rezension

Schräge Vögel und Blender. Über „Wiener Straße“ von Sven Regener

Regener - Wiener StraßeMan kennt das. Da kehrt man nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurück und trifft alte Freunde in der Kneipe wieder. Es folgt eine durchzechte Nacht, man freut sich, einander wiederzusehen und wärmt Anekdoten aus den guten alten Zeiten auf. Träfen sich Frank Lehmann, Karl Schmidt und Kneipenbesitzer Erwin heute wieder, sie sprächen vermutlich eher über die Ereignisse in Wiener Straße als über jene in Herr Lehmann – da ging ja schließlich alles schon so langsam den Bach hinunter. Lieber sprächen sie über damals, Anfang der Achtziger, als sie noch jung und unbeschwert waren. Über die Kneipen-WG mit Erwins Nichte Chrissie. Über Hausbesetzer und Künstler wie H.R. Ledigt, Kacki und P. Immel, die früher im Einfall ein- und ausgingen und mit ihren anarchischen Kunstaktionen für Chaos sorgten. Sie würden sich gegenseitig an skurrile Typen wie den redseligen Nachbarn Marko oder den verstockten neuen KOB erinnern, würden nachfragen, was denn wohl aus Chrissie und ihrer Mutter Kerstin geworden sei, würden den Eklat bei der Vernissage in eine brüllend komische Anekdote verpacken. Über später würden sie nicht sprechen. Nicht über Erwins Scheidung, aufgrund der er selbst die ehemalige WG-Wohnung in der Wiener Straße beziehen musste, nicht über Karl Schmidts Nervenzusammenbruch und seinen Entzug, nicht über Frank Lehmanns Entschluss nach dem Mauerfall, das alles hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen. Man kennt das: Trifft man alte Freunde wieder, spricht man eben lieber über die guten alten Zeiten als über die ernsten Themen des Lebens.

Unter Hausbesetzern und Künstlern

Ganz genauso liest sich Wiener Straße, Sven Regeners neuester Besuch im Kosmos rund um Frank Lehmann, der diesmal lediglich eine Nebenrolle spielen darf: leicht und witzig wie ein Abend mit alten Freunden, aber eben auch ein bisschen aufgewärmt und oberflächlich. Schon in Herr Lehmann ging es eigentlich um nichts – mit dem Unterschied, dass eben dieses Nichts für die Figuren auf dem Spiel stand. Trotz aller Komik schwang stets die Melancholie mit, dass Frank Lehmann und seine Freunde nach Jahren des In-den-Tag-Hineinlebens an einem Punkt angekommen waren, an dem Veränderungen unausweichlich wurden. In Wiener Straße stehen sie noch am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit in Kreuzberg. Das Berlin Anfang der Achtziger ist dabei jedoch weit mehr als bloße Kulisse: Sven Regener fängt den Zeitgeist und die anarchische Kreativität der alternativen Kunstszene perfekt ein. Lernten wir Karl Schmidt in Herr Lehmann als gescheiterten Künstler kennen, der unter dem eigenen Erwartungsdruck zusammenbrach, ist hier das Gefühl von Freiheit und Aufbruch allgegenwärtig. Berlin ist noch ein Experimentierfeld für Kreative, Verrückte und Lebenskünstler, eine Stadt, in der alles möglich ist und jeder sein Publikum findet, selbst wenn manchmal mehr Schein als Sein dahintersteckt. Nicht bei allen Zugezogenen sitzt das Berlinerisch sicher, aus einem Sozialarbeiter kann schon mal ein Kurator werden und aus einem Hausbesitzer ein Hausbesetzer – Hauptsache, das Image stimmt.

Der gewohnte Regener-Sound

Das Zeitkolorit ist stimmig, auch die Figuren sind schräg und sympathisch, trotzdem liest sich Wiener Straße eher wie eine improvisierte B-Seite von Herr Lehmann. Der gewohnte Regener-Sound ist amüsant und kurzweilig, kippt ohne Erdung diesmal aber manchmal fast ins Klamaukige. Vor allem aber schreibt das Multitalent Sven Regener einen Roman wie diesen mit links – und zwar trompetespielend und mit einem im Kahn. Liest sich wie ein Verriss? Ist aber keiner. Ich habe Wiener Straße gerne gelesen und hatte meine Freude am Wiedersehen mit alten Bekannten. Auch halte ich es für richtig, in der Longlist mit leichteren, unterhaltsameren Titeln einen Kontrast zur feuilletonistischen Schwere zu setzen, die manche mit dem Deutschen Buchpreis gerne in Verbindung bringen. Wiener Straße ist ein amüsanter, kleiner Roman, der gar nicht erst versucht, der nächste große Herr Lehmann zu sein. Das macht ihn zwar grundsympathisch, allerdings zu keinem Kandidaten für die Shortlist. Wie das eben so ist mit alten Freunden, denen man nach langer Zeit mal wieder begegnet: Es ist schön, einander zu sehen – die wirklich bedeutsamen gemeinsamen Momente, die einen einst zusammenschweißten, liegen in Wahrheit aber schon lange zurück. Man kennt das.19396722_10158890121230578_7682669848055600835_n


Sven Regener: Wiener Straße. Erschienen bei Galiani Berlin, 296 Seiten. Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei meinem Buchpreisbloggerkollegen Sandro Abbate sowie auf LiteraturReich zu lesen .

 

You want it darker. Über „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert

Sven Heucher - Dunkels GesetzMit seinem Erzählband Asche gelang Sven Heuchert vor zwei Jahren ein perfekter Einstand: Seine schroffen, aber zugleich melancholischen Verlierergeschichten aus dem Ruhrpott überzeugten damals so ziemlich alle, die das Buch in die Finger kriegten – auch mich. Dunkels Gesetz, Heucherts Romandebüt bei Ullstein, polarisiert hingegen bislang. Einen Provinz-Noir hat Heuchert geschrieben, einen Kriminalroman, in dem es zumindest oberflächlich um einen geplatzten Drogendeal und einen Ex-Söldner namens Dunkel geht, der dem Ganzen auf die Schliche kommt. Im Auftrag einer Chemiefirma bewacht Richard Dunkel eine stillgelegte Grube im Provinzkaff Altglück, in der vor Kurzem ein Junge zu Tode kam. Schon bald stellt sich heraus, dass es kein Unfall war: Ausgerechnet hier versucht Tankstellenbesitzer Achim mit seinen Leuten, ins Drogengeschäft einzusteigen. Zeugen wie den Jungen – oder Dunkel – kann der Kleinkriminelle mit großen Ambitionen nicht dulden.

