rezension

Der alte Mann und der Wald. Über „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian

img_4699Die Risiken und Nebenwirkungen des Alters sind gemeinhin bekannt. Den unaufhaltsamen Verlust körperlicher und geistiger Gesundheit kennt man aus dem Kleingedruckten, darauf ist man gefasst. Auf eine besonders lästige Eigenschaft des Altwerdens sind allerdings die Wenigsten vorbereitet: dass das Leben einen nun zwingt, loszulassen. Und zwar nicht nur jene, die man liebt. Sondern auch sich selbst – die Person, die man einmal war. Von niemandem gebraucht zu werden und keine Aufgabe mehr im Leben zu haben, lässt viele vereinsamen. Manche suchen sich einfach eine neue Aufgabe, geben sich etwa hingebungsvoll der Gartenarbeit hin; andere dagegen können sich mit dem Verlust ihrer Funktion nicht abfinden und halten verzweifelt an ihr fest. Und dann gibt es noch Menschen wie Erich: Auf die über achtzigjährige Hauptfigur von Ada Dorians Debütroman Betrunkene Bäume trifft all dies nämlich auf einmal zu.

Einst reiste Erich in einer abenteuerlichen Expedition durch Sibirien und erforschte die Bäume der Taiga, Jahrzehnte später ist er aber nur noch ein Schatten seiner selbst, der verzweifelt um seine Unabhängigkeit kämpft. Längst ist er zu alt, um alleine in seiner Wohnung zu leben; die Bemühungen seiner vielbeschäftigten, aber ehrlich besorgten Tochter Irina, ihm einen Platz im Altenheim oder wenigstens eine Pflegehilfe zu organisieren, sabotiert Erich jedoch nach Kräften. Sein Stolz ist größer als die Vernunft: Als Wissenschaftler auch im Ruhestand noch geachtet, wertet Erich weiterhin regelmäßig Klimadaten aus Russland aus. Aber nicht nur die Forschung, glaubt er, brauche ihn noch – auch sein Geheimnis im Schlafzimmer will Erich um jeden Preis bewahren: sein eigener kleiner Wald, der ihm spätestens, als Vögel darin nisten, über den Kopf gewachsen ist…

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Nachdem ihm Stolz und Arbeitseifer die halbe Familie gekostet haben, ist der Wald alles, was ihm geblieben ist; ein Umzug ins Altersheim würde Erich deshalb nicht nur die Selbstachtung nehmen, sondern ihn auch endgültig von seinem Leben und dem, was es ausmachte, entwurzeln. Erst die Bekanntschaft mit einer Teenagerin zwingt den starrköpfigen Professor zum Umdenken: Katharina, die nach der Trennung ihrer Eltern von zuhause ausgerissen ist und sich seither in Erichs leerstehender Nachbarwohnung versteckt, ist auf der Suche nach ihrem Vater, den es beruflich nach Sibirien verschlagen hat. Als beide einander helfen, entsteht eine ungleiche Freundschaft, die Erich mit den großen Fehlern seines Lebens konfrontiert: Unausgesprochene Wahrheiten, selbstsüchtige Entscheidungen und gebrochene Versprechen kommen ans Licht. Immer mehr kreisen sich seine Gedanken um die Vergangenheit und seine schicksalhafte Zeit in der sibirischen Taiga – für Erich ein Sehnsuchtsort aus mehr als nur einem Grund. Denn Heimat kann sehr viel mehr bedeuten als bloß einen Ort. Es kann auch eine Aufgabe sein, ein Gebrauchtwerden. Oder aber ein Mensch, den man liebt.

Gelungenes Debüt mit Schwächen

Ein alter Mann, der noch einmal auf sein Leben zurückschaut und sich endlich der Schuld stellt, die er einst auf sich geladen hat – natürlich ist das ein sehr gängiger Topos in der Literatur. Ada Dorian gelingt es dennoch, Erich zu einer interessanten Figur zu machen. Sein Wald im Schlafzimmer ist ein starkes und eindringliches Bild, das trotz aller Skurrilität glaubwürdig bleibt und dem Roman genau wie der Verweis auf das Phänomen der betrunkenen Bäume metaphorische Tiefe verleiht. Ganz besonders die Rückblenden auf Erichs Sibirien-Expedition mit dem Landstreicher Wolodja, eine Randfigur, deren Bedeutung sich erst spät herausstellt, sind spannend und atmosphärisch gelungen. Tatsächlich wünscht man sich, mehr von den Abenteuern der beiden zu lesen – eigentlich ein gutes Zeichen für einen Roman. Dagegen kann der zweite Handlungsstrang rund um Katharina leider deutlich weniger überzeugen. Im Gegenteil zu Erich bleibt ihre Figur blass und teils unglaubwürdig; vor allem den Umgang mit zwielichtigen Figuren, die sie beinahe auf die schiefe Bahn geraten lassen, kauft man der etwas einfältigen Katharina nicht ab. An manchen Stellen fühlt man sich in ihren Kapiteln beinahe an ein Jugendbuch oder die plakativen Abziehfiguren einer Soap erinnert. Im Interview beim Blog@bout in Berlin sprach Ada Dorian davon, als Kind vor allem Zeit mit den Alten in ihrer Familie verbracht zu haben – vielleicht ist das einer der Gründe, warum Erich so glaubwürdig und nachvollziehbar geraten ist. Umso bedauerlicher ist es, dass der Roman beim Wechsel zu Katharinas Perspektive stets an Intensität verliert, obwohl die Grundidee ihrer unerwarteten Verbindung eine gute ist.

Dennoch ist Betrunkene Bäume insgesamt ein gelungener Roman über Heimat und Entwurzelung, Selbstbestimmung und Verantwortung geworden, der sich schnell liest, aber umso länger nachwirkt. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass Ada Dorian bei ihrem Debüt noch ein wenig Luft nach oben gelassen hat: Schon im Herbst veröffentlicht Ullstein ihren zweiten Roman.


Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Der Roman erscheint am 24.2. bei Ullstein als erster Titel des neuen Imprints Ullstein fünf. Zu meinem Bericht über das Blog@bout mit der Autorin und dem Ullstein fünf-Team geht es hier entlang. Eine sehr schöne und treffende Rezension ist auch bei Lust auf Lesen erschienen.

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Wie man Entfremdung spielt. Über „Hier bin ich“ von Jonathan Safran Foer

img_4700Ein Scheidungsroman also. Elf Jahre nach Extrem laut und unglaublich nah meldet sich Foer mit einem Roman zurück, in dem er – zumindest oberflächlich – seine Trennung von Nicole Krauss verarbeitet. Anstelle von E-Mails an Natalie Portman sind es in Hier bin ich heimliche SMS an eine Kollegin, die die Ehe seiner Figuren in die Krise stürzen. Aber Jonathan Safran Foer wäre nicht Jonathan Safran Foer, wenn er die Ausgangssituation nicht nutzen würde, um einen sehr viel größeren Bogen zu spannen – unter der Zerstörung Israels macht er es nicht. Hier bin ich ist kein kleiner, intimer Roman über das Ende einer Beziehung, sondern eine Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Judentum, ein Roman über Entwurzelung und Entfremdung, Verlust und Neubeginn.

Anfangs sind die Sorgen von Jacob und Julia Bloch noch überschaubar: Ihr ältester Sohn Sam versucht mit allen Mitteln, seine bevorstehende Bar Mizwa zu torpedieren und verbringt seine Zeit lieber im Second Life, wo er mit großem Aufwand digitale Synagogen erbaut, nur um sie anschließend wieder zu sprengen. Dabei ist längst ein großes Fest geplant – sogar die Verwandtschaft aus Israel wird anreisen, um seiner rituellen Mannwerdung beizuwohnen. Besonders gläubig sind die Blochs allerdings nicht; sie betrachten die jüdischen Traditionen und die Anbindung an ihre Gemeinde vor allem als Teil ihrer kulturellen und familiären Identität. Zum Judentum in Israel hat Jacob schon lange den Kontakt verloren. Er war seit Jahren nicht dort, reiste mit seinen drei Kindern lieber nach Berlin als die Verwandtschaft um seinen Cousin Tamir zu besuchen. Stattdessen pflegen Jacob und Julia ihre unzähligen, so skurrilen wie liebenswerten Familienrituale wie eine Ersatzreligion; seine Notizen zu den Besonderheiten der Blochs, aus denen er eines Tages eine Fernsehsendung machen möchte, nennt der Schriftsteller nicht umsonst Bibel.

Umso schwerer wiegt für Jacob die Erkenntnis, dass seine Ehe mit Julia nach sechzehn Jahren Beziehung am Ende ist. Die aufgeflogenen SMS an seine Kollegin sind ebenso wie das sich anbahnende Techtelmechtel Julias mit einem anderen Mann nur symptomatisch für eine seit Jahren voranschreitende Entfremdung. Aus den kleinen Alltagslügen wurden immer größere, aus Verschlossenheit wurde Schweigen. Im zermürbenden Alltag ist ihre Beziehung zum bloßen Ritual verkommen, ausgehöhlt wie eine religiöse Tradition, die ohne Glauben nur noch dem Selbstzweck dient. Das einzige, was sie – obwohl sie noch Fürsorge füreinander empfinden – miteinander verbindet, sind ihre Kinder und die gemeinsame Geschichte.

Damit geht es Jacob und Julia ähnlich wie den amerikanischen Juden und dem israelischen Volk. Sie teilen denselben Glauben, sind durch ihre Geschichte und Traditionen miteinander verbunden, und doch führen sie – trotz Sympathien und einem moralischen Verantwortungsgefühl füreinander – so unterschiedliche Leben, dass sie sich voneinander entfremdet haben. Als Jacobs Cousin Tamir mit seinen Kindern zu Sams Bar Mizwa anreist, geschieht in dessen Heimat das Unfassbare: Nachdem ein Erdbeben Israel und seine Anliegerstaaten verwüstet hat, eskaliert die politisch angespannte Situation zum Krieg. Das Entsetzen über die Katastrophe ist so groß, dass sich Jacobs Großvater, der damals vor dem Holocaust in die USA floh und das einzige Bindeglied zwischen der amerikanischen und israelischen Familienseite ist, das Leben nimmt. Als die israelische Regierung an alle amerikanischen Juden appelliert, „heimzukehren“ und für Israel in den Krieg zu ziehen, glaubt Jacob – unter dem Eindruck seiner drohenden Scheidung – endlich Verantwortung übernehmen zu müssen, um seine kulturelle Heimat vor dem Untergang zu bewahren.

In den ersten Kapiteln von Hier bin ich macht es Jonathan Safran Foer seinen Lesern nicht leicht, in den Roman zu finden; nach anfänglichen Orientierungsproblemen habe ich den gewohnten Einfallsreichtum, die eigenwilligen Figuren und den Sprachwitz Foers jedoch sehr genossen. Besonders in der ersten Hälfte ist Hier bin ich ein tieftrauriger Roman, der es aller Schwermut zum Trotz immer wieder schafft, zum Lachen zu bringen. Wie in seinen ersten beiden Romanen sind es vor allem die vielen kleinen, cleveren Einfälle – etwa die Familienrituale der Blochs -, die Foers Geschichten zu etwas Besonderem machen. Zugleich sind manche von ihnen aber auch zu schön, um wahr zu sein. Auch seine Figuren, in erster Linie Jacobs und Julias etwas altklugen Kinder, wirken gelegentlich eher wie die Verkörperungen von Ideen, als dass sie echten Menschen glichen. Stets lässt Foer sie besonders witzige und kluge Dinge sagen, stets lässt er sie genau die richtigen Fragen stellen. Das ist unterhaltsam und oft intelligent, geht zugleich aber auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit. Das Artifizielle an Jonathan Safran Foers Art, zu schreiben, kann man mögen. Muss man aber nicht.

