Dezemberfieber: Erste Termine & Leseprobe

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Der Titel meines Debütromans Dezemberfieber passt momentan wie die Faust aufs Auge: Ich fühle mich nämlich gerade wie ein Kind in der Adventszeit – es sind nur noch wenige Wochen bis zum Erscheinungstermin am 17. September 22. September! Ich kann es kaum erwarten, mein Buch endlich in den Händen zu halten! Während ich gemeinsam mit meinem Verlag noch am Feintuning der Druckfahnen arbeite, kann ich bereits jetzt die ersten Lesungen für den Herbst bekannt geben. Am 22. September lese ich für die Bloggerkolleginnen von Das Debüt in Essen, am 4. November in meiner Heimatstadt Nordenham, am 11. 11. gemeinsam mit Stefanie Schleemilch in Tübingen sowie am 20. 11. beim Lit.Quartier in Stuttgart. Für Dezember sind weitere Lesungen in Planung, die ich bei Zeiten meiner Terminübersicht hinzufügen werde. Ich freue mich bereits sehr darauf, aus meinem Roman zu lesen und dabei vielleicht sogar den einen oder anderen von euch persönlich kennenzulernen! Selbstverständlich wäre es mir auch eine große Ehre, bald das eine oder andere Rezensionsexemplar unters Bloggervolk bringen zu dürfen – fragt einfach nach!

Um die Wartezeit zu verkürzen, lasse ich zum hier Abschluss eine weitere Leseprobe springen – ein kurzer Rückblick auf Bastians Jugend in einer zerrüttenden Familie: (mehr …)

Keine Erlösung, nirgends: „Asche“ von Sven Heuchert

CSC_0153 Bevor ich mich mit meinem Blog erstmals in die Sommerpause verabschiede, wäre dies theoretisch ein guter Zeitpunkt, um einmal Bilanz zu ziehen. Aber wozu fachsimpeln, wenn ich das Tolle an Literaturblogs mit dieser Rezension viel besser auf den Punkt bringen kann? Denn Sven Heucherts Stories aus dem Bernstein Verlag wären mir ohne die euphorische Besprechung im Buchrevier höchstwahrscheinlich entgangen – und ich hoffe, ich bin nur einer von vielen Lesern, die der Autor aus der rheinländischen Provinz dank ihr gewinnt!

Mir wurden typische Männergeschichten vom Rand der Gesellschaft versprochen. Geschichten von Ex-Knackis, Säufern, Malochern. Von Männern mit Kacheltischen im Wohnzimmer und unbezahlten Deckeln in der Stammkneipe. Vergleiche mit Bukowski oder Irvine Welsh liegen da nahe, greifen aber zu kurz: Während ich nach der ersten Geschichte noch befürchtete, alles in „Asche“ sei auf krass gebürstet und ziele lediglich auf ermüdende Schockmomente ab, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Sven Heucherts Erzählungen erinnern an Tom Waits-Songs. Trotz ihrer Härte, ihrer Schroffheit sind es im Kern sentimentale Geschichten. In den lauten, polternden Stories schwingt stets Melancholie mit, die leiseren sind dagegen immer noch so rau und kantig, dass man sich als Leser an ihnen reibt.

Verliererballaden ohne Säuferromantik

In karger, lakonischer Prosa schreibt Heuchert von Männern, die ihre besten Tage lange hinter sich haben – und selbst die waren beschissen. Männern, die nicht aus ihrer Haut, ihrem Viertel, ihrem Leben können. Seine oft stillen Verliererballaden kommen meist ohne Effekthascherei, Säuferromantik oder gar Pointe aus; vielmehr sind es ganz alltägliche Geschichten – Ausschnitte aus dem Leben seiner Protagonisten, die von Hoffnungslosigkeit und Ernüchterung zeugen. Die Figur aus der Erzählung „Sonnenscheinkind“ bringt (ausgerechnet in einer Passage über das Fingern einer Frau) hervorragend auf den Punkt, wie enttäuscht diese Männer von einem Leben sind, das so viel verspricht, wenn man jung ist – und später dann so wenig davon hält. „Damals war das noch ein Geheimnis. Man steckte seinen Finger da rein und hoffte, dass irgendetwas passieren würde. Später steckte man dann seinen Schwanz rein und hoffte auf so etwas wie Erlösung.“ Für die desillusionierten Menschen in „Asche“ ist keine Erlösung in Sicht, nirgends.