Klingt wie ein Kriminalroman – und wird auch als ein solcher beworben. Fans von biederen deutschen Kommissargeschichten dürften jedoch enttäuscht werden: Im Zentrum des Romans steht nämlich nicht der Plot, sondern die Trostlosigkeit seiner Figuren. Figuren, die längst erkannt haben, dass das Leben nichts anderes, schon gar nichts Besseres für sie bereithält. Figuren, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen wie eingesperrte Tiere, die im Käfig immer wieder dieselben Kreise ziehen und sich am Gitter jedes Mal aufs Neue das Maul blutig beißen. Selbst wenn sie sich aus ihren gescheiterten Leben in Altglück befreien könnten: Lebensfähig sind sie schon lange nicht mehr.

Kompromisslos und hart

Schon die Stories in Asche befassten sich mit Menschen, die sich ihre Zukunft längst verbaut haben und nun bloß noch versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen; in Dunkels Gesetz nimmt Heuchert seinen Protagonisten aber nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Menschlichkeit, die in den Erzählungen noch gelegentlich aufblitzte. Dort waren es vor allem die Zwischentöne, überraschende Momente von Zärtlichkeit und Empathie, die seine Figuren so glaubwürdig und dreidimensional machten. Kleine Nuancen, die selbst Arschlöcher menschlich wirken ließen. Die Figuren seines Romans sind dagegen noch einmal deutlich verbitterter und abgründiger angelegt. Als zum Beispiel der Möchtegern-Dealer Achim Marie, der Tochter seiner Geliebten, ein Pferd in seinem Stall vorführt, glaubt man einen Augenblick lang, hier unerwartet eine andere, menschlichere Seite von ihm kennenzulernen – bis er sie dann doch bloß begrapscht. Vielleicht eine verpasste Chance, dem Antagonisten mehr Tiefe zu verleihen: Die Härte in Dunkels Gesetz ist zwar konsequent und nachvollziehbar, ohne Empathie für die tragenden Figuren fehlt es manchmal aber auch an der nötigen Fallhöhe, um echte Spannung zu erzeugen. Man schaut den Figuren dabei zu, wie sie sich ihr eigenes Grab schaufeln, ohne zuvor in sie investiert zu haben. Wie schon in Asche sind es auch in Sven Heucherts Romandebüt eher die stilleren, zurückhaltenderen Momente, die nachwirken. Etwa die Szenen, in denen Marie einer alten Witwe Schnaps nach Hause liefert oder sich eine vorsichtige Annäherung zwischen Dunkel und einer Prostituierten – Maries Mutter – andeutet. Auch Dunkels Hintergrundgeschichte um einen tragischen Verlust sorgt an seltenen, aber starken Stellen für Tiefe. Sven Heuchert brilliert vor allem dort, wo er Atmosphäre erzeugt und die Trostlosigkeit Altglücks mit nur nur wenigen, präzisen Strichen zeichnet; der eigentliche Plot um Achims Drogendeal und dessen Folgen ist dagegen an manchen Stellen allzu drastisch und beinahe überzeichnet. Aber: Das soll so sein.

Andere Kategorie, andere Maßstäbe

Alles an Dunkels Gesetz ist konsequent: die reduzierte Sprache, die das karge und trostlose Leben von Randexistenzen in der Provinz spiegelt. Die Härte der Figuren und ihre heftigen Gewaltausbrüche. Nicht zuletzt aber auch die Verweigerung Heucherts, dem Genrestempel Kriminalroman in irgendeiner Weise Rechnung zu tragen. Dem Vorwurf, hier habe sich ein Autor für den schnellen Erfolg verkauft, kann ich deshalb nur widersprechen: Dunkels Gesetz liest sich keineswegs wie das weichgespülte Major Debut eines Indiestars, der auf den Markt schielt, um endlich Stadien zu bespielen. Tatsächlich liest sich Heucherts Roman in seiner Kompromisslosigkeit eher wie ein Nischentitel; in einem Land, in dem Noir-Romane keine Tradition haben, ist er das vermutlich auch. Vieles, was man an Dunkels Gesetz kritisieren kann, liegt ganz bewussten Entscheidungen zugrunde. Anders als Heucherts Erzählungen ist der Roman näher an Genre- als an Gegenwartsliteratur – und genau das ist der Anspruch, an dem man ihn messen muss. Und selbst, wenn man – wie ich – seinen Erzählungen etwas näher steht, kann und sollte man respektieren, dass da einer konsequent seinen Weg geht und lieber polarisiert, als es allen recht zu machen. Die Erwartungen nach Asche waren groß – und das bleiben sie auch nach Dunkels Gesetz: zum Beispiel auf Heucherts zweite Storysammlung und seinen geplanten Gedichtband.


Sven Heuchert: Dunkels Gesetz. Erschienen bei Ullstein, 192 Seiten. Uwe Kalkowski und Wolfgang Schiffer haben den Roman positiv in ihren Blogs besprochen, Tobias Nazemi schrieb dagegen einen enttäuschten Leserbrief. Und zu meiner Besprechung von Sven Heucherts Erzählband „Asche“ geht es hier entlang.

Überzeugend gescheitert. Über „Kraft“ von Jonas Lüscher

IMG_5786 KopieEine Million Dollar Preisgeld für die Beantwortung der Frage, warum alles, was ist, gut ist, und wir es dennoch verbessern können: eigentlich die perfekte Herausforderung für einen Rhetorikprofessor. Nur woher soll ausgerechnet Richard Kraft, titelgebender Held in Jonas Lüschers Roman, den Optimismus für einen überzeugenden Vortrag nehmen?

Jonas Lüscher ist gescheitert. Zum Glück, muss man hinzufügen. Denn anstelle seiner philosophischen Dissertation für Philosophie schrieb er dann doch lieber sein Romandebüt – nicht aber, ohne sich für Kraft vom Wissenschaftsbetrieb inspirieren zu lassen. In seinem Roman schickt Lüscher seinen Protagonisten Richard Kraft, einen Tübinger Rhetorikprofessor mit Geldsorgen, ins kalifornische Silicon Valley, um ihn dort grandios scheitern zu lassen: an der philosophischen Preisfrage, für die der Internetmogul Tobias Erkner eine Million Dollar ausgelobt hat. Und an sich selbst. Scheitern als Chance, das gilt in der New Economy ja beinahe schon als Plichtübung jeder erfolgreichen Vita. Kraft scheitert aber nicht mit der Leichtigkeit amerikanischer Zweckoptimisten, sondern mit europäischer Schwere und dem ganzen Ballast eines verkorksten Lebens. Er braucht das Geld. Finanziell noch von der ersten Scheidung gebeutelt, kann Kraft sich aus seiner zweiten, ebenfalls unglücklichen Ehe nur freikaufen, wenn er mit seinem Vortrag das Preisgeld einstreicht.