Während die Ehekrise zwischen Jacob und Julia in der ersten Hälfte für große Spannung sorgt, franst der Roman nach der Katastrophe in Israel ein wenig aus. Die vielen, langen Dialoge werden irgendwann zu viel und zu lang und die klugen Kinder zu klug, auch Jacob schafft es irgendwann, nicht mehr nur Julia auf den Geist zu gehen. Rundum gelungen wird es erst wieder, wenn Jonathan Safran Foer mit einem Kapitel aus Jacobs Bibel die lineare Erzählstruktur aufbricht und darin episodische Schlaglichter auf die Vergangenheit und die Zukunft der Blochs wirft. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Roman in diesem Mosaikstil auch enden zu lassen. Und symbolischer: Die Einheit, die in der Familie, im Judentum, im Erzählen anfangs herrschte, lässt sich nach dem Bruch nicht wieder herstellen. Es braucht Willen und manchmal auch Kraft, um eine Verbindung aufrecht zu erhalten.


Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 688 Seiten. Sehr gegensätzliche und lesenswerte Rezensionen erschienen jüngst auch bei Schöne SeitenBuchrevier, Buzzaldrins Bücher sowie Wortmax.

Was vom Jahre übrig blieb: Kurzrezensionen

Seit der Frankfurter Buchmesse herrscht Funkstille auf meinem Blog. Was ist da los? Fun Fact: Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Nach Veröffentlichung der siebten Ausgabe von ]trash[pool habe ich mich in den letzten Monaten vor allem auf meinen neuen Roman konzentriert, den ich – so der Prokrastinationsgott will – im Frühjahr fertigstellen werde. Deshalb sind viele Bücher, die ich 2016 hier besprechen wollte, leider ein wenig unter die Räder gekommen. Einige von ihnen habe ich zumindest in meinen regelmäßigen Buchempfehlungen im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT vorgestellt; das nahende Jahresende ist jedenfalls ein guter Anlass, um die digitale Schublade auszumisten und ein paar kurze Empfehlungen nachzureichen.


1. Die Dicken:

Unterleuten von Juli ZehJULI ZEH – UNTERLEUTEN
Ein Bestseller über die Eskalation eines Dorfstreits? Natürlich ist es keine Überraschung: dass die Welt auf dem Land noch in Ordnung zu sein scheint, sich in Wahrheit aber auch die größten Probleme im Kleinen spiegeln. Es sind jedoch vor allem die glaubwürdigen und ambivalenten Figuren, die Unterleuten zu einem großartigen Gesellschaftsroman machen. Die Verweise auf Jonathan Franzen – eine Figur ist Vogelschützer, eine andere heißt Franzen mit Nachnamen – sind sicher kein Zufall: Tatsächlich hat Juli Zeh in diesem Jahr den gelungeneren Franzen-Roman geschrieben als der Meister selbst. Für mich neben Thomas Melles Die Welt im Rücken der beste deutschsprachige Roman 2016!
[Luchterhand, 640 S.]

978-3-498-02137-5JONATHAN FRANZEN – UNSCHULD
Bei Franzen weiß man, was man bekommt. Es ist alles da: die typischen Franzen-Figuren mit ihren biografischen Brüchen und persönlichen Krisen. Das aktuelle gesellschaftspolitische Thema als Folie für einen Plot, der sich erst nach und nach erschließt. Schließlich der langersehnte Aha-Moment, der endlich Klarheit bringt und die Erzählstränge zusammenführt. Nicht alle Figuren und Subplots sind gelungen, besonders die Hauptfigur Pip macht den Einstieg in den Roman überraschend holprig – auch wenn man sie, nachdem man Bekanntschaft mit ihrer Mutter gemacht hat, deutlich besser versteht. Aber die Geduld wird belohnt: Mit zunehmender Seitenzahl – und in diesem Punkt knausert der gute, alte Franzen ja nie – gewinnt Unschuld an Brillanz und entwickelt auch die Sogkraft, die man von seinen Romanen gewohnt ist. Ich habe Unschuld gerne gelesen, sehr gerne sogar. Nichtsdestotrotz schleicht sich langsam ein wenig Gewöhnung ein. Gerne darf sich der gute, alte Franzen für die Erzählstruktur, die seit den Korrekturen stets demselben Schema folgt, bei seinem nächsten Roman mal etwas Neues einfallen lassen. [Rowohlt, 830 S, übersetzt von Bettina Abarbanell & Eike Schönfeld]

2. Die Dünnen:

amanda-lee-koe_ministerium_350AMANDA LEE KOE: MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE ERREGUNG. STORIES
Die singapurische Autorin erzählt Geschichten aus einer anderen Welt, einem anderen Leben: über Frauen am Rand der Gesellschaft, die sich einen Rest an Würde und Souveränität bewahren wollen. Über ungleiche Freundschaften, Abhängigkeiten und die Unmöglichkeit von Liebe über Grenzen hinweg. Ein grandioses Debüt voller ungewöhnlicher Perspektiven und überraschender Einblicke. [CulturBooks, 240 S., aus dem Englischen von Zoë Beck]

9783608983074JAN SNELA – MILCHGESICHT. EIN BESTIARIUM DER LIEBE
Gehörnte Männer, die in Milch baden oder Katzenfutter essen. Eine Liebesgeschichte mit einem Wiesel oder ein One Night Stand mit einem Geist. In den skurrilen Erzählungen von Open Mike-Gewinner und Bachmann-Kandidat Jan Snela gelten ganz eigene Regeln. Eines eint sie aber alle: die eigenwillige, detailverliebte Sprache, in der kein Wort dem Zufall überlassen wird. [Klett Cotta, 184 S.]

tumblr_ogbnf87y5w1snbv2io2_1280MICHAELA MARIA MÜLLER – AUF SEE. DIE GESCHICHTE VON AYAN UND SAMIR
Die Journalistin schreibt über ein somalisches Paar, das vom Bürgerkrieg getrennt wird. Auf See ist ein gut recherchierter Hybrid aus Reportage und Erzählung über die täglichen Tragödien vor der Küste Lampedusas. Trotz seines Themas ist das Buch weder belehrend noch rührselig, sondern gleichermaßen nüchtern wie emphatisch – und eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Meldung die Geschichte eines Menschen steckt.
[Frohmann, 144 S.]

