Notizen 6/16

Dezemberfieber-CoverLeider habe ich noch immer keine Zeit und Muße für eine neue Rezension gefunden – andere bloggen zum Glück deutlich regelmäßiger als ich. So zum Beispiel Constanze Matthes auf Zeichen und Zeiten, der ich eine wunderbare neue Rezension zu Dezemberfieber verdanke: Ein Erstling, der es vermag, den Leser sowohl eng an die Handlung und den Helden zu binden, den man manchmal ob seines abgedrehten Verhaltens einfach mal durchschütteln möchte. Eindrucksvoll gelingt es Frank O. Rudkoffsky zudem, sowohl die Gegensätze, die Stimmung und Reize des asiatischen Landes zu beschreiben, als auch detail- und bilderreich Szenen auszugestalten. Großer Verdienst des Buches ist es allerdings auch, die Aufmerksamkeit auf die Krankheit Depression zu richten. Ein Thema, das in der Öffentlichkeit noch längst nicht angekommen ist und noch immer nicht offen debattiert werden kann. (Hier entlang zu weiteren Stimmen zum Roman.)

Dem Thema Depressionen hat sich unlängst auch Karla Paul auf Buchkolumne gewidmet. In ihrer Literaturliste durch die Dunkelheit, in der sie Romane und Sachbücher über die Krankheit zusammengestellt hat, fand dankenswerterweise auch Dezemberfieber Platz. Eine wichtige und gute Liste, die in Zukunft noch erweitert werden soll. Einen der dort genannten Romane – Olivier Adams An den Rändern der Welt – werde ich in Kürze auch auf meinem Blog vorstellen. Auf das Buch gestoßen bin ich übrigens dank einer sehr schönen Rezension bei Kaffeehaussitzer! Auch in der Liste: Der Planet Trillaphon in seinem Verhältnis zur üblen Sache von David Foster Wallace, das ich im vergangenen Frühjahr besprochen habe.

trashpool7Neues gibt es auch zu ]trash[pool: Auf Logbuch Suhrkamp, dem Blog des Suhrkamp Verlags, werden seit kurzem regelmäßig Literaturzeitschriften vorgestellt – da durften wir natürlich nicht fehlen! In unserem Porträt erzählen wir ein bisschen aus dem Nähkästchen und umreißen nicht nur unser Profil, sondern schildern auch, wie unsere Textauswahl zustande kommt. Vielen Dank an die Redaktion, dass wir uns im Rahmen dieser schönen Reihe vorstellen durften!

Zu guter Letzt noch ein Veranstaltungshinweis: Am Donnerstag, dem 23. Juni, lese ich gemeinsam mit den Autoren Daniel Breuer (duotincta) und Matthias Hirth (Voland & Quist) in Berlin. Mehr Infos zur Lesung im Klub der Republik findet Ihr hier – über ein ein paar bekannte Gesichter im Publikum würde ich mich sehr freuen!

Endlich wieder puzzeln: neuer Roman in Arbeit

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Vorweg ein Geständnis: Ich stecke im Rezensionsstau. Vier Bücher warten noch auf ihre Besprechung, etliche mehr auf meine Lektüre. Manchmal muss man aber Prioritäten setzen – noch wichtiger ist mir nämlich das eine, an dem ich gerade schreibe. In Vorbereitung ist mein neuer Roman seit letztem Sommer, doch obwohl ich die ersten Seiten bereits im Januar schrieb, griffen die Zahnräder des Plots anfangs nicht so recht ineinander. Es fehlten wichtige Puzzleteile, ich musste alles noch einmal auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen, musste einige Ideen streichen und andere ergänzen. Seit einigen Wochen habe ich aber endlich das ganze Bild vor Augen und bin nach knapp 40 Seiten nun wieder mittendrin: im Schreiben, Verwerfen und Puzzeln, im Auf und Ab zwischen Zweifeln und Jubeln, leerem Blatt und Stunden ohne Zeitgefühl.