Süffisant, beinahe spöttisch, kommentiert der auktoriale Erzähler, wie Kraft am Druck seiner Aufgabe täglich mehr verzweifelt. Jonas Lüscher stellt den egozentrischen Professor in seiner ganzen Lächerlichkeit dar, ohne aber dessen Glaubwürdigkeit als Figur preiszugeben. Bei aller demütigenden Tragikomik bleiben sowohl sein privater als auch wissenschaftlicher Werdegang nachvollziehbar und schlüssig. In Rückblenden begleiten wir Kraft und seinen besten Freund, den vermeintlichen ungarischen Dissidenten István, durch die Bundesrepublik der Achtzigerjahre; beide verbindet eine politische Einstellung, mit der sie an der Universität gegen den Strom schwimmen. Als Wirtschaftsliberale schwärmen sie für Reagan und Thatcher und glauben fest an die geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl 1982 mit seiner Kanzlerschaft verspricht. Aber Kohl ist eine Enttäuschung, und obwohl der Zeitgeist ihnen Recht zu geben scheint, fühlen sich Kraft und István nicht als Sieger, sondern ihrer Singularität beraubt. Istváns Dissidentenstatus ist nach der Wende nicht mehr viel Wert. Und Kraft? Muss feststellen, dass jene Ideen, mit denen er im Wissenschaftsbetrieb einst herausstach, längst Mainstream geworden sind. Ausgerechnet die SPD überholt mit Schröders Agenda 2010 die CDU von rechts, während sich die FDP mit Politikern, die Kraft an sein jüngeres Ich erinnern, immer mehr ins Abseits manövriert.

Ein sicherer Longlist-Kandidat?

Dank vier Kindern aus zwei gescheiterten Ehen steht Richard Kraft als Wissenschaftler nun am Scheideweg. Den hoch dotierten Vortragswettbewerb im Silicon Valley kann er nur gewinnen, wenn er seine eigenen Prinzipien verrät – als Rhetorikprofessor könnte er dem naiven und fortschrittsgläubigen Preisstifter Tobias Erkner schließlich einfach nach dem Munde reden. In der Rhetorik kommt es aber nicht nur auf den Adressaten an. Überzeugen kann nur ein glaubwürdiger Redner mit entsprechendem Ethos. Doch woher soll ausgerechnet der Verlierer Richard Kraft den Optimismus für einen Vortrag nach Erkners Geschmack nehmen?

Kraft erzählt nicht nur tragikomisch vom Scheitern, sondern ist gleichermaßen als Wissenschaftssatire und launige Abrechnung mit dem Kapitalismus angelegt – und dabei so klug und unterhaltsam, dass es eine Überraschung wäre, den Roman nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu entdecken. Mindestens. Das Timing könnte kaum besser sein: Zwar spielt das Silicon Valley eine große Rolle im Roman, in seinem Zentrum steht jedoch vor allem der Zeitgeist der BRD unter dem gerade verstorbenen Helmut Kohl – in der Rhetorik würde man das Kairos nennen. Seine abgebrochene Dissertation muss Jonas Lüscher jedenfalls nicht bedauern: So überzeugend wie er ist schon lange keiner mehr gescheitert.

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Jonas Lüscher: Kraft. Erschienen bei C.H. Beck und als Lizenztitel bei der Büchergilde, 237 Seiten. Einen Gedankenaustausch zwischen mir und meiner Buchpreisbloggerkollegin Sarah Reul gibt es auf ihrem Blog Pinkfisch zu lesen. Eine kürzere Version dieser Besprechung wurde erstmals im Magazin der Büchergilde (3/17) veröffentlicht; sehr aufschlussreich ist darin auch das Gespräch zwischen Jonas Lüscher und seinem Lektor. Andere lesenswerte Rezensionen zum Roman sind u.a. bei Das graue Sofa und brasch & buch erschienen. Weitere Spekulationen zur Longlist gibt es bereits im Blog von Buchpreisbloggerin Isabella Caldart.

Elterndämmerung. Über „So, und jetzt kommst du“ von Arno Frank

IMG_5876Kindern kann man ja wirklich eine Menge weismachen. Die Existenz von Weihnachtsmännern und Osterhasen zum Beispiel. Eckige Augen, die man vom Fernsehen kriegt, Bauchschmerzen vom Naschen. Und natürlich, dass man stets wisse, was zu tun sei. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, die eigenen Eltern irgendwann zu hinterfragen und dabei zur Erkenntnis zu gelangen, dass auch sie nur Menschen sind. Menschen, die nicht alles wissen. Menschen, die Fehler machen, manchmal sogar sehr große und dumme. Wann kamen Arno Frank wohl die ersten Zweifel an seinen Eltern? Anzeichen für ihre Fehlbarkeit gibt es früh. Amtliche Briefe, die ungelesen in den Müll wandern. Ein gepfändetes Haus und Geschäftsideen des Vaters, die immer windiger, immer riskanter werden. Die Polizei, die irgendwann vor der Tür steht, nachts dann der überstürzte Aufbruch nach Südfrankreich. Das große Geld, das plötzlich da ist und allen ein Leben im Luxus ermöglicht. Arno Frank und seine beiden Geschwister glauben ihren Eltern, eine andere Wahl haben sie ohnehin nicht. Und wozu den Weihnachtsmann in Frage stellen, solange es Bescherung gibt?

So, und jetzt kommst du erzählt die wahre Geschichte von Arno Franks Kindheit als Sohn eines Hochstaplers – und lockt zunächst auf eine falsche Fährte. Ein kindlicher Erzähler in einer leicht verschrobenen Familie, dazu ein paar skurril-sentimentale Erinnerungen an die BRD der Achtziger – das klingt nach Feel good-Bestseller aus dem Baukasten. Man nehme etwas Coming of age-Melancholie, garniere sie mit einer Prise Humor und serviere das Ganze als Roadmovie. Auerhaus meets Tschick, ganz sichere Nummer. Doch dann kommt alles anders.

Horrortrip statt „Tschick“

Als das große Geld irgendwann aufgebraucht ist, mehren sich die Zeichen, dass Arnos Eltern die Kontrolle verloren haben. Das Luxusanwesen an der Küste verwahrlost zusehends. Die Mutter lutscht am Daumen, während der Vater immer erratischer wird. Wieder steht die Polizei vor der Tür, und wieder bleibt der Familie nur die Flucht. Was als Familienabenteuer begann, wird zur albtraumhaften Odyssee durch halb Europa. Und das bedingungslose Vertrauen in die Unfehlbarkeit der Eltern: zum Musterbeispiel fürs Stockholm-Syndrom. Anfangs noch so unterhaltsam wie harmlos, wird der Roman mit jeder Seite beklemmender. Arno Frank schildert die zunehmende Verwahrlosung der Familie – auch im Umgang miteinander – so glaubwürdig und intensiv, dass selbst in grotesken Szenen das Entsetzen dominiert. Das spürbare Gefühl der Ausweglosigkeit gipfelt schließlich in einer Autobahnszene, deren blanker Horror kaum auszuhalten ist. Spätestens hier ist nichts mehr vom Feel good-Roman übrig, der So, und jetzt kommst du hätte werden können. Auch in anderen Coming of age-Romanen müssen sich Kinder von ihren Eltern abnabeln – in diesem sind sie ihnen jedoch ausgeliefert wie Geiseln.