]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Durch die Tage fetzen, irrlichtern. Über „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle.

dieweltimruckenIch sagen: In der Literaturkritik darf das nur der Blogger. Und beim Deutschen Buchpreis eigentlich niemand. Thomas Melle sagt Ich und steht trotzdem auf der diesjährigen Shortlist – und zwar zurecht. Die Welt im Rücken ist kein Roman, sondern die autobiographische Chronik einer Erkrankung, in der eben jenes Ich auf dem Spiel steht. Seit dem Ausbruch einer bipolaren Störung mit 24 ist Thomas Melles Leben ein Narrativ mit unzuverlässigem Erzähler, der ihn abwechselnd in Wahnvorstellungen und Depressionen stürzt. Aus medizinischer Sicht ist das Ich ein fiktives Konstrukt, eine Illusion, der wir uns bedienen, um unser Leben als fortdauernde Erzählung zu begreifen und uns mit unserem Blick auf die Welt, unseren Gedanken und Wünschen von anderen abzugrenzen. Als Manisch-Depressiver kämpft Thomas Melle dagegen bald sein halbes Leben gegen die Auflösung seiner eigenen Persönlichkeit an. Es ist ein Kampf gegen den Feind in seinem Kopf.

Ein unzuverlässiger Erzähler

Viele Autoren schreiben mal mehr, mal weniger kryptisch über sich selbst. Auseinandergenommen und neu zusammengesetzt dient Autobiographisches nicht selten als Baumaterial für Figuren und Plots. Ich etwa antworte auf die unvermeidliche Frage nach dem Ich in meinen Texten gerne, die Charaktere seien zwar nie Übertragungen, immer aber Ableitungen meiner Selbst: Sie nehmen an einem mir vertrauten Punkt einfach eine andere Abzweigung. So ähnlich schrieb bislang auch Thomas Melle. Die Figuren in seinen fiktionalen Texten hatten oft einen starken Bezug zu ihm und seiner Erkrankung; auch seine Erzählungen, zum Teil im Wahn entstanden, spiegeln das Zerfasern seines Egos. Die Fiktion hat vor dem realen Leben keinen Halt gemacht: Um in diesem Buch also Ich sagen zu können, musste Melle erst die Scherben seiner zersplitterten Persönlichkeit aufkehren und neu zusammensetzen.

Die wiederkehrende Auflösung seines Ichs zeigt sich gleich zu Beginn des Buches in einem starken Bild: Thomas Melle betrauert den Verlust seiner Bibliothek, deren Bücher er genau wie seine Musiksammlung verscherbelt hat. Es ist der Verlust von allem, was ihn früher einmal ausmachte – und symptomatisch für die manischen Phasen, in denen Melle Raubbau an seinem Leben und seiner Zukunft betrieb. Es ist immer wieder dasselbe: Nach Jahren scheinbarer Stabilität kippt seine Wahrnehmung unvermittelt und binnen kurzer Zeit ins Extreme – ein plötzlicher Bruch in seinem persönlichen Narrativ, der wie ein Strömungsabriss beim Fliegen automatisch zum Absturz führt.

Die Weltgeschichte: ein Narrativ mit Hauptfigur

„In manischen Phasen rast die Zeit. Jeder Tag fetzt an einem vorbei, nein, man fetzt vielmehr durch die Tage hindurch. Die Eindrücke sind zahllos, die Reize grell, die Schlafeinheiten kurz. Man lebt in der Überzeugung, jeglichen und alles in seinen Bahn ziehen zu können, ist bis in die letzte Nervenfaser von Kraft, Können, Allmacht, Glück und dann wieder von Panik, Wut und Schuld durchdrungen.“

Thomas Melle hat Wahnvorstellungen. Er ist davon überzeugt, auserwählt zu sein, ein Messias, auf den sich alle Zeichen der Welt beziehen. Ganz gleich, ob Song, Film oder Leuchtreklame: Alles zielt auf ihn ab. Es gibt niemanden, der nicht von ihm weiß, schon Goethe nahm Melles Rolle in der Weltgeschichte vorweg. Das Internet? Dreht sich nur um ihn. Seine Texte, auch die unveröffentlichten? Hat jeder gelesen, sogar der Bundeskanzler. Der elfte September? Allein seine Schuld. Melle spürt Druck: Man erwartet Großes von ihm. Kein Wunder, dass ihn alle beobachten! In seiner Vorstellung verwandelt sich die gesamte Menschheitsgeschichte in ein Narrativ mit ihm als Protagonisten. Seine Wahrnehmung speist sich aus immer abstruseren Verschwörungstheorien, die Welt verwandelt sich in ein Zeichensystem, das ausschließlich auf ihn verweist.

Während seiner psychotischen Schübe „fetzt“ Melle irrlichternd durch Tage, Wochen, Monate und reißt dabei eine Schneise der Zerstörung in sein Leben. Er verursacht mehrfach Eklats, verliert Freunde, Wohnungen und Geld, landet immer wieder in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Irgendwann weicht die Manie dann wieder der Depression, und das Begreifen des vorangegangenen Wahns führt zu einer tiefen Scham, die genauso schwer auf seinen Schultern lastet wie die Vorstellung, der Erlöser der Welt zu sein. In seinen dunkelsten Stunden glaubt Thomas Melle schließlich, dass ihm selbst Erlösung nur durch Suizid möglich ist.

Ein Backup des Ichs

Schon wieder so ein Bekenntnisroman, mag nun mancher denken. Auch Benjamin von Stuckrad-Barre hat dieses Jahr schon von seinem jahrelangen Absturz in Kokainsucht und Bulimie erzählt und mit „Panikherz“ ein so erschütterndes wie schonungsloses Buch veröffentlicht. Aber ich gebe Tobias Nazemi auf Buchrevier Recht: Thomas Melle hat einfach das bessere Buch geschrieben. Panikherz hat grandiose Passagen, aber es strotzt bei aller Selbstzerfleischung zugleich vor Eitelkeit und Narzissmus. Thomas Melle dagegen ist dankbar, dass er sein Ego trotz seiner Krankheit irgendwie zusammenhalten konnte. Im Gegensatz zu Panikherz – und auch angesichts des Themas – ist Die Welt im Rücken überraschend fokussiert. Melle hat nicht eine Seite zu viel geschrieben. Nie weckt er die Ungeduld seiner Leser, indem er selbstverliebten Handlungssträngen Raum lässt oder der Versuchung unnötigen Namedroppings nachgibt. Seine temporeiche, immer treffsichere Prosa „fetzt“ stattdessen nur so durch die Seiten und erzeugt einen Sog, der bis zur letzten Seite anhält.