Manche von ihnen versuchen auszubrechen. So wie Ingo, der von der Freiheit schwärmt, in seinem heruntergekommenen Auto zu leben – dessen Phantasie aber gerade einmal bis zum nächsten Kaff reicht. Oder dem Erzähler der letzten Geschichte, der Hähnchenwagen putzt, um sich mit dem gesparten Geld nach Spanien abzusetzen. Man ahnt, dass aus seinen Plänen nichts wird, ahnt, dass er an sich und seinem Umfeld scheitern wird wie so viele andere in diesem Band.

ascheDennoch sind Sven Heucherts Stories nicht bloß eine verbitterte Abrechnung mit dem Leben. Es gibt in ihnen durchaus seltene, kurze Momente von Nähe und echtem Verständnis, wenn auch zumeist bloß in Andeutungen. Genau wie diese bleibt in „Asche“ vieles offen und unausgesprochen, wird vieles einfach in den Raum geworfen. Gerade weil Heuchert seine Figuren nicht auserklärt, wirken sie umso echter. Man spürt, dass sie eine Geschichte haben, ohne sie zwingend kennen zu müssen. Es ließe sich kritisieren, dass die Stories trotz der wechselnden Protagonisten oft ähnlich klingen; andererseits stammen alle Figuren aus demselben Milieu. Diese Männer sind keine Freunde großer Worte – ihnen reicht ein wissender Blick, eine vertraute Geste, ein Zunicken am Tresen, um zu erkennen, dass sie alle im selben Boot sitzen. „Asche“ hat diesen Sound hervorragend eingefangen.

Mit seinem Erzählband hat Sven Heuchert einen gelungenen Erstling vorgelegt, dem eine große Resonanz zu wünschen ist. Denn: Nur weil ein Autor über Underdogs schreibt, muss er selbst noch lange keiner bleiben!

Die Welt zu Gast bei Feinden: ein „embedded Roadtrip“ durch Kim Jong-uns Nordkorea

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Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas – die berühmte Aussage über die hellste Stadt der Welt ließe sich ebenso gut auf die vielleicht dunkelste Stadt der Welt übertragen: Pjöngjang. Nordkorea ist nicht nur auf nächtlichen Satellitenbildern ein schwarzer Fleck – aus der abgeschotteten Militärdiktatur dringen nur wenige gesicherte Informationen nach außen, entsprechend groß ist die Neugierde auf das gleichermaßen skurrile wie grausame Regime und sein indoktriniertes, verarmtes Volk. Trotzdem wagen es nur wenige tausend Menschen im Jahr, nach Ostasien zu reisen und sich im (strengen!) Rahmen einer geführten Tour selbst ein Bild vom vielleicht letzten wirklich kommunistischen Land der Erde zu machen. Einer von von ihnen ist Christian Eisert, TV-Autor und ehemaliger Gagschreiber von Harald Schmidt; gemeinsam mit Fotoreporterin Thanh reist Eisert, weil Journalisten die Einreise strikt untersagt ist, unter falscher Flagge durch ein Land, das nicht nur scheinbar aus der Zeit gefallen ist. Frei bewegen können sie sich nicht: Auf ihrem embedded Roadtrip bleiben sie immer in Begleitung ihrer Reiseführer und Aufpasser Rym und Chung, die stets bemüht sind, Nordkorea ins beste Licht zu rücken.

Reißerische Aufmachung

Dass ich auf „Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea“ aufmerksam geworden bin, habe ich einem Zufall zu verdanken. Normalerweise lese ich keine Bücher von Comedy-Autoren, selbst, wenn ich deren eigentliche Arbeit zuweilen zu schätzen weiß; es macht nun mal einen großen Unterschied, ob etwa ein David Foster Wallace über eine Kreuzfahrt schreibt oder jemand wie Christoph Maria Herbst. Zu viele Prominente – ganz gleich, ob aus der A-Riege oder den hinteren Teilen des Alphabets – füllen inzwischen die Regale der Buchhandlungen und verstellen den Blick auf anspruchsvollere Titel. Nicht umsonst schrieb ich bereits an anderer Stelle, dass die inflationären Promi-Biografien das literarische Äquivalent zu Katzenvideos auf Youtube seien. Vermutlich hätte ich Christian Eiserts launigen Reisebericht nie gelesen: Der Buchtitel, das grelle Cover und der reißerische „Waschzettel“ schreien geradezu nach der platten Skurrilitätensammlung, die man von einem Comedy-Autor erwarten würde. Ich hätte etwas verpasst.  (mehr …)