Seit der Erstfassung von Dezemberfieber sind inzwischen einige Jahre vergangen, in denen ich das Manuskript – zum Glück! – immer wieder überarbeitet habe; entsprechend schwer fiel mir nun der Wechsel vom Lektorats- in den Schreibmodus, zumal der Stil meines neuen Romans ein anderer ist. Für manche mag Schreiben wie Fahrradfahren sein, etwas, das sie nicht verlernen können. Ich fühle mich dagegen bei jedem neuen Roman wie nach einem Schlaganfall. Der schiefe Mundwinkel kommt nach den ersten, holprigen Seiten von allein. Aber sobald man den Anspruch, sofort druckreif zu schreiben, hinter sich lässt, kommen die Worte wieder wie von selbst, können die Gedanken wieder fließen. Mit der Freiheit, herumprobieren und dabei vielleicht auch mal scheitern zu dürfen, kehrt der Spaß am Schreiben zurück. Ich kenne das Ende meines Romans, weiß, welche Meilensteine ich im Plot erreichen muss. Und doch werde ich auf dem Weg dorthin so manches Mal die Orientierung verlieren – und freue mich darauf, herauszufinden, wohin es mich dann führt! Autoren werden mit jedem neuen Buch wieder zu Anfängern, mit jeder angebrochenen Seite zu Pionieren. Und genau so heißt auch der Arbeitstitel meines nächsten Romans: Pioniere.

Ich hoffe, das Manuskript bis zum Ende des Jahres abschließen zu können und werde hier sicherlich dann und wann über meinen Fortschritt berichten. Den Rezensionsstau habe ich bis dahin natürlich längst aufgelöst – ich gelobe noch für diesen Monat Besserung!

Die kleinen Leute. Über „Cold Spring Harbor“ von Richard Yates

Cold Spring Harbor von Richard Yates

Es gibt sie ja, diese One Trick Ponys in der Literatur: Während sich andere Autoren mit jedem Buch neu erfinden, drehen sich ihre Geschichten stets um dieselben Themen, leiten sich ihre Figuren stets als Variationen aus der eigenen Biographie ab. Egal, welche Bücher man von diesen Autoren aufschlägt, man fühlt sich in ihnen gleich zuhause. Im „Zuhause“ von Richard Yates begegnen wir immer wieder aufs Neue der Hölle des vielzitierten Anna-Karenina-Prinzips: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Ein Chronist gescheiterter Lebensentwürfe – so nannte Birgit Böllinger ihre Rezension zu „Cold Spring Harbor“ auf Sätze & Schätze; treffender kann man das Lebenswerk von Richard Yates nicht zusammenfassen. All seinen Figuren gemein ist das Scheitern an der eigenen Hybris. Sie alle wollen ausbrechen: aus ihrem festgefahrenen Leben und einengenden Beziehungen, aus ihren vorgesehenen Rollen und den Grenzen kleinbürgerlicher Existenz. Sie erwarten mehr vom Leben als das, was ihnen in die Wiege gelegt wurde, fordern ein, was ihnen der Amerikanische Traum einst versprach. Doch keiner von ihnen kann aus seiner Haut: Immer sind es mangelnde Einsicht, Hochmut und die Unfähigkeit zur Selbstreflexion, die sie – mitunter leichtfertig – falsche Entscheidungen treffen lassen und ihre Ambitionen zu Fall bringen. Richard Yates seziert das Scheitern seiner Figuren mit geradezu spöttischer Nüchternheit. Er hat kein Erbarmen, kein Mitleid mit seinen Figuren – schließlich macht er sich vor allem selbst zur Zielscheibe seines Spotts. In seinen Augen ist er einer von ihnen: ein Verlierer.

Verlierer des Amerikanischen Traums

Obwohl ihn inzwischen viele Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur als Vorbild nennen, blieb Yates der Erfolg zu Lebzeiten verwehrt. Im Scheitern seiner Figuren verhandelte er stets auch sein eigenes: Seine Erzählungen und Romane sind bevölkert von überambitionierten Künstlern und labilen Alkoholikern, deren Zusammenbrüche und Aufenthalte in geschlossenen Psychiatrien seinen eigenen Niedergang spiegeln. Besonders darum gelang ihm die Charakterisierung seiner Protagonisten so glaubwürdig und emphatisch wie nur wenigen anderen; Yates Figuren wirken vor allem deshalb wie aus dem Leben gegriffen, weil sie es sind. (mehr …)

Auswahl für ]trash[pool #7

trashpool7-faceIhr habt es uns wirklich nicht leicht gemacht: Wir hätten aus euren vielen großartigen Einsendungen gleich zwei Ausgaben machen können. Entsprechend schwer fielen uns einige Entscheidungen. Aber nun steht sie, die Auswahl für ]trash[pool #7 – mit mehr AutorInnen als in jedem Heft zuvor!