Mit seinem Debütroman ist Arno Frank das seltene Kunststück gelungen, gleichermaßen zu unterhalten wie zu erschüttern. An manchen Stellen hochkomisch und skurril, ist So, und jetzt kommst du mit zunehmenden Verlauf vor Spannung kaum auszuhalten. Im letzten Jahr wurde Thomas Melle, obwohl auch Die Welt im Rücken kein fiktionaler, sondern ein autobiografischer Roman ist, für den Deutschen Buchpreis nominiert. So, und jetzt kommt Frank – ein Platz auf der Longlist wäre jedenfalls durchaus verdient!


Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Erschienen bei Tropen/Klett-Cotta, 352 Seiten. Nachtrag: Ein interessantes und aufschlussreiches Interview mit Arno Frank ist auf Lesen macht glücklich zu finden.

Konservierte Erinnerungen. Über „Mir ist die Zunge so schwer“ von Lucia Leidenfrost

IMG_7940Bei aller Präzision – wer verlorene Zeit messen möchte, kommt mit Uhren und Kalendern, mit Tagen, Monaten und Jahren nicht weiter. Verlorene Zeit misst man nämlich am besten in Einmachgläsern: „Wir haben noch zwanzig Marillenwochen und sechzehn Erdbeer-, zwei Dirndl- und achtzig Honigwochen“, heißt es in Goldene Zeiten. Die letzte Erzählung von Lucia Leidenfrosts Debüt ist so programmatisch für das ganze Buch, dass sie genauso gut an dessen Anfang stehen könnte. Den Hinterbliebenen einer Familie gehen langsam, aber sicher die vermachten Einmachgläser zuneige – und mit ihnen das Wissen der vorigen Generationen: „Liebe Mutter, wir haben vergessen, wie es ist, wenn das Gras zum Trocknen ausgebreitet und auf den Hüfeln aufgehängt wird, wie man überhaupt Hüfeln baut. Wir haben vergessen, wie viele Samen wir aufheben müssten, um im nächsten Sommer genug ernten zu können. Du hast immer gesagt, was man hat, hat man, aber wir haben alles vergessen. Nicht, dass du jetzt denkst, dass es uns schlecht geht, es geht uns gut, nur, dass wir so vieles nicht mehr wissen, jetzt, wo der Großvater und der Vater tot sind.“

Geschichten wie Einmachgläser

Im Mittelpunkt der Erzählungen von Mir ist die Zunge so schwer stehen zumeist Menschen am Ende ihres Lebens und ihrer Kräfte, Menschen, deren Gegenwart längst an Gewicht und Klarheit verloren hat. Umso mehr Raum nimmt die Vergangenheit im Österreich der Dreißiger und Vierziger ein, als die Kriegsjahre ihren Alltag prägten. In Geschichten wie Einmachgläsern fängt Lucia Leidenfrost die Stimmen der Weltkriegsgeneration ein und konserviert Erinnerungen an eine Zeit, über die die Betroffenen ein Leben lang geschwiegen haben. Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, verlieren sich ihre Stimmen im Strom der Geschichte: Man muss ihnen zuhören, solange man noch kann. In ihren Erzählungen lässt die Autorin sie ein letztes Mal zu Wort kommen. Ohne Pathos oder erhobenen Zeigefinger schaut sie einfachen Menschen aus der österreichischen Provinz in die Köpfe und auf den Mund; sie bleibt dabei stets ganz nah an den Figuren, erlaubt sich keinerlei erzählerische oder historische Distanz – und das ist es, was den Ton von Mir ist die Zunge so schwer so einzigartig macht.

Im Fokus der Erzählungen stehen keine großen geschichtlichen Ereignisse, sondern das Alltägliche, das Zwischenmenschliche. Die Figuren sind gefangen in den Nöten und Zwängen ihrer Zeit, versuchen nichts weiter, als angesichts familiärer, gesellschaftlicher oder politischer Konflikte und Widerstände irgendwie über die Runden zu kommen. Die Moral kann da schon mal auf der Strecke bleiben – Opportunisten und Opfer trennt manchmal nicht mehr als eine einzige Entscheidung voneinander. Die Strategien der Verweigerung und Anpassung sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen Leidenfrost erzählt: Manche verlieren ihre Sprache, andere ihr Gehör; einer versteckt seine eigenen Kinder, schreckt aber nicht vor dem Verrat von Nachbarn zurück; die einen fliehen, während andere zurückbleiben müssen. Allen gemein ist jedoch das Schweigen über ihre Schuld und ihr Wegschauen, über die Schrecken, deren Zeugen sie wurden – ein Schweigen, das, obwohl es die Nachkriegsgeneration zu brechen versuchte, für immer eine große Leerstelle in der Geschichte bleiben wird. All die Menschen, die damals angeblich nichts gewusst haben: In Mir ist die Zunge so schwer bringt Lucia Leidenfrost sie glaubwürdig und einfühlsam zum Sprechen, und das macht ihr Debüt zu einem wirklich besonderen Buch.


Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer. 192 Seiten. Erschienen bei Kremayr & Scheriau. Zu meinem ausführlichen Interview mit der Autorin geht es hier entlang!

Der alte Mann und der Wald. Über „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian

img_4699Die Risiken und Nebenwirkungen des Alters sind gemeinhin bekannt. Den unaufhaltsamen Verlust körperlicher und geistiger Gesundheit kennt man aus dem Kleingedruckten, darauf ist man gefasst. Auf eine besonders lästige Eigenschaft des Altwerdens sind allerdings die Wenigsten vorbereitet: dass das Leben einen nun zwingt, loszulassen. Und zwar nicht nur jene, die man liebt. Sondern auch sich selbst – die Person, die man einmal war. Von niemandem gebraucht zu werden und keine Aufgabe mehr im Leben zu haben, lässt viele vereinsamen. Manche suchen sich einfach eine neue Aufgabe, geben sich etwa hingebungsvoll der Gartenarbeit hin; andere dagegen können sich mit dem Verlust ihrer Funktion nicht abfinden und halten verzweifelt an ihr fest. Und dann gibt es noch Menschen wie Erich: Auf die über achtzigjährige Hauptfigur von Ada Dorians Debütroman Betrunkene Bäume trifft all dies nämlich auf einmal zu.