Veröffentlichungen im Herbst

Cover_trashpool_2015-07-02.inddBis ich mich im August für einige Wochen in den Urlaub verabschiede und endlich wieder mehr Zeit zum Lesen habe, stecke ich bis zum Hals in den Vorbereitungen für meine Veröffentlichungen im Herbst. Die sechste Ausgabe von ]trash[pool – u.a. mit Texten von Martin Piekar, Nora Linnemann und Aboud Saeed sowie einem ausführlichen Interview mit Sandra Gugić – veröffentlichen wir rechtzeitig zur Buchmesse im Oktober. Während unsere Gestalterin Nadine Tsalawasilis noch über dem Layout brütet, dürft ihr zumindest schon mal einen Blick aufs nächste Cover werfen.

Dezemberfieber-Cover

Der eigentliche Grund für meinen Besuch in Frankfurt erscheint sogar bereits Mitte September: Zur Zeit arbeite ich zusammen mit meinem Lektor von Duotincta am Feinschliff von Dezemberfieber und erlebe erstmals die fünf typischen Stufen des Lektorats (1.Verneinung, 2. Zorn, 3. Verhandeln, 4. Depression, 5. Akzeptanz); angesichts der Temperaturen draußen sind dankenswerterweise keine allzu hitzigen Debatten zu erwarten. Eine kurze Leseprobe vom Ende des ersten Kapitels gibt es übrigens hier als Download. Und so sehr ich mich auch auf meinen Urlaub freue: Auf diesen Herbst freue ich mich ausnahmsweise mehr!

E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (2/2)

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Ich muss zugeben: Die große Resonanz auf den ersten Teil meines Artikels hat mich überrascht. Virale Phänomene kannte ich persönlich bislang nur aus der KiTa-Eingewöhnung meiner Tochter, entsprechend erstaunt war ich darüber, wie oft mein Text in den ersten Tagen nach seiner Veröffentlichung retweetet wurde. Krönung des Ganzen war ein Crossposting im Blog des Buchreports und schließlich sogar der Abdruck in dessen Magazin. Fast zeitgleich schrieb meine geschätzte Bloggerkollegin Mara Giese über ihre Eindrücke von der Electronic Book Fair und wurde daraufhin im Perlentaucher bei Spiegel Online verlinkt. Entgegen mancher Meinung, dass es keinen nennenswerten Markt für digitale Literatur, insbesondere Formate wie E-Book-Singles gäbe, scheint also großes Interesse an dem Thema zu bestehen – ein Grund mehr, an dieser Stelle wie angekündigt einige aktuelle Titel exemplarisch vorzustellen. (mehr …)

E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (1/2)

single3 Vor einem halben Jahr habe ich in einem Artikel über den Zustand der Verlagswelt bereits angerissen, dass ich E-Book-Singles derzeit für die interessanteste und innovativste Idee des Buchmarkts halte: kleine Texte mit großem Spielraum, die nur wenig kosten und wie gemacht fürs digitale Lesen sind. Anscheinend habe ich ein Faible für Underdogs, ein typischer deutscher Leser scheine ich jedenfalls nicht zu sein. Denn der interessiere sich nicht für das neue Textformat, stellte Die Welt jüngst in ihrem Feuilleton fest. Hiesige Käufer von E-Books „unterscheiden sich in ihren Vorlieben nicht wesentlich von den Käufern gedruckter Bücher. Sie wollen dicke Romane, Genreliteratur, Krimis, Thriller, Romantik, Sex. Und sie möchten auch auf dem Lesegerät keine unbekannten Autoren entdecken, sondern bleiben bei dem, was sie kennen“, schreibt Konstantin Richter. Auch Johannes Haupt, Betreiber von lesen.net, kommt aufgrund ihrer niedrigen Verkaufszahlen zu einem harschen Urteil über E-Book-Singles und bezeichnet sie gegenüber Deutschlandradio Kultur als Flop. Bei den Hanser Literaturverlagen, wo mit Hanser Box eine der prominentesten Single-Reihen publiziert wird, sieht man das anders. Als Reaktion auf den Welt-Artikel twitterte Verlagslektor Florian Kessler: Bildschirmfoto 2015-06-18 um 11.39.15 Meines Erachtens vertritt Kessler hier genau den richtigen Ansatz: Momentan sollten die kurzen E-Books nicht an den Maßstäben von Bestsellern, sondern nur an ihrem eigenen Potenzial gemessen werden. Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu entwickeln und zu finden. Zunächst einmal müssen Grenzen ausgelotet, Möglichkeiten erkundet werden – und zwar sowohl seitens der Autoren als auch seitens der Leser. Das Format bietet Texten eine Chance, die andernfalls womöglich nie veröffentlicht würden: Manche literarischen Texte sind zu kurz oder speziell, um kostendeckend gedruckt zu werden, manche Essays oder Reportagen zu lang, um in Magazinen oder Zeitungen zu erscheinen. Nicht zuletzt entstehen inzwischen immer öfter Texte, die digitale Literatur als eigene Gattung begreifen und in Printform zwar möglich, aber unsinnig wären. Im Frohmann Verlag werden mitunter Tweets zu einem Buch zusammengefasst oder regelrechte MAXI-Singles wie das Mammutprojekt 1000 Tode schreiben veröffentlicht, bei Mikrotext können gesammelte Statusmeldungen aus Facebook den syrischen Bürgerkrieg reflektieren oder Chatprotokolle eine dramatische Flucht ins politische Asyl illustrieren.