Freut euch auf Texte von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs.

Außerdem haben wir im kommenden Heft einen Schwerpunkt zum Thema Literaturkritik: Im redaktionellen Teil erwarten euch ein Interview mit Volker Weidermann vom Literarischen Quartett sowie eine Rezension von Sophie Weigand (Literaturen)!

]trash[pool #7 erscheint im Herbst – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse!

[Interview] Zehn Fragen an zwölf DebütantInnen

Bildschirmfoto 2016-04-10 um 20.05.05Im Rahmen des Schwerpunktes “Literarische Debüts” auf Literaturkritik.de haben zwölf AutorInnen – u.a. Pierre Jarawan, Mirna Funk und meine Wenigkeit – Fragen zur Gegenwartsliteratur und ihrem Schreiben beantwortet. Das Interview wurde ebenfalls bei den lieben Kolleginnen von Das Debüt veröffentlicht – vielen Dank an Bozena Anna Badura!

Vernetzung statt Hierarchie.

Oder: Die Leanderwattisierung des Literaturbetriebs. Eine kleine Utopie

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Natürlich ist sie ermüdend, die ständige und sich im Kreis drehende Debatte um Blogs und das Feuilleton, zu der auch ich jüngst meinen Senf beisteuern durfte. Dennoch war sie eines der beherrschenden Themen der Leipziger Buchmesse 2016, zu der etwa 800 Blogger akkreditiert waren und damit doppelt so viele wie noch im Vorjahr. Die Podiumsdiskussion mit Ijoma Mangold von der Zeit brachte erwartungsgemäß nur wenige neue Erkenntnisse. Denn dass bloß über Blogger, aber nicht mit ihnen – und zwar auf Augenhöhe – gesprochen wurde, ist nicht nur symptomatisch und ignorant, sondern geradezu anachronistisch. Erhellender dagegen war Karla Pauls Vortrag auf der Konferenz blogger:sessions am Sonntag: ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein seitens der Blogger, die den Diskurs über Literatur schon längst verändert, längst demokratisiert hätten. Aber auch ein Appell: Momentan seien es nämlich die Blogger selbst, die sich klein machten – es sei an der Zeit, sich endlich zu professionalisieren.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Es ist an der Zeit, sich in Stellung zu bringen. Wer noch immer glaubt, es ginge um Blogs vs. Feuilleton, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden; es geht hier nicht um Neuland gegen Brachland. Blogs werden das Feuilleton nicht ersetzen, sondern den literarischen Diskurs, das literarische Spielfeld erweitern – und zwar als Mit-, nicht als Gegenspieler. Sie sind Teil eines unaufhaltsamen Wandels im Literaturbetrieb, der gerade erst beginnt. Das Gegeneinander-Ausspielen, um alte Hierarchien und den eigenen Status zu verteidigen, wird irgendwann ausgedient haben. Die Zukunft gehört der Vernetzung, gehört jenen, die sich heute ganz selbstverständlich in sozialen Netzwerken bewegen und Projekte anstoßen, die in alten Strukturen kaum denkbar gewesen wären.

Offene Grenzen, neue Möglichkeiten

Die Grenzen zerfließen schon jetzt: Heute schreiben Zeitungen von Bloggern noch ab, morgen drucken sie ihre Texte und stellen sie ein. Namhaft besetzte Projekte wie tell, ein soeben gestartetes Online-Magazin für Literatur, Kritik und Zeitgenossenschaft, sind vielversprechende Zeichen des Aufbruchs. Auch bereits etablierte Blogger suchen nach neuen Wegen und Kooperationen, die Zeichen eines erstarkten Selbstvertrauens sind: Die Literaturplattform 54stories veranstaltet nun in mehreren Städten Deutschlands auch Lesungen. Erst kürzlich rief Das Debüt den ersten Blogger-Literaturpreis ins Leben. Und Tobias Nazemi von Buchrevier plant im Schulterschluss mit namhaften Bloggern eine Verlagskooperation, die – soviel sei verraten – von sich reden machen wird.