Einst reiste Erich in einer abenteuerlichen Expedition durch Sibirien und erforschte die Bäume der Taiga, Jahrzehnte später ist er aber nur noch ein Schatten seiner selbst, der verzweifelt um seine Unabhängigkeit kämpft. Längst ist er zu alt, um alleine in seiner Wohnung zu leben; die Bemühungen seiner vielbeschäftigten, aber ehrlich besorgten Tochter Irina, ihm einen Platz im Altenheim oder wenigstens eine Pflegehilfe zu organisieren, sabotiert Erich jedoch nach Kräften. Sein Stolz ist größer als die Vernunft: Als Wissenschaftler auch im Ruhestand noch geachtet, wertet Erich weiterhin regelmäßig Klimadaten aus Russland aus. Aber nicht nur die Forschung, glaubt er, brauche ihn noch – auch sein Geheimnis im Schlafzimmer will Erich um jeden Preis bewahren: sein eigener kleiner Wald, der ihm spätestens, als Vögel darin nisten, über den Kopf gewachsen ist…

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Nachdem ihm Stolz und Arbeitseifer die halbe Familie gekostet haben, ist der Wald alles, was ihm geblieben ist; ein Umzug ins Altersheim würde Erich deshalb nicht nur die Selbstachtung nehmen, sondern ihn auch endgültig von seinem Leben und dem, was es ausmachte, entwurzeln. Erst die Bekanntschaft mit einer Teenagerin zwingt den starrköpfigen Professor zum Umdenken: Katharina, die nach der Trennung ihrer Eltern von zuhause ausgerissen ist und sich seither in Erichs leerstehender Nachbarwohnung versteckt, ist auf der Suche nach ihrem Vater, den es beruflich nach Sibirien verschlagen hat. Als beide einander helfen, entsteht eine ungleiche Freundschaft, die Erich mit den großen Fehlern seines Lebens konfrontiert: Unausgesprochene Wahrheiten, selbstsüchtige Entscheidungen und gebrochene Versprechen kommen ans Licht. Immer mehr kreisen sich seine Gedanken um die Vergangenheit und seine schicksalhafte Zeit in der sibirischen Taiga – für Erich ein Sehnsuchtsort aus mehr als nur einem Grund. Denn Heimat kann sehr viel mehr bedeuten als bloß einen Ort. Es kann auch eine Aufgabe sein, ein Gebrauchtwerden. Oder aber ein Mensch, den man liebt.

Gelungenes Debüt mit Schwächen

Ein alter Mann, der noch einmal auf sein Leben zurückschaut und sich endlich der Schuld stellt, die er einst auf sich geladen hat – natürlich ist das ein sehr gängiger Topos in der Literatur. Ada Dorian gelingt es dennoch, Erich zu einer interessanten Figur zu machen. Sein Wald im Schlafzimmer ist ein starkes und eindringliches Bild, das trotz aller Skurrilität glaubwürdig bleibt und dem Roman genau wie der Verweis auf das Phänomen der betrunkenen Bäume metaphorische Tiefe verleiht. Ganz besonders die Rückblenden auf Erichs Sibirien-Expedition mit dem Landstreicher Wolodja, eine Randfigur, deren Bedeutung sich erst spät herausstellt, sind spannend und atmosphärisch gelungen. Tatsächlich wünscht man sich, mehr von den Abenteuern der beiden zu lesen – eigentlich ein gutes Zeichen für einen Roman. Dagegen kann der zweite Handlungsstrang rund um Katharina leider deutlich weniger überzeugen. Im Gegenteil zu Erich bleibt ihre Figur blass und teils unglaubwürdig; vor allem den Umgang mit zwielichtigen Figuren, die sie beinahe auf die schiefe Bahn geraten lassen, kauft man der etwas einfältigen Katharina nicht ab. An manchen Stellen fühlt man sich in ihren Kapiteln beinahe an ein Jugendbuch oder die plakativen Abziehfiguren einer Soap erinnert. Im Interview beim Blog@bout in Berlin sprach Ada Dorian davon, als Kind vor allem Zeit mit den Alten in ihrer Familie verbracht zu haben – vielleicht ist das einer der Gründe, warum Erich so glaubwürdig und nachvollziehbar geraten ist. Umso bedauerlicher ist es, dass der Roman beim Wechsel zu Katharinas Perspektive stets an Intensität verliert, obwohl die Grundidee ihrer unerwarteten Verbindung eine gute ist.

Dennoch ist Betrunkene Bäume insgesamt ein gelungener Roman über Heimat und Entwurzelung, Selbstbestimmung und Verantwortung geworden, der sich schnell liest, aber umso länger nachwirkt. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass Ada Dorian bei ihrem Debüt noch ein wenig Luft nach oben gelassen hat: Schon im Herbst veröffentlicht Ullstein ihren zweiten Roman.


Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Der Roman erscheint am 24.2. bei Ullstein als erster Titel des neuen Imprints Ullstein fünf. Zu meinem Bericht über das Blog@bout mit der Autorin und dem Ullstein fünf-Team geht es hier entlang. Eine sehr schöne und treffende Rezension ist auch bei Lust auf Lesen erschienen.

Wie man Entfremdung spielt. Über „Hier bin ich“ von Jonathan Safran Foer

img_4700Ein Scheidungsroman also. Elf Jahre nach Extrem laut und unglaublich nah meldet sich Foer mit einem Roman zurück, in dem er – zumindest oberflächlich – seine Trennung von Nicole Krauss verarbeitet. Anstelle von E-Mails an Natalie Portman sind es in Hier bin ich heimliche SMS an eine Kollegin, die die Ehe seiner Figuren in die Krise stürzen. Aber Jonathan Safran Foer wäre nicht Jonathan Safran Foer, wenn er die Ausgangssituation nicht nutzen würde, um einen sehr viel größeren Bogen zu spannen – unter der Zerstörung Israels macht er es nicht. Hier bin ich ist kein kleiner, intimer Roman über das Ende einer Beziehung, sondern eine Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Judentum, ein Roman über Entwurzelung und Entfremdung, Verlust und Neubeginn.

Anfangs sind die Sorgen von Jacob und Julia Bloch noch überschaubar: Ihr ältester Sohn Sam versucht mit allen Mitteln, seine bevorstehende Bar Mizwa zu torpedieren und verbringt seine Zeit lieber im Second Life, wo er mit großem Aufwand digitale Synagogen erbaut, nur um sie anschließend wieder zu sprengen. Dabei ist längst ein großes Fest geplant – sogar die Verwandtschaft aus Israel wird anreisen, um seiner rituellen Mannwerdung beizuwohnen. Besonders gläubig sind die Blochs allerdings nicht; sie betrachten die jüdischen Traditionen und die Anbindung an ihre Gemeinde vor allem als Teil ihrer kulturellen und familiären Identität. Zum Judentum in Israel hat Jacob schon lange den Kontakt verloren. Er war seit Jahren nicht dort, reiste mit seinen drei Kindern lieber nach Berlin als die Verwandtschaft um seinen Cousin Tamir zu besuchen. Stattdessen pflegen Jacob und Julia ihre unzähligen, so skurrilen wie liebenswerten Familienrituale wie eine Ersatzreligion; seine Notizen zu den Besonderheiten der Blochs, aus denen er eines Tages eine Fernsehsendung machen möchte, nennt der Schriftsteller nicht umsonst Bibel.