Alles geht, nichts muss

Manche Texte funktionieren für das Format vielleicht besser als andere, aber ohne den wirtschaftlichen Zwang zum Erfolg sind die kostengünstig zu produzierenden E-Books eine erfrischende Abwechslung zu den oft ermüdend gleichförmigen, durchkalkulierten Programmen der Publikumsverlage. Ohne größeres Risiko können Autoren aus dem engen Markenkorsett, in das Agenten und Verlage sie zuweilen zwängen, ausbrechen und herumexperimentieren, sich ausprobieren. Kurzgeschichten, für die es in Deutschland noch nie einen nennenswerten Markt gegeben hat, finden eine Plattform außerhalb unverkäuflicher Erzählbände. Reportagen und Essays, denen es auf Seite drei der Süddeutschen zu eng ist, dürfen sich nun auch auf dreißig ausbreiten. Leser, die sich ihre Neugierde bewahrt haben, können sich von Texten wieder öfter überraschen lassen und neue Autoren entdecken. Das alles ist, was Florian Kessler meinte, als er davon sprach, dass E-Book-Singles vor allem eine Erweiterung seien.

Soviel zur schönen Theorie. (mehr …)

Vom Glück in Zeiten des Krieges. Ein besonderer Schatz aus einem Nachlass (1/3)

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Eine Großmutter, die ihrer Enkelin kurz vor ihrem Tod ein Jahrzehnte altes Geheimnis anvertraut. Eine versteckte Schachtel mit Erinnerungen an die erste große Liebe. Eine tragische und rührende Geschichte vom kurzen Glück in Zeiten des Krieges. Zugegeben: Das klingt wie der Pitch einer so sentimentalen wie sedierenden Mittwochabendschnulze im Öffentlich Rechtlichen, Taschentuchgarantie inklusive. Oder nach einem Roman, den ich auf meinem Blog ganz sicher nicht besprechen würde. Aber manchmal stimmt es eben doch: Das Leben schreibt die besten Geschichten.

Die Großmutter mit der geheimnisvollen Schachtel gab es wirklich, und ihre Enkelin – eine gute Freundin von mir – hat mir die Erlaubnis gegeben, diesen so wertvollen Schatz aus ihrem Nachlass in meinem Blog vorzustellen. Die Briefe, Tagebücher, Zeichnungen und Fotos, die ihre Großmutter so viele Jahrzehnte in dieser Schachtel aufbewahrt hat, sind vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie eine Geschichte erzählen, die ohne weitere Erklärungen auskommt – sie ist so rund und abgeschlossen wie die Handlung eines Romans.

Es war während eines Gesprächs über die Liebe, als die damals bereits verwitwete Großmutter meiner Freundin – nennen wir sie fortan Maria – plötzlich die Schachtel hervorholte und ihr zeigte, was sonst vielleicht noch nie jemand zu Gesicht bekommen hatte: Ihre Erinnerungen an ein kurzes, aber umso intensiveres Glück im Frühling des Jahres 1941. Erinnerungen an einen Mann, den Maria so lange lieben durfte, bis das Schicksal sie trennte. Einen Mann, den sie auch nach über sechzig – zumeist glücklichen – Ehejahren mit einem anderen nie vergessen hatte.