Dass Thomas Melle über seine bipolare Störung schreibt, ist sicher ein Stück weit Aufklärungsarbeit. Aber er tut es auch, um das, was von ihm geblieben ist, zu bewahren. Denn trotz seiner Medikamente, trotz aller Hoffnung auf einen Neuanfang ist Melle nicht geheilt: Eine manische Episode könnte sein Ich jederzeit erneut in Fetzen reißen und alles in Frage stellen. Am Schluss bittet er deshalb darum, ihm in diesem Fall sein eigenes Buch in die Hand zu drücken. Die Welt im Rücken ist ein Backup seiner Persönlichkeit, eine Sicherheitskopie des eigenen Narrativs. Ein Buch wie eine externe Festplatte, die – anders als seine Psyche – vor Erschütterungen geschützt ist. Zugleich will Thomas Melle diesen Teil seines Lebens endlich hinter sich lassen und sich selbst und seine Krankheit ein für allemal auserzählen – um dann neu anfangen zu können. Ein leeres Blatt, ganz ohne die Last seiner Kranken-, geschweige denn der Menschheitsgeschichte. Es ist ihm zu wünschen. Genau wie der Deutsche Buchpreis.


Thomas Melle: Die Welt im Rücken. 352 Seiten, erschienen bei Rowohlt. ISBN: 978-3871341700. Äußerst gelungene und sehr begeisterte Rezensionen zum Buch finden sich auch bei Buchrevier und auf Literaturen.

Gier. Über „Lutra Lutra“ von Matthias Hirth

lutralutra1999 ist nicht nur das Jahr des Fischotters (Lutra) und das letzte des Jahrtausends. Es ist auch das Jahr, in dem Fleck sein bürgerliches Leben hinter sich lässt und Freiheit im Exzess, in der Maßlosigkeit sucht. Noch vor Kurzem führte Fleck ein normales, geradezu langweiliges Leben. Er hatte einen verhassten Job in der Werbebranche und eine Freundin, die er zwar liebte, aber ständig betrog. Als er nach ihrer Trennung in eine schwere Depression verfällt, bekommt er dank einer Erbschaft jedoch die Chance, sich neu zu erfinden. Es ist ein radikaler Schnitt: Fortan bestimmen Streif- und Beutezüge durch die Nacht seinen Alltag, lebt Fleck seine neu entdeckte Homosexualität in Schwulenbars, SM-Kellern sowie auf Techno- und Fetischpartys aus. Anfangs noch zögerlich und von spielerischer Neugierde angetrieben, wird Fleck mit der Zeit immer gieriger, rücksichtsloser, extremer. Irgendwann sind die vielen Bekanntschaften aus der Szene nur noch Mittel zum Zweck, degradiert zu Variablen in Flecks radikalem Persönlichkeitsexperiment. Er will um jeden Preis ein anderer werden und ist bereit, dafür notfalls über Leichen zu gehen.

Ein Psychopath?

Ganze 736 Seiten lang begleitet Autor Matthias Hirth seinen Protagonisten auf dessen Selbstfindungstrip und diskutiert die Lügen und Brüche einer oberflächlichen Gesellschaft in etlichen Monologen, die er Fleck selbst, aber auch den vielen, mitunter skurrilen Figuren aus dem Nachtleben in den Mund legt. In diesen Passagen weckt Lutra Lutra manchmal Assoziationen an Chuck Palahniuks Tyler Durden aus Fight Club („Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit, alles zu tun“), in seiner Anlage erinnert der Roman aber vor allem an American Psycho von Bret Easton Ellis. Parellelen gibt es viele: das Sezieren einer gesellschaftlichen Szene als Folie für einen bestimmten Zeitgeist. Die immer krasseren Versuche der Protagonisten, ihrer inneren Leere durch Exzess zu entrinnen. Die expliziten, fast nüchternen Beschreibungen von Sex und Gewalt, die sowohl die Figuren als auch den Leser mit der Zeit abstumpfen lassen. Der repetitive Plot und ein Ausbruch aus der Monotonie in einer finalen Eskalation. Dennoch ist Lutra Lutra ein sehr viel geerdeterer Roman. Fleck ist nicht Patrick Bateman. Er schwankt zwischen Gleichgültigkeit, Euphorie und Depression, ist egozentrisch, manipulativ und zu keiner Empathie imstande – die tragische Nebenfigur Meinhard nennt Fleck einen Psychopathen und liegt damit sicher nicht ganz falsch. Trotzdem ist Fleck keine Karikatur, bleibt sein Leiden an sich und der Welt glaubhaft. Denn was Fleck antreibt, ist vor allem eine tief empfundene Schuld gegenüber seiner Exfreundin, die seinetwegen ihr gemeinsames Kind abtreiben ließ.