Aber auch die Verlagswelt selbst ist längst im Wandel. Die Bloggerin Karla Paul ist inzwischen Verlagsleiterin bei Edel ebooks. Mara Giese von Buzzaldrins lässt als Volontärin bei edel & electric im Verlagsblog u.a. LektorInnen und Blogger zu Wort kommen und Debatten anstoßen. Junge Lektoren wie Florian Kessler bei Hanser bringen nicht nur frischen Wind in die Verlage, sondern sind ganz selbstverständlich in den sozialen Netzwerken unterwegs und mischen dort auf Augenhöhe mit Bloggern und anderen Netzmenschen bei aktuellen Debatten mit. Ganz besonders stechen natürlich jene Netzwerker hervor, die mit ihrem vielfältigen (und scheinbar unermüdlichen) Engagement gleich an mehreren Stellen Bewegung in die Branche bringen. Felix Wegener (BOOKMARKS, Readbox, direttissima) ist so einer: Seine Medien- und Publishingkonferenz #dico16, die im April in München stattfindet, lädt zum branchenübergreifenden Austausch über Erfahrungen und Chancen digitalen Arbeitens ein; es ist, wie sollte es auch anders sein, im Prinzip eine Networking-Konferenz. Und dann ist da natürlich – last but not least – Leander Wattig, der nicht umsonst titelgebend für diesen Artikel ist. Wie kein anderer steht er für den beginnenden Wandel im Literaturbetrieb und leistet in zahlreichen Vernetzungsprojekten Pionierarbeit. Ob mit seinen vielfältigen Projekten für Orbanism oder Konferenzen wie der Leipziger Autorenrunde: Wattig bringt Menschen zusammen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, denen es nicht wichtig ist, was sie trennt, sondern das, was sie verbindet. Ich bin fest davon überzeugt: Hier entstehen Strukturen, die bleiben. (mehr …)

Sehnsucht nach Auflösung: „Über den Winter“ von Rolf Lappert

DSC_0186Fast hätte ich ihn dann doch nicht gelesen. Dabei hatten mich nicht nur die begeisterten Besprechungen bei Buchrevier und Kaffeehaussitzer neugierig auf Rolf Lapperts Roman gemacht – auch das Thema von „Über den Winter“ sprang mich sofort an: Ein Mann in der Midlife Crisis reist zum ersten Mal seit Jahren in die Heimat, um seine Schwester zu beerdigen. Dort lernt er nicht nur seine Familie neu kennen, sondern lässt auch sein altes, ihm fad gewordenes Künstlerleben zurück. Ein Coming of Age-Roman unter umgekehrten Vorzeichen sozusagen, und das auch noch vor der tristen Kulisse Hamburgs im Winter – das klang ganz nach einem Roman für mich!

Entsprechend groß war meine Vorfreude, Rolf Lappert auf der Frankfurter Buchmesse lesen zu hören. Ich muss ehrlich sein: Ich habe mich in meinem Leben schon mehr gelangweilt. Ein oder zweimal jedenfalls. Vielleicht lag es an der ritalinbedürftigen Schulklasse, die rings um mich die Stühle besetzte, vielleicht auch an der Messeluft, die samstags irgendwo zwischen Seminarraum nach sechsstündiger Klausur und Turnhalle schwankt. Doch selbst Tobias Nazemi von Buchrevier, erklärter Fan des Buches, schien sich zu langweilen; seinen Vorschlag, stattdessen ein Bier trinken zu gehen, nahm ich jedenfalls dankbar an.