Die meisten Menschen verpassen die wertvolle Chance, ihren Großeltern eines Tages auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist eine Sache, zu begreifen, dass sie einmal genauso waren wie man selbst. Dass ihr Leben einst aus mehr bestanden hat als aus Kaffeekränzchen und Gartenarbeit, ihr Herz einst für mehr geschlagen hat als für das allabendliche, weichgezeichnete Lächeln ihrer Schlageridole. Dass sie einmal leidenschaftlich waren, jung und naiv. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, wenn sich die eigene Oma plötzlich in Rose aus Titanic verwandelt.

Denn: Diesen Jack gab es wirklich. Sein Name war Herbert. Alles, was von ihm und ihrer gemeinsamen Liebe geblieben ist, hat Maria in dieser kleinen Schachtel aufbewahrt. Ihr Kernstück: ein gebundenes Buch, in dem Herbert – ein guter Erzähler mit viel Liebe zum Detail – die wenigen Wochen, die sie gemeinsam verbringen durften, Tag für Tag mit rührend viel Aufwand rekapituliert. Das Buch erzählt eine bewegende Geschichte von kurzem, unschuldigem Glück in Zeiten des Krieges; es ist überdies die vielleicht einzige Erinnerung an einen Menschen, der durch die Zeit gefallen, dem Vergessen anheim gefallen ist. Und mit eben diesem Buch – bzw. großen Teilen davon – nimmt diese Geschichte auch ihren Anfang.  (mehr …)

Der andere Salinger

GilbertIn David Gilberts Roman „Was aus uns wird“ dreht sich alles um einen gealterten Schriftsteller, der sich vor Jahrzehnten gleich mit seinem Debüt, einem gefeierten Coming-of-age-Roman, in den Literaturkanon Amerikas schrieb und später zur Legende wurde, weil er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog und als Autor verstummte. Die Parallelen sind kein Zufall, dennoch ist A.N. Dyer keine fiktionalisierte Version J.D. Salingers, sein Roman „Ampersand“ kein Chiffre für den „Fänger im Roggen“: Salinger ist lediglich der Maßstab für A.N. Dyers Status als Autor.

Doch Andrew Dyers Erfolge als Schriftsteller liegen lange zurück – inzwischen ist er nicht nur alt und gebrechlich, sondern hat auch längst seine Stimme verloren: Seit seiner letzten Veröffentlichung sind Jahrzehnte vergangen. Selbst die Grabrede für seinen besten Freund, Charlie Topping, traut sich Andrew nicht mehr zu und lädt sich stattdessen einen seelenlosen Standardtext aus dem Netz. Das Begräbnis seines Kindheitsfreundes veranlasst ihn jedoch dazu, seine entfremdeten Kinder für ein womöglich letztes gemeinsames Familientreffen nach New York einzubestellen. Andrew Dyer will aber nicht nur seine Angelegenheiten regeln, sondern vor allem ein lange gehütetes Geheimnis lüften.

Franzen lässt grüßen

Die Anlage von David Gilberts Roman erinnert zunächst stark an Jonathan Franzens „Die Korrekturen“: Im Vordergrund stehen die gescheiterten Biografien der Kinder, die zu einer letzten Familienzusammenkunft gedrängt werden, während eine übergeordnete Handlung – hier: die New Yorker Literaturszene und der lange Schatten des Jahrhundertromans „Ampersand“ – die Erzählstränge beisammenhält. Wie so häufig ist der Nachwuchs im Schatten eines großen Mannes verkümmert. Andrew Dyer war kein besonders guter Vater, entsprechend schlecht ist das Verhältnis zu seinen erwachsenen Söhnen Richard und Jamie, die bislang nur wenig im Leben erreicht haben. Ex-Junkie Richard, inzwischen Familienvater und Drogenberater, hofft auf den großen Durchbruch als Drehbuchautor, wird aber nur deshalb von einem Hollywood-Star hofiert, weil dieser auf die Filmrechte von „Ampersand“ schielt. Jamie reist dagegen mit seiner Kamera als Elendstourist durch die Welt und dokumentiert in Kurzfilmen das reale Grauen, ohne etwas dabei zu empfinden. Ihr Stiefbruder Andy – zumindest offiziell das Ergebnis eines Seitensprungs, der die Ehe der Dyers zerstörte – ist den beiden fremd. Der erst siebzehnjährige Andy lebt alleine bei seinem immer anhänglicheren Vater und will eigentlich nur eines: endlich seine Jungfräulichkeit verlieren.