Die Schuld nach außen tragen

Fleck will frei sein, frei von Schuld und frei von gesellschaftlichen, moralischen Grenzen. Dabei bleibt er stets ambivalent: Will er sich ihrer bloß entledigen, weil ein Gewissen zu lästig und einengend ist? Oder bestraft er sich, weil er glaubt, es nicht verdient zu haben, weiter Mensch zu sein? Als Leser ist man hin und hergerissen zwischen Mitleid, Faszination und Verachtung. Dabei ist Fleck durchaus zu Gefühlen fähig. Nach einer amour fou mit dem Stricher Jenia, der bloß Spielchen mit ihm treibt, erreicht er jedoch seinen point of no return: Fleck will dieselbe Macht über andere, die Jenia über ihn hatte. Erst spät wird ihm klar, dass er diese Macht schon längst besitzt: über seinen braven Exfreund Felix, den er immer wieder ins Leere laufen lässt. Und über den einsamen Verlierer Meinhard, der an seiner unerwiderten Liebe zu beiden zu zerbrechen droht. Doch diese Spielchen reichen Fleck inzwischen nicht mehr aus. Um wirklich frei zu sein, glaubt er, etwas Böses tun zu müssen: einen sinnlosen Akt der Gewalt als Demonstration von wahrer Macht über jemand anderen. Indem er es absichtlich zur Katastrophe kommen lässt, trägt Fleck seine tiefe, aber unsichtbare Schuld nach außen – und setzt damit Ereignisse in Gang, die am Ende des Romans in eine gemeine, fast schadenfreudige Pointe münden. Fleck muss begreifen, dass er seinen Seelenfrieden nur auf eine einzige Weise finden kann: indem er sein Schicksal in die Hände eines anderen legt, ganz gleich, wie dessen Urteil über ihn ausfällt.

Das Platzen der Blase

Lutra Lutra ist ein Roman über Sex und über Macht, im Kern setzt sich Matthias Hirth in ihm aber vor allem mit Schuld in in all ihren Facetten auseinander; nicht umsonst hebt er in seiner Danksagung Dostojewskis Verbrechen und Strafe (bzw. Schuld und Sühne) als zentrale Inspirationsquelle hervor. Im Mittelpunkt steht aber auch der Zeitgeist des ausgehenden Jahrtausends: 1999 war die Welt noch eine andere. Handys waren noch eine Seltenheit und das Internet ein Versprechen. Einen 11. September hätte sich niemand vorstellen können, vielmehr gab man sich nach der Wende noch immer der Hoffnung vom vermeintlichen Ende der Geschichte hin. Hirth beschreibt das Jahr 1999 wie das Ende einer langen und zügellosen Party, über die bereits der Schatten eines bösen Erwachens schwebt. Manchen seiner Figuren legt er pessimistische Vorahnungen über die Welt, in der wir heute leben, in den Mund. Am Schluss herrscht Katerstimmung: Nicht zufällig endet der Roman, als im Frühjahr 2000 die Dotcom-Blase platzt. Flecks ungezügelter Hedonismus, seine Gier nach Sex als Machtinstrument und das Leben von einer Erbschaft, die eines Tages aufgebraucht sein wird: Das alles setzt Matthias Hirth geschickt in Beziehung zu den realen Ereignissen des Handlungsrahmens.

Lutra Lutra ist ein extremer Roman. Die vielen expliziten Schilderungen von Flecks sexuellen Ausschweifungen und die finale Entladung in Gewalt sind nichts für Zartbesaitete. Auch führen die ständigen Eskapaden beim Lesen bisweilen zur Ermüdung. Aber das muss so sein: Nur so ist man imstande, die Monotonie und Leere in Flecks Leben nachzuempfinden, nur so kann sich das Finale des Romans mit voller Wucht entfalten. Diese Kompromisslosigkeit macht Lutra Lutra zu einer manchmal anstrengenden Lektüre. Aber eben auch zu einem außergewöhnlichen und großen Roman, der lange nachwirkt.

[Nachtrag 3.10.2016: Für die siebte Ausgabe von ]trash[pool habe ich ein ausführliches Interview mit Matthias Hirth geführt.]


Lutra Lutra von Matthias Hirth. Erschienen bei Voland & Quist, 736 Seiten, ISBN: 3863911369. Eine weitere, sehr schöne Besprechung des Romans gibt es auch bei Sounds & Books zu lesen.

Zwei Schritte zurück. Über „An den Rändern der Welt“ von Olivier Adam

DSC_0164bPaul hat alles hinter sich gelassen. Als einer der wenigen hat er es aus der prekären Banlieue herausgeschafft und sich ein neues Leben aufgebaut. Von seiner Heimat, seinen Freunden und sogar seiner Familie entfremdet, ist Paul selbst optisch kaum wiederzuerkennen: Aus dem magersüchtigen, unsicheren Teenager von damals ist ein beleibter Familienvater und Schriftsteller geworden. Seinen inneren Dämonen entkommt Paul jedoch nicht. Schon als Zehnjähriger erfasste ihm beim Hinunterschauen von einer Klippe Todessehnsucht. Seine Depressionen drängen ihn seither immer weiter an den Rand, treiben ihn aus Paris und bis an die Küste der Brétagne, wo er zumindest für eine Weile mit seiner Frau Sarah und ihren innig geliebten Kindern Frieden findet, ehe sie die Last seiner Krankheit nicht mehr (er)tragen kann und Paul verlässt.

Ausgerechnet jetzt soll er in seine verhasste Heimat zurückkehren – weil seine Mutter nach einem schweren Sturz im Krankenhaus liegt, braucht sein Vater Pauls Hilfe. In der Banlieue trifft Paul auf alte Freunde, alte Liebschaften und alte Wunden, vor allem aber auf eine Stadt im Niedergang. Alles ist in Auflösung begriffen: Seine Mutter baut täglich stärker ab, und sein mürrischer Vater will das Haus, in dem er mit seinem Bruder aufgewachsen ist, verkaufen, um in ein altersgerechtes Wohnheim zu ziehen. Paul wird vom Getriebenen zum Heimatlosen: In sein altes Leben will und kann er nicht zurück. Aber auch sein Gegenwärtiges, dasjenige, das er sich gemeinsam mit Sarah aufgebaut hat, bleibt ihm versperrt. Ihr Haus in der Brétagne, das sie jahrelang mit viel Liebe zum Detail in ein Zuhause verwandelt haben, darf er nur noch als Gast betreten, während ihn ein Anderer als Familienvater und Ehemann zu ersetzen droht.