Die Last der Freiheit

Gelesen habe ich „Über den Winter“ dann trotzdem – und dabei genau das, was mich auf der Lesung noch langweilte, bei der Lektüre am meisten genossen: die Langsamkeit des Buches. Denn Rolf Lappert nimmt sich wirklich Zeit. Dem Plot fehlt jede Dringlichkeit: Lennard Salm hat es nämlich nicht eilig. Nichts in seinem Leben treibt ihn noch an; nichts motiviert ihn genug, um aus dem Trott, aus seiner Lethargie auszubrechen. Erst der Tod seiner älteren Schwester setzt in Salm wieder etwas in Gang. Er kehrt zum ersten Mal seit Jahren zu seiner Familie nach Hamburg zurück und ändert sein Leben – indem er es aufgibt. Salm ist keiner, der sich plötzlich aufrafft und die Dinge anpackt. Im Gegenteil: Er wirft radikal Ballast ab, lässt in seiner Sehnsucht nach Auflösung alles los und davontreiben, was ihm zeitlebens am meisten bedeutet hat. Dass sein Koffer auf der Hinreise verloren ging, macht ihm nichts aus: Salm vermisst ihn genauso wenig wie das Künstlerleben, das er hinter sich lassen will, ein Leben, auf das er melancholisch und mit mildem Sarkasmus zurückblickt, ohne es je sentimental zu verklären. (mehr …)

duotincta bei „Leipzig liest“

duotincta-lesenachtDie Einschläge in Sachen Leipziger Buchmesse werden immer dichter, besonders heute: Mittags hatte ich meine Akkreditierung als Blogger im Briefkasten, abends die Ankündigung zur duotincta-Lesenacht im Mailfach: Am 17.3. lese ich im Rahmen von Leipzig liest gemeinsam mit allen Autoren und Autorinnen des Verlags im Beyerhaus! Ab 19:00 stellen Dominik Forster, Stefanie Schleemilch, Birgit Rabisch, Daniel Breuer, Wolfgang Eicher und ich unsere aktuellen Romane vor; durch den Abend führt Elia van Scirouvsky (Moderator der Lesereihe Der durstige Pegasus). Kommt zahlreich und bleibt: Anschließend wird im Gewölbekeller gefeiert!

PS: Egal, wie lang die Nacht wird: Ich freue mich schon sehr auf das inoffizielle Bloggertreffen von Papiergeflüster am nächsten Tag (auf dem ich notfalls als mahnendes Beispiel für ungesunden Lebenswandel aufkreuze) – hoffentlich mit vielen bekannten Gesichtern!

Leipziger Autorenrunde

LBM_Logo_11_4cDass es nur noch wenige Wochen bis zur Leipziger Buchmesse sind, macht sich so langsam auch in meinem Terminkalender bemerkbar. Auf eine Veranstaltung freue ich mich dabei ganz besonders: Ich habe die Ehre, am 19. März zusammen mit Nikola Richter (Mikrotext) und Katharina Gerhardt als Referent an der Leipziger Autorenrunde teilzunehmen. In unserer Tischgesprächsrunde über kollektive Herausgebertätigkeit wollen wir am Beispiel unseres gemeinsamen E-Books Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge zeigen, wie konstruktive Zusammenarbeit im digitalen Publikationsprozess funktioniert und diskutieren, ob sie ein Zukunftsmodell in der Zusammenarbeit von Autoren, Lektorinnen und Verlegerinnen sein kann.

Auch darüber hinaus lohnt sich die Teilnahme sehr: Bei der inzwischen vierten Auflage der ganztägigen Autorenkonferenz hat Leander Wattig ein abwechslungsreiches Programm mit interessanten Themen und Referenten – u.a. Jan Drees, Karla Paul oder Wilhelm Uschtrin – zusammengestellt. Und warum diese Messeveranstaltung etwas ganz Besonderes ist, hat jüngst die Verlegerin Christiane Frohmann sehr schön in einem Blogbeitrag auf Orbanism erklärt.

Mehr zum Format der Tischgesprächsrunde und das ganze Programm stehen auf der Website der Leipziger Autorenrunde. Die Tickets sind begrenzt!