Umso schwerer wiegt für Jacob die Erkenntnis, dass seine Ehe mit Julia nach sechzehn Jahren Beziehung am Ende ist. Die aufgeflogenen SMS an seine Kollegin sind ebenso wie das sich anbahnende Techtelmechtel Julias mit einem anderen Mann nur symptomatisch für eine seit Jahren voranschreitende Entfremdung. Aus den kleinen Alltagslügen wurden immer größere, aus Verschlossenheit wurde Schweigen. Im zermürbenden Alltag ist ihre Beziehung zum bloßen Ritual verkommen, ausgehöhlt wie eine religiöse Tradition, die ohne Glauben nur noch dem Selbstzweck dient. Das einzige, was sie – obwohl sie noch Fürsorge füreinander empfinden – miteinander verbindet, sind ihre Kinder und die gemeinsame Geschichte.

Damit geht es Jacob und Julia ähnlich wie den amerikanischen Juden und dem israelischen Volk. Sie teilen denselben Glauben, sind durch ihre Geschichte und Traditionen miteinander verbunden, und doch führen sie – trotz Sympathien und einem moralischen Verantwortungsgefühl füreinander – so unterschiedliche Leben, dass sie sich voneinander entfremdet haben. Als Jacobs Cousin Tamir mit seinen Kindern zu Sams Bar Mizwa anreist, geschieht in dessen Heimat das Unfassbare: Nachdem ein Erdbeben Israel und seine Anliegerstaaten verwüstet hat, eskaliert die politisch angespannte Situation zum Krieg. Das Entsetzen über die Katastrophe ist so groß, dass sich Jacobs Großvater, der damals vor dem Holocaust in die USA floh und das einzige Bindeglied zwischen der amerikanischen und israelischen Familienseite ist, das Leben nimmt. Als die israelische Regierung an alle amerikanischen Juden appelliert, „heimzukehren“ und für Israel in den Krieg zu ziehen, glaubt Jacob – unter dem Eindruck seiner drohenden Scheidung – endlich Verantwortung übernehmen zu müssen, um seine kulturelle Heimat vor dem Untergang zu bewahren.

In den ersten Kapiteln von Hier bin ich macht es Jonathan Safran Foer seinen Lesern nicht leicht, in den Roman zu finden; nach anfänglichen Orientierungsproblemen habe ich den gewohnten Einfallsreichtum, die eigenwilligen Figuren und den Sprachwitz Foers jedoch sehr genossen. Besonders in der ersten Hälfte ist Hier bin ich ein tieftrauriger Roman, der es aller Schwermut zum Trotz immer wieder schafft, zum Lachen zu bringen. Wie in seinen ersten beiden Romanen sind es vor allem die vielen kleinen, cleveren Einfälle – etwa die Familienrituale der Blochs -, die Foers Geschichten zu etwas Besonderem machen. Zugleich sind manche von ihnen aber auch zu schön, um wahr zu sein. Auch seine Figuren, in erster Linie Jacobs und Julias etwas altklugen Kinder, wirken gelegentlich eher wie die Verkörperungen von Ideen, als dass sie echten Menschen glichen. Stets lässt Foer sie besonders witzige und kluge Dinge sagen, stets lässt er sie genau die richtigen Fragen stellen. Das ist unterhaltsam und oft intelligent, geht zugleich aber auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit. Das Artifizielle an Jonathan Safran Foers Art, zu schreiben, kann man mögen. Muss man aber nicht.

Während die Ehekrise zwischen Jacob und Julia in der ersten Hälfte für große Spannung sorgt, franst der Roman nach der Katastrophe in Israel ein wenig aus. Die vielen, langen Dialoge werden irgendwann zu viel und zu lang und die klugen Kinder zu klug, auch Jacob schafft es irgendwann, nicht mehr nur Julia auf den Geist zu gehen. Rundum gelungen wird es erst wieder, wenn Jonathan Safran Foer mit einem Kapitel aus Jacobs Bibel die lineare Erzählstruktur aufbricht und darin episodische Schlaglichter auf die Vergangenheit und die Zukunft der Blochs wirft. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Roman in diesem Mosaikstil auch enden zu lassen. Und symbolischer: Die Einheit, die in der Familie, im Judentum, im Erzählen anfangs herrschte, lässt sich nach dem Bruch nicht wieder herstellen. Es braucht Willen und manchmal auch Kraft, um eine Verbindung aufrecht zu erhalten.


Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 688 Seiten. Sehr gegensätzliche und lesenswerte Rezensionen erschienen jüngst auch bei Schöne SeitenBuchrevier, Buzzaldrins Bücher sowie Wortmax.

Was vom Jahre übrig blieb: Kurzrezensionen

Seit der Frankfurter Buchmesse herrscht Funkstille auf meinem Blog. Was ist da los? Fun Fact: Das Bloggen ist nur eine meiner drei Superkräfte, mit denen ich kein Geld verdiene. Nach Veröffentlichung der siebten Ausgabe von ]trash[pool habe ich mich in den letzten Monaten vor allem auf meinen neuen Roman konzentriert, den ich – so der Prokrastinationsgott will – im Frühjahr fertigstellen werde. Deshalb sind viele Bücher, die ich 2016 hier besprechen wollte, leider ein wenig unter die Räder gekommen. Einige von ihnen habe ich zumindest in meinen regelmäßigen Buchempfehlungen im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT vorgestellt; das nahende Jahresende ist jedenfalls ein guter Anlass, um die digitale Schublade auszumisten und ein paar kurze Empfehlungen nachzureichen.


1. Die Dicken:

Unterleuten von Juli ZehJULI ZEH – UNTERLEUTEN
Ein Bestseller über die Eskalation eines Dorfstreits? Natürlich ist es keine Überraschung: dass die Welt auf dem Land noch in Ordnung zu sein scheint, sich in Wahrheit aber auch die größten Probleme im Kleinen spiegeln. Es sind jedoch vor allem die glaubwürdigen und ambivalenten Figuren, die Unterleuten zu einem großartigen Gesellschaftsroman machen. Die Verweise auf Jonathan Franzen – eine Figur ist Vogelschützer, eine andere heißt Franzen mit Nachnamen – sind sicher kein Zufall: Tatsächlich hat Juli Zeh in diesem Jahr den gelungeneren Franzen-Roman geschrieben als der Meister selbst. Für mich neben Thomas Melles Die Welt im Rücken der beste deutschsprachige Roman 2016!
[Luchterhand, 640 S.]

978-3-498-02137-5JONATHAN FRANZEN – UNSCHULD
Bei Franzen weiß man, was man bekommt. Es ist alles da: die typischen Franzen-Figuren mit ihren biografischen Brüchen und persönlichen Krisen. Das aktuelle gesellschaftspolitische Thema als Folie für einen Plot, der sich erst nach und nach erschließt. Schließlich der langersehnte Aha-Moment, der endlich Klarheit bringt und die Erzählstränge zusammenführt. Nicht alle Figuren und Subplots sind gelungen, besonders die Hauptfigur Pip macht den Einstieg in den Roman überraschend holprig – auch wenn man sie, nachdem man Bekanntschaft mit ihrer Mutter gemacht hat, deutlich besser versteht. Aber die Geduld wird belohnt: Mit zunehmender Seitenzahl – und in diesem Punkt knausert der gute, alte Franzen ja nie – gewinnt Unschuld an Brillanz und entwickelt auch die Sogkraft, die man von seinen Romanen gewohnt ist. Ich habe Unschuld gerne gelesen, sehr gerne sogar. Nichtsdestotrotz schleicht sich langsam ein wenig Gewöhnung ein. Gerne darf sich der gute, alte Franzen für die Erzählstruktur, die seit den Korrekturen stets demselben Schema folgt, bei seinem nächsten Roman mal etwas Neues einfallen lassen. [Rowohlt, 830 S, übersetzt von Bettina Abarbanell & Eike Schönfeld]

2. Die Dünnen:

amanda-lee-koe_ministerium_350AMANDA LEE KOE: MINISTERIUM FÜR ÖFFENTLICHE ERREGUNG. STORIES
Die singapurische Autorin erzählt Geschichten aus einer anderen Welt, einem anderen Leben: über Frauen am Rand der Gesellschaft, die sich einen Rest an Würde und Souveränität bewahren wollen. Über ungleiche Freundschaften, Abhängigkeiten und die Unmöglichkeit von Liebe über Grenzen hinweg. Ein grandioses Debüt voller ungewöhnlicher Perspektiven und überraschender Einblicke. [CulturBooks, 240 S., aus dem Englischen von Zoë Beck]

9783608983074JAN SNELA – MILCHGESICHT. EIN BESTIARIUM DER LIEBE
Gehörnte Männer, die in Milch baden oder Katzenfutter essen. Eine Liebesgeschichte mit einem Wiesel oder ein One Night Stand mit einem Geist. In den skurrilen Erzählungen von Open Mike-Gewinner und Bachmann-Kandidat Jan Snela gelten ganz eigene Regeln. Eines eint sie aber alle: die eigenwillige, detailverliebte Sprache, in der kein Wort dem Zufall überlassen wird. [Klett Cotta, 184 S.]

tumblr_ogbnf87y5w1snbv2io2_1280MICHAELA MARIA MÜLLER – AUF SEE. DIE GESCHICHTE VON AYAN UND SAMIR
Die Journalistin schreibt über ein somalisches Paar, das vom Bürgerkrieg getrennt wird. Auf See ist ein gut recherchierter Hybrid aus Reportage und Erzählung über die täglichen Tragödien vor der Küste Lampedusas. Trotz seines Themas ist das Buch weder belehrend noch rührselig, sondern gleichermaßen nüchtern wie emphatisch – und eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Meldung die Geschichte eines Menschen steckt.
[Frohmann, 144 S.]

]trash[pool #7 ist da!

trashpool-hefteIch liebe es, wenn ein Plan funktioniert: Heute kamen – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – die ersten Hefte der neuen ]trash[pool an! Im Magazinporträt bei Logbuch Suhrkamp sagte ich, dass sich die Textzusammenstellung einer stimmigen, runden Ausgabe für mich durch Vielfalt und Kontraste auszeichnet: Wir wollen keine Single-Compilations, sondern Alben. Ich glaube, das ist uns diesmal besonders gut gelungen. Lieblingstexte habe ich viele – hervorheben möchte ich deshalb nur unsere Gastrezensentin Sophie Weigand von Literaturen, die für uns exklusiv Tilman Rammstedts Morgen mehr bespricht.

Außerdem findet ihr in ]trash[pool #7 Beiträge von Kerstin Becker, Anna Fedorova, Steffen Greiner, Marcus Hammerschmitt, Carla Hegerl, Sven Heuchert, Matthias Kaiser, Thomas Lässing, Yannick Lengkeek, Luca Lienemann, Andrea Mittag, Bernard Moussian, Tobias Pagel, Martin Piekar, Tina Pokern, Simon Priesching, Elena Schilling, Stefanie Schleemilch, Frank Schliedermann, Klaus F. Schneider, Jan Snela, Katja Thomas, Stephan Turowski, Florian Wacker, Achim Wagner sowie Collagen von Knut van Brijs. Im redaktionellen Teil erwartet euch neben Sophie Weigands Rezension mein Interview mit Matthias Hirth über Lutra Lutra.

Ausgabe 7 von ]trash[pool ist ab nächster Woche lieferbar, vorbestellen könnt ihr sie aber schon jetzt (z.B. über redaktion@trashpool.net oder mich). Das dauert euch zu lange? Dann kommt auf der Frankfurter Buchmesse am Stand unseres Partners duotincta vorbei (Halle 3.1 J19) – oder sprecht mich einfach persönlich an, wenn ihr mir auf der Messe über den Weg lauft!

Durch die Tage fetzen, irrlichtern. Über „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle.

dieweltimruckenIch sagen: In der Literaturkritik darf das nur der Blogger. Und beim Deutschen Buchpreis eigentlich niemand. Thomas Melle sagt Ich und steht trotzdem auf der diesjährigen Shortlist – und zwar zurecht. Die Welt im Rücken ist kein Roman, sondern die autobiographische Chronik einer Erkrankung, in der eben jenes Ich auf dem Spiel steht. Seit dem Ausbruch einer bipolaren Störung mit 24 ist Thomas Melles Leben ein Narrativ mit unzuverlässigem Erzähler, der ihn abwechselnd in Wahnvorstellungen und Depressionen stürzt. Aus medizinischer Sicht ist das Ich ein fiktives Konstrukt, eine Illusion, der wir uns bedienen, um unser Leben als fortdauernde Erzählung zu begreifen und uns mit unserem Blick auf die Welt, unseren Gedanken und Wünschen von anderen abzugrenzen. Als Manisch-Depressiver kämpft Thomas Melle dagegen bald sein halbes Leben gegen die Auflösung seiner eigenen Persönlichkeit an. Es ist ein Kampf gegen den Feind in seinem Kopf.

Ein unzuverlässiger Erzähler

Viele Autoren schreiben mal mehr, mal weniger kryptisch über sich selbst. Auseinandergenommen und neu zusammengesetzt dient Autobiographisches nicht selten als Baumaterial für Figuren und Plots. Ich etwa antworte auf die unvermeidliche Frage nach dem Ich in meinen Texten gerne, die Charaktere seien zwar nie Übertragungen, immer aber Ableitungen meiner Selbst: Sie nehmen an einem mir vertrauten Punkt einfach eine andere Abzweigung. So ähnlich schrieb bislang auch Thomas Melle. Die Figuren in seinen fiktionalen Texten hatten oft einen starken Bezug zu ihm und seiner Erkrankung; auch seine Erzählungen, zum Teil im Wahn entstanden, spiegeln das Zerfasern seines Egos. Die Fiktion hat vor dem realen Leben keinen Halt gemacht: Um in diesem Buch also Ich sagen zu können, musste Melle erst die Scherben seiner zersplitterten Persönlichkeit aufkehren und neu zusammensetzen.

Die wiederkehrende Auflösung seines Ichs zeigt sich gleich zu Beginn des Buches in einem starken Bild: Thomas Melle betrauert den Verlust seiner Bibliothek, deren Bücher er genau wie seine Musiksammlung verscherbelt hat. Es ist der Verlust von allem, was ihn früher einmal ausmachte – und symptomatisch für die manischen Phasen, in denen Melle Raubbau an seinem Leben und seiner Zukunft betrieb. Es ist immer wieder dasselbe: Nach Jahren scheinbarer Stabilität kippt seine Wahrnehmung unvermittelt und binnen kurzer Zeit ins Extreme – ein plötzlicher Bruch in seinem persönlichen Narrativ, der wie ein Strömungsabriss beim Fliegen automatisch zum Absturz führt.

Die Weltgeschichte: ein Narrativ mit Hauptfigur

„In manischen Phasen rast die Zeit. Jeder Tag fetzt an einem vorbei, nein, man fetzt vielmehr durch die Tage hindurch. Die Eindrücke sind zahllos, die Reize grell, die Schlafeinheiten kurz. Man lebt in der Überzeugung, jeglichen und alles in seinen Bahn ziehen zu können, ist bis in die letzte Nervenfaser von Kraft, Können, Allmacht, Glück und dann wieder von Panik, Wut und Schuld durchdrungen.“

Thomas Melle hat Wahnvorstellungen. Er ist davon überzeugt, auserwählt zu sein, ein Messias, auf den sich alle Zeichen der Welt beziehen. Ganz gleich, ob Song, Film oder Leuchtreklame: Alles zielt auf ihn ab. Es gibt niemanden, der nicht von ihm weiß, schon Goethe nahm Melles Rolle in der Weltgeschichte vorweg. Das Internet? Dreht sich nur um ihn. Seine Texte, auch die unveröffentlichten? Hat jeder gelesen, sogar der Bundeskanzler. Der elfte September? Allein seine Schuld. Melle spürt Druck: Man erwartet Großes von ihm. Kein Wunder, dass ihn alle beobachten! In seiner Vorstellung verwandelt sich die gesamte Menschheitsgeschichte in ein Narrativ mit ihm als Protagonisten. Seine Wahrnehmung speist sich aus immer abstruseren Verschwörungstheorien, die Welt verwandelt sich in ein Zeichensystem, das ausschließlich auf ihn verweist.

Während seiner psychotischen Schübe „fetzt“ Melle irrlichternd durch Tage, Wochen, Monate und reißt dabei eine Schneise der Zerstörung in sein Leben. Er verursacht mehrfach Eklats, verliert Freunde, Wohnungen und Geld, landet immer wieder in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Irgendwann weicht die Manie dann wieder der Depression, und das Begreifen des vorangegangenen Wahns führt zu einer tiefen Scham, die genauso schwer auf seinen Schultern lastet wie die Vorstellung, der Erlöser der Welt zu sein. In seinen dunkelsten Stunden glaubt Thomas Melle schließlich, dass ihm selbst Erlösung nur durch Suizid möglich ist.

Ein Backup des Ichs

Schon wieder so ein Bekenntnisroman, mag nun mancher denken. Auch Benjamin von Stuckrad-Barre hat dieses Jahr schon von seinem jahrelangen Absturz in Kokainsucht und Bulimie erzählt und mit „Panikherz“ ein so erschütterndes wie schonungsloses Buch veröffentlicht. Aber ich gebe Tobias Nazemi auf Buchrevier Recht: Thomas Melle hat einfach das bessere Buch geschrieben. Panikherz hat grandiose Passagen, aber es strotzt bei aller Selbstzerfleischung zugleich vor Eitelkeit und Narzissmus. Thomas Melle dagegen ist dankbar, dass er sein Ego trotz seiner Krankheit irgendwie zusammenhalten konnte. Im Gegensatz zu Panikherz – und auch angesichts des Themas – ist Die Welt im Rücken überraschend fokussiert. Melle hat nicht eine Seite zu viel geschrieben. Nie weckt er die Ungeduld seiner Leser, indem er selbstverliebten Handlungssträngen Raum lässt oder der Versuchung unnötigen Namedroppings nachgibt. Seine temporeiche, immer treffsichere Prosa „fetzt“ stattdessen nur so durch die Seiten und erzeugt einen Sog, der bis zur letzten Seite anhält.

Dass Thomas Melle über seine bipolare Störung schreibt, ist sicher ein Stück weit Aufklärungsarbeit. Aber er tut es auch, um das, was von ihm geblieben ist, zu bewahren. Denn trotz seiner Medikamente, trotz aller Hoffnung auf einen Neuanfang ist Melle nicht geheilt: Eine manische Episode könnte sein Ich jederzeit erneut in Fetzen reißen und alles in Frage stellen. Am Schluss bittet er deshalb darum, ihm in diesem Fall sein eigenes Buch in die Hand zu drücken. Die Welt im Rücken ist ein Backup seiner Persönlichkeit, eine Sicherheitskopie des eigenen Narrativs. Ein Buch wie eine externe Festplatte, die – anders als seine Psyche – vor Erschütterungen geschützt ist. Zugleich will Thomas Melle diesen Teil seines Lebens endlich hinter sich lassen und sich selbst und seine Krankheit ein für allemal auserzählen – um dann neu anfangen zu können. Ein leeres Blatt, ganz ohne die Last seiner Kranken-, geschweige denn der Menschheitsgeschichte. Es ist ihm zu wünschen. Genau wie der Deutsche Buchpreis.


Thomas Melle: Die Welt im Rücken. 352 Seiten, erschienen bei Rowohlt. ISBN: 978-3871341700. Äußerst gelungene und sehr begeisterte Rezensionen zum Buch finden sich auch bei Buchrevier und auf Literaturen.