Kein Schritt nach vorne und zwei zurück

Als Symbol für seine Hoffnungslosigkeit verfolgt Paul voller Entsetzen in den Nachrichten, wie ein Tsunami eine Schneise der Zerstörung in seinen Sehnsuchtsort Japan reißt – ausgerechnet das Land, in dem er mit Sarah und den Kindern am glücklichsten gewesen ist und in das er hoffte, eines Tages mit ihnen zurückzukehren. Nach der Kernschmelze in Fukushima scheint diese Zukunft, diese Hoffnung auf lange Sicht verbaut. Paul schaut einmal mehr in den Abgrund und muss begreifen, dass ein Schritt nach vorne der eine zu viel wäre. Und dass er vielmehr zwei Schritte zurückgehen muss, um endlich Frieden mit sich zu schließen.

Ich habe den Roman kurz nach Rolf Lapperts Über den Winter gelesen, der eine ganz ähnliche Geschichte erzählt. Trotz vieler Parallelen könnte der Sound beider Romane aber kaum unterschiedlicher sein. Olivier Adams Ich-Erzähler Paul ist weitaus geschwätziger als Lapperts verschlossener Protagonist Salm, der nur wenig von sich preisgibt; die karge, reduzierte Prosa in Über den Winter spiegelt den Geisteszustand seiner Figur allerdings besser wider. Paul erzählt viel von sich, oft zu viel, und nimmt dem Leser damit Raum für eigene Gedanken, Assoziationen, Interpretationen. Etwas mehr Verdichtung hätte dem Roman an vielen Stellen gut getan. An den Rändern der Welt ist dennoch ein gelungener, melancholischer und teils sogar politischer Roman, der seine Figuren ernst nimmt und darüber hinaus ein deprimierendes Bild französischer Vorstädte zeichnet.


Olivier Adam: An den Rändern der Welt. Erschienen bei Klett-Cotta, aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn, ISBN: 978-3-608-98004-2. Auf den Roman gestoßen bin dank dieser sehr schönen Rezension bei Kaffeehaussitzer.

Egal. Über Ronja von Rönnes „Wir kommen“

wirkommenWir sollen uns Sorgen um Nora machen: Nora, die zunehmend unglücklich in einer Viererbeziehung lebt. Nora, die plötzlich Panikattacken hat und deshalb einen Therapeuten aufsucht. Nora, die nicht wahrhaben will, dass ihre Kindheitsfreundin Maja tatsächlich gestorben ist. Wenn wir uns in Ronja von Rönnes Debütroman Wir kommen um jemanden Sorgen machen sollen, dann klingt das so: „Seit zwei Wochen kippt alles, was gut war, ins nicht so Gute.“ Ein Satz mit der emotionalen Wucht ironischer Postkarten aus dem Werbeständer – und davon gibt es viele in diesem Roman.

Am Anfang von Wir kommen steht der Unglaube an Majas Tod, und das ist insofern passend, als dass Maja, die wir in eingestreuten Rückblenden kennen lernen dürfen, mit Abstand die lebendigste Figur des Romans ist. Laut Ich-Erzählerin Nora war alles an Maja unbedingt, und das unterscheidet sie stark von Nora und ihren Partnern Jonas, Leonie und Karl: Das Vierergespann mit der Erotik einer gelangweilten Soziologen-WG ist nämlich eher larifari als unbedingt und bleibt dem Leser deshalb leider auch ziemlich egal. Die permanente selbstreflexierende Ironisierung des Geschehens macht Wir kommen zwar stellenweise zu einer amüsanten Lektüre, schafft zugleich aber auch eine Distanz, die kaum Empathie mit den Figuren zulässt.

Harte Schale, toter Kern

Natürlich ist das Absicht: Die Gleichgültigkeit und Taubheit sind symptomatisch für Noras emotional unaufrichtiges Leben, in dem alles bloß Behauptung, bloß Fassade ist. Die Beziehung, in der alle zu viert einsamer sind als zu zweit, wird nur noch von der Idee zusammengehalten und steht kurz vor dem Aus. Auch der Job fürs Trashfernsehen und ihr oberflächliches Umfeld aus Kreativen und Halbprominenten füllen Noras Leben schon lange nicht mehr aus. Nora geht es wie der Schildkröte ihrer Freundin, die sie, ohne dass sie es bemerkt, tagelang als Leiche spazieren trägt: Unter der harten Schale zum Schein ist sie innerlich längst tot. Noras Panikattacken sind nicht nur ein Ventil für unterdrückten Schmerz – sie zeugen auch von einer seelischen Notwendigkeit, endlich wieder etwas zu fühlen, etwas Echtes, Unbedingtes. Zum Beispiel die echte Nähe und unbedingte Verbundenheit, nach der sie sich insgeheim mit Jonas sehnt.

Leider gelingt es Ronja von Rönne nicht, diese emotionale Dringlichkeit glaubhaft zu vermitteln. Noras Ängste lassen sich als Leser nicht nachempfinden, sondern werden bloß behauptet; sie sind erkennbar Teil einer literarischen Versuchsanordnung vom Reißbrett, deren Figuren stets Schablonen bleiben – und damit egal. Das ist tatsächlich schade: Wir kommen ist ein amüsantes Debüt mit Sprachwitz und Tempo, das, obwohl es sich oft eher wie eine Kolumne mit Überlänge als wie ein Roman liest, an manchen Stellen durchaus brilliert. Die Idee, mit einem Flüchtling als angesagtes Must-have-Accessoire auf einer Party zu prahlen („Ich habe jetzt auch einen!“) ist zum Beispiel großartige Satire. Doch auch Noras seelische Erkrankung wird wie ein erzählerisches me-too abgehakt: hat man heute eben so in Romanen junger AutorInnen, gehört halt dazu. Der Roman nimmt die Krankheit nicht ernst, und das ist wahrscheinlich das Ärgerlichste und Enttäuschendste an ihm – dicht gefolgt von der Vermutung, dass Ronja von Rönne mit mehr Zeit und weniger Hype vielleicht ein sehr viel besserer Roman gelungen wäre.


Ronja von Rönne: Wir kommen. Erschienen im Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03632-4. Andere Besprechungen u.a. bei Buchrevier oder auf Literaturen.