Ich bin ein Mensch – holt mich hier raus! Über „I am not animal – Die Schande von Calais“ von Hammed Khamis

Calais_CoverDie Szenen wiederholen sich Nacht für Nacht: Menschen, die auf fahrende Züge aufspringen und sich 50 Kilometer lang an ihnen festhalten müssen, ehe sie ihr Ziel erreicht haben. Menschen, die sich auf der Autobahn in LKW schmuggeln und Plastiktüten über ihre Köpfe ziehen, um sich nicht durch ihren Atem zu verraten. Menschen, die sich beim Versuch, nach England zu gelangen, die Knochen brechen oder sterben, weil sie lieber den Tod in Kauf nehmen, als ohne Hoffnung leben zu müssen. Es sind Menschen wie wir, die das Pech hatten, am falschen Ort geboren worden zu sein. Während uns die Fahrt durch den Eurotunnel von Calais nach England gerade einmal 14 € kostet, bezahlen viele von ihnen mit dem Leben.

„Wenn du länger als eine Minute keinen geflüchteten Menschen mehr gesehen hast, dann bist du nicht mehr in Calais.“

Über den „Dschungel“ von Calais, wo derzeit geschätzt 6000 Geflüchtete auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie in der Nähe des Eurotunnels gestrandet sind, ist inzwischen häufig berichtet worden – an manchen Tagen trifft man dort gefühlt vermutlich fast so viele Journalisten wie freiwillige Helfer an. Aktuell ist das Lager im Fokus, weil es unter Protesten seiner Bewohner in Teilen geräumt wurde und verkleinert werden soll; auch die Stürmung einer Fähre nach Großbritannien durch 50 Geflüchtete erregte jüngst wieder mediales Aufsehen.

Angefixt von einem YouTube-Video reist auch der Autor und Streetworker Hammed Khamis, der sich zuvor bereits ehrenamtlich im Auffanglager in Moabit engagiert hat, im Sommer 2015 nach Calais, um in einem Blog über die Menschen im „Dschungel“ zu berichten – und um ihnen zu helfen. Ende Januar erscheint sein Erfahrungsbericht „I am not animal“ – Die Schande von Calais – als erster Titel der Reihe An einem Tisch – als Buch im Frohmann Verlag.

„Der Dschungel von Calais ist so was wie ein Festivalgelände. Nur ohne den Fun.“

Khamis, der von den Einwohnern in Calais selbst für einen Geflüchteten gehalten und geschnitten wird, sobald er ohne Kamera unterwegs ist, findet im „Dschungel“ ein wahres Parelleluniversum vor: ein riesiger Slum mitten in Europa, aufgeteilt in Kommunen für Afghanen, Pakistanis, Iraner, Sudanesen und Ostafrikaner. Die Geflüchteten haben aus ihrer Not eine Tugend gemacht und sich eine regelrechte Infrastruktur errichtet. Im Lager gibt es nicht nur kleine Läden und Imbisse, sondern auch eine Shisha-Bar und einen Friseursalon; es wird nicht nur Fußball oder Cricket gespielt, sondern auch im Fitnessstudio trainiert oder in den Puff gegangen. Khamis trifft auf einen Mann, der sich innerhalb von zwei Wochen ein zweistöckiges Haus aus Holz gebaut hat und lernt den Priester einer beeindruckenden Kirche aus Plastik kennen. All dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, unter welch würdelosen Zuständen die Menschen im „Dschungel“ leben müssen.

Der Gestank des allgegenwärtigen Mülls ist an manchen Stellen kaum auszuhalten. Viele Bewohner besitzen nicht mehr als die Kleidung an ihrem Leib und manche von ihnen nicht einmal das. Der alltägliche Bedarf – Essensausgabe, Waschstellen, Toiletten, Steckdosen – ist von langen Wartezeiten und Mangel geprägt. Und so ist es kein Wunder, dass viele Bewohner jede Nacht aufs Neue versuchen, aus Calais ins ersehnte England zu fliehen – obwohl diejenigen, denen die Flucht gelingt, dort zumeist am harten Asylrecht scheitern. Und es ist kein Wunder, dass die Verzweiflung der Geflüchteten immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei führt. In eine solche geraten auch Khamis und seine Mitstreiter – ein Dokumentarfilmteam aus Hamburg – hinein, als es mitten auf der Autobahn zu einer spontanen Demonstration kommt: Etliche Geflüchtete stehen plötzlich hunderten Polizisten gegenüber, die schon bald zu Tränengas und Schlagstöcken greifen. Eine bedrückende und erschütternde Szene, die nicht nur bei Khamis, sondern auch beim Leser nachwirkt. (mehr …)