So weit, so Franzen – wäre da nicht noch Philip Topping, Sohn des verstorbenen Charly und Erzähler des Romans. Philip ist nicht bloß ein großer Bewunderer A.N. Dyers, sondern sehnte sich schon immer danach, Teil von dessen Familie zu sein. In Sachen Scheitern steht Philip seinen Wunschbrüdern in nichts nach: Er ist als Lehrer suspendiert, hat nach einer Affäre seine Familie verloren und wird vermutlich nie über den Status eines Möchtegern-Schriftstellers hinauskommen. Viel stärker nagt an ihm jedoch die Ablehnung, die er bereits als Kind durch Richard und Jamie erfahren hat; sie haben Philip nie als ihresgleichen akzeptiert, sondern bloßgestellt und gehänselt, wann immer sich ihnen die Gelegenheit bot. Dass ausgerechnet ihr Opfer Philip, seit Kindheitstagen gequält von unerwiderter Zuneigung, über ihr Leben schreibt, macht ihn zu einem höchst unzuverlässigen Erzähler, dem man als Leser (und als Dyer!) nicht trauen sollte. Philip bleibt zwar immer in der Nähe der Figuren – teils, weil er nach dem Rauswurf seiner Ehefrau und dem Tod seines Vaters einige Tage bei Andrew wohnen darf, teils, weil er den Dyers wie ein Stalker nachspürt -, ist aber nur an den wenigsten Szenen des Romans unmittelbar beteiligt. (Vorsicht, beim Weiterlesen drohen Spoiler!)  (mehr …)

Stichproben aus einem Literaturautomaten

DSC_0425Ich muss gestehen: Die Anzahl der Sonnentage verhält sich derzeit leider antiproportional zu der meiner Blogeinträge. Doch (Zeit-)Not macht bekanntlich erfinderisch: Gute Literatur findet man schließlich nicht nur in dicken Wälzern, sondern auch in kurzen, manchmal sogar Kürzesttexten. Während ich in meiner letzten Rezension das Preis-/Leistungsverhältnis einer großartigen, im Format jedoch aufgeblasenen Kurzgeschichte von David Foster Wallace thematisierte, gehe ich heute sogar noch einen Schritt weiter und stelle Literatur im Miniaturformat vor: Texte aus dem Automaten.

Seit 2006 haben Pamela Granderath und Christine Brinkmann an inzwischen 15 Standorten – meist Kulturzentren – Literaturautomaten aufgestellt, an denen man sich für zwei Euro von Texten unterschiedlichster Art überraschen lassen kann. Bis auf den Titel und den Namen des Autors bzw. der Autorin weiß man nicht, was einen erwartet; auch online wird nicht verraten, ob sich in den Schachteln ein Heftchen mit Prosa oder Lyrik verbirgt. Zudem gibt es noch einen Überraschungsschacht, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt – nach eigenen Angaben vielleicht sogar ein Daumenkino.

Schon als Kind habe ich mein hart erschnorrtes Taschengeld gerne in Automaten gesteckt und damals eine – zugegeben: etwas verschrobene – Sammelleidenschaft für jene Stoffwürmer entwickelt, die man an vermeintlich unsichtbaren Fäden hinter sich her ziehen konnte; über mein späteres, jahrelanges Münzinvestment hülle ich an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens (wenn auch mit einem nervösen, hypochondrischen Hüsteln). Bei den vier Euro, die ich im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin ließ, hatte ich jedenfalls das überaus seltene Gefühl einer sinnvollen Automateninvestition. Von den zehn Schächten war die Hälfte bereits ausverkauft, also entschied ich mich spontan für die Titel, die mich auf den ersten Blick am neugierigsten machten. (mehr …)

Buchtrailer und Videoleseprobe meines Romans „Dezemberfieber“

Gestern war für mich ein ganz besonderer Tag, auch und vielleicht sogar vor allem aufgrund der vielen positiven Resonanz auf die Bekanntgabe meiner Romanveröffentlichung. Weil mir noch immer ein bisschen die Worte fehlen, lasse ich heute ausnahmsweise mal die Bilder sprechen und zeige euch den – übrigens eigens erstellten – Buchtrailer sowie eine Videoleseprobe aus Dezemberfieber. Alleine vor einer Kamera auf einem Stapel Bücher zu lesen, ist eine recht merkwürdige Erfahrung – angesichts diverser Fehlversuche war es aber zumindest ein geduldiges Publikum… Den Romanauszug aus dem Video gibt es übrigens bei duotincta zum Nachlesen!

Viel Spaß beim Schauen!