„He is full of despair.“ Über Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“

stuckiDamals in den Neunzigern war Benjamin von Stuckrad-Barre meine erste Lesung – und hat mich für alle darauffolgenden ein bisschen versaut: was für eine Show! Sein Debüt Soloalbum fand ich zwar amüsant, aber zu stark an die Bücher von Nick Hornby & Co angelehnt – stereotypische Popliteratur ohne großen Mehrwert. Auf der Bühne riss Stuckrad-Barre dagegen ein Feuerwerk ab: eine absolute Rampensau, schnell wie Schmidt und unberechenbar wie Kaufman. Das war keine Lesung, sondern Rock’n Roll! Trotzdem wusste ich nicht, was mich erwarten würde, als ich ihn im April 2016 im Theaterhaus Stuttgart zum zweiten Mal sah. Zwischen beiden Lesungen lagen fast zwanzig Jahre und soviel Rock’n Roll, dass es an ein Wunder grenzt, diesen Mann wieder live auf der Bühne zu sehen. Nach der Lektüre von Panikherz sah ich ihn plötzlich mit anderen Augen: Mit derselben gnadenlosen Scharfsicht, mit der er andere in seinen Texten seziert, schreibt Stuckrad-Barre in seiner Autobiografie über seinen Absturz in Kokainsucht und Bulimie. Verstörend offen, aber nicht ohne Humor erzählt Panikherz vom Wahnsinn seiner verlorenen Jahre und der späten Rettung in den zweiten Akt seines Lebens – die er zum Teil ausgerechnet seinem Kindheitsidol Udo Lindenberg zu verdanken hat.

Wie lässt sich ein so erschütterndes, manchmal gar demütiges Buch mit der öffentlichen Person, der Rampensau Stuckrad-Barre, vereinbaren? Die Antwort ließ auf der Lesung nicht lange auf sich warten: gar nicht. „Stuckiman“ bot im Theaterhaus genau das, was man von ihm auf der Bühne erwartet – ein Comedyprogramm für Menschen, die Comedyprogramme hassen, irgendwo zwischen Latenight und Personality Show. Aus Panikherz las er vornehmlich die lustigen Passagen, in Erinnerung blieben aber vor allem Showeinlagen wie der T-Shirttausch mit einem RTL-Redakteur und sein Crowdsurfing über die Ränge. Benjamin von Stuckrad-Barre hat das Publikum, mich eingerechnet, an diesem Abend bestens unterhalten – seinem Buch wurde er dabei allerdings nicht gerecht.

Keine Frage: Oft liest sich „Panikherz“ wie ein typischer Stuckrad-Barre und ist dank gewohnt präziser Beobachtungen so selbstgerecht wie witzig. Wie er sich nach der behüteten Kindheit in einer Pastorenfamilie und seiner Schulzeit als Loser fintenreich und hakenschlagend zum Shooting Star der Popliteratur mausert, ist klassischer Coming of Age-Stoff und durchaus unterhaltsam; in seinen stärksten Momenten ist Panikherz aber ein düsteres und hartes Buch. Wenn Stuckrad-Barre über seine körperliche, auch geistige Verwahrlosung durch Bulimie und Kokainsucht schreibt, über seine Entzüge und Abstürze, sein Leben in vermüllten Wohnungen und Hotelzimmern, ist seine Autobiografie so schonungslos ehrlich, dass es weh tut. (mehr …)

Notizen 6/16

Dezemberfieber-CoverLeider habe ich noch immer keine Zeit und Muße für eine neue Rezension gefunden – andere bloggen zum Glück deutlich regelmäßiger als ich. So zum Beispiel Constanze Matthes auf Zeichen und Zeiten, der ich eine wunderbare neue Rezension zu Dezemberfieber verdanke: Ein Erstling, der es vermag, den Leser sowohl eng an die Handlung und den Helden zu binden, den man manchmal ob seines abgedrehten Verhaltens einfach mal durchschütteln möchte. Eindrucksvoll gelingt es Frank O. Rudkoffsky zudem, sowohl die Gegensätze, die Stimmung und Reize des asiatischen Landes zu beschreiben, als auch detail- und bilderreich Szenen auszugestalten. Großer Verdienst des Buches ist es allerdings auch, die Aufmerksamkeit auf die Krankheit Depression zu richten. Ein Thema, das in der Öffentlichkeit noch längst nicht angekommen ist und noch immer nicht offen debattiert werden kann. (Hier entlang zu weiteren Stimmen zum Roman.)

Dem Thema Depressionen hat sich unlängst auch Karla Paul auf Buchkolumne gewidmet. In ihrer Literaturliste durch die Dunkelheit, in der sie Romane und Sachbücher über die Krankheit zusammengestellt hat, fand dankenswerterweise auch Dezemberfieber Platz. Eine wichtige und gute Liste, die in Zukunft noch erweitert werden soll. Einen der dort genannten Romane – Olivier Adams An den Rändern der Welt – werde ich in Kürze auch auf meinem Blog vorstellen. Auf das Buch gestoßen bin ich übrigens dank einer sehr schönen Rezension bei Kaffeehaussitzer! Auch in der Liste: Der Planet Trillaphon in seinem Verhältnis zur üblen Sache von David Foster Wallace, das ich im vergangenen Frühjahr besprochen habe.

trashpool7Neues gibt es auch zu ]trash[pool: Auf Logbuch Suhrkamp, dem Blog des Suhrkamp Verlags, werden seit kurzem regelmäßig Literaturzeitschriften vorgestellt – da durften wir natürlich nicht fehlen! In unserem Porträt erzählen wir ein bisschen aus dem Nähkästchen und umreißen nicht nur unser Profil, sondern schildern auch, wie unsere Textauswahl zustande kommt. Vielen Dank an die Redaktion, dass wir uns im Rahmen dieser schönen Reihe vorstellen durften!

Zu guter Letzt noch ein Veranstaltungshinweis: Am Donnerstag, dem 23. Juni, lese ich gemeinsam mit den Autoren Daniel Breuer (duotincta) und Matthias Hirth (Voland & Quist) in Berlin. Mehr Infos zur Lesung im Klub der Republik findet Ihr hier – über ein ein paar bekannte Gesichter im Publikum würde ich mich sehr freuen!