. Die nächste Veröffentlichung kam soeben per Kurier statt Storch: Heute ist die achte Ausgabe unserer Literaturzeitschrift ]trash[pool erschienen – und sie ist genauso schön geworden, wie wir uns das erhofft haben! Im neuen Magazin findet ihr großartige Texte von Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss & Julia Wolf, ein redaktionelles Feature zum Tropen Verlag von Isabella Caldart sowie fantastische Collagen von Sebastian Baumer.

Ihr könnt das Heft ab sofort über redaktion@trashpool.net oder per Nachricht an mich bestellen!

Unterstützt den lokalen Buchhandel!

Unabhängige-BuchhandlungenZur Woche der unabhängigen Buchhandlungen hat Karla Paul auf Buchkolumne 99 Menschen aus der Literaturbranche danach gefragt, warum sie den lokalen, unabhängigen Buchhandel unterstützen. Ich freue mich, dass ich unter vielen Freunden und bekannten Gesichtern ebenfalls ein Statement hierzu abgeben durfte – und erzähle etwas darüber, wie viel wir als ]trash[pool den unabhängigen Buchhändlern Tübingens zu verdanken haben:

„Über gute Beratung und ein Sortiment, das anstelle von Geschenken und Krimskrams unser wichtigstes Kulturgut ins Zentrum stellt, haben andere sicher bereits gesprochen. Nicht unterschätzen sollte man aber auch den Beitrag, den der unabhängige Buchhandel für die Förderung und Verbreitung regionaler Kultur leistet. Als Mitherausgeber der Tübinger Literaturzeitschrift ]trash[pool bin ich hier zu besonderem Dank verpflichtet: Obwohl Osiander in Tübingen gegründet wurde und dort auch seinen Hauptsitz hat, sind es allein die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen Gastl, Quichotte und Vividus, die es uns durch ihre Anzeigen und Verkäufe ermöglichen, seit 2011 noch immer regelmäßig zu erscheinen. Im Gegensatz zur anonymen Kommunikation mit großen Ketten sind dabei längst Freundschaften entstanden – Wolfgang Zwierzynski von der Buchhandlung Quichotte etwa hat uns zur ersten Release-Lesung sogar 50 € geschenkt, damit wir uns die Band leisten konnten!“

Das ist natürlich nur ein – obendrein recht persönlicher – Grund, den unabhängigen, lokalen Buchhandel zu unterstützen. 98 weitere, vielfältige Statements von etlichen bekannten Namen findet ihr im so lesens- wie lobenswerten Beitrag von Karla Paul!

„Niemals aufgeben!“: Blogbuster-Sieger Torsten Seifert im Gespräch

blogbuster_torsten seifertLieber Torsten, dein Debütroman ist gerade bei Tropen erschienen, du warst zur Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse und hast die ersten Lesungen gehalten. Wie hast du die letzten Wochen erlebt, auf die du so lange hingearbeitet und gehofft hast?

Es ist eine tolle Erfahrung. Ich hatte ganz oft das Bedürfnis, ein bisschen von der Atmosphäre, die auf der Buchmesse oder bei den Lesungen herrschte, in kleine Fläschchen abzufüllen, damit ich sie später immer mal wieder herbeizaubern kann. Speziell in Frankfurt war die Taktzahl ziemlich hoch: Interviews, Lesungen, Shootings, Partys, andere Autoren kennenlernen… Ich fand das alles sehr schön und aufregend. Danach habe ich verstanden, was gemeint ist, wenn vom Nachmesseblues die Rede ist. Auch die Lesungen in den letzten beiden Wochen haben großen Spaß gemacht. Genauso wie die Leserunde bei Lovely Books. Aktuell gibt es dazu schon mehr als 1.000 Einträge bzw. Kommentare, die sich alle mit meinem Buch befassen. Das ist überwältigend.

Bevor du es bei Blogbuster einreichtest, hattest du mit dem Manuskript von „Wer ist B. Traven?“ bereits einen weiten Weg hinter dir. Was ist vor dem Happy End alles passiert?

Die erste Fassung war schon länger fertig. Meine damalige Agentur war guter Dinge und hat das Manuskript bei einer Reihe von Verlagen angeboten. Es gab ein paar Gespräche, die recht verheißungsvoll klangen. Letztlich hat aber keiner zugegriffen. Im März 2016 ist meine Agentin überraschend verstorben. Für mich war das der Zeitpunkt, das Thema abzuschließen, deshalb veröffentlichte ich das Buch ein paar Monate später im Self-Publishing. Dass die Geschichte durch den Blogbuster noch mal so eine Wendung nimmt, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Stimmt es, dass du eigentlich bloß aus Zufall auf Blogbuster aufmerksam geworden bist?

Ja, das kann man so sagen. Ich hatte ein paar Exemplare übrig, die auf einem falschen Papier gedruckt waren. Wegwerfen kam nicht in Frage, also habe ich einige an Blogger verschickt, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand reinschaut und Gefallen daran findet. Tobias Nazemi hatte auch eines bekommen und schrieb mir, dass ich doch beim Blogbuster mitmachen könne. Da dürfen auch Self-Publisher teilnehmen. Also habe ich es Ende November 2016 dort eingereicht.

Wie war für dich die Zusammenarbeit mit deinem Blogger und später dem Verlag?

Tilman Winterling ist ein sehr kluger und angenehmer Mensch. Wir haben einen ähnlichen Humor. Das machte es leicht. Er hat neulich meine Buchpremiere in Berlin moderiert und kam auch bei den Zuhörern super an. Wir planen, das bei einer der nächsten Lesungen zu wiederholen. Bei Tropen bzw. Klett-Cotta fühle ich mich sehr wohl. Dort herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Letztlich ist das Literaturgeschäft aber nun mal ein Business und weit weniger romantisch, als es von außen betrachtet aussieht. Umso wichtiger, sich eigene Ziele zu setzen und sich daran zu messen. Ich muss mich nur ein Jahr zurückversetzen. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mein Buch zwölf Monate später in meiner Berliner Lieblingsbuchhandlung, dem Kulturkaufhaus Dussmann, entdecke, hätte ich mitleidig gelächelt…

Die Erfolgsquote bei den AutorInnen der Longlist ist ja überraschend hoch, gleich mehrere haben der Teilnahme bei Blogbuster einen Agentur- oder Verlagsvertrag zu verdanken. Hast du manche deiner Mitbewerber eigentlich kennengelernt und verfolgst, wie es bei ihnen weitergeht?

Mit Kai und Chrizzi, die mit mir auf der Shortlist waren, stehe ich regelmäßig in Kontakt. Kai hat mich auf der Buchmesse besucht und sich schon mal angesehen, was ihn da nächstes Jahr erwartet. Sein Buch soll im Herbst 2018 bei Klett-Cotta erscheinen. Von ein paar anderen lese ich ab und an auf Facebook.

Gibt es etwas, das du den Kandidaten der nächsten Blogbuster-Staffel mit auf den Weg geben würdest?

Nehmt euch Zeit, um euch die teilnehmenden Blogs anzusehen und hört auf euer Bauchgefühl, wenn ihr euren Wunschblogger angebt. Ansonsten kann ich nur sagen: Niemals aufgeben!

Last but not least: Du bist jetzt – so sagte es auch die Jury beim Blogbuster-Event auf der Buchmesse – ein gestandener Autor. Wie geht es nach dem aktuellen Roman weiter?

Ich weiß nicht, ob ich mich selbst schon als „gestandenen Autor“ bezeichnen würde. Aber das Selbstbewusstsein ist jetzt sicher ein anderes als zuvor. Die Arbeit am nächsten Roman hat begonnen. In den nächsten ein bis zwei Jahren kommt also ganz sicher keine Langeweile auf. Es geht wieder zurück in die 30er und 40er Jahre. Mehr möchte ich allerdings noch nicht verraten.

Lieber Torsten, ich danke dir für das Gespräch – viel Erfolg mit deinem Debüt!

Störfall Mensch. Über „Die Terranauten“ von T.C. Boyle

TC Bolye - Die TerranautenEine Forschergruppe lässt sich für zwei Jahre in ein riesiges Terrarium einschließen, um zukünftige Raummissionen zu simulieren – und die ganze Welt schaut zu. In seinem Roman Die Terranauten seziert T.C. Boyle genüsslich menschliche Schwächen und eine Gesellschaft, in der ein Leben außerhalb des Rampenlichts zwar möglich, aber sinnlos ist.

Nichts rein, nichts raus: Im zweiten Versuch soll es endlich klappen. Schon einmal ließen sich acht Terranauten in die Ecosphäre 2 einschließen, um unter den Augen der Weltöffentlichkeit autark zu überleben. Unter der gigantischen Glaskuppel sollten sie zwei Jahre lang ihr eigenes Essen anbauen, Nutztiere umsorgen und die Ökosysteme gleich mehrerer Klimazonen aufrechterhalten. Eine Verletzung, die sie zwang, die Schleusen zu öffnen, war nur der erste von vielen Zwischenfällen, die dem Projekt die Glaubwürdigkeit raubten. Dabei hat der Visionär Jeremiah Reed, den alle nur GV („Gottvater“) nennen, noch Großes mit E2 vor: Gleich hundert Jahre sollen die wechselnden Teams die zweite Erde behausen und damit den Weg für die Besiedelung des Weltraums ebnen. Entsprechend groß ist der Ehrgeiz der neuen Anwärter, ihre Konkurrenten um den Einzug auszustechen – schließlich würden sie dadurch nicht nur zu Pionieren, sondern auch zu Stars. Im Kampf um die begehrten Plätze versucht jeder, auf seinem Feld unersetzlich zu werden. Am Ende machen nur Nuancen den Unterschied: gutes Aussehen zum Beispiel. Denn damit der Geldstrom für das Projekt nicht abreißt, braucht es Öffentlichkeit. Der wissenschaftliche Gewinn von Ecosphäre 2 mag fraglich sein, in Sachen PR leistet das Team von Mission Control jedoch Jahre vor der ersten Big Brother-Staffel wahre Pionierarbeit.

Einen kleinen Schritt für die Menschheit, aber einen großen für ihr Ego machen unter anderem der Frauenheld Ramsay und die hübsche Dawn. Deren unattraktivere Freundin Linda hat dagegen das Nachsehen und betrachtet das Geschehen mit zunehmender Verbitterung von außen. Aus diesen drei Perspektiven erzählt T.C. Boyle vom Einschluss der Terranauten und spinnt die Geschichte des realen Biosphäre-2-Experiments, das Anfang der Neunziger in den USA durchgeführt wurde, satirisch überspitzt weiter. Boyle nimmt sich viel Zeit für seine Versuchsanordnung, bringt seine Figuren in Stellung wie Schachfiguren. Schon früh stellt die Aufrechterhaltung der empfindsamen Ökosysteme die acht Terranauten vor Probleme. Noch schwieriger ist es allerdings, den Zusammenhalt der Gruppe zu wahren. Wie unter einer Lupe seziert Boyle die menschlichen Schwächen seiner Figuren und die Gruppendynamiken, die aus Hunger und Lust, Langeweile und Einsamkeit, Eitelkeiten und Neid entstehen. Trotz unzähliger Parameter, die für Ecosphäre 2 bedacht wurden, bleibt der Faktor Mensch eine unberechenbare Größe. Nichts rein, nichts raus: Das gilt zwar für den Sauerstoff unter der Kuppel, nicht aber für den Informationsfluss zwischen beiden Welten. Interventionen von „Gottvater“ Jeremiah und Intrigen seitens der neidischen Linda vergiften zusätzlich die Atmosphäre. Spätestens als sich Dawn und Ramsay ineinander verlieben und noch in E2 ein Kind erwarten, steht nicht nur das fragile Gleichgewicht in der Gruppe, sondern auch gleich das ganze Projekt auf der Kippe.

Boyle entlarvt das Projekt als wissenschaftlichen Größenwahn mit Zügen einer New-Age-Sekte und seine Figuren als Egozentriker, für die ein Leben außerhalb des Rampenlichts zwar möglich, aber sinnlos ist. Die Terranauten ist ein echter Pageturner – und beweist einmal mehr, dass T.C. Boyle einer der begnadetsten Gesellschaftssatiriker und gnadenlosesten Menschenkenner unserer Zeit ist.


T. C. Boyle: Die Terranauten. 608 Seiten. Erschienen beim Hanser Verlag und als Lizenzausgabe bei der Büchergilde. Dieser Text wurde bereits im aktuellen Magazin der Büchergilde veröffentlicht, das hier kostenlos zum Download bereitsteht.

Blogbuster 2018

blogbusterAm Freitag ist es so weit: Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr geht Blogbuster, der Literaturpreis der Blogger, auf der Frankfurter Buchmesse in die zweite Runde. Auch diesmal können sich Autoren und Autorinnen mit ihrem abgeschlossenen Romanmanuskript bei einem von 15 Bloggern bewerben und auf einen Verlagsvertrag bei Kein & Aber hoffen! Mit u.a. Denis Scheck, Isabel Bogdan oder Elisabeth Ruge ist die Hauptjury erneut prominent besetzt, auch die Blogger der Vorrunde können sich mehr als sehen lassen. Trotz geschätzter und lieber BloggerkollegInnen wie Stefan Mesch, Mareike Fallwickl oder Uwe Kalkowski – um nur einige zu nennen -, hoffe ich sehr, dass das eine oder andere großartige Manuskript auch in meinem Briefkasten landen wird – und darunter vielleicht ja auch der Blogbuster-Titel 2018!

Warum solltet ihr mir euer Manuskript schicken? Und womit könnt ihr mich überhaupt begeistern? Vielleicht gibt euch mein Vorstellungstext für Blogbuster ja einen Eindruck davon, wonach ich suche:

Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Ich bin nicht nur selbst Autor, sondern seit 2011 auch Mitherausgeber der Literaturzeitschrift ]trash[pool. Nach acht Ausgaben erkenne ich inzwischen schnell, ob ein Text zu unserer Zeitschrift passt – etwa, indem er durch besondere Sprache oder Innovationsfreude besticht, mit Eigensinn oder ungewöhnlichen Perspektiven überrascht. Um einen ganzen Roman zu tragen, braucht es für mich allerdings mehr als bloß Sprache. Dort stehen für mich glaubwürdige Figuren und eine Geschichte im Vordergrund, die mehr will, als bloß zu unterhalten. Eine Geschichte, die im besten Fall menschliche oder gesellschaftliche Abgründe auslotet, ohne dabei zu moralisieren. Erzählende Autoren wie Richard Yates oder Jonathan Franzen können mich ebenso begeistern wie ein David Foster Wallace: Ein guter Roman kann komisch und deprimierend zugleich sein, experimentell und dennoch fesselnd, schlicht, aber trotzdem mit Tiefgang – Hauptsache, er löst etwas in mir aus und liegt seinem Autor spürbar am Herzen.

Am Freitag, dem 13.10. fällt der Startschuss für die zweite Staffel – und zwar um 15:00 Uhr bei Orbanism (Halle 4.1, Stand B91) auf der Frankfurter Buchmesse. Alle Infos zu den Bewerbungsformalitäten und dem Ablauf findet ihr spätestens dann auf der Homepage von Blogbuster. Ich freue mich auf eure Manuskripte!

Der Werwolf im System. Über „Schreckliche Gewalten“ von Jakob Nolte

Schreckliche GewaltenVielleicht hatte Jakob Nolte ja nur einen merkwürdigen Traum, einen, der so präzise und verschroben war, dass er ihn unbedingt zu Papier bringen musste, ehe er ihn vergäße. Und dann ist das Ganze halt etwas ausgeufert. Womöglich wollte Nolte nach einem anstrengenden Tag abends einfach nur ein wenig abschalten. Mit einer Flasche Wein vielleicht. Oder einem Joint. Er las ein bisschen Wallace und ein paar Seiten Pynchon, aber schon bald wurden ihm die Augen schwer. Also fernsehen: eine Doku über politische Gewalt in den Siebzigern, über Protest und Terrorismus. Da waren Hippies und die RAF, da waren Olympia ’72 und Flugzeugentführungen und Kriege in Vietnam, Angola oder Afghanistan. Alles schrecklich und auch schrecklich interessant, klar. Aber schwerer Stoff, wenn man müde ist. Drum zappte Nolte schläfrig weiter und blieb bei einem Trashfilm hängen, irgendwas mit Werwölfen, Hexen und Parasiten, bei dem er schließlich wegdöste – und etwas träumte, das all dies zu einer so cleveren wie wahnwitzigen Geschichte verwob.

So könnte es gewesen sein mit Nolte und seinem Longlist-Titel Schreckliche Gewalten. Die Mischung der Themen, Genres und Stile, die sich darin tummeln – ja, selbst die Handlung – ist geradezu krude; dennoch folgt der Roman wie in einem Traum, der einem eben noch real erschien, seiner ganz eigenen, in sich schlüssigen Logik. Die Welt, in der Noltes Hauptfiguren Iselin und Edvard Honik leben, unterscheidet sich eigentlich kaum von der unsrigen, sieht man einmal von Ereignissen wie der Werwolf-Werdung ihrer eigenen Mutter ab, die daraufhin ihren geliebten Mann tötet. Oder von ihrem Risiko, sich ebenfalls eines Tages in ein anderes Lebewesen zu verwandeln, ein genetischer Fluch, der wie ein Schatten über ihren unterschiedlichen Lebenswegen schwebt. Zwar kommen auch Hexen im Roman vor, zwar ist von Parasiten die Rede, die sich anstelle eines Herzens in Menschen einnisten können, zwar gibt es sogar jemanden mit Doktor in Horrorgeschichte. Nichtsdestotrotz gelten diese Dinge auch in Schreckliche Gewalten als unerhört. Und die wahren Schrecken gab und gibt es sowohl in unserer als auch in Iselins und Edvards Welt. Genau wie ihre realen Zeitgenossen in den Siebzigern leben auch sie in einer hochpolitisierten Zeit und müssen sich mit der Aufarbeitung des Holocausts, Stellvertreterkriegen und aufkeimendem Terrorismus auseinandersetzen. Nach dem Zwischenfall mit ihrer Mutter trennen sich ihre Wege: Edvard bricht zu einer Reise gen Osten auf, ein fast hippiesker Selbstfindungstrip, der ihn bis nach Afghanistan führt, während sich Iselin nach ihrem Archäologiestudium zu einer erst feministischen, später dann verbrecherischen Terroristin entwickelt.

Jakob Nolte erzählt ihre Geschichte in abwechselnden, manchmal nur wenige Zeilen langen Abschnitten und schweift dabei immer wieder ab, widmet sich Details und Nebenfiguren oder geschichtlichen Exkursen, die mal versponnen und mal wahr, die manchmal albern, aber meistens interessant sind. Ob ihm jeder Leser dabei folgen kann oder will, scheint für Nolte keine Rolle zu spielen – wer sein Ohr ganz nah ans Buch hält, kann ihn womöglich sogar ganz leise am Schreibtisch kichern hören. Noltes postmodernes Spiel mit versandenden Versatzstücken, ironischen Brechungen und Infohäppchen wie Hyperlinks ist durchaus selbstverliebt und manchmal auch ermüdend. Zugleich ist es aber auch klug, amüsant – und vor allem erfrischend.

Schreckliche Gewalten ist die Sorte Roman, die so manche Buchhändler beim Anblick der Longlist vermutlich zu ratlosem Kopfschütteln veranlasst. Viel zu sperrig und schräg, um sich gut verkaufen zu lassen – ein typischer Feuilletontitel wie Frank Witzel vor zwei Jahren, den dann ja doch keiner liest. Ich sehe das anders: Wenn die Longlist des Deutschen Buchpreises die ganze Bandbreite anspruchsvoller deutschsprachiger Literatur abbilden soll, dann muss auf ihr auch Platz für ein Buch wie dieses sein. Für ein Buch, das sich nicht um Konventionen und Grenzen schert und das sperrig ist, ohne dabei zu vergessen, auch zu unterhalten. Schreckliche Gewalten ist sicher nichts für für die breite Masse. Aber es sticht aus einer solchen heraus. Es ist ein Gewinn für unsere Literaturlandschaft, dass die Jury des Deutschen Buchpreises die Arbeit und den Mut unabhängiger Verlage auch in diesem Jahr mit Aufmerksamkeit belohnt.

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Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten. Erschienen bei Matthes & Seitz, 340 Seiten. Auch mein Buchpreisbloggerkollege Sandro hat das Buch auf seinem Blog besprochen.

Notiz zur Bundestagswahl 2017

Tja. 2010 schrieb ich meine Magisterarbeit über die Chancen für Demokratie und Gesellschaft durch soziale Netzwerke. Keine idealistische, aber eine durchaus optimistische Arbeit. 2017 schrieb ich dagegen einen Roman über hatespeech und den Unschuldsverlust von social media, dem wir den Erfolg von Trump, AfD & Co. verdanken. Was ist bloß in diesen sieben Jahren passiert? Die Hauptfigur meines Romans ist eine Trollin. Sie glaubt:

Die Nullen oder die, die sich für welche halten, haben die Erregungsspirale so lange nach oben geschraubt, bis alles aus dem Gleichgewicht geraten und vom Binärcode neutraler Einsen und Nullen bloß ein permanentes, überreiztes Einself übrig geblieben ist. Am Anfang war das Wort? Meinetwegen. Caps Lock und Ausrufungszeichen leiten jedenfalls das Ende ein. Wer schreit, hat Recht. All die naiven digital natives, die von einer besseren Welt dank sozialer Netzwerke träumten, werden von wütenden weißen Männern niedergemetzelt wie wehrlose Indianer. Willkommen im Neuland!

Aber: Das ist bloß eine Zustandsbeschreibung. Es liegt an uns, dass wir uns vernetzen, anstatt zu spalten. Dass wir offensichtlichen Lügen die Wahrheit entgegensetzen. Und nicht zuletzt, dass wir das Spiel der AfD nicht mitspielen. Diese Partei lebt von Lärm und Wut. Was wir brauchen, ist Gelassenheit. Lassen wir nicht zu, dass diese Menschen die Erregungsspirale in den kommenden vier Jahren immer weiter nach oben treiben und damit unsere Demokratie verrohen. Die sind nicht das Volk. Das sind wir, die 87 Prozent, die keine Nazis ins Parlament gewählt